Skip to main content

Full text of "Untersuchung über das Wesen und die Ursachen des Volkswohlstandes"

See other formats


Digitized by the Internet Archive 

in 2010 with funding from 

University of Toronto 



http://www.archive.org/details/untersuchungbe1v2smit 



Bibliothek 



der 



Volkswirtschaftslehre 



und 



Gesellschaftswissenschaft. 

Begründet von F. Stöpel. 

Fortgeführt 
von 

Robert Prager. 
III. 



BERLIN 

VERLAG VON R. L. PRAGER 

1905. 




Adam Smith 

Untersuchung 

über 

das Wesen und die Ursachen 

des 

Volkswohlstandes. 

Aus dem Englischen übertragen 

von 

F. Stöpel. 



Zweite Auflage durchgesehen und verbessert 

von 

Robert Prager. 

Erster Band. — X' BK' 



BERLIN 

VERLAG VON R. L. PRAGER 

1905. 



HB, 




A.dam Smith, geb. am 5. Juni 1723 zu Kirkaldy in Schott- 
land, gest. zu Edinburg im Jahre 1790, kam vierzehnjährig auf 
die Universität Glasgow, drei Jalu-e später nach Oxford. Seine 
Mutter — der Vater war schon vor der Geburt Adams gestorben 
— hatte ihn zum Geistlichen bestimmt, doch beschäftigte er sich 
bereits auf der Universität mit ganz anderen als theologischen 
Studien und kehlte nach siebenjährigem Aufenthalt in Oxford 
1747 nach Schottland zurück, um lediglich den Wissenschaften 
zu leben. 17-48 wandte er sich nach Edinburg und hielt dort 
einige Jahre hindurch Vorlesungen über Rhetorik und schöne 
Wissenschaften. Hier wurde er mit Hume, dessen philosophische 
und ökonomische Werke großen Einfluß auf ihn übten, per- 
sönlich bekannt. 1751 wurde er Professor der Logik, 1752 Pro- 
fessor der Moralphilosophie in Glasgow. 1759 erschien seine 
„Theoi'ie der sittlichen Empfindungen", worin er nachzuweisen 
sucht, daß alle Moral ihre Grundlage in der Sympathie habe. 
Einige Jahre später legte er seine Professur nieder, um den 
jungen Herzog von Buccleugh auf Reisen zu begleiten (1764 — 66). 
Nach längerem Aufenthalt im südlichen Frankreich verweilte er 
mit seinem. Zögling von Weihnachten 1765 bis zum Oktober 1766 
in Paris, wo er mit Tui-got, Quesnay, Necker und anderen aus- 
gezeichneten Männern bekannt wurde. Nach der Rückkehr in 
sein Vaterland ging Smith wieder nach Kirkaldy, wo er die 
nächsten zehn Jahre lediglich mit Ausarbeitung seines epoche- 
machenden Werkes über den Volkswohlstand beschäftigt war. 
Dieses Werk erschien im Jahi-e 1776. Einige Jahre darauf erhielt 
er auf Verwendung des Herzogs von Buccleugh die Stellung 
eines Zollkommissärs für Schottland, und lebte als solcher in 
Edinburg, ohne für die Wissenschaft noch Erhebliches zu leisten. 
Einige kleinere Abhandlungen wurden nach seinem Tode ver- 
öffentlicht ; den größten Teil seiner Handschriften aber ver- 
brannte Smith einige Tage vor seinem Tode selbst. — Die erste 



VI 

Ausgabe des „Volkswohlstandes" wurde Ende des Jahres 1775 
und anfangs des folgenden Jahres gedruckt. So oft daher vom 
„gegenwärtigen" Zustande der Dinge die Rede ist, hat man 
diese oder eine etwas frühere Zeit darunter zu verstehen. In 
der dritten Ausgabe sind verschiedene Zusätze gemacht, nament- 
lich zu dem Kapitel über Rückzölle und Ausfuhrprämien ; ferner 
ist ein neues Kapitel „über das Merkantilsystem" und zum 
Kapitel „über die Staatsausgaben" ein neuer Abschnitt hinzu- 
gekommen. So oft in diesen Zusätzen von dem „gegenwärtigen" 
Zustande der Dinge gesprochen wird, ist das Jahr 1783 und der 
Anfang; des Jahres 1781 darunter zu verstehen. 



Inhalt des ersten Bandes. 

Seite 
Einleitung- und Plan des Werks 1 

Erstes Buch. 

Von den Ursachen der Zunahme in der Ertragskraft der 
Arbeit und von den Regeln, nach welchen ihr Ertrag 
sich naturgemäß unter die verschiedenen Volksklassen 
verteilt. 

Erstes Kapitel. 

Teilung der Arbeit 6 

Zweites Kapitel. 

Über den Trieb, der die 'l'eilung der Arbeit veranlaßt . . 18 

Drittes Kapitel. 

Die Teilung der Arbeit hat ihre Schranken an der Aus- 
dehnung des Marktes 24 

Viertes Kapitel. 
Vom Ursprung und Gebrauch des Geldes 31 

Fünftes Kapitel. 

Vom wahren und nominellen Preise der Waren oder von 

ihi'em Preise in Arbeit und ihrem Preise in Geld . . 41 

Sechstes Kapitel. 

Die Bestandteile des Warenpreises 65 

Siebentes Kapitel. 

Der natürliche Preis und der Marktpreis der Waren ... 76 
Achtes Kapitel. 

Der Arbeitslohn 89 

Neuntes Kapitel. 
Der Kapitalgewinn 122 

Zehntes Kapitel. 

Lohn und Gewinn in den verschiedenen Verwendungen der 

Arbeit und des Kapitals 137 

Erste Abteilung. 

Verschiedenheiten, die aus der Natur der Verwendungen 

selbst entspringen 138 



VIII 

Zweite Abteilung. Seite 
Ungleichheiten, welche durch die europäische Wirtschafts- 
politik veranlaßt sind 165 

Elftes Kapitel. 

Die Grundrente , 201 

Erste Abteilung. 
Bodenerzeugnisse, die immer eine Rente abwerfen . . . 20-1 

Zweite Abteilung. 
Bodenerzeugnisse, die zuweilen Rente geben, zuweilen nicht 225 

Dritte Abteilung. 
Die Vei"änderungen in dem Verhältnis zwischen dem Werte 
derjenigen Art von Produkten, welche immer eine Rente 
bringen, und dem Werte derer, die zuweilen eine Rente 

gewähren und zuweilen keine 245 

Abschweifung, über die Schwankungen des Silberwertes 
während der letzten vier Jahrhunderte. 

Erste Periode 247 

Zweite Periode 266 

Dritte Periode 268 

Veränderungen in dem Wertverhältnis zwischen Gold und 

Silber 291 

Gründe für die Vermutung, daß der Wert des Silbers noch 

immer sinkt 298 

Verschiedene Wirkungen des Fortschritts der Kultur auf 

drei verschiedene Arten von Rohprodukten .... 299 

Erste Art 300 

Zweite Art , ... 302 

Dritte Art 316 

Ergebnis der Abschweifung über die Wertveränderungen 

des Silbers 328 

Wirkungen der Kulturfortschritte auf den Sachpreis der 

Industrieerzeugnisse 336 

Schluß des Kapitels 342 

Die Weizenpreise in England nach Fleetwood 347 



Untersuchung 

über 

das Wesen und die Ursachen 

des 

Volkswohlstandes. 



Einleitung und Plan des Werkes. 

Die jährliche Arbeit eines jeden Volkes ist der 
Fonds, welcher es ursprünglich mit allen Bedürf- 
nissen und Annehmlichkeiten des Lebens versorgt, die 
es jährlich verbraucht, und die immer entweder in 
dem unmittelbaren Erzeugnis dieser Arbeit oder in 
demjenigen bestehen, was für dieses Erzeugnis von 
anderen Völkern gekauft wird. 

Je nachdem daher dieses Erzeugnis, oder das, was 
mit ihm gekauft wird, in einem größeren oder kleineren 
Verhältnis zu der Zahl derjenigen steht, welche es 
verbrauchen wollen, wird auch das Volk mit allen Be- 
dürfnissen und Annehmlichkeiten besser oder schlechter 
versorgt sein. 

Adam Smitti, Volkswohistaad. I. 1 



2 Einleitung. 

Dieses Verhältnis muß aber bei jedem Volke durch 
zwei verschiedene Umstände bestimmt werden; erstens 
durch die Geschicklichkeit, Fertigkeit und Einsicht, mit 
der seine Arbeit im Allgemeinen verrichtet wird; und 
zweitens durch das Verhältnis zwischen der Anzahl 
derer, die einer nützlichen Arbeit obliegen und derer, 
die dies nicht tun. Wie auch immer der Boden, 
das Klima oder der Gebietsumfang eines bestimmten 
Volkes beschaffen sein mag, der Überfluß oder die 
Unzulänglichkeit seines jährlichen Vorrats muß in 
dieser bestimmten Lage von jenen beiden Umständen 
abhängen . 

Der Überfluß oder die Unzulänglichkeit dieses 
Vorrats scheint übrigens mehr von dem ersten Um- 
stände abzuhängen, als von dem zweiten. Unter den 
wilden Fischer- und Jägervülkern ist jedes arbeits- 
fähige Individuum mehr oder weniger mit nützlicher 
Ai'beit beschäftigt und sucht nach Kräften die Bedürf- 
nisse und Annehmlichkeiten des Lebens für sich selbst 
oder für solche Glieder seiner Familie oder seines Stam- 
mes herbeizuschaffen, die zu alt, zu jung oderzu schwach 
sind, um auf die Jagd und den Fischfang auszugehen. 
Solche Völkerschaften sind jedoch so jämmerlich arm, 
daß sie aus bloßem Mangel häufig gezwungen sind oder 
sich wenigstens für gezwungen halten, ihre Kinder, 
ihre Alten und die mit langwierigen Krankheiten Be- 
hafteten entweder umzubringen oder auszusetzen und 
dem Hungertode oder den wilden Tieren preiszugeben. 
Unter gesitteten und blühenden Völkern hingegen ist, 
obwohl oft eine große Menge Menschen gar nicht ai-- 
beiten und viele von ihnen das Produkt von zehn, ja 
hundert Mal mehr Arbeit verbrauchen, als der größere 
Teil der Arbeitenden, dennoch das Produkt der gesam- 
ten Arbeit der Gesellschaft so groß, daß Alle oft reich- 
lich versorgt sind und ein Arbeiter, selbst der niedrig- 



Einleitung. 3 

sten und ärmsten Klasse, wenn er mäßig und fleißig 
ist, sich eines größeren Anteils an den Bedürfnissen 
und den Annehmlichkeiten des Lebens erfreuen kann, 
als ein Wilder sich je zu verschaffen imstande wäre. 

Die Ursache dieser Zunahme in den produktiven 
Kräften der Arbeit und die Ordnung, nach welcher ihr 
Erzeugnis sich naturgemäß unter die verschiedenen 
Stände und Klassen der Gesellschaft verteilt, macht den 
Gegenstand des ersten Buches dieser Untersuchung aus. 

"Welches auch der wirkliche Zustand der Geschick- 
lichkeit, Fertigkeit und Einsicht ist, womit die Arbeit 
in einem Volke verrichtet wird, der Überfluß oder die 
Unzulänglichkeit seines jährlichen Vorrats muß wäh- 
rend der Dauer dieses Zustandes von dem Verhältnisse 
abhängen, in welchem die Zahl derer, die das Jahr hin- 
durch mit nützlicher Arbeit beschäftigt sind, zur Zahl 
derjenigen steht, welche es nicht sind. Die Zahl der 
nützlichen und produktiven Arbeiter steht, wie sich 
später zeigen wird, überall im Verhältnis zu der Menge 
des Kapitalvorrats, welcher dazu verwendet wird, sie zu 
beschäftigen, und zu der besondern Art, in welcher es 
dazu verwendet wird. Das zweite Buch handelt daher 
von der Natur des Kapitals, von der Art, wie es sich 
allmählich anhäuft, und von den verschiedenen Mengen 
der Arbeit, welche es je nach der verschiedenen Weise 
seiner Anwendung in Bewegung setzt. 

Völker, die es in der Geschicklichkeit, Fertigkeit 
und Einsicht bei Verrichtung der Arbeit ziemlich weit 
gebracht haben, folgten sehr verschiedenen Plänen in 
ihrer allgemeinen Leitung oder Richtung; und diese 
Pläne sind nicht alle der Größe des Arbeitserzeug- 
nisses gleich günstig gewesen. Die Politik mancher 
Völker begünstigte vorzüglich den Ackerbau, die ande- 
rer den städtischen Gewerbfleiß. Kaum irgend ein Volk 
hat jede Art des Gewerbfleißes gleich und unparteiisch 



4 Einleitung. 

behandelt. Seit dem Untergang des römischen Reiches 
ist die Politik in Europa den Künsten, den Gewerben 
und dem Handel — der Industrie der Städte — günsti- 
ger gewesen, als der Agrikultur — der Industrie des 
platten Landes. Die Umstände, welche diese Politik 
eingeführt und befestigt zu haben scheinen, sind im 
dritten Bache auseinander gesetzt. 

Obgleich diese verschiedenen Pläne vielleicht zuerst 
durch die privaten Interessen und Vorurteile einzelner 
Stände, ohne Rücksicht und Voraussicht der Folgen, 
welche sie für die allgemeine Wohlfahrt der Gesellschaft 
haben mußten, zur Geltung kamen, so haben sie doch 
zu sehr verschiedenen Theorien der politischen Ökono- 
mie, von denen die einen die Wichtigkeit der städtischen, 
die anderen die der ländlichen Industrie preisen, Ver- 
anlassung gegeben. Diese Theorien haben nicht bloß 
auf die Meinungen der Gelehrten, sondern auch auf die 
Maßregeln der Fürsten und Staaten einen beträchtlichen 
Einfluß geübt. Ich habe mich im vierten Buche be- 
müht, diese verschiedenen Theorien und die hauptsäch- 
lichsten Wirkungen, die sie in verschiedenen Zeiten und 
bei verschiedenen Nationen geäuiiert haben, so voll- 
ständig und klar, als ich es vermag, auseinanderzusetzen. 

Zu erörtern, worin das Einkommen der großen 
Masse des Volkes, oder jene Fonds bestanden, welche zu 
verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen Völkern 
ihnen den jährlichen Bedarf lieferten, ist der Gegenstand 
der vier ersten Bücher. Das fünfte und letzte Buch 
handelt von dem Einkommen des Souveräns oder des 
Gemeinwesens. In diesem Buche habe ich mich bemüht, 
zu zeigen, erstens, welches die notwendigen Ausgaben 
des Souveräns oder Gemeinwesens sind; welche dieser 
Ausgaben durch allgemeine Beisteuern der ganzen Ge- 
sellschaft bestritten, und welche nur von einem einzel- 
nen Teile oder von einigen ihrer Glieder getragen 



Einleitun.o-. 5 

werden sollten; zweitens, nach welchen verschiedenen 
Methoden die ganze Gesellschaft zur Bestreitung der 
ihr obliegenden Ausgaben herangezogen werden kann, 
und welche hauptsächlichen Vorteile und Nachteile jede 
dieser Methoden hat; drittens endlich, welche Gründe 
und Ursachen fast alle neueren Regierungen veranlaßt 
haben, einen Teil dieses Einkommens zu verpfänden 
oder Schulden zu kontrahieren, und welche Wirkung 
diese Schulden auf den wahren Wohlstand: den jähr- 
lichen Ertrag des Bodens und der Arbeit der Gesell- 
schaft, gehabt haben. 



Erstes Buch. 

Von den Ursachen der Zunahme in der Ertrags- 
kraft der Arbeit und von den Regeln, nach 
welchen ihr Ertrag sich naturgemäss unter die 
verschiedenen Volksklassen verteilt. 



Erstes Kapitel. 
Teilung der Arbeit. 

Die größte Zunahme in der Ertragskraft der 
Arbeit und der größere Teil der Geschicklichkeit, 
Fertigkeit und Einsicht, womit sie irgendwo geleitet 
oder verrichtet wird, scheint aus den Wirkungen der 
Arbeitsteilung hervorgegangen zu sein. 

Die Wirkungen der Arbeitsteilung in der allge« 
meinen Tätigkeit der Gesellschaft werden leichter zu 
verstehen sein, wenn man beachtet, in welcher Weise 
sie in einigen besonderen Gewerben wirkt. Man nimmt 
gewöhnlich an, daß sie in gewissen sehr unbedeutenden 
Gewerben am weitesten getrieben sei; und vielleicht 
wird sie in diesen wirklich weiter getrieben, als in anderen 
von größerem Belang; aber in den unbedeutenderen Ge- 
werben, welche die wenig umfangreichen Bedürfnisse 
einer nur geringen Menschenzahl zu versorgen haben, 
muß die Zahl der Arbeiter notwendig gering sein; und 
die in den verschiedenen Zweigen der Arbeit Be- 
schäftigten können oft in derselben Werkstatt bei- 



Kap. 1. : Teilung der Arbeit. 7 

sammen sein und sämtlich von einem Beobachter mit 
einem BHck übersehen werden. In den großen Fabriken 
dagegen, welche die wichtigsten Bedürfnisse des ganzen 
Volks zu beschaffen haben, beschäftigt jeder einzelne 
Arbeitszweig eine so große Zahl von Arbeitern, daß 
es unmöglich ist, sie alle in derselben Werkstatt zu 
versammeln. Man sieht da selten zu gleicher Zeit 
mehr als diejenigen, welche in einem einzelnen Zweige 
tätig sind. Obgleich daher in solchen Fabriken die 
Arbeit in der Tat in viel mehr Abteilungen zerfallen 
kann, als in Gewerben geringfügigerer Art, so ist die 
Teilung doch nicht entfernt so augenfällig und deshalb 
auch weit weniger beobachtet worden. 

Nehmen wir also ein Beispiel von einem sehr unbe- 
deutenden Betriebe, der jedoch sehr oft wegen der 
darin herrschenden Teilung der Arbeit angeführt wor- 
den, nämlich von dem Geschäfte des Nadlers, so könnte 
ein für dieses Geschäft, aus dem die Teilung der Arbeit 
ein eigenes Gewerbe gemacht hat, nicht angelernter 
Arbeiter, der mit dem Gebrauch der dazu verwendeten 
Maschinen, zu deren Erfindung wahrscheinlich erst die 
Teilung der Arbeit Veranlassung gegeben hat, nicht 
vertraut wäre, vielleicht mit dem äußersten Fleiße täg- 
lich kaum eine, gewiß aber keine zwanzig Nadeln 
machen. In der Art aber, wie dies Geschäft jetzt be- 
trieben wird, ist nicht allein die ganze Verrichtung ein 
eigenes Gewerbe, sondern es ist noch in eine Anzahl 
von Zweigen eingeteilt, von denen die meisten ebenfalls 
eigene Gewerbe sind. Ein Mann zieht den Draht, ein 
Anderer streckt ihn, ein Dritter schneidet ihn in Stücke, 
ein Vierter spitzt ihn zu, ein Fünfter schleift ihn am 
oberen Ende, wo der Kopf angesetzt wird ; die Ver- 
fertigung des Kopfes erfordert zwei oder drei ver- 
schiedene Verrichtungen ; sein Ansetzen ist ein eigenes 
Geschäft, die Nadeln weiß zu glühen ein anderes; sogar 



8 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

das Einstecken der Nadeln in Papier bildet eine Arbeit 
für sich. Und so ist das wichtige Gewerbe, Stecknadeln 
zu machen, in ungefähr achtzehn verschiedene Tätig- 
keiten geteilt, die in manchen Fabriken alle von ver- 
schiedenen Händen verrichtet werden, während in 
andern manchmal derselbe Mann zwei oder drei ver- 
richtet. Ich habe eine kleine Fabrik dieser Art ge- 
sehen, in der nur zehn Menschen beschäftigt waren 
und manche daher zwei oder drei verschiedene Verrich- 
tungen zu erfüllen hatten. Obgleich nun diese Leute 
sehr arm und darum nur notdürftig mit den erforder- 
lichen Maschinen versehen waren, so konnten sie doch, 
wenn sie tüchtig arbeiteten, zusammen etwa zwölf 
Pfund Stecknadeln täglich liefern. Ein Pfund enthält 
über viertausend Nadeln von mittlerer Größe. Jene 
zehn Personen konnten mithin zusammen täglich über 
acht und vierzig Tausend Nadeln machen. Jeder Ein- 
zelne kann daher, da er den zehnten Teil von acht 
und vierzig Tausend Nadeln machte, als Verfertiger 
von vier Tausend acht Hundert Nadeln an einem Tage 
angesehen werden. Hätten sie jedoch alle einzeln 
und unabhängig von einander gearbeitet und wäre 
keiner für sein besonderes Geschäft angelernt worden, 
so hätte gewiß keiner zwanzig, vielleicht nicht Eine 
Nadel täglich machen können, d. h. nicht den zwei- 
hundertvierzigsten, vielleicht nicht den viertausend 
achthundertsten Teil von dem, was sie jetzt infolge 
einer geeigneten Teilung und Verbindung ihrer ver- 
schiedenen Verrichtungen zu leisten imstande sind. 

In jeder andern Kunst und jedem anderen Ge- 
werbe sind die Wirkungen der Arbeitsteilung ähnliche, 
wie in diesem sehr unbedeutenden Geschäft; obgleich 
in vielen von ihnen die Arbeit weder in so viele Unter- 
abteilungen zerlegt, noch auf eine so große Einfachheit 
in der Verrichtung zurückgeführt werden kann, so ver- 



Kap. I.: Teilung der x\rbeit. y 

anlaßt doch die Arbeitsteilung in jedem Grewerbe eine 
dem Maße ihrer Durchführbarkeit entsprechende Steige- 
rung der Ertragskraft der Arbeit. Die Trennung der 
verschiedenen Gewerbe und Beschäftigungen scheint in- 
folge dieses Vorteils Platz gegriffen zu liaben. Auch 
geht diese Trennung gewöhnlich in denjenigen Ländern 
am weitesten, welche sich der höchsten Entwickelung 
der Industrie und Kultur erfreuen; was in einem rohen 
Gesellschaftszustande das Werk eines einzigen Menschen 
ist, pflegt in einem vorgeschrittenen dasjenige Mehrerer 
zu sein. In jeder vorgeschrittenen Gesellschaft ist der 
Landmann gewöhnlich nichts als Landmann, der Hand- 
werker nichts als Handwerker. Auch die Arbeit, die 
zur Herstellung irgend eines vollständigen Fabrikats 
nötig ist, wird fast immer unter eine Menge von Hän- 
den verteilt. Wie viele verschiedene Gewerbe sind in 
•jedem Zweige der Leinen- und Wollen-Manufaktur be- 
schäftigt, von den Flachs- und Wollzüchtern bis zu den 
Bleichern und Mangern der Leinwand oder zu den 
Färbern und Appreteuren des Tuches ! Die Natur der 
Landwirtschaft läßt nicht so viele Unterabteilungen 
der Arbeit noch eine so vollständige Trennung eines 
Geschäftes vom andern zu, als die Gewerbe. Es ist 
unmöglich, das Geschäft des Viehzüchters von dem des 
Kornbauers so gänzlich zu trennen, wie das Gewerbe 
des Zimmermanns von dem des Schmiedes gewöhnlich 
getrennt ist. Der Spinner ist fast immer eine vom 
Weber verschiedene Person ; aber der Pflüger, der Egger, 
der Sämann und der Schnitter sind oft ein und dieselbe. 
Da die Anlässe zu diesen verschiedenen Arten der Arbeit 
mit den verschiedenen Jahreszeiten wiederkehren, so 
ist es unmöglich, daß ein Mann fortwährend mit einer 
von ihnen beschäftigt sein kann. Diese Unmöglichkeit 
einer so gänzlichen Trennung aller in der Landwirtschaft 
vorkommenden Arbeitszwoige ist vielleicht der Grund, 



10 Erstes Buch: Zunahme in der Eitragskraft der Arbeit. 

warum die Steigerung der Erfcragskräfte der Arbeit in 
dieser Kunst nicht immer mit ihrer Steigerung in den 
Gewerben gleichen Schritt hält. Die reichsten Nationen 
übertreffen allerdings gewöhnlich alle ihre Nachbarn 
sowohl in der Landwirtschaft wie in den Gewerben; 
allein sie sind in der Regel mehr durch ihre Übeilegen- 
heit in den letzteren, als in der ersteren ausgezeichnet. 
Ihre Ländereien sind im allgemeinen besser kultiviert 
und bringen, da mehr Arbeit und Kosten darauf ver- 
wendet sind, im Verhältniß zur Ausdehnung und natür- 
lichen Fruchtbarkeit des Bodens mehr hervor. Aber 
diese Überlegenheit der Produktion ist selten größer 
als der verhältnismäßige Mehraufwand an Arbeit und 
Kosten. In der Landwirtschaft ist die Arbeit des reichen 
Landes nicht immer viel produktiver, als die des armen, 
oder wenigstens ist sie niemals in dem Grade produk- 
tiver, als dies gewöhnlich bei den Gewerben der Fall 
ist. Das Getreide des reichen Landes wird daher bei 
derselben Güte nicht immer wohlfeiler zu Markte 
kommen als das des armen. Das Getreide Polens ist 
bei derselben Güte ebenso wohlfeil, als dasjenige Frank- 
reichs, trotz des höheren Reichtums und der höheren 
Kultur letzteren Landes. Das Getreide Frankreichs 
ist in den Kornprovinzen ebenso gut und hat in den 
meisten Jahren beinahe denselben Preis, wie das Ge- 
treide Englands, obgleich Frankreich an Reichtum und 
Kultur vielleicht gegen England zurücksteht. Dennoch 
ist das englische Getreideland besser kultiviert, als 
dasjenige Frankreichs, und das französische soll viel 
besser kultiviert sein, als dasjenige Polens. Obgleich 
aber das arme Land, trotz des niederen Standes seiner 
Kultur, mit dem reichen bis auf einen gewissen Grad 
in der "Wohlfeilheit und Güte seines Getreides zu wett- 
eifern vermag, so kann es doch in seinen Gewerben 
auf keine solche Konkurrenz Anspruch machen, wenig- 



Kap. I.: Teilung der Arbeit. 11 

stens dann nicht, wenn diese Gewerbe dem Boden, dem 
Klima und der Lage des reichen Landes angemessen 
sind. Die französischen Seidenwaren sind besser als 
die englischen, weil die Seidenmanufaktur, wenigstens 
unter den jetzigen hohen Zöllen auf die Einfuhr der 
Rohseide, für das englische Klima nicht so gut paßt 
als für das französische. Aber die englischen Kurz- 
und groben "Wollenwaren sind ohne allen Vergleich 
besser als die französischen, und überdies bei gleicher 
Güte viel ^vohlfeiler. In Polen soll es kaum irgend 
welche Gewerbe geben, ausgenommen wenige gröbere 
Hausindustrien, ohne die wohl kein Land bestehen kann. 

Diese große Zunahme in der Produktionsmenge, 
welche in Folge der Arbeitsteilung die nämliche An- 
zahl von Leuten zu erzielen vermag, ist drei verschie- 
denen Umständen zu danken: erstens der gesteigerten 
Geschicklichkeit jedes einzelnen Arbeiters, zweitens der 
Ersparnis an Zeit, welche gewöhnlich bei dem Über- 
gänge von einer Arbeit zur andern verloren geht, und 
endlich der Erfindung zahlreicher Maschinen, welche 
die Arbeit erleichtern und abkürzen und einen Mann 
in Stand setzen, die Arbeit Vieler zu verrichten. 

Erstens vergrößert die gesteigerte Geschicklichkeit 
des Arbeiters notwendig die Menge dessen, was er 
hervorbringen kann ; und die Arbeitsteilung, indem sie 
Jedermanns Geschäft auf eine einfache Verrichtung 
einschränkt und diese Verrichtung zur alleinigen Be- 
schäftigung seines Lebens macht, steigert notwendig 
die Geschicklichkeit des Arbeiters in hohem Maße. Ein 
gewöhnlicher Schmied, der, wenn er auch den Hammer 
zu führen gewohnt ist, doch niemals Nägel zu machen 
pflegte, wird, wenn er es in einem besonderen Falle 
versuchen muß, sicherlich kaum im Stande sein^ über 
zwei- oder dreihundert Nägel des Tags zu verfertigen, 
und auch diese werden schlecht genug sein. Ein Schmied, 
der zwar Nägel zu machen pflegte, aber die Anfertigung 



12 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

von Nägeln nicht als alleiniges oder hauptsäcliliclies 
Geschäft betrieb, kann bei äußerstem Fleiße selten 
mehr als achthundert bis tausend Nägel in einem Tage 
machen. Dagegen habe ich Burschen unter zwanzig 
Jahren gesehen, die nie etwas anderes getan hatten, 
als Nägel zu machen, und die, wenn sie sich anstrengten, 
je über zweitausend dreihundert Nägel an einem Tage 
machen konnten. Das Verfertigen eines Nagels ist je- 
doch keines weges eine der einfachsten Verrichtungen. 
Ein und derselbe Mensch bläst die Bälge, schürt das 
Feuer oder legt gelegentlich Feuerung zu, glüht das 
Eisen und schmiedet jeden Teil des Nagels: beim 
Schmieden des Kopfes ist er sogar genötigt, die Werk- 
zeuge zu wechseln. Die verschiedenen Operationen, in 
welche die Verfertigung einer Stecknadel oder eines 
Metallknopfes zerfällt, sind sämtlich viel einfacher, und 
die Fertigkeit desjenigen, der sein ganzes Leben kein 
anderes Geschäft als dieses getrieben hat, ist gewöhn- 
lich weit größer. Die Geschwindigkeit, mit welcher 
einige Tätigkeiten dieser Gewerbe verrichtet werden, 
übertrifft Alles, was dei'jenige, der es nie gesehen hat, 
der menschlichen Hand zugetraut haben würde. 

Zweitens ist der Vorteil, welcher durch Ersparung 
der im Übergänge von einer Arbeit zur andern gewöhn- 
lich verlorenen Zeit gewonnen wird, bei w^ eitern größer, 
als wir es uns auf den ersten Blick denken mögen. Es 
ist unmöglich, sehr schnell von einer Art Arbeit zur 
andern überzugehen, wenn sie an einer andern Stelle 
und mit ganz anderen Werkzeugen ausgeführt wird. 
Ein Weber auf dem Lande, der ein kleines Gut be- 
wirtschaftet, muß ein gut Teil Zeit damit verlieren, dal3 
er von seinem Webstuhl aufs Feld und vom Felde zum 
Webstuhl geht. Wenn die beiden Geschäfte in derselben 
Werkstätto betrieben werden könnten, wäre der Zeit- 
verlust ohne Zweifel weit geringer; doch ist er auch in 
diesem Falle sehr beträchtlich. In der ßegel schlendert 



Kap. I.: Teiluns: der Arbeit. 13 

man ein wenig, wenn man seine Hand von einer Art 
der Beschäftigung auf eine andere wendet. Wenn man 
zuerst an die neue Arbeit geht, ist man selten recht 
rührig und herzhaft: der Geist ist, wie man zu sagen 
pflegt, noch nicht bei der Sache, und eine Zeit lang 
trödelt man mehr, als daß man die Zeit zu Rate hält. 
Die Gewohnheit des Schlenderns und des gleichgiltigen, 
lässigen Arbeitens, welche natürlicher oder vielmehr 
notwendiger Weise jeder Dorfhandwerker annimmt, 
der seine Verrichtungen und Werkzeuge alle halben 
Stunden wechseln und jeden Tag seines Lebens seine 
Hände auf zwanzigerlei Art brauchen muß, macht ihn 
fast immer träge und lässig und jedes angestrengten 
Fleißes selbst in den dringendsten Fällen unfähig. Da- 
her muß, abgesehen von seiner mangelhaften Fertigkeit, 
schon dieser Grund allein das Arbeitsquantum, das er 
herzustellen vermag, stets bedeutend reduzieren. 

Drittens und letztens muß Jeder sehen, wie sehr 
die Arbeit durch Anwendung geeigneter Maschinen er- 
leichtert und abgekürzt wird. Es ist unnötig, ein Bei- 
spiel anzuführen. Ich will daher nur bemer-ken, daß 
die Erfindung aller jener Maschinen, durch welche 
die Arbeit so sehr erleichtert und abgekürzt wird, ur- 
spi'ünglich, wie es scheint, der Teilung der Arbeit zu 
verdanken ist. Man entdeckt leichtere und be(|uemere 
Methoden zur Erreichung eines Zweckes viel eher, 
wenn die ganze Aufmerksamkeit auf diesen einzigen 
Gegenstand gerichtet ist, als wenn sie auf eine große 
Mannigfaltigkeit von Dingen zerstreut wird. In Folge 
der Arbeitsteilung aber wird Jedermanns ganze Auf- 
merksamkeit natürlicherweise auf einen sehr einfachen 
Gegenstand gerichtet. Es ist daher selbstverständlich 
zu erwarten, daß Einer oder der Andere unter denen, 
welche je in einem besonderen Arbeitszweige beschäf- 
tigt sind, bald leichtere und bequemere Methoden, ihre 



14 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

besondere Arbeit zu verrichten, wenn anders ihre 
Natur eine solche Vervollkommnung zuläßt, ausfindig 
machen werden. Ein großer Teil der in solchen 
Fabriken, in denen die Arbeit am meisten geteilt ist, 
im Gebrauch befindlichen Maschinen waren ursprüng- 
lich Eifindungen gemeiner Arbeitsleute, die, bei irgend 
einer sehr einfachen Tätigkeit beschäftigt, natürlich 
ihre Gedanken darauf richteten, leichtere und bequemere 
Methoden der Herstellung zu ersinnen. Wer solche 
Fabriken viel zu besuchen pflegte, dem müssen oft 
sehr hübsche Maschinen gezeigt worden sein, die von 
Arbeitern erfunden waren, um ihren besonderen Teil 
der Arbeit zu erleichtern und zu beschleunigen. Bei 
den ersten Dampfmaschinen war ein Knabe fortwährend 
damit beschäftigt, die Kommunikation zwischen dem 
Kessel und Zylinder wechselsweise zu öffnen und zu 
schließen, je nachdem der Kolben hinauf- oder hin- 
unterging. Einer dieser Knaben, der gern mit seinen 
Kameraden spielte, bemerkte, daß, wenn man den 
Griff des diese Kommunikation öffnenden Ventils 
durch eine Schnur mit einem anderen Teil der Ma- 
schine verbände, „ das Ventil sich ohne sein Zutun 
öffnen und schließen und ihm Freiheit lassen würde, 
sich mit seinen Spielkameraden zu unterhalten. Eine 
der größten Vervollkommnungen, die an dieser Ma- 
schine seit ihrer Erfindung gemacht wurden, war auf 
diese Weise die Entdeckung eines Knaben, der sich 
die Arbeit ersparen wollte. 

Doch sind keineswegs alle Vervollkommnungen 
im Maschinenwesen Erfindungen derjenigen gewesen, 
welche sich mit den Maschinen zu beschäftigen hatten. 
Viele Fortschritte sind durch das Genie der Mechaniker 
gemacht worden, als der Maschinenbau ein eigenes Ge- 
werbe wurde; und manche durch das Genie der soge- 
nannten Denkei- oder Männer der Spekulation, deren 



"Kap. T. : Teiluno- der Arbeit. 15 

Geschäft es ist, nicht Etwas zu machen, sondern Alles 
zu beobachten, und die deswegen oft imstande sind, 
die Kräfte der entferntesten und unähnlichsten Dinge 
mit einander zu kombinieren. Mit dem Fortschritt der 
Gesellschaft wird das Denken oder Spekulieren so gut 
wie jede andere Beschäftigung, das hauptsächliche oder 
einzige Geschäft und Beruf einer besonderen Klasse 
von Bürgern, und zerfällt, wie jede andere Beschäfti- 
gung, in eine große Anzahl verschiedener Zweige, 
deren jeder für eine besondere Gruppe oder Klasse von 
Denkern zum Beruf wird; und diese Arbeitsteilung 
steigert im Denkgeschäft so gut, wie in jedem anderen 
Berufe, die Fertigkeit und erspart Zeit. Jeder Einzelne 
wird dadurch in seinem besonderen Arbeitszweige er- 
fahrener, es wird im Ganzen mehr ausgerichtet und 
die Menge des Wissens ansehnlich vermehrt. 

Die große durch die Arbeitsteilung herbeigeführte 
Vervielfältigung der Produkte aller verschiedenen 
Künste ist es, die in einer wohlregierten Gesellschaft 
jene allgemeine AVohlhabenheit hervorbringt, die sich 
bis auf die untersten Stände des Volkes erstreckt. Jeder 
Arbeiter hat eine große Menge seiner Arbeitsprodukte, 
außer denen, die er selbst braucht, zur Verfügung; 
und da jeder andere Arbeiter sich genau in derselben 
Lage befindet, so ist er imstande, einen großen Teil 
seiner eigenen Waren gegen eine große Menge, oder, 
was auf dasselbe hinauskommt, für den Preis einer 
großen Menge der ihrigen auszutauschen. Er versorgt 
sie reichlich mit dem, was sie brauchen, und sie ver- 
sehen ihn ebenso vollkommen mit dem, dessen er be- 
darf, und ein allgemeiner Überfluß verbreitet sich durch 
alle verschiedenen Stände der Gesellschaft. 

Man betrachte die Habseligkeiten des gemeinsten 
Handwerkers oder Tagelöhners in einem zivilisierten 
und blühenden Lande, und man wird gewahr werden, 
daß die Zahl der Menschen, von deren Fleiß ein Teil, 



16 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

wiewohl nur ein kleiner Teil, dazu gebraucht wurde, 
ihm diese Sachen zu verschaffen, alle Berechnung über- 
steigt. Der wollene Rock z. B., der den Tagelöhner 
bekleidet, ist, so grob und gemein er auch aussehen 
mag, doch das Produkt der vereinigten Arbeit einer 
großen Menge von Arbeitern. Der Schäfer, der Woll- 
sortierer, der Wollkämmer oder Krempler, der Färber, 
der Schrobbler, der Spinner, der Weber, der Walker, 
der Appreteur samt vielen anderen, sie Alle müssen 
ihre verschiedenen Künste vereinigen, um auch nur 
dieses grobe Produkt herzustellen. Wie viele Kaufleute 
und Fuhrleute mußten außerdem mit dem Transport 
der Materialien von den einen Arbeitern zu den andern, 
die oft in einem sehr entfernten Teile des Landes 
wohnen, beschäftigt sein! Wie viel Handel und Schiff- 
fahrt, insbesondere wie viele Schiffbauer, Seeleute, Segel- 
raacher, Seiler mußten tätig gewesen sein, um die vom 
Färber gebrauchten Drogen, die oft von den entlegen- 
sten Enden der Welt kommen, herbeizuschaffen ! Welch' 
eine Mannigfaltigkeit der Arbeit ist ferner nötig, um 
die Werkzeuge des geringsten unter diesen Arbeitern 
hervorzubringen! Um nichts zu sagen von so kom- 
plizierten Maschinen, wie ein Schiff, eine Walkmühle 
oder selbst ein Webstuhl ist, erwäge man nur, welch' 
mannigfaltige Arbeit erforderlich ist, um jene sehr 
einfache Maschine herzustellen : die Scheere, mit welcher 
der Schäfer die Wolle scheert. Der Bergmann, der 
Erbauer des Hochofens, der Holzfäller, der Brenner 
der im Schmelzofen verwendeten Holzkohlen, der Ziegel- 
streicher, der Maurer, der Ofenheizer, der Mühlenbauer, 
der Hammerschmied, der Schmied müssen sämtlich ihre 
verschiedenen Künste zu ihrer Hervorbriugung ver- 
einigen. Wollten wir auf dieselbe Weise alle verschie- 
denen Teile seiner Kleidung und seines Hausrats 
untersuchen, das grobe Leinenhemde, das er auf dem 
Leibe trägt, die Schuhe, die seine Füße bedecken, das 



Kap. I.: Teiluno- der Arbeit. 17 

Bett, auf dem er liegt, und alle die verschiedenen Teile, 
aus denen es besteht, den Küchenherd, auf dem er seine 
Speisen zubereitet, die dazu gebrauchten Kohlen, die aus 
den Schachten gegraben und ihm vielleicht durch eine 
weite See- und Landreise zugeführt worden sind, alle 
anderen Gerätschaften seiner Küche, alles Tischgeschirr, 
die Messer und Gabeln, die irdenen oder zinnernen 
Teller, auf denen er seine Gerichte aufträgt und schnei- 
det, die verschiedenen Hände, welche mit Bereitung 
seines Brots und Biers beschäftigt sind, die Glasfenster, 
welche Wärme und Licht hereinlassen und Wind und 
Regen abhalten, samt aller der Kenntnis und Kunst, 
welche diese schöne und glückliche Erfindung vorbe- 
reiten mußten: eine Erfindung, ohne welche diese nörd- 
lichen Teile der Erde kaum eine recht behagliche Woh- 
nung hätten erhalten können; samt den Werkzeugen 
all' der vielen mit der Hervorbringung so verschiedener 
Bedarfsgegenstände beschäftigten Arbeiter — wenn wir, 
sage ich, alle diese Dinge prüfen, und erwägen, welche 
MannigfaltigkeitderArbeitaufjedesvonihnen verwendet 
worden ist, so werden wir einsehen, daß ohne den Bei- 
stand und die Mitwirkung vieler Tausende nicht der 
allergeringste Einwohner eines zivilisierten Landes auch 
nur in der, wie wir sie uns fälschlich vorstellen, leichten 
und einfachen Art. in der er gewöhnlich ausgestattet ist, 
versorgt werden könnte. Verglichen freilich mit dem 
ausschweifenderen Luxus der Großen muß seine Aus- 
stattung ohne Zweifel außerordentlich einfach und gering 
erscheinen; und dennoch ist es vielleicht wahr, daß der 
Komfort eines europäischen Fürsten nicht immer den 
eines fleißigen und mäßigen Bauern in dem Grade 
übertrifft, wie der Komfort des letzteren denjenigen 
manches afrikanischen Königs, des absoluten Herrn über 
Leben und Freiheit von zehntausend nackten Wilden. 



Adam Smitli, VolkswoLlstaiid. 1. 



Zweites Kapitel. 

Über den Trieb, 
der die Teilung der Arbeit veranlaßt. 

Diese Teilung der Arbeit, aus der so viele Vor- 
teile gezogen werden, ist ursprünglich nicht das Werk 
menschlicher Weisheit, welche die allgemeine Wohl- 
habenheit, zu der es führt, vorhergesehen und bezweckt 
hätte. Sie ist die notwendige, obwohl sehr langsame 
und allmähliche Folge eines gewissen Hanges der 
menschlichen Natur, der keinen so ausgebreiteten 
Nutzen erstrebt: des Hanges zu tauschen, sich gegen- 
seitig auszuhelfen und ein Ding gegen ein anderes zu 
verhandeln. 

Ob dieser Hang einer jener ursprünglichen Triebe 
in der menschlichen Natur ist, von denen sich weiter 
keine Rechenschaft geben läßt, oder- ob er, was wahr- 
scheinlicher ist, die notwendige Folge des Vernunft- 
und Sprachvermögens ist, das zu untersuchen gehört 
nicht hierher. Er ist allen Menschen gemeinsam und 
bei keiner anderen Gattung von Tieren zu finden, die 
weder diesen noch irgend eine andere Art von Verträgen 
zu kennen scheinen. Zwei Windhunde, die den näm- 
lichen Hasen hetzen, erwecken zuweilen den Anschein, 
als handelten sie in einer Art von Einverständnis. 
Jeder treibt ihn seinem Gefährten zu, oder sucht ihn 
abzufangen, wenn sein Gefährte ihn ihm zutreibt. 
Dies ist jedoch nicht die Folge eines Vertrages, sondern 



Kap. II.: Über den Trieb, dev d. Teilung d. Arbeit veranlaßt. 19 

der zufälligen Konkurrenz ihrer zu gleicher Zeit auf 
dasselbe Ziel gerichteten Leidenschaften. Niemand hat 
je einen Hund mit einem andern einen gütlichen und 
überlegten Tausch eines Knochens gegen einen andern 
machen sehen. Niemand hat je ein Tier durch seine 
Geberden und Natuilaute einem anderen andeuten 
sehen: „dies ist mein, dies dein; ich bin willens, dies 
für jenes zu geben." Wenn ein Tier entweder von 
einem Menschen oder einem anderen Tiere Etwas er- 
langen will, so hat es keine anderen Mittel der Über- 
redung, als die Gunst derer zu gewinnen, deren Dienst 
es begehrt. Ein Junges liebkost seine Alte, und ein 
Hund sucht durch tausend Bewegungen die Aufmerk- 
samkeit seines bei Tische sitzenden Herrn zu erregen, 
wenn er von ihm etwas zu fressen haben will. Der 
Mensch bedient sich bisweilen derselben Künste seinen 
Mitmenschen gegenüber, und wenn er kein anderes 
Mittel hat, sie seinen Wünschen geneigt zu machen, 
so sucht er durch jede mögliche knechtische und 
schweifwedelnde Aufmerksamkeit ihre Willfährigkeit 
zu gewinnen. Er hat jedoch keine Zeit, dies bei jeder 
Gelegenheit zu tun. In einer zivilisierten Gesellschaft 
bedarf er allezeit der Mitwirkung und des Beistandes 
vieler Menschen, während sein ganzes Leben kaum 
hinreicht, die Freundschaft einiger weniger Personen 
zu gewinnen. In fast allen anderen Tiergattungen ist 
jedes einzelne Tier, wenn es zur Reife gelangt ist, ganz 
unabhängig und bedarf in seinem Naturzustande keines 
anderen lebenden Wesens Beistand. Der Mensch 
braucht die Hilfe seiner Mitmenschen fast immer, und 
würde diese vergeblich von ihrem Wohlwollen allein 
erwarten. Er wird viel leichter Erfolg haben, wenn 
er ihre Eigenliebe zu seinen Gunsten interessieren und 
ihnen zeigen kann, daß es ihr eigener Vorteil ist, für 
ihn zu tun, was er von ihnen fordert. Wer einem 

2* 



20 Ei'stes Biicli: Zunahme in dor Ertragskraft der Arbeit. 

Anderen einen Handel irgend einer Art anträgt, ver- 
fährt auf diese Weise. Gieb mir dies, was ich brauche, 
und Du sollst das haben, was Du brauchst — ist der 
Sinn jedes solchen Anerbietens; und auf diese Weise 
erhalten wir von einander den bei Weitem größten 
Teil der guten Dienste, deren wir benötigt sind. Nicht 
von dem Wohlwollen des Fleischers, Brauers oder 
Bäckers erwarten wir unsere Mahlzeit, sondern von 
ihrer Bedachtnahme auf ihr eigenes Interesse. Wir 
wenden uns nicht an ihre Humanität, sondern an ihre 
Eigenliebe, und sprechen ihnen nie von unseren Be- 
dürfnissen, sondern stets von ihren Vorteilen. Nur ein 
Bettler will lieber ganz vom Wohlwollen seiner Mit- 
bürger abhängen. Und selbst ein Bettler hängt nicht 
völlig davon ab. Die Mildtätigkeit gutherziger Leute 
verschafft ihm allerdings den ganzen Fonds seiner 
Unterhaltsmittel. Aber obgleich diese Triebfeder ihn 
schließlich mit allen seinen Lebensbedürfnissen ver- 
sorgt, versieht sie ihn doch nicht und kann sie ihn 
nicht so damit versehen, wie es sein Bedürfnis erheischt. 
Der größere Teil seines gelegentlichen Bedarfs wird 
ebenso wie der anderer Leute beschafft, durch Über- 
einkommen, Tausch und Kauf. Mit dem Grelde, was 
ihm der Eine giebt, kauft er Nahrung. Die alten 
Kleider, die ihm ein Anderer schenkt, vertauscht er 
gegen andere alte Kleider, die ihm besser passen, oder 
gegen Wohnung, Lebensmittel oder Geld, mit dem er 
je nach Bedarf ebensowohl Lebensmittel, wie neue 
Kleider oder Wohnung kaufen kann. 

Wie wir durch Übereinkommen, Tausch und Kauf 
von einander den größten Teil der gegenseitigen guten 
Dienste, deren wir bedürfen, gewinnen, so giebt dieselbe 
Neigung zum Tauschen ursprünglich Veianlassung zur 
Teilung der Arbeit. Jn einem Jäger- oder Hirten- 
stamm macht z. B. irixend Einer Bogen und Pfeile 



Kap. IL: Über den Trieb, der d. Teüunisr d. Arbeit Aeranlaßt. 21 

schneller und geschickter als ein Anderer. Er ver- 
tauscht sie oft gegen zahmes Vieh oder AVildpret mit 
seinen Gefährten und findet schliei^lich, daß er auf 
diese Weise mehr Vieh und Wildpret gewinnen kann, 
als wenn er selbst auf die Jagd ginge. Aus ßücksicht 
auf sein eigenes Interesse macht er daher das Ver- 
fertigen von Bogen und Pfeilen zu seinem Hauptge- 
schäft, und wird eine Art Waffenschmied. Ein anderer 
zeichnet sich im Bau und in der Bedachung ihrer 
kleinen Hütten odor transportabeln Häuser aus. Er 
pflegt auf diese Weise seinen Nachbarn nützlich zu 
sein, die ihn dafür ebenso mit Vieh und Wildpret be- 
lohnen, bis er es zuletzt in seinem Interesse findet, 
sich gänzlich dieser Beschäftigung zu widmen und 
eine Art Zimmermann zu werden. Auf dieselbe Art 
wird ein Dritter ein Schmied oder Kupferschmied, ein 
vierter ein Gerber oder Zubereiter von Häuten oder 
Fellen, dem Hauj)tteil der Bekleidung wilder Völker. 
Und so spornt die Gewißheit, allen Überschuß seiner 
Arbeit, der über seinen eigenen Verbrauch hinausgeht, 
für solche Erzeugnisse Anderer, wie er sie gerade 
braucht, austauschen zu können, einen Jeden an, sich 
einer bestimmten Beschäftigung zu widmen und das 
Talent oder Genie, das er für diesen bestimmten Er- 
werbszweig besitzt, auszubilden und zur Vollkommen- 
heit zu bringen. 

Die Verschiedenheit der natürlichen Talente bei 
den verschiedenen Menschen ist in Wahrheit viel ge- 
ringer, als wir glauben, und der sehr verschiedene 
Geist, welcher, wenn er zur Eeife gelangt ist, Tjeute 
von verschiedenem Beruf zu unterscheiden scheint, ist 
in vielen Fällen nicht sowohl der Grund als die Folge 
der Arbeitsteilung. Die Verschiedenheit zwischen den 
unähnlichen Charakteren, wie z. B. zwischen einem 
Philosophen und einem gemeinen Lastträger, scheint 



22 Ki'stes Buch: Zunahme in der ErtTa,i^-skraft der Arbeit. 

nicht sowohl ihrem Wesen, als der Gewöhnung und 
Erziehung zu entspringen. Als sie auf die Welt kamen, 
und in den ersten sechs bis acht Jahren ihres Daseins 
waren sie einander vielleicht sehr ähnlich, und weder 
ihre Eltern noch ihre Gespielen konnten eine merkliche 
Verschiedenheit gewahr werden. Etwa in diesem Alter 
oder bald darauf wurden sie zu sehr verschiedenen Be- 
schäftigungen angehalten. Dann wird die Verschieden- 
heit ihrer Talente bemerkt und erweitert sich nach und 
nach, bis zuletzt die Eitelkeit des Philosophen kaum 
noch irgend eine Ähnlichkeit anzuerkennen bereit ist. 
Aber ohne den Hang zum Tausch und Handel würde 
sich Jedermann die Notwendigkeiten und Annehmlich- 
keiten des Lebens selber haben verschaffen müssen. 
Alle hätten dieselben Obliegenheiten zu erfüllen und 
dasselbe zu tun gehabt, und es hätte keine solche Ver- 
schiedenheit der Beschäftigung eintreten können, wie 
sie allein eine irgend bedeutende Verschiedenheit der 
Talente herbeiführen konnte. 

Wie nun dieser Hang jene unter den Menschen 
verschiedenen Berufs so merkliche Verschiedenheit der 
Talente bildet, so ist es derselbe Hang, der jene Ver- 
schiedenheit nutzbringend macht. Viele Tierarten, die 
anerkannter Weise zu derselben Gattung gehören, 
haben von Natur weit verschiedenere Anlagen, als sie 
vor der Gewöhnung und Erziehung unter den Menschen 
platzzugreifen scheinen. Von Natur ist ein Philosoph 
an Anlagen und Neigungen nicht halb so sehr von 
einem Lastträger verschieden, als ein Bullenbeisser 
von einem Windhund, oder ein Windhund von einem 
Jagdhund, oder dieser von einem Schäferhunde. Gleich- 
wohl sind diese verschiedenen Tierarten, obschon alle 
derselben Gattung angehören, einander kaum irgend 
wie nützlich. Die Stärke des Bulleubeissers wird nicht 
im Geringsten durch die Schnelligkeit des Windhundes 



Kap. II.: Über den Trieb, der d. Teilung d. Arbeit veranlaßt. 23 

oder die Spürkraft des Jagdhundes oder die Gelehrig- 
keit des Schäferhundes unterstützt. Da diese Tiere 
derjenigen Fähigkeiten oder Triebe ermangeln, die 
zum Tausch und zu gegenseitiger Aushülfe erforder- 
lich sind, können die Erzeugnisse jener verschiedenen 
Anlagen und Talente nicht zu einem Gesamtvorrat 
vereinigt werden und tragen nicht das Geringste zur 
besseren Versorgung und zum höheren Komfort der 
Gattung bei. Jedes Tier ist gezwungen, sich abge- 
sondert und unabhängig seinen Unterhalt zu ver- 
schaffen und sich selbst zu verteidigen, und hat 
keinerlei Vorteil von den mannigfaltigen Talenten, 
mit denen die Natur seine Genossen ausgestattet hat. 
Unter den Menschen sind im Gegenteil die unähn- 
lichsten Anlagen einander von Nutzen, indem die ver- 
schiedenen Erzeugnisse ihrer bezüglichen Talente durch 
den allgemeinen Hang zum Tausch und zu gegen- 
seitiger Aushülfe in einen Gesamtvorrat vereinigt wer- 
den, woraus Jedermann den Teil des Erzeugnisses 
der Talente anderer Menschen kaufen kann, dessen 
er bedarf. 



Drittes Kapitel. 

Die Teilung der Arbeit hat ihre Schranken 
an der Ausdehnung des Marktes. 

Wie die Möglichkeit des Tauschens Anlaß zur Tei- 
lung der Arbeit gibt, so muß das Maß dieser Teilung 
stets durch das Maß jener Möglichkeit, oder mit andern 
Worten, durch die Ausdehnung des Marktes begrenzt 
sein. Wenn der Markt sehr klein ist, kann Niemand 
sich ermutigt finden, sich gänzlich einer Beschäftigung 
zu widmen, weil es an der Möglichkeit fehlt, den ganzen 
Überschuß des Erzeugnisses seiner Arbeit, der über 
seinen eigenen Verbrauch hinausgeht, für solche Teile 
der Erzeugnisse Anderer, die er gerade braucht, aus- 
zutauschen. 

Es gibt einige Gewerbszweige, selbst der niedrig- 
sten Art, die nirgendwo anders, als in einer großen 
Stadt getrieben werden können. Ein Lastträger z. B. 
kann an keinem anderen Orte Beschäftigung und Unter- 
halt finden. Ein Dorf ist viel zu eng für ihn; selbst 
ein gewöhnlicher Marktflecken ist kaum groß genug, 
ihm fortwährend Beschäftigung zu geben. In den 
einzeln stehenden Häusern und sehr kleinen Dcirfern, 
die in einem so öden Lande, wie die schottischen Hoch- 
lande es sind, zerstreut liegen, muß ein Jeder Bauer, 
Fleischer, Bäcker und Brauer für seine eigene Familie 
sein. In solchen Gegenden kann man kaum erwarten, 



Kap. III.: Schranken der Arbeitsteilung. 25 

auch nur einen Scliinied, Zimmermann oder Maurer 
in weniger als einem Umkreise von zwanzig Meilen 
zu finden. Die zerstreuten Familien, die acht oder zehn 
Meilen von dem nächsten Handwerker entfernt leben, 
müssen sehr viele kleine Sachen, welche sie in volk- 
reicheren Gegenden von solchen Handwerkern machen 
lassen würden, selbst zu verfertigen lernen. Dorfhand- 
werker sind fast überall gezwungen, sich mit all' den 
verschiedenen Gewerbszweigen zu befassen, die ein- 
ander durch die Verwendung gleichen Materials ver- 
wandt sind. Ein Dorfzimmermann gibt sich mit jeder 
Art Holzarbeit ab, ein Dorfschmied mit jeder Art Eisen- 
arbeit. Der erstere ist nicht blos Zimmermann, sondern 
Schreiner, Kunsttischler und sogar Bildschnitzer, sowie 
Rad-, Pflug- und Stellmacher. Die Beschäftigungen 
des Schmieds sind noch mannigfacher. In den ent- 
legenen inneren Teilen der schottischen Hochlande 
kann unmöglich selbst ein Gewerbe wie das des Nagel- 
schmieds bestehen. Ein solcher Handwerker würde, 
nach dem Satze von Tausend Nägeln des Tages und 
bei dreihundert Arbeitstagen im Jahr, jährlich dreimal- 
hunderttausend Nägel machen; allein an einem solchen 
Orte würde er jährlich kaum tausend, d. h. die Arbeit 
eines einzigen Tages, absetzen können. 

Da durch den Wassertransport für jede Art Indu- 
strie ein ausgedehnterer Markt eröffnet wird, als ihn 
der Landtransport allein gewähren kann, so sind es 
die Meeresküste und die Ufer schiffbarer Flüsse, wo 
der Gewerbfleiß jeder Art sich abzuteilen und zu ver- 
vollkommnen anfängt, und diese Vervollkommnung 
dehnt sich oft erst lange Zeit nachher auf die inneren 
Teile des Landes aus. Ein Frachtwagen, der von zwei 
Menschen begleitet und mit acht Pferden bespannt ist, 
fährt in etwa sechs Wochen mit Waren im Gewicht 
von ungefähr- vier Tonnen zwischen London und Edin- 



26 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

bürg hin und zurück. In etwa derselben Zeit führt 
ein Schiff", das mit sechs oder acht Menschen bemannt 
ist, und zwischen den Häfen von London und Leith 
segelt, oft Waren von zweihundert Tonnen an Gewicht 
hin und her. Sechs oder acht Mann können demnach 
mittelst Wassertransports in derselben Zeit dieselbe 
Menge Waren zwischen London und Edinburg hin- 
und herfahren, wie fünfzig von hundert Menschen 
begleitete und von vierhundert Pferden gezogene 
Frachtwagen. Auf zweihundert Tonnen Waren, die 
mit der wohlfeilsten Landfracht von London nach 
Edinburg gebracht werden, muß also der dreiwöchent- 
liche Unterhalt von hundert Menschen und sowohl 
der Unterhalt, wie, was dem Unterhalt ziemlich gleich- 
kommt, die Abnutzung von vierhundert Pferden und 
fünfzig Frachtwagen gerechnet werden; während bei 
derselben Waren masse, wenn sie zu Wasser transpor- 
tiert wird, nur der Unterhalt von sechs oder acht 
Menschen und die Abnutzung eines Schiffes von zwei- 
hundert Tonnen Gehalt, samt dem AVerte des größeren 
Risikos oder des Unterschieds zwischen der Land- 
und Wasserversicherung gerechnet zu werden braucht. 
Gäbe es also keine andere Verbindung zwischen beiden 
Plätzen, als die durch Landtransport, so wären sie, 
da nur solche Waren von dem einen Ort zum andern 
gebracht werden könnten, deren Preis im Verhältnis 
zu ihrem Gewichte sehr hoch wäre, nur einen kleinen 
Teil des Verkehrs zu unterhalten imstande, der jetzt 
zwischen ihnen stattfindet, und mithin der beiderseitigen 
Industrie nur einen kleinen Teil der Aufmunterung zu 
teil werden zu lassen, die sie jetzt einander gewähren. 
Zwischen den entfernten Teilen der Welt könnte 
nur wenig oder gar kein Vorkehr stattfinden. Welche 
Waren vermöchten die Kosten des Landtransports 
zwischen London und Kalkutta zu ortragen? Oder, wenn 



Kap. TIL: Schranken der Arbeitsteilung. 27 

einige so wertvoll wären, daß sie diese Koston zu 
ertragen vormöchten, mit welcher Sicherheit könnten 
sie durch die Gebiete so vieler barbarischer Völker- 
schaften gebracht werden? Jetzt hingegen treiben 
diese beiden Städte einen sehr bedeutenden Handel 
mit einander und spornen, indem sie einander einen 
Markt bieten, die beiderseitige Industrio erheblich an. 

Bei diesem großen Vorteil des Wassertransports 
ist es natürlich, daß die ersten Fortschritte der Kunst 
und Industrie da gemacht wurden, wo diese günstige 
Gelegenheit die ganze "Welt zu einem Markte für die 
Produkte jeglicher Art Arbeit eröffnet, und daß sie 
sich immer erst viel später auf die inneren Teile des 
Landes ausdehnen. Die inneren Teile des Landes 
können lange Zeit hindurch keinen anderen Markt für 
den größten Teil ihrer Waren haben, als die Land- 
schaft, die sie umgiebt und die sie von der Seeküste 
und den großen schiffbaren Flüssen trennt. Die Aus- 
dehnung ihres Marktes hängt daher lange Zeit von 
dem Reichtum und der Bevölkerungsdichtigkeit jener 
Landschaft ab, und ihr Fortschritt muß folglich hinter 
dem dieser Landschaft einherhinken. In unseren nord- 
amerikanischen Kolonien sind die Pflanzungen beständig 
der Seeküste oder den Ufern der schiffbaren Flüsse 
gefolgt und haben sich kaum irgendwo beträchtlich 
von beiden entfernt. 

Die Völker, welche nach den glaubwürdigsten 
Geschichtsschreibern am frühesten zivilisiert gewesen 
zu sein scheinen, waren diejenigen, die rund um die 
Küste des mittelländischen Meeres wohnten. Da dieses 
Meer, die bei Weitem größte bekannte Bucht der Welt, 
keine Ebbe und Flut und mithin keine anderen Wollen 
hat, als die der Wind verursacht, so war es durch die 
Glätte seiner Oberfläche nicht minder wie durch die 
Menge seiner Inseln und die Nähe seiner Ufer der 



28 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Schiffahrt in ihrer Kindheit außerordentlich günstig, 
als noch die Menschen, unbekannt mit dem Kompaß, 
sich fürchteten, die Küste aus dem Gesicht zu ver- 
lieren, und wegen der Unvollkommonheit der Schiff- 
baukunst nicht wagten, sich den stürmischen Wogen 
des Ozeans zu überlassen. Über die Säulen des Her- 
kules, d. h. durch die Meerenge von Gibraltar hinaus- 
zusegeln, wurde in der alten Welt lange als eine 
äußerst wunderbare und gefährliche Unternehmung 
der Schiffahrt betrachtet. Selbst die Phönizier und 
Karthager, die geschicktesten Seefahrer und Schiff- 
bauer jener alten Zeiten, versuchten es erst spät und 
waren lange die einzigen Völker, die es wagten. 

Unter allen I^ändern an der Küste des mittel- 
ländischen Meeres scheint Ägypten das erste gewesen 
zu sein, in welchem sowohl der Ackerbau wie die 
Gewerbe gepflegt und zu einer hohen Stufe entwickelt 
wurden. Oberägypten erstreckt sich nirgends über 
einige Meilen vom Nil, und in Unteräg3^pten teilt sich 
dieser große Strom in viele Kanäle, welche durch 
einige künstliche Nachhülfe eine Wasserverbindung 
nicht nur zwischen allen großen Städten, sondern auch 
zwischen allen ansehnlichen Dörfern und sogar bis zu 
vielen Landgütern geführt zu haben scheinen, etwa 
in derselben Art, wie heute der Rhein und die Maas 
in Holland. Der Umfang und die Leichtigkeit dieser 
Binnenschiffahrt war wahrscheinlich eine der Haupt- 
ursachen der frühen Kultur Ägyptens. 

Ebenso scheinen in den Provinzen Bcngalens in 
Ostindien und in einigen östlichen Provinzen Chinas 
die Fortschritte des Ackerbaus und der Gewerbe von 
sehr hohem Alter zu sein, obwohl dies Alter durch 
keine verläßlichen Geschichtsnachrichten, die es für 
diesen Teil der Welt nicht giebt, verbürgt ist. In 
Bengalen bilden der Ganges und einige andere große 



Kap. TIT.: ?>rhranken der Avbeitstoilun.s,-. 29 

Ströme eine bedeutende Menge schiffbarer Kanäle, 
ganz so wie der Nil in Agyj^ten. In den östlichen 
Provinzen Chinas bilden gleichfalls einige große Flüsse 
durch ihre verschiedenen Arme eine Menge von Ka- 
nälen und gestatten durch Verbindung untereinander 
eine noch viel ausgedehntere Binnenschiffahrt als der 
Nil oder Ganges oder vielleicht beide zusammen. Es 
ist merkwürdig, daß weder die alten Ägypter, noch 
die Inder, noch die Chinesen den auswärtigen Handel 
ermunterten, sondern sämtlich ihren großen Iteichtum 
aus dieser Binnenschiffahrt gezogen zu haben scheinen. 
Alle inneren Teile Afrikas und jener ganze Teil 
Asiens, der weit nördlich vom schwarzen und kaspi- 
schen Meere liegt, das alte Scythien, die moderne 
Tartarei, und Sibirien scheinen, so lange die Welt steht, 
in demselben barbarischen und unzivilisierten Zustande 
gewesen zu sein, in welchem wir sie noch heute finden. 
Das Meer der Tartarei ist das Eismeer, das keine Schiff- 
fahrt zuläßt, und obgleich einige der größten Ströme 
der Welt durch dies Land fließen, so sind sie doch 
zu weit von einander entfernt, um Handel und Verkehr 
durch den größeren Teil von ihm herbeizuführen. In 
Afrika gibt es keine so großen Buchten, wie das 
baltische und adriatische Meer in Europa, das mittel- 
ländische und schwarze Meer in Europa und Asien, 
und den arabischen und persischen, indischen, benga- 
lischen und siamesischen Meerbusen in Asien, um den 
Seehandel nach den inneren Teilen jenes großen Kon- 
tinents zu führen und die großen Flüsse Afrikas sind 
zu weit von einander entfernt, um zu einer bedeuten- 
deren Binnenschiffahrt Gelegenheit zu bieten. Überdies 
kann der Verkehr eines Volks auf einem Flusse, der 
sich nicht in eine große Menge von Armen oder 
Kanälen teilt, und der, ehe er das Meer erreicht, in 
ein anderes Gebiet fließt, niemals sehr bedeutend sein, 



30 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

weil die Völker, die jenes andere Gebiet besitzen, es 
stets in ihrer Macht haben, den Verkehr zwischen 
dem Oberlande und dem Meere zu hemmen. Die 
Donauschiffahrt ist für Baiern, Österreich und Ungarn 
von sehr geringem Nutzen, im Vergleich zu dem- 
jenigen, den sie haben könnte, wenn einer dieser 
Staaten den ganzen Lauf des Flusses bis zu seiner 
Mündung in das schwarze Meer beherrschte. 



Viertes Kapitel. 
Vom Ursprung und Gebrauch des Geldes. 

Wenn die Teilung der Arbeit einmal durchweg 
eingeführt ist, so ist es nur ein sehr kleiner Teil der 
Bedürfnisse eines Menschen, der durch das Erzeugnis 
seiner eigenen Arbeit beschafft werden kann. Ihren 
bei weitem größten Teil verschafft er sich durch Aus- 
tausch jenes Überschusses seines eignen Arbeitsertrags, 
der über seinen Verbrauch hinausgeht, gegen solche 
Erzeugnisse von anderer Leute Arbeit, die er gerade 
braucht. Jedermann lebt so durch Tausch, oder wird 
gewissermaßen ein Kaufmann, und die Gesellschaft 
selbst wächst zu einer eigentlichen Handelsgesellschaft 
heran. 

Als jedoch die Teilung der Arbeit zuerst Platz 
griff, muß die Möglichkeit zu tauschen häufig sehr ins 
Stocken geraten und gehemmt worden sein. Nehmen 
wir an, der Eine habe mehr von einer Ware, als er 
selbst braucht, während ein Anderer weniger hat. Der 
Erstere würde mithin froh sein, wenn er einen Teil 
dieses Überflusses loswerden, der Letztere, wenn er 
ihn kaufen könnte. Wenn aber dieser Letztere Nichts 
hat, was der Erstere bedarf, so kann zwischen ihnen 
kein Tausch Zustandekommen. Der Fleischer hat 
mehr Fleisch in seinem Laden, als er selbst verzehren 
kann, und der Biauer und Bäcker würden jeder gern 
einen Teil davon kaufen. Allein sie haben Nichts zum 



32 Efstes Bucli: Zimalime in dei- Ertragskraft der Arbeit. 

Tauscli zu bieten, als die verschiedenen Erzeugnisse 
ihrer bezüglichen Gewerbe, und der Fleischer ist schon 
mit allem Brot und Bier, das er augenblicklich braucht, 
versehen. In diesem Falle läßt sich kein Tausch 
zwischen ihnen machen. Er kann nicht ihr Kaufmann, 
noch sie seine Kunden sein, und alle drei leisten so 
einander weniger Dienste. Um den Übelstand einer 
solchen Lage zu vermeiden, muß jeder vorsichtige 
Mann zu allen Zeiten der Gesellschaft nach der ersten 
Einführung der Arbeitsteilung natürlich bemüht ge- 
wesen sein, seine Einrichtungen so zu treffen, daß er 
außer den besonderen Erzeugnissen seines eigenen 
Fleißes jederzeit noch eine gewisse Menge von einer 
oder der anderen Ware in Bereitschaft hatte, von der 
er voraussetzen konnte, daß wahrscheinlich wenige Leute 
sie in Tausch gegen das Erzeugnis ihres Fleißes zu- 
rückweisen würden. 

Zu diesem Zwecke sind im Laufe der Zeit wahr- 
scheinlich viele Waren ausgedacht und verwendet 
worden. In den rohen Zeitaltern der Gesellschaft soll 
Vieh das gewöhnliche Werkzeug des Handels gewesen 
sein, und obwohl es ein sehr unbequemes sein mußte, 
so finden wir doch in alten Zeiten häufig Dinge nach 
der Zahl des Viehs geschätzt, welches dagegen in 
Tausch gegeben wurde. Die Rüstung des Diomedes, 
sagt Homer, kostet nur neun Ochsen, die des Glaukus 
aber hundert. Salz soll das gewöhnliche Handels- und 
Tauschmittel in Abyssinien sein; eine Art Muscheln 
in einigen Küstenstrichen Indiens; Stockfisch in Neu- 
fundland; Tabak in Virginien; Zucker in einigen unserer 
westindischen Kolonien ; Häute oder zugerichtetes Leder 
in anderen Ländern; und noch heutigen Tages gibt es 
ein Dorf in Schottland, wo es, wie man sagt, nichts 
Ungewöhnliches ist, daß ein Arbeiter statt des Geldes 
Nägel in den Bäckerladen oder ins Bierhaus bringt. 



Kap. IV.: Vom Vi'spnmo- und Gebrauch des C ekles. 3,3 

In allen Ländern jedoch scheinen die Menschen 
zuletzt durch unwiderstehliche Gründe bestimmt worden 
zu sein, den Metallen zu diesem Zwecke vor allen an- 
deren AVaren den Vorzug zu geben. Metalle lassen 
sich nicht allein mit so wenig Verlust, wie nur ii-gend 
eine andere Ware, aufbewahren, da kaum irgend etwas 
Anderes weniger als sie dem Verderben ausgesetzt ist, 
sondern sie können auch ohne Verlust in irgend eine 
Anzahl Teile zerlegt werden, da diese Teile durch 
Schmelzung sich leicht wieder vereinigen lassen: eine 
Eigenschaft, welche keine andere gleich dauerhafte 
Ware besitzt, und die mehr als irgend etwas Anderes 
sie zum Verkehis- und Umlaufsmittel geeignet macht. 
Wer z. B. Salz kaufen wollte, und nur Vieh dagegen 
zu geben hatte, war gezwungen, Salz zum Werte 
eines ganzen Ochsen oder eines ganzen Schafes auf 
einmal zu kaufen. Selten konnte er weniger kaufen, 
weil dasjenige, was er dafür zu geben hatte, kaum 
je ohne Verlust geteilt werden konnte; und wenn er 
Lust hatte, mehr zu kaufen, so mußte er aus den- 
selben Gründen das Doppelte oder Dreifache kaufen, 
d. h. für den Wert von zwei oder drei Ochsen, von 
zwei oder drei Schafen. Hatte er hingegen statt der 
Schafe oder Ochsen Metalle in Tausch zu geben, so 
konnte er leicht die Menge des Metalls nach der ge- 
nauen Menge der Ware, die er augenblicklich brauchte, 
abmessen. 

Verschiedene Metalle sind von den einzelnen Na- 
tionen zu diesem Zwecke angewandt worden. Eisen 
war das gewöhnliche Verkehrsmittel unter den alten 
Spartanern; Kupfer unter den alten Römern; und Gold 
und Silber unter allen reichen und handeltreibenden 
Nationen. 

Diese Metalle scheinen ursprünglich in rohen Bar- 
ren ohne Gepräge oder Ausmünzung zu jenen Zwecken 

Adam Smith, Volkstv'ohlstand. I. 3 



,^4 Erstes Biicli: Ziinahmo in flor Ertragskraft der Arbeit. 

benutzt worden zu sein. So berichtet Plinius''') auf das 
Zeugnis des Timäus, eines alten Geschichtsschreibers, 
daß die Römer bis auf die Zeit des Servius Tullius 
kein gemünztes Geld hatten, und ungestempelte Kupfer- 
barren beim Einkauf ihrer Bedürfnisse gebrauchten. Diese 
rohen Barren versahen also damals den Dienst des Geldes. 
Der Gebrauch der Metalle in diesem rohen Zustande 
war mit zwei sehr großen Übelständen verbunden: er- 
stens mit der Umständlichkeit des Wagens und zweitens 
mit der des Probierens. Bei den edlen Metallen, wo ein 
geringer Unterschied in der Menge einen großen Unter- 
schied im Werte ausmacht, erfordert schon das Geschäft 
des Wagens, wenn es mit der gehörigen Genauigkeit aus- 
geführt werden soll, wenigstens sehr genaue Gewichte 
und Wagen. Namentlich das Wägen des Goldes ist 
eine Handhabung von einiger Feinheit. Bei den gröberen 
Metallen, wo ein kleiner Irrtum von wenig Belang ist, 
wäre allerdings weniger Genauigkeit erforderlich. Man 
würde es jedoch außerordentlich beschwerlich finden, 
wenn ein armer Mann, so oft er für einen Dreier kaufen 
oder verkaufen will, den Dreier zu Aviegen genötigt 
wäre. Die Tätigkeit des Probierens ist noch schwieriger 
und langweiliger, und wenn nicht ein Teil des Metalls 
mit geeigneten Auflösungsmitteln im Schmelztiegel or- 
dentlich geschmolzen wird, äußerst unsicher bezüglich 
des Schlusses, der daraus zu ziehen ist. Gleichwohl 
mußten vor der Einführung des gemünzten Geldes die 
Leute stets den gröbsten Betrügereien und Täuschungen 
ausgesetzt sein, wenn sie diese langweilige und schwierige 
Arbeit nicht vornahmen, und konnten, statt eines Pfun- 
des reinen Silbers oder reinen Kupfers, für ihre Waren 
leicht eine gefälschte Zusammensetzung aus den gröb- 
sten und wohlfeilsten Rohstoffen erhalten, die jedoch 
in ihrem äußeren Ansehen jenen Metallen ähnlich er- 

=••) I'linius, Mist. Nat., lib. 'X], cap. ."l 



Kap. TV.: Vom I'rspriin.o- und Gebrauch des Geldes. 35 

schien. Um solchen Mißbräuchen zuvorzukommen, die 
Tausche zu erleichtern, und dadurch alle Arten der 
Industrie und des Handels zu ermutigen, sah man sich 
in allen Ländern, die beträchtliche Fortschritte in der 
Kultur gemacht hatten, genötigt, gewisse Mengen sol- 
cher Metalle, die daselbst gewöhnlich als Tauschmittel 
benutzt wurden, von Staatswegen mit einem Stempel zu 
versehen. Dies ist der Ursprung des gemünzten Geldes 
und jener öffentlichen Anstalten, die Münzen heißen; 
Einrichtungen genau von derselben Art, wie die der 
.Schau- und Stempelmeister für die Wollen- und Leinen- 
waren. Sie haben alle die gleiche Bestimmung, durch 
einen öffentlichen Stempel die Menge und gleich- 
förmige Güte dieser verschiedenen Waren, w'enn sie 
zu Markt gebracht werden, zu verbürgen. 

Die ersten öffentlichen Stempel dieser Art, die auf 
die umlaufenden Metalle gedrückt wurden, scheinen in 
vielen Fällen bestimmt gewesen zu sein, das zu ver- 
bürgen, was zu vei'bürgen sowohl am schwierigsten, wie 
am wichtigsten ist, nämlich die Güte und Feinheit des 
Metalls, und scheinen der Sterling-Marke ähnlich ge- 
wesen zu sein, die man jetzt auf Silbergeschirr und 
Silberbarren prägt, oder der spanischen Marke, die zu- 
weilen auf Goldstangen gesetzt wird und, da sie nur 
auf einer Seite des Stückes steht und nicht die ganze 
Oberfläche bedeckt, zwar die Feinheit, aber nicht das 
Gewicht des Metalles verbürgt. Abraham wieot dem 
Ephron die vierhundert Seckel Silber zu, welche er ihm 
für das Feld von Machpelah zu zahlen versprochen hatte. 
Sie sollen die Kourantmünzen des Kaufmanns gewesen 
sein, und dennoch wurden sie zugewogen, nicht zuge- 
zählt, gerade wie es mit den Goldstangen und Silber- 
barren noch heute geschieht. Die Einkünfte der alten 
sächsischen Könige Englands sollen nicht in Geld son- 
dern in natura, d. h. in Lebensmitteln und Vorräten 



36 Erstes Buch: Zunahme in der Ertrag-skraft der Arbeit. 

aller Art gezahlt worden sein. Wilhelm der Eroberer 
führte die Sitte ein, sie in Geld zu entrichten. Dieses 
Geld wurde jedoch lange Zeit bei der Schatzkammer 
nach dem Gewichte und nicht nach der Stückzahl in 
Empfang genommen. 

Die Unbeijuemlichkeit und Schwierigkeit, jene Me- 
talle mit Genauigkeit zu wägen, veranlaßte die Ein- 
führung von Münzen, deren Stempel beide Seiten des 
Stückes und zuweilen auch die Ränder gänzlich be- 
deckte, und als genügende Sicherheit nicht nur für die 
Feinheit, sondern auch für das Gewicht des Metalls an- 
gesehen wurde. Solche Münzen wurden daher wie 
noch heute, ohne daß man sich die Mühe des Wagens 
machte, nach der Stückzahl angenommen. 

Die Namen dieser Münzen scheinen ursprünglich 
das Gewicht oder die in ihnen enthaltene Metallmenge 
ausgedrückt zu haben. Zur Zeit des Servius Tullius, 
der zuerst in Rom Geld münzen ließ, enthielt das rö- 
mische As oder Pondo ein römisches Pfund guten Kup- 
fers. Es war nach der Art des Troyes-Pfundes in zwölf 
Unzen geteilt, von denen jede eine wirkliche Unze 
guten Kupfers enthielt. Das englische Pfund Sterling 
enthielt zur Zeit Eduards I. nach Tower-Gewicht ein 
Pfund Silber von einem bekannten Feinheitsgrade. 
Das Tower-Pfund scheint etwas mehr, als das römi- 
sche Pfund gewesen zu sein, und etwas weniger als 
das Troj'es-Pfund. Dieses letztere wurde erst im 
achtzehnten Regierungsjahre Heinrichs VIIT. in der 
englischen Münze eingeführt. Das französische Pfund 
(livre) enthielt zur Zeit Karls des Großen nach Troyes- 
Gewicht ein Pfund Silber von bekanntem Feinheitsgrade. 
Die Messe von Troyes in der Champagne wurde zu jener 
Zeit von allen europäischen Völkern besucht, und die 
Gewichte und Maße eines so berühmten Marktes waren 
allgemein bekannt und geschätzt. Das schottische Geld- 



Kap. IV.: Vom Ursprung und Gebrauch des Geldes. 37 

pfund enthielt von Alexander dem Ersten an bis auf 
Robert Bruce ein Pfund Silber von demselben Schrot 
und Korn, wie das englische Pfund Sterling. Die eng- 
lischen, französischen und schottischen Pence ent- 
hielten gleichfalls ursprünglich alle ein wirkliches Penny- 
gewicht Silber, den zwanzigsten Teil einer Unze und 
den zweihundertundvierzigsten Teil eines Pfundes. 
Auch der Schilling scheint ursprünglich die Bezeichnung 
für ein Gewicht gewesen zu sein. „Wenn der Weizen 
zwölf Schilling das Quarter kostet", sagt ein altes Statut 
Heinrichs III., „dann soll ein Farthing-Brod elf Schilling 
und vier Pence wiegen." Doch scheint das Verhältnis 
zwischen dem Schilling und Penny einerseits oder dem 
Pfund andrerseits nicht so beständig und gleichförmig 
gewesen zu sein, als das zwischen dem Penny und dem 
Pfund. Während der Zeit des ersten französischen 
Königsgeschlechtes scheint der französische Sou oder 
Schilling bald fünf, bald zwölf, bald zwanzig, bald 
vierzig Pence enthalten zu haben. Unter den alten 
Sachsen scheint der Schilling zu einer gewissen Zeit 
nur fünf Pence enthalten zu haben, und es ist nicht 
unwahrscheinlich, daß er bei ihnen eben so veränder- 
lich war, als bei ihren Nachbarn, den alten Franken. 
Seit der Zeit Karls des Großen unter den Franken, und 
Wilhelms des Eroberers unter den Engländern scheint 
das Verhältnis zwischen Pfund, Schilling und Penny 
stets dasselbe gewesen zu sein, wie noch heute, obgleich 
ihi- Wert sehr verschieden war. Denn in allen Ländern 
der Welt haben, glaube ich, der Geiz und die Unge- 
rechtigkeit der Fürsten und Staaten, das Vertrauen ihrer 
Untertanen mißbrauchend, nach und nach den wirk- 
Hchen Metallgehalt, der ursprünglich in ihren Münzen 
vorhanden war, verringert. Das römische As wurde in 
der letzten Zeit der Republik auf den vierundzwanzig- 
sten Teil seines ursprünglichen Wertes verringert, so 



38 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

daß es statt eines Pfundes nur eine halbe Unze wog. 
Das englische Pfund und der Penny enthalten gegen- 
wärtig etwa nur ein Drittel, das schottische Pfund und 
der Penny etwa ein Sechsunddreißigstel, und das fran- 
zösische Pfund und der Penny etwa ein Sechsundsech- 
zigstel ihres ursprünglichen Wertes. Mittelst solcher 
Maßnahmen waren die Fürsten und Staaten, die sich 
ihrer bedienten, imstande, dem Scheine nach ihre 
Schulden zu bezahlen, und ihre Verpflichtungen mit 
einer geringeren Masse Silber, als sonst nötig gewesen 
wäre, zu erfüllen. Allerdings nur dem Scheine nach; 
denn die Gläubiger waren in Wirklichkeit um einen Teil 
dessen, was ihnen zukam, betrogen. Allen anderen 
Schuldnern im Staate wurde dasselbe Privileg zu Teil, 
und sie konnten, was sie in alter Münze geborgt hatten, 
mit derselben nominellen Summe der neuen und ver- 
schlechterten Münze bezahlen. Solche Maßregeln er- 
wiesen sich daher stets günstig für den Schuldner und 
verderblich für den Gläubiger, und brachten zuweilen 
eine größere und allgemeinere Umwälzung im Ver- 
mögen der Privatpersonen hervor, als es durch die 
größte öffentliche Kalamität hätte geschehen können. 

Auf diese Weise ist das Geld bei allen zivilisierten 
Völkern das allgemeine Handelsinstrument geworden, 
durch dessen Vermittelung Waren aller Art gekauft und 
verkauft, oder gegen einander ausgetauscht werden. 

Welche Eegeln die Menschen beim Tausch der 
Waren gegen Geld oder gegen einander der Natur der 
Sache entsprechend beobachten, will ich nun unter- 
suchen. Diese Eegeln bestimmen das, was man den 
relativen oder Tauschwert der Waren nennen kann. 

Das Wort Wert hat, was zu beachten ist, zwei 
verschiedene Bedeutungen, und drückt bald die Brauch- 
barkeit einer Sache, bald die dui'ch den Besitz dieser 
Sache gegebene Möglichkeit aus, andere Güter dafür 



Kap. ly. : Vom Ursprung luid Gebrauch des Geldes. 39 

ZU kaufen. Das eine kann Gebrauchswert, das andere 
Tauschwert genannt werden. Die Dinge, die den größten 
Gebrauchswert haben, haben oft wenig oder gar keinen 
Tauschwert, und umgekehrt haben solche, die den 
gr()ßten Tauschweit haben, oft wenig oder gar keinen 
Gebrauchswert. Nichts ist nützlicher als Wasser, aber 
man kann selten etwas dafür kaufen, selten etwas dafür 
in Tausch erhalten. Dagegen hat ein Diamant kaum 
irgend einen Gebrauchswert, aber man kann oft eine 
große Menge anderer Güter dafür im Tausch erhalten. 

Um die Grundsätze zu erforschen, welche den 
Tauschwert der Ware regeln, werde ich zu zeigen 
suchen, 

Erstens: Welches der wahre Maßstab dieses Tausch- 
wertes ist, oder worin der wahre Preis aller Agaren 
besteht; 

Zweitens: Aus welchen verschiedenen Bestandteilen 
dieser wahre Preis zusammengesetzt oder gebildet ist; 

Und endlich: AVelche verschiedenen Umstände 
einige oder alle diese verschiedenen Bestandteile des 
Preises bald über, bald unter ihren natürlichen oder 
gewöhnlichen Satz treiben, oder welche Ursachen den 
Marktpreis, d. h. den wirklichen Preis der AVaren 
hindern, genau mit dem, was man ihren natürlichen 
Preis nennen kann, zusammen zu fallen. 

Ich werde mich bemühen, diese drei Gegenstände 
so vollständig und deutlich, als ich es vermag, in den 
drei folgenden Kapiteln auseinanderzusetzen, für welche 
ich mir die Geduld und Aufmerksamkeit des Lesers 
auf Angelegentlichste erbitten muß: seine Geduld, um 
ein Detail zu prüfen, welches ihm vielleicht an vielen 
Stellen ohne Not weitschweifig zu sein scheint, und 
seine Aufmerksamkeit, um dasjenige zu fassen, was 
vielleicht nach der vollständigsten Auseinandersetzung, 
die ich zu geben imstande hin, doch immer noch ziem- 



40 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

lieh dunkel scheinen mag. Ich will stets lieber Gefahr 
laufen, weitschweifig zu sein, wenn ich nur sicher bin, 
klar zu bleiben, und, nachdem ich mir alle mögliche 
Mühe gegeben habe, klar zu sein, kann es noch immer 
scheinen, als ob über einen Gegenstand, der seiner 
Natur nach höchst abstrakt ist, einige Dunkelheit 
zurückgeblieben ist. 



Fünftes Kapitel. 

Vom wahren und nominellen Preise 

der Waren, oder von ihrem Preise in Arbeit 

und ihrem Preise in Geld. 

Jeder Mensch ist reich oder arm in dem Grade, 
wie er imstande ist, sich die Bedürfnisse, AnnohmHch- 
keiten und Vergnügungen des menschlichen Lebens 
zu beschaffen. Nachdem aber einmal die Teilung der 
Ä-rbeit überall Eingang gefunden hat, kann eines 
Menschen eigne Arbeit ihn nur mit einem sehr kleinen 
Teil dieser Dinge versorgen. Den bei Weitem größeren 
Teil von ihnen muß er von der Arbeit Anderer er- 
warten, und er muß reich oder arm sein, je nach der 
Menge von Arbeit, über die er verfügen oder die er 
kaufen kann. Der Wert einer Ware ist demnach für 
den, der sie besitzt und der sie nicht selbst zu ge- 
brauchen oder zu verbrauchen, sondern gegen andere 
Waren umzutauschen gedenkt, gleich der Menge Arbeit, 
welche zu kaufen oder über welche zu verfügen sie 
ihm gestattet. Die Arbeit ist also der wahre Maßstab 
des Tauschwertes aller Waren. 

Der wahre Preis jedes Dinges, der Preis, den jedes 
Ding den Mann, der es sich verschaffen will, wirklich 
kostet, ist die Mühe und Beschwerde, die er hat an- 
wenden müssen, um es sich zu verschaffen. Was jedes 
Ding dem Manne, der es sich verschafft hat und da- 
rüber verfügen oder es gegen etwas Anderes ver- 



42 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

tauschen will, wirklich wert ist, das ist die Mühe und 
Beschwerde, welche er sich dadurch ersparen und auf 
andere Leute abwälzen kann. Was mit Geld oder 
Waren erkauft ist, wird ebenso wie das, was wir durch 
die Beschwerde des eignen Körpers erwerben, mit 
Arbeit erkauft. Jenes Geld oder jene Güter ersparen 
uns in der Tat diese Boschwerde. Sie enthalten den 
Wert einer gewissen Menge Arbeit, welche wir gegen 
Etwas vertauschen, wovon wir zur Zeit glauben, daß 
es den Wert einer gleichen Menge enthalte. Die Ar- 
beit war der erste Preis, das ursprüngliche Kaufgeld, 
welches für alle Dingo gezahlt wurde. Nicht mit Gold 
oder Silber, sondern mit Arbeit wurden alle Güter der 
Welt ursprünglich gekauft; und ihr Wert für die, 
welche sie besitzen und gegen neue Erzeugnisse ver- 
tauschen wollen, ist genau der Arbeitsmenge gleich, 
welche zu kaufen oder über welche zu verfügen sie 
dadurch instand gesetzt sind. 

Reichtum, sagt Hobbes, ist Macht. Wer jedoch 
ein großes Vermögen erwirbt oder ererbt, erwirbt oder 
ererbt damit nicht notwendig politische Macht, sei es 
im Zivil- oder Kriegsdienst. Sein Vermögen wird ihm 
vielleicht die Mittel bieten, beide zu erwerben, aber 
der bloße Besitz dieses Vermögens verschafft ihm nicht 
notwendig die eine oder die andere. Die Macht, die 
jener Besitz ihm unmittelbar und direkt verschafft, ist 
die Macht zu kaufen, d. h. eine gewisse Herrschaft über 
alle Arbeit oder alle Arbeitserzeugnisse, die sich auf 
dem Markte befinden. Sein Vermögen ist größer oder 
geringer genau im Verhältnis zum Umfange dieser 
Macht, oder zur Menge der Arbeit oder, was dasselbe 
ist, der Arbeitserzeugnisse Anderer, welche zu kaufen 
oder über welche zu verfügen or dadurch instand ge- 
setzt ist. Der Tauschwert eines jeden Dinges muß stets 



Kap. v.: Vom wahren und nominellen Preise der Waren. 48 

dem Umfange dieser Macht, die es seinem Besitzer 
verschafft, vollkommen gleich sein. 

Obwohl aber die Arbeit der wahre Maßstab des 
Tauschwertes aller Waren ist, so ist sie doch nicht 
der Maßstab, nach welchem ihr Wert gewöhnlich ge- 
schätzt wird. Es ist oft schwer, das Verhältnis zwischen 
zwei verschiedenen Arbeitsmengen genau zu bestimmen. 
Die Zeit, die auf zwei verschiedene Arten von Arbeit 
verwendet ist, wird allein dies Verhältnis nicht immer 
entscheiden. Die verschiedenen Grade von erduldeter 
Mühsal und von aufgewendetem Geist müssen ebenfalls 
in Rechnung gebracht werden. Es kann in der schweren 
Anstrengung einer Stunde mehr Arbeit stecken, als in 
zw^ei Stunden leichter Beschäftigung, und in der ein- 
stündigen Ausübung eines Geschäfts, dessen Erlernung 
zehn Jahre Arbeit kostete, mehr als in dem Fleiß eines 
ganzen Monats bei einer gewöhnlichen und alltäglichen 
Beschäftigung. Allein es ist nicht leicht, einen genauen 
Maßstab für die Mühsal wie für die Geisteskraft zu 
finden. Allerdings wird beim wechselseitigen Austausch 
der Erzeugnisse verschiedener Arbeitsgebiete auf beides 
einige Rücksicht genommen. Indessen wird das nicht 
nach einem genauen Maßstabe, sondern nach dem 
Dingen und Feilschen des Marktes ausgeglichen, jener 
rohen Ausgleichung gemäß, welche zwar nicht exakt ist, 
aber für die Geschäfte des geraeinen Lebens ausreicht. 

Überdies werden alle Waren häufiger gegen ein- 
ander, als gegen Arbeit vertauscht und damit ver- 
glichen. Es ist daher naturgemäßer, ihren Tauschwert 
nach der Menge einer anderen Ware zu schätzen, als 
nach der der Arbeit, die sie kaufen kann. Auch vor- 
stehen die meisten Leute besser, was mit der Menge 
einer bestimmten Ware, als was mit einer Menge Arbeit 
gemeint ist. Jenes ist ein einfacher handgreiflicher 
Gegenstand, dieses ein abstrakter Begriff, der sich 



44 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

zwar hinreichend deutlich machen läßt, aber doch nicht 
Allen so natürlich und geläufig ist. 

Wenn aber der Tauschhandel aufhört, und das Geld 
zum gewöhnlichen Yerkehrsinstrument geworden ist, 
dann werden alle Waren häufiger gegen Geld, als gegen 
andere Waren vertauscht. Der Fleischer bringt selten 
sein Rind- oder Hammelfleisch zum Bäcker oder zum 
Brauer, um es gegen Brot oder Bier zu vertauschen, 
sondern er bringt es auf den Markt, wo er es gegen 
Geld verhandelt; und später vertauscht er dies Geld 
gegen Brot und Bier. Die Menge des Geldes, welches er 
dafür einnimmt, bestimmt auch die Menge des Brotes 
und Bieres, die er nachher kaufen kann. Es ist ihm 
daher natürlicher und geläufiger, ihren Wert nach der 
Menge des Geldes, der Ware, für welche er sie unmitel- 
bar vertauscht, als nach der des Brotes und Bieres — 
Waren, gegen welche er sie nur durch Vermittelung 
einer anderen Ware vertauschen kann — zu schätzen 
und zu sagen, sein Fleisch sei das Pfund drei oder vier 
Pence wert, als es sei drei oder vier Pfund Brot, oder 
drei oder vier Quart Dünnbier wert. Daher kommt es, 
daß der Tauschwert aller Waren häufiger nach der 
Menge des Geldes, als nach der Menge der Arbeit 
oder einer andern Ware, die dafür eingetauscht werden 
kann, geschätzt wird. 

Übrigens schwanken Gold und Silber, wie jede 
andere Ware, im Wert und sind bald wohlfeiler und 
bald teurer, bald leichter und bald schworer zu kaufen. 
Die Menge Arbeit, die für eine bestimmte Menge Gold 
oder Silber zu kaufen ist oder zu Gebote steht, oder 
die Menge anderer Güter, welche dafür eingetauscht 
werden kann, hängt stets von der Ergiebigkeit oder 
Armut der Bergwerke ab, die man zur Zeit gerade 
kennt. Die Entdeckung der reichen Minen Amerikas 
setzte im sechzehnten Jahrhundert den Wort von Gold 



Kap. v.: Vom wahren iind nominellen Preise der Waren. 45 

und Silbers in Europa ungefähr auf den dritten Teil 
seines früheren hei-ab. Da es weniger Arbeit kostete, 
jene Metalle aus den Minen auf den Markt zu bi'ingen, 
so konnten sie auch, als sie auf den Markt kamen, 
weniger Arbeit kaufen oder über weniger verfügen; und 
diese Umwälzung in ihrem Werte, obwohl vielleicht die 
größte, ist doch keineswegs die einzige, von der die 
Geschichte berichtet. Wie aber ein Maßstab der Menge, 
welcher selbst stets veränderlich ist, wie z. B. der natür- 
liche Fuß, die Armlänge oder die Handvoll, niemals 
einen genauen Maßstab für die Menge anderer Dinge 
abgeben kann, so kann auch eine Ware, die in ihrem 
eigenen Werte fortwährend veränderlich ist, niemals 
ein genauer Maßstab des Wertes anderer Waren sein. 
Gleiche Mengen Arbeit sind, wie man zu sagen berech- 
tigt ist, zu allen Zeiten und an allen Orten für den 
Arbeiter von gleichem Werte. Bei einem durchschnitt- 
lichen Stande seiner Gesundheit, Kraft und Stimmung, 
bei dem gewöhnlichen Grade seiner Geschicklichkeit 
und Fertigkeit muß er stets denselben Teil seiner Muße, 
seiner Freiheit und seines Glückes dafür einsetzen. 
Der Preis, den er zahlt, bleibt immer der nämliche, 
wie groß auch die Menge der Güter sei, welche er als 
Ersatz dafür erhält. Allerdings kann seine Arbeit bald 
eine größere, bald eine geringere Menge von Waren 
kaufen; aber es ist ihr Wert, der schwankt, nicht dei- 
der Arbeit, die sie kauft. Immer und übei'all ist 
dasjenige teuer, was schwer zu beschaffen ist, oder 
dessen Erwerbung viel Arbeit kostet, und dasjenige 
wohlfeil, was leicht oder mit sehr wenig Arbeit zu 
haben ist. Einzig und allein nur die Arbeit, die in 
ihrem Werte niemals schwankt, ist mithin der letzte 
und wahre Preismaßstab, nach welchem der Wert aller 
Waren immer und überall geschätzt und verglichen 
werden kann. Sie ist ihr wahrer Preis; Geld nur ihr 
nomineller. 



46 Erstes Bucli: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Obwohl aber gleiche Mengen Arbeit für den Arbeiter 
immer gleichen Wert haben, so scheinen sie doch für 
den, der den Arbeiter beschäftigt, bald mehr, bald 
weniger wert zu sein. Er erkauft sie bald mit einer 
größeren, bald mit einer kleineren Menge von Gütern, 
und ihm scheint der Preis der Arbeit ebenso wie der 
aller andern Dinge zu schwanken. In dem einen Falle 
erscheint sie ihm teuer, in dem anderen wohlfeil. In 
Wahrheit jedoch sind es die Güter, die in dem einen 
Falle wohlfeil, und im andern teuer sind. 

In diesem volkstümlichen Sinne kann man daher 
sagen, die Arbeit habe gleich den Waren einen wirk- 
lichen und einen nominellen Preis. Ihr wirklicher, kann 
man sagen, besteht in der Menge von Bedürfnissen und 
Annehmlichkniten des . Lebens, welche dafür gegeben 
wird; ihr nomineller Preis in der Menge Geld. Der 
Arbeiter ist reich oder arm, gut oder schlecht belohnt, 
je nach dem wirklichen, nicht dem nominellen Preise 
seiner Arbeit. 

Die Unterscheidung zwischen dem wirklichen oder 
Sachpreise und dem nominellen Preise der Waren und 
der Arbeit ist nicht etwa nur eine Sache der bloßen 
Theorie, sondern kann bisweilen in der Praxis von 
großem Nutzen sein. Der gleiche Sachpreis hat immer 
den gleichen Wert; der nominelle Preis dagegen ist 
wegen der Schwankungen im Werte des Goldes und 
Silbers zuweilen von sehr verschiedenem Werte. Wenn 
daher ein Landgut unter dem Vorbehalt einer immer- 
währenden Rente verkauft wird, und die Kente stets 
denselben Wert haben soll, so ist es für die Familie, 
zu deren Gunsten dies ausgemacht wird, von Wichtig- 
keit, daß sie nicht in einer bestimmten Summe Geldes 
bestehe. In diesem Falle würde ihr Wert Schwan- 
kungen doppelter Art ausgesetzt sein; erstens der, 
welche aus den verschiedenen Mengen Goldes und 
Silbers, die zu verschiedenen Zeiten in Münzen von 



Kap. v.: Vom wahron iinrl nominpllen Preise der Waren. 47 

demselben Nennwert enthalten sind, entspringt, und 
zAveitens der, welche durch den verschiedenen Wert 
gleicher Mengen Goldes und Silbers zu verschiedenen 
Zeiten veranlaßt wird. 

Fürsten und Republiken haben es oft für einen 
zeitweihgen Voi'teil gehalten, die in ihren Münzen ent- 
haltene Menge reinen Metalls zu vermindern ; aber 
selten fanden sie es vorteilhaft, sie zu vermehren. Dem- 
gemäß hat, glaube ich, die Menge des in den Münzen 
aller Nationen enthaltenen Metalls sich fast beständig 
vermindert und kaum jemals zugenommen. Solche Ver- 
änderungen haben daher fast überall den Erfolg, den 
Wert einer Geldrente zu verringern. 

Die Entdeckung der amerikanischen Mineralschätze 
verminderte den Wert des Goldes und Silbers in Eu- 
ropa. Diese Verringerung geht, wie man gewöhnlich, 
obgleich nach meinem Dafürhalten ohne sichern Be- 
weis annimmt, noch immer stufenweise fort und wird 
wahrscheinlich noch lange Zeit fortdauern. Ist diese 
Annahme richtig, so werden solche Veränderungen den 
Wert einer Geldrente eher vermindern, als vermehren, 
selbst wenn ihre Zahlung nicht in einer bestimmten 
Summe einer so oder so benannten Münzsorte (z. B. 
in so und so viel Pfund Sterling), sondern in so und 
so viel Pfund reinen Silbers oder Silbers von einem 
gewissen Feingehalt ausbedungen wäre. 

Die in Getreide ausbedungenen Renten haben 
ihren Wert weit besser bewahrt, als die in Geld aus- 
bedungenen, selbst wenn der Nennwert der Münze keine 
Änderung erlitten hatte. Durch eine Parlamentsakte 
aus dem achtzehnten Regierungsjahre Elisabeths wui'de 
verordnet, daß der dritte Teil des Pachtzinses aller 
Universitätsgüter in Getreide ausbedungon werden solle, 
das entweder in natura oder nach dem Marktpreise zu 
entrichten sei. Das Geld, welches aus dieser Gotreide- 
rente einkommt, beträgt, obgleich ursprünglich nur ein 



48 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskrat't der Arbeit. 

Drittel des Ganzen, nach Dr. Blackstone gegenwärtig 
in der Regel beinahe das Doppelte der andern zwei 
Drittel. Die alten Geldi'enten der Universitäten müssen 
hiernach beinahe auf den vierten Teil ihres früheren 
Wertes gesunken sein oder sie sind kaum mehr wert, 
als den vierten Teil des Getreides, welches sie früher 
wert waren. Dennoch hat seit der Regierung Philipps 
und Marias der Nennwert der englischen Münze wenig 
oder keine Änderung erfahren, und dieselbe Zahl 
Pfunde, Schillinge und Pence hat immer fast dieselbe 
Menge reinen Silbeis enthalten. Jene Entwertung dei 
Geldrenten der Universitäten ist daher ausschließlich 
durch die Entwertung des Silbers entstanden. 

Wenn zur Entwertung des Silbers noch eine Ver- 
minderung seiner in den Münzen von gleicher Be- 
nennung enthaltenen Menge hinzutritt, so ist der Verlust 
oft noch grüßer. In Schottland, wo der Nennwert der 
Münze viel größere Veränderungen erlitten hat, als 
jemals in England, und in Frankreich, wo er noch 
größere erlitt, als jemals in Schottland, sind manche alte 
Renten, die uisprünglich einen ansehnlichenWert hatten, 
auf diese Weise beinahe auf Nichts herabgesunken. 

Gleiche Mengen Arbeit werden in entfernten 
Epochen mit annähernd gleichen Mengen Getreides, 
der Hauptnahrung der Arbeiter, weit weniger aber mit 
gleichen Mengen Goldes und Silbers, oder vielleicht 
auch aller anderen Waren erkauft. Gleiche Mengen 
Getreide werden also in verschiedenen Zeiten denselben 
Sachwert haben, oder den Besitzer befähigen, annähernd 
dieselbe Menge Arbeit andei-er Leute damit zu erkaufen 
oder über sie zu verfügen. Sie werden dies, sage ich 
eher tun, als gleiche Mengen fast aller anderen Waren; 
denn genau tun es selbst die gleichen Getreide- 
mengen nicht. Die Unterhaltsmittel des Arbeiters 
oder der wirkliche Preis der Arbeit ist, wie ich später 



Kap. v.: Vom wahren und noininellen Preise der Waren. 49 

zeigen weide, unter verschiedenen Umständen sehr 
verschieden: reichlicher bemessen in einer zur Wohl- 
habenheit fortschreitenden, als in einer stillstehenden 
Gesellschaft, und reichlicher in einer stillstehenden, als 
in einer rückwärtsgehenden. Alle andern Waren jedoch 
werden zu einer gewissen Zeit eine größere oder kleinere 
Menge Arbeit erkaufen, je nach der Menge von Lebens- 
mitteln, welche sie zu dieser Zeit kaufen können. Eine 
in Getreide ausbedungene Rente ist daher nur den 
Veränderungen in der Arbeitsmenge unterworfen, die 
eine bestimmte Getreidemenge kaufen kann. Eine in 
irgend einer anderen Ware ausbedungene Rente ist 
dagegen nicht nur den Veränderungen der mit einer 
gewissen Getreidemenge erkaufbaren Arbeitsmenge, 
sondern auch den Veränderungen der mit einer be- 
stimmten Menge jener Ware erkauf baren Menge Ge- 
treide ausgesetzt. 

Man muß indeß beachten, daß der Wert einer 
Getreidereute sich zwar von Jahrhundert zu Jahr- 
hundert viel weniger verändert, als der einer Geld- 
rente, dafür aber von Jahr zu Jahr desto mehr schwankt. 
Der Geldpreis der Arbeit schwankt nicht, wie ich 
später zu zeigen suchen werde, von Jahr zu Jahr mit 
dem Geldpreise des Getreides, sondern scheint sich 
überall nicht dem zeitweiligen oder gelegentlichen, 
sondern dem Durchschnitts- oder gewöhnlichen Preise 
dieses Lebensbedürfnisses anzupassen. Der Durch- 
schnitts- oder gewöhnliche Preis des Getreides wird 
wiederum, wie ich gleichfalls später zeigen werde, 
durch den Wert des Silbers, durch die Ergiebigkeit 
oder Unergiebigkeit der den Markt mit diesem Metall 
versehenden Bergwerke oder durch die Arbeitsmenge, 
die aufgewendet und folglich des Getreides, das ver- 
zehrt werden muß, um eine bestimmte Menge Silbers 
aus den Bergwerken auf den Markt zu bringen, be- 
Adam Smitli, Volkswohlstand. I. i 



50 Erstes Bncli: Ziinahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

stimmt. Der Wert des Silbers aber ändert sich zwar 
zuweilen beträchtlich von Jahrhundert zu Jahrhundert, 
doch selten bedeutend von Jahr zu Jahr; sondei-n er 
bleibt oft ein halbes oder ein ganzes Jahrhundert hin- 
durch derselbe oder nahezu derselbe. Mithin kann 
auch der gewöhnliche oder durchschnittliche Geldpreis 
des Getreides während einer solchen Periode derselbe 
oder nahezu derselbe bleiben, und mit ihm auch der 
Geldpreis der 'Arbeit, vorausgesetzt natürlich, daß die 
Gesellschaft auch in anderer Beziehung in derselben 
oder nahezu derselben Lage verharrt. Mittlerweile 
kann der zeitweilige und gelegentliche Preis des Ge- 
treides oft in dem einen Jahre doppelt so hoch sein als 
im vorhergehenden, und z. B. der Quarter zwischen 
fünfundzwanzig und fünfzig Schilling schwanken. 
Wenn aber das Getreide auf letzterem Preise steht, so 
wird nicht nur der nominelle, sondern auch der Sach- 
wert einer Getreiderente gegen die vorhergehende der 
doppelte sein oder man wird dafür die doppelte Menge 
Arbeit oder die doppelte Menge der meisten anderen 
Waren zur Verfügung haben, da der Geldpreis der 
Arbeit und mit ihm der der meisten anderen Dinge 
während all dieser Schwankungen unverändert bleibt. 
Es leuchtet also ein, daß die Arbeit sowohl das 
einzige allgemeine, als das einzige genaue Maß des 
Wertes oder der einzige Maßstab ist, nach welchem 
die Werte der verschiedenen Waren immer und überall 
verglichen werden können. Es ist einzuräumen, daß 
wir den wirklichen Wert verschiedener Waren nicht 
von Jahrhundert zu Jahrhundert nach den Mengen 
Silber, die dafür gegeben werden müssen, auch nicht 
von Jahr zu Jahr nach den Getreidemengen schätzen 
können. Aber nach den Arbeitsmengen kann man ihn 
mit der grc)ßten Genauigkeit sowohl von Jahrhundert 
zu Jahrhundert, als von Jahr zu Jahr schätzen. Von 
Jahrhundert zu Jahrhundert ist Getreide ein besserer 



Kap. v.: Vom waln-on und nominellen Prei.se der Waren. 51 

Maßstab als Silbei-, weil von Jahilnmdert zu Jahrhundert 
für gleiche Getreidomengen viel eher die nämliche Ar- 
beitsmenge zu haben sein wiid, als für gleiche Mengen 
Silber. Umgekehrt ist das Silber ein besserer Maßstab 
von Jahr- zu Jahr, als das Getreide, weil für gleiche 
Mengen Silber viel eher die nämliche Menge Arbeit 
zur Verfügung stehen wird. 

Obschon es aber bei Feststellung immerwährender 
Renten oder selbst bei Abschließung sehr langer Pacht- 
verti'äge von Nutzen sein kann, zwischen dem wahren 
und dem nominellen Preis zu unterscheiden, so hat es 
doch keinen Nutzen beim Kauf und Verkauf, den ge- 
wöhnlicheren und häufigeren Geschäften des mensch- 
lichen Lebens. 

Zu derselben Zeit und an demselben Orte stehen 
der wirkliche und der nominelle Preis aller Waren in 
genauem Verhältnis zu einander. Je mehr oder weniger 
Geld man für eine Ware z. B. auf dem Londoner 
Markte erhält, desto mehr oder weniger Arbeit wird 
man zu dieser Zeit und an diesem Orte dafür kaufen 
und erhalten können. Zu derselben Zeit und an dem- 
selben Ort ist daher Geld der genaue Maßstab des 
wirklichen Tauschwerts aller Waren. Doch ist dies eben 
nur zu derselben Zeit und an demselben Ort der Fall. 

Obgleich an entfernten Plätzen kein geregeltes Ver- 
hältnis zwischen dem wirklichen und dem Geldpreise 
der Waren besteht, so hat doch der Kaufmann, der 
Güter von einem Ort zum andern bringt. Nichts als 
ihren Geldpreis oder den Unterschied zwischen der 
Menge Silber, für die er sie kauft, und der, für die 
er sie wahrscheinlich verkaufen wird, zu beachten. Für 
eine halbe Unze Silber mag zu Canton in China mehr 
Arbeit und mehr an Lebens- und Genußmitteln zu haben 
sein, als für eine Unze in London. Eine Ware, die in 
Canton für eine halbe Unze Silber verkauft wird, kann 

4* 



52 Erstes Euch: Zunahme in der Ertrag-skraft der Arbeit. 

mithin an diesem Ort in Wirklichkeit teurer und für 
ihren Besitzer von größerer Bedeutung sein, als es eine 
Ware, die in London für eine Unze verkauft wird, für 
ihren Besitzer in London ist. AVenn jedoch ein Londoner 
Kaufmann zu Canton für eine halbe Unze Silber eine 
Ware kaufen kann, die er hernach in London für eine 
Unze zu verkaufen imstande ist, so gewinnt er hundert 
Prozent bei dem Handel, gerade so viel, als wenn eine 
Unze Silber in London ganz denselben AVert hätte, als 
in Canton. Es kommt für ihn nicht in Betracht, daß 
er für eine halbe Unze Silber in Canton mehr Arbeit 
und eine gr()ßere Menge Lebens- und Genußmittel zur 
Verfügung haben würde, als für eine Unze in London. 
Eine Unze verschafft ihm auch in London doppelt so 
viel, als was ihm eine halbe Unze daselbst verschaffen 
könnte, und das ist es gerade, was er wünscht. 

Da es also der nominelle oder Geldpreis ist, der 
schließlich über die Vorsichtigkeit und Unvorsichtig- 
keit aller Käufe und Verkäufe entscheidet, und des- 
halb fast alle Geschäfte des täglichen Lebens, in denen 
es auf den Preis ankommt, regelt, so ist es kein Wun- 
der, daß man auf ihn so viel mehr als auf den wirk- 
lichen Preis geachtet hat. 

In einem Werke jedoch, wie das gegenwärtige, 
kann es zuweilen nützlich sein, die wirklichen Werte 
einer Ware zu verschiedenen Zeiten und an verschie- 
denen Orten, oder die verschiedenen Grade der Macht 
über die Arbeit Anderer, die sie in verschiedenen 
Fällen ihren Besitzern verliehen haben kann, zu ver- 
gleichen. Wir müssen in diesem Falle nicht sowohl die 
verschiedenen Mengen Silber, für die die Ware ge- 
wöhnlich verkauft wurde, als die verschiedenen Mengen 
Arbeit, die für jene verschiedenen Mengen Silber zu 
kaufen waren, vergleichen. Allein die üblichen Preise 
der Arbeit in entlegenen Zeiten und Orten sind kaum 



Kap. v.: Vom walircii uml nominellen Preise der Waren. 53 

jemals mit einiger Genauigkeit zu ermitteln. Die Ge- 
treidepreise sind, obwohl auch sie nur an wenigen 
Orten regelmäßig aufgezeichnet wurden, im Allge- 
meinen bekannt, und von Geschichtsschreibern und 
anderen Schriftstellern öfters erwähnt worden. Daher 
müssen wir uns im Allgemeinen an ihnen genügen 
lassen; nicht weil sie zu dem üblichen Preise der Ar- 
beit immer genau in demselben Verhältnis ständen, 
sondern weil sie sich gewöhnlich diesem Verhältnis 
am meisten nähern. Ich werde künftig Gelegenheit 
haben, einige Vergleichungen dieser Art zu machen. 

Bei zunehmender Betriebsamkeit fanden es die 
handeltreibenden Nationen zweckmäßig, verschiedene 
Metalle zu Geld auszuprägen ; Gold für größere Zahl- 
ungen, Silber für Käufe von mäßigem Werte, und 
Kupfer oder ein anderes unedles Metall für Käufe von 
noch geringerem Belang. Doch betrachteten sie stets 
eines dieser Metalle vorzugsweise als Maßstab des 
Wertes, und diesei' Vorzug scheint im iVllgemeinen 
demjenigen Metall gegeben worden zu sein, welches 
sie gerade zuerst als Tauschwerkzeug gebraucht hatten. 
Nachdem sie einmal angefangen hatten, es als ihren 
Maßstab zu benutzen (was sie tun mußten, so lange 
sie noch kein anderes Geld hatten), blieben sie ge- 
wöhnlich dabei, auch wenn die Nötigung nicht mehr 
die gleiche war. 

Die Römer sollen bis zum fünften Jahre vor dem 
ersten punischen Kriege'''), wo sie zuerst Silber aus- 
münzten, nur Kupfei-geld gehabt haben. Daher scheint 
Kupfer auch stets der Wertmaßstab in dieser Republik 
geblieben zu sein. In Rom scheinen alle Rechnungen 
und der Wert aller Grundstücke entweder nach Assen 
oder Sestertien aufgestellt worden zu sein. As war 
immer der Name einer Kupfermünze. Das Wort Sester- 

''') Plinins lib. XXXIII, c. 3. 



54 Erstes Bucli: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

tius bedeutet zwei und einen halben As. Obgleich 
also der Sestertius ursprünglich eine Silbermünze war, 
so wurde sein Wert doch in Kupfer angegeben. Von 
einem, der viel Geld schuldig war, sagte man in ßom, 
er habe viel von anderer Leute Kupfer. 

Die nordischen Völker, welche sich auf den Ruinen 
des römischen Reiches festsetzten, scheinen gleich im 
Anfang ihrer Niederlassungen Silbergeld gehabt und 
noch lange Zeit danach weder Gold- noch Kupfer- 
münzen gekannt zu haben. In England gab es zur Zeit 
der Sachsen Silbermünzen, Gold aber wurde bis zur 
Zeit Eduards III. nur wenig, und Kupfer bis auf 
Jakob I. von Großbritannien gar nicht gemünzt. Des- 
halb wurden in England, und aus dem gleichen Grunde 
wohl unter allen andern neueren Völkern Europas, alle 
Rechnungen und der Wert aller Waren und Grund- 
stücke allgemein in Silber berechnet; und wenn wir die 
Summe eines Vermögens angeben wollen, so sprechen 
wir selten von der Anzahl Guineen, sondern gewöhnlich 
von der Zahl Pfunde Sterling, auf die wir es schätzen. 

Ursprünglich war, glaube ich, in allen Ländern nur 
die Münze aus demjenigen Metall, welches vorzugsweise 
als Wertmaßstab oder Wertmesser betrachtet wurde, 
gesetzliches Zahlungsmittel. In England sah man das 
Gold noch lange, nachdem es schon zu Geld gemünzt 
wurde, nicht als gesetzliches Zahlungsmittel an. Das 
Wertverhältnis zwischen dem Gold- und Silbergold 
war nicht durch Gesetz oder Verordnung festgestellt, 
sondern seine Bestimmung war dem Markte überlassen. 
Wenn ein Schuldner Zahlung in Gold anbot, so konnte 
der Gläubiger eine solche Zahlung entweder ganz zurück- 
weisen, oder sie nach einer mit dem Schuldner zu ver- 
einbarenden Schätzung des Goldes annehmen. Ku|)fer 
ist gegenwärtig nur für die Verwechslung kleiner Silber- 
münzen gesetzliches Zahlungsmittel. In diesem Stadium 



Kap. v.: Vom vvuhron und nominellen Prei.se der Waren. 55 

war die Unterscheidung zwischen dem Währungsmetall 
und demjenigen, das dies nicht war, etwas mehr als 
eine blos nominelle Unterscheidung. 

Im Verlauf der Zeit, und als die Leute mit dem 
Gebrauch der verschiedenen gemünzten Metalle all- 
mählich vertrauter wurden und sich folglich an das 
Verhältnis zwischen ihren bezüglichen Werten besser 
gewöhnten, fand man es in den meisten Ländern, wie 
ich glaube, zweckmäßig, dies Verhältnis festzustellen, 
und durch Gesetz zu bestimmen, daß z. B. eine Guinee 
von dem und dem Schrot und Korn einundzwanzig 
Schilling gelten oder ein gesetzliches Zahlungsmittel 
für eine Schuld von diesem Betrage sein solle. In 
diesem Stadium und während der Dauer eines derartig- 
geregelten Verhältnisses wird die Unterscheidung 
zwischen dem Währungsmetall und demjenigen, das 
dies nicht ist, wenig mehr als eine nominelle. 

Infolge einer Veränderung dieses geregelten Ver- 
hältnisses wird jedoch diese Unterscheidung wieder 
etwas mehr, als eine bloß nominelle, oder scheint es 
wenigstens zu werden. Wenn z. B. der geregelte Wort 
einer Guinee entweder auf zwanzig Schilling vermindert 
oder auf zweiundzwanzig erhöht würde, so könnte, da 
alle Rechnungen in Silbergeld geführt und fast alle 
Schuldverschreibungen in diesem ausgedrückt sind, der 
größte Teil der Zahlungen zwar in beiden Fällen mit 
derselben Summe Silbergeldes, wie früher, geleistet 
werden, würde aber in Goldmünze eine sehr abweichende 
Summe erfordern: eine größere in dem einen, eine 
kleinere in dem anderen Falle. Das Silber würde in 
seinem Werte unveränderlicher erscheinen, als das Gold; 
es würde scheinen, daß das Silber den Wert des Goldes, 
nicht aber das Gold den dos Silbers messe. Der Weit 
des Goldes würde von der Monge Silbers, gegen die es 
umtauschbar wäre, abhängig scheinen, und der Wert 



56 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

des Silbers würde von der Menge Gold, die dafür 
zu haben wäre, unabhängig scheinen. Dieser Unter- 
schied hätte jedoch seinen Grund lediglich in der Ge- 
wohnheit, die Rechnungen lieber in Silber als in Gold 
zu führen und den Betrag aller großen und kleinen 
Summen in Silbergeld auszudrücken. Eine von Herrn 
Drummonds Noten über fünfundzwanzig oder fünfzig 
Guineen würde nach einer solchen Veränderung immer 
noch, wie früher, mit fünfundzwanzig oder fünfzig 
Guineen zu bezahlen sein. Sie wäre nach einer solchen 
Veränderung mit der nämlichen Menge Gold zu be- 
zahlen, wie früher, aber mit sehr verschiedenen Mengen 
Silbers. Hat man eine solche Note zu zahlen, so würde 
das Gold in seinem Werte unveränderlicher zu sein 
scheinen, als das Silber. Gold würde den Wert des 
Silbers, nicht aber Silber den des Goldes zu messen 
scheinen. Wenn die Gewohnheit, Rechnungen und 
Zahlungsversprechen, so wie andere Schuldverschrei- 
bungen, in dieser Weise auszustellen, einmal allgemein 
werden sollte, so würde das Gold, und nicht das Silber 
als das Metall betrachtet werden, das vorzugsweise der 
Wertmaßstab oder Wertmesser wäre. 

In Wirklichkeit regelt während der Dauer eines 
zwischen den bezüglichen Werten der verschiedenen 
Münzmetalle festgesetzten Verhältnisses der Wert des 
kostbarsten Metalls den Wert des gesamten Geldes. 
Zwölf Kupferpen ce enthalten ein halbes Pfund (Soll- 
gewicht) Kupfer nicht von der besten Qualität, welches, 
bevor es gemünzt ist, kaum sieben Pence an Silber wert 
ist. Da aber gesetzlich zwölf solche Pence einen 
Schilling gelten, so werden sie auf dem Markte als 
einen Schilling wert betrachtet und kann man zu jeder 
Zeit einen Schilling dafür erhalten. Vor der letzten 
Umj)iägung der britischen Goldmünzen war das Gold, 
wenigstens so viel davon in London und seiner Um- 



Kap. v.: Vom wahren und nominellen Preise der Waren. 57 

gegend im Umlauf war, im Allgemeinen weit weniger 
als das meiste Silber, unter sein gesetzliches Gewicht 
gesunken. Dennoch wurden einundzwanzig abgenutzte 
und verwischte Schillinge als gleichwertig mit einer 
Guinee betrachtet, welche allerdings Tielleicht auch ab- 
genutzt und verwischt war, aber doch selten in solchem 
Grade. Die neueren Regelungen haben die Goldmünze 
ihrem Normalge wicht vielleicht so nahe gebracht, als 
dies überhaupt mit dem Kurantgeld eines Landes 
möglich ist, und die Verordnung, kein Gold bei den 
Staatskassen anders als nach dem Gewicht anzunehmen, 
wird dieses wahrscheinlich so lange vollwichtig erhalten, 
als jene Verordnung aufrecht erhalten bleibt. Die 
Silbermünze ist noch immer in demselben abgenutzten 
und verschlechterten Zustande, wie vor dei" Umprä- 
gung der Goldmünze. Auf dem Markt jedoch werden 
einundzwanzig Schillinge dieser verschlechtorten Silber- 
münze noch immer als dem Wert einer Guinee von dieser 
ausgezeichneten Goldmünze entsprechend betrachtet. 

Die Umprägung der Goldmünze hat offenbar den 
Wert der Silbermünze, die dagegen umgewechselt 
werden kann, gesteigert. 

In der englischen Münze wird ein Pfund Gold zu 
vierundvierzig einer halben Guinee ausgemünzt, was, die 
Guinee zu einundzwanzig Schilling gerechnet, sechs- 
undvierzig Pfund Sterling, vierzehn Schilling und sechs 
Pence ausmacht. Die Unze gemünzten Goldes ist mithin 
£3 17 sh. 10^2 d. in Silber wert. In England wird 
kein Aufschlag oder Schlagschatz für das Prägen ge- 
zahlt, und wer ein Pfund oder eine Unze vollwichtiges 
Goldbullion zur Münze bringt, bekommt ein Pfund 
oder eine Unze in gemünztem Golde ohne allen Ab- 
zug zurück. Drei Pfund, siebzehn Schilling und zehn 
und ein halber Penny die Unze, nennt man daher in 
England den Münzpreis des Goldes oder die Menge 



58 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

gemünzten Goldes, die die Münze für vollwichtiges 
Goldbullion zurückgibt. 

Vor der Umprägung der Goldmünze war der 
Marktpreis der Unze vollwichtigen Goldbullions viele 
Jahre hindurch über £ 3. 18 sh., manchmal £ 3. 19 sh. und 
sehr oft £ 4; diese Summe wahrscheinlich in der ab- 
genutzten und verschlechterten Goldmünze, die selten 
mehr als eine Unze vollwichtigen Goldes enthielt. Seit 
der Umprägung der Goldmünze übersteigt der Markt- 
preis der Unze vollwichtigen Barrengoldes selten 
£ 3. 17 sh. 7 d. Vor der Umprägung stand der Marktpreis 
stets mehr oder weniger über dem Münzproise; nach 
ihr hingegen beständig darunter. Doch ist dieser 
Marktpreis derselbe, gleichviel ob er in Gold- oder 
Silbermünze gezahlt wird. Die letzte Umprägung hat 
mithin nicht nur den Wert der Goldmünze, sondern 
gleicherweise den der Silbermünze im Verhältnis zum 
Goldbullion und wahrscheinlich auch im Verhältnis 
zu allen andern Waren erhöht, obgleich wegen des 
Einflusses, den so manche andere Umstände auf den 
Preis der meisten andern Waren haben, die Erhöhung 
des Wertes sowohl der Gold- wie der Silbermünzen, 
im Vergleich mit dem Warenpreise, nicht so deutlich 
und fühlbar sein kann. 

In der englischen Münze wird ein Pfund vollwich- 
tigen Barrensilbers zu zweiundsochzig Schilling ausge- 
münzt, die ebenfalls ein richtiges Pfund vollwichtigen 
Silbers enthalten. Fünf Schillng und zwei Pence die 
Unze, heißt daher in England der Münzpreis des Sil- 
bers oder die Menge Siibermünze, die die Münze für 
vollwichtiges Barrensilber gibt. Vor der Umprägung 
der Goldmünze war der Marktpreis des vollwichtigen 
Barrensilbers nach Umständen fünf Schilling und vier 
Pence, fünf Schilling und fünf Pence, fünf Schilling 
und sechs Pence, fünf Schilling und sieben Pence, 
und sehr oft fünf Schilling und acht Pence die Unze. 



Kap. v.: Vom wahren und nominellen Preise der Waren. 59 

Doch scheint fünf Schilling und sieben Pence der ge- 
wöhnlichste Preis gewesen zu sein. Seit der Uniprä- 
gung der Goldmünze ist der Marktpreis des vollwichti- 
gen Barrensilbers gelegentlich auf fünf Schilling und 
drei Pence, fünf Schilling und vier Pence, und fünf 
Schilling und fünf Pence die Unze gefallen, welchen 
letzten Preis es kaum je überstiegen hat. Obgleich der 
Marktpreis des Barrensilbers seit der Umprägung der 
Goldmünze beträchtlich gefallen ist, so ist er doch 
nicht so tief gefallen wie der Münzpreis. 

Wie in dem Vorhältnisse zwischen den verschie- 
denen Metallen der englischen Münzen das Ku[)Fer 
weit über seinen wirklichen "Wert angesetzt ist, so das 
Silber etwas unter ihm. Auf dem europäischen Markte, 
in den französischen und holländischen Münzen gilt 
eine Unze feinen Goldes etwa vierzehn Unzen feinen 
Silbers. Nach englischem Münzfuß gilt sie etwa fünf- 
zehn Unzen, d. h. mehr Silber als sie nach der allge- 
meinen Schätzung Europas wert ist. So wenig aber 
der Preis des rohen Kupfers in England durch den 
hohen Preis des Kupfers in den englischen Münzen 
gestiegen ist, so wonig ist der Preis des Barrensilbers 
durch den niedrigen Satz des Silbers in den englischen 
Münzen gefallen. Barrensilbor steht noch in seinem 
richtigen Verhältnis zum Golde, aus demselben Grunde, 
aus dem rohes Kupfer noch in seinem richtigen Ver- 
hältnis zum Silber steht. 

Nach der Umprägung der Silbermünze unter der 
Regierung Wilhelms IIJ. blieb der Preis des Barren- 
silbers noch immer etwas über dem Münzpreise. Locke 
schrieb diesen hohen Preis dem Umstände zu, daf.5 es 
wohl gestattet war, Barrensilber, aber nicht Silber- 
münze auszufüliren. Jene Ausfulirorhiubnis, sagt er, 
mache die Nachfrage nach iiai'rcnsilber größer als die 
nach Silbermünzo. Allein die Zahl derer, die zum 



60 Erstes Buch: Zmialime in der Ertragski-aft der Arbeit. 

täglichen Gebrauch beim Kaufen und Verkaufen im Lande 
Silbermünzc nötig haben, ist sicherHch weit gr()ßer, als 
die Zahl derer, welche zur Ausfuhr oder zu irgend einem 
anderen Zweck Barrensilber brauchen. Es ist gegen- 
wärtig auch gestattet Goldbarren — und verboten, Gold- 
münzen auszuführen; und dennoch ist der Preis der 
Goldbarren unter den Münzpreis gefallen. Aber damals 
wurde ganz so wie jetzt, in den englischen Münzen 
das Silber im Verhältnis zum Golde zu niedrig ausge- 
bracht, und die Goldmünze, von der man zu jener Zeit 
auch nicht glaubte, daß sie einer Umprägung bedürfe, 
regelte ebenso wie jetzt, den wahren Wert aller Mün- 
zen. Da die Umprägung der Silbermünze den Preis 
des Barrensilbers damals nicht auf den Münzpreis 
herabsetzte, so ist es nicht sehr wahrscheinlich, daß 
eine ähnliche Umprägung dies jetzt bewirken würde. 

Wäre die Silbermünze ihrem Normalgewicht so 
nahe gebracht, wie das Gold, so würde man nach dem 
jetzigen Verhältnis für eine Guinee wahrscheinlich mehr 
Silber in Münze erhalten, als in Barren. Enthielte das 
Silbergeld sein volles gesetzliches Gewicht, so würde 
es vorteilhaft sein, es einzuschmelzen, um es erst in 
Barren für Goldmünze zu verkaufen, und diese Gold- 
münze dann wieder gegen Silbergeld umzuwechseln, 
um dies gleichfalls einzuschmelzen. Eine Änderung im 
gegenwärtigen Verhältnis scheint das einzige Mittel 
zu sein, diesem Übelstande zu steuern. 

Der Ubelstand wäre vielleicht geringer, wenn das 
Silber in den Münzen um eben so viel über seinem 
richtigen Verhältnis zum Golde ausgebracht würde, 
als jetzt unter ihm, vorausgesetzt, es werde zu gleicher 
Zeit verordnet, daß Silber nicht für mehr als eine Guinee 
gesetzliches Zahlungsmittel sein solle, gerade so, wie 
Kupfer nicht für mehr als einen Schilling gesetzliches 
Zahlungsmittel ist. In diesem Falle könnte kein Gläu- 



Kap. v.: Vom waliron ximl nominellen Preise der Waren, ßl 

biger durch die hohe Wertung des Silbers in den Münzen 
beeinträchtigt werden, so wenig jetzt ein Gläubiger durch 
die hohe Wertung des Kupfers verkürzt wird. Nur die 
Bankiers würden unter dieser Anordnung leiden. AVenn 
ein Andrang zu ihren Zahlstellen entsteht, so suchen sie 
zuweilen dadurch Zeit zu gewinnen, daß sie in Six- 
pence-Stücken zahlen; durch jene Anordnung aber 
würde ihnen dies schimpfliche Mittel, einer unmittelbaren 
Zahlung auszuweichen, abgeschnitten sein. Sie würden 
sich deshalb gezwungen sehen, stets eine größere Summe 
baren Geldes in ihren Kassen liegen zu haben, als ge- 
genwärtig und wenn dies auch ohne Zweifel eine große 
Unbequemlichkeit für sie sein könnte, so wäre es doch 
gleichzeitig für ihre Gläubiger eine große Sicherheit. 
Drei Pfund, siebzehn Schilling und zehn und ein 
halber Penn}^ (der Münzpreis des Goldes) enthalten selbst 
in unserer dermaligen ausgezeichneten Goldmünze gewiß 
nicht mehr als eine Unze vollwichtigen Goldes, und soll- 
ten also, wie man denken könnte, auch nicht mehr in 
vollwichtigen Barren zu kaufen vermögen. Allein ge- 
münztes Gold ist bequemer als Gold in Stangen, und 
obwohl in England das Prägen kostenfrei geschieht, so 
kann doch das in Stangen zur Münze gebrachte Gold 
dem Eigentümer selten früher, als nach Verlauf einiger 
Wochen, gemünzt zurückgegeben werden. In dem jet- 
zigen Geschäftsdrange der Münze könnte es erst nach 
Verlauf mehrerer Monate zurückgegeben werden. Dieser 
Verzug kommt einer kleinen Abgabe gleich und macht 
gemünztes Gold etwas wertvoller, als eine gleiche Menge 
Stangengold. AVenn in den englischen Münzen das 
Silber nach seinem richtigen Verhältnis zum Golde aus- 
gebracht würde, so würde der Preis des Barrensilbers 
wahrscheinlich schon ohne alle Umprägung der Silber- 
münzen unter den Münzpreis herabsinken, da sogar der 
Wert der jetzigen abgenutzten und verwischten Silber- 



62 Erstes Biich: Zunahme in der Ertragskral't der Arbeit. 

münzen sich nach dem Werte der vortrefflichen Gold- 
münzen richtet, für die es umgetauscht werden kann. 

Ein kleiner Schlagschatz o.ler Aufschlag sowohl auf 
die Gold- wie auf die Silbermünzen würde wahrschein- 
lich die höhere Geltung dieser Metalle im gemünzten, 
als im ungeprägten Zustande noch steigern. Das Prägen 
würde in diesem Falle den Wert des gemünzten Metalls 
um diese kleine Gebühr erhöhen, aus demselben Grunde, 
aus dem die Facon den Wert eines Tafelgeschirrs um 
den Preis der Facon erhöht. Die höhere Geltung der 
Münzen als der Barren würde dem Einschmelzen der 
Münze vorbeugen und von ihrer Ausfuhr abhalten. 
Wenn irgend ein öffentliches Bedürfnis es nötig machen 
sollte, die Münzen auszuführen, so würde der größte 
Teil von ihnen bald von selbst wieder zurückkehren. 
Im Auslande könnte sie nur nach ihrem Barrengewicht 
verkauft werden; im Lande dagegen gilt sie mehr als 
dies Gewicht, und es wäre daher vorteilhaft, sie wieder 
nach Hause zu bringen. In Frankreich wird ein Schlag- 
schatz von etwa acht Procent vom Prägen erhoben, 
und die französische Münze soll, wenn sie ausgeführt 
war, von selbst ins Land zurückkehren. 

Die gelegentlichen Schwankungen im Marktpreise 
der Gold- und Silberbarren entstehen aus denselben 
Ursachen wie die gleichen Schwankungen im Preise 
aller andern Waren. Das häufige Verlorengehen dieser 
Metalle bei Unfällen zur See und zu Lande, ihr fort- 
währender Abgang durch Vergolden und Plattieren, in 
Borten und Stickereien, durch Abnutzung des Geldes 
und Geschiirs erfordert in allen Ländern, die keine 
eigenen Minen besitzen, zum Ersatz dieses Verlustes und 
Abganges eine beständige Einfuhr. Die Importeure 
werden, wie alle anderen Kaufleute, ihre gelegentlichen 
Einfuhren wahrscheinlich der mutmaßlichen Nachfrage 
anzupassen suchen. Doch tun sie darin trotz all 



Kap. v.: Vom wahren und nominellen Preise der "Waren. (5.3 

ihrer Aufmerksamkeit manchmal zu viel und manchmal 
zu wenig. Wenn sie mehr Barren einführen, als bo- 
gehit worden, so verkaufen sie bisweilen, um nur nicht 
die Gefahr und Mühe der AViederausfuhr zu haben, 
einen Teil von ihnen etwas unter dem gewöhnlichen 
oder Durchschnittspreise. Haben sie dagegen weniger 
eingeführt, als gebiaucht wird, so nehmen sie etwas 
mehr als diesen Preis. Hält aber unter all diesen zu- 
fälligen Schwankungen der Marktpreis der Gold- oder 
Silbei'barren mehreie Jahre hindurch stetig und un- 
unterbrochen sich entweder über oder unter dem Münz- 
preise, so künnen wir sicher sein, daß diese feste Be- 
ständigkeit des höheren oder niedrigeren Preises durch 
Etwas in dem Zustande der Münze bewirkt sei, was 
dermalen einer bestimmten Münzmenge entweder mehr 
odei- weniger Weit gibt, als der genauen Menge Metall, 
die sie enthalten sollte. Die Beständigkeit und »Stetig- 
keit der Wirkung setzt eine gleiche Beständigkeit und 
Stetigkeit in der Ursache voraus. 

Das Geld eines Landes ist zu bestimmter Zeit und 
an bestimmtem Orte ein mehr oder weniger genauer 
Wertmesser, je nachdem die umlaufenden Münzen 
mehr oder weniger vollwichtig sind, oder mehr oder 
weniger genau die Quantität reineri Goldes oder Silbers 
enthalten, die sie enthalten sollen. Enthielten z. B. in 
England vierund vierzig und eine halbe Guinee genau 
ein Pfund vollwichtigen Goldes, oder elf Unzen feines 
Gold und eine Unze Zusatz, so würde die englische 
Goldmünze ein so genauer Maßstab für den jeweiligen 
Wert der Waren sein, als die Natur der Dinge dies 
überhaupt zuläßt. Wenn aber vierundvierzig und eine 
halbe Guinee infolge der Abnutzung im Allgemeinen 
weniger als ein Pfund vollwichtiges Gold enthalten, 
wobei jedoch die Verminderung in einigen Stücken 
größer ist, als in andeien, so unterliegt der Wertmesser 



(54 Ki'i^tes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

demselben Lose der Unzuverlässigkeit, dem alle anderen 
Gewichte und Maße gewühnlicli ausgesetzt sind. Da 
diese selten genau mit ihrem Original übereinstimmen, 
so bestimmt der Kaufmann nicht nach dem, was diese 
Gewichte und Maße sein sollten, sondern nach dem, 
was sie nach seiner Erfahrung im Durchschnitt wirk- 
lich sind, so gut er kann, den Preis seiner Waren. 
Auf dieselbe Weise wird infolge einer gleichen Ver- 
wirrung in der Münze der Preis der Güter nicht nach 
der Menge reinen Goldes oder Silbers bestimmt, welche 
das Geld enthalten sollte, sondern nach der, die es 
erfahrungsmäßig im Durchschnitt wirklich enthält. 

Unter dem Geldpreise der Güter verstehe ich, was 
zu beachten ist, stets die Menge reinen Goldes oder 
Silbers, für welche sie verkauft werden, ohne alle 
Rücksicht auf die Benennung der Münze. Sechs 
Schillinge und acht Pence zur Zeit Eduards I. sehe 
ich z. B. als gleichwertig mit einem Pfund Sterling 
in unserer Zeit an, weil sie, soweit wir darüber urteilen 
können, dieselbe Menge reinen Silbers enthielten. 



Sechstes Kapitel. 
Die Bestandteile des Warenpreises. 

In dem ersten rohen Zustande der Gesellschaft, 
der der Kapitalanhäufung und Landaneignung vorher- 
geht, scheint das Verhältnis zwischen den Arbeits- 
raengen, die zur Erlangung der verschiedenen Gegen- 
stände notwendig sind, der einzige Umstand zu sein, 
der einen Maßstab für den Tausch des einen gegen 
den anderen bilden kann. Wenn es z. B. unter einem 
Jägervolke in der Regel zweimal so viel Arbeit kostet, 
einen Biber zu erlegen, als ein Reh, so müßte natur- 
gemäß ein Biber zwei Rehe wert sein. Es ist be- 
greiflich, daß das, was gewöhnlich das Produkt zweier 
Tage oder zweier Stunden Arbeit ist, doppelt so viel 
wert sein muß, als das, was das Produkt von einer 
eintägigen oder einstündigen Arbeit zu sein pflegt. 

Ist die eine Art der Arbeit anstrengender, als die 
andere, so wird natürlich eine Vergütung für die 
größere Mühe zugestanden werden, und das Produkt 
einer einstündigen schwereren Arbeit kann oft dem 
Produkt einer zweistündigen leichteren Arbeit im 
Tausch gleich gelten. 

Oder wenn die eine Art Arbeit einen ungewöhn- 
lichen Grad von Geschicklichkeit und Talent erfordert, 
so wird die Achtung, die man für solche Talente hat, 
ihrem Produkte einen höheren Wert geben, als den, der 
nur der aufgewendeten Zeit gebührt. Solche Talente 

Adam Smith, Volkswohlstand. 1. 



6ß Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

können selten ohne langjährige Übung erworben werden, 
und der höhere Wert ihres Produkts kann oft Nichts 
weiter sein, als ein billiger Ersatz für die Zeit und Arbeit, 
welche ihrer Erwerbung gewidmet wurden. In dem 
vorgerückten Stande der Gesellschaft werden derartige 
Zugeständnisse für grcjßere Mühe und Geschicklichkeit 
gewöhnlich im Arbeitslohn gemacht; und etwas Ahn- 
liches muß wahrscheinlich auch im ersten rohen Ge- 
sellschaftszustande platzgegriffen haben. 

In diesem Stadium der Dinge gehört das ganze 
Arbeitsprodukt dem Arbeiter; und die zur Beschaffung 
oder Hervorbringung einer Ware gewöhnlich aufge- 
wendete Arbeitsmenge ist der einzige Umstand, nach 
dem sich diejenige Arbeitsmenge richtet, für die man 
jene Ware gewöhnlich kaufen oder eintauschen muß. 

Sobald sich in den Händen einiger Personen Kapital 
gesammelt hat, wird bald einer oder der andere unter 
ihnen sein Kapital dazu verwenden, fleißige Leute zu 
beschäftigen und mit Rohstoffen und Lebensmitteln zu 
versorgen, um seinerseits aus dem Verkauf ihres Ar- 
beitserzeugnisses, oder aus dem, was das Material 
durch ihre Arbeit an Wert gewinnt, Vorteil zu ziehen. 
Bei dem Austausch der fertigen Waren gegen Geld, 
Arbeit oder andere Güter muß über die Kosten des 
Rohstoffs und der Arbeit noch Etwas für den Gewinn 
des Unternehmers herauskommen, der sein Kapital 
dabei aufs Spiel gesetzt hat. Der Wert, den die Arbeiter 
den Rohstoffen hinzufügen, löst sich daher in diesem 
Falle in zwei Teile auf, von denen der eine ihren 
Lohn, der andere den Gewinn des Arbeitgebers auf 
das ganze für Materialien und Lohn vorgeschossene 
Kapital bezahlt. Letzterer würde kein Interesse haben, 
Arbeiter zu beschäftigen, wenn er nicht aus dem 
Verkaufe ihrer Arbeit etwas mehr, als den Ersatz 
seines Kapitals zu ziehen hoffte, und er würde kein 



Kap. VI.: Die Bestandteile des Warenpreises. 67 

Interesse haben, lieber ein großes als ein kleines 
Kapital anzulegen, wenn sein Gewinn sich nicht nach 
dem Umfange seines Kapitals richtete. 

Man könnte glauben, der Kapitalgewinn sei nur ein 
anderer Name für den Lohn einer besonderen Art Arbeit, 
derjenigen nämlich, die in der Aufsicht und Leitung 
besteht. Der Kapitalgewinn ist jedoch etwas ganz 
anderes, wird durch ganz andere Prinzipien bestimmt 
und steht zu der Menge, der Beschwerlichkeit und dem 
Talenterforderniß jener vorausgesetzten Arbeit der Auf- 
sicht und Leitung in keinem Verhältniß. Er richtet 
sich lediglich nach dem Wert des aufgewendeten Ka- 
pitals, und ist je nach dem Umfange dieses Kapitals 
größer oder geringer. Nehmen wir z. B. an, daß an 
einem Orte, wo der gewöhnliche Jahresgewinn gewerb- 
licher Anlagen zehn Prozent beträgt, zwei Fabriken sich 
befinden, in deren jeder zwanzig Arbeiter zu einem Lohn 
von je fünfzehn Pfund jährlich beschäftigt sind, die also 
im Ganzen je dreihundert Pfund Arbeitslohn zahlen. 
Nehmen wir ferner an, daß die groben Materialien, 
welche jährlich in der einen verarbeitet werden, nur 
siebenhundert Pfund kosten, während die feineren in 
der andern siebentausend kosten. Das in der einen 
jährlich aufgewendete Kapital wird in diesem Falle nur 
tausend Pfund betragen, wogegen das der andern sieben- 
tausend dreihundert Pfund beträgt. Nach dem Satze von 
zehn Prozent wird mithin der Unternehmer der einen 
nur auf einen jährlichen Gewinn von etwa hundert Pfund 
rechnen, während der Unternehmer der anderen auf etwa 
siebenhundert und dreißig Pfund rechnen wird. Obgleich 
aber ihr Gewinn so verschieden ist, kann doch ihre 
Arbeit der Aufsicht und Leitung ganz oder nahezu 
dieselbe sein. In manchen großen Fabriken wird fast 
die ganze Arbeit dieser Art einem Geschäftsführer über- 
tragen.^ Sein Lohn drückt den Wert dieser Arbeit der 



68 Erstes Euch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Aufsicht und Leitung richtig aus. Obwohl bei Fest- 
setzung seines Lohns gewöhnHch nicht nur auf seine 
Arbeit und Geschicklichkeit, sondern auch auf das in 
ihn gesetzte Vertrauen Rücksicht genommen wird, so 
steht dieser Lohn doch niemals in einem geregelten 
Verhältnis zu dem Kapital, dessen Verwaltung er be- 
aufsichtigt: und obwohl der Eigentümer dieses Kapitals 
fast aller Arbeit enthoben ist, rechnet er doch darauf, 
daß sein Gewinn zu seinem Kapital in einem geregelten 
Verhältnis stehe. Mithin bildet im Preise der Waren 
der Kapitalgewinn einen vom Arbeitslohn durchaus 
verschiedenen und nach ganz anderen Grundsätzen 
geregelten Bestandteil. 

Unter diesen Umständen gehört nicht immer das 
ganze Produkt der Arbeit dem Arbeiter. Er muß es 
in den meisten Fällen mit dem Kapitalisten, welcher 
ihm Beschäftigung giebt, teilen. Auch ist die zur Er- 
werbung oder Hervorbringung einer Wai'e gewöhnlich 
erforderliche Arbeitsmenge nicht mehr das Einzige, 
wonach sich die Menge, für welche man jene gewöhn- 
lich kaufen oder eintauschen muß, richtet. Vielmehr 
muß offenbar eine weitere Menge als Gewinn für 
das den Lohn und die gelieferten Rohstoffe vor- 
streckende Kapital hinzukommen. 

Sobald aller Grund und Boden eines Landes 
Privateigentum geworden ist, möchten auch die Grund- 
besitzer, gleich allen anderen Menschen, da ernten, 
wo sie nicht gesät haben, und verlangen sogar für 
die freiwilligen Erzeugnisse des Bodens eine Rente. 
Das Holz des Waldes, das Gras der Wiese und alle 
von selbst wachsenden Früchte der Erde, die, so lange 
der Boden Gemeingut war, den Arbeiter nur die Mühe 
des Sammeins kosteten, werden nun auch für ihn mit 
einem Zuschlagspreise belegt. Er muß nun für die Er- 
laubnis, sie zu sammeln, bezahlen, und an dejt Grund- 



Kap. VI.: Die Bestandteile des Warenpreises. 69 

besitzer einen Teil dessen abgeben, \A'as seine Arbeit 
einsammelt oder hervorbringt. Dieser Teil, oder (was 
auf dasselbe hinauskommt) der Preis dieses Teiles 
bildet die Grundrente, und macht in dem Preise der 
meisten Waren einen dritten Bestandteil aus. 

Der wirkliche Wert aller Bestandteile des Preises 
wird, wie zu beachten ist, nach der Arbeitsmengo ge- 
messen, die für einen jeden von ihnen zu haben ist. 
Die Arbeit mißt den Wert nicht nur desjenigen Teiles 
des Preises, der sich in Arbeit auflöst, sondern auch 
dessen, der sich in Rente, und dessen, der sich in 
Gewinn auflöst. 

In jeder Gesellschaft löst sich am Ende der Preis 
aller Waren in den einen oder andern, oder in alle 
dieser drei Teile auf; und in jeder zivilisierten Gesell- 
schaft treten alle drei mehr oder weniger als Bestand- 
teile in den Preis der bei Weitem meisten Waren ein. 

Im Getreidepreis z. B. zahlt der eine Teil die 
Rente des Grundbesitzers, der andere den Arbeitslohn 
oder Unterhalt der zur Getreideerzeugung verwendeten 
Arbeiter und Arbeitstiere, und der dritte zahlt den 
Gewinn des Pächters. Diese drei Teile scheinen ent- 
weder sogleich oder zuletzt den ganzen Getreidepreis 
auszumachen. Man könnte vielleicht meinen, es sei 
ein vierter Teil nötig, um das Kapital des Pächters 
wieder zu ersetzen, oder den Abgang an Zugvieh und 
Wirtschaftsgerät auszugleichen. Allein man muß be- 
denken, daß der Preis jedes Wirtschaftsstückes, wie 
etwa eines Arbeitspferdes, selbst aus den nämlichen 
drei Teilen besteht: der Rente von dem Lande, auf 
dem es großgezogen wird, der Arbeit es zu warton 
und aufzuziehen, und dem Gewinn des Pächters, der 
sowohl die Rente jenes Landes wie den Arbeitslohn 
vorschießt. Obschon daher im Getreidepreis sowohl 
der Preis wie der Unterhalt des Pferdes bezahlt werden 



70 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

kann, so löst sich doch der ganze Preis entweder so- 
fort oder zuletzt in die nämlichen drei Teile der Rente, 
der Arbeit und des Gewinnes auf. 

Im Preise des Mehls muß man zum Getreide- 
preise den Gewinn des Müllers und den Arbeitslohn 
seiner Leute hinzurechnen; im Preise des Brotes den 
Gewinn des Bäckers und den Lohn seiner Leute; und 
im Preise beider die Arbeit, das Getreide von dem 
Pächter zum Müller, und von diesem zum Bäcker zu 
schaffen, so wie den Gewinn derer, die den Lohn für 
diese Arbeit vorschießen. 

Der Flachspreis löst sich in die nämlichen drei 
Teile, wie der Getreidepreis, auf. Im Preise der Lein- 
wand muß man noch den Arbeitslohn des Zurichters, 
Spinners, Webers, Bleichers u. s. w. samt den Gewinnen 
ihrer bezüglichen Arbeitgeber hinzurechnen. 

Je mehr ein Stoff veredelt wird, desto größer wird 
der Teil des Preises, der sich in Arbeitslohn und Ge- 
winn auflöst, im Verhältnis zu dem anderen Teil, der 
sich in Rente auflöst. Mit jedem neuen Arbeitsprozeß 
wächst nicht nur die Zahl der Gewinne, sondern jeder 
folgende Gewinn ist auch größer, als der vorhergehende, 
weil das Kapital, woraus er fließt, stets größer sein 
muß. So muß z. B. das Kapital, welches die Weber 
beschäftigt, größer sein, als dasjenige, das die Spinner 
beschäftigt, weil es nicht nur das let,ztere samt seinen 
Gewinnen wieder erstattet, sondern außerdem auch 
den Arbeitslohn der Weber bezahlt; und der Gewinn 
muß stets dem Kapital entsprechen. 

Auch in den zivilisiertesten Gesellschaften gibt 
es jedoch einige Waren, deren Preis sich nur in zwei 
Teile, nämlich in den Arbeitslohn und Kapitalgewinn, 
auflöst, und eine noch kleinere Anzahl von Waren, 
deren Preis nur im Arbeitslohn besteht. Im Preise 
der Seefische z. B. deckt ein Teil die Arbeit der 



Kap. VI.: Die Bestandteile des ^Warenpreises. 71 

Fischer, und der andere den Gewinn des in der 
Fischerei angelegten Kapitals. Die Rente macht sehr 
selten einen Teil von ihm aus, obwohl es zuweilen 
vorkommt, wie ich später zeigen w^erde. Anders ver- 
hält es sich, wenigstens im größten Teile von Europa, 
mit der Flußfischerei. Für den Lachsfang wird eine 
Rente bezahlt, und die Rente, obwohl man sie nicht 
gut Grundrente nennen kann, macht eben so wie 
Arbeitslohn und Gewinn einen Teil des Lachspreises 
aus. In einigen Teilen Schottlands machen einige 
arme Leute ein Gewerbe daraus, längs der Meeres- 
küste jene bunten Steinchen zu sammeln, welche 
unter dem Namen der schottischen Kiesel allgemein 
bekannt sind. Der Preis, welcher ihnen vom Stein- 
schneider dafür bezahlt wird, ist lediglich der Lohn 
für ihre Arbeit; weder Rente noch Gewinn machen 
einen Teil von ihm aus. 

Der Gesamtpreis jeder AVare muß sich jedoch 
schließlich in den einen oder andern, oder in alle drei 
dieser Teile auflösen, da jeder Teil davon, der nach 
Bezahlung der Grundrente und des Preises der ge- 
samten auf Erzeugung, Verarbeitung und Markttrans- 
port verwendeten Arbeit übrig bleibt, notwendig der 
Gevv'inn irgend Jemandes sein muß. 

Wie der Preis oder Tauschwert jeder Ware, für 
sich genommen, sich in den einen oder andern, oder 
in alle drei jener Bestandteile auflöst, so muß der Go- 
samtpreis aller Waren, die das ganze Jahreserzeugnis 
der Arbeit eines Landes bilden, sich gleichfalls in jene 
drei Teile auflösen, und sich unter die Bewohner des 
Landes als Arbeitslohn, Kapitalgewinn oder Grundrente 
verteilen. Die Gesamtheit dessen, was jährlich durch 
die Arbeit einer Gesellschaft gesammelt oder hervor- 
gebracht wird, oder (was auf dasselbe hinauskommt) 



72 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

der Gesamtpreis dieses Ganzen wird auf diese Art 
ursprünglich unter die verschiedenen Gesellschafts- 
giieder verteilt. Arbeitslohn, Gewinn und Rente sind 
die drei ursprünglichen Quellen alles Einkommens wie 
aller Tauschwerte. Jedes andere Einkommen fließt 
zuletzt aus einer oder der anderen dieser Quellen. 

Wer sein Einkommen aus einem ihm als Eigentum 
zugehörigen Fonds bezieht, muß es entweder von seiner 
Arbeit, seinem Kapital, oder seinem Grund und Boden 
beziehen. Das aus Arbeit gezogene Einkommen wird 
Lohn genannt. Das aus der Verwaltung oder Be- 
schäftigung von Kapital gezogene Einkommen heißt 
Gewinn. Dasjenige Einkommen aus Kapital aber, 
welches Jemand bezieht, der das Kapital nicht selbst 
verwendet, sondern einem x\nderen leiht, heißt Zins. 
Zins ist die Vergütung, die der Borger dem Darleiher 
für den Gewinn zahlt, den er durch den Gebrauch 
des Geldes machen kann. Ein Teil dieses Gewinnes 
kommt natürlich dem Borgenden zu, der die Gefahr 
und die Geschäftslast übernimmt; ein Teil aber dem 
Darleiher, der jenem die Gelegenheit gibt, den Gewinn 
zu machen. Der Geldzins ist immer ein abgeleitetes 
Einkommen, das, wenn es nicht aus dem durch die 
Geldbenutzung erzielten Gewinn gezahlt wird, aus 
irgend einer andern Einkommensquelle gezahlt Averden 
muß, wenn anders der Boi'ger nicht ein Verschwender 
ist, der eine zweite Schuld macht, um die Zinsen der 
ersten zu bezahlen. Das Einkommen, welches ledio-- 
lieh aus Grund und Boden gezogen wird, heißt Rente, 
und gehört dem Grundbesitzer. Das Einkommen des 
Pächters ist teilweise aus seiner Arbeit, teilweise aus 
seinem Kapital entnommen. Für ihn ist der Boden 
nur das Mittel, das ihn instand setzt, den Lohn dieser 
Arbeit zu ernten und Gewinn aus diesem Kapital zu 



Kap. VI.: Die Bestandteile des Warenpreises. 73 

ziehen. Alle Steuern und alle auf diese gegründeten 
Einkünfte, alle Besoldungen, Ruhegehälter und Jahr- 
gelder jeder Art entstammen schließlich einer oder 
der anderen jener drei ursprünglichen Einkommens- 
quellen und werden unmittelbar oder mittelbar vom 
Arbeitslohn, vom Kapitalgewinn oder von der Grund- 
rente gezahlt. 

Wenn diese drei Arten des Einkommens verschie- 
denen Personen gehören, so lassen sie sich leicht unter- 
scheiden; gehören sie aber einer einzigen, so werden 
sie, wenigstens im Sprachgebrauch, zuweilen mit ein- 
ander zusammengeworfen. 

Ein Mann, der einen Teil seines Gutes selbst be- 
wii'tschaftet, muß, nach Bezahlung der Wirtschafts- 
kosten, sowohl die Rente des Gutsbesitzers, als den 
Gewinn des Pächters erhalten. Allein er pflegt seinen 
ganzen Ertrag Gewinn zu nennen, und wirft so, wenig- 
stens im gewöhnlichen Sprachgebrauch, die Rente mit 
dem Gewinn zusammen. Die meisten unserer nordarae- 
rikanischen und westindischen Pflanzer sind in dieser 
Lage. Sic bewirtschaften meistens ihre Güter selbst, 
und man hört daher selten etwas von der Rente einer 
Pflanzung, wohl aber häufig von dem Gewinn aus ihr. 

Gewöhnliche Pächter haben selten einen Aufseher 
zur Leitung der Wirtschaftsarbeiten. Auch arbeiten 
sie in der Regel vieles selbst, wie pflügen, eggen u.s.w. 
Was daher nach Zahlung der Rente von der Ernte 
übrig bleibt, muß ihnen nicht nur ihr auf den Anbau 
verwendetes Kapital samt den üblichen Zinsen wieder- 
erstatten, sondern auch den Lohn bezahlen, welcher 
ihnen, ebenso als Arbeitern, wie als Aufsehern zu- 
kommt. Indessen heißt Alles, was nach Zahlung der 
Rente und Erstattung des Kapitals übrig bleibt, Gewinn. 
Offenbar aber bildet der Lohn einen Teil davon. Wenn 



74 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

der Pächter diesen Lohn spart, muß er ihn notwendig 
gewinnen. Folglich wird in diesem Falle der Arbeits- 
lohn mit dem Gewinn zusammengeworfen. 

Ein unabhängiger Gewerbtreibender, der Kapital 
genug besitzt, um Eohstoffe zu kaufen und sich so 
lange zu unterhalten, bis er seine Arbeit zu Markte 
bringen kann, muß sowohl den Lohn eines Gesellen, 
der unter einem Meister arbeitet, wie den vom Meister 
durch den Verkauf der Arbeit des Gesellen zu er- 
zielenden Gewinn herausschlagen. Dennoch wird sein 
ganzer Erwerb gewöhnlich Gewinn genannt, und der 
Lohn ist auch in diesem Falle mit dem Gewinn zu- 
sammengeworfen. 

Ein Gärtner, der seinen Garten mit eigner Hand 
bestellt, vereinigt in seiner Person den dreifachen Cha- 
rakter eines Grundbesitzers, Pächters und Arbeiters. 
Daher müßte ihm sein Produkt die Rente des ersten, 
den Gewinn des zweiten und den Lohn des dritten 
eintragen. Indessen wird das Ganze gewöhnlich als sein 
Arbeitserwerb angesehen. Sowohl Rente als Gewinn 
sind in diesem Falle mit dem Lohn zusammengeworfen. 

Da es in einem zivilisierten Lande nur wenige 
Waren gibt, deren Tauschwert allein der Arbeit ent- 
stammt, da Rente und Gewinn zum Tauschwei'te der 
allermeisten Waren reichlich beitragen, so wird das 
jährliche Erzeugnis der Arbeit des Landes stets hin- 
reichen, eine viel größere Menge Arbeit zu bezahlen, 
als zur Erzeugung und Zubereitung jenes Produkts 
sowie zu seinem Transport auf den Markt aufgewendet 
wurde. Wenn die Gesellschaft jährlich die ganze 
Arbeit, die sie zu kaufen imstande ist, verwendete, so 
würde ebensowohl die Arbeitsmenge mit jedem Jahre 
mächtig wachsen, wie das Erzeugnis jedes folgenden 
Jahres von weit größerem Werte sein, als das des 



Kap. VI.: Die Bestandteile des Warenpreises. 75 

vorhergehenden. Aber es gibt kein Land, in dem 
das ganze Jahresprodukt zum Unterhalt der Ge- 
werbtätigen verwendet wird. Überall verzehren die 
Müssigen einen großen Teil von ihm; und je nach 
den verschiedenen Verhältnissen, in denen es jährhch 
unter diese beiden Volksklassen verteilt wird, muß sein 
gewöhnlicher oder durchschnittlicher Wert entweder zu- 
oder abnehmen, oder von Jahr zu Jahr gleich bleiben. 



Siebentes Kapitel. 

Der natürliche Preis und der Marktpreis 
der Waren. 

In jeder Gesellschaft oder Gegend giebt es einen 
gewöhnlichen oder Dnrchschnittssatz sowohl des Ar- 
beitslohns wie des Gewinns in allen verschiedenen 
Verwendungen der Arbeit und dos Kapitals. Dieser 
Satz wird, wie ich später zeigen will, auf natürliche 
Weise teils durch die allgemeine Lage der Gesellschaft, 
ihren Reichtum oder ihre Armut, ihr Fortschreiton, 
Stehenbleiben oder Zurückgehen, und teils durch die 
besondere Natur jedes Geschäfts bestimmt. 

Ebenso giebt es in jeder Gesellschaft oder Gegend 
einen gewöhnlichen oder Durchschnittssatz der Rente, 
welcher gleichfalls, wie ich später zeigen werde, teils 
durch die allgemeine Lage der Gesellschaft oder 
Gegend, in der der Boden gelegen ist, und teils durch 
die natürliche oder durch Kultur hervorgebrachte 
Fruchtbarkeit des Bodens bestimmt wird. 

Diese gewöhnlichen oder Durchschnittssätze kann 
man die natürlichen Sätze des Arbeitslohns, des Ge- 
winns und der Rente nennen zu der Zeit und an dem 
Orte, wo sie herrschen. 

Wenn der Preis einer Ware weder höher noch 
niedriger ist, als er sein muß, um die Grundrente, den 
Lohn der Arbeit und den Gewinn des Kapitals, die auf 



Kap.VII.: Der natürliche Preis und der Marlctpreis der Waren. 77 

Erzeugung und Zubereitung sowie auf den Markttrans- 
port der Ware verwendet wurden, nach ihrem natür- 
lichen Satze zu bezahlen, so wird die Ware für den 
Preis verkauft, den man ihren natürlichen nennen kann. 

Die Ware wird dann genau für das verkauft, was 
sie wert ist, oder was sie den, der sie zu Markte bringt, 
wirklich kostet; denn obgleich im gewöhnlichen Sprach- 
gebrauch der sogenannte Einkaufspreis einer Ware 
nicht den Gewinn des Wiederverkäufers mit einschließt, 
so ist doch dieser, wenn er sie zu einem Preise ver- 
kauft, der ihm nicht den in seiner Gegend gewöhn- 
lichen Gewinnsatz gewährt, offenbar bei dem Handel 
im Verlust, da er durch eine andere Verwendung 
seines Kapitals diesen Gewinn hätte ziehen können. 
Überdies ist sein Gewinn sein Einkommen, die eigent- 
liche Quelle seines Unterhalts. Während er die Waren 
zubereitet und zu Markte bringt, streckt er seinen 
Arbeitern ihren Lohn oder Unterhalt vor, und ebenso 
legt er für sich selbst den Unterhalt aus, der sich ge- 
wöhnlich nach dem Gewinn richtet, den er vernünf- 
tiger Weise vom Verkaufe seiner Waren erwarten 
kann. Wenn sie ihm nun also diesen Gewinn nicht 
einbringen, so erstatten sie ihm nicht, was sie ihn im 
eigentlichen Sinne wirklich gekostet haben. 

Obgleich nun der Preis, der ihm diesen Gewinn 
läßt, nicht immer der niedrigste ist, zu dem ein Kauf- 
mann zuweilen seine Waren verkaufen kann, so ist 
er doch der niedi-igste, zu dem er sie wahrscheinlich 
lange Zeit hindurch verkaufen kann; wenigstens da, 
wo vollkommene Freiheit herrscht, oder wo er sein 
Geschäft, so oft es ihm beliebt, wechseln kann. 

Der wirkliche Preis, zu welchem eine Ware ge- 
wöhnlich verkauft wird, heißt ihr Marktpreis. Er 
kann über dem natürlichen Preise, oder unter ihm 
stehen, oder ihm völlig gleich sein. 



78 Ei"Stes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Der Marktpreis einer jeden Ware wird durch das 
Verhältnis zwischen der Menge, welche wirklich zu 
Markte gebracht wird, und der Nachfrage derer be- 
stimmt, die den natürliclien Preis der Ware, d. h. den 
ganzen Wert der Rente, der Arbeit und des Gewinnes, 
die bis zu ihrer Feilbietung erforderlich waren, zu 
zahlen gewillt sind. Solche Leute kann man die wirk- 
samen Nachfrager und ihre Nachfrage die wirksame 
Nachfrage nennen, insofern sie hinreichend sein kann, 
um zu bewirken, daß eben die Ware zu Markte kommt. 
Sie ist zu unterscheiden von der Nachfrage an sich. 
Auch von einem ganz armen Manne läßt sich in ge- 
wissem Sinne sagen, er habe ein Verlangen nach 
Kutsche und Pferden; er möchte sie gern haben; 
aber sein Verlangen ist keine wirkliche Nachfrage, da 
ihr Gegenstand niemals zu Markte gebracht werden 
kann, um es zu befriedigen. 

Wenn die Menge einer Ware, die zu Markte 
kommt, hinter der wirksamen Nachfrage zurückbleibt, 
so können Alle die, die den ganzen Wert der Rente, 
der Löhne und Gewinne, der bis zur Feilbietung 
ausgelegt werden mußte, zu bezahlen gewillt sind, 
nicht mit der Menge versorgt werden, deren sie be- 
dürfen. Um sie nicht gänzlich zu entbehren, werden 
einige unter ihnen bereit sein, mehr zu geben. Sogleich 
beginnt ein Wettbewerb unter ihnen, und der Markt- 
preis wird mehr oder weniger über den natürlichen 
Preis steigen, je nach dem Grade des Bedürfnisses, 
oder je nachdem die Wohlhabenheit und der begehr- 
liche Luxus der Konkurrenten die Hitze des Wettbewerbs 
mehr oder weniger entflammt. Unter Konkurrenten von 
gleicher Wohlhabenheit und gleichem Luxusbedarf 
wird dasselbe Verlangen gewöhnlich einen mehr oder 
weniger eifrigen Wettbewerb hervorrufen, je nachdem 
die Erwerbung der Ware für sie eine größere oder 



Kap. VIT.: Der natürliche Preis und der Marktpreis der Waren. 79 

geringere Wichtigkeit hat. Hieraus erklärt sich der 
übermäßige Preis der Lebensmittel während einer Be- 
lagerung oder bei einer Hungersnot. 

Wenn die feilgebotene Menge die wirksame Nach- 
frage übersteigt, so kann nicht Alles an die verkauft 
werden, welche den ganzen Wert der Rente, des 
Lohnes und des Gewinnes, der bis zur Feilbietung 
ausgelegt werden mußte, zu bezahlen gewillt sind. Ein 
Teil der Ware muß an solche abgelassen werden, 
welche weniger zahlen wollen, und der niedrige Preis, 
den sie dafür geben, muß den Preis des Ganzen er- 
mässigen. Der Marktpreis wird mehr oder weniger 
unter den natürlichen Preis sinken, je nachdem der 
Umfang des Überflusses die Konkurrenz dei' Verkäufer 
mehr oder weniger steigert oder je nachdem es für sie 
mehr oder minder wichtig ist, die Ware auf der Stelle 
loszuwerden. Der gleiche Uberschuf3 in der Zufuhr 
leicht verderbender Waren (wie z. B. Orangen) wird 
eine viel größere Konkurrenz veranlassen, als der- 
jenige dauerhafter Waren (wie z. B. alten Eisens). 

Wenn die feilgebotene Menge gerade hinreicht, 
um die wirksame Nachfrage zu befriedigen, und nicht 
mehr, so wird der Marktpreis natürlich entweder genau 
oder- doch annähernd dem natürlichen Preise gleich- 
kommen. Die ganze vorhandene Menge kann zu diesem 
Preise abgesetzt werden, aber auch nicht zu einem 
höheren. Der Wettbewerb der Verkäufer zwingt sie 
alle, diesen Preis anzunehmen, zwingt sie aber nicht, 
auf einen geringeren einzugehen. 

Die Menge jeder zu Markt gebrachten Ware 
richtet sich naturgemäß nach der wirksamen Nachfrage. 
Im Interesse aller derer, welche ihren Grund und 
Boden, ihie Arbeit oder ihr Kapital anwenden, um 
eine Ware auf den Markt zu biingon, liegt es, daß 
die Menge niemals die wirksame Nachfrage übersteigt; 



80 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

und im Interesse aller andern Leute liegt es, daß sie 
niemals hinter dieser Nachfrage zurückbleibt. 

Wenn sie irgend einmal die wirksame Nachfrage 
übersteigt, so müssen gewisse Bestandteile ihres Preises 
unter ihrem natürlichen Satze bezahlt werden. Betrifft 
dies die Rente, so wird das Interesse der Grundbe- 
sitzer diese sogleich veranlassen, einen Teil ihres Bodens 
anders zu verwenden; betrifft es den Arbeitslohn oder 
den Gewinn, so wird das Interesse der Arbeiter in 
dem einen und das ihrer Arbeitgeber im andern Falle 
sie bewegen, einen Teil ihrer Arbeit oder ihres 
Kapitals dieser Yerwendungsart zu entziehen. Dann 
wird die feilgebotene Menge bald nur noch hinreichend 
sein, um die wirksame Nachfrage zu befriedigen. Alle 
Teile des Warenpreises werden auf ihren natürlichen 
Satz, und der ganze Preis auf den natürlichen Preis 
der Ware steigen. 

Wenn dagegen die feilgebotene Menge irgend ein- 
mal hinter der wirksamen Nachfrage zurückbleibt, so 
müssen einige Bestandteile ihres Preises über ihren 
natürlichen Satz steigen. Betrifft dies die Rente, so 
wird das Interesse aller übrigen Grundbesitzer sie 
naturgemäß bestimmen, mehr Land auf die Erzeugung 
dieser Ware zu verwenden; betrifft es den Arbeitslohn 
oder den Gewinn, so wird das Interesse aller übrigen 
Arbeiter und Geschäftsleute sie veranlassen, mehr 
Arbeit und Kapital auf die Herstellung der Ware und 
auf ihren Transport nach dem Markte zu verwenden. 
Dann wird die herbeigeschaffte Menge bald hin- 
reichend sein, die wirksame Nachfrage zu befriedigen. 
Alle Teile ihres Preises werden bald auf ihren natür- 
lichen Satz, und der ganze Preis auf den natürlichen 
Preis der Ware sinken. 

Der natürliche Preis ist daher, so zu sagen, der 
Zentralpreis, gegen den die Preise aller Waren beständig 



Kap. YII.: Der natürliche Preis und der Marktpreis der Waren. Si 

gravitieren. Mancherlei Zufälle können sie zuweilen 
ein gut Teil über ihm erhalten, und sie zuweilen sogar 
etwas unter ihn herabdrücken. Welche Hindernisse 
sie aber auch abhalten mögen, sich in diesem Mittel- 
punkte der Ruhe und Beständigkeit festzusetzen, so 
streben sie doch beständig ihm zu. 

Die ganze Menge der jährlich darauf verwendeten 
Bemühungen, eine Ware auf den Markt zu bringen, 
richtet sich auf diese Weise naturgemäß nach der 
wirksamen Nachfrage. Der G-ewerbfleiß strebt natur- 
gemäß immer genau die Menge herbeizuschaffen, die 
die wirksame Nachfrage zu befriedigen, aber nur eben 
zu befriedigen, hinreicht. 

In manchen Gewerben bringt jedoch die gleiche 
Menge Arbeit in verschiedenen Jahren sehr verschie- 
dene Warenmengen hervor, während sie in anderen 
stets die gleiche oder beinahe die gleiche Menge her- 
vorbringt. Die gleiche Zahl landwirtschaftlicher Arbeiter 
wird in verschiedenen Jahren sehr verschiedene Mengen 
Getreide, Wein, Ol, Hopfen u. s. w. hervorbringen, die 
gleiche Zahl Spinner und Weber hingegen jedes Jahr 
die nämliche oder beinahe die nämliche Menge Leinen- 
und Wollenstoffe. Bei der einen Art Gewerbe kann nur 
die durchschnittliche Erzeugung sich der wirksamen 
Nachfrage einigermaßen anpassen, und da ihre wirk- 
liche Erzeugung oft viel größer, oft viel geringer ist, 
als die durchschnittliche, so wird entweder die Menge 
der zu Markt gebrachten Waren die wirksame Nach- 
frage um ein gut Teil übersteigen, oder in andern 
Fällen erheblich hinter ihr zurückbleiben. Sollte daher 
auch jene Naclifrage immer die nämliche bleiben, so 
wird dennoch ihr Marktpreis großen Schwankungen 
unterworfen sein, und bald erheblich unter ihren natür- 
lichen Preis fallen, bald erheblich über ihn steigen. 
Bei der andern Art Gewerbe kann die Erzeugung, da 

Adam Smith, Volkswohlstand. I. O 



82 Ei"stes Blich: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

das Produkt gleicher Arbeitsmengen immer das näm- 
liche oder beinahe das nämliche ist, der wirksamen 
Nachfrage genauer angepaßt werden. So lange daher 
diese Nachfrage die gleiche bleibt, wird auch wahr- 
scheinlich der Marktpreis der Waren sich gleich bleiben, 
und entweder völlig oder nahezu der gleiche sein, wie 
der natürliche Preis. Daß der Preis der Leinen- und 
Wollenzeuge weder so häufigen noch so großen Ver- 
änderungen unterworfen ist, wie der Getreidepreis, be- 
stätigt die tägliche Erfahrung. Der Preis der einen Art 
Waren ändert sich nur mit den Veränderungen in der 
Nachfrage, der der andern Art schwankt nicht allein 
mit den Veränderungen in der Nachfrage, sondern auch 
mit den weit größeren und häufigeren Veränderungen 
in der Menge dessen, was zur Befriedigung der Nach- 
frage auf den Markt gebracht wird. 

Die gelegentlichen und zeitweiligen Schwankungen 
im Marktpreise einer Ware fallen hauptsächlich auf die- 
jenigen Teile ihres Preises, die sich in Arbeitslohn 
und Gewinn auflösen. Der in die Rente sich auflösende 
Teil wird weniger davon betroffen. Eine in Geld fest- 
gesetzte Rente wird davon weder in ihi-em Satz, noch 
in ihrem Werte auch nur im Mindesten berührt. Eine 
Rente, welche in einem bestimmten Teile oder einer 
bestimmten Menge des Rohprodukts besteht, wird durch 
alle gelegentlichen und zeitweiligen Schwankungen im 
Marktpreise dieses Rohproduktes ohne Zweifel in ihrem 
jährlichen Werte, selten aber in ihrem jährlichen Satze 
berührt. Bei Festsetzung der Pachtbedingungen be- 
mühen sich der Grundbesitzer und Pächter nach bestem 
Ermessen diesen Satz nicht nach dem zeitweiligen und 
gelegentlichen, sondern nach dem durchschnittlichen 
und gewöhnlichen Preise des Erzeugnisses festzusetzen. 

Solche Schwankungen treffen den Wert wie den 
Satz sowohl des Arbeitslohns als auch des Gewinns, je 



Kap. VII.: Der natürliclie Preis und der Marktpreis der Waren. 83 

nachdem der Markt gerade mit Waren oder mit Arbeit, 
mit geleisteter oder noch zu leistender Arbeit überführt, 
oder unzulänglich versorgt ist. Eine allgemeine Landes- 
trauer treibt den Preis schwarzer Zeuge, mit denen der 
Markt bei solchen Gelegenheiten niemals zureichend 
versorgt ist, in die Höhe, und steigert die Gewinne der 
Kaufleute, die eine beträchtliche Menge davon besitzen. 
Sie hat aber keinen Einfluß auf den Arbeitslohn der 
Weber. Der Markt leidet Mangel an Waren, nicht an 
Arbeit : an schon geleisteter, nicht an erst zu leistender 
Arbeit. Sie steigert dagegen den Arbeitslohn der 
Schneidergesellen. Hier ist der Markt mit Arbeit un- 
zulänglich versorgt, und es ist eine wirksame Nachfrage 
nach mehr Arbeit, nach erst noch zu leistender Arbeit 
vorhanden. Den Preis farbiger Seiden- und Wollen- 
zeuge erniedrigt die Trauer und schmälert hierdurch 
die Gewinne der Kaufleute, die davon eine ansehnliche 
Menge vorrätig haben. Gleicherweise erniedrigt sie 
auch die Löhne der Arbeiter, die mit Anfertigung 
solcher Waren, für die auf sechs, vielleicht auf zwölf 
Monate alle Nachfrage aufhört, beschäftigt sind. Hier ist 
der Markt ebenso mit Waren wie mit Arbeit überführt. 

Obgleich aber der Marktpreis jeder Ware auf diese 
Art beständig gegen den natürlichen Preis gravitiert, 
so können doch bald besondere Umstände, bald natür- 
liche Ursachen, bald polizeiliche Anordnungen den 
Marktpreis vieler Waren lange Zeit hindurch erheblich 
über dem natürlichen Preise erhalten. 

Wenn durch ein Anwachsen der wirksamen Nach- 
frage der Marktpreis einer Ware beträchtlich über den 
natürlichen Preis steigt, so sind die, welche ihre Kapi- 
talien in dem bezüglichen Geschäft angelegt haben, ge- 
wöhnlich bemüht, diese Veränderung zu verheimlichen. 
Würde sie aligemein bekannt, so würde ihr großer 
Nutzen so viele neue Mitwerber reizen, ihre Kapitalien 

6* 



84 Erstes Bucli: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

in gleicher Weise anzulegen, daß die wirksame Nach- 
frage vollkommen befriedigt und der Marktpreis bald 
auf den natürlichen Preis, ja vielleicht eine Zeit lang 
selbst unter ihn zurückgeführt werden würde. Wenn 
der Markt weit von dem Wohnorte derer, die ihn 
versorgen, entfernt ist, so können sie manchmal das 
Geheimnis Jahre lang bewahren, und so lange Zeit 
ihre außerordentlichen Gewinne ohne alle neue Mit- 
werber genießen. Allein selten können solche Geheim- 
nisse lange bewahrt werden, und der außergewöhnliche 
Gewinn kann nicht viel länger dauern, als das Ge- 
heimnis bewahrt wird. 

Fabrikgeheimnisse lassen sich länger bewahren als 
Handelsgeheimnisse. Ein Färber, der ein Verfahren 
entdeckt hat, eine gewisse Farbe mit halb so teuren 
Materialien als den gewöhnlich gebrauchten herzu- 
stellen, kann bei gehöriger Vorsicht den Vorteil seiner 
Entdeckung sein ganzes Leben lang genießen, ja ihn 
als ein Vermächtnis seinen Nachkommen hinterlassen. 
Seine außergewöhnlichen Gewinne entspringen aus 
dem hohen Preise, der für seine geheim betriebene 
Arbeit gezahlt wird. Sie bestehen eigentlich ganz in 
dem hohen Lohn dieser Arbeit. Da sie sich jedoch 
auf jeden Teil seines Kapitals wiederholen, und da 
ihr Gesamtbetrag sonach in einem regelrechten Ver- 
hältnis dazu steht, so werden sie in der Regel als 
außergewöhnlicher Kapitalgewinn betrachtet. 

Solche Erhöhungen des Marktpreises sind offenbar 
Wirkungen besonderer Umstände, deren Einfluß jedoch 
bisweilen viele Jahre dauern kann. 

Manche Naturprodukte erfordern eine so eigen- 
tümliche Beschaffenheit des Bodens und der Lage, daß 
aller Grund und Boden in einem großen Lande, der zu 
ihrer Hervorbringung geeignet ist, nicht hinreicht, um 
die wirksame Nachfrage zu befriedigen. Daher kann 
die ganze zu Markt gebrachte Menge an Käufer ab- 



Kap. VII.: Der natürliche Preis uiTd der Marktpreis der Waren. Ho 

gesetzt werden, die mehr zu geben geneigt sind, als zur 
Bezahlung der Rente des Landes, auf dem sie gezogen 
sind, sowie des Arbeitslohns und des Kapitalgewinns 
ihren natürlichen Sätzen entsprechend hinreichend wäre. 
Solche "Waren können ganze Jahrhunderte hinduroh zu 
diesem hohen Preise verkauft werden, und der Teil 
davon, welcher sich in die Grundrente auflöst, ist in 
diesem Falle der Teil, welcher im Allgemeinen über 
seinen natürlichen Satz bezahlt wird. Die Rente des 
Bodens, der so seltene und geschätzte Produkte her- 
vorbringt, wie z. B. die Rente einiger französischer 
Weinberge von besonders glücklicher Bodenbeschaffen- 
heit und Lage, steht zu der Rente anderen gleich frucht- 
baren und gut angebauten Bodens der Umgegend in 
keinem geregelten Verhältnis. Dagegen übersteigen 
die Löhne der Arbeit und die Gewinne des Kapitals, 
die auf die Erzeugung und Herbeischaffung verwendet 
wurden, selten das natürliche Verhältnis zum Lohn 
und Gewinn der anderen Aufwendungen von Arbeit 
und Kapital in ihrer Umgegend. 

Solche Erhöhungen des Marktpreises sind offenbar 
Wirkungen natürlicher Ursachen, welche es verhindern 
können, daß der wirksamen Nachfrage stets völlig 
genügt werde, und welche deshalb auch dauernd fort- 
wirken können. 

Ein einem Einzelnen, oder einer Handelsgesell- 
schaft verliehenes Monopol hat die nämliche Wirkung, 
wie ein Handels- oder Fabrikgeheimnis. Indem die Mo- 
nopolisten den Markt nie vollständig versorgen und die 
wirksame Nachfrage nie völlig befriedigen, verkaufen 
sie ihre Waren weit über dem natürlichen Preise, und 
steigern ihre Vorteile, ob sie nun in Arbeitslohn oder 
Gewinn bestehen, weit über ihren natürlichen Satz. 

Der Monopolpreis ist jederzeit der höchste, der zu 
erreichen ist. Der natürliche Preis, oder der Preis des 
freien Wettbewerbs hingegen ist der niedrigste, der sich 



86 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

zwar nicht jedesmal, aber doch im Durchschnitt einer 
längeren Zeit erzielen läßt. Der erstere ist jedesmal 
der höchste, der von den Käufern erpreßt werden 
kann, oder den sie mutmaßlich bewilligen werden; der 
andere ist der niedrigste, mit dem die Verkäufer im 
Allgemeinen auskommen können, ohne ihr Geschäft 
einstellen zu müssen. 

Die ausschließlichen Piivilegien von Korporationen, 
die Bestimmungen über das Lehrverhältnis und alle die 
Gesetze, welche in gewissen Gewerben den Wettbewerb 
auf eine geringere Anzahl Mitwerber beschränken, als 
sonst auftreten würden, haben, wenn auch in minderem 
Grade, die nämliche Neigung. Sie sind eine Art aus- 
gedehnter Monopole und können oft Menschenalter 
hindurch in ganzen Klassen von Gewerben den Markt- 
preis einer Ware über dem natürlichen Preise erhalten, 
und sowohl den Arbeitslohn als den Kapitalgewinn 
etwas über ihren natürlichen Satz steigern. 

Solche Erhöhungen des Marktpreises können so 
lange dauern, als die Verwaltungsmaßregeln, durch 
die sie veranlaßt werden, aufrecht erhalten bleiben. 

Der Marktpreis einer Ware kann sich zwar lange 
überdem natürlichen Preise halten, aber selten lange unter 
ihm stehen. Welcher Teil auch unter dem natürlichen 
Satze bezahlt würde, die dabei interessierten Personen 
würden doch immer den Verlust sogleich fühlen, und so 
viel Land, Arbeit oder Kapital aus dem Betriebe zurück- 
ziehen, daß die zu Markt gebrachte Ware bald nur 
noch hinreichen würde, die wirksame Nachfrage zu 
befriedigen. Mithin würde ihr Marktpreis bald auf 
den natürlichen Preis steigen. Wenigstens träte dieser 
Fall da ein, wo vollkommene Freiheit herrscht. 

DieselbenBestiramungen über das Lehrlingsverhält- 
nis und die anderen Zunftgesetze, welche den Arbeiter, 
so lange ein Gewerbszweig blüht, instand setzen, seinen 



Kap. VII.: Der natürliche Treis und der Marktpreis der Waren. 87 

Arbeitslohn weit übor den natürlichen Satz zu steigern, 
nötigen ihn übrigens zuweilen auch, wenn das Gewerbe 
in Verfall gerät, den Lohn weit unter jenen Satz fallen 
zu lassen. Wie sie im ersteren Falle viele Leute von 
seinem Gewerbe ausschließen, so schließen sie im 
letzteren ihn von vielen anderen Gewerben aus. Doch 
ist die Wirkung solcher Verordnungen nicht enfernt so 
andauernd auf die Herabsetzung als auf die Steigerung 
des Arbeitslohns über seinen natürlichen Satz. In der 
ersteren Richtung kann ihr Einfluß Jahrhunderte 
dauern, in der anderen aber nicht länger, als das Leben 
der Arbeiter währt, welche zu dem Geschäfte in der 
Zeit seiner Blüte erzogen wurden. Sind sie gestorben, 
so wird sich die Zahl derer, die später für dies Gewerbe 
erzogen werden, naturgemäß nach der wirksamen Nach- 
frage richten. Die Verwaltung müßte so t3a-annisch sein, 
wie in Hindostan oder im alten Ägypten, wo Jedermann 
durch religiöse Vorschriften gezwungen war, das Ge- 
schäft seines Vaters zu betreiben und wo es für den 
schrecklichsten Frevel galt, es mit einem andern zu ver- 
tauschen, wenn sie in einem Gewerbe mehrere Genera- 
tionen hindurch den Arbeitslohn oder denKapitalgewinn 
unter ihrem natürlichen Satze sollte erhalten können. 

Dies ist Alles, was ich vorläufig über die gelegent- 
lichen oder dauernden Abweichungen des Marktpreises 
der Waren vom natürlichen Preise bemerken zu 
müssen glaubte. 

Der natürliche Preis selbst schwankt mit dem 
natürlichen Satze jedes seiner Bestandteile, des Arbeits- 
lohnes, des Gewinnes und der Rente; und in jeder 
Gesellschaft schwankt dieser Satz je nach ihrer Lage, 
ihrem Reichtum oder ihrer Armut, ihrem Fortschritt, 
Stillstande oder Rückgange. Die Ursachen dieser ver- 
schiedenen Schwankungen werde ich so vollständig 
und deutlich, als ich es vermag, in den vier folgenden 
Kapiteln behandeln. 



88 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Erstens werde ich auseinanderzusetzen suchen, 
welche Umstände naturgemäß den Satz des Arbeits- 
lohns bestimmen, und in welcher Art diese Umstände 
durch den Eeichtum oder die Armut, durch das Fort- 
schreiten, den Stillstand oder den Rückgang der Ge- 
sellschaft berührt werden. 

Zweitens werde ich mich zu zeigen bemühen, 
welche Umstände naturgemäß den Satz des Kapital- 
gewinnes bestimmen, und in welcher Art auch diese 
Umstände durch die gleichen Veränderungen im Zu- 
stande der Gesellschaft berührt werden. 

Obgleich der Geldlohn und Geldgewinn in den 
verschiedenen Verwendungen von Arbeit und Kapital 
sehr verschieden sind, so scheint doch gewöhnlich so- 
wohl zwischen den Löhnen in allen verschiedenen Ver- 
wendungen von Arbeit, wie zwischen den Gewinnen 
in allen verschiedenen Verwendungen von Kapital ein 
gewisses Verhältnis stattzufinden. Dies Verhältnis 
hängt, wie sich später zeigen wird, teils von der Natur 
der verschiedenen Anlagen, teils von den verschiedenen 
Gesetzen und der Politik der Gesellschaft ab, in der 
sie gemacht werden. Wenn dies Verhältnis aber auch 
in vieler Beziehung von den Gesetzen und der Politik 
abhängig ist, so scheint es doch wenig vom Reichtum 
oder der Armut jener Gesellschaft, von ihrem Fort- 
schreiten, Stillstande oder Rückgange berührt zu 
werden, sondern in allen diesen Zuständen das näm- 
liche oder beinahe das nämliche zu bleiben. Ich werde 
drittens alle die verschiedenen Umstände, die dies 
Verhältnis regeln, darzulegen suchen. 

Viertens und letztens werde ich zu zeigen suchen, 
welche Umstände die Grundrente regeln und den Sach- 
preis aller der Stoffe, welche das Land erzeugt, er- 
höhen oder erniedrigen. 



Achtes Kapitel. 
Der Arbeitslohn. 

Das Produkt der Arbeit bildet die natürliche 
Vergütung oder den Lohn der Arbeit. 

In jenem ursprünglichen Zustande, der sowohl der 
Bodenaneignung wie der Kapitalienansammlung vor- 
hergeht, gehört das ganze Arbeitsprodukt dem Arbeiter. 
Er hat weder mit einem Grundbesitzer, noch mit einem 
Meister zu teilen. 

Hätte dieser Zustand fortgedauert, so würde der 
Lohn der Arbeit mit all den Steigerungen ihrer pro- 
duktiven Kräfte, welche durch die Arbeitsteilung her- 
beigeführt werden, zugleich gewachsen sein. Alle Dinge 
würden nach und nach wohlfeiler geworden sein. Sie 
würden durch eine geringere Menge Arbeit hervoi'ge- 
bracht, und, da bei diesem Zustande die durch gleiche 
Arbeitsmengen hervorgebrachten Waren natürlich gegen 
einander ausgetauscht würden, auch mit dem Erzeugnis 
einer kleineren Arbeitsmenge gekauft worden sein. 

Obschon aber in Wirklichkeit alle Dinge wohlfeiler 
geworden wären, so könnten doch dem Anscheine nach 
viele teurer als zuvor, oder gegen eine größere Menge 
anderer Waren vertauschbar geworden sein. Man nehme 
z. B. au, daß in den meisten Gewerben die Produktiv- 
kraft der Arbeit um das Zehnfache gewachsen wäre, oder 
daß eines Tages Arbeit zehnmal mehr als im Anfange 



90 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

hervorbringen könnte, daß aber in einem einzelnen 
Gewerbe sich jene Produktivkraft nur verdoppelt hätte, 
oder eines Tages Arbeit nur zweimal so viel als früher 
hervorbringen könnte. Beim Tausch des Produkts 
eines Tagewerks in den meisten Grewerben gegen das 
Produkt eines Tagewerks in diesem einzelnen Gewerbe 
würde also das Zehnfache der ursprünglichen Arbeits- 
menge in jenen, aber nur das Doppelte der ursprüng- 
lichen Menge in diesem kaufen können. Eine bestimmte 
Menge davon, z. B. ein Pfund, würde mithin fünfmal 
teurer als früher zu sein scheinen. In Wirklichkeit wäre 
sie zweimal so wohlfeil. Denn obwohl ihr Ankauf eine 
fünfmal so große Menge andrer Waren erheischt, er- 
fordert doch ihre Hervorbringung oder ihr Kauf nur 
eine halb so große Menge Arbeit. Ihre Erwerbung 
wäre mithin doppelt so leicht als früher. 

Allein dieser ursprüngliche Zustand, in welchem 
der Arbeiter das ganze Produkt seiner Arbeit genoß, 
konnte nicht länger dauern, als bis die Bodenaneignung 
und Kapitalienansammlung eingetreten waren. Er war 
daher auch längst zu Ende, ehe die bedeutendsten 
Steigerungen in den Produktivkräften der Arbeit ein- 
traten, und es wäre nutzlos, weiter nachzuforschen, 
welchen Einfluß er auf die Vergütung oder den Lohn 
der Arbeit gehabt haben würde. 

Sobald der Boden Privateigentum wird, fordert 
der Grundbesitzer einen Teil von fast allen Erzeug- 
nissen, die der Arbeiter auf ihm hervorbringen oder 
sammeln kann. Seine Rente bildet den ersten Abzug 
von dem Erzeugnis der auf den Boden verwendeten 
Arbeit. 

Es kommt selten vor, daß derjenige, der das Land 
bestellt, die Mittel hat, sich bis zur Zeit der Ernte zu 
erhalten. Sein Unterhalt wird ihm gewöhnlich aus dem 
Kapital eines Herrn, des Pächters, der ihn beschäftigt, 



Kap. VIII.: Der Arbeitslohn. 91 

vorgeschossen, der kein Interesse haben würde, ihn zu 
beschäftigen, wenn er nicht von dem Erzeugnis seiner 
Arbeit einen Anteil erhielte, oder wenn sein Kapital 
ihm nicht mit Gewinn zurückerstattet würde. Dieser 
(Tcwinn bildet einen zweiten Abzug von dem Er- 
zeugnis der auf den Boden verwendeten Arbeit. 

Das Erzeugnis fast aller anderen Arbeit ist dem 
gleichen Gewinnabzuge unterworfen. In allen Hand- 
werken und Fabriken bedarf der größere Teil der 
Arbeiter Jemandes, der ihnen das Arbeitsmaterial, 
ihren Lohn und ihren Unterhalt bis zur Vollendung 
ihrer Arbeit vorschießt. Er fordert von dem Erzeugnis 
ihrer Arbeit oder von dem Werte, den diese dem 
Material hinzufügt, einen Anteil, und in diesem Anteil 
besteht sein Gewinn. 

Manchmal kommt es freilich vor, daß ein einzelner 
unabhängiger Arbeiter genügend Kapital besitzt, um 
selbst die Rohstoffe zu kaufen und sich bis zur Voll- 
endung der Arbeit zu unterhalten. Dann ist er Meister 
und Arbeiter zugleich, und genießt das ganze Produkt 
seiner Arbeit, oder den ganzen Wert, welchen diese 
dem 'Rohstoffe hinzufügt. Dies umfaßt zweierlei ge- 
wöhnlich getrennt erscheinende, zwei verschiedenen 
Personen gehörende Einkommensarten, nämlich den 
Kapitalgewinn und den Arbeitslohn. 

Indeß sind solche Fälle nicht sehr häufig, und in 
allen Teilen Europas dienen zwanzig Arbeiter unter einem 
Meistei' gegen einen, der unabhängig ist, und der Arbeits- 
lohn wird überall als das verstanden, was er gewöhn- 
lich ist, wenn der Arbeiter die eine und der Kapital- 
besitzer, der ihn beschäftigt, eine andere Person ist. 

Der gebräuchliche Arbeitslohn hängt überall von 
dem zwischen jenen beiden Parteien, deren Interessen 
keineswegs die nämlichen sind, gewöhnlich geschlossenen 
Vertrage ab. Die Arbeiter wollen so viel als möglich er- 



92 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

halten, die Meister so wenig als möglich geben. Die 
ersteren sind zu Koalitionen geneigt, um den Arbeitslohn 
hinaufzutreiben, die letzteren, um ihn herunterzudrücken. 

Es ist indeß nicht schwer vorauszusehen, welche 
der beiden Parteien unter den gewöhnlichen Umständen 
in diesem Streite die Oberhand behalten, und die andere 
zur Einwilligung in ihre Bedingungen zwingen wird. 
Die Meister können sich, da ihre Zahl geringer ist, 
leichter verbinden; und überdies gestattet das Gesetz 
ihre Koalitionen oder verbietet sie wenigstens nicht, 
während es die der Arbeiter verbietet. Wir haben keine 
Parlamentsakten gegen Verabredungen zur Herabsetzung 
des Arbeitspreises, wohl aber viele gegen Verabredungen 
zu seiner Erhöhung. In allen solchen Streitigkeiten 
können die Herren es viel länger aushalten. Ein Guts- 
besitzer, ein Pächter, ein Handwerksmeister oder ein 
Kaufmann können, wenn sie auch keinen einzigen 
Arbeiter beschäftigen, doch im Allgemeinen ein oder 
zwei Jahre von den Kapitalien leben, die sie bereits 
erworben haben. Viele Arbeiter dagegen können nicht 
eine Woche, nur wenige einen Monat, und kaum einer 
ein Jahr ohne Beschäftigung bestehen. Auf die Dauer 
freilich kann der Arbeiter dem Meister ebenso not- 
wendig werden, wie der Meister ihm; aber die Not- 
wendigkeit ist keine so unmittelbare. 

Man hört, wird hierauf erwidert, von Koalitionen 
der Meister selten, häufig aber von solchen der Arbeiter. 
Wer sich aber darum einbildet, daß sich die Meister 
selten koalierten, kennt eben so wenig die Welt, wie 
diesen Gegenstand. Die Meister stehen stets und über- 
all in einer Art stillschweigender, aber fortwährender 
und gleichförmiger Übereinkunft, den Arbeitslohn nicht 
über seinen dermaligen Satz steigen zu lassen. Diese 
Übereinkunft zu verletzen, ist überall sehr mißliebig 
und gilt für einen Meister unter seinen Nachbarn 



Kap. VIII.: Der Arbeitslohn. 93 

und Gevverbsgenossen als eine Art Schande. Man hört 
allerdings selten von dieser Übereinkunft, weil sie der 
gewöhnliche und, man darf sagen, natürliche Zustand 
der Dinge ist, von dem Niemand Etwas hört. Mitunter 
gehen die Meister auch besondere Verbindungen ein, 
um den Arbeitslohn sogar unter seinen Satz herunter- 
zudrücken. Diese werden immer in äußerster Stille 
und ganz geheim betrieben, bis der Augenblick der 
Ausführung da ist, und wenn dann die Arbeiter, wie 
es zuweilen geschieht, ohne Widerstand nachgeben, so 
hören andere Leute nichts davon, so schmerzlich es jene 
auch empfinden. Oft jedoch stellt sich solchen Ver- 
bindungen eine abwehrende Verbindung der Arbeiter 
entgegen, die manchmal auch ohne eine solche Heraus- 
forderung sich zur Erhöhung des Preises ihrer Arbeit 
zusammen tun. Ihre gewöhnlichen Vorwände sind 
bald der hohe Preis der Lebensmittel, bald der große 
Gewinn, den die Meister aus ihrer Arbeit ziehen. 
Mögen diese Verbindungen aber angreifender oder ver- 
teidigender Natur sein, ruchbar werden sie immer. Um 
die Sache zu einer schnellen Entscheidung zu bringen, 
nehmen sie immer zu lautestem Geschrei ihre Zuflucht 
und zuweilen zu den schlimmsten Gewalttätigkeiten 
und Mißhandlungen. Sie sind verzweifelt und handeln 
mit der Torheit und Maßlosigkeit verwegener Men- 
schen, die entweder verhungern oder ihre Meister 
durch Schrecken zu sofortiger Einwilligung in ihr Be- 
gehren bringen müssen. Die Meister ihrerseits erheben 
bei solchen Gelegenheiten nicht weniger Lärm, rufen 
unaufhörlich nach dem Beistande der Behörden und 
verlangen die strikte Ausführung der Gesetze, die mit 
so großer Härte gegen die Verbindungen der Dienst- 
boten, Arbeiter und Gesellen gegeben sind. Demgemäß 
haben die Arbeiter sehr selten einen Nutzen von dem 
Ungestüm dieser lärmenden Verbindungen, die teils 
wegen des Einschreitens der Behörden, teils wegen der 



94 Ei">>tes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

überlegenen Beharrlichkeit der Meister, teils weil der 
größere Teil der Arbeiter gezwungen ist, sich um des 
täglichen Unterhalts willen zu unterwerfen, gewöhn- 
lich mit nichts anderem, als der Bestrafung oder dem 
Untergange der Rädelsführer enden. 

Wenn aber auch die Meister bei Streitigkeiten mit 
ihren Arbeitern gewöhnlich im Vorteil sind, so gibt es 
doch einen bestimmten Satz, unter den der gewöhnliche 
Lohn selbst der geringsten Art von Arbeit nicht auf 
längere Zeit herabgedrückt werden zu können scheint. 

Ein Mensch muß stets von seiner Arbeit leben und 
sein Lohn muß wenigstens hinreichend sein, um ihm 
den Unterhalt zu verschaffen. In den meisten Fällen 
muß er sogar noch etwas höher sein; sonst wäre der 
Arbeiter nicht im Stande, eine Familie zu gründen, und 
das Geschlecht solcher Arbeiter würde mit der ersten 
Generation aussterben. Aus diesem Grunde nimmt Can- 
tillon an, daß die geringste Art gewöhnlicher Arbeiter 
immer wenigstens den doppelten Unterhalt verdienen 
muß, damit durchschnittlich Jeder zwei Kinder ernähren 
kann, wobei die Arbeit der Frau wegen der notwendigen 
Pflege der Kinder nur als hinreichend angenommen 
wird, um sie selbst zu erhalten. Allein die Hälfte der 
Kinder stirbt, wie man berechnet hat, vor dem mann- 
baren Alter. Demgemäß müssen die ärmsten Arbeiter 
durchschnittlich wenigstens vier Kinder aufzuziehen 
suchen, wenn zwei davon Aussicht haben sollen, jenes 
Alter zu erleben. Der notwendige Unterhalt für vier 
Kinder wird aber ungefähr dem eines Mannes gleich- 
geschätzt. Die Arbeit eines kräftigen Sklaven ist, wie 
derselbe Schriftsteller hinzufügt, als doppelt soviel wert 
zu betrachten, wie sein L^nterhalt, und diejenige des 
geringsten Arbeiters, meint er, könne doch nicht weniger 
wert sein, als die eines kräftigen Sklaven. So viel scheint 
allerdings gewiß zu sein, daß, um eine Familie zu er- 
nähren, die Arbeit des Mannes und der Frau zusammen, 



Kap. Vni.: Der Arbeitslohn. 95 

selbst in den untersten Klassen gewöhnlicher Arbeiter, 
etwas mehr einbringen muß, als gerade für ihren 
eigenen Unterhalt nötig ist; in welchem Verhältnis 
dies aber geschehen müsse, ob in dem oben erwähnten 
oder in einem änderten, das getraue ich mir nicht zu 
bestimmen. 

Es gibt jedoch gewisse Umstände, die den Arbeitern 
zuweilen einen Vorteil gewähren und sie instand setzen, 
ihren Lohn weit über jenen Satz zu erhöhen, welcher 
offenbar der niedrigste ist, der sich mit der gewöhn- 
lichsten Menschlichkeit verträgt. 

Wenn in einem Lande die Nachfrage nach denen, 
die vom Lohn leben — Arbeiter, Gesellen, Dienstboten 
aller Art — andauernd wächst; wenn jedes Jahr für 
eine größere Anzahl von ihnen Beschäftigung liefert, 
als das vorhergehende: so haben die Arbeiter keinen 
Anlaß, sich zur Erhöhung des Lohnes zu verbinden. 
Der Mangel an Händen ruft einen Wettbewerb unter 
den Meistern hervor, die, um Arbeiter zu erhalten, ein- 
ander überbieten und so freiwillig die natürliche Über- 
einkunft der Meiste)', den Lohn nicht zu steigern, 
durchbrechen. 

Die Nachfrage nach Lohnarbeitern kann offenbar 
nur im Verhältnis zur Zunahme der Fonds wachsen, 
welche zur Lohnzahlung bestimmt sind. Diese Fonds 
sind von zweierlei Art; sie bestehen erstens aus dem 
Einkommen, welches die Kosten des notwendigen Unter- 
halts, und zweitens aus dem Kapital, welches die Aus- 
lagen für die Beschäftigung ihrer Meister übersteigt. 

Wenn der Gutsbesitzer, Rentner oder Geldmann 
ein größeres Einkommen hat, als ihm zum Unterhalt 
seiner Familie hinreichend erscheint, so verwendet er 
den ganzen Überschuß oder einen Teil davon dazu, 
einen oder mehrere Dienstboten zu halten. Nimmt 
dieser Überschuß zu, so wird er natürlich die Zahl 
der Dienerschaft vermehren. 



96 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Wenn ein unabhängiger Handwerker, etwa ein 
Weber oder ein Schuhmacher, mehr Kapital erworben 
hat, als er zum Kauf der für seine eigene i^rbeit er- 
forderlichen Rohstoffe und zu seinem Unterhalte bis 
zum Verkauf der Arbeit braucht, so beschäftigt er 
natürlich mit dem Überschuß einen oder mehrere Ge- 
sellen, um aus ihrer Arbeit Gewinn zu ziehen. Nimmt 
dieser Überschuß zu, so wird er natürlich auch die 
Zahl seiner Gesellen vermehren. 

Die Nachfrage nach Lohnarbeitern wächst also 
notwendig mit der Zunahme des Einkommens und 
Kapitals eines Landes; und kann unmöglich auch 
ohne diese wachsen. Die Zunahme des Einkommens 
und Kapitals ist die Zunahme des National Wohlstandes. 
Folglich wächst die Nachfrage nach Lohnarbeitern 
naturgemäß mit der Zunahme des National Wohlstandes 
und kann unmöglich ohne sie w-achsen. 

Nicht die dermalige Größe des Nationalwohlstandes, 
sondern seine beständige Zunahme bringt ein Steigen des 
Arbeitslohns hervor. Demnach steht der Arbeitslohn 
nicht in den reichsten Ländern am höchsten, sondern in 
den aufblühenden oder am schnellsten reich werdenden. 
England ist gegenwärtig sicher ein viel reicheres Land, 
als ii-gend ein Teil von Nordamerika. Der Arbeitslohn 
steht aber in Nordameiika weit höher, als in irgend 
einem Teile Englands. In der Provinz New-York ver- 
dienen gewöhnliche Arbeiter*) täglich drei Schilling 
sechs Pence Papier, d. h. zwei Schilling Sterl. ; Schiffs- 
zimmerleute zehn Schilling sechs Pence Papier nebst 
einer Pinte Rum, die einen halben Schilling Sterl. wert 
ist, also im Ganzen sechs und einen halben Schilling 
Sterl.; andere Zimmerleute und Maurer acht Schilling- 
Papier, d. h. vier und einen halben Schilling Sterl.; 

*) Dies wurde im Jahre 1778 vor dem Beginn der letzten 
Unruhen geschrieben. 



Kap. Vni.: Der Arbeitslohn. 97 

Schneidergesellen fünf Schilling Papier, d. h. etwa zwei 
Schilling zehn Pence Sterl. Diese Löhne sind insge- 
samt höher als die Londoner, und wie es heißt, steht 
der Arbeitslohn in den übrigen Kolonien ebenso hoch 
als in New-York. Der Preis der Nahrungsmittel ist in 
Nordamerika durchweg weit niedriger, als in England. 
Eine Teuerung hat man dort nie gekannt. In den 
schlechtesten Jahren hatten sie immer noch genug für 
sich, wenn auch zu wenig zur Ausfuhr. Wenn also der 
Geldpreis der Arbeit dort höher ist, als irgend wo im 
Mutterlande, so muß ihr Sachpreis, nämlich dasjenige, 
was dem Arbeiter dafür an Lebens- und Genußmitteln 
wirklich zu Gebote steht, noch weit höher sein. 

Obgleich nun Nordamerika noch nicht so reich als 
England ist, so ist es doch viel mehr im Aufblühen be- 
griffen und schreitet weit rascher zu weiterer Erwerbung 
von Reichtümern fort. Das entscheidendste Kennzeichen 
des Gedeihens eines Landes ist die Zunahme seiner Ein- 
wohnerzahl. In Großbritannien und den meisten übiigen 
Ländern Europas verdoppelt sich diese Zahl, wie man 
annimmt, erst in fünfhundert Jahren. In den britischen 
Kolonien Nordamerikas hat man gefunden, daß sie sich 
in zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren verdoppelt. Und 
gegenwärtig ist diese Zunahme nicht hauptsächlich der 
fortdauernden Einwanderung neuer Bewohner, sondern 
der großen Vermehrung der Rasse zuzuschreiben. Leute, 
die ein hohes Alter erreichen, sollen dort oft fünfzig bis 
hundert Menschen, ja manchmal noch mehr als Nachkom- 
men um sich sehen. Die Arbeit wird dort so gut ge- 
lohnt, daß eine zahlreiche Familie, statt eine Last für 
die Eltern zu sein, vielmehr zu einer Quelle der Wohl- 
habenheit und des Gedeihens für sie wird. Man rechnet 
die Arbeit jedes Kindes, bevor es das elterliche Haus 
verläßt, auf hundert Pfund reinen Gewinn für die Eltern. 
Um eine junge Witwe mit vier oder fünf jungen 

Adam Smith, Volkswohlstand. I. ' 



98 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Kindern, die in den mittleren oder unteren Ständen 
der Bewohner Europas nur wenig Aussicht auf einen 
zweiten Mann haben würde, wird dort oft als um eine 
glückliche Partie gefreit. Der Wert der Kinder ist die 
bei Weitem grüßte aller Ermunterungen zur Heirat. 
Daher darf man sich auch nicht wundern, daß die 
Leute in Nordamerika gewöhnlich so jung heiraten. 
Dennoch wird dort trotz dieses durch solche frühzeitigen 
Heiraten bewirkten großen Zuwachses forwährend über 
Mangel an Händen geklagt. Die Nachfrage nach 
Arbeitern und die zu ihrem Unterhalt bestimmten 
Fonds nehmen, wie es scheint, noch schneller zu, als 
die Arbeiter, die Beschäftigung suchen. 

Mag der Reichtum eines Landes noch so groß sein, 
so darf man doch, wenn er lange Zeit stillstehend ge- 
blieben ist, keinen sehr hohen Arbeitslohn zu finden 
erwarten. Die zur Lohnzahlung bestimmten Fonds, das 
Einkommen und das Kapital seiner Einwohner mag noch 
so bedeutend sein; aber, wenn sie mehrere Jahrhunderte 
gleich oder nahezu gleich geblieben sind, könnte die Zahl 
der jedes Jahr beschäftigten Arbeiter leicht zureichen 
oder selbst mehr als zureichen, um die Nachfrage des 
folgenden Jahres zu bestreiten. Da kann selten ein Mangel 
an Händen eintreten, noch werden die Meister gezwungen 
sein, einander zu überbieten, um Arbeiter zu erhalten. 
Im Gegenteil würden in diesem Falle natürlich viele 
Hände unbeschäftigt sein. Es würde ein beständiger 
Mangel an Beschäftigung statthaben und die Arbeiter 
würden gezwungen sein, sich diese einander streitig zu 
machen. Wenn in einem solchen Lande der Arbeitslohn 
auch einmal mehr als hinreichend war, um den Arbeiter 
zu unterhalten und ihn zu befähigen, seine Familie 
zu ernähren, so wird doch der Wettbewerb der Ar- 
beiter und das Interesse der Meister ihn bald auf den 
niedrigsten Satz reduzieren, der mit der gewöhnlichsten 
Menschlichkeit sich vereinigen läßt. China ist lange 



Kap. VIIT.: Der Arbeitslohn. 99 

eines der reichsten, d. h. eines der fruchtbarsten, best- 
bebauten, gewerbfleißigsten und bevölkertsten Länder 
der Welt gewesen. Es scheint jedoch lange im Still- 
stande verharrt zu sein. Marco Polo, der es vor mehr 
als fünfhundert Jahren besuchte, beschreibt seine Boden- 
kultur, seinen Gevverbfleiß und seinen Volksreichtum 
fast mit denselben Ausdrücken, mit denen es von 
heutigen Reisenden geschieht. Es hatte vielleicht sogar 
schon lauge vor seiner Zeit jene Fülle des Reichtums 
erlangt, welche die Natur seiner Gresetze und Institu- 
tionen ihm zu erreichen gestattete. Die Berichte aller 
Reisenden stimmen, so unzuverlässig sie auch in man- 
cher anderen Beziehung sind, in Betreff des niedrigen 
Arbeitslohnes und der Schwierigkeit, welche ein Arbeiter 
findet, eine Familie in China zu ernähren, völlig über- 
ein. Wenn er sich durch Ackern den ganzen Tag über 
so viel erwerben kann, um abends eine kleine Portion 
Reis zu kaufen, so ist er zufrieden. Die Lage der Hand- 
werker ist wo möglich noch schlimmer. Statt, wie in 
Europa, ruhig in ihren Werkstätten die Bestellungen 
ihrer Kunden abzuwarten, ziehen sie mit ihren Werk- 
zeugen unaufhörlich durch die Straßen, bieten ihre 
Dienste an und betteln so zu sagen um Beschäftigung. 
Die Armut der niederen Stände in China übertrifft bei 
Weitem die der bettelhaftesten Völker Europas. In 
der Umgegend von Kanton haben viele hundert, ja 
wie es allgemein heißt, viele tausend Familien keine 
Wohnung auf dem Lande, sondern leben beständig in 
kleinen Fischerkähnen auf den Flüssen und Kanälen. 
Der Unterhalt, den sie da finden, ist so kärglich, daß 
sie die ekelhaftesten Abfälle, welche von einem euro- 
päischen Schiffe über Bord geworfen werden, gierig 
auffischen. Jedes Aas, z. B. das eines verreckten 
Hundes oder einer Katze, wenn es auch halb faul und 
stinkend ist, ist ihnen so willkommen, wie den Leuten 

7* 



loo Ei'stes Buch: Zunahme in der Ertragski'ai't der Arbeit. 

in andern Länder die gesündeste Nahrung. Die Ehe 
wird in China nicht durch die Eintiäglichkeit der 
Kinder, sondern durch die Freiheit, sie umzubringen, 
befördert. In allen großen Städten werden nächtlich 
mehrere in den Straßen ausgesetzt oder gleich jungen 
Hunden ertränkt. Die Besorgung dieses schrecklichen 
Geschäftes soll sogar ein zugestandener Erwerbszweig 
sein, durch den Manche ihren Unterhalt verdienen. 

Obgleich indeß China vielleicht stillsteht, so scheint 
es doch nicht rückwärts zu gehen. Seine Städte sind 
nirgends von ihren Einwohnern verlassen. Das einmal 
angebaute Land wird nirgends vernachlässigt. Daher 
muß immer noch die nämliche oder fast die nämliche 
jährliche Arbeit verrichtet werden, und die für ihren 
Unterhalt bestimmten Fonds müssen folglich noch nicht 
merkbar abgenommen haben. Die unterste Schicht der 
Arbeiter muß also ungeachtet ihrer kärglichen Existenz 
sich soweit forthelfen, um die Rasse fortzupflanzen und 
die gewöhnliche Volkszahl aufrecht zu halten. 

Anders würde es in einem Lande stehen, wo die 
für den Unterhalt der Arbeit bestimmten Fonds eine 
merkliche Abnahme erlitten. Da würde die Nachfrage 
nach Dienern und Arbeitern in allen Arten der Beschäf- 
tigung mit jedem Jahre geringer werden. Viele, die in 
den höhern Klassen aufgezogen waren, würden in ihrem 
eigentlichen Gewerbe keine Beschäftigung mehr finden 
und sie gern in dem niedrigsten suchen. Da nun aber 
die niedrigste Klasse nicht nur mit ihren eigenen Ar- 
beitern, sondern auch mit den aus allen anderen Klassen 
einströmenden überfüllt wäre, so würde die Konkurrenz 
um Arbeit in ihr so groß werden, daß der Arbeitslohn 
auf den elendesten und kärglichsten Unterhalt des Arbei- 
ters herabgedrückt würde. Selbst unter diesen harten 
Bedingungen würden viele keine Beschäftigung finden 
können, sondern entweder verhungern müssen oder sich 



Kap. VTTT.: Der Arbeitslohn, 101 

genötigt sehen, durch Betteln oder durch Frevel der 
schlimmsten Art ihr Leben zu fristen. Mangel, Hunger 
und Sterblichkeit würde in dieser Klasse sofort um sich 
greifen und sich von da über alle höheren Klassen ver- 
breiten, bis die Zahl der Einwohner so weit verringert 
wäre, um von dem Einkommen und Kapital, welches 
im Lande geblieben, und der Tyrannei oder dem 
Unglück, wodurch das Übrige zerstört wurde, ent- 
gangen ist, leicht erhalten werden könnte. Dies ist 
vielleicht so ziemlich der gegenwärtige Zustand Ben- 
galens und einiger anderer Niederlassungen der Eng- 
länder in Ostindien. In einem fruchtbaren Lande, das 
zuvor sehr entvölkert gewesen war, wo mithin der 
Unterhalt nicht schwierig sein sollte, und wo dessen- 
ungeachtet in einem Jahre drei bis viermal hundert- 
tausend Menschen Hungers sterben, befinden sich, wie 
wir mit Sicherheit annehmen können, die für den Unter- 
halt der arbeitenden Armen bestimmten Fonds sehr 
in Abnahme. Der Unterschied zwischen dem Geiste 
der britischen Staatsverfassung, welche Nordamerika 
schützt und regiert, und demjenigen der Handelsgesell- 
schaft, die Ostindien unterdrückt und beherrscht, kann 
vielleicht durch Nichts besser ins Licht gestellt werden, 
als durch den verschiedenen Zustand dieser Länder. 

Der reichliche Lohn der Arbeit ist demnach eben- 
sowohl die notwendige Wirkung, wie das natürliche 
Merkmal wachsenden Nationalreichtums. Der kärgliche 
Unterhalt der arbeitenden Armen andererseits ist das 
natürliche Merkmal, daß die Dinge im Stillstand, und 
ihre Not, daß sie gewaltig im Rückschritt begriffen sind. 

In Großbritannien scheint gegenwärtig der Arbeits- 
lohn offenbar höher zu sein, als gerade nötig ist, um 
eine Familie zu erhalten. Um uns über diesen Punkt 
zu vergewissern, wird es nicht nötig sein, eine weit- 
läufige und zweifelhafte Berechnung der niedrigsten 



102 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Summe, womit dies möglicher Weise geschehen kann, 
anzustellen. Es sind viele klare Merkmale dafür vor- 
handen, daß der Arbeitslohn in diesem Lande nirgends 
nach seinem niedrigsten Satze, der sich mit gewöhn- 
licher Menschlichkeit verträgt, geregelt wird. 

Erstens besteht in fast allen Teilen Großbritanniens, 
selbst in den niedrigsten Arten der Arbeit, ein Unter- 
schied zwischen dem Sommer- und Winterlohn. Im 
Sommer ist der Lohn immer am höchsten. Allein wegen 
der außerordentlichen Ausgabe für Brennmaterial ist 
der Unterhalt einer Familie im Winter am kostspielig- 
sten. Da nun der Arbeitslohn am höchsten ist, wenn 
diese Ausgabe am niedrigsten, so scheint es klar, daß 
er sich nicht nach dem, was zu dieser Ausgabe er- 
forderlich ist, sondern nach der Menge und dem mut- 
maßlichen Werte der Arbeit richtet. Ein Arbeiter 
sollte allerdings einen Teil seines Sommerlohnes sparen, 
um seine Winterausgaben damit zu bestreiten und man 
kann sagen, daß sein Lohn des ganzen Jahres nicht 
mehr als gerade hinlänglich sei, um seine Familie 
während des ganzen Jahres zu unterhalten. Ein Sklave 
hingegen oder ein in seinem Unterhalt von uns durch- 
aus abhängiger Mensch würde nicht so behandelt werden. 
Seine täglichen Lebensmittel würden ihm nach seinem 
täglichen Bedarf zugemessen werden. 

Zweitens schwankt in Großbritannien der Arbeits- 
lohn nicht zugleich mit dem Preise der Nahrungsmittel. 
Dieser ändert sich überall von Jahr zu Jahr, oft von 
Monat zu Monat. An vielen Orten hingegen bleibt der 
Geldpreis der Arbeit bisweilen ein halbes Jahrhundort 
hindurch sich gleich. Wenn daher der arbeitende Arme 
an diesen Orten seine Familie in teuren Jahren ernähren 
kann, so muß er in Zeiten mäßiger Fülle bequem und 
in Zeiten außerordentlicher Wohlfeilheit reichhch zu 
leben haben. Der hohe Preis der Lebensmittel während 



Kap. VIII.: Der Arbeitslohn. 103 

der letzten zehn Jahre war nur in wenigen Teilen des 
Königreichs von einer merklichen Steigerung des Geld- 
preises der Arbeit begleitet. In einigen Teilen war 
es allerdings der Fall, wahrscheinlich mehr in Folge 
der wachsenden Nachfrage nach Arbeit, als des teureren 
Preises der Lebensmittel. 

Drittens wechselt der Preis der Lebensmittel mehr 
als der Arbeitslohn von Jahr zu Jahr und andererseits 
wechselt der Arbeitslohn mehr als der Preis der Lebens- 
mittel von Ort zu Ort. Die Brot- und Fleischpreise sind 
im größten Teile des vereinigten Königreichs so ziem- 
lich die nämlichen. Diese und die meisten anderen 
Dinge, welche im Kleinen verkauft werden (die Art wie 
der arbeitende Arme Alles kauft), sind gewöhnlich in 
großen Städten eben so wohlfeil oder noch wohlfeiler, 
als in abgelegenen Gegenden, aus Gründen, die ich 
später zu entwickeln Gelegenheit haben werde. Da- 
gegen ist der Arbeitslohn in einer großen Stadt und 
ihrer Umgegend oft um ein Viertel oder ein Fünftel, 
zwanzig oder fünfundzwanzig Prozent höher, als wenige 
Meilen davon. Achtzehn Pence täglich kann als ge- 
wöhnlicher Preis der Arbeit in London und seiner Um- 
gegend angesehen werden, wenige Meilen davon fällt 
er auf vierzehn und fünfzehn Pence. Zehn Pence 
kann als ihr Preis in Edinburg und Umgegend gerech- 
net werden. Wenige Meilen davon fällt er auf acht 
Pence, den gewöhnlichen Preis gemeiner Arbeit im 
größten Teile des schottischen Tieflands, wo er viel 
weniger wechselt, als in England. Solch ein Unter- 
schied der Preise, der anscheinend nicht immer hin- 
reicht, um einen Menschen aus einem Kirchspiel in das 
andere zu überführen, würde notwendig eine so starke 
Versendung der massigsten Waren nicht nur von einem 
Kirchspiel ins andere, sondern von einem Ende des 
Königreichs zum anderen, ja beinahe von einem Ende 
der Welt zum anderen bewirken, daß die Preise bald 



X04 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

ins Gleichgewicht kommen würden. Trotz allem, was 
von dem Leichtsinn und der Unbeständigkeit der 
menschlichen Natur gesagt worden ist, geht doch 
deutlich aus der Erfahrung hervor, daß keine Last so 
schwer von der »Stelle zu bringen ist, als der Mensch. 
Wenn also der arbeitende Arme seine Familie in den 
Teilen des Königreichs, in denen der Arbeitspreis am 
niedrigsten steht, ernähien kann, so muß er da, wo 
er am höchsten ist, reichlich leben können. 

Viertens entsprechen die Veränderungen im Preise 
der Arbeit nicht nur denen im Preise der Lebensmittel 
nicht, sei es im Ort oder in der Zeit, sondern sie 
sind oft durchaus entgegengesetzt. 

Das Korn, die Nahrung des gemeinen Volkes, ist 
in Schottland teurer als in England, woher Schottland 
fast alle Jahre sehr bedeutende Zufuhren erhält. Aber 
englisches Korn muß in Schottland, wohin es gebracht 
wird, teurer bezahlt werden, als in England, woher 
es kommt; und im Verhältnis zu seiner Güte kann es 
in Schottland nicht teurer verkauft werden, als das 
schottische Korn, welches mit ihm auf demselben 
Markte in Wettbewerb tritt. Die Güte des Korns 
hängt besonders von der Mehlmenge ab, die es auf der 
Mühle liefert, und in dieser Beziehung ist englisclies 
Korn dem schottischen so überlegen, daß es, obwohl 
anscheinend oder im Verhältnis seines Maßes oft teurei-, 
doch in Wirklichkeit oder im Verhältnis zu seiner Be- 
schaffenheit, ja sogar zu seinem Gewicht gewöhnlich 
wohlfeiler ist. Der Preis der Arbeit ist hingegen in 
England teurer als in Schottland. Wenn demnach der 
arbeitende Arme in dem einen Teile des vereinigten 
Königreichs seine Familie ernähren kann, so muß er 
in dem anderen reichlich loben. Allerdings macht für 
die gemeinen Leute in Schottland Hafermehl den 
größten und besten Teil ihrer Nahrung aus, die über- 
haupt weit schlechter ist, als die ihrer Nachbarn 



Kap. VIII.: Per Arbeitslohn. 105 

gleichen Standes in England. Doch ist dieser Unter- 
schied in der Art ihres Lcbensuntei'halts nicht die Ui'- 
sache, sondern die Wirkung des Unterschiedes in iliron 
Löhnen, obwohl ich ihn, durch ein befremdliches Miü- 
vorständi^is, oft als die Ursache habe angeben h('»ren. 
Nicht deshalb, weil sich der eine eine Kutsche hält, 
während sein Nachbar zu Fuße geht, ist jener reich 
und dieser arm, sondern weil jener reich ist, darum 
hält er sich eine Kutsche, und weil der andere arm 
ist, darum geht er zu Fuße. 

Im Laufe des vorigen Jahrhunderts war, ein Jahr 
ins andere gerechnet, das Korn in beiden Teilen des 
vereinigten Königreichs teurer, als in dem gegenwärti- 
gen. Dies ist eine Tatsache, die sich vernünftiger 
Weise nicht bezweifeln läßt, und für die der Beweis 
hinsichtlich Schottlands wo möglich noch entscheiden- 
der ist, als hinsichtlich Englands. In Schottland wird 
er durch das Zeugnis der öffentlichen Fiars geführt, 
d. h. jährlicher Preislisten vereideter Sachverständiger 
über alle Getreidearten, welche auf die Märkte der ver- 
schiedenen schottischen Grafschaften kommen. Wenn 
solch ein direkter Beweis noch einer Ergänzung und 
Bestärkung bedürfte, so würdeich hinzufügen, daß jenes 
gleicherweise in Fi'ankreich und wahrscheinlich auch in 
den meisten übrigen Teilen Europas der Fall gewesen 
ist. Bezüglich Frankreichs ist der klarste Nachweis 
vorhanden. So gewiß es aber ist, daß in beiden Teilen 
des vereinigten Königsreichs das Getreide im letzten 
Jahrhundert etwas teurer war, als im gegenwärtigen, 
eben so gewiß ist es, daß die Arbeit viel wohlfeiler 
war. Wenn daher die arbeitenden Armen ihre Familien 
damals ernähren konnton, so muß es ihnen jetzt um so 
leichter werden. Im vorigen Jahrhundert betrug der 
übl#;hste Tagelohn gemeiner Arbeit im größten Teile 
Schottlands sechs Pence im Sommer und fünf Pence im 



106 Ei'stes Bucli: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

"Winter. Drei Schilling die Woche, also so ziemlich 
dasselbe, wird noch heute in einigen Teilen der Hoch- 
lande und auf den westlichen Inseln bezahlt. Im größten 
Teile des Tieflandes ist der üblichste Lohn für gemeine 
Arbeit acht Pence täglich; zehn Pence, bisweilen einen 
Schilling, beträgt er um Kdinburg, in den an England 
grenzenden Grafschaften, wahrscheinlich wegen dieser 
Nachbarschaft, und an einigen wenigen Orten, wo sich 
jüngst eine beträchtliche Zunahme der Nachfrage nach 
Arbeit eingestellt hat, um Glasgow, Carron, Ayrshire 
u. s. w. In England begannen die Fortschritte im 
Landbau, in den Gewerben und im Handel viel früher, 
als in Schottland. Mit diesen Fortschritten mußte not- 
wendig die Nachfrage nach Arbeit und folglich ihr Preis 
steigen. Daher war sowohl im vorigen wie im jetzigen 
Jahrhundert der Arbeitslohn in England höher, als in 
Schottland. Er ist seit jener Zeit noch beträchtlich ge- 
stiegen, obgleich wegen der größeren Schwankungen 
der Löhne je nach den verschiedenen Orten schwer zu 
bestimmen ist, wie sehr er stieg. Im Jahre 1614 war 
der Sold eines Fußsoldaten der nämliche, wie jetzt, 
nämlich acht Pence den Tag. Als er zuerst festgesetzt 
wurde, wurde er natürlich nach dem üblichen Lohn 
gemeiner Arbeiter bestimmt, d. h. desjenigen Standes, 
aus dem Fußsoldaten gewöhnlich genommen werden. 
Der Lord-Oberrichter Haies, der zur Zeit Karls II. 
schrieb, berechnet die notwendigen Ausgaben einer 
Arbeiterfamilie, die aus sechs Personen, dem Vater, 
der Mutter, zwei zu etwas Arbeit fähigen und zwei 
arbeitsunfähigen Kindern besteht, auf zehn Schilling- 
die "Woche oder sechsundzwanzig Pfund im Jahr. "Wenn 
sie dies mit ihrer Arbeit nicht verdienen können, so 
müssen sie es nach seiner Meinung durch Betteln oder 
Stehlen aufbringen; und er scheint sehr sorgfältige 
Untersuchungen über diesen Gegenstand angestellt zu 



Kap. YLII.: Der Arbeitslohn. 107 

haben*) Im Jahre 1688 berechnete Gregory King, 
dessen statistisches Geschick von Doktor Davenant so 
sehr gerühmt wird, das gewöhnliche Einkommen der 
Arbeiter und Lohndiener auf jährhch fünfzehn Pfund 
für eine Familie, deren Bestand er im Durchschnitt 
zu drei und einer halben Person annahm. Seine Be- 
rechnung ist, obwohl scheinbar von der des Richters 
Haies verschieden, im Grunde doch mit dieser ziemlich 
übereinstimmend. Beide nehmen die wöchentliche Aus- 
gabe solcher Familien auf etwa zwanzig Pence für den 
Kopf an. Seit dieser Zeit sind sowohl die Einkünfte 
als die Ausgaben solcher Familien im größten Teile 
des Königreichs ansehnlich gewachsen; an dem einen 
Orte mehr, an einem anderen weniger, obgleich vielleicht 
nirgends so sehr, wie gewisse übertriebene Berech- 
nungen des gegenwärtigen Arbeitslohns sie neuerdings 
dem Publikum darstellten. Der Preis der Arbeit kann, 
wie bemerkt werden muß, nirgends sehr genau fest- 
gestellt werden, da oft an demselben Orte und für 
dieselbe Sorte von Arbeit nicht blos je nach der ver- 
schiedenen Geschicklichkeit der Arbeiter, sondern 
auch nach der Willigkeit oder Kargheit der Meistor 
verschiedene Preise gezahlt werden. Wo der Arbeits- 
lohn nicht gesetzlich geregelt ist, können wir nicht 
beanspruchen, etwas anderes festzustellen als, welches 
der üblichste ist, und die Erfahrung scheint zu be- 
weisen, daß Gesetze ihn niemals angemessen regeln, 
so oft sie auch mit diesem Anspruch auftraten. 

Die Sachvergütung der Arbeit, die wirkliche 
Menge von Lebens- und Genußmitteln, welche sie dem 
Arbeiter einbringt, nahm im Laufe des gegenwärtigen 
Jahrhundert vielleicht in noch größerem Maße zu, als 



*) Man sehe sein Scheme for the maintenance of the pour, 
in Burn's Histori/ of the Poor-laws- 



108 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

ihr Geldpreis. Nicht nur das Getreide ist etwas wohl- 
feiler geworden, sondern auch viele andere Dingo, welche 
den fleißigen Armen eine angenehme und gesunde Ab- 
wechslung in den Nahrungsmitteln darbieten, sind um 
ein gut Teil billiger geworden. Die Kartoffeln z. B. 
kosten jetzt im größten Teil des Königreichs nur halb 
soviel, als vor dreißig oder vierzig Jahren. Dasselbe 
läßt sich von den Hüben, dem Kohl, den Mohrrüben 
sagen, lauter Gewächse, die früher mit dem Spaten, 
jetzt aber gewöhnlich mittels des Pfluges bestellt werden. 
Auch alle Arten von Gartengewächsen sind wohlfeiler 
geworden. Die Apfel und selbst die Zwiebeln kamen 
im vorigen Jahrhundert meist aus Flandern. Die großen 
Fortschritte in der Verfertigung der gröberen Leinen- 
und Wollenzeuge haben den Arbeitern billigere und 
bessere Kleidung und die Fortschritte in der Verfer- 
tigung der groben Metallwaren billigeres und besseres 
Handwerkzeug, sowie viele angenehme und bequeme 
Hausgeräte verschafft. Seife, Salz, Lichter, Leder 
und gegohrene Getränke sind allerdings, hauptsächlich 
durch die darauf gelegton Steuern, viel teurer geworden. 
Allein die Menge, die der arbeitende Arme von diesen 
Dingen notwendig braucht, ist so gering, daß die Er- 
höhung ihres Preises der Verminderung des Preises so 
vieler anderen Dinge nicht gleichkommt. Die gewöhn- 
liche Klage, daß der Luxus sich selbst bis auf die 
untersten Volksklassen erstreckt und die arbeitenden 
Armen jetzt nicht mehr mit der Nahrung, Kleidung 
und Wohnung zufrieden sein wollen, an der sie sich 
früher haben genügen lassen, kann uns überzeugen, 
daß nicht nur der Geldpreis der Arbeit, sondern auch 
ihre Sachvergütung gestiegen ist. 

1st nun diese Verbesserung in den Umständen der 
niederen Volksklassen als ein Vorteil oder als ein 
Nachteil für die Gesellschaft anzusehen? Die Antwort 



Kap. VIIL: Der Arbeitslohn. 109 

scheint auf den ersten Blick außerordentlich einfach. 
Dienstboten, Tagelöhner und Arbeiter verschiedener Art 
machen den bei Weitem größten Teil jeder großen 
politischen Gemeinschaft aus. Was immer aber die Um- 
stände des größten Teils verbessert, kann niemals als 
ein Nachteil für das Ganze angesehen werden. Sicher- 
lich kann keine Gesellschaft blühend und glücklich sein, 
deren meiste Glieder arm und elend sind. Überdies ist 
es nicht mehr als billig, daß die, die die gesamte 
Masse des Volkes mit Nahrung, Kleidung und Wohnung 
versorgen, einen solchen Anteil von dem Produkt ihrer 
eigenen Arbeit erhalten, um sich selbst erträglich 
nähren, kleiden und wohnen zu können. 

Die Armut ermutigt zwar nicht zur Ehe, verhindert 
aber auch sie nicht immer. Sie scheint sogar der Kin- 
dererzeugung günstig zu sein. Eine halbverhungerte 
Bergschottin bringt oft mehr als zwanzig Kinder zur 
Welt, während eine wohlgenährte schöne Dame oft 
unfähig ist, ein einziges zu gebären und im Allge- 
meinen höchstens zwei oder drei Niederkünften abhält. 
Die unter vornehmen Frauen so häufige Unfruchtbar- 
keit ist unter den Frauen niederen Standes sehr selten. 
Während die Üppigkeit im schönen Geschlecht zwar 
vielleicht die Begierde nach Genuß entflammt, scheint 
sie stets die Zeugungskraft zu schwächen und oft 
ganz zu zerstören. 

Allein die Armut ist, obwohl sie die Kindererzeu- 
gung nicht hemmt, höchst ungünstig für die Kinder- 
erziehung. Die zarte Pflanze ist hervorgebracht, muß 
aber in so kaltem Boden und so rauhem Klima bald 
welken und sterben. Es ist, wie man mir oft gesagt 
hat, in den schottischen Hochlanden nichts Ungewöhn- 
liches, daß eine Mutter, die zwanzig Kinder geboren 
hat, nicht zwei am Leben behält. Einige sehr erfahrene 
Offiziere haben mich versichert, daß sie, weit entfernt, 
ihr Regiment damit rekrutieren zu können, niemals im- 



110 Erstes Bucli: Zunahme in der Erti'agskraft der Arbeit. 

Stande waren, mit allen in ilim geborenen Soldaten- 
kindern auch nur die Zahl der Trommler und Pfeifer 
voll zu machen. Dennoch sieht man selten irgend wo 
so viele hübsche Kinder, als um eine Kaserne herum ; 
aber sehr wenige von ihnen erreichen, wie es scheint, 
das vierzehnte oder fünfzehnte Jahr. An einigen Orten 
stirbt die Hälfte der Kinder vor dem vierten Jahre, 
an vielen vor dem siebenten, und fast überall vor dem 
neunten oder zehnten. Aber diese große Sterblichkeit 
findet sich überall hauptsächlich unter den Kindern des 
niederen Volkes, das sie nicht mit der Sorgfalt warten 
kann, wie die besseren Stände. Obgleich ihre Ehen 
im Allgemeinen fruchtbarer sind, als die der vor- 
nehmen Leute, so gelangen doch weniger Kinder aus 
jenen zur Reife. In Findelhäusern und unter den auf 
Kosten der Gemeinde verpflegten Kindern ist die 
Sterblichkeit noch größer, als unter den Kindern der 
gewöhnlichen Leute. 

Jede Tiergattung vermehrt sich naturgemäß im 
Verhältnis zu den Mitteln ihres Unterhalts, und keine 
Gattung kann sich jemals darüber hinaus vermehren. 
Aber in einer zivilisierten Gesellschaft kann der Mangel 
an Nahrungsmitteln nur unter den unteren Volksklassen 
einer weiteren Vermehrung der Menschen Schranken 
setzen ; und er kann dies nur dadurch, daß er einen 
großen Teil der Kinder, die ihre fruchtbaren Ehen 
hervorbringen, vernichtet. 

Die reichliche Belohnung der Arbeit, welche die 
niederen Volksklassen in Stand setzt, für ihre Kinder 
besser zu sorgen und also eine größere Anzahl von 
ihnen durchzubringen, bewirkt naturgemäß eine Erwei- 
terung und Ausdehnung jener Schranken. Es verdient 
bemerkt zu werden, daß sie dies möglichst genau in dem 
Verhältnisse tut, welches die Nachfrage nach Arbeit 
erfordert. Wenn diese Nachfrage beständig wächst. 



Kap. Vrn.: Dei- Arbeitslohn. Hl 

SO muß die Belohnung der Arbeit notwendig zur Ehe 
und zur Vermehrung der Arbeiter derart ermuntern, 
um sie instand zu setzen, jene stets wachsende Nach- 
IVage durch eine stets zunehmende Volkszahl zu be- 
friedigen. Wäre der Lohn einmal geringer, als es zu 
diesem Zweck nötig ist, so würde der Mangel an Händen 
ihn bald in die Höhe treiben, und wäre er einmal größer, 
so würde die unmäßige Vermehrung der Hände ihn 
bald wieder auf seinen notwendigen Satz herunter- 
bringen. Der Markt würde in dem einen Falle so 
schlecht mit Arbeit versorgt und in dem anderen so 
sehr damit überfüllt sein, daß ihr Preis bald auf den 
richtigen Satz zurückkäme, den die Verhähnisse der 
Gesellschaft erheischen. So regelt die Nachfrage nach 
Menschen, gleich der nach jeder anderen Ware, not- 
wendig auch die Erzeugung der Menschen, beschleunigt 
sie, wenn sie zu langsam vor sich geht, und verzögert 
sie, wenn sie zu rasch fortschreitet. Es ist diese Nach- 
frage, die die Fortpflanzung in allen Ländern der Welt, 
in Nordamerika, in Europa und in China regelt und be- 
stimmt, die sie zu einer reißend schnellen in dem ersten, 
zu einer langsamen und schrittweisen in dem zweiten, 
und zu einer völlig stillstehenden in dem letzten macht. 
Die Abnutzung eines Sklaven, hat man gesagt, geht 
auf Kosten seines Herrn, die eines freien Dieners auf 
seine eigenen Kosten. Allein die Abnutzung des letzteren 
geht in Wahrheit ebenso auf Kosten seines Herrn, als 
die des ersteren. Der an Taglöhner und Dienstboten 
aller Art bezahlte Lohn muß diese im Ganzen ge- 
nommen instand setzen, das Geschlecht der Taglöhner 
und Dienstboten in dem Maße fortzupflanzen, als es 
die wachsende, abnehmende oder sich gleichbleibende 
Nachfrage der Gesellschaft gerade verlangt. Wenn in- 
deß auch die Abnutzung eines freien Dieners gleich- 
falls auf Kosten seines Herrn geschieht, so kostet sie 



112 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

letzteren doch in der Regel weit weniger, als die eines 
Sklaven. Der zum Ersatz oder so zu sagen zur Wieder- 
herstellung eines abgenutzten Sklaven bestiuimte Fonds 
wird gewöhnlich von einem nachlässigen Heri'n oder 
einem sorglosen Aufseher verwaltet. Der zu demselben 
Zwecke für einen freien Mann bestimmte Fonds wird 
von dem freien Manne selbst verwaltet. Die Unordnung, 
welche gewöhnlich im Haushalt des Reichen herrscht, 
macht sich naturgemäß in der Beaufsichtigung des Er- 
steren geltend: die strikte Mäßigkeit und aufmerksame 
Sparsamkeit des Armen herrscht eben so natürlich in 
der Beaufsichtigung des Letzteren. Unter so ungleicher 
Aufsicht muß derselbe Zweck sehr ungleiche Kosten 
verursachen. Und so lehrt, wie ich glaube, die Erfahrung 
aller Zeiten und Völker, daß die Arbeit freier Leute 
am Ende wohlfeiler ist, als die der Sklaven. Dies findet 
sich sogar in Boston, New- York und Philadelphia be- 
stätigt, wo doch der Lohn gemeiner Arbeit sehr hoch ist. 

Die reichliche Belohnung der Arbeit ist mithin eben- 
sowohl die Wirkung des zunehmenden Reichtums wie 
die Ursache der zunehmenden Volksmenge. Darüber 
klagen heißt über die notwendige Wirkung und Ur- 
sache der größten öffentlichen Wohlfahrt jammern. 

Es verdient vielleicht bemerkt zu werden, daß die 
Lage der arbeitenden Armen, der großen Masse des 
Volks, mehr in dem fortschreitenden Stadium, wo die 
Gesellschaft weiterem Erwerb zueilt, als in dem, wo sie 
eine Fülle des Reichtums bereits erworben hat, am 
glücklichsten und behaglichsten zu sein scheint. Sie 
ist hart in dem Stadium des Stillstands und elend in 
dem des Verfalls. Der Zustand des Fortschritts ist in 
der Tat für alle Gesellschaftsklassen ein Zustand des 
Frohsinns und der Kraft. Der Stillstand macht träge, 
der Verfall traurig. 

Die reichliche Belohnung der Arbeit ermuntert eben- 



Kap. Vin.: Der Arbeitslohn. 113 

sowohl den gemeinen Mann zur Fortpflanzung, wie sie 
ihn zum Fleiße anspornt. Der Arbeitslohn ist die Auf- 
munterung zum Fleiße, der, wie jede andre menschliche 
Eigenschaft, in dem Grade zunimmt, wie er Aufmunte- 
rung erfährt. Reichliche Nahrung stärkt die Körper- 
kräfte des Arbeiters, und die wohltuende Hoffnung 
seine Lage zu verbessern, und seine Tage vielleicht in 
Ruhe und Fülle zu beschließen, feuert ihn an, seine 
Kräfte aufs Ausserste anzustrengen. Wo der Arbeits- 
lohn hoch ist, finden wir demnach stets die Arbeiter 
tätiger, fleißiger und flinker, als da, wo er niedrig ist; 
in England z. B. mehr als in Schottland, in der Um- 
gebung großer Städte mehr, als an entlegenen Orten 
des platten Landes. Freilich werden manche Arbeiter, 
wenn sie in vier Tagen soviel verdienen können, um 
eine Woche davon zu leben, in den übrigen drei Tagen 
müßig gehen ; aber dies ist durchaus nicht bei der Mehr- 
zahl der Fall. Im Gegenteil sind die Arbeiter, wenn sie 
reichlich nach dem Stück bezahlt werden, sehr geneigt, 
sich zu überarbeiten, und in wenigen Jahren ihre Gesund- 
heit undKürperbeschaffenheit zu ruinieren. Ein Zimmer- 
mann in London und einigen anderen Orten bleibt, wie 
man annimmt, nicht über acht Jahre bei vollen Kräften. 
Ahnlich verhält es sich in vielen anderen Gewerben, 
in denen der Arbeiter nach dem Stück bezahlt wird, 
wie dies allgemein in den Fabriken der Fall ist und 
selbst bei den Feldarbeiten überall, wo der Lohn hoher 
als gewöhnlich ist. BeinahejedeKlasse von Handwerkern 
ist einer eigentümlichen Krankheit ausgesetzt, die durch 
übermäßige Anstrengung bei der besonderen Art ihrer 
Arbeit veranlaßt wird. Ramuzzini, ein ausgezeichneter 
italienischer Arzt, hat über solche Krankheiten ein be- 
sonderes Buch geschrieben. Wir rechnen unsre Soldaten 
nicht gerade zu den fleißigsten Leuten unter uns. Wenn 
aber Soldaten zu gewissen Arbeiten gebraucht und reich- 

Adam Smith, Volkswohlstand. I. 8 



i 14 Erstes Buoli: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

lieh nach dem Stück bezahlt wurden, mußten ihre 
Offiziere mit dem Unternehmer das Abkommen treffen, 
daß ihnen nicht gestattet sein solle, bei dem Satze, 
nach welchem sie bezahlt wurden, mehr als eine gewisse 
Summe täglich zu verdienen. Ehe dies ausgemacht 
worden war, reizte sie oft ihr- gegenseitiger Wetteifer 
und das Verlangen nach größerem Gewinn, sich zu 
überarbeiten und ihrer Gesundheit durch übermäßige 
Anstrengung zu schaden. Der übertriebene Fleiß wäh- 
rend vier Tagen der Woche ist oft die wirkliche Ursache 
jenes Müssiggangs an den drei übrigen, über den so viele 
und so laute Klage geführt wird. Großer Anstrengung 
des Geistes oder des Körpers, mehrere Tage hinterein- 
ander fortgesetzt, folgt bei den meisten Menschen na- 
turgemäß ein starkes Verlangen nach Ei-holung, das, 
wenn es nicht mit Gewalt oder durch herbe Not bc' 
zwungen wird, fast unwiderstehlich ist. Es ist der Ruf 
der Natur, die eine gewisse Schonung fordert, zuweilen 
durch bloße Ruhe, zuweilen auch durch Zerstreuung 
und Vergnügung. Wird ihm nicht nachgegeben, so 
sind die Folgen oft gefährlich und manchmal tödlich 
und fast immer so, daß sie früher oder später zu der 
dem Gewerbe eigentümlichen Krankheit führen. Wenn 
die Meister immer auf die Eingebungen der Vernunft 
und Menschlichkeit hörten, so würden sie oft Veran- 
lassung haben, den Fleiß vieler ihrer Arbeiter eher zu 
mäßigen als anzufeuern. Es wird sich, wie ich glaube, 
bei jedem Gewerbe herausstellen, daß der Mann, der 
mit Maßen arbeitet, um auf die Dauer zur Arbeit 
tauglich zu sein, nicht nur seine Gesundheit am 
längsten erhält, sondern auch im Laufe eines Jahres 
die größte Menge Arbeit verrichtet. 

Man hat behauptet, daß die Arbeiter in wohlfeilen 
Jahren träger, und in teuren arbeitsamer als gewöhnlich 
zu sein pflegen, und man schloß daraus, daß reich- 



Kap. VIIL: Der Arbeitslohn. liö 

liehe Nahrung ihren Fleiß erschlaffe und kärgliche ihn 
ansporne. Daß eine etwas mehr als gewöhnliche 
Nahrungsfülle manche Arbeiter träge macht, läßt sich 
allerdings nicht leugnen; daß sie diese Wirkung aber 
bei der Mehrzahl haben sollte, oder daß die Leute im 
Allgemeinen besser arbeiten sollten, wenn sie schlecht, 
als wenn sie gut genährt werden; besser, wenn sie 
entmutigt, als wenn sie gut aufgelegt sind; besser, 
wenn sie oft krank, als wenn sie fast immer gesund 
sind: ist nicht sehr wahrscheinlich. Jahre der Teurung 
sind, was zu beachten ist, unter den gewöhnlichen 
Leuten in der Regel Jahre der Krankheit und Sterb- 
lichkeit, wodurch sich das Produkt ihres Fleißes not- 
wendig vormindern muß. 

In Jahren der Fülle verlassen die Dienenden oft 
ihre Herren, und hoffen durch Fleiß ihren Unterhalt 
selbständio- zu gewinnen. Aber dieselbe Wohlfeilheit 
der Lebensmittel spornt durch Vergrößerung des für 
den Unterhalt der Dienenden bestimmten Fonds auch 
die Herren, besonders die Pächter an, eine größere 
Arbeitermengo zu beschäftigen. Die Pächter erwarten 
in solchen Fällen von ihrem Getreide einen größeren 
Gewinn, wenn sie etwas mehr Dienstleute unterhalten, 
als wenn sie es zu einem niedrigen Preise auf dem 
Markte verkaufen. Die Nachfrage nach Dienstleuten 
wächst, während die Anzahl derer, die sich anbieten, 
abnimmt. Daher geht der Preis der Arbeit in wohl- 
feilen Jahren oft in die Höhe. 

In Notjahren macht die Schwierigkeit und Un- 
sicherheit des Unterhalts alle solche Leute begierig, in 
den Dienst zurückzukehren. Der hohe Preis der Lebens- 
mittel aber, wodurch die für den Unterhalt der Dienen- 
den bestimmten Fonds verringert werden, bewegt die 
Arbeitgeber eher, die Anzahl derei', die sie haben, zu 
vermindern, als zu vergrößern. Auch verzehren oft in 



116 Erstes Buch: Ziunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

teuren Jahren arme unabhängige Handwerker das ge- 
ringe Kapital, mit dem sie sich sonst ihr Arbeitsmaterial 
verschafften, und sehen sich gezwungen, Gesellen zu 
werden, um leben zu können. Dann verlangen mehr 
Leute Arbeit, als zu bekommen ist; und viele sind be- 
reit, sie unter schlechteren Bedingungen, als gewöhn- 
lich, anzunehmen, und so geht der Arbeitslohn der 
Knechte und Gesellen in teuren Jahren oft herunter. 
Die Arbeitgeber aller Art machen deshalb oft in 
teuren Jahren an ihren Dienstleuten ein besseres Ge- 
schäft, als in wohlfeilen, und finden sie in den ersteren 
demütiger und abhängiger, als in den letzteren. Sie 
erklären also natürlicherweise die teuren Jahre als dem 
Gewerbfleiß günstiger. Gutsbesitzer und Pächter, die 
beiden größten Klassen von Arbeitgebern, haben über- 
dies noch einen andern Grund über teure Jahre froh zu 
sein. Die Renten des einen und die Gewinne des andern 
hängen gar sehr von dem Preise der Lebensmittel ab. 
Nichts kann jedoch alberner sein, als sich einzubilden, 
daß die Menschen im Allgemeinen weniger arbeiten 
sollten, wenn sie für sich arbeiten, als wenn sie für 
andere Leute arbeiten. Ein armer unabhängiger Hand- 
werker wird gewöhnlich arbeitsamer sein, als selbst ein 
Geselle der nach dem Stück arbeitet. Der eine hat von 
dem Produkt seines Fleißes den vollen Genuß, der 
andere teilt ihn mit seinem Meister. Der eine ist in 
seiner abgesonderten, unabhängigen Stellung den Ver- 
suchungen schlechter Gesellschaft, die in großen Fabri- 
ken die Sitten des anderen so häufig verderben, weniger 
ausgesetzt. Die Überlegenheit unabhängiger Hand- 
werker über die Arbeiter, welche monats- oder jahr- 
weise gedungen werden, und deren Lohn und Unter- 
halt derselbe bleibt, ob sie viel oder wenig tun, ist 
wahrscheinlich noch weit größer. Wohlfeile Jahre er- 
höhen der Natur der Sache nach das Verhältnis unab- 



Kap. VIII.: Der Arbeitslohn. 1]^7 

hängiger Handwerker zu den Gesellen und Dienenden 
aller Art und teure Jahre erniedrigen es. 

Ein französischer Schriftsteller von vielem Wissen 
und Scharfsinn, Messance, Steuereinnehmer in dem 
Bezirk von St. Etienne, sucht zu zeigen, daß die Armen 
in wohlfeilen Jahren mehr arbeiten, als in teuren, und 
vergleicht zu diesem Zwecke die Menge und den Wert 
der in diesen verschiedenen Fällen in drei Fabrik- 
zwoigen gefertigten Waren, nämlich in den Fabriken 
grober Wollenwaren zu Elbeuf, und in den Leinen- 
und Seidenfabriken, die sich über das ganze Gebiet 
von Rouen erstrecken. Aus seiner auf die amtlichen 
Berichte gestützten Rechnung ergibt sich, daß die 
Menge und der Wert der in allen drei Fabrikzweigen 
hergestellten Waren in wohlfeilen Jahren größer als 
in teuren, und daß sie in den wohlfeilsten stets am 
größten, in den teuersten am kleinsten war. Alle drei 
scheinen stillstehende, d. h. solche Industriezweige zu 
sein, die, wenn auch die Menge ihrer Erzeugnisse von 
einem Jahre zum anderen etwas schwanken mag, doch 
im Ganzen weder zurück noch vorwärts gehen. 

Die Leinenindustrie in Schottland und diejenige 
grober Wollenzeuge im westlichen Bezirk von York- 
shire sind zunehmende Industrien, deren Produkt im 
Allgemeinen, wenn auch mit gewissen Schwankungen, 
an Menge und Wort zunimmt. Bei Prüfung der über 
ihre jährliche Produktion veröffentlichten Berichte habe 
ich jedoch nicht bemerken können, daß ihre Schwank- 
ungen mit der Teuerung oder Wohlfeilheit der Jahre 
in merkbarem Zusammenhang ständen. Im Jahre 1740, 
in dem großer Mangel herrschte, scheinen allerdings 
beide Industriezweige sehr gedrückt gewesen zu sein. 
Im Jahre 1756 aber, in dem ebenfalls großer Mangel 
herrschte, machte die schottische Industrie außerge- 
wöhnliche Fortschritte. Die Yorkshirer Industrie nahm 



lis Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit, 

allerdings ab, und ihr Produkt stieg seit 1755 nicht 
mehr auf die Höhe dieses Jahres, bis 1766 die ameri- 
kanische Stempelakte abgeschafft wurde. In diesem 
und dem folgenden Jahre stieg ihr Produkt höher, als 
zuvor, und sie hat seitdem immer größere Fortschritte 
gemacht. 

Die Produktion aller großen exportierenden Indu- 
striezweige muß notwendigerweise nicht sowohl von 
der Teuerung oder Wohlfeilheit der Jahre in den 
Ländern, wo sie betrieben werden, als von den Um- 
ständen abhängen, welche die Nachfrage in den Ländern 
bestimmen, in denen sie verbraucht werden; vonFrieden 
oder Krieg, vom Gedeihen oder Verfall anderer riva- 
lisierender Industrien, und von der guten oder üblen 
Laune ihrer Hauptkunden. Überdies kommt ein großer 
Teil der in wohlfeilen Jahren wahrscheinlich verrich- 
teten außergewöhnlichen Arbeit niemals in die öffent- 
lichen Industrieregister. Die männlichen Arbeiter, 
welche ihre Arbeitgeber verlassen, werden Arbeiter auf 
eigene Bechnung, und die Arbeiterinnen kehren zu 
ihren Eltern zurück, und spinnen gewöhnlich für ihren 
eigenen vmd ihrer Familien Kleidungsbedarf, Selbst 
die unabhängigen Handwerker arbeiten nicht immer 
für den öffentlichen Verkauf, sondern werden von ihren 
Nachbarn für deren Hausbedarf beschäftigt. Daher fehlt 
ihr Arbeitsprodukt häufig in jenen öffentlichen Re^ 
gistern, deren Ergebnisse zuweilen mit so vielem Stolz 
veröffentlicht werden, und nach denen unsere Kauf- 
leute und Fabrikanten das Gedeihen oder den Verfall 
der größten Reiche anzukündigen oft vergeblich be^ 
ansprachen würden. 

Obgleich die Veränderungen im Preise der Arbeit 
nicht immer mit denen im Preise der Lebensmittel über- 
einstimmen, ihnen vielmehr oft gerade entgegengesetzt 
sind, darf man darum doch nicht denken, daß der 



Kap. VIII.: Der Arbeitslohn. HQ 

Preis der Lebensmittel auf den der Arbeit keinen Ein- 
fluß habe. Der Geldpreis der Arbeit wird notwendig 
durch zweierlei Umstände bestimmt, durch die Nach- 
frage nach Arbeit, und durch den Preis der Lebens- 
und Genußmittel. Je nachdem die Nachfrage nach Ar- 
beit zunimmt, sich gleichbleibt oder abnimmt; je nach- 
dem sie also eine zunehmende, sich gleichbleibende oder 
abnehmende Volkszahl erfordert, bestimmt sie die Men- 
ge von Lebens- und Genußmitteln, die dem Arbeiter 
zugebilligt werden muß ; und der Geldpreis der Arbeit 
wird durch die Summe bestimmt, die zum Ankauf dieser 
Menge notwendig ist. Wenn daher auch der Geldpreis 
der Arbeit zuweilen hoch ist, während der Preis der 
Nahrungsmittel niedrig steht, so würde er doch, wenn 
die Nachfrage dieselbe bliebe, noch höher sein, falls 
der Preis der Nahrungsmittel hoch stände. 

Weil die Nachfrage nach Arbeit in Jahren plötz- 
licher und ungewöhnlicher Fülle zu-, in solchen plötz- 
lichen und ungewöhnlichen Mangels dagegen abnimmt, 
steigt der Geldpreis der Arbeit in den einen und sinkt 
in den anderen. 

In einem Jahre plötzlicher und ungewöhnlicher 
Fülle befinden sich in den Händen vieler Arbeitgeber 
hinreichende Fonds, um eine größere Anzahl fleißiger 
Leute zu unterhalten und zu beschäftigen, als im vor- 
hergehenden Jahre beschäftigt worden sind; und diese 
ungewöhnliche Anzahl ist nicht immer gleich zu haben. 
Daher überbieten sich die Arbeitgeber, die Arbeiter 
brauchen, und infolgedessen steigt sowohl der Sach- 
wie der Geldpreis ihrer Arbeit. 

Das Gegenteil davon tritt in einem Jahre plötz- 
lichen und ungewöhnlichen Mangels ein. Die zur Be- 
schäftigung von Arbeitern bestimmten Fonds sind ge- 
ringer, als im vorhergehenden Jahre. Eine große Menge 
Leute werden beschäftigungslos, und diese bieten, um 



120 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Arbeit zu erhalten, einander herunter, wodurch bis- 
weilen sowohl der Sach- wie der Geldpreis der Arbeit 
sich erniedrigt. Im Jahre 1740, wo ungewöhnlicher 
Mangel herrschte, waren Viele bereit, für die nackte 
Existenz zu arbeiten. In den darauf folgenden Jahren 
der Fülle war es schwerer, Arbeiter und Dienstboten 
zu bekommen. 

Der Mangel in einem teuren Jahre wirkt durch 
Verminderung der Nachfrage nach Arbeit naturgemäß 
auf Erniedrigung ihres Preises, während der hohe Preis 
der Nahrungsmittel auf seine Erhöhung wii-kt. Die 
Fülle eines wohlfeilen Jahres wirkt hingegen durch 
Vermehrung der Nachfrage auf Erhöhung des Arbeits- 
preises, während die Wohlfeilheit der Nahrungsmittel 
auf seine Ermäßigung wirkt. Bei den gewöhnlichen 
Schwankungen der Nahrungsmittelpreise scheinen diese 
beiden entgegengesetzten Ursachen einander die Wage 
zu halten, was wahrscheinlich teilweise der Grund ist, 
warum der Arbeitslohn überall so viel stetiger und 
dauernder ist, als der Preis der Nahrungsmittel. 

Das Steigen des Arbeitslohnes erhöht notwendig 
den Preis vieler Waren, weil es den Teil des Preises 
erhöht, der sich in Lohn auflöst, und insofern bewirkt 
es eine Verminderung im Verbrauch dieser Waren 
daheim und im Auslande. Dieselbe Ursache jedoch, 
die den Arbeitslohn steigert, die Zunahme des Kapitals 
nämlich, bewirkt eine Zunahme der erzeugenden Kräfte 
der Arbeit und die Herstellung eines größeren Arbeits- 
produktes durch eine geringere Arbeitermenge. Der 
Kapitalist, der eine große Anzahl Arbeiter beschäftigt, 
ist notwendig um seines eigenen Vorteils willen be- 
müht, die Beschäftigung so angemessen zu verteilen, 
daß die Arbeiter eine größtmögliche Menge Waren 
hervorzubringen vormögen. Aus demselben Grunde 
bemüht er sich, ihnen die besten Maschinen zu ver- 



Kap. V III.: Der Arbeitslohn. 121 

schaffen, die er oder sie kennen. Was aber unter den 
Arbeitern einer Werkstatt platzgreift, greift aus dem- 
selben Grunde auch unter denen einer großen Gesell- 
schaft Platz. Je größer ihre Anzahl, desto mehr teilen 
sie sich naturgemäß in verschiedene Gattungen und 
Unterarten der Beschäftigung. Es sind mehr Köpfe 
beschäftigt, die geeignetsten Maschinen für jeden Pro- 
duktionszweig zu erfinden, und desto mehr werden 
sie folglich erfinden. Es gibt mithin viele Waren, 
die infolge dieser Verbesserungen mit so viel weniger 
Arbeit, als früher, hervorgebracht werden, daß der 
erhöhte Preis der Arbeit durch die Verringerung der 
zu ihrer Herstellung nötigen Arbeit mehr als aufge- 
wogen wird. 



Neuntes Kapitel. 
Der Kapitalgewinn. 

Das Steigen und Fallen im Kapitalgewinn hängt von 
denselben Ursachen ab, wie das Steigen und Fallen im 
Arbeitslohn, nämlich von dem wachsenden oder abneh- 
menden Reichtum der Gesellschaft; aber diese Ursachen 
berühren den einen ganz anders, als den anderen. 

Das Wachsen des Kapitals, das den Lohn erhöht, 
wirkt auf Verminderung des Gewinns. Wenn die Ka- 
pitalien vieler reicher Kaufleute demselben Geschäfts- 
zweige zugewendet werden, so wirkt ihre gegenseitige 
Konkurrenz natürlich auf Verringerung des Gewinns; 
und wenn in all den verschiedenen Geschäftszweigen, 
die in derselben Gesellschaft betrieben werden, eine 
gleiche Kapitalienvermehrung stattfindet, so muß die 
Konkurrenz dieselbe Wirkung in ihnen allen äußern. 

Es ist, wie schon bemerkt worden, nicht leicht, den 
durchschnittlichen Arbeitslohn selbst eines bestimmten 
Orts und eines bestimmten Zeitpunktes festzustellen. Wir 
können auch in dieser Beschränkung selten etwas anderes 
feststellen, als den üblichsten Arbeitslohn. Aber in Be- 
zug auf den Kapitalgewinn kann auch dies nur selten 
geschehen. Der Gewinn ist so schwankend, daß der 
Geschäftstreibende selbst nicht immer sagen kann, wie 
viel sein mittlerer Jahresgewinn beträgt. Dieser wird 
nicht nur durch jede Preisveränderung der Waren, mit 
denen er handelt, beeinflußt, sondern auch durch das 



Kap. IX.: Der Kapitalgewinn. 123 

Glück oder Unglück seiner Mitbewerber und seiner 
Kunden, so wie durch tausend andere Zufälle, denen 
die Güter, ob sie nun zu Wasser oder zu Lande ver- 
schickt oder ob sie in einem Lagerhause aufbewahrt 
werden, unterworfen sind. Er schwankt daher nicht 
nur von Jahr zu Jahr, sondern von Tag zu Tag, und 
beinahe von Stunde zu Stunde. Den mittleren Gewinn 
aller verschiedenen Gewerbe eines großen Königreichs 
festzustellen, müßte noch viel schwieriger sein; und 
mit einiger Genauigkeit zu beurteilen, wie hoch er 
früher oder in längst verflossenen Zeiten gewesen ist, 
muß ganz unmöglich sein. 

Wenn es aber auch unmöglich ist, mit einiger Ge- 
nauigkeit anzugeben, wie viel der mittlere Kapitalge- 
winn heute beträgt oder früher betragen hat, so kann 
man sich doch einen gewissen Begriff davon machen 
nach dem Geldzins. Es kann als Grundsatz gelten, 
daß, wo mit der Nutzung von Geld ein großes Geschäft 
gemacht werden kann, gewöhnlich auch für seine 
Nutzung viel bezahlt wird; und daß, wo nur ein ge- 
ringes Geschäft damit gemacht werden kann, in der 
Regel auch weniger dafür bezahlt wird. Je nachdem 
also der übliche Zinsfuß in einem Lande sich ändert, 
kann man auch mit Gewißheit annehmen, daß der ge- 
wöhnliche Kapitalgewinn sich mit ihm ändert; sinkt, 
wenn jener sinkt, und steigt, wenn jener steigt. Die 
Entwicklung des Zinsfußes kann uns mithin zu einem 
Schlüsse auf die Entwicklung des Gewinnes leiten. 

Durch die Akte aus dem 37. Jahre Heinrichs VllL 
wurde aller Zins über zehn Prozent für ungesetzlich 
erklärt. Früher, scheint es, hatte man bisweilen mehr 
genommen. Unter der Regierung Eduards VL verbot 
der religiöse Eifer allen Zins. Dieses Verbot soll jedoch, 
gleich allen anderen dieser Art, keinen Erfolg gehabt 
haben und hat wahrscheinlich eher das Übel des 



124 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Wuchers verschlimmert, als ihm gesteuert. Das Statut 
Heinrichs VIII. wurde durch das Statut aus dem 
13. Jahre Elisabeths, Kapitel 8, erneuert, und zehn 
Prozent blieb der gesetzliche Zinsfuß bis ins 21. Jahr 
Jakobs I., wo er auf acht ermäßigt wurde. Bald nach 
der Restauration wurde er auf sechs Prozent und im 
12. Jahre der Königin Anna auf fünf herabgesetzt. Alle 
diese Verordnungen scheinen den Zeitverhältnissen sehr 
angemessen gewesen zu sein. Sie scheinen lediglich dem 
Zinsfuße des Marktes, oder dem, zu welchem Leute mit 
gutem Kredit Geld zu borgen pflegten, gefolgt zu sein. 
Seit der Zeit der Königin Anna scheinen fünf vom 
Hundert eher über als unter dem marktgängigen Zins- 
fuße gewesen zu sein. Vor dem letzten Kriege machte 
die Begierung ein Anlehen zu drei Prozent, und Leute 
mit gutem Kredit borgten in der Hauptstadt und an 
vielen anderen Orten des Königreichs zu drei und ein 
halb, vier, und vier und ein halb Prozent. 

Seit der Zeit Heinrichs VIII. hob sich der Reich- 
tum und das Einkommen des Landes ohne Unter- 
brechung, und ihr Fortschritt scheint im weiteren Ver- 
laufe eher beschleunigt, als aufgehalten worden zu sein. 
Sie haben, wie es scheint, nicht nur zugenommen, viel- 
mehr ist diese Zunahme schneller und schneller erfolgt. 
Der Arbeitslohn war während dieser Periode stets im 
Steigen, und der Kapitalgewinn war in den meisten 
Zweigen des Handels und Gewerbes im Fallen. 

Es erfordert in der Regel ein größeres Kapital, 
ein Geschäft in einer großen Stadt, als in einem Land- 
städtchen zu betreiben. Die in Geschäften aller Art 
angelegten grollen Kapitalien und die Menge der reichen 
Wettbewerber verringerten in der Regel den Gewinn- 
satz in der großen Stadt mehr, als in der Landstadt. 
Der Arbeitslohn aber ist in einer großen Stadt gewöhn- 
lich höher, als in einem Landstädtchen. In einer leb- 



Kap. IX.: Der Kaiiitalgewinn. 125 

haften Stadt können diejenigen, die große Kapitalien 
anzulegen haben, oft nicht soviel Arbeiter erhalten, als 
sie brauchen, und überbieten einander, um so viele als 
möglich zu erhalten: hierdurch steigt der Arbeitslohn 
und der Kapitalgevvinn sinkt. In den entlegenen Teilen 
des Landes fehlt es häufig an Kapital, alle Leute zu 
beschäftigen, und diese unterbieten einander, um 
Arbeit zu erhalten, wodurch der Arbeitslohn sinkt und 
der Kapitalgewinn steigt. 

Obgleich in Schottland der gesetzliche Zinsfuß der- 
selbe ist, wie in England, so ist doch der marktgängige 
etwas höher. Leute mit bestem Kredit erhalten dort 
selten Geld unter fünf Prozent. Selbst Privatbankiers 
in Edinburg geben auf ihre trockenen Wechsel, deren 
Zahlung im ganzen oder teilweise zu jeder beliebigen 
Zeit gefordert werden kann, vier Prozent. In London 
geben Privatbankiers keine Zinsen für das Geld, das 
bei ihnen niedergelegt wird. P^s gibt nur wenige Ge- 
werbe, die nicht in Schottland mit einem geringeren 
Kapital betrieben werden können, als in England. Des- 
halb muß dort der gewöhnliche Gewinnsatz etwas 
größer sein. Der Arbeitslohn ist, wie schon bemerkt, 
in Schottland niedriger, als in England. Auch ist das 
Land nicht nur viel ärmer, sondern der Fortschritt zu 
einem besseren Zustande — denn Fortschritte macht 
es offenbar — scheint auch weit langsamer und träger 
zu sein. 

Der gesetzliche Zinsfuß in Frankreich ist im Laufe 
des gegenwärtigen Jahrhunderts nicht immer nach dem 
marktgängigen geregelt worden'''). Im Jahre 1720 wurde 
der Zins vom zwanzigsten auf den fünfzigsten Pfennig, 
oder von fünf auf zwei Prozent heruntergesetzt. 1724 
wurde er auf den dreißigsten Pfennig oder 3V a " o, 
1725 wieder auf den zwanzigsten Pfennig: oder 5 "/o 

'■■■) Siehe Denisart, Article: Taux des Interets, toni. III. p. 18. 



126 Ei'Ntes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

gesteigert. 1766 unter Laverdys Administration wurde 
er auf den fünfundzvvanzigsten Pfennig oder 4 ° o 
herabgesetzt. Der Abbe Terray erhöhte ihn nachher 
auf den alten Satz von fünf vom Hundert. Der beab- 
sichtigte Zweck vieler dieser gewaltsamen Zinsherab- 
Setzungen war der, den Weg zu einer Zinsverminderung 
der Staatsschulden zu bahnen, ein Zweck, der zuweilen 
auch erreicht worden ist. Frankreich ist jetzt vielleicht 
kein so reiches Land, als England, und obgleich der 
gesetzliche Zinsfuß dort oft niedriger war, als in Eng- 
land, so war der Marktsatz doch in der Regel höher; 
denn, wie in andern Ländern, hat man dort sichere 
und leichte Mittel, das Gesetz zu umgehen. Der Ge- 
werbsgewinn ist, wie mir britische Kaufleute, die in 
beiden Ländern Geschäfte trieben, versicherten, in 
Frankreich höher, als in England, und hierin liegt ohne 
Zweifel der Grund, warum viele britische Untertanen 
es vorziehen, ihre Kapitalien in einem Lande anzulegen, 
wo der Handel verachtet wird, anstatt in einem Lande, 
wo er in hoher Achtung steht. Der Arbeitslohn ist in 
Frankreich niedriger als in England. Wenn man von 
Schottland nach England kommt, so deutet der Unter- 
schied, den man zwischen der Kleidung und dem Aus- 
sehen der gewöhnlichen Leute in dem einen und in dem 
anderen Lande bemerkt, hinlänglich auf die Ungleichheit 
ihrer Lage hin. Aber der Gegensatz ist noch größer, 
wenn man aus Frankreich zurückkehrt. Frankreich, ob- 
wohl ohne Zweifel ein reicheres Land als Schottland, 
scheint nicht so schnell vorwärts zu schreiten. Es ist 
eine verbreitete und sogar populäre Meinung im Lande, 
daß es rückwärts gehe; eine Meinung, die, wie ich 
glaube, selbst in Bezug auf Frankreich unbegründet 
ist, in Bezug auf Schottland aber unmöglich von Je- 
mand gehegt werden kann, der dieses Land jetzt sieht, 
und es vor zwanzig oder dreißig Jahren gesehen hat. 
Holland andrerseits ist nach Verhältnis seiner Ge- 



Kap. TX.: Der Kapitalgewinn. 127 

bietsausdehnung und Volkszahl ein reicheres Land als 
England. Die Regierung borgt dort zu zwei, und Pri- 
vatleute mit gutem Kredit zu drei Prozent. Der Ar- 
beitslohn soll in Holland höher als in England sein, und 
der Holländer handelt, wie bekannt, mit geringerem 
Gewinn, als irgend Jemand in Europa. Manche haben 
behauptet, daß Hollands Handel im Verfall sei, und 
von einigen Geschäftszweigen mag dies vielleicht richtig 
sein. Allein jene Symptome scheinen hinreichend dafür 
zu sprechen, daß der Verfall kein allgemeiner ist. Wenn 
der Gewinn sich verringert, so sind die Kaufleute sehr 
geneigt über Verfall der Geschäfte zu klagen, obwohl 
die Verminderung des Gewinns die natürliche Folge ihres 
Gedeihens, oder einer umfangreicheren Kapitalienver- 
wendung in den Geschäften ist. Im letzten Kriege ge- 
wannen die Holländer den ganzen Speditionshandel 
Frankreichs, und sie haben noch jetzt einen großen 
Teil davon in Händen. Ihr großer Besitz in franzö- 
sischen und englischen Staatspapieren — von den 
letzteren haben sie etwa vierzig Millionen, wie es heißt 
— wobei ich jedoch eine starke Übertreibung vermute, 
die großen Summen, welche sie in Ländern, wo der 
Zinsfuß höher als in dem ihrigen steht, an Privatper- 
sonen ausleihen, sind Umstände, welche ohne Zweifel 
Überfluß an Kapital beweisen, indem dieses größer ge- 
worden ist, als daß sie es mit erträglichem Gewinn in 
den Geschäften ihres eigenen Landes anlegen könnten ; 
aber sie beweisen nicht, daß diese Geschäfte abgenommen 
haben. Wie das Kapital eines Privatmannes, das bei 
einem Geschäfte gewonnen worden ist, für das Geschäft 
zu groß werden und das Geschäft sich doch vergrößern 
kann, so auch das Kapital einer großen Nation. 

In unseren nordamerikanischen und westindischen 
Kolonien ist nicht nur der Arbeitslohn, sondern auch 
der Geldzins, und folglich der Kapitalgewinn höher 



128 Erstes Buch: Zunalime in der Ertragskraft der Arbeit. 

als in England. Sowohl der gesetzliche, als der markt- 
gängige Zinsfaß schwankt in den verschiedenen Kolo- 
nien zwischen sechs und acht Prozent. Hoher Arbeits- 
lohn und hoher Kapitalgewinn sind indessen vielleicht 
Dinge, die sich selten zusammenfinden, außer unter 
den ganz besonderen Umständen in neuen Kolonien. 
Eine neue Kolonie muß immer eine Zeit lang im Ver- 
hältnis zu ihrer Gebietsausdehnung kapitalärmer und 
im Verhältnis zum Umfang ihrer Kapitalien dünner 
bevölkert sein, als andere Länder. Man hat mehr Land, 
als Kapital vorhanden ist, es anzubauen. Was man hat, 
wird deshalb nur auf die Kultur des fruchtbarsten und 
günstigst gelegenen Landes, des Landes an der Seeküste 
und an den Ufern schiffbarer Flüsse, verwendet. Auch 
solches Land wird oft zu einem Preise verkauft, der 
selbst unter dem Werte seiner wildwachsenden Produkte 
steht. Das zum Kaufe und zur Verbesserung solchen 
Landes angewandte Kapital muß einen sehr reichen Ge- 
winn abwerfen und dadurch ermöglichen, sehr hohe 
Zinsen zu zahlen. Seine rasche Anhäufung bei so ge- 
winnreichen Anlagen macht es dem Pflanzer möglich, 
die Zahl der arbeitenden Hände rascher zu vermehren, 
als sie in einer neuen Niederlassung aufzutreiben sind. 
Deshalb werden die vorhandenen Arbeitskräfte sehr 
reichlich bezahlt. Wächst die Kolonie, so werden 
die Kapitalgewinne stufenweise geringer. Wenn die 
fruchtbarsten und bestgelegenen Ländereien alle in 
Besitz genommen sind, so läßt sich aus der Kultur 
der an Boden und Lage minder begünstigten nur ein 
geringerer Gewinn ziehen, und für das in ihnen an- 
gelegte Kapital kann nur geringerer Zins gezahlt werden. 
In den meisten unserer Kolonien ist deshalb der gesetz- 
liche wie der marktgängige Zinsfuß während des gegen- 
wärtigen Jahrhunderts viel niedriger geworden. Je 
mehr der lleichtum, die Kultur und die Bevölkerung 



ivap. IX.: Der Kapitalgewinn. 129 

zunahmen, desto mehr fiel der Zins. Der Arbeitslohn 
aber sinkt nicht mit dem Kapitalgewinn. Die Nachfrage 
nach Arbeit wächst mit der Vermehrung des Kapitals, 
welchen Gewinn dasselbe auch erzielen mag; und ob- 
gleich der letztere sinkt, kann das Kapital dennoch nicht 
nur ohne Unterbrechung, sondern sogar noch schneller 
zunehmen, als vorher. Es ist mit fleißigen Völkern, die 
in der Erwerbung von Reichtümern fortschreiten, wie 
mit fleißigen Einzelwesen; ein großes Kapital mit ge- 
ringen Gewinnen wächst in der E-egel schneller, als ein 
kleines Kapital mit großen Gewinnen. Geld, sagt das 
Sprichwort, macht Geld. Hat man erst Etwas ge- 
wonnen, so ist es oft leicht, mehr zu gewinnen. Die 
große Schwierigkeit besteht darin. Etwas zu gewinnen. 
Der Zusammenhang zwischen der Zunahme des Kapi- 
tals und der der Gewei'bstätigkeit oder der Nachfrage 
nach nützlicher Arbeit ist zum Teil bereits erklärt 
worden, soll aber später bei der Besprechung der 
Kapitalanhäufung noch ausführlicher behandelt werden. 
Die Erwerbung eines neuen Gebietes, oder das 
Aufkommen neuer Geschäftszweige kann zuweilen den 
Kapitalgewinn, und mit ihm den Geldzins selbst in 
einem Lande, welches im Erwerb von Reichtümern 
rasch fortschreitet, in die Höhe treiben. Da das Kapital 
des Landes dann für die hinzutretende Beschäftigung, 
die sich durch solchen Erwerb den verschiedensten 
Personen darbietet, nicht mehr hinreicht, so wird es 
nur in denjenigen Geschäftszweigen angelegt, die den 
größten Gewinn bringen. Ein Teil des Kapitals, das 
früher in anderen Gewerben angelegt war, wird 
diesen notwendig entzogen, um den neuen und gewinn- 
reicheren zugewendet zu werden. In all jenen alten 
Gewerben wird mithin der Wettbewerb geringer und 
der Markt wird mit vielen Sorten von Gütern weniger 
vollständig versorgt. Ihr Preis steigt notwendig mehr 

Adam Smith, Volkswohlstand. I, 9 



130 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

oder weniger, und liefert denen, die damit handeln, 
einen größeren Gewinn, so daß sie auch zu höheren 
Zinsen borgen können. Nach Beendigung des letzten 
Krieges borgten nicht nur Privatleute mit bestem Kredit, 
sondern auch einige der größten Handelsgesellschaften 
in London gewöhnlich zu fünf Prozent, während sie 
früher nicht mehr als vier oder vier und ein halb vom 
Hundert zu geben pflegten. Es erklärt sich dies hin- 
länglich aus dem durch unsere Erwerbungen in Nord- 
amerika und Westindien entstandenen großen Zuwachs 
von Gebiet und Handel, ohne daß man eine Verringe- 
rung des Gesellschaftskapitals anzunehmen braucht. 
Ein so starker Zuwachs neuer Geschäfte, die mit dem 
alten Kapital betrieben wurden, mußte notwendig die 
in vielen Geschäftszweigen, in denen die Konkurrenz 
geringer und der Gewinn größer geworden war, an- 
gelegte Kapitalmenge vermindern. Ich werde später 
Gelegenheit haben, die Gründe anzugeben, die mich 
zu dem Glauben bestimmen, daß der Kapitalvorrat 
Großbritanniens sogar durch die enormen Ausgaben 
des letzten Krieges nicht verringert worden ist. 

Wie jedoch die Verringerung des Kapitalvorrats 
der Gesellschaft, oder der zur Erhaltung der Gewerb- 
tätigkeit bestimmten Fonds den Arbeitslohn ermäßigt, 
so steigert sie den Kapitalgewinn und dadurch den 
Geldzins. Infolge der Ermäßigung des Arbeitslohns 
können die Eigentümer der in der Gesellschaft verblie- 
benen Kapitalien ihre Waren mit geringeren Kosten 
als früher auf den Markt bringen, und da zugleich we- 
niger Kapital auf die Versorgung des Marktes verwendet 
wird, als zuvor, so können sie sie teurer verkaufen. 
Ihre Waren kosten sie weniger, und sie erhalten 
mehr dafür. Da ihr Gewinn sich auf beiden Seiten 
vermehrt, kann er auch hohe Zinsen zahlen. Die in 
Bengalen und den übrigen britischen Niederlassungen 



Kap. IX.: Der Kapitalgewinn. Igl 

in Ostindien so schnell und leicht erworbenen großen 
Reichtümer können uns davon überzeugen, daß in 
diesen zu Grunde gerichteten Ländern der Arbeitslohn 
ebenso niedrig ist, wie der Kapitalgewinn hoch. Der 
Geldzins ist es verhältnismäßig ebenso. In Bengalen 
leihen die Pächter oft zu vierzig, fünfzig und sechzig 
Prozent Geld, und für die Rückzahlung wird die Ernte 
des nächsten Jahres verpfändet. Wie die Gewinne, die 
einen solchen Zins abwerfen können, fast die ganze 
Rente des Grundbesitzers aufzehren müssen, so muß 
auch ein so unmäßiger Wucher den größten Teil jener 
Gewinne verschlingen. Vor dem Untergange der rö- 
mischen Republik scheint ein wucherischer Zins der- 
selben Art in den Provinzen unter der verderblichen 
Verwaltung ihrer Prokonsuln etwas Gewöhnliches ge- 
wesen zu sein. Der tugendhafte Brutus verlieh, wie 
wir aus Ciceros Briefen erfahren, in Cypern Geld zu 
achtundvierzig Prozent. 

In einem Lande, das den vollen Reichtum erworben 
hat, den es vermöge der Natur seines Bodens und Klimas 
und vermöge seiner Lage gegen andere Länder erwerben 
kann, das also nicht weiter fortschreitet, aber auch keine 
Rückschritte macht, würde wahrscheinlich sowohl der 
Arbeitslohn wie der Kapitalgev^inn sehr niedrig sein. 
In einem, im Verhältnis zu seinem Gebiet und seinen 
Kapitalien sehr dicht bevölkerten Lande wird die Kon- 
kurrenz um Arbeit notwendiger Weise so groß sein, 
um den Arbeitslohn auf das Niveau zu drücken, wo 
er gerade noch hinreicht, die bisherige Anzahl von Ar- 
beitern zu erhalten; und diese Anzahl kann, da das 
Land schon vollkommen bevölkert ist, sich nicht weiter 
vermehren. In einem, im Verhältnis zu all seinen Ge- 
schäften vollkommen mit Kapital versehenen Lande 
wird gerade so viel Kapital in jedem Gewerbszwoige 
angelegt werden, als seine Natur und Ausdehnung zu- 



132 Ei'stes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

läßt, und es wird der Wettbewerb so groß und folg- 
lich der Gewinn so niedrig wie möglich sein. 

Doch ist vielleicht bis jetzt noch kein Land zu 
diesem Grade der Wohlhabenheit gelangt. China scheint 
lange auf ein und demselben Punkte stehen geblieben 
zu sein, und hatte wahrscheinlich schon längst das volle 
Maß des Reichtums erreicht, das sich mit der Natur 
seiner Gesetze und Einrichtungen verträgt. Allein 
dieses Maß dürfte weit geringer sein, als es die Natur 
seines Bodens, seines Klimas und seiner Lage unter 
anderen Gesetzen und Einrichtungen wohl zuließe. 
Wenn ein Land den auswärtigen Handel vernachlässigt 
oder verschmäht, und die Schiffe fremder Nationen nur 
in einen oder zwei seiner Häfen einlaufen läßt, so kann 
es nicht eben so viele Geschäfte machen, als es unter 
anderen Gesetzen und Einrichtungen machen könnte. 
In einem Lande ferner, in dem zwar die Reichen oder 
Eigentümer großerKapitalien große Sicherheit genießen, 
die Armen aber oder die Eigentümer kleiner Kapitalien 
fast gar keine, vielmehr jederzeit unter Vorwänden der 
Rechtspflege den Plünderungen und Räubereien der 
niederen Mandarinen ausgesetzt sind, kann die in den 
verschiedenen Geschäftszweigen angelegte Kapitalmenge 
niemals so groß sein, als die Natur und Ausdehnung der 
Geschäfte es erlaubt. In jedem Geschäft muß die Unter- 
drückung des Armen das Monopol des Reichen begrün- 
den, der das ganze Geschäft an sich reißt und dadurch 
sehr große Gewinne machen kann. Zwölf Prozent soll 
demgemäß der übliche Geldzins in China sein, und 
der gewöhnliche Kapitalgewinn muß groß genug sein, 
um diesen hohen Zinsfuß möglich zu machen. 

Ein Fehler im Gesetze kann bisweilen den Zinsfuß 
weit über das Maß erhöhen, das der Zustand des Landes, 
sein Reichtum oder seine Armut erfordert. Wenn das 
Gesetz die Erfüllung von Verträgen nicht erzwingt, so 



Kap. IX.: Der Kapitalgewinn. 133 

setzt es alle Borger so ziemlich auf denselben Fuß mit 
Bankerottierern oder Leuten von zweifelhaftem Kredit 
in besser verwalteten Ländern. Die Ungewißheit, sein 
Geld wieder zu bekommen, veranlaßt den Darleiher, 
denselben Wucherzins zu fordern, der von Banke- 
rottierern genommen zu werden pflegt. Unter den 
Barbaren, die die westlichen Provinzen des römischen 
Reichs überschwemmten, war die Erfüllung der Ver- 
träge lange Zeit hindurch der Ehrlichkeit der kontra- 
hierenden Teile überlassen. Die Gerichte ihrer Könige 
mischten sich nur selten ein. Diesem Umstände mag 
wohl zum Teil der hohe Zinsfuß beizumessen sein, 
der in jenen alten Zeiten gewöhnlich war. 

Verbietet das Gesetz den Zins völlig, so beseitigt 
es ihn damit nicht. Viele Menschen müssen borgen, und 
Niemand wird etwas verleihen, ohne eine Vergütung 
für die Nutzung seines Geldes, wie sie nicht nur 
dem Dienste, den es leisten kann, sondern auch der 
Schwierigkeit und Gefahr, welche die Gesetzesumgehung 
verursacht, entspricht. Den hohen Zinsfuß bei allen 
muhamedanischen Völkern schreibt Montesquieu nicht 
ihrer Armut, sondern teils jener Gefahr, und teils der 
Schwierigkeit zu, Geld wieder zu bekommen. 

Der niedrigste übliche Gewinnsatz muß immer 
etwas größer sein, als zur Ausgleichung der zufälligen 
Verluste, denen jede Kapitalanlage ausgesetzt ist, or- 
fordert wird. Nur dieser Überschuß ist reiner oder Netto- 
gewinn. Was Bruttogewinn genannt wird, schließt oft 
nicht nur diesen Überschuß, sondern auch die zur Aus- 
gleichung solcher außergewöhnlichen Verluste zurück- 
gelegte Summe in sich ein. Der Zins, den der Borger 
zahlen kann, richtet sich nur nach dem reinen Gewinn. 

Der niedrigste übliche Zinsfuß muß in gleicher 
Weise etwas höher sein, als zur Ausgleichung der zu- 
fälligen Verluste, denen das Darleihen selbst bei ge- 



134 Erstes Buch: Zunahme in der Ertr agskraft der Arbeit. 

höriger Vorsicht ausgesetzt ist, orfordert wird. Wäre 
er nicht höher, so könnte nur Mildtätigkeit oder Freund- 
schaft zum Darleihen bewegen. 

In einem Lande, das sein volles Maß des Reich- 
tums erworben hätte, und in dem in jedem Geschäfts- 
zweige die größte Kapitalmenge steckte, die darin an- 
gelegt werden könnte, würde sowohl der gewöhnliche 
Satz des reinen Gewinnes, als auch der marktgängige 
Zinsfuß, der von jenem Gewinn bestritten werden muß, 
so niedrig stehen, daß es nur den reichsten Leuten 
möglich wäre, von den Zinsen ihres Geldes zu leben. 
AVer nur ein kleines oder mittelmäßiges Vermögen be- 
säße, sähe sich genötigt, die Beschäftigung seiner Ka- 
pitalien selbst zu übernehmen; fast Jeder müßte ein 
Geschäftsmann sein, oder irgend ein Gewerbe treiben. 
Holland scheint sich diesem Zustand zu nähern. Es 
ist dort gegen den guten Ton, nicht ein Geschäftsmann 
zu sein. Die Notwendigkeit macht es fast Jedem zur 
Gewohnheit, und die Gewohnheit bestimmt überall den 
guten Ton. Wie es lächerlich ist, sich nicht wie die 
anderen Leute zu kleiden, so ist es gewissermaßen 
lächerlich, nicht wie sie beschäftigt zu sein Wie ein 
Mann, der ein bürgerliches Gewerbe treibt, in einem 
Lager oder einer Garnison eine schlechte Figur macht, 
und sogar Gefahr läuft, verlacht zu wei'den, so geschieht 
es einem Müßiggänger unter geschäftstätigen Leuten. 

Der höchste übliche Gewinnsatz kann ein solcher 
sein, daß er in dem Preise der meisten Waren Alles 
verschlingt, was der Grundrente zufallen sollte, und nur 
soviel übrig läßt, als zur Bezahlung der Arbeit, durch 
welche die Waren hergerichtet und auf den Markt ge- 
bi'acht werden, erforderlich ist, und zwar zu so geringer 
Bezahlung, wie irgend möglich, nämlich wobei nur die 
nackte Existenz des Arbeiters bestritten wird. Der Ar- 
beiter muß stets auf die eine oder andere Art so lange 



Kap. IX.: Der Kapitalgewinn. ^35 

ernährt werden, wie er bei der Arbeit ist; aber der 
Grundbesitzer braucht nicht immer seine Rente zu er- 
halten. Die Gewinne der Geschäfte, welche die Bedien- 
steten der ostindischen Kompagnie in Bengalen treiben, 
dürften nicht weit von diesem Satze entfernt sein. 

Das Verhältnis, in welchem der marktgängige Zins- 
fuß zu dem gewöhnlichen Satz des Reingewinns stehen 
muß, ändert sich notwendig je nach dem Steigen oder 
Fallen des Gewinns. Doppelte Zinsen werden von den 
Kauflouten in Grossbritannien als ein guter, massiger, 
billiger Gewinn angesehen, — Ausdrücke, mit denen 
man nur einen gewöhnlichen und üblichen Gewinn meint. 
In einem Lande, wo der gewöhnliche Satz des Reinge- 
winns acht bis zehn Prozent beträgt, mag es billig sein, 
daß bei Geschäften, die mit erborgtem Gelde getrieben 
werden, die Hälfte des Reingewinns als Zins abgeht. 
Das Risiko der Kapitalseinlage trägt der Borger, der es 
dem Darleiher so zu sagen versichert; und vier oder 
fünf Prozent können in den meisten Geschäften ein hin- 
länglicher Gewinn für die Gefahr dieser Versicherung, 
sowie eine ausreichende Entschädigung für die Mühe der 
Beschäftigung des Kapitals sein. Indessen kann das Ver- 
hältnis zwischen den Zinsen und dem Reingewinn in 
Ländern, wo der gewöhnliche Gewinnsatz entweder viel 
niedriger oder viel höher ist, nicht das nämliche sein. 
Ist er viel niedriger, so kann für den Zins vielleicht 
nicht die Hälfte des Reingewinns bewilligt weiden ; ist 
er viel höher, so kann weit mehr gegeben werden. 

In Ländern, die schnell zu Reichtum gelangen, 
kann der niedrige Gewinnsatz dem hohen Arbeitslohn 
in dem Preise vieler Waren das Gegengewicht halten, 
und diese Länder instand setzen, ebenso wohlfeil zu 
verkaufen, als ihre weniger aufblühenden Nachbarn, 
bei denen der Arbeitslohn niedriger ist. 

In der Tat tragen hohe Gewinne viel mehr zur 
Erhöhung des Warenpreises bei, als hoher Arbeitslohn. 



136 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Wenn z. B. in der Leinenmanufaktur der Lohn der ver- 
schiedenen Arbeiter, der Flachszurichter, der Spinner, 
der Wober usw. um 2 Pence täglich erhöht wird, so 
braucht der Preis eines Stückes Leinwand nur so vielmal 
um zwei Pence erhöht zu werden, als die Zahl der da- 
mit beschäftigten Leute, multipliziert mit der Zahl der 
dabei zugebrachten Tage beträgt. Derjenige Teil des 
Warenpreises, welcher sich in Arbeitslohn auflöst, würde 
durch alle Stufen der Bearbeitung nur nach arithmeti- 
schem Verhältnis zu jener Lohnerhöhung steigen. Wenn 
dagegen die Gewinne aller Arbeitgeber um fünf Prozent 
steigen sollten, würde derjenige Teil des Warenpreises, 
der sich in Gtewinn auflöst, durch alle Stufen der Bear- 
beitung im geometrischen Verhältnis zu jener Gewinn- 
erhöhung steigen. Der Arbeitgeber der Flachszurichter 
würde beim Verkauf seines Flachses einen weiteren Ge- 
winn von fünf Prozent auf den ganzen Wert des Ma- 
terials und des den Arbeitern vorgeschossenen Lohns 
fordern. Der Arbeitgeber der Spinner würde sowohl auf 
den vorgeschossenen Preis des Flachses, wie auf den 
Lohn der Spinner weitere fünf Prozent, und der Arbeit- 
geber der Weber auf den vorgeschossenen Preis des 
Leinengarns und den Lohn der Weber ebenfalls fünf 
Prozent haben wollen. Das Steigen des Arbeitslohns 
wirkt auf die Erhöhung des Warenpreises ebenso, wie 
einfache Zinsen auf die Anhäufung einer Schuld; das 
Steigen des Gewinnes aber wirkt wie Zinseszins. Unsere 
Kaufleute und Fabrikherren klagen viel über die 
schlimmen Wirkungen der hohen Löhne auf die P]rhö- 
hung der Preise und die daraus folgende Verminderung 
des Absatzes im In- und Auslande. Sie sagen aber 
Nichts von den schlimmen Wirkungen hohen Kapital- 
gewinns. Von den verderblichen Folgen der Vorteile, 
die ihnen zufließen, schweigen sie und klagen nur über 
die, die anderen zufallen. 



Zehntes Kapitel. 

Lohn und Gewinn in den verschiedenen 
Verwendungen der Arbeit und des Kapitals. 

Im Ganzen müssen die Vorteile oder Nachteile 
bei den verschiedenen Verwendungen der Arbeit und 
des Kapitals in der nämlichen Gegend entweder ganz 
gleich sein, oder doch beständig nach Ausgleichung 
streben. Wäre in der nämlichen Gegend irgend eine 
Vervv^endung offenbar mit mehr oder weniger Vorteil 
verknüpft, als die übrigen Verwendungen, so würden 
in dem einen Falle sich so viele Leute dazu drängen, 
und in dem andern so viele sie aufgeben, daß ihre 
Vorteile bald auf das Niveau der übrigen kämen. 
Dies würde wenigstens in einer Gesellschaft der Fall 
sein, wo man den Dingen ihren natürlichen Lauf 
ließe, wo vollkommene Freiheit waltete, und wo es 
Jedermann frei stände, sowohl seine Beschäftigung 
nach Belieben zu wählen, wie sie so oft zu wechseln, 
als es ihm gut dünkt. Jeden würde sein Interesse 
bestimmen, vorteilhafte Geschäfte zu suchen und un- 
vorteilhafte zu meiden. 

Geldlohn und Geldgewinn sind freilich in Europa 
überall je nach den verschiedenen Verwendungen von 
Arbeit und Kapital äußerst verschieden. Allein diese 
Verschiedenheit rührt teils von gewissen Umständen in 
den Verwendungen selbst her, die entweder wirklich 
oder wenigstens in der Einbildung der Einzelnen bei 



138 Erstes Buch: Ziinahine in der Ertragskraft der Arbeit. 

den P]inen den geringen Geldgewinn ersetzen, und 
bei den Anderen einen großen Geldgewinn aufwiegen; 
teils von der Politik Europas, die nirgends den Dingen 
vollständige Freiheit läßt. 

Die gesonderte Betrachtung dieser Umstände und 
jener Politik scheidet dieses Kapitel in zwei Abteilungen. 



Erste Abteilung. 

Verschiedenheiten, die aus der Natur der Verwendungen 
selbst entspringen. 

Die folgenden fünf Umstände sind es, soweit ich 
beobachten konnte, hauptsächlich, die einen geringen 
Geldgewinn in einigen Geschäften ersetzen, und einen 
großen in anderen aufwiegen: erstens die Annehmlich- 
keit oder Unannehmlichkeit der Geschäfte selbst; zwei- 
tens die Leichtigkeit und Wohlfeilheit, oder die Schwie- 
rigkeit und Kostspieligkeit, sie zu erlernen ; drittens 
die Beständigkeit oder Unbeständigkeit der Arbeit in 
ihnen; viertens das geringe oder große Vertrauen, 
welches man auf die Leute setzen muß, die das Ge- 
schäft ausüben, und fünftens die Wahrscheinlichkeit 
oder Unwahrscheinlichkeit eines Erfolgs in ihnen. 

Erstens, der Arbeitslohn schwankt, je nachdem das 
Geschäft leicht oder schwer, reinlich oder unreinlich, 
ehrenvoll oder verachtet ist. So verdient an den meisten 
Orten ein Schneidergeselle im ganzen Jahre weniger, 
als ein Webergeselle: weil seine Arbeit leichter ist. Ein 
Webergeselle verdient weniger, als ein Schmiedegeselle: 
weil seine Arbeit zwar nicht immer leichter, aber viel 
reinlicher ist. Ein Schmiedogeselle, obgleich ein ge- 
lernter Handwerker, verdient in zwölf Stunden kaum 
so viel, wie ein Bergmann, der nur ein Tagelöhner ist, 



Kap. X,I.: Verschiedenheiten durcli die Natur d. Verwendg. 139 

in acht: weil seine Arbeit nicht ganz so schmutzig 
und weniger gefährlich ist, auch bei Tageslicht und 
über der Erde verrichtet wird. Die Ehre macht bei 
allen ehrenvollen Gewerben ein gut Teil der Belohnung 
aus. Vom Gresichtspunkte des Geldgewinns werden 
sie, wie ich gleich zeigen werde, im Allgemeinen zu 
schlecht bezahlt. Die Anrüchigkeit hat eine entgegen- 
gesetzte Wirkung. Das Gewerbe eines Fleischers hat 
etwas Rohes und Abstoßendes; aber es ist an den 
meisten Orten gewinnbringender, als die meisten anderen 
Geschäfte. Das abscheulichste von allen Geschäften, 
das des Scharfrichters, wird im Verhältnis zu der 
Arbeitsmenge, die es erfordert, besser bezahlt, als 
ii'gend ein anderes gewöhnliches Geschäft. 

Jagd und Fischfang, die wichtigsten Beschäftigun- 
gen der Menschen im rohen Zustande der Gesellschaft, 
werden im zivilisierten Zustande ihre angenehmsten 
Vergnügungen, und sie treiben dann zum Zeitvertreib, 
was sie früher aus Not taten. Im gesitteten Zustande 
der Gesellschaft sind es deshalb nur Arme, die aus 
dem, was Anderen zum Zeitvertreib dient, ein Ge- 
weibe machen. Die Fischer waren arm seit der Zeit 
Theokrits.*) Ein Wildschütz in Großbritannien ist 
stets ein ganz armer Mann. In allen Ländern, wo die 
Strenge der Gesetze keine "Wildschützen duldet, befindet 
sich der berechtigte Jäger in keiner viel besseren Lage. 
Aus natürlicher Lust an diesen Beschäftigungen wid- 
men sich ihnen mehr Menschen, als bequem davon 
leben können, und das Produkt ihrer Arbeit kommt 
im Verhältnis zu ihrer Menge immer zu wohlfeil zu 
Markte, um den Arbeitern mehr als das kärglichste 
Auskommen zu verschaffen. 

Widerwärtigkeit und Anrüchigkeit des Geschäfts 
berührt den Kapitalgewinn ebenso, wie den Arbeitslohn. 

*) S. Idylle 21. 



140 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragski-aft der Arbeit. 

Der Inhaber einer Schenke oder Kneipe, der nie Herr 
in seinem eigenen Hanse und der Brutalität jedes 
Trunkenbolds ausgesetzt ist, treibt weder ein sehr 
angenehmes, noch ein sehr geachtetes Geschäft. Aber 
es gibt kaum ein gewöhnliches Gewerbe, bei dem ein 
kleines Kapital so großen Gewinn abwirft. 

Zweitens, der Arbeitslohn schwankt je nach der 
Leichtigkeit und Wohlfeilheit, oder der Schwierigkeit 
und Kostspieligkeit, das Geschäft zu erlernen. 

Wenn eine kostspielige Maschine errichtet ist, wird 
die durch sie gelieferte ungemein umfangreiche Arbeit 
das für ihre Herstellung bis zu ihrer Abnutzung aus- 
gelegte Kapital wenigstens mit den gewöhnlichen Ge- 
winnen wieder ersetzen müssen. Ein Mensch, der mit 
viel Arbeit und Zeit zu einem der Geschäfte erzogen 
wurde, die ungewöhnliche Fertigkeit und Geschicklich- 
keit erfordern, kann mit einer solchen kostspieligen 
Maschine verglichen Averden. Die erlernte Arbeit wird, 
wie zu erwarten ist, ihm über den üblichen Lohn für 
gemeine Arbeit alle Kosten seiner Erziehung wenigstens 
mit dem gewöhnlichen Gewinn eines gleich wertvollen 
Kapitals wieder ersetzen. Auch muß dies in Anbe- 
tracht der höchst Ungewissen Dauer des menschlichen 
Lebens, wie der gewisseren Dauer einer Maschine, in 
angemessener Zeit geschehen. 

Der Unterschied zwischen den Löhnen erlernter 
und gewöhnlicher Arbeit beruht auf diesem Grundsatze. 

Die europäische Gewerbepolitik betrachtet die Ar- 
beit aller Künstler, Handw-erker und Fabrikarbeiter als 
gelernte Arbeit, und die der ländlichen Arbeiter als ge- 
meine Arbeit. Hierbei scheint vorausgesetzt zu werden, 
daß die Arbeit der Ersteren eigener und feiner sei, als 
die der Letzteren. In manchen Fällen mag es so sein, 
in den meisten aber ist es, w'ie ich sogleich zeigen werde, 
ganz anders. Die europäischen Gesetze und Gewohn- 



Kap. X,T.: Verschiedenheiten durch die Natur d. Verwendg. 141 

heiten legen daher, um Jemanden zur Ausübung der 
einen Art von Arbeit zu befähigen, ihm den Zwang 
einer Lehrzeit auf, obwohl nicht überall mit gleicher 
Strenge. Die andere Ait Arbeit lassen sie für Jeder- 
mann frei und offen. Während der Dauer der Lehrzeit 
gehört die ganze Arbeit des Lehrlings dem Meister. 
Häufig muß er auch von seinen Eltern oder Verwandten 
beköstigt, und fast immer von ihnen gekleidet werden. 
Auch wird dem Meister gewöhnlich eine Geldsumme 
dafür bezahlt, daß er ihn sein Gewerbe lehrt. Wer kein 
Geld geben kann, gibt Zeit, d. h. er bindet sich auf 
mehr als die gewöhnliche Zahl von Jahren — ein Ab- 
kommen, das zwar wegen der gewöhnlichen Trägheit 
der Lehrlinge für den Meister nicht immer von Vorteil, 
für den Lehrling aber stets von Nachteil ist. In der 
ländlichen Arbeit erlernt dagegen der Arbeiter, während 
er mit den leichteren Teilen des Geschäfts zu tun hat, 
seine schwereren Teile und verdient auf allen Stufen 
seiner Beschäftigung durch eigene Arbeit seinen Unter- 
halt. Darum ist es auch billig, daß in Europa der 
Lohn der Künstler, Handwerker und Fabrikarbeiter 
etwas höher sei, als der der gemeinen Arbeiter. Er ist 
es auch in der Tat, und wegen ihres größeren Ge- 
winnes sieht man die städtischen Arbeiter vielfach als 
eine höhere Volksklasse an. Doch ist der Vorrang ge- 
wöhnlich sehr gering; der tägliche oder wöchentliche 
Verdienst eines Gesellen in den gewöhnlichen Gewerbs- 
zweigen, wde z. B. in den Fabriken der groben Leinen- 
und Wollenzeuge, beträgt an den meisten Orten durch- 
schnittlich wenig mehr, als der Tagelohn gemeiner 
Arbeiter. Freilich ist ihre Beschäftigung stetiger und 
gleichmäßiger, und die Summe ihres Verdienstes mag, 
das ganze Jahr zusammengenommen, etwas größer 
sein. Aber höher scheint sie sich offenbar nicht zu be- 
laufen, als daß sie gerade die höhereu Kosten der 
Ausbildung deckt. 



|4^ Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

In den freien Künsten und gelehrten Berufsarten 
ist die Erziehung noch langwieriger und kostspieliger. 
Die Belohnung der Maler und Bildhauer, der Juristen 
und Arzte in Geld muß deshalb eine viel reichlichere 
sein, und ist es in der Tat. 

Der Grewinn des Kapitals scheint durch die Leich- 
tigkeit oder Schwierigkeit der Erlernung des Geschäfts, 
in das Kapital gesteckt wird, nur sehr wenig berührt 
zu werden. Die verschiedenen Arten, wie Kapital in 
großen Städten gewöhnlich angelegt wird, scheinen 
in der Tat fast gleich leicht oder gleich schwer zu er- 
lernen. Der eine Zweig des auswärtigen oder inneren 
Handels kann nicht wohl ein verwickelteres Geschäft 
sein, als der andere. 

Drittens, der Arbeitslohn in den verschiedenen 
Beschäftigungen schwankt je nach der Beständigkeit 
oder Unbeständigkeit der Beschäftigung. 

Die Beschäftigung ist in einem Gewerbe viel be- 
ständiger, als in anderen. In den meisten Gewerben 
kann ein Geselle fast sicher sein, alle Tage des 
Jahres Beschäftigung zu finden, wenn er arbeitsfähig 
ist. Ein Maurer dagegen kann weder bei hartem 
Frost, noch bei schlechtem Wetter arbeiten, und seine 
Beschäftigung hängt zu allen andern Zeiten von den 
zufälligen Bestellungen seiner Kunden ab; er ist folg- 
lich oft der Gefahr ausgesetzt, ohne Arbeit zu sein. 
Sein Verdienst, so lange er beschäftigt ist, muß ihm 
daher nicht nur für die Zeit, in der er nichts zu 
tun hat, den Unterhalt verschaffen, sondern ihn auch 
einigermaßen für jene Augenblicke der Angst und 
des Kleinmuts schadlos halten, die der Gedanke an 
eine so prekäre Lage bisweilen in ihm erwecken 
muß. Während demgemäß der Gesamtverdienst der 
meisten industriellen Arbeiter auf den Tag berechnet 
nicht viel mehr als den Tagelohn gemeiner Arbeit 



Kap. X,I.: Verschiedenheiten durch die Natur d. Yerwendg. 143 

beträgt, ist der Lohn der Maurer gewöhnlich anderthalb 
oder noch einmal so hoch. Wo gemeine Arbeiter vier 
oder fünf Schilling die Woche verdienen, verdienen 
Maurer oft sieben bis acht; wo die ersteren sechs, 
da verdienen die letzteren oft neun bis zehn, und wo 
die ersteren neun bis zehn verdienen, wie in London, 
verdienen die letzteren in der Regel fünfzehn bis 
achtzehn. Dennoch scheint keine Art gelernter Arbeit 
leichter zu erlernen, als die der Maurer. In London 
sollen zuweilen die Sänftenträger während des Sommers 
als Maurer beschäftigt sein. Mithin ist der hohe Lohn 
dieser Arbeiter nicht sowohl eine Belohnung für ihre 
(xeschicklichkeit, als eine Entschädigung für die Un- 
beständigkeit ihres Erwerbs. 

Ein Zimmermann scheint noch eher ein eigneres 
und künstlicheres Gewerbe zu treiben, als ein Maurer. 
Dennoch ist sein Tagelohn an den meisten Orten etwas 
niedriger. Seine Beschäftigung hängt zwar auch stark 
von den zufälligen Bestellungen seiner Kunden ab, aber 
doch nicht so völlig, und ist der Gefahr nicht ausge- 
setzt, durch das Wetter unterbrochen zu werden. 

Wenn Gewerbe, die in der Regel unausgesetzte 
Beschäftigung bieten, dies an bestimmten Orten nicht 
tun, so steigt der Lohn der Arbeiter immer ein gut 
Teil über ihr gewöhnliches Yerhältnis zum Lohn ge- 
meiner Arbeit. In London können fast alle Handwerks- 
gesellen gerade so wie Tagelöhner an anderen Orten, 
von ihren Meistern von Tag zu Tag oder von Woche 
zu Woche angenommen oder entlassen werden. Die 
niedrigste Klasse der Handwerker, die Schneiderge- 
sellen, verdienen demgemäß dort eine halbe Krone 
(2^/2 Schilling) täglich, während als Tagelohn für ge- 
meine Arbeit nur achtzehn Pence gerechnet werden. 
In kleinen Städten und auf dem Lande kommt der 
Lohn der Schneidergesellen oft kaum dem für gemeine 



144 Erstes Bucli: Zunahme in der Ertrag'skraft der Arbeit. 

Arbeit gleich; in London aber sind sie oft viele 
Wochen ohne Beschäftigung, besonders im Sommer. 
Wenn zu der Unbeständigkeit der Beschäftigung 
noch die Schwierigkeit, Unannehmlichkeit und Unrein- 
lichkeit der Arbeit kommt, so erhöht dies bisweilen den 
Lohn der gemeinsten Arbeit über den der geschicktesten 
Handwerker. Ein Bei'gmann, der im Gedinge arbeitet, 
soll in Newcastle gewöhnlich doppelt, und in manchen 
Teilen Schottlands dreimal so viel verdienen, als der 
Tagelohn für gemeine Arbeit beträgt. Sein hoher Lohn 
entspringt aus der Schwierigkeit, Unannehmlichkeit und 
Unreinlichkeit seiner Arbeit zugleich. Die Dauer seiner 
Beschäftigung hängt dagegen fast ganz von ihm selbst 
ab. Die Kohlenträger in London treiben ein Geschäft, 
das an Schwierigkeit, Schmutz und Unannehmlichkeit 
dem der Bergleute fast gleichkommt, und ihre Beschäf- 
tigung ist wegen der unvermeidlichen Unregelmäßig- 
keit im Anlangen der Kohlenschiffe meist sehr unbe- 
ständig. Wenn daher die Bergleute doppelt und drei- 
mal so viel verdienen, als für gemeine Arbeit bezahlt 
wird, so dürfte es nicht unbillig erscheinen, daß Kohlen- 
träger zu Zeiten vier bis fünfmal so viel verdienen. 
In der Untersuchung, welche man vor einigen Jahren 
über ihre Lage anstellte, ergab sich, daß sie nach dem 
Satze, nach welchem sie damals bezahlt wurden, sechs 
bis zehn Schiling des Tages verdienen konnten. Sechs 
Schilling sind etwa viermal soviel, wie der Lohn für 
gemeine Arbeit in London, und in jedem Geschäft 
kann der niedrigste gewöhnliche Verdienst stets als 
der der Mehrzahl angesehen werden. So übermäßig 
jener Verdienst auch erscheinen mag, so würde doch, 
wenn er mehr als hinreichend wäre, um alle die un- 
angenehmen Umstände des Geschäfts auszugleichen, in 
einem Gewerbe, das kein ausschließliches Privilegium 
hat, bald ein so großer Zufluß von Mitbewerbern ein- 



Kap. X,I.: Verschiedenheiten durch die Natur d. Verwendg. 145 

treten, daß der Verdienst bald auf einen niedrigeren 
Satz zurückschnellen würde. 

Die Beständigkeit oder Unbeständigkeit der Be- 
schäftigung kann auf den gewöhnlichen Kapitalgewinn 
in einem Geschäftszweige keinen Einfluß üben. Ob das 
Kapital beständig verwendet wird oder nicht, hängt 
nicht vom Geschäft, sondern vom Geschäftstreibenden ab. 

Viertens, der Arbeitslohn schwankt je nach dem 
größeren oder geringeren Vertrauen, das in den Ar- 
beiter gesetzt werden muß. 

Der Lohn der Goldschmiede und Juweliere ist 
überall höher, als der vieler anderer Arbeiter, nicht 
allein von gleicher, sondern von weit höherer Be- 
gabung: nämlich wegen der kostbaren Materialien, die 
ihnen anvertraut werden. 

Dem Arzte vertrauen wir unsere Gesundheit, dem 
Sachwalter und Advokaten unser Vermögen und mit- 
unter unser Leben und unsern guten Ruf an. Ein 
solches Vertrauen könnte man nicht mit Sicherheit 
auf Leute setzen, die sich in einer sehr mittelmäßigen 
oder schlechten Lage befinden. Darum muß ihre 
Belohnung der Art sein, daß sie ihnen den gesell- 
schaftlichen Rang verschafft, den ein so großes Ver- 
trauen erfordert. Wird zu diesem Umstände noch die 
lange Zeit und die Kostspieligkeit ihrer Erziehung 
gerechnet, so muß dies notwendig den Preis ihrer 
Arbeit noch mehr erhöhen. 

Legt Jemand nur sein eigenes Kapital in einem 
Geschäfte an, so kann von einem in ihn gesetzten Ver- 
trauen keine Rede sein, und der Kredit, den er bei 
anderen Leuten findet, hängt nicht von der Natur 
seines Geschäfts, sondern von der Meinung ab, welche 
sie von seinem Glück, seiner Rechtschaffenheit und 
Klugheit hegen. Die verschiedenen Gewinnsätze in den 
verschiedenen Geschäftszweigen können also nicht aus 

Adam S in i Mi . Volkswuhlstaml. I. 10 



146 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

den verschiedenen Graden des Vertrauens entspringen, 
das man auf die Greschäftstreibenden setzt. 

Fünftens, der Arbeitslohn in den mancherlei Be- 
schäftigungen schwankt je nach der Wahrscheinlichkeit 
oder UnWahrscheinlichkeit des Erfolgs in ihnen. 

Die Wahrscheinlichkeit, daß Jeder zu dem Ge- 
schäft, das er erlernt hat, sich auch befähigt zeigen 
werde, ist in den verschiedenen Erwerbszweigen sehr 
verschieden. Bei den meisten Handwerkern ist der Er- 
folg fast sicher; äußerst unsicher hingegen ist er in 
den freien Berufsarten. Gieb deinen Sohn zu einem 
Schuhmacher in die Lehre, und es unterliegt kaum 
einem Zweifel, daß er ein Paar Schuhe machen lernen 
wird; laß ihn aber die Rechte studieren, und es steht 
zwanzig gegen eins, ob er so weit kommen wird, von 
seinem Beruf leben zu können. In einer ganz ehrlichen 
Lotterie müßten die, welche die Treffer ziehen, den 
ganzen Verlust derer, auf die die Nieten fallen, ge- 
winnen. In einer Berufsart, wo zwanzig ihr Ziel ver- 
fehlen, während nur Einer es erreicht, müßte dieser 
Eine alles gewinnen, was die verunglückten Zwanzig 
gewonnen haben sollten. Der Anwalt, der vielleicht 
erst im vierzigsten Jahre anfängt, aus seinem Beruf 
einigen Erwerb zu ziehen, würde die Vergütung nicht 
allein für seine eigene so langwierige und kostspielige 
Erziehung, sondern auch für die der zwanzig Andern 
erhalten müssen, die wahrscheinlich niemals durch ihren 
Beruf etwas erwerben werden. So übermäßig auch die 
Gebühren des Anwalts zuweilen erscheinen mögen, so 
erreicht ihre wirkliche Bezahlung doch niemals diese 
Höhe. Man berechne für einen bestimmten Ort, wie 
viel die Arbeiter in einem gewöhnlichen Geschäft, z. B. 
in dem Schuhmacher- oder Weberhandwerk jährlich 
ungefähr gewinnen, und wie viel sie jährlich ausgeben, 
so wird man finden, daß die erstere Summe gewöhn- 
lich prößor ist, als die letztere. Man mache aber die- 



Kap. X,T.: Verschiedenheiten durch die Natur d. Verwende,-. 147 

selbe Berechnung bei allen Anwälten und denen, die 
es werden wollen, und man wird finden, daß ihre 
jährlichen Gewinne zu ihren jährlichen Ausgaben in 
umgekehrtem Verhältnis stehen, auch wenn man die 
ersteren so hoch und die letzteren so niedrig als möglich 
anschlägt. Folglich ist die Lotterie der Juristerei sehr 
weit davon entfernt, eine ganz ehrliche Lotterie zu 
sein; und dieser wie viele andere freie und ehrenvolle 
Berufe werden vom Gesichtspunkte des Goldgewinns 
aus offenbar zu schlecht bezahlt. 

Diese Berufsarten halten gleichwohl den übrigen 
die Wage, und die besten und strebsamsten Köpfe 
drängen sich trotz dieser entmutigenden Umstände mit 
Eifer zu ihnen. Zu ihrer Empfehlung dient zweierlei: 
erstens das Yerlangen nach dem Ansehen, welches 
denen zu Teil wird, die es in ihrem Beruf zu etwas 
Hervorragendem bringen, und zweitens das natürliche 
Vertrauen, das Jeder mehr oder weniger auf seine 
Fähigkeiten und sein gutes Glück setzt. 

In einem Berufe hervorzuragen, in welchem es 
nur Wenige zur Mittelmäßigkeit bringen, ist der ent- 
scheidendste Beweis von dem, was man Genie oder 
höhere Talente nennt. Die allgemeine Bewunderung, 
die so hervorragenden Fähigkeiten zu Teil wird, macht 
immer, je nach dem Grade des Ansehens, einen größe- 
ren oder kleineren Teil ihrer Belohnung aus. Einen 
erheblichen Teil der Belohnung bildet sie in dem Be- 
rufe eines Arztes; einen noch größeren vielleicht in 
dem eines Anwalts; beinahe die ganze Belohnung aber 
macht sie bei Dichtern und Philosophen aus. 

Es gibt einige höchst angenehme und schöne Ta- 
lente, die ihrem Besitzer eine gewisse Bewunderung 
eintragen, deren Ausübung für Geld aber, sei es mit 
B-echt oder aus Vorurteil, für eine Art von öffentlicher 
Selbstentwürdigung angesehen wird. Darum muß der 



148 Erstes Buch: Zunahme in der Ei-tra/^'skraft der Arbeit. 

Geldlohn derjenigen, die von ihnen in dieser Weise 
Gebrauch machen, groß genug sein, um sie nicht blos 
für die auf die Ausbildung ihrer Talente verwendete 
Zeit, Arbeit und Kosten, sondern auch für die Gering- 
schätzung, welche mit ihrer Verwertung als Unterhalts- 
mittel verknüpft ist, schadlos zu halten. Die über- 
mäßigen Gehalte der Schauspieler, Opernsänger, Opern- 
tänzer u. s. w. beruhen auf diesen beiden Gründen: auf 
der Seltenheit und Schönheit ihrer Talente, und auf 
der Geringschätzung, mit der man ihre Verwertung be- 
trachtet. Es scheint beim ersten Anblick abgeschmackt, 
daß wir ihre Personen verachten und ihre Talente doch 
mit der verschwenderischsten Freigebigkeit belohnen. 
Aber gerade, weil wir das Eine tun, müssen wir not- 
wendig auch das Andere tun. Sollte sich einmal die 
öffentliche Meinung oder das Vorurteil über diese Er- 
werbsarten ändern, so würde sich ihre Geldbelohnung 
bald verringern. Es würden sich dann mehr Leute 
darauf legen, und der Wettbewerb würde den Preis der 
Arbeit schnell herunterdrücken. Denn wenn solche 
Talente auch durchaus nicht gewöhnlich sind, so sind 
sie doch keineswegs so selten, als man es denkt. Viele, 
die es verschmähen, davon Gebrauch zu machen, be- 
sitzen sie in großer Vollkommenheit, und viele Andere 
würden fähig sein, sie zu erwerben, wenn sich daraus 
mit Ehren etwas erzielen ließe. 

Der übertriebene Begriff der meisten Menschen 
von ihren Fähigkeiten ist ein altes Übel, auf das von 
den Denkern und Sittenlehrern aller Zeiten hingewiesen 
wird. Ihre alberne Einbildung auf ihr gutes Glück hat 
man weniger beachtet, und doch ist diese wo möglich 
noch allgemeiner. Es gibt keinen Menschen, der, so 
lange er leidlich gesund und wohlauf ist, nicht seinen 
Teil davon hätte. Die Aussicht auf Gewinn wird von 
Jedermann mehr oder weniger überschätzt, die Chance 



Kap. X,l.: Verschiedenheiten durch die Natur d. Verwendg. 149 

des Verlustes aber von den Meisten zu gering und kaum 
von irgend Jemandem, so lange er leidlich gesund und 
wohlgemut ist, nach ihrem wahren Wert angeschlagen. 
Daß die Aussicht auf Gewinn überschätzt wird, 
kann man ans dem allgemeinen Erfolg der Lotterien 
ersehen. Eine vollkommen ehrliche Lotterie, wobei der 
ganze Gewinn dem ganzen Verlust gleichkommt, ist 
nie dagewesen und wird nie vorkommen, sonst hätte 
der Unternehmer keinen Vorteil davon. In den Staats- 
lotterien sind die Lose tatsächlich den Preis nicht wert, 
den die Abnehmer dafür zahlen, und dennoch werden 
sie im Handel gewöhnhch noch mit einem Aufschlag 
von zwanzig, dreißig und mitunter vierzig Prozent 
verkauft. Die eitle Hoffnung, einen der großen Ge- 
winne zu treffen, ist die alleinige Ursache dieser Nach- 
frage. Selbst die nüchternsten Leute sehen darin selten 
eine Torheit, eine kleine Summe für die Aussicht zu 
bezahlen, daß man zehn oder zwanzig tausend Pfund 
gewinnen kann, und doch weiß man, daß auch die 
kleine Summe vielleicht zwanzig bis dreißig Prozent 
mehr beträgt, als die Gewinnwahrscheinlichkeit wert 
ist. In einer Lotterie, in welcher kein Gewinn mehr 
als zwanzig Pfund betrüge, würde, auch wenn sie in 
anderer Hinsicht einer vollkommen ehrlichen weit näher 
käme, als die gewöhnlichen Staatslotterien, doch nicht 
eine gleiche Nachfrage nach Losen stattfinden. Um 
mehr Aussicht auf einen der großen Gewinne zu 
haben, kaufen Manche mehrere Lose und Andere kleine 
Anteile an vielen Losen. Und doch gibt es keinen ge- 
wisseren mathematischen Satz, als den, daß die Wahr- 
scheinlichkeit zu verlieren, um so größer ist, auf je 
mehr Lose man setzt. Besetze alle Lose in der Lotterie, 
und du wirst gewiß verlieren; und je größer die Zahl 
deiner Lose ist, desto näher kommst du der Sicherheit 
des Verlustes. 

Daß die Verlustwahrscheinlichkeit oft zu gering 



150 Krstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

und fast nie so hoch angeschlagen wird, als sie es 
verdient, ersieht man aus dem sehr massigen Gewinne 
der Versicherer. Soll das Versichern gegen Feuers- 
oder Seegefahr überhaupt ein Geschäft sein, so muß 
die gewöhnliche Prämie hinreichen, die gewöhnlichen 
Verluste zu decken, die Kosten der Verwaltung zu 
tragen und einen solchen Gewinn zu liefern, wie ihn 
ein in jedem andern Geschäft angelegtes gleiches Ka- 
pital abwerfen müßte. Wer nicht mehr als dies bezahlt, 
bezahlt offenbar nur den wirklichen Wert der Gefahr, 
oder den niedrigsten Preis, zu welchem diese zu ver- 
sichern er billiger Weise erwarten kann. Wenn nun 
aber auch Viele durch Versicherung einiges Geld ge- 
wonnen haben, so haben doch nur sehr Wenige ein 
großes Vermögen damit gemacht; und schon aus diesem 
Umstände ergibt sich klar genug, daß die gewöhnliche 
Bilanz von Gewinn und Verlust in diesem Geschäft 
nicht vorteilhafter ist, als in anderen gewöhnlichen Ge- 
werben, durch die so viele Leute Vermögen erwerben. 
So mäßig auch die Versicherungsprämie gewöhnlich 
ist, so schätzen doch Viele die Gefahr zu gering, als 
daß sie Lust hätten, sie zu bezahlen. Im ganzen König- 
reich sind durchschnittlich unter zwanzig Häusern neun- 
zehn, oder vielleicht unter hundert neunundneunzig 
gegen Feuersgefahr nicht versichert. Die Seegefahr ist 
für die meisten Leute beunruhigender, und das Ver- 
hältnis der versicherten zu den unversicherten Schiffen 
ist weit größer. Dennoch gehen zu allen Jahreszeiten 
und selbst in Kriegszeiten Viele ohne Versicherung in 
See. Mitunter geschieht dies vielleicht nicht aus Un- 
vorsichtigkeit. Wenn eine große Gesellschaft oder auch 
ein reicher Kaufmann zwanzig oder dreißig Schiffe 
auf dem Meere hat, so versichert so zu sagen eines 
das andere. Die auf alle gesparte Prämie kann Ver- 
luste, wie sie im gewöhnlichen Laufe der Dinge wahr- 
scheinlich eintreten, reichlich ausgleichen. Aber in den 



Kap. X,I.: Verschiedenheiten durch die Natur d. Yerwendg. 151 

meisten Fällen ist die Vernachlässigung der Versicherung 
der Schiffe, gleich der der Häuser, nicht der Effekt 
einer so feinen Berechnung, sondern lediglich gedanken- 
lose oder vermessene Verachtung der Gefahr. 

Die Verachtung der Gefahr und die vermessene 
Hoffnung auf Erfolg sind in keiner Periode des Lebens 
reger, als in dem Alter, in welchem junge Leute ihren 
Beruf wählen. Wie wenig dann die Furcht vor Miß- 
geschick imstande ist, der Hoffnung auf gutes Glück 
die Wage zu halten, zeigt sich noch klarer in der Be- 
reitwilligkeit gewöhnlicher Leute, sich als Soldaten oder 
zum Seedienst einschreiben zu lassen, als in dem Eifer 
junger Leute besseren Standes, in die sogenannten 
freien Berufsarten einzutreten. 

Was ein gemeiner Soldat verlieren kann, ist deut- 
lich genug. Dennoch lassen sich junge Freiwillige, 
ohne der Gefahr zu achten, zu keiner Zeit so gern 
anwerben, als beim Beginn eines neuen Krieges ; und 
obgleich sie kaum irgend welche Aussicht auf Beför- 
derung haben, spiegeln sie sich in ihrer jugendlichen 
Phantasie doch tausend Gelegenheiten, Ehre und Aus- 
zeichnung zu gewinnen, vor, die niemals eintreffen. 
Diese romantischen Hoffnungen sind der ganze Preis, 
für den sie ihr Blut verkaufen. Ihr Sold ist geringer, 
als der Lohn gewöhnlicher Arbeiter, und im aktiven 
Dienst sind ihre Beschwerden weit größer. 

Die Lotterie der Marine ist nicht ganz so unvor- 
teilhaft, als die des Landdienstes. Der Sohn eines ge- 
achteten Arbeiters oder Handwerkers geht oft mit väter- 
licher Einwilligung zur See; läßt er sich aber als Soldat 
anwerben, so geschieht es immer ohne sie. Auch aiider-e 
Leute sehen einige Möglichkeit, im ersten Beruf Glück 
zu machen; im andern sieht Keiner, als allein der Be- 
treffende, eine solche Chance. Der große Admiral ist 
weniger ein Gegenstand öffentlicher Bewunderung, als 



152 Erstes Buch: Zunalmie in der Ertragskraft der Arbeit. 

der große General, und der glücklichste Erfolg im See- 
dienst verspricht ein weniger glänzendes Vermögen 
und Ansehen, als ein gleicher Erfolg auf dem Lande. 
Derselbe Unterschied zieht sich durch alle unteren 
Rangstufen beider Dienste. Nach den Ranglisten steht 
ein Kapitän in der Flotte einem Obersten in der Armee 
gleich; aber in der gemeinen Schätzung steht er ihm 
nicht gleich. Da die großen Gewinne in der Lotterie 
geringer sind, müssen die kleineren desto zahlreicher 
sein. Daher gewinnen auch gemeine Matrosen öfter 
einiges Vermögen und Beförderung, als gemeine Sol- 
daten; und die Hoffnung auf diese Gewinne ist es, was 
dieses Gewerbe hauptsächlich empfiehlt. Obgleich die 
Geschicklichkeit und Fertigkeit der gemeinen Matrosen 
weit größer ist, als die fast jedes Handwerkers, und 
obgleich ihr ganzes Leben eine fortlaufende Reihe von 
Mühseligkeiten und Gefahren ist, erhalten sie doch, so 
lange sie gemeine Matrosen bleiben, für alle diese Ge- 
schicklichkeit und Fertigkeit, für alle diese Mühselig- 
keiten und Gefahren kaum eine andere Belohnung, als 
das Vergnügen, jene üben und diese überwinden zu 
können. Ihr Lohn ist nicht größer, als der gemeiner 
Arbeiter an dem Hafen, in dem der Lohn des Matrosen 
bedungen wird. Da sie beständig von Hafen zu Hafen 
gehen, so gleichen die monatlichen Löhne derer, welche 
aus allen Häfen Großbritanniens absegeln, einander viel 
mehr als der Lohn anderer Arbeiter an diesen ver- 
schiedenen Orten; und der Lohnsatz des Hafenplatzes, 
von und nach welchem die meisten segeln, d. h. des 
Hafens von London, bestimmt den Satz für alle übrigen. 
In London beträgt der Lohn der meisten Arbeiter- 
klassen etwa das Doppelte des Lohns, den sie in Edin- 
burg erhalten. Aber die Matrosen, die aus dem Hafen 
von London segeln, verdienen selten über drei oder 
vier Schilling monatlich mehr, als die, Avelcho aus dem 
Hafen von Leith abfahren, und oft ist der Unterschied 



Kap. X,I.: Verschiedenheiten durch die Natur d. Verwcndg. 153 

nicht einmal so groß. In Friedenszeiten und in der 
Handelsmarine schwankt der Londoner Preis zwischen 
einer Guinee und etwa siebenandzwanzig Schilling für 
den Kalendermonat. Ein gemeiner Arbeiter kann in 
London, nach dem Satze von neun oder zehn Schilling 
die "Woche, zwischen vierzig und fünf und vierzig Schil- 
ling im Kalendermonat verdienen. Freilich erhält der 
Matrose außer seinem Lohn noch Kost; aber ihr "Weit 
wird wohl nicht immer den Unterschied zwischen 
seiner Bezahlung und der gemeiner Arbeiter über- 
steigen, und wenn es mitunter der Fall, ist dieses 
Mehr doch für den Matrosen kein reiner Gewinn, weil 
er es nicht mit Weib und Kind teilen kann, die er 
daheim von seinem Lohne erhalten muß. 

Die dem Abenteurerleben so eigenen Gefahren 
und Errettungen bei eines Haares Breite scheinen, an- 
statt die jungen Leute zu entmutigen, ihnen vielmehr 
oft ein Gewerbe reizvoll zu machen. Eine zärtliche 
Mutter aus den unteren Volksklassen fürchtet oft schon, 
ihren Sohn in einer Hafenstadt zur Schule zu schicken, 
aus Besorgnis, daß der Anblick der Schiffe und die 
Gespräche und Abenteuer der Matrosen ihn zum See- 
dienst veiiocken mochten. Die entfernte Aussicht auf 
Gefahren, aus denen wir durch Mut und Gewandtheit 
uns zu befreien hoffen können, ist uns nicht unange- 
nehm, und steigert den Arbeitslohn in keinem Geschäfte. 
Anders verhält es sich mit Gefahren, gegen die Mut 
und Gewandtheit nichts nützen. In Gewerben, die als 
sehr ungesund bekannt sind, ist der Arbeitslohn immer 
ziemlich hoch. Ungesundheit ist eine Widerwärtigkeit, 
und ihr Einfluß auf den Arbeitslohn ist unter diese 
allgemeine Rubrik einzureihen. 

Bei allen Kapitalanlagen schwankt der gewöhnliche 
Gewinnsatz mehr oder weniger, je nach der Gewißheit 
oder Ungewißheit des Wiedereingangs. Dieser ist im 



154 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Allgemeinen im inneren Handel weniger ungewiß als 
im auswärtigen, und in einigen Zweigen des auswärtigen 
weniger, als in anderen: so z. B. in dem Handel nach 
Nordamerika weniger, als in dem nach Jamaika. Der 
gewöhnliche Gewinnsatz steigt stets mehr oder weniger 
mit der Gefahr; doch scheint er nicht in genauem Ver- 
hältnis mit ihr oder so, daß er sie völlig ausgleicht, 
zu steigen. Bankerotte sind in den gefährlichsten Han- 
delszweigen am häufigsten. Das gefährlichste aller Ge- 
werbe, das eines Schmugglers, führt, obgleich es im 
Falle des Gelingens wahrscheinlich das gewinnreichste 
ist, ganz sicher zum Bankerott. Die vermessene Hoff- 
nung auf Erfolg scheint hier ebenso zu wirken, wie 
in allen anderen Fällen, und in diese gefährlichen 
Gewerbe so viele Abenteurer zu verlocken, daß der 
Wettbewerb ihren Gewinn tiefer diückt, als zur Aus- 
gleichung der Gefahr geschehen dürfte. Um sie voll- 
ständig auszugleichen, müßte der gewöhnliche Ertrag 
außer dem üblichen Kapitalgewinn nicht nur alle zu- 
fälligen Einbußen decken, sondern den Abenteurern 
auch eine Art Versicherungsprämie als Überschuß ab- 
werfen. Wäre der gewöhnliche Ertrag für dies Alles 
zureichend, so würden Bankerotte in diesem Gewerbe 
nicht häufiger sein, als in anderen. 

Von den fünf Umständen, welche den Arbeitslohn 
verschieden gestalten, berühren also nur zwei den 
Kapitalgewinn : nämlich die Annehmlichkeit oder Un- 
annehmlichkeit des Geschäfts und die Gefahr oder 
Sicherheit, welche mit ihm verbunden ist. Was die An- 
nehmlichkeit oder Unannehmlichkeit betrifft, so ist der 
Unterschied in dem bei Weitem größeren Teile der 
Kapitalanlagen gering oder fällt ganz fort, ist aber 
beträchtlich in den verschiedenen Arbeitszweigen; und 
wenn der übliche Kapitalgewinn auch mit der Gefahr 
steigt, so scheint er doch nicht immer genau im Ver- 



Kap. X,I.: Verschiedenheiten durch die Natur d. Verwendg. 155 

hältnis zu ihr zu steigen. Aus allem diesem dürfte 
folgen, daß in ein und derselben Gesellschaft oder 
Gegend der Durchschnittssatz des Gewinnes in den 
verschiedenen Kapitalanlagen eher auf die gleiche Höhe 
kommen müßte, als der Geldlohn der verschiedenen 
Sorten von Arbeit. Und so ist es auch. Der Unter- 
schied zwischen dem Verdienst eines gewöhnlichen 
Arbeiters und dem eines viel beschäftigten Anwalts 
oder Arztes ist offenbar weit größer, als die Differenz 
zwischen dem übhchen Kapitalgewinn in zwei ver- 
schiedenen Gewerbszweigen. Überdies ist der schein- 
bare Unterschied in dem Gewinn verschiedener Ge- 
schäfte gewöhnlich eine Täuschung, die daraus ent- 
springt, daß man nicht immer das, was als Lohn be- 
trachtet werden sollte, von dem unterscheidet, was als 
Gewinn zu betrachten ist. 

Apothekergewinn ist zum Sprichwort geworden, 
um etwas besonders Übermässiges zu bezeichnen. Der 
scheinbar hohe Gewinn ist gleichwohl oft nur ein 
billiger Arbeitslohn. Die Geschicklichkeit eines Apo- 
thekers ist viel eigenerer und zarterer Natur als die 
eines Handwerkers, welcher es auch sei, und das Ver- 
trauen, welches man auf ihn setzt, ist von weit größerer 
Wichtigkeit. Er ist der Arzt der Armen in allen Fällen, 
und der Reichen, wenn das Leiden oder die Gefahr 
nicht sehr groß ist. Darum muß sein Lohn dieser 
Geschicklichkeit und diesem Vertrauen angemessen 
sein, und er ergiebt sich gewöhnlich aus dem Preise, 
zu dem er seine Waren verkauft. Aber die sämtlichen 
Waren, die der beschäftigtste Apotheker in einer großen 
Stadt in einem Jahr verkauft, kosten ihn vielleicht 
nicht mehr als dreißig oder vierzig Pfund. Verkauft 
er sie nun auch mit drei- oder vierhundert oder tausend 
Prozent Gewinn, so mag das oft doch nicht mehr sein, 
als der billige Lohn für seine Arbeit, den er auf nichts 
anderes schlagen kann, als auf den Preis seiner Waren. 



156 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Der größere Teil des scheinbaren Gewinnes ist in der 
Tat Arbeitslohn, in der Maske eines Gewinns. 

In einer unbedeutenden Hafenstadt kann ein 
kleiner Krämer vierzig oder fünfzig Prozent auf ein 
Kapital von einem einzigen Hundert Pfund gewinnen, 
während ein bedeutender Großhändler an demselben 
Platze auf ein Kapital von zehntausend Pfund kaum 
acht bis zehn Prozent macht. Das Geschäft des Krä- 
mers kann für die Bequemlichkeit der Einwohner 
nötig sein, und die Beschränktheit des Marktes eine 
größere Kapitalanlage in dem Geschäfte nicht zulassen. 
Allein der Mann muß nicht nur von seinem Handel 
leben, sondern auch den Fähigkeiten, die man bei 
ihm voraussetzt, angemessen leben. Abgesehen davon, 
daß er ein kleines Kapital nötig hat, muß er auch 
lesen, schreiben und rechnen können, und vielleicht 
fünfzig bis sechzig verschiedene Arten von Waren, 
ihre Preise, ihre Qualität und die Märkte, wo sie am 
wohlfeilsten zu haben sind, leidlich kennen. Kurz, 
er muß alle die Kenntnisse besitzen, die einem Groß- 
händler nötig sind, und es hindert ihn nichts als der 
Maugel eines hinreichenden Kapitals, selbst ein Groß- 
händler zu werden. Dreißig oder vierzig Pfund jähr- 
lich können nicht als eine zu große Belohnung für 
die Arbeit eines solchen Mannes betrachtet werden. 
Man ziehe dies von dem anscheinend großen Gewinn 
seines Kapitals ab, und es wird vielleicht kaum mehr 
übrig bleiben, als der übliche Kapitalgewinn. Auch 
in diesem Falle ist der größte Teil des scheinbaren 
Gewinnes wirklicher Arbeitslohn. 

Der Unterschied zwischen dem scheinbaren Gewinn 
des Klein- und des Großhandels ist in der Hauptstadt 
weit geringer, als in kleinen Städten. Wo zehntausend 
Pfund im Kramhandel angelegt werden können, macht 
der Lohn für des Krämers Arbeit nur einen sehr ge- 
j-ingen Zusatz zu dem wirklichen Gewinn eines so großen 



Kap. X,I.: Versehiodeiiheiten durch die Natur d. Vorwenrlo-. [^'J 

Kapitals aus. Der scheinbare Gewinn des großen Klein- 
händlers kommt daher hier dem Gewinn des Großhänd- 
lers weit näher. Aus diesem Grunde sind auch Waren, 
die im Einzelnen verkauft werden, in der Hauptstadt 
im Allgemeinen ebenso wohlfeil und oft noch wohlfeiler, 
als in kleinen Städten und Flecken. Materialwaren 
z. B. sind im Allgemeinen viel wohlfeiler; Brot und 
Fleisch oft ebenso wohlfeil. Es kostet nicht mehr, die 
Materialwaren in eine große Stadt, als in einen Markt- 
flecken zu bringen, aber es kostet viel mehr, Korn und 
Vieh dahin zu bringen, da dies meistenteils aus einer 
viel größeren Entfernung herbeigeschafft werden muß. 
Da der Einkaufspreis der Materialwaren an beiden 
Orten derselbe ist, so sind sie da am wohlfeilsten, wo 
der geringste Gewinn darauf geschlagen wird. Der Ein- 
kaufspreis von Brot und Fleisch ist in der großen Stadt 
höher, als in dem Landorte, und obgleich der Gewinn 
geringer ist, so sind sie dort zwar nicht immer wohl- 
feiler, aber oft ebenso wohlfeil. Bei solchen Artikeln, 
wie Brot und Fleisch, erhöht derselbe Grund, der den 
scheinbaren Gewinn verringert, den Einkaufspreis. Der 
Umfang des Marktes verringert durch Gestattung größe- 
rer Kapitalanlagen den scheinbaren Gewinn; die Not- 
wendigkeit jedoch, ihn aus gi'ößerer Entfernung zu ver- 
sorgen, erhöht den Einkaufspreis. Diese Verringerung 
des einen und Erhöhung des andern scheint in den 
meisten Fällen einander ziemlich aufzuwiegen, und dies 
ist wahrscheinlich der Grund, warum die Brot- und 
Fleischpreise im größten Teile des Königreiches so 
ziemlich die nämlichen sind, obgleich die Korn- und 
Viehpreise in den verschiedenen Teilen des Landes 
gewöhnlich sehr verschieden sind. 

Obgleich der Kapitalgewinn sowohl beim Groß- wie 
beim Kleinhandel in der Hau[)tstadt gewöhnlich geringer 
ist, als in kleinen Städten und Flecken, so wird doch 



158 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

in der ersteren aus kleinen Anfängen oft ein großes 
Vermögen erworben, was in den letzteren fast nie der 
Fall ist. In kleinen Städten und Flecken kann wegen 
der Beschränktheit des Marktes der Handel nicht immer 
so ausgedehnt werden, wie das Kapital sich vergrößert. 
Daher kann an solchen Orten, selbst wenn der Gewinn- 
satz eines Einzelnen sehr hoch ist, doch die Summe des 
Gewinns und folglich auch des jährlich zurückgelegten 
Kapitals nie sehr groß sein. In großen Städten kann 
das Geschäft sich mit dem Kapital vergrößern, und der 
Kredit eines sparsamen und emporkommenden Mannes 
wächst noch schneller, als sein Kapital. Sein Geschäft 
dehnt sich nach Verhältnis beider aus, die Summe sei- 
nes Gewinns richtet sich nach der Ausdehnung seines 
Geschäfts, und die Summe des jährlich zurückgelegten 
Kapitals nach dem Betrage seines Gewinns. Doch wer- 
den auch in großen Städten selten in einem regel- 
mäßigen, altbegründeten und wohlbekannten Geschäfts- 
zweige große Vermögen erworben, außer durch ein 
langes Leben voll Fleiß, Sparsamkeit und Rührigkeit. 
Schnell werden zuweilen an solchen Orten Reichtümer 
im sogenannten Spekulationshandel erworben. Der 
Spekulant betreibt keinen regelmässigen, altbegründeten 
oder wohlbekannten Geschäftszweig. Er ist in dem 
einen Jahre Kornhändler, im anderen Weinhändler, und 
im folgenden Zucker-, Tabak- oder Teehändler. Er 
ergreift jedes Geschäft, wenn er erwartet, es werde un- 
gewöhnlich gewinnreich sein, und er gibt es wieder 
auf, wenn er voraussieht, daß sein Gewinn wahrschein- 
lich auf das Niveau der anderen Geschäftszweige zurück- 
geht. Seine Gewinne und Verluste können daher in kei- 
nem regelmäßigen Verhältnis zu denen eines soliden und 
wohlbekannten Geschäftszweiges stehen. Ein kühner 
Wagehals kann zuweilen durch zwei oder drei glück- 
liche Spekulationen ein bedeutendes Vermögen erwer- 



Kap. X,r.: Verschiedenlieiton durch die Natur d. Verwendg. 159 

ben; aber ebenso wahrscheinlich kann er durch zwei 
oder drei unglückliche es verlieren. Ein solches Ge- 
schäft kann nur in großen Städten getrieben worden. 
Nur an Orten des ausgedehntesten Verkehrs und der 
vielseitigsten Verbindungen sind die dazu erforder- 
lichen Nachrichten einzuziehen. 

Die fünf oben erwähnten Umstände verursachen 
zwar erhebliche Ungleichheiten im Arbeitslohn und 
Kapitalgewinn, aber keine in der Gesamtheit der wirk- 
lichen oder eingebildeten Vorteile und Nachteile der 
einen Kapitals- oder Arbeitsverwendung vor der andern. 
Jene Umstände sind der Art, daß sie in einigen für 
den kleinen Gewinn schadlos halten und in anderen 
einen großen aufwiegen. 

Damit indeß diese Gleichheit in der Gesamtheit 
ihrer Vorteile und Nachteile platzgreifen könne, sind 
selbst da, wo die vollkommenste Freiheit herrscht, 
drei Dinge nötig. Erstens müssen die Gewerbe in der 
Umgebung wohlbekannt und altbegründet sein; zwei- 
tens müssen sie in ihrem gewöhnlichen oder so zu 
sagen natürlichen Zustande sein; und drittens müssen 
sie das einzige oder hauptsächlichste Geschäft derer 
sein, die sich damit befassen. 

Erstens, diese Gleichheit kann nur in solchen Ge- 
werben stattfinden, die in ihrer Umgebung wohlbe- 
kannt und seit langer Zeit begründet sind. 

Unter sonst gleichen Umständen ist der Arbeits- 
lohn in neuen Gewerben in der Regel höher, als in 
alten. Wenn ein Unternehmer einen neuen Fabrik- 
zweig einzuführen sucht, muß er zuerst die nötigen 
Arbeiter durch einen höheien Lohn, als den, den sie 
in ihrem eigenen Gewerbe verdienen können, oder 
den sein neues Gewerbe eigentlich bieten kann, aus 
anderen Geschäften weglocken, und er muß eine ge- 
raume Zeit verstreichen lassen, che er es wagen darf, 
sie auf das gewöhnliche Maß herabzusetzen. Manu- 



160 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

fakturen, für welche die Nachfrage durchaus von der 
Mode und Phantasie abhängt, wechseln beständig und 
dauern selten lange genug, um als altbegründete Manu- 
fakturen angesehen werden zu können. Solche hin- 
gegen, deren Nachfrage aus dem täglichen Gebrauch 
und Bedarf entspringt, sind der Veränderung weniger 
unterworfen, und dieselbe Form und dasselbe Fabrikat 
kann Jahrhunderte lang gesucht werden. Der Arbeits- 
lohn in Manufakturen der ersteren Art ist daher wahr- 
scheinlich höher, als in denen der letzteren Art. Bir- 
mingham hat besonders Manufakturen der ersteren, 
Sheffield der letzteren Art; und der Arbeitslohn an 
diesen beiden Orten soll jenem Unterschiede im Wesen 
ihrer Manufakturen angemessen sein. 

Die Einführung einer neuen Manufaktur, eines 
neuen Handelszweiges oder einer neuen Land wirtschafts- 
methode ist immer eine Spekulation, von der sich der 
Unternehmer außergewöhnliche Gewinne verspricht. 
Diese Gewinne sind zuweilen sehr groß ; manchmal aber, 
vielleicht sogar am häufigsten, gerade das Gegenteil 
davon: aber im Allgemeinen stehen sie zu den Ge- 
winnen anderer alten Geschäfte der Umgegend in 
keinem regelmäßigen Verhältnis. Gelingt das Unter- 
nehmen, so ist der Gewinn im Anfang gewöhnlich 
sehr hoch. Wird das Gewerbe oder die Praxis aber 
erst einmal überall eingeführt und wohlbekannt, so 
führt der Wettbewerb den Gewinn auf das Niveau 
der übrigen Gewerbe zurück. 

Zweitens, jene Gleichheit in der Gesamtheit der 
Vorteile und Nachteile der verschiedenen Arbeits- und 
Kapitalanlagen kann nur in ihrem gewöhnlichen, oder 
so zu sagen natürlichen Zustande platzgreifen. 

Die Nachfrage nach fast allen Arten von Arbeit ist 
einmal größer und ein andermal geringer, als gewöhn- 
lich. In dem einen Falle steigen die Vorteile des 
Geschäftes über, in dem anderen fallen sie unter das 



Kap. X,T.: Yersrhiodenheiten durch die Natur d. Ver\vend,2,-. IQI 

gewöhnliche Maß. Die Nachfrage nach ländlicher Arbeit 
ist zur Zeit des Mähens und der Ernte grüßer, als 
während des übrigen Jahres, und der Lohn steigt mit 
der Nachfrage. Im Kriege, wo vierzig oder fünfzig 
tausend Matrosen aus dem Kauffahrteidienst für den 
Dienst des Königs ausgehoben werden, steigt notwendig 
die Nachfrage nach Matrosen für die Handelsmarine mit 
ihrer Seltenheit, und ihr Lohn steigt in solchen Fällen 
gewöhnlich von einer Guinee und siebenundzwanzig 
Schilling monatlich bis zu vierzig Schilling und drei 
Pfund hinauf. In einem verfallenden Gewerbszweige da- 
gegen begnügen sich viele Arbeiter lieber mit einem ge- 
ringeren Lohn, als er sonst der Natur ihres Geschäfts 
angemessen wäre, als daß sie ihr altes Gewerbe aufgäben. 
Der Kapitalgewinn schwankt mit dem Preise der 
Waren, in denen das Kapital angelegt ist. Steigt der 
Preis einer Ware über seinen gewöhnlichen oder Durch- 
schnittssatz, so steigt auch der Gewinn wenigstens eines 
Teils vom Kapital, der im Markttransport Verwendung 
findet, über sein gehöriges Maß, und fällt der Preis, 
so sinkt auch der Gewinn darunter. Alle Waren sind 
Preisveränderungen ausgesetzt, aber die einen mehr, 
die anderen weniger. Bei allen Waren, welche durch 
menschlichen Fleiß hervorgebracht werden, wird die 
Menge des jährlich aufgewendeten Fleißes notwendig 
durch die jährliche Nachfrage bestimmt, und zwar so, 
daß das durchschnittliche Jahreserzeugnis dem durch- 
schnittlichen Jahresverbrauch so nahe als möglich 
kommt. In einigen Gewerben wird, wie bereits bemerkt, 
mit der nämlichen A)beitsmenge stets die nämliche oder 
doch beinahe die nämliche Warenmenge hervorge- 
bracht. So wird in der Leinen- und Wollenmanufaktur 
eine gleiche Zahl von Händen jährlich so ziemlich die 
gleiche Menge Leinen- und Wollenzeuge herstollen. Die 
Veränderungen im Marktpreise solcher Waren können 

Adam S in i Ui , Volkswolilstaml. I. 11 



162 Erstes Buch: Zunahme in der Ertrag'skraft der Arbeit. 

daher nur aus einer zufälligen Veränderung in der 
Nachfrage entspringen. Eine Landestrauer steigert den 
Preis der schwarzen Zeuge. Aber wie die Nachfrage 
nach den meisten Sorten glatter Leinen- und Wollen- 
zeuge sich ziemlich gleich bleibt, so auch ihr Preis. 
Doch gibt es andere Gewerbe, in denen die gleiche 
Arbeitsmenge nicht immer die gleiche Warenmenge 
herstellen wird. So wird dieselbe Arbeitsmenge in ver- 
schiedenen Jahren sehr verschiedene Mengen Korn, 
Wein, Hopfen, Zucker, Tabak u. dgl. hervorbringen. 
Der Preis solcher Waren ändert sich mithin nicht blos 
nach den Schwankungen der Nachfrage, sondern auch 
nach den weit größeren und häufigeren Schwankungen 
der Menge und ist folglich äußerst veränderlich. Der 
Gewinn der Händler aber muß notwendig mit dem 
Preise der Waren schwanken. Die Tätigkeit des Spe- 
kulanten wendet sich hauptsächlich solchen Waren zu. 
Er sucht sie aufzukaufen, wenn er voraussieht, daß ihr 
Preis wahrscheinlich steigen wird, und zu verkaufen, 
wenn er zu fallen droht. 

Drittens, diese Gleichheit in der Gesamtheit der 
Vorteile und Nachteile der verschiedenen Arbeits- und 
Kapitalanlagen kann nur in solchen Gewerben statt- 
finden, die das einzige oder doch hauptsächlichste Ge- 
schäft derer sind, welche sich damit befassen. 

Wenn jemand seinen Unterhalt aus einem Geschäft 
zieht, das nicht seine volle Zeit in Anspruch nimmt, 
so ist er oft in Stunden der Muße bereit, in einem 
anderen für einen geringeren Lohn zu arbeiten, als es 
sonst die Natur des Geschäfts erlauben würde. 

In vielen Teilen Schottlands kommen noch eine Art 
Leute vor. Cotters oder Cottagers (Häusler) ge- 
nannt, die allerdings vor einigen Jahren noch häufiger 
waren, als jetzt. Sie sind eine Art außer dem Hause 
beschäftigter Dienstleute der Grundherren und Pächter. 



Kap. X,I.: Verschiedenheiten durch die Natur d. Verwendg. 163 

Der übliche Lohn, den sie von ihren Herren empfangen, 
besteht in einem Hause, einem kleinen Gremüsegarten, 
Gras, um eine Kuh zu halten, und etwa einem oder 
zwei Morgen schlechten Ackerlandes. Hat der Herr ihre 
Arbeit nötig, so gibt er ihnen außerdem noch zwei Peck 
(etwas mehr als einen Scheffel) Hafermehl die Woche, 
im Werte von etwa sechzehn Pence. Während eines 
großen Teils des Jahres hat er wenig oder gar keine 
Arbeit für sie, und die Bestellung ihrer eigenen kleinen 
Besitzung ist nicht hinreichend, ihre verfügbare Zeit aus- 
zufüllen. Als diese Häusler noch zahlreicher waren, als 
jetzt, sollen sie ihre erübrigte Zeit gern Jedem für einen 
geringen Entgelt hingegeben und für weniger Lohn ge- 
dient haben, als andere Arbeiter. In alten Zeiten schei- 
nen sie über ganz Europa verbreitet gewesen zu sein. 
In schlecht kultivierten und spärlich bewohnten Län- 
dern konnten die meisten Gutsbesitzer und Pächter sich 
die ungewöhnliche Zahl Hände, welche der Landbau 
zu gewissen Zeiten erheischt, auf keine andere Weise 
verschaffen. Der Tag- oder Wochenlohn, den solche 
Arbeiter gelegentlich von ihren Herren erhielten, war 
offenbar nicht der ganze Preis ihrer Arbeit. Ihre kleine 
Stelle machte einen beträchtlichen Teil davon aus. 
Doch scheint dieser Tag- oder Wochenlohn von vielen 
Schriftstellern, welche die Preise der Arbeit und der 
Lebensmittel in alten Zeiten gesammelt und beide als 
wunderbar niedrig darzustellen beliebt haben, als der 
ganze Lohn angesehen worden zu sein. 

Das Produkt solcher Arbeit kommt oft wohlfeiler 
zu Markt, als es sonst angemessen wäre. Strümpfe 
werden in vielen Teilen Schottlands weit billiger ge- 
strickt, als sie anderwärts auf dem Stuhl gewirkt 
werden können. Sie sind die Arbeit von Dienstboten 
und Arbeitern, die ihren Hauptverdienst aus einer 
anderen Beschäftigung ziehen. Mehr als tausend Paar 

1 1-^-^ 



164 Erstes Buch: Zunahme in rler Ertragskraft der Arbeit. 

Strümpfe werden jährlich von den Shetlandsinseln nach 
Leith gebracht, deren Preis fünf bis sieben Pence das 
Paar beträgt. In Learwick, der kleinen Hauptstadt der 
Shetlandsinseln, sind, wie man mir versichert, zehn 
Pence täglich der gewöhnliche Preis für gemeine Arbeit. 
Auf denselben Inseln strickt man wollene Strümpfe 
zum Werte von einer Guinee das Paar und darüber. 

Das Spinnen des Leinengarns wird in Schottland 
fast ebenso wie das Stricken der Strümpfe von Dienst- 
boten betrieben, die hauptsächlich zu anderen Zwecken 
gemietet werden. Wer mit dem einen oder anderen 
dieser Geschäfte seinen ganzen Lebensunterhalt ge- 
winnen wollte, dürfte kaum das liebe Brot verdienen. 
In den meisten Teilen Schottlands ist die eine gute Spin- 
nerin, die in der Woche zwanzig Pence verdienen kann. 

In reichen Ländern ist der Markt in der Regel so 
ausgedehnt, daß jedes Gewerbe hinreichend ist, die Ar- 
beit und das Kapital derer, welche sich ihm widmen, 
ganz in Anspruch zu nehmen. Beispiele davon, daß 
Leute von einem Geschäfte leben und daneben aus 
einem anderen einen kleinen Gewinn ziehen, kommen 
hauptsächlich in armen Ländern vor. Folgenden ganz 
ähnlichen Fall jedoch findet man in der Hauptstadt 
eines der reichsten Länder. Ich glaube, es gibt keine 
Stadt in Europa, in welcher der Hauszins teurer wäre 
als in London, und doch kenne ich keine Hauptstadt, 
in der ein möblieites Zimmer so wohlfeil zu mieten 
ist. Ein Zimmer in London ist nicht nur viel wohl- 
feiler als in Paris, sondern auch viel wohlfeiler als 
in Edinburg, und zwar bei derselben Ausstattung, 
und befremdlicher Weise ist gerade die Höhe des 
Hauszinses der Grund jener Wohlfeilheit der möbher- 
ten Zimmer. Die Höhe des Hauszinses in London 
rührt nicht nur von den Ursachen her, die ihn in 
allen großen Hauptstädten teuer machen, — von der 
teuren Arbeit, den teuren Baumaterialien, die ge- 



Kap. X, IL: Ungleichheiten infolge cl.europ. Wirtschaftspolitik. 165 

wohnlich aus weiter Ferne herbeigebracht werden 
müssen, und vor Allem von der hohen Grundrente, da 
jeder Grundeigentümer als Monopolist verfährt, und oft 
für einen einzigen Morgen schlechten Bodens in der 
Stadt eine höhere Rente fordert, als man für hundert 
Morgen des besten Bodens auf dem Lande erhalten 
kann, — sondern sie entspringt zum Teil aus den be- 
sonderen Gebräuchen und Gewohnheiten der Bewohner, 
wonach jeder Hausvater ein ganzes Haus von oben bis 
unten mieten muß. Eine „Wohnung" in England heißt 
so viel, wie Alles, was unter demselben Dache enthalten 
ist. In Frankreich, Schottland und vielen anderen 
Teilen Europas bedeutet es oft nicht mehr, als ein ein- 
zelnes Stockwerk. Ein Gewerbsmann in London ist ge- 
nötigt, in dem Stadtteile, in dem seine Kunden wohnen, 
ein ganzes Haus zu mieten. Sein Laden ist zur ebenen 
Erde; er selbst aber schläft mit seiner Familie unter 
dem Dache, und sucht einen Teil seines Hauszinses 
dadurch zu bezahlen, daß er die beiden mittleren Stock- 
werke an Aftermieter abläßt. Den Unterhalt seiner 
Familie hofft er durch sein Gewerbe, nicht durch seine 
Mieter zu bestreiten, wohingegen Leute, welche in Paris 
und Edinburg Zimmer vermieten, gewöhnlich keine 
anderen Unterhaltsmittel haben, und der Preis der 
Zimmer nicht nur den Hauszins, sondern die ganzen 
Ausgaben der Familie bestreiten muß. 



Zweite Abteilung. 

Ungleichheiten, welche durch die europäische Wirtschafts- 
politik veranlaßt sind. 

Dies sind die in der Gesamtheit der Vorteile und 
Nachteile bei den verschiedenen Arbeits- und Kapital- 
anlagen vorkommenden Ungleichheiten, welche die Ab- 



166 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Wesenheit eines der drei oben erwähnten Erfordernisse 
auch da veranlaßt, wo die vollkommenste Freiheit 
herrscht. Aber andere viel bedeutendere Ungleich- 
heiten veranlaßt die europäische AVirtschaftspolitik da- 
durch, daß sie den Dingen nicht ihre volle Freiheit läßt. 

Dies geschieht vornehmlich auf dreierlei Weise. 
Erstens dadurch, daß in gewissen Gewerben die Kon- 
kurrenz auf eine geringere Anzahl von Mitwerbern 
beschränkt wird, als sich sonst damit befassen würden; 
zweitens dadurch, daß in anderen die Mitwerber über 
das natürliche Maß vermehrt werden und drittens da- 
durch, daß die freie Bewegung von Arbeit und Ka- 
pital, sowohl von Grewerbe zu Gewerbe, als von Ort 
zu Ort gehemmt wird. 

Erstens, die europäische "Wirtschaftspolitik veran- 
laßt eine sehr bedeutende Ungleichheit in der Gesamt- 
heit der Vorteile und Nachteile bei den verschiedenen 
Arbeits- und Kapitalanlagen dadurch, daß sie in ge- 
wissen Gewerben die Konkurrenz auf eine geringere 
Anzahl von Mitwerbern beschränkt, als sich sonst da- 
mit befassen würden. 

Die ausschließlichen Zunftprivilegien sind das 
hauptsächlichste Mittel, dessen sie sich zu diesem 
Zwecke bedient. 

Das ausschließliche Privilegium eines zünftigen Ge- 
werbes schränkt notwendig in der Stadt, in der es be- 
trieben wird, den Wettbewerb auf diejenigen ein, die 
zur Zunft gehören. Das notwendige Erfordernis zur 
Erlangung des Zunftrechts besteht gewöhnlich darin, 
daß man in der Stadt unter einem gehörig qualifi- 
zierten Meister gelernt hat. Die Zunftordnungen be- 
stimmen öfters die Zahl der Tjehrlinge, welche einem 
Meister zu halten gestattet ist, und fast immer die Zahl 
der Jahre, die ein Lehrling dienen muß. Die Absicht 
dieser beiden Bestimmungen geht dahin, die Konkur- 



Kap.X,II.: Ungleichheiten infolge d.europ.Wirtschaftspolitik. 167 

renz auf eine geringere Anzahl einzuschränken, als sich 
sonst auf das Geschäft einlassen würden. Die Beschrän- 
kung der Zahl der Lehrlinge beschränkt den Wettbe- 
werb direkt; eine lange Lehrzeit tut es mehr indirekt, 
aber ebenso wirksam durch die vermehrten Kosten 
der Ausbildung. 

In Sheffield kann zufolge eines Ortsstatuts der Zunft 
kein Messerschmidt zu gleicher Zeit mehr als einen Lehr- 
ling halten. In Norfolk und Norwich kann kein Weber- 
meister, bei Strafe von fünf Pfund monatlich, mehr als 
zwei Lehrlinge haben. In ganz England und den eng- 
lischen Kolonien darf ein Hutmacher nicht mehr als 
zwei Lehrlinge haben, bei Strafe von fünf Pfund monat- 
lich, die halb dem Fiskus und halb dem Angeber zu- 
fallen. Diese beiden Bestimmungen sind, obgleich sie 
durch ein allgemeines Staatsgesetz bestätigt sind, offen- 
bar von demselben Zunftgeiste diktiert, der die Shef- 
fielder Verordnung eingegeben hat. Kaum waren die 
Seiden wirker in London ein Jahr lang eine Zunft, als 
sie auch schon eine Verordnung erließen, die jedem 
Meister untersagte, mehr als zwei Lehrlinge zu gleicher 
Zeit zu haben. Es bedurfte einer eigenen Parlaments- 
akte, um dieses Ortsstatut umzustoßen. 

In früherer Zeit scheinen sieben Jahre in ganz 
Europa der übliche Zeitraum gewesen zu sein, der für 
die Dauer der Lehrjahre in den meisten zünftigen Ge- 
werben festgesetzt war. Alle diese Zünfte wurden 
früher Universitäten genannt, was in der Tat der 
eigentliche lateinische Name für jede Körperschaft ist. 
Die Universität der Schmiede, die Universität der 
Schneider u.s.w., sind Ausdrücke, denen man in den 
vergilbten Dokumenten alter Städte oft begegnet. Als 
jene besonderen Korporationen, die man noch jetzt 
Universitäten nennt, gegründet wurden, hat man augen- 
scheinlich die Anzahl der Jahre, die man studieren 
mußte, um den Grad eines Magisters der freien Künste 



1(38 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

ZU erlangen, von den Feststellungen der Lehrzeit in 
den gewöhnlichen Gewerben, deren Vereinigungen viel 
älter waren, kopiert. Wie man sieben Jahre unter einem 
gehörig qualifizierten Meister gearbeitet haben mußte, 
wenn man in einem gewöhnlichen Gewerbe die Be- 
rechtigung, Meister zu werden und selber Lehrlinge zu 
halten erwerben wollte, so mußte man auch sieben Jahre 
unter einem gehörig (|ualifizierton Meister studiert haben, 
um das Recht zu erwerben, in den freien Künsten Ma- 
gister, Lehrer oder Doktor (früherhin gleichbedeutende 
Wörter) zu werden, und Schüler oder Lehrlinge (ur- 
sprünglich ebenfalls gleichbedeutende Ausdrücke) zu 
haben, die unter dem Meister studierten. 

Durch ein Statut aus dem fünften Jahre Elisabeths, 
gewöhnlich das Lehrzeitstatut genannt, wurde bestimmt, 
daß in Zukunft Niemand ein zu jener Zeit in England 
betriebenes Handwerk, Gewerbe oder Geschäft treiben 
sollte, wenn er nicht zuvor darin wenigstens sieben 
Lehrjahre bestanden hätte; und was früher bloßes Orts- 
statut einzelner Zünfte gewesen war, wurde nun in Eng- 
land allgemeines Staatsgesetz für alle in Marktstädten 
betriebenen Geschäfte. Die Worte des Statuts lauten 
zwar ganz allgemein, und scheinen das ganze König- 
reich zu umfassen, doch ist seine Wirkung durch Aus- 
legung auf die Marktstädte beschränkt worden, weil man 
dafür hielt, daß auf dem Lande dieselbe Person ver- 
schiedene Gewerbe müsse treiben können, auch ohne in 
jedem sieben Jahre gelernt zu haben, da Handwerker 
für den Bedarf der Einwohner nötig, und diese doch 
nicht immer zahlreich genug sind, um einen Mann, 
der nur sein Handwerk betreibt, zu ernähren. 

Ferner ist durch eine strenge Auslegung der Worte 
die Wirkung dieses Statuts auf die Gewerbe beschränkt 
worden, welche in England vor dem fünften Regierungs- 
jahre Elisabeths bestanden haben, und niemals auf solche 



Kap. X,II.: Ungleichheiten infolge d. eiirop. Wirtschaftspolitik. J ßQ 

ausgedehnt worden, die seit jener Zeit erst eingeführt 
worden sind. Diese Beschränkung hat zu einigen Unter- 
scheidungen Anlaß gegeben, die als Maßregeln der 
Wirtschaftspolitik betrachtet, so töricht als möglich er- 
scheinen. So ist z. B. entschieden worden, daß ein 
Wagner seine Wagenräder weder selbst machen, noch 
durch Gesellen machen lassen darf, sondern sie von 
einem ßadmachermeister kaufen muß, weil letzteres 
Handwerk schon vor dem fünften liegierungsjahre 
Elisabeths existiert hat. Dagegen kann ein Radmacher, 
wenn er auch niemals bei einem Wagner in der Lehre 
gewesen ist, selbst Wagen machen oder von Gesellen 
machen lassen, weil das Gewerbe eines Wagners in dem 
Statut nicht inbegriffen ist, da es in England zur 
Zeit, als jenes erlassen worden ist, noch nicht bestanden 
hat. Viele Gewerbe zu Manchester, Birmingham und 
Wolverhampton sind dem Statut ebenfalls nicht unter- 
worfen, weil sie vor dem fünften Regierungsjahre 
Elisabeths in England nicht betrieben worden sind. 

In Frankreich ist die Dauer der Lehrjahre in ver- 
schiedenen Städten und Gewerben verschieden. Li 
Paris sind bei vielen fünf Jahre der vorgeschriebene 
Zeitraum; ehe Jemand jedoch das Recht erhält, das 
Gewerbe als Meister zu treiben, muß er in vielen Ge- 
werben noch fünf Jahre als Gehilfe gearbeitet haben. 
In dieser Zeit heißt er der Geselle seines Meisters, und 
die Zeit selbst heißt seine Gesellenschaft. 

In Schottland gibt es kein allgemeines Gesetz, das 
die Dauer der Lehrjahre überhaupt bestimmte; die Zeit 
ist in den einzelnen Zünften verschieden. Wo sie lang 
ist, kann in der Regel ein Teil von ihr durch eine 
kleine Geldsumme abgelöst werden. Auch ist in den 
meisten Städten eine sehr mäßige Summe hinreichend, 
um die Zunftgerechtigkeit zu erkaufen. Die Weber von 
leinenen und hänfenen Zeugen — das Hauptgewerbe 



170 Erstes Buch: Zunahme in der Eitragskraft der Arbeit. 

des Landes — sowie alle die für sie beschäftigten Hand- 
werker, wie die Verfertiger der Spinnräder, Haspeln 
usw., können ihr Gewerbe in jeder korporierten Stadt 
treiben, ohne etwas dafür zu zahlen. In allen korpo- 
rierten Städten steht es Jedermann frei, an einem vom 
Gesetz bestimmten Wochentage Fleisch zu verkaufen. 
Drei Jahre sind in Schottland die gewöhnliche Zeit der 
Lehrjahre selbst in manchen recht schwierigen Gewer- 
ben ; und im Allgemeinen kenne ich kein Land in Europa, 
in dem die Zunftgesetze so wenig drückend wären. 

Wie das Eigentum, das Jeder an seiner Arbeit hat, 
die ursprüngliche Grundlage alles anderen Eigentums 
ist, so ist es auch die heiligste und unverletzlichste. 
Das Erbteil eines armen Mannes liegt in der Kraft und 
Geschicklichkeit seiner Hände: ihn zu hindern, diese 
Kraft und Geschicklichkeit so anzuwenden, wie er es 
passend findet, ohne dadurch seinen Nächsten zu schä- 
digen, ist eine klare Verletzung dieses heiligsten Eigen- 
tums. Es ist ein offenbarer Eingriff in die rechtmäßige 
Freiheit sowohl des Arbeiters, wie derer, die ihn be- 
schäftigen wollen. Wie es den Einen hindert, das zu 
arbeiten, wozu er sich am geschicktesten weiß, so hin- 
dert es die Anderen, Solche zu beschäftigen, die ihnen 
geeignet erscheinen. Das Urteil darüber, ob Jemand 
sich für die Arbeit eignet, kann sicherlich den Arbeit- 
gebern überlassen werden, deren Interesse es so nahe 
angeht. Die erheuchelte Ängstlichkeit des Gesetzgebers, 
sie könnten einen ungeeigneten Menschen beschäftigen, 
ist offenbar ebenso ungehörig wie lästig. 

Die Anordnung einer langen Lehrzeit kann keine 
Sicherheit gewähren, daß nicht oft mangelhafte Arbeit 
zum Verkauf komme. Wenn dies geschieht, so ist ge- 
wöhnlich Betrug und nicht Ungeschicklichkeit daran 
Schuld ; gegen Betrug aber kann auch die längste Lehr- 
zeit keinen Schutz bieten. Zur Abstellung dieses Miß- 



Kap. X,II.: Ungleichheiten infolge d. europ. Wirtschaftspolitik. [ 7 [ 

brauchs sind ganz andere Vorkehrungen erl'orderlich. 
Die Marke auf Geschirr von Gold und Silber und die 
Stempel auf Leinen- und Wollenzeug geben dem Käufer 
eine weit größere Sichei'heit, als irgend ein Lehrlings- 
statut. Auf jene sieht er in der Regel, aber niemals 
hält er es der Mühe wert, zu untersuchen, ob der Ar- 
beiter eine siebenjährige Lehrzeit bestanden habe. 

Die Anordnung einer langen Lehrzeit hat nicht den 
Erfolg, die jungen Leute an Fleiß zu gewöhnen. Ein 
Geselle, der nach dem Stück arbeitet, wird wahrschein- 
lich fleißig sein, weil er von seinem Fleiße Vorteil hat; 
ein Lehrling wird voraussichtlich faul sein, und ist es 
fast immer, weil er kein unmittelbares Interesse hat 
fleißig zu sein. In den niedrigeren Geschäften besteht 
der Reiz der Arbeit durchaus nur in ihrem Lohn. 
Wer am frühesten in der Lage ist, die Früchte der 
Arbeit zu genießen, wird auch am schnellsten Geschmack 
daran finden und sich frühzeitig an Fleiß gewöhnen. 
Ein junger Mensch faßt natürlich eine Art Abneigung 
gegen die Arbeit, wenn er lange Zeit keinen Gewinn 
aus ihr zieht. Die Knaben, welche auf Kosten der 
öffentlichen Armenpflege in die Lehre gegeben werden, 
müssen in der Regel eine längere Reihe von Jahren, 
als sonst üblich, darin bleiben, und werden gewöhn- 
lich Faullenzer und Taugenichtse. 

Bei den Alten war das Lehrlingsvvesen ganz unbe- 
kannt. Dagegen machen die gegenseitigen Pflichten des 
Meisters und Lehrlings in jedem modernen Gesetzbuch 
einen starken Artikel aus. Das römische Recht schweigt 
darüber gänzlich, und ich kenne kein griechisches oder 
lateinisches Wort, und ich darf wohl behaupten, es 
gibt keines, welches den Begriff ausdiückt, den wir 
heute mit dem Worte Lehrling verbinden, nämlich 
einen Dienenden, der in einem bestimmten Gewerbe 
eine Reihe von Jahren hindurch zum Vorteil eines 



172 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Meisters zu arbeiten verpflichtet ist unter der Bedin- 
gung, daß der Meister ihn dies Gewerbe lehrt. 

Eine lange Lehrzeit ist durchaus unnötig. Künste, 
die weit höher stehen, als gewöhnliche Handwerke, wie 
z. B. die Uhrmacherkunst, enthalten keine Geheimnisse, 
die einen langen Unterrichtskursus erforderten. Die 
erste Erfindung so schöner Maschinen, und auch die 
Erfindung einiger zu ihrer Verfertigung nötigen Werk- 
zeuge mußte allerdings das Ergebnis eines tiefen Nach- 
denkens und langer Zeit sein, und kann mit Recht zu 
den glücklichsten Früchten des menschlichen Geistes 
gezählt werden. Aber nachdem sie einmal erfunden 
und vollkommen bekannt sind, kann es kaum den Unter- 
richt einiger Wochen erfordern, einen jungen Menschen 
mit der Handhabung der Werkzeuge und dem Bau 
der Maschinen vertraut zu machen. Vielleicht reichen 
schon ein paar Tage dazu hin, und in den gew^öhnlichen 
Handwerken ist dies sicher der Fall. Die Fertigkeit der 
Hand kann allerdings selbst in gewöhnlichen Hand- 
werken nicht ohne viele Übung und Erfahrung er- 
worben werden. Aber ein junger Mensch würde viel 
fleißiger und aufmerksamer sein, wenn er von Anfang 
an als Geselle arbeitete und nach Verhältnis seiner 
geringen Leistungen bezahlt würde, seinerseits aber die 
Rohstoffe bezahlte, die er etwa aus Ungeschicklickeit und 
Unerfahrenheit zuweilen verdirbt. Seine Ausbildung 
würde auf diese Weise gewöhnlich erfolgreicher und stets 
weniger langwierig und kostspielig sein. Der Meister 
würde dabei allerdings verlieren. Er würde den Lohn 
des Lehrlings, den er jetzt spart, volle sieben Jahre 
hindurch verlieren. Am Ende wäre vielleicht auch der 
Lehrbursche selbst im Verluste: denn er würde in einem 
so leicht erlernten Gewerbe mehr Konkurrenten haben, 
und sein Lohn würde, sobald er ein ausgelernter Hand- 
werker geworden, viel geringer sein, als jetzt. Dieselbe 



Kap. X,II.: ITngleichheiten infol,s,'e d. europ.Wirtscliaftspolitik. 173 

Zunahme des Wettbewerbs würde ebenso den Gewinn 
der Meister wie den Lohn der Arbeiter vermindern. 
Die Geschäfte, die Gewerbe, die Geheimnisse würden 
alle dabei verlieren. Aber das Publikum würde dabei 
gewinnen, da alle Handwerkserzeugnisse viel wohl- 
feiler zu Markte kämen. 

Gerade um dieses Sinken des Preises und folge weise 
des Lohnes und Gewinnes durch Hemmung der freien 
Konkurrenz, die zu einem solchen führen würde, zu ver- 
hindern, sind alle Zünfte und die meisten Zunftgesetze 
eingeführt worden. Zur Errichtung einer Zunft bedurfte 
es in früheren Zeiten an vielen Orten Europas keiner 
anderen Genehmigung, als der der korporierten Stadt, 
in welcher sie eingeführt wurde. In England war zwar 
auch ein Privilegium des Königs nötig; aber dieses Vor- 
recht der Krone scheint mehr den Zweck gehabt zu 
haben, Geld von dem Untertanen zu erpressen, als die 
allgemeine Freiheit gegen drückende Monopole zu schüt- 
zen. Wenn dem Könige eine Geldsumme gezahlt 
wurde, scheint das Privilegium in der Regel gern be- 
willigt worden zu sein, und wenn eine Klasse von Ge- 
werbsleuten es für angemessen hielt, ohne ein Privi- 
legium als Zunft aufzutreten, so wurden solche unächte 
Gilden, wie man sie nannte, nicht immer ihrer Vor- 
rechte beraubt, sondern nur genötigt, für die Erlaubnis, 
ihre ursurpierten Rechte auszuüben, jährlich eine Geld- 
summe an den König zu entrichten. Die unmittelbare 
Aufsicht über alle Zünfte und über die Ortsstatuten, 
welche sie behufs ihrer Verwaltung zu erlassen für gut 
fanden, hatte die korporierte Stadt, in der sie sich be- 
fanden, zu führen; und die Disziplin, in der sie ge- 
halten wurden, ging in der Regel nicht von der Re- 
gierung, sondern von der größeren Körperschaft aus, 
deren untergeordnete Teile oder Glieder sie waren. 
Die Regierung de)- korporierten Städte war durch- 



174 Ei"stes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

aus in den Händen der Geschäftsleute und Handwerker, 
und es lag offenbar im Interesse jeder Klasse, zu ver- 
hindern, daß der Markt, wie sie sich auszudrücken 
pflegten, mit den Produkten ihres besonderen Gewerbs- 
zvveiges überführt wurde, was in Wirklichkeit nichts 
Anderes heißt, als daß er niemals vollständig versorgt 
wurde. Jede Klasse war beeifert, zu diesem Zweck 
geeignete Verordnungen zu erlassen, und war, was ihr 
eilaubt wurde, gern bereit, auch den andern Klassen 
zu gestatten. Durch solche Verordnungen wurde freilich 
jede Klasse gezwungen, die Waren, die sie brauchte, 
von einei- anderen Klasse in der Stadt etwas teurer zu 
kaufen, als es sonst nötig gewesen wäre. Zum Ersatz 
konnte sie aber auch die ihrigen um so viel teurer ver- 
kaufen, so daß es, wie man zu sagen pflegt, so lang 
wie breit war, und in dem Handel der verschiedenen 
Klassen innerhalb der Stadt keine durch jene Verord- 
nungen Etwas verlor. Aus dem Verkehr mit dem 
Lande dagegen zogen sie großen Gewinn, und in 
diesem Verkehr besteht das ganze Geschäft, das jede 
Stadt aufrecht erhält und bereichert. 

Jede Stadt bezieht ihren ganzen Unterhalt und alle 
Rohstoffe für ihren Gewerbfleiß von dem Lande. Sie 
bezahlt dafür besonders auf zweierlei Art: erstens da- 
durch, daß sie einen Teil dieser- Kohstoffe verarbeitet 
und nach dem Lande zurückschickt, in welchem Falle 
ihr Pieis durch den Lohn der Arbeiter und den Gewinn 
ihrer Meister oder unmittelbaren Arbeitgeber vermehrt 
wird, und zweitens dadurch, daß sie einen Teil sowohl 
der rohen wie der verarbeiteten Produkte anderer 
Länder oder entfernter Gegenden desselben Landes in 
die Stadt einführt und wieder nach dem platten Lande 
ausführt, in welchem Falle gleichfalls der ursprüngliche 
Preis dieser Güter um den Lohn der Fuhrleute oder 
Schiffer, und um den Gewinn der Kaufleute, die letztere 



Kap. X, II.: Ungleichheiten infolge fl. euvop.Wirtsrhaftspolitik. ] 75 

beschäftigen, erhöht wird. In den Gewinnen aus dem 
ersteren dieser Handelszweige besteht der Vorteil, den 
die Stadt von ihren Gewerben hat, und in den Ge- 
winnen aus dem letzteren besteht der Vorteil des in- 
und ausländischen Handels. Der Lohn der Arbeiter und 
der Gewinn der verschiedenen Arbeitgeber ist Alles, 
was in beiden Fällen gewonnen wird. Daher dienen 
alle Verordnungen, welche diesen Lohn und diesen 
Gewinn über ihren sonstigen Stand zu erhöhen be- 
zwecken, nur dazu, daß die Stadt mit weniger Arbeit 
das Produkt einer größeren Arbeit des platten Landes 
kaufen kann. Sie geben den Geschäftsleuten und Hand- 
werkern der Stadt ein Übergewicht über die Gutsbe- 
sitzer, Pächter und Arbeiter des platten Landes, und 
heben die natürliche Gleichheit auf, welche sonst in 
dem zwischen ihnen stattfindenden Verkehr Platz 
greifen würde. Das ganze Jahresprodukt der Arbeit 
der Gesellschaft verteilt sich jährlich unter diese beiden 
Klassen der Bevölkerung, und durch jene Verordnungen 
erhalten die Städter einen größeren und die Land- 
bewohner einen kleineren Anteil, als er ihnen sonst 
zufallen würde. 

Der Preis, den die Stadt für die Jahr für Jahr 
eingeführten Lebensmittel und Rohstoffe wirklich be- 
zahlt, besteht in der Menge der Industriccrzeugnisse 
und anderen Waren, die jährlich von ihr ausgeführt 
wird. Je teurer die letzteren verkauft werden, desto 
wohlfeiler werden die ersteren gekauft, und der städti- 
sche Gewerbfleiß wird desto gewinnbringender, je 
weniger es der ländliche ist. 

Daß der städtische Gewerbfleiß in ganz Europa 
einträglicher ist, als der ländliche, davon kann man 
sich, ohne auf sehr genaue Berechnungen einzugehen, 
leicht durch eine einfache, in die Augen fallende Be- 
obachtung überzeugen. In jedem Lande P^uropas findet 
man wenigstens hundert Leute, die in Handel und Ge- 



176 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

werbe, den eigentlich städtischen Beschäftigungen, klein 
angefangen haben und dabei reich geworden sind, gegen 
einen, der durch Landwirtschaft, d. h. Vermehrung der 
Rohprodukte durch Verbesserung und Kultur des 
Bodens dazu gelangte. Es muß also in dem einen Falle 
offenbar der Fleiß besser belohnt und der Arbeitslohn 
und Kapitalgewinn größer sein, als in dem anderen. 
Da aber Kapital und Arbeit naturgemäß die einträg- 
lichste Beschäftigung suchen, so ziehen sie sich so viel 
als möglich nach der Stadt, und verlassen das Land. 

Die Städter können vermöge ihres nahen Bei- 
sammen wohnens sich leicht mit einander vereinbaren. 
Selbst die unbedeutendsten Gewerbe sind daher hier 
oder dort zu Zünften zusammengetreten, und wo sie 
keine Zunft bildeten, war doch der Zunftgeist, die Eifer- 
sucht gegen Fremde, die Abneigung, Lehrlinge anzu- 
nehmen, oder ihr Gewerbsgeheimnis mitzuteilen, im 
Allgemeinen unter ihnen stark, und lehrte sie oft, 
durch freiwillige Verbindungen und Übereinkünfte den 
freien Wettbewerb, den sie nicht durch Verordnungen 
verbieten konnten, zu hemmen. Gewerbe, die nur 
wenige Hände beschäftigeu, treffen solche Verab- 
redungen am leichtesten. Ein halbes Dutzend Woll- 
kämmer reicht wohl hin, um tausend Spinnern und 
Webern das Material zu liefern. Wenn sie überein- 
kommen, keine Lehrlinge zu nehmen, so können sie 
nicht nur das ganze Geschäft an sich reißen, sondern 
auch die gesamte Manufaktur in eine Art von sklavi- 
scher Abhängigkeit bringen, und den Preis ihrer Ar- 
beit weit höher treiben, als er ihrer Natur nach wäre. 

Die Bewohner des platten Landes können in ihrer 
Zerstreuung über verschiedene Orte nicht leicht dei-artige 
Vereinigungen zu Stande bringen. Sie haben nicht nur 
niemals eine Zunft gebildet, sondern der Zunftgeist ist 
auch niemals unter ihnen henschend geworden. Nie hat 
man Lehrjalno zur Erlernung der Landwirtscliaft, des 



Kap. X, IL: Ungleichheiten in folge d.europ. Wirtschaftspolitik. 177 

großen ländlichen Gewerbes, für nötig gehalten. Und 
doch gibt es nächst den schönen Künsten und freien 
Berufsarten vielleicht kein Gewerbe, das eine solche 
Mannigfaltigkeit von Kenntnissen und Erfahrungen 
voraussetzt. Die zahllosen Bücher, die darüber in allen 
Sprachen geschrieben worden sind, können uns den Be- 
weis liefern, daß die Landwirtschaft unter den weisesten 
und unterrichtetsten Nationen niemals für eine ganz 
leicht zu begreifende Sache gehalten worden ist. Und in 
allen diesen Büchern würde man vergebens jene Kenntnis 
der mancherlei zusammengesetzten Handgriffe suchen, 
die jeder gewöhnliche Landmann zu besitzen pflegt, so 
affektiert hochmütig auch die verächtlichen Verfasser 
einiger dieser Bücher von ihnen sprechen. Dagegen gibt 
es kaum irgend ein gewöhnliches Handwerk, dessen Fer- 
tigkeiten sich nicht in einem Büchlein von wenigen Seiten 
so vollständig und deutlich darstellen ließen, als es durch 
Wort und Zeichnung überhaupt möglich ist. In der 
Geschichte der Gewerbe (Histoire des Arts et Metiers), 
welche jetzt von der französischen Akademie der Wissen- 
schaften herausgegeben ward, sind einige von ihnen auf 
diese Art beschrieben worden. Überdies erfordert die 
Leitung derjenigen Tätigkeiten, die sich nach jedem 
Wetterwechsel und an deren Zufällen richten müssen, viel 
mehr Urteil und Vorsichtigkeit, als bei immer ganz oder 
beinahe gleichbleibenden Handlungen erforderlich ist. 
Aber nicht nur die Kunst des Landwirts: die all- 
gemeine Leitung der landwirtschaftlichen Operationen, 
sondern auch viele untergeordnete Zweige der länd- 
lichen Arbeit erfordern viel mehr Geschicklichkeit und 
Erfahrung, als die meisten Handwerke. Der Mann, der 
Messing und Eisen bearbeitet, arbeitet mit Werkzeugen 
und Rohstoffen, deren Beschaffenheit sich immer völlig 
oder beinahe gleichbleibt. Der Mann dagegen, der den 
Boden mit einem Gespann Pferden oder Ochsen pflügt, 

Adam Smith, Volkswohlstand. 1. l«^ 



178 Erstes Buch: Zunahme in dei- Ertra,s,skraft der Arbeit. 

arbeitet mit Werkzeugen, deren Gesundheit, Kraft und 
Temperament in verschiedenen Fällen sehr verschieden 
sind. Die Beschaffenheit der Stoffe, die er bearbeitet, 
ist eben so verschieden, wie es seine Werkzeuge sind, 
und beide müssen mit vielem Urteil und großer Vor- 
sicht behandelt werden. Der gewöhnliche Bauer, der in 
der Regel als ein Muster von Einfalt und Dummheit 
angesehen wird, ermangelt dieses Urteils und dieser 
Vorsicht nur selten. Allerdings ist er weniger an ge- 
selligen Umgang gewöhnt, als der in der Stadt lebende 
Handwerker: seine Stimme und Sprache ist rauher 
und für den, der nicht daran gewöhnt ist, schwerer zu 
verstehen; aber sein Verstand, der sich täglich mit 
einer größeren Mannigfaltigkeit von Gregenständen be- 
schäftigen mul3, ist in der Regel dem der Anderen, 
deren ganze Aufmerksamkeit vom Morgen bis zum 
Abend an eine oder zwei höchst einfache Verrich- 
tungen gefesselt ist, weit überlegen. Wie sehr in der 
Tat die niederen Volksklassen auf dem Lande denen 
in der Stadt überlegen sind, weiß Jeder, der durch 
Geschäfte oder Neugierde veranlaßt war, viel mit 
beiden zu verkehren. Darum sollen auch in China und 
Hindostan der Rang und die Löhne der Landleute 
höher sein, als die der meisten Handwerker. Ver- 
hinderten dies nicht die Zunftgesetze und der Zunft- 
geist, so wäre es wahrscheinlich aller Orten so. 

Die Überlegenheit, welche der städtische Gewerb- 
fleiß in ganz Europa über den ländlichen behauptet, 
hat freilich ihren Grund nicht ausschließlich in den 
Zünften und Zunftgesetzen; sie wird auch durch an- 
dere Maßregeln aufrecht erhalten. Die hohen Steuern 
auf fremde Industrieerzeugnisse und alle von aus- 
wärtigen Kaufleuten eingeführten Waren haben den- 
selben Zweck. Die Zunftgesetze ermöglichen es den 
Städtern, ihre Preise zu erhöhen, ohne befürchten zu 
müssen, durch die freie Konkurrenz ihrer eignen 



Kap. X, II.: Ungleichheiten infolge d. europ. Wirtschaftspolitik. 179 

Landsleutebedrängt ZU weiden; jene andern Maßregeln 
sichern sie gleicher Weise gegen die Konkurrenz der 
Fremden. Diese doppelte Preiserhöhung muß am Ende 
von den Gutsbesitzern, Pächtern und Bauern bezahlt 
werden, die sich selten der Errichtung solcher Mono- 
pole widersetzt haben. Sie haben gewöhnlich weder 
Neigung noch Geschick, Vereinigungen zu bilden 
und lassen sich leicht durch das Geschrei und die 
Sophisterei der Kaufleute und Gewerbetreibenden über- 
reden, daß das Privatinteresse eines Teils, und noch 
dazu eines untergeordneten Teils der Gesellschaft, das 
allgemeine Interesse des Ganzen sei. 

In Großbritannien scheint die Überlegenheit des 
städtischen Gewerbfleißes über den ländlichen früher viel 
größer gewesen zu sein, als jetzt. Der Lohn der länd- 
lichen Arbeit kommt jetzt dem der gewerblichen, und 
der Gewinn der auf den Landbau verwendeten Kapitalien 
dem in Gew^erben angelegten näher, als es im vorigen 
Jahrhundert, oder im Anfang des gegenwärtigen der Fall 
gewesen sein soll. Dieser Umschwung kann als die not- 
wendige, wenn auch sehr späte Folge des außerordent- 
lichen Sporns angesehen werden, den man der städti- 
schen Industrie zu Teil werden ließ. Das in den 
Städten aufgehäufte Kapital wird mit der Zeit so groß, 
daß es sich nicht länger mit dem alten Gewinn in den 
eigentlich städtischen Industriezweigen anlegen läßt. 
Der städtische Gewerbfleiß hat wie alles andere seine 
Grenzen, und das Anwachsen der Kapitalien steigert 
den Mitbewerb und ermäßigt dadurch notwendig den 
Gewinn. Das Sinken des Gewinnes in der Stadt treibt 
das Kapital aufs Land hinaus, wo es eine neue Nach- 
frage nach ländlicher Arbeit hervorruft und dadurch 
notwendig ihren Lohn erhöht. Dann verstreut es sich 
so zu sagen über das flache Land und wird durch seine 
Anlegung im Ackerbau dem Lande, auf dessen Kosten 

12* 



180 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

es sich ursprünglich in der Stadt bedeutend angesammelt 
hatte, zum Teil wieder erstattet. Daß überall in Europa 
die größten Verbesserungen des Landes solchen Er- 
gießungen des ursprünglich in den Städten aufgehäuf- 
ten Kapitals beizumessen sind, werde ich später zeigen, 
und ich werde dann auch dartun, daß, obschon einige 
Länder auf diesem Wege einen hohen Grad von Reich- 
tum erlangt haben, dieser Weg selbst doch notwendig 
langsam, ungewiß, unzähligen störenden und unter- 
brechenden Zufällen ausgesetzt und der natürlichen und 
vernünftigen Ordnung in jeder Beziehung entgegenge- 
setzt ist. Die Interessen, Vorurteile, Gesetze und Ge- 
wohnheiten, die dazu Veranlassung geben, werde ich im 
dritten und vierten Buche dieser Untersuchung, so voll- 
ständig und klar ich es vermag, auseinandersetzen. 

Leute desselben Gewerbes kommen, selbst auch 
nur zur Erholung und zum Vergnügen selten zu- 
sammen, ohne daß ihre Unterhaltung mit einer Ver- 
schwörung gegen das Publikum oder einem Plane zur 
Erhöhung der Preise endigt. Es ist allerdings nicht 
möglich, solchen Zusammenkünften durch ein Gesetz 
vorzubeugen, das ausführbar oder mit Freiheit und Ge- 
rechtigkeit verträglich wäre. Wenn aber das Gesetz 
Leute desselben Gewerbes nicht hindern kann, zu- 
weilen zusammenzukommen, so sollte es wenigstens 
Nichts tun, diese Zusammenkünfte zu erleichtern, ge- 
schweige denn, sie zu fordern. 

Eine Verordnung, welche alle Angehörigen des- 
selben Gewerbes in einer Stadt verpflichtet, ihre 
Namen und Wohnungen in ein öffentliches Register- 
eintragen zu lassen, erleichtert jene Zusammenkünfte. 
Sie bringt Individuen in Berührung mit einander, die 
ohne dies vielleicht niemals mit einander bekannt ge- 
worden wären, und gibt jedem die Richtung an, wo 
er seinesgleichen finden kann. 



Kap. X,II.: Ungleichheiten infolge d. eiirop. Wirtschaftspolitik. J g J^ 

Eine Verordnung, die die Angehörigen eines Ge- 
werbes ermächtigt, sich selbst Steuern aufzulegen, um 
für ihre Armen, Kranken, "Witwen und Waisen zu 
sorgen, zeitigt ein gemeinsames Interesse an der Ver- 
waltung und macht dadurch jene Zusammenkünfte 
erforderlich. 

Eine Zunft aber macht sie nicht allein notwendig, 
sondern gibt auch den Beschlüssen der Mehrheit eine 
bindende Kraft für das Ganze. In einem freien Gewerbe 
kann eine wirksame Verbindung nur durch die einmütige 
Zustimmung aller einzelnen Gewerbtreibenden zustande 
kommen, und kann nicht länger dauern, als Alle eines 
Sinnes bleiben. Die Mehrheit einer Zunft aber kann 
Statuten mit Strafandrohungen begleiten, wodurch die 
Konkurrenz wirksamer und dauernder eingeschränkt 
wird, als durch irgend eine freiwillige Verbindung. 

Das Vorgeben, daß Zünfte zur besseren Leitung 
des Gewerbes notwendig seien, entbehrt aller Begrün- 
dung. "Die wahre und wirksame Aufsicht, die über einen 
Arbeiter geführt wird, geht nicht von seiner Zunft, son- 
dern von seinen Kunden aus. Die Furcht, seine Arbeit 
zu verlieren, hält ihn vom Betrüge ab, und zügelt 
seine Nachlässigkeit. Ein Zunftmonopol schwächt not- 
wendig die Kraft dieser Aufsicht. Eine bestimmte Klasse 
von Arbeitern muß dann beschäftigt werden, mögen 
sie ihre Sache gut oder schlecht machen. Dies ist der 
Grund, warum in mancher großen korporierten Stadt 
selbst in den notwendigsten Gewerbszweigen keine er- 
träglichen Arbeiter aufzutreiben sind. AVill man eine 
Arbeit ordentlich ausgeführt sehen, so muß man sie 
in den Vorstädten machen lassen, wo die Arbeiter kein 
ausschliessliches Privilegium haben, sondern nur auf 
ihren Ruf angewiesen sind, und man muß sie dann, 
so gut es geht, in die Stadt einschmuggeln. 

Auf diese Weise führt die europäische Wirtschafts- 
politik durch die Einschränkung der Konkurrenz auf 



182 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

eine geringere Zahl von Mitwerbern, als sich sonst ein- 
zustellen geneigt finden würde, zu einer sehr bedeu- 
tenden Ungleichheit in der Gesamtheit der Vorteile 
und Nachteile bei den verschiedenen Arbeits- und 
Kapitalsanlagen. 

Zweitens, die europäische Wirtschaftspolitik bringt 
durch Steigerung der Konkurrenz in einigen Ge- 
schäften über ihr natürliches Maß, eine andere gerade 
entgegengesetzte Ungleichheit in der Gesamtheit der 
Vorteile und Nachteile bei den verschiedenen Arbeits- 
und Kapitalsanlagen hervor. 

Man hat es für so wichtig gehalten, eine gehörige 
Zahl junger Leute für bestimmte Berufsarten auszu- 
bilden, daß bald die Behörden, bald der fromme Sinn 
mildtätiger Privatleute eine Menge von Stipendien, Kost- 
geldern, Stiftungen usw. zu diesem Zwecke gegründet 
hat, die viel mehr junge Leute zu diesen Berufsarten 
heranbilden, als sich sonst dazu drängen würden. In 
allen christlichen Ländern, glaube ich, wird die Aus- 
bildung der meisten Geistlichen auf diese Weise be- 
stritten. Nur sehr wenige werden ganz auf ihre eigenen 
Kosten gebildet. Letzteren verschafft daher ihre lange, 
mühselige und kostspielige Erziehung nicht immer eine 
angemessene Belohnung, da der geistliche Stand mit 
Leuten überfüllt ist, die, um nur eine Anstellung zu 
bekommen, gern ein viel geringeres Gehalt annehmen, 
als eine derartige Ausbildung sonst fordern könnte; und 
die Konkurrenz der Armen nimmt auf diese Weise den 
Reichen ihren Lohn weg. Es wäre ungehörig, einen 
Pfarr'verweser oder Kaplan mit dem Gesellen in einem 
geraeinen Handwerk zu vergleichen. Ein wesentlicher 
Unterschied in der Bezahlung eines Pfanverwesers oder 
Kaplans und dem Lohne eines Gesellen besteht jedoch 
nicht. Sie werden alle drei für ihre Arbeit nach Maßgabe 
des Vertrages bezahlt, den sie mit ihren Vorgesetzten 
gemacht haben. Bis nach der Mitte des vierzehnten Jahr- 



Kap. X,n.: Ungleichheiten infolge d. eiirop. Wirtschaftspolitik. 183 

hunderts waren in England fünf Mark, die ungefähr so 
viel Silber enthielten, als zehn Pfund unseres jetzigen 
Geldes, das übliche Gehalt eines Pfarrverwesers oder 
eines besoldeten Gemeindepfarrers, wie es in den De- 
kreten verschiedener Landeskonzilien festgesetzt ist. Zu 
dieser Zeit wurden fünf Pence, die so viel Silber ent- 
hielten, als unser jetziger Schilling, als Tagelohn eines 
Maurermeisters, und drei Pence, d. h. neun Pence unseres 
jetzigen Geldes, als der eines Maurergesellen erklärt*). 
Der Lohn dieser beiden Handwerker wird also, unter 
der Voraussetzung, daß Letztere den dritten Teil des 
Jahres keine Beschäftigung haben, einem Pfarrverweser- 
gehalt vollständig gleich gekommen sein. Durch ein 
Statut aus dem zwölften Regierungsjahre der Königin 
Anna, Kapitel 12, wird verordnet: „daß da aus Mangel 
an genügendem Unterhalt und hinlänglicher Aufmunte- 
rung für die Pfarrverweser an manchen Orten die 
Pfarren nicht besetzt sind, der Bischof ermächtigt ist, 
durch ein mit seiner Unterschrift und seinem Siegel 
versehenes Dokument ein hinreichendes festes Gehalt 
anzuweisen, das nicht mehr als fünfzig und nicht 
weniger als zwanzig Pfund des Jahres betragen darf." 
Vierzig Pfund werden gegenwärtig für ein sehr gutes 
Pfarrverwesergehalt angesehen, und es gibt trotz jener 
Parlamentsakte noch manche Pfarrverweserstellen unter 
zwanzig Pfund Jahrgehalt. Schuhmachergesellen in 
London verdienen jährlich bis zu vierzig Pfund, und 
es wird sich schwerlich ein Handwerker irgend einer 
Art in dieser Hauptstadt finden, der nicht mehr als 
zwanzig verdiente. Die letztere Summe übersteigt in 
der Tat nicht den Verdienst gewöhnlicher Arbeiter 
in manchen Landgemeinden. So oft das Gesetz ver- 
sucht, den Lohn der Arbeiter zu regeln, hat es ihn 
stets eher erniedrigt, als erhöht. Dagegen hat das Ge- 

*) S. das Arbeitergesetz aus dem i'üni'undzwanzigston Ke- 
gierungsjahi'e Eduards III. 



X84 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

setz bei vielen Gelegenheiten das Grehalt der Pfarrver- 
weser zu erhöhen und um der Würde der Kirche willen 
die Rektoren der Kirchspiele zu verpflichten gesucht, 
ihnen mehr als den elenden Unterhalt zu geben, den 
sie anzunehmen bereit waren. In beiden Fällen aber 
scheint das Gesetz gleich unwirksam geblieben zu sein, 
und hat nie weder das Gehalt der Pfarrverweser auf 
das beabsichtigte Maß zu erhöhen, noch den Lohn 
der Arbeiter so weit herunter zu drücken vermocht, 
weil es jene nicht hindern konnte, sich bei der Dürf- 
tigkeit ihrer Lage und der Menge ihrer Mitbewerber mit 
einem geringeren, als dem gesetzlichen Jahrgehalt zu 
begnügen, und weil es andrerseits diese nicht hindern 
konnte, mehr als den gesetzlichen Lohn zu nehmen, 
da ihnen der Wettbewerb derer, die sich von ihrer 
Arbeit Gewinn versprachen, gern mehr bewilligte. 

Die großen Pfründen und sonstigen geistlichen 
Ehrenstellen halten die Ehre der Kirche trotz der 
ärmlichen Umstände einiger ihrer niederen Glieder 
aufrecht. Auch bietet die dem Stande gezollte Achtung 
letzteren für die Ärmlichkeit ihrer Geldbelohnung 
einigen Ersatz. In England und in allen römisch- 
katholischen Ländern ist das Los der Kirche in der 
Tat weit günstiger, als es nötig wäre. Das Beispiel 
der schottischen, genfer und einiger anderen pro- 
testantischen Kirchen kann uns überzeugen, daß in 
einem geachteten Berufe, in welchem die Ausbildung 
so wohlfeil erworben wird, schon die Hoffnung auf 
weit geringere Pfründen dem geistlichen Stande eine 
hinlängliche Zahl von gelehrten, anständigen und 
achtbaren Leuten zuführen wird. 

Wenn für Berufsarten, in denen es keine Pfründen 
gibt, z. B. die Jurisprudenz und Medizin, eine gleiche 
Zahl Leute auf öffentliche Kosten ausgebildet würde, 
so würde die Konkurrenz bald so groß werden, daß 
der Geldlohn sich bedeutend niedriger stellen müßte. 



Kap. X, IL: Ungleichheiten infolge d. eiirop. Wirtschaftspolitik. 185 

Es würde dann nicht der Mühe lohnen, seinen Sohn 
auf eigene Kosten zu einem solchen Stande erziehen 
zn lassen, der vielmehr gänzlich denen überlassen 
würde, die ihre Erziehung öffentlichen Stiftungen ver- 
dankten und wegen ihrer Menge und Dürftigkeit sich 
im Allgemeinen mit recht elendem Lohn begnügen 
müßten, zum Schaden der jetzt so achtbaren Stände 
des Rechtsgelehrten und Arztes. 

Die wenig glückliche Klasse von Leuten, die man 
gewöhnlich Literaten nennt, befindet sich ziemlich ge- 
nau in der Lage, in welcher Rechtsgelehrte und Arzte 
sich wahrscheinlich unter der obigen Voraussetzung 
befinden würden. In allen europäischen Ländern sind 
die meisten von ihnen für den Kirchendienst erzogen 
worden, aber durch verschiedene Gründe verhindert, 
in den geistlichen Stand zu treten. Sie haben also 
ihre Bildung in der Regel auf öffentliche Kosten er- 
halten, und ihre Menge ist überall so groß, daß dadurch 
der Preis ihrer Arbeit auf eine höchst klägliche Be- 
lohnung zusammenzuschrumpfen pflegt. 

Vor der Erfindung der Buchdruckerkunst bestand 
die einzige Arbeit, durch die ein Literat mit seinem 
Talente etwas erwerben konnte, darin, daß er öffent- 
licher oder Privatlehrer wurde, d. h. anderen Leuten die 
wissenswerten und nützlichen Kenntnisse mitteilte, die 
er sich erworben hatte. Und dies ist sicherlich noch 
ein ehrenwerteres, nützlicheres und in der Regel auch 
einträglicheres Geschäft, als die Schriftstellerei für einen 
Buchhändler, wozu die Buchdruckerkunst Veranlassung 
gegeben hat. Es sind wenigstens eben so viel Zeit, 
Studium, Geist, Kenntnisse und Fleiß dazu erforderlich, 
ein ausgezeichneter Lehrer der Wissenschaften, als ein 
hervorragender Arzt oder Rechtsgelehrter zu werden. 
Doch steht der übliche Lohn eines tüchtigen Lehrers 
in keinem Verhältnis zu dem eines RechtsiJ:elehrten oder 



186 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Arztes, weil das Geschäft des einen mit dürftigen Leuten, 
die auf öffentliche Kosten ausgebildet wurden, überfüllt 
ist, während in die beiden anderen Geschäfte sich nur 
Wenige eindrängen, die nicht auf eigene Kosten stu- 
diert haben. So gering aber auch der übliche Lohn 
öffentlicher und Privatlehrer erscheint, so würde er 
doch ohne Zweifel noch geringer sein, wenn nicht die 
Konkurrenz der noch dürftigeren Gelehrten abginge, 
die fürs Brot schreiben. Vor der Erfindung der Buch- 
druckerkunst scheinen Schüler und Bettler so ziemlich 
gleichbedeutende Ausdrücke gewesen zu sein. Die 
Kektoren der Universitäten stellten vor dieser Zeit 
ihren Studenten oft Erlaubnisscheine zum Betteln aus. 
Im Altertum, wo keine Stiftungen der erwähnten 
Art dürftige Leute zu gelehrten Berufsarten ausbilden 
ließen, war anscheinend die Bezahlung tüchtiger Lehrer 
viel beträchtlicher. Isokrates wirft in seiner sogenann- 
ten Rede gegen die Sophisten den Lehrern seiner Zeit 
einen Widerspruch vor. „Sie machen, sagt er, ihren 
Schülern die glänzendsten Versprechungen und wollen 
sie lehren, weise, glücklich und gerecht zu sein, ver- 
langen aber für einen so wichtigen Dienst nur einen 
lumpigen Lohn von vier oder fünf Minen. Wer Weis- 
heit lehrt — fährt er fort — sollte doch selbst weise 
sein; wenn aber einer einen solchen Handel für solch 
einen Preis abschließt, so beweist er augenscheinlichste 
Torheit". An dieser Stelle wird er gewiß den Lohn 
nicht größer gemacht haben, als er wirklich war. Vier 
Minen sind aber so viel, wie dreizehn Pfund, sechs 
Schilling und acht Pence; fünf Minen sind sechzehn 
Pfund, dreizehn Schilling und vier Pence. Es wurde 
also damals den hervorragendsten Lehrern in Athen eine 
Summe gezahlt, die wenig hinter dem größeren Betrage 
zurückgeblieben sein wird. Isokrates selbst verlangte 
zehn Minen, oder dreiunddreißig Pfund, sechs Schilling 



Kap. X,II.: Ungleichheiten infolge d.europ.Wirtschaftspolitik. 187 

und acht Pence von jedem seiner Schüler. Bei seinen 
Vorträgen in Athen soll er hundert Zuhörer gehabt 
haben. Ich verstehe dies von der Anzahl, denen er 
gleichzeitig Vorträge hielt, oder die, wie wir das nennen, 
einen Kursus bei ihm hörten, und diese Anzahl wird in 
einer so großen Stadt bei einem so berühmten Lehrer, 
der noch dazu eine Wissenschaft, die Rhetorik, vortrug, 
die damals eine Modewissenschaft war, durchaus nicht 
ungewöhnlich groß erscheinen. Er muß mithin in 
jedem Kursus tausend Minen oder £ 3333, 6 sh. 8 d. 
eingenommen haben. Auch von Plutarch wird an einer 
Stelle angegeben, daß tausend Minen sein Didaktron 
oder gewöhnliches Honorar gewesen sei. Viele andere 
berühmte Lehrer jener Zeit scheinen ein großes Ver- 
mögen erworben zu haben. Gorgias schenkte dem Tem- 
pel von Delphi seine eigene Statue aus gediegenem Golde. 
Wir brauchen allerdings nicht anzunehmen, daß sie le- 
bensgroß gewesen sei. Der Fuß, auf dem er, sowie 
Hippias und Protagoras, zwei andere ausgezeichnete 
Lehrer jener Zeit, lebten, war nach Plato glänzend bis 
zur Prahlerei. Plato selbst soll großen Aufwand ge- 
macht haben. Nachdem Aristoteles Erzieher des Alex- 
ander gewesen und sowohl von diesem, als von seinem 
Vater Philipp, wie alle Zeugnisse bekunden, aufs Glän- 
zendste belohnt worden war, hielt er es doch noch der 
Mühe für weit, nach Athen zurückzukehren, um seine 
Vorträge wieder aufzunehmen. Lehrer der Wissen- 
schaftenwaren zu jener Zeit anscheinend weniger häufig, 
als ein oder zwei Menschenalter später, wo der Wett- 
bewerb wahrscheinlich sowohl den Preis ihrer Arbeit 
als auch die Bewunderung für ihre Por'son etwas oi'- 
mäßigt hatte. Doch scheinen die heivorj-agendsten unter 
ihnen noch immer einen Grad von Achtung genossen 
zu haben, wie ihn heutigen Tages kein Mann gleichen 
Standes irgendwo erreicht. Die Athener betrauten den 



188 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Akademiker Karneades und den Stoiker Diogenes mit 
einer feierlichen Gesandtschaft nach Rom, und wenn ihre 
Stadt damals auch schon von ihrer früheren Größe herab- 
gesunken war, so war sie doch immer noch eine unab- 
hängige und ansehnliche Republik. Überdies war Kar- 
neades ein Babylonier von Geburt, und da niemals ein 
Volk eifersüchtiger als die Athener darüber wachte, keine 
Fremden zu öffentlichen Würden zuzulassen, so muß 
ihre Achtung für ihn sehr groß gewesen sein. 

Im Ganzen ist übrigens dieser Umschwung für das 
Publikum vielleicht eher vorteilhaft als schädlich. Der 
Stand eines öffentlichen Lehrers ist dadurch etwas her- 
abgesetzt worden; aber die Wohlfeilheit der gelehrten 
Erziehung ist sicherlich ein Vorteil, der diesen kleinen 
Übelstand weit überwiegt. Auch würde davon das 
Publikum noch viel größeren Gewinn haben, wenn 
die Einrichtungen der gelehrten Schulen und Univer- 
sitäten vernünftiger wären, als sie es jetzt durchweg 
in Europa sind. 

Drittens, die europäische Wirtschaftspolitik bringt 
durch Hemmung der freien Bewegung der Arbeit und 
des Kapitals sowohl von Geschäft zu Geschäft, als von 
Ort zu Ort, in manchen Fällen eine sehr schädliche 
Ungleichheit in der Gesamtheit der Vorteile und Nach- 
teile ihrer Anlagen hervor. 

Das Lehrlingsgesetz hemmt die freie Arbeitsbewe- 
gung von einem Geschäft zum anderen sogar an ein 
und demselben Orte. Die ausschließenden Zunftprivi- 
legien hemmen sie von einem Orte zum anderen sogar 
in ein und demselben Geschäfte. 

Es kommt häufig vor, daß, während den Arbeitern 
in dem einen Gewerbe hoher Lohn gegeben wird, sie 
in einem anderen mit der nackten Existenz vorlieb 
nehmen müssen. Das eine gedeiht und hat einen steten 
Begehr nach frischen Arbeitskräften; das andere hin- 



Kap. X,IT.: Uno-leioliheitpn infnl.o-o d. curop.Wirtscliaftspolitik. 189 

gegen verfällt und der Überfluß an Arbeitskräften 
nimmt stets zu. Zwei solche Gewerbe können bald in 
einer und derselben Stadt, bald in einer und derselben 
Gegend sein, ohne daß sie im Stande wären, einander 
nur die geringste Hilfe zu leisten. In dem einen Falle, 
ist das Lehrlingsgesetz hinderlich und in dem anderen 
sowohl dieses als die ausschließende Zunft. Gleichwohl 
sind in vielen Gewerben die Operationen einander so 
ähnlich, daß die Arbeiter leicht aus dem einen in das 
andere übertreten könnten, wenn jene abgeschmackten 
Gesetze es nicht verhinderten. Das Weben glatter 
Leinenzeuge und glatter Seidenzeuge ist z. B. fast ganz 
dasselbe. Das Weben glatter Wollenwaren ist etwas 
Anderes, aber der Unterschied ist so unbedeutend, daß 
ein Seiden- oder Leinweber in wenigen Tagen ein ganz 
guter Tuchweber werden könnte. Geriete nun eines 
dieser drei Hauptgewerbe in Verfall, so könnten die 
Arbeiter leicht in einem der beiden anderen, deren Lage 
glücklicher ist, Zuflucht finden, und ihr Lohn würde 
weder in dem blühenden Gewerbe zu hoch, noch in dem 
verfallenden zu niedrig werden. Die Leinweberei steht 
zwar in England laut einem besonderen Statut Jedermann 
offen ; da sie aber in den meisten Gegenden des Landes 
wenig betrieben wird, so kann sie den Arbeitern an- 
derer verfallender Gewerbe keine allgemeine Zuflucht 
bieten, und diese haben überall, wo das Lehrlingsge- 
setz in Geltung ist, keine andere Wahl, als entweder 
dem Kirchspiel zur Last zu fallen, oder sich als Tage- 
löhner zu verdingen, wozu sie sich vermöge ihrer bis- 
herigen Gewohnheiten weit weniger schicken, als zu ir- 
gend einem anderen Gewerbszweige, der mit dem ihrigen 
einige Ähnlichkeit hat. Darum ziehen sie es denn auch^ 
in der Regel vor, dem Kirchspiel zur Last zu fallen. 
Alles, was die freie Bewegung der Arbeit von einem 
Geschäfte zum andern hemmt, hemmt auch die des 
Kapitals, da die Größe des Kapitals, das in einem Ge- 



190 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Schäftszweige angelegt werden kann, sehr von derMenge 
der Arbeit abhängt, die in ihm aufgewendet wird. Doch 
legen Zunftgesetze dem freien Umlauf des Kapitals 
von einem Orte zum anderen weniger Hindernisse in 
den Weg, als der Arbeit. Für einen reichen Kaufmann 
ist es übei'all leichter, in einer korporierten Stadt ein 
Handelsprivilegium zu erlangen, als für einen armen 
Handwerker die Erlaubnis, in ihr arbeiten zu dürfen. 

Die Hemmung, die Zunftgesetze der freien Be- 
wegung der Arbeit auflegen, ist, glaube ich, allen Teilen 
Europas gemein; diejenige aber, welche durch die 
Armengesetze bewirkt wird, ist, so viel ich weiß, nur 
England eigentümlich. Sie besteht in der Schwierigkeit 
für einen armen Mann, sich in einem andern Kirch- 
spiel als dem, zu welchem er gehört, niederlassen oder 
auch nur sein Geschäft treiben zu dürfen. Durch Zunft- 
gesetze wird nur die freie Bewegung der Arbeit der 
Handwerker und industriellen Arbeiter gehemmt; die 
Erschwerung der Niederlassung aber hemmt auch die 
der gemeinen Arbeit. Es ist der Mühe wert, den Ur- 
sprung, Fortschritt und gegenwärtigen Zustand dieses 
Übels, vielleicht des größten der englischen Wirt- 
schaftspolizei, kurz zu berichten. 

Als durch die Aufhebung der Klöster die Armen 
der Unterstützung dieser frommen Häuser beraubt 
worden waren, wurde nach einigen anderen frucht- 
losen Versuchen zu ihren Gunsten durch ein Gesetz 
aus dem 43. Jahre Elisabeths, Kapitel 2, verordnet, 
daß jedes Kirchspiel für seine Armen zu sorgen ver- 
pflichtet sein, und jährlich Armenaufseher bestellt 
werden sollten, die in Gemeinschaft mit den Kirchen- 
vorstehern eine diesem Zwecke angemessene Summe 
durch eine Kirchspielsteuer zu erheben hätten. 

Dieses Gesetz legte jedem Kirchspiel die unerläß- 
liche Pflicht auf, für seine Armen zu sorgen. Es ent- 



Kap. Xjr.: Ungleichheiten infol.o-e d. ourop.Wirtschaftspolitik. 191 

stand dadurch die wichtige Frage, wer denn als Armer 
eines Kirchspiels zu betrachten sei. Diese Frage wurde 
nach einigem Schwanken endlich durch Statut aus dem 
13. und 14. Regierungsjahre Karls II. entschieden, in 
dem verordnet war, daß vierzig Tage eines ungestörten 
Aufenthalts Jedem die Ansässigkeit in einem Kirch- 
spiel erwerben sollten; doch sollte innerhalb dieser 
Zeit zwei Friedensrichtern das Recht zustehen, auf 
Klage seitens der Kirchenvorsteher oder Armenauf- 
seher, jeden neuen Einwohner in das Kirchspiel, in 
dem er zuletzt rechtmäßig ansässig gewesen, zu ver- 
weisen, wenn er nicht entweder eine Pachtung von 
zehn Pfund jährlicher Pacht übernehmen oder dem 
Kirchspiel eine ausreichende Bürgschaft stellen könne, 
daß er ihm nicht zur Last fallen werde. 

Dieses Gesetz soll manche Betrügereien veranlaßt 
haben. Kirchspielbeamte bestachen mitunter ihre eigenen 
Armen, heimlich in ein anderes Kirchspiel auszuwan- 
dern, und hielten sie vierzig Tage lang daselbst ver- 
borgen, damit sie die Ansässigkeit gewönnen, um das 
Kirchspiel, dem sie eigentlich angehörten, von ihnen zu 
befreien. Darum verordnete ein Statut aus dem ersten 
Regierungsjahre Jakobs II., daß die vierzig Tage un- 
gestörten Aufenthalts, die zur Erwerbung der An- 
sässigkeit erforderlich waren, erst von dem Augenblick 
an gerechnet werden sollten, an dem Jemand einem 
der Vorsteher oder Armenaufseher des Kirchspiels, in 
dem er künftig wohnen wollte, schriftlich seinen Wohn- 
ort und die Stärke seiner Familie angemeldet hätte. 

Indeß waren die Kirchspielsbeamten gegen ihr 
eigenes Kirchspiel nicht immer ehrlicher, als sie es 
gegen fremde gewesen waren, und drückten hie und 
da bei solchen Einnistungen die Augen zu, indem sie 
zwar die Anmeldung in Emi)fang nahmen, aber nicht 
die erforderlichen Schritte taten. Da man annahm, daß 
jeder Einwohner eines Kirchspiels ein Interesse daran 



192 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

haben müsse, der Belastung durch solche Eindringlinge 
so viel als möglich vorzubeugen, so wurde im dritten 
ßegierungsjahre Wilhelms III. ferner verordnet, daß 
die vierzig Aufenthaltstage erst von dem Tage an ge- 
rechnet werden sollten, an dem die schriftliche Anmel- 
dung Sonntags in der Kirche unmittelbar nach dem 
Gottesdienste öffentlich verlesen worden sei. 

„Am Ende", sagt Dr. Burn, „wurde diese Art der 
Ansässigkeit, die man erst durch einen vierzigtägigen 
Aufenthalt nach der öffentlichen Verlesung der schrift- 
lichen Anmeldung erwerben konnte, nur sehr selten er- 
langt, und der Zweck dieser Anordnungen ist nicht so- 
wohl der, Jemand die Ansässigkeit zu erleichtern, als 
vielmehr die Ansässigkeit von Leuten, die heimlich in 
das Kirchspiel kommen, zu hintertreiben ; denn sich an- 
melden heißt nur, das Kirchspiel nötigen, sie wieder 
wegzuschaffen. Ist aber die Lage Jemandes der Art, 
daß es zweifelhaft bleibt, ob er wirklich zurückgeschickt 
werden dürfe oder nicht, so wird er durch seine An- 
meldung das Kirchspiel nötigen, ihm entweder dadurch, 
daß es ihn vierzig Tage bleiben läßt, eine unbestrittene 
Ansässigkeit zu bewilligen, oder dadurch, daß es ihn 
wegschafft, die Sache vor den Kichter zu bringen." 

Dieses Statut machte es also für einen armen Mann 
fast unmöglich, auf die frühere Weise durch vierzig- 
tägigen Aufenthalt einen festen Wohnsitz zu gewinnen. 
Damit es aber nicht den Anschein habe, als sollten die 
gewöhnlichen Leute gänzlich von der Ansiedelung in 
einem anderen Kirchspiel ausgeschlossen wei'den, 
wurden vier andere Arten festgesetzt, wie ohne eine 
abgegebene oder öffentlich verlesene Anmeldung die 
Ansässigkeit gewonnen werden könne. Erstens konnte 
man sie erwerben, wenn man zu den Kirchspielsabgaben 
zugezogen wurde und sie bezahlte; zweitens, wenn man 
auf ein Jahr zu einem Kirchspielsamte gewählt wurde 
und es diese Zeit über versah ; drittens, wenn man im 



Kap. X,II.: Ungleiclilieiton infolge d. europ.Wirtschaftspolitik. 1 93 

Kirchspiel seine Lehrzeit bestand ; viertens endlich, wenn 
man dort auf ein Jahr in Dienst genommen wurde und 
ein ganzes Jahr lang in diesem Dienste verblieb. 

Auf eine der beiden ersteren Arten ist indessen die 
Ansässigkeit nur durch einen öffentlichen Akt des ganzen 
Kirchspiels zu erlangen, das dabei wohl auf die Folgen 
Acht gibt, die daraus hervorgehen, wenn es einen 
neuen Ankömmling, der keine anderen Unterhaltsmittel 
als seine Arbeit hat, durch Zuziehung zu den Abgaben 
oder durch Wahl zu einem Amte bei sich aufnimmt. 

Auf eine der beiden letzteren Arten kann hin- 
gegen kein Verheirateter Ansässigkeit erwerben. Ein 
Lehrling ist schwerlich jemals verheiratet, und es ist 
ausdrücklich bestimmt, daß kein verheirateter Dienst- 
bote durch Anstellung auf ein Jahr Ansässigkeit er- 
werben solle. Die Haupt wirkung, welche die Einführung 
einer durch Dienst zu erlangenden Ansässigkeit gehabt 
hat, hat namentlich darin bestanden, daß die alte Ge- 
wohnheit, auf ein Jahr zu mieten, die früher in England 
so herkömmlich war, daß noch bis auf den heutigen 
Tag das Gesetz in jedem Falle, wo kein bestimmter 
Zeitraum ausgemacht worden, annimmt, daß der Dionst- 
bote auf ein Jahr gemietet sei, großenteils außer Übung 
gekommen ist. Die Arbeitgeber sind nicht immer willens, 
ihren Dienstboten durch Mieten auf ein Jahr die An- 
sässigkeit zu verschaffen, und die Dienstboten mögen 
sich nicht immer so vermieten, weil sie, da stets der 
letzte Wohnsitz die früheren aufhebt, die ursprüngliche 
Ansässigkeit in ihrer Heimat, wo ihre Eltern und Ver- 
wandten wohnen, dadurch einbüßen könnten. 

Ein selbständiger Arbeiter, sei er Tagelöhner oder 
Handwerker, wird offenbar nicht leicht eine neue 
Ansässigkeit durch Lehr- oder Dienstjahro erwerben. 
Wendet sich eine solche Person mit ihrem Gewerbe 
in ein neues Kirchspiel, so setzt sie sich, wie gesund 

Adam Smith, Volkswohlstand. I. 1<^ 



194 Erstes Buch: Zunahme in fler Ertragskraft der Arbeit. 

und fleißig sie auch sein mag, der Gefahr aus, nach 
der Laune eines Kirchenvorstehers oder Armenauf- 
sehers wieder entfernt zu werden, wenn sie nicht ent- 
weder für zehn Pfund im Jahre eine Pachtung über- 
nimmt — was für jemanden, der nur von seiner Arbeit 
lebt, unmöglich ist — oder eine zwei Friedensrichtern 
genügend erscheinende Bürgschaft bietet, daß sie dem 
Kirchspiel nicht zur Last fallen werde. Welche Sicherheit 
sie fordern wollen, ist freilich ganz ihrem Gutdünken 
überlassen ; aber sie können nicht wohl weniger als 
dreißig Pfund verlangen, da eine Verordnung vor- 
handen ist, nach der sogar der Kauf eines Freigutes 
von weniger als dreißig Pfund Wert kein Ansässig- 
keitsrecht geben soll, weil es nicht hinreichend sei, 
das Kirchspiel vor der Armenbelastung zu sichern. 
Diese Bürgschaft wird aber jemand, der von seiner 
Arbeit lebt, kaum je geben können, und doch wird 
oft noch eine viel größere gefordert. 

Um jedoch einigermaßen die freie Bewegung der 
Arbeit, die durch jene verschiedenen Gesetze fast 
gänzlich aufgehoben war, wiederherzustellen, ist man 
auf die sogenannten Zertifikate verfallen. Im achten 
und neunten ßegierungsjahre Wilhelms III. wurde 
festgesetzt, daß, wenn jemand aus dem Kirchspiel, in 
dem er zuletzt rechtmäßig ansässig war, ein von den 
Kirchenvorstehern und Armenaufsehern unterschriebe- 
nes und von zwei Friedensrichtern bestätigtes Zertifikat 
mitbringt, jedes andere Kirchspiel ihn aufzunehmen 
verbunden ist; daß er nicht schon darum, weil er wahr- 
scheinlich später zur Last fallen würde, sondern nur, 
wenn er wirklich zur Last fällt, entfernt werden darf; 
und daß dann das Kirchspiel, welches das Zertifikat 
ausstellte, verpflichtet sein soll, die Kosten des Unter- 
halts und der Fortschaffung zu tragen. Um aber dem 
Kirchspiel, wohin ein mit einem Zertifikat ausgestatteter 



Kap.X,II.: Ungleichheiten infolge d. europ.Wirtschaftsx^olitik. 195 

Mann sich wendet, die ausreichendste Bürgschaft zu 
geben, wurde durch dasselbe Gesetz ferner verordnet, 
daß der Mann das Niederlassungsrecht nur dann er- 
halten solle, wenn er eine Pachtung für zehn Pfund 
jährlich übernehme, oder unentgeltlich ein Jahr lang 
ein Kirchspielamt verwalte. Er konnte mithin weder 
durch Anmeldung, noch durch Dienst, Lehrlingschaft 
oder Zahlung der Kirchspielabgaben dazu gelangen. 
Auch wurde im zwölften Regierungsjahre der Königin 
Anna (Stat. I. c. 18.) noch verordnet, daß weder die 
Dienstboten noch die Lehrlinge solcher auf Grund 
von Zertifikaten zugelassener Leute in dem Kirchspiel 
Ansässigkeit erwerben können. 

Inwiefern diese Erfindung die freie Bewegung der 
Arbeit, die durch die früheren Statute fast gänzlich auf- 
gehoben war, wiederhergestellt habe, ersieht man aus 
der folgenden sehr verständigen Bemerkung des Dr. 
Burn. „Offenbar", sagt er, „liegen verschiedene gute 
Gründe vor, von Personen, die sich an einem Orte nieder- 
lassen wollen, Zertifikate zu verlangen, namentlich da- 
mit die Inhaber nicht durch Lehrlingsschaft, Dienst, 
Anmeldung, oder Zahlung der Kirchspielsteuern an- 
sässig werden; damit sie weder Lehrlinge, noch Dienst- 
boten ansässig machen können, damit man ferner, so- 
bald sie dem Kirchspiel zur Last fallen, genau weiß, 
wohin man sie zu bringen und an wen man sich wegen 
der Fortschaffungs- und Unterhaltskosten in dieser 
Zeit zu halten hat; und damit endlich, wenn sie krank 
werden, und nicht fortgeschafft werden können, das 
Kirchspiel, von dem das Zertifikat ausgestellt ist, den 
Unterhalt erstattet — was alles ohne ein Zertifikat nicht 
geschehen kann. Aber diese Gründe sind ebenso viele 
Gründe für die Kirchspiele, in gewöhnlichen Fällen 
keine Zertifikate auszustellen; denn es ist nur zu wahr- 
scheinlich, daß sie ihre Inhaber zurückerhalten werden, 



196 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

und dies noch dazu in einer schlechteren Lage". Die 
Moral dieser Bemerkung scheint zu sein, daß das Kirch- 
spiel, in dem ein Armer sich niederlassen will, stets Zer- 
tifikate fordert, daß aber von dem, welches er zu ver- 
lassen gedenkt, nur sehr selten solche bewilligt werden. 
„Es liegt hierin", sagt derselbe einsichtsvolle Schrift- 
steller in seiner Geschichte der Armengesetze, „eine 
große Härte", indem es in die Macht eines Kirchspiel- 
beamten gestellt ist, einen Menschen gewißermaßen für 
sein ganzes Leben gefangen zu halten, mag es für ihn 
auch noch so nachteilig sein, an dem Orte bleiben zu 
müssen, an dem er das Unglück hatte, sogenannte An- 
sässigkeit zu erwerben, oder mag er sich die größten 
Vorteile von einem Aufenthalte am fremden Orte ver- 
sprechen". 

Obgleich ein Zertifikat kein Zeugnis des guten Be- 
tragens enthält und nur bescheinigt, daß sein Inhaber 
dem oder dem Kirchspiel angehöre, so steht es doch 
ganz im Belieben der Kirchspielsbeamten, es zu ver- 
weigern oder zu gewähren. Es sind, erzählt Dr. Burn, 
einmal gerichtliche Schritte getan worden, um die 
Kirchenvorsteher und Armenaufseher zur Ausstellung 
eines Zertifikats zu nötigen, aber der Gerichtshof der 
King's Bench hat den Antrag verworfen. 

Der sehr ungleiche Arbeitspreis, den wir häufig in 
England an gar nicht weit von einander liegenden Orten 
finden, hat seinen Grund wahrscheinlich in den Hinder- 
nissen, welche das Ansässigkeitsgesetz einem Armen, 
der ohne Zertifikat mit seinem Gewerbe von einem Kirch- 
spiel in das andere wandern möchte, entgegenstellt. 
Ein einzelner, gesunder und fleißiger Mann wird zwar 
hie und da ohne ein Zertifikat geduldet; aber wenn ein 
Mann mit Weib und Kind es versuchen wollte, würde 
er sicher in den meisten Kirchspielen entfernt werden, 
und selbst der einzelne Mann würde, wenn er sich 



Kap.XJI.: Ungleichheiten infolge d.europ.WirtschaftspoHtik. 197 

später verheiratete, in der Hegel ausgewiesen werden. 
Daher kann dem Mangel an Arbeitern in dem einen 
Kirchspiel nicht immer durch den Überfluß in einem 
anderen abgeholfen werden, wie das in Schottland und 
wohl in allen anderen Ländern, in denen die Ansässig» 
keit keine Schwierigkeiten bietet, so unablässig ge- 
schieht. Wenn auch in solchen Ländern zuweilen 
der Lohn in dei- Nähe einer großen Stadt, oder wo 
sonst eine außergewöhnliche Nachfrage nach Arbeit 
besteht, ein wenig steigt, und umgekehrt je nach der 
größeren Entfernung von solchen Plätzen sinkt, bis 
er wieder den gewöhnlichen Satz des Landes erreicht, 
so begegnet man doch niemals so plötzlichen, uner- 
klärlichen Verschiedenheiten im Arbeitslohn benach- 
barter Orte, wie bisweilen in England, wo es oft für 
einen Armen schwieriger ist, die künsthchen Schran- 
ken eines Kirchspiels zu überschreiten, als einen 
Meeresarm oder hohen Gebirgsrücken, d. h. natürliche 
Grrenzen, die in anderen Ländern zuweilen die Lohn- 
sätze sehr deutlich von einander scheiden. 

Einen Mann, der sich Nichts hat zu Schulden 
kommen lassen, aus dem Kirchspiel, in dem er wohnen 
will, zu entfernen, ist eine offenbare Verletzung natür- 
licher Freiheit und Gerechtigkeit. Dennoch hat das 
gemeine Volk Englands, das auf seine Freiheit so eifer- 
süchtig ist, aber gleich dem gemeinen Volke der meisten 
anderen Länder nie recht weiß, worin sie besteht, diesen 
Druck, dem es hilflos erliegt, jetzt schon länger als ein 
Jahrhundert ruhig ertragen. Haben auch zuweilen den- 
kende Männer das Ansässigkeitsgesetz als ein öffent- 
liches Unglück beklagt, so hat es doch niemals einen 
so allgemeinen Schrei des Unwillens heivorgerufen, 
wie die generellen Verhaftsbefehle, die ohne Zweifel 
auch ein Mißbrauch sind, aber doch nicht leicht einen 
so allgemeinen Druck zur Folge hatten. Ich wage zu 



198 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

behaupten, daß es in England kaum einen einzigen 
armen Mann von vierzig Jahren gibt, der nicht zu 
irgend einer Zeit seines Lebens durch dies unselige An- 
sässigkeitsgesetz sich grausam bedrückt gefühlt hätte. 

Ich schließe dieses lange Kapitel mit der Bemer- 
kung, daß es zwar vor alters üblich war, den Lohn 
festzusetzen und zwar anfänglich durch allgemeine für 
das ganze Königreich gültige Gesetze und später durch 
besondere Anordnungen der Friedensrichter in jeder 
Grafschaft, — daß diese beiden Geu-ohnheiten aber 
jetzt gänzlich abgekommen sind. „Nach der Erfah- 
rung von mehr als vierhundert Jahren," sagt Dr. 
Burn, „scheint es endlich Zeit zu sein, alle Versuche, 
unter feste Hegeln zu bringen, was seiner Natur nach 
jeder genauen Begrenzung unfähig scheint, aufzugeben; 
denn wenn alle Arbeiter in einem Gewerbe gleichen 
Lohn erhalten, hört der Wetteifer auf, und für Fleiß 
und Talent wäre kein Raum mehr." 

Dennoch wird zuweilen noch versucht, durch be- 
sondere Parlamentsakte den Lohn für bestimmte Ge- 
werbe und Orte festzustellen. So verbietet eine Akte 
aus dem 8. Regierungsjahre Georgs III. unter schwerer 
Geldstrafe allen Schneidermeistern in London und fünf 
Meilen im Umkreise, mehr als zwei Schilling, sieben 
und einen halben Pence täglich an Arbeitslohn zu 
zahlen, es sei denn zur Zeit einer allgemeinen Landes- 
trauer, — und eben so den Gesellen, mehr als diesen 
Lohn anzunehmen. So oft die Gesetzgebung sich dazu 
herbei läßt, die Unstimmigkeiten zwischen den Meistern 
und ihren Arbeitern auszugleichen, ist sie stets von den 
Meistern beraten. Wenn daher die Bestimmung zu 
Gunsten der Arbeiter ausfällt, so ist sie stets gerecht 
und billig; öfters aber, wenn sie zugunsten der Meister 
ausfällt, ist sie es nicht. So ist das Gesetz, welches in 
einigen Gewerben die Meister verpflichtet, ihre Ar- 



Kap.X,II.: Ungleichheiten infoige d. europ.Wirtschaftspolitili. 1 99 

beiter in Geld und nicht in Waren zu bezahlen, ganz 
gerecht und billig; denn es legt den Meistern keine 
wirkliche Last auf, sondern nötigt sie nur, den Geld- 
wert zu bezahlen, den sie in Waren bezahlen zu wollen 
vorgaben, aber nicht immer wirklich bezahlten. Dieses 
Gesetz ist zugunsten der Arbeiter; dagegen die Akte 
aus dem achten Regierungsjahre Georgs III. zugunsten 
der Meister. Wenn die Meister sich zusammentun, um 
den Lohn ihrer Arbeiter herabzusetzen, so schließen 
sie gewöhnlich privatim einen Bund oder eine Über- 
einkunft, bei Strafe nicht mehr als einen bestimmten 
Lohn zu geben. Wollten die Arbeiter eine entgegen- 
gesetzte Übereinkunft derselben Art schließen, bei 
Strafe jenen Lohn nicht anzunehmen, so würde sie das 
Gesetz sehr strenge bestrafen. Verführe es wirklich 
unparteiisch, so müßte es gegen die Meister ebenso 
handeln. Aber die Akte aus dem achten Regierungs- 
jahre Georgs III. erteilt gerade der Regel, welche die 
Meister durch derartige Verbindungen zuweilen ein- 
zuführen suchen, gesetzliche Kraft, Die Klage der 
Arbeiter, daß dadurch der geschickteste und fleißigste 
Arbeiter mit dem mittelmäßigen auf eine gleiche Stufe 
gesetzt werde, scheint durchaus wohlbegründet. 

In früheren Zeiten war es auch üblich, den Ge- 
winn der Kaufleute und anderer Händler durch Fest- 
setzung des Preises für Lebensmittel und andere 
Waren zu regeln. Die Brottaxe ist, so viel ich 
weiß, der letzte Rest dieses alten Brauchs. Wo es 
eine geschlossene Zunft gibt, da mag es gut sein, den 
Preis der ersten Lebensbedürfnisse festzusetzen; wo 
dies aber nicht der Fall ist, wird die Konkurrenz ihn 
weit besser regeln, als irgend eine Taxe. Die durch 
ein Gesetz aus dem 31. Regierungsjahre Georgs II. 
eingeführte Methode, eine Brottaxe festzusetzen, konnte 
in Schottland wegen eines Mangels im Gesetze nicht 



200 Ei'ötes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

zur Ausführung gebracht werden, insofern die Voll- 
ziehung auf dem Amte eines Marktschreibers ruhte, 
das in Schottland nicht vorhanden ist. Dieser Mangel 
wurde erst im dritten Regierungsjahre Georgs III. 
gehoben. Inzwischen stiftete der Mangel einer Taxe 
keinen merklichen Schaden, und ihre Einführung hat 
an den wenigen Orten, an denen sie bestand, keinen 
merklichen Vorteil gewährt. In den meisten schotti- 
schen Städten gibt es jedoch eine Bäckerzunft, die 
ausschließliche Berechtigungen in Anspruch nimmt, 
ohne daß diese jedoch strenge gewahrt würden. 

Das Verhältnis zwischen den verschiedenen Lohn- 
und Gewinnsätzen in den einzelnen Arbeits- und Ka- 
pitalanlagen erleidet, wie schon bemerkt wurde, durch 
den ßeichtum oder die Armut, durch einen fortschrei- 
tenden, stillstehenden oder zurückgehenden Zustand 
der Gesellschaft keine großen Veränderungen. Obwohl 
solche Revolutionen in der öffentlichen Wohlfahrt den 
Lohn- und Gewinnsatz im Ganzen treffen, so müssen 
sie ihn am Ende doch in allen verschiedenen Anlage- 
arten gleichmäßig treffen. Das Verhältnis zwischen 
ihnen muß daher das nämliche bleiben, und kann 
durch solche Umwälzungen wenigstens nicht für lange 
Zeit gestört werden. 



Elftes Kapitel. 
Die Grundrente. 

Die Rente, als der für die Nutzung des Bodens 
gezahlte Preis betrachtet, ist naturgemäß der höchste, 
den der Pächter nach der jeweiligen Bodenbeschaffen- 
heit zu zahlen vermag. Bei der Feststellung der Pacht- 
bedingungen sucht der Grundherr dem Pächter keinen 
größeren Anteil am Krtrage zu lassen, als zur Erhal- 
tung des Kapitals, von dem er die Aussaat bestreitet, 
die Arbeit bezahlt und das Vieh nebst anderem Wirt- 
schaftsinventar kauft und unterhält, so wie zur Gewäh- 
rung des gewöhnlichen Gewinnes landwirtschaftlicher 
Kapitalanlagen in der Gegend, ausreicht. Dies ist 
offenbar der kleinste Anteil, an dem sich der Pächter 
genügen lassen kann, wenn er nicht geradezu verlieren 
will; der Grundherr aber ist selten bereit, ihm mehr 
als diesen Anteil zu lassen. Was von dem Ertrage, 
oder mit andern Worten von dem Preise des Ertrags 
nach Abzug jenes Anteils übrig bleibt, sucht der Be- 
sitzer natürlich für sich als Grundrente zu reservieren 
— und dies ist offenbar das höchste, was der Pächter 
nach der jeweiligen Bodenbeschaffenheit zu zahlen ver- 
mag. Manchmal nimmt der Grundherr aus Fieigebigkeit, 
öfters aus Unkenntnis etwas weniger; manchmal zahlt 
auch der Pächter, obgleich dieser Fall seltener ist, aus 
Unkenntnis etwas mehr, d. h. er begnügt sich mit einem 



202 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

geringeren, als dem in der Gegend üblichen Gewinn 
landwirtschaftlichen Kapitals. Dieser Teil jedoch kann 
noch als die natürliche oder als die Grundrente ange- 
sehen werden, für welche Ländereien dieser Art ge- 
wöhnlich verpachtet werden. 

Man könnte glauben, die Grundrente sei oft nichts 
weiter als ein billiger Gewinn oder Zins für das vom 
Grundherrn auf die Bodenverbesserung verausgabte Ka- 
pital. Das kann unter Umständen allerdings teilweise 
der Fall sein; aber eben auch nur teilweise. Der Grund- 
eigentümer verlangt sogar für unangebautes Land eine 
ßente, und der vermeinte Zins oder Gewinn auf die Ver- 
besserungskosten sind gewöhnlich nur ein Zusatz zur 
ursprünglichen Rente. Überdies werden die Verbesse- 
rungen nicht immer vom Kapital des Grundeigentümers, 
sondern manchmal von dem des Pächters gemacht. 
Kommt aber die Zeit, wo der Pachtkontrakt erneuert 
werden soll, so fordert der Grundeigentümer gewöhn- 
lich dieselbe Erhöhung der Rente, als wenn er die 
Verbesserungen aus eigenen Mitteln bewirkt hätte. 

Zuweilen verlangt er eine Rente für Dinge, die 
der Verbesserung durch Menschenhand durchaus un- 
fähig sind. Kelp ist eine Art Seegras, das verbrannt 
ein alkalisches Salz liefert, das zur Bereitung von 
Glas, Seife und zu anderen Zwecken dient. Es wächst 
an einigen Orten Großbritanniens, namentlich in Schott- 
land, nur auf solchen Felsen, die innerhalb der Flut- 
grenze liegen und täglich zweimal vom Wasser bedeckt 
werden, so daß es unmöglich durch menschlichen 
Fleiß vermehrt werden kann. Dennoch wird ein 
Grundeigentümer, dessen Gut von einem Kelpufer 
eingeschlossen ist, eben so gut von diesem, wie von 
seinen Kornfeldern, eine Rente verlangen. 

Das Meer in der Umgebung der Shetlandsinseln ist 
vorzugsweise reich an Fischen, die ein Hauptnahrungs- 



Kap. XI.: Die Grundrente. 203 

mittel ihrer Bewohner ausmachen. Um aber von diesem 
Produkt des "Wassers Nutzen zu ziehen, müssen sie 
ihre Wohnung am anstoßenden Laude haben. Die 
Rente des Grundeigentümers richtet sich hier nicht 
bloß danach, was der Pächter aus dem Lande ziehen 
kann, sondern danach, was ihm beide, Land und Wasser, 
einbringen. Sie wird zum Teil in Seefischen bezahlt, 
und es tritt hier einer von den sehr seltenen Fällen 
ein, in dem die Rente einen Teil des Preises dieser 
Ware ausmacht. 

Die Grundrente ist daher, als der für die Benutzung 
des Bodens bezahlte Preis, natürlich ein Monopolpreis. 
Er richtet sich durchaus nicht nach dem, was der Grund- 
eigentümer für die Verbesserung des Landes verausgabt 
hat, oder woran er sich genügen lassen könnte, sondern 
nach dem, was der Pächter zu geben imstande ist. 

In der Regel können nur solche Bodenprodukte zu 
Markte gebracht werden, deren gewöhnlicher Preis hoch 
genug ist, um das darauf verwendete Kapital samt dem 
gewöhnlichen Kapitalgewinn wieder einzubringen. Be- 
trägt der gewöhnliche Preis mehr, so wird der Über- 
schuß natürlich auf die Grundrente fallen; beträgt er 
weniger, so kann die Ware zwar zu Markte gebracht 
werden, dem Grundeigentümer aber keine Rente ab- 
werfen. Ob der Preis höher oder niedriger ist, hängt 
von der Nachfrage ab. 

Es gibt gewisse Bodenprodukte, nach denen stets 
eine derartige Nachfrage sein muß, daß die Gewährung 
eines höheren Preises, als hinreichend ist, sie auf den 
Markt zu bringen, gesichert ist; und es gibt andere, 
bei denen es einmal der Fall ist, ein anderes Mal aber 
nicht. Die ersteren müssen dem Grundeigentümer 
immer eine Rente gewähren; die letzteren hingegen 
tun dies nach Umständen. 

Die Rente tritt daher, wie zu beachten ist, auf eine 
andere Weisein die Zusammensetzung des Warenpreises 



204 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

ein, als der Lohn und der G-evvinn. Hoher oder niedri- 
ger Lohn und Gewinn sind die Ursachen eines hohen 
oder niedrigen Preises; hohe oder niedrige Rente ist 
seine Wirkung. Weil hoher oder niedriger Lohn und 
Gewinn gezahlt werden muß, damit eine bestimmte 
Ware zu Markte komme, ist ihr Preis hoch oder niedrig. 
Aber ob eine hohe, niedrige oder gar keine Rente ge- 
zahlt wird, hängt davon ab, ob der Preis der Ware 
hoch oder niedrig ist, d. h. ob er viel mehr oder etwas 
mehr oder gar nicht mehr beträgt, als zur Bezahlung 
des Lohns und Gewinns erforderlich ist.- 

Die gesonderte Betrachtung erstens derjenigen 
Teile des Bodenertrags, die stets eine Rente gewähren; 
zweitens derjenigen, die bald eine gewähren und bald 
nicht; und drittens der Schwankungen, welche in den 
verschiedenen Perioden der Kultur in dem relativen 
Werte dieser beiden Arten roher Produkte naturgemäß 
eintreten, ob man sie unter einander oder mit den In- 
dustrieerzeugnissen vergleicht, — läßt dieses Kapitel 
in drei Abteilungen zerfallen. 



Erste Abteilung. 
Bodenerzeugnisse, die immer eine Rente abwerfen. 

Da die Menschen gleich allen anderen lebenden 
Wesen sich natürlich nach dem Maße der vorhandenen 
Unterhaltsmittel vermehren, so ist nach Nahrungs- 
mitteln allezeit mehr oder weniger Nachfrage. Gegen 
Nahrungsmittel steht stets eine größere oder kleinere 
Menge Arbeit zu Gebote, und es finden sich immer 
Menschen, die etwas zu tun bereit sind, um sie zu 
erhalten. Die Menge Arbeit, welche gegen Nahrungs- 
mittel gekauft werden kann, ist wegen der hohen 
Löhne, die zuweilen für Arbeit gezahlt werden, zwar 



Kap. XT,I.: Bodenerzeu^-nisse mit stetiger Rente. 205 

nicht immer nur genau so groß, als zum Unterhalt der 
Arbeiter erforderlich wäre, wenn die Nahrungsmittel aufs 
sparsamste zugemessen würden. Aber stets ist so viel 
Arbeit dafür zu haben, als die Nahrungsmittel je nach 
dem Satze unterhalten können, zu welchem diese Art von 
Arbeit in der Umgegend gewöhnlich unterhalten wird. 

Der Boden bringt jedoch fast in jeder Lage mehr 
Nahrung hervor, als zum reichlichsten Unterhalt aller 
der Arbeiter, deren es bedarf, um sie auf den Markt zu 
bringen, erforderlich ist. Auch ist der Überschuß stets 
mehr als hinreichend, um das in die Arbeit gesteckte 
Kapital mit Zinsen wieder zu erstatten. Etwas bleibt 
mithin stets als Rente für den Grrundeigentümer übrig. 

Die ödesten Moore Norwegens und Schottlands 
bringen etwas Weide für das Vieh hervor, dessen Milch 
und Nachwuchs stets mehr als hinreichend ist, nicht nur 
die zur Wartung des Viehes erforderlichen Arbeiter zu 
ernähren, und dem Pächter oder Eigentümer der Her- 
den den gewöhnlichen Kapitalgewinn zu verschaffen, 
sondern auch für den Grundherrn eine kleine Rente ab- 
zuwerfen. Diese Rente steigt mit der Güte des Weide- 
landes. Ein ebenso großes Stück Land ernährt zuweilen 
nicht allein eine größere Menge Vieh, sondern erfordert 
auch, da es auf kleinerem Räume beisammen ist, woni- 
ger Arbeit zu seiner Wartung und zur Einsammlung 
des Milchertrags. Der Grundeigentümer gewinnt dop- 
pelt: durch die Zunahme des Ertrags und durch die 
Verminderung der Arbeit, die aus ihm unterhalten wird. 

Die Grundrente ist nicht nur je nach der Frucht- 
barkeit, welcher Art die Produkte auch sein mögen, 
sondern auch bei gleicher Fruchtbarkeit, je nach der 
Lage verschieden. Land in der Nähe einer Stadt wirft 
eine größere Rente ab, als gleich fruchtbares Land in 
einer entlegenen Gegend. Kostet der Anbau dos einen 
auch nicht mehr als der des anderen, so muß es doch 



206 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

immer mehr Kosten verursachen, die Produkte eines 
entlegenen Grundstücks auf den Markt zu bringen. 
Da mithin eine größere Menge Arbeit davon bezahlt 
werden muß, so wird notwendig der Überschuß, aus 
dem der Gewinn des Pächters und die Rente des 
Grundeigentümers gezogen wird, geringer werden. 
Aber in entlegenen Gegenden ist, wie schon gezeigt 
wurde, der Gewinnsatz gewöhnlich höher als in der 
Nähe einer großen Stadt und es muß daher dem 
Grundeigentümer ein kleinerer Anteil an diesem ver- 
ringerten Überschuß zufallen. 

Gute Wege, Kanäle und schiffbare Flüsse er- 
mäßigen die Frachtkosten und stellen dadurch die 
entlegenen Teile eines Landes mit der Umgegend 
einer Stadt ziemlich auf denselben Fuß. Sie sind 
deswegen der größte aller Fortschritte. Sie ermuntern 
den Anbau der entlegenen Gegenden eines Landes, die 
stets am umfangreichsten sind. Sie sind vorteilhaft für 
die Stadt, indem sie das Monopol des platten Landes 
der Umgegend aufheben ; sie nützen aber auch dieser 
Umgegend selbst. Obwohl sie konkurrierende Waren 
auf ihren frühern Markt bringen, öffnen sie doch auch 
ihren Erzeugnissen manche neuen Märkte. Überdies 
ist das Monopol ein großer Feind guter Wirtschaft, 
die nur infolge jenes freien und allgemeinen Wett- 
bewerbs, der jedermann um seiner eigenen Selbstver- 
teidigung willen zwingt, sein Geschäft ordentlich zu 
treiben, sich allgemein verbreiten kann. Es ist kaum 
fünfzig Jahre her, daß einige Grafschaften in der 
Nähe von London bei dem Parlament gegen die Aus- 
dehnung der Chausseen bis in die entfernteren Ge- 
genden des Landes vorstellig wurden. Diese ent- 
legeneren Gegenden, behaupteten sie, würden sich 
durch die Wohlfeilheit ihrer Arbeit instand gesetzt 
sehen, Heu und Getreide auf dem Londoner Markte 



Kap. XI,I.: BodenerzetigTiis.se mit stetiger r?ente. 207 

wohlfeiler als sie zu verkaufen, und dadurch ihre 
Renten vermindern und ihren Landbau zu Grunde 
richten. Ihre Renten sind jedoch seitdem gestiegen 
und ihr Bodenanbau hat sich verbessert. 

Ein Getreidefeld von massiger Fruchtbarkeit bringt 
viel mehr Nahrungsmittel für die Menschen hervor, als 
der beste Weideplatz von gleichem Umfang. Erfordert 
seine Bestellung auch weit mehr Arbeit, so ist doch 
der nach Abzug der Saat und des Unterhalts der Ar- 
beiter übrig bleibende Ertrag gleichfalls weit größer. 
Wäre mithin ein Pfund Fleisch zu keiner Zeit mehr 
wert gewesen, als ein Pfund Brot, so würde jener 
größere Überschuß auch immer von größerem Werte 
sein, und sowohl den Gewinn des Pächters wie die 
Rente des Grundherrn erhöhen. Und so scheint es 
wirklich in den rohen Anfängen der Bodenkultur all- 
gemein der Fall gewesen zu sein. 

Aber der relative Wert dieser verschiedenen Nah- 
rungsmittel, des Brotes und des Fleisches, ist in den 
verschiedenen Zeiten der Landwirtschaft sehr ungleich. 
In ihren rohen Anfängen werden die nicht urbar ge- 
machten Wildnisse, die zu dieser Zeit den bei weitem 
größten Teil des Landes einnehmen, samt und sonders 
dem Vieh überlassen. Es gibt dann mehr Fleisch, als 
Brot, und folglich ist das Brot dasjenige Nahrungs- 
mittel, für das die größte Konkurrenz vorhanden ist, 
und das darum auch höher im Preis steht. In Buenos- 
Aires waren, wie Ulloa erzählt, noch vor vierzig oder 
fünfzig Jahren vier Realen (21^/2 Pence) der gewöhn- 
liche Preis eines aus einer Herde von zwei oder drei 
hundert Stück ausgesuchten Rindes. Vom Preise des 
Brotes redet Ulloa nicht, wahrscheinlich weil er nichts 
Auffallendes daran fand. Ein Rind, sagt er, kostet dort 
wenig mehr, als die Arbeit, es zu fangen. Dagegen 
kann Getreide nicht ohne viele Arbeit gezogen werden, 



208 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

und in einem Lande, das am La Plata liegt, damals der 
direkten Straße von Europa nach den Silberminen von 
Potosi, konnte der Geldpreis der Arbeit nicht sehr wohl- 
feil sein. Anders verhält sich die Sache, wenn der An- 
bau sich schon über den größten Teil des Landes aus- 
gedehnt hat. Dann giebt es mehr Brot als Fleisch, der 
Wettbewerb ändert seine Richtung, und der Preis des 
Fleisches wird höher, als der des Brotes. 

Durch die Ausdehnung der Bodenkultur wird ohne- 
hin das unbebaute Weideland unzureichend, der Nach- 
frage nach Fleisch zu genügen. Dann muß ein großer 
Teil des bestellten Landes zur Zucht und Mast des 
Yiehs hergegeben werden, und der Preis des letzteren 
muß also hoch genug sein, um nicht nur die zur Vieh- 
zucht nötige Arbeit, sondern auch die Rente, welche 
der Grundeigentümer, und den Gewinn, den der Pächter 
aus solchem Lande zog, so lange es als Ackerland be- 
nutzt wurde, zu bezahlen. Das Vieh, das auf völlig 
unbebautem Haideland aufwächst, erzielt auf dem Markte 
je nach dem Gewicht oder der Güte denselben Preis 
wie das auf den besten Ländereien aufgezogene. Die 
Eigentümer solcher Haiden gewinnen dabei, und steigern 
die Rente ihres Landes nach dem Verhältnis des Vieh- 
preises. Noch vor einem Jahrhundert war in vielen 
Gegenden der schottischen Hochlande Fleisch ebenso 
wohlfeil, oder noch wohlfeiler, als Haferbrot. Nachdem 
aber die Vereinigung der beiden Königreiche dem Vieh 
des Hochlandes den englischen Markt geöffnet hat, ist 
der gewöhnliche Preis dreimal so hoch, als am Anfang 
des Jahrhunderts, und die Renten vieler hochländischen 
Güter haben sich in derselben Zeit verdrei- und vervier- 
facht. Fast durchweg ist heute in Großbritannien ein 
Pfund des besten Fleisches mehr wert, als zwei Pfund 
des besten Weizenbrots; und in Jahren reicher Ernten 
ist es mitunter drei oder vier Pfund Weizenbrot wert. 



Kap. XI,I.: Eodenerzeugnisse mit stetiger Ixente. 209 

So wird bei fortschreitender Kultur die Rente und 
der Gewinn unangebauten "Weidelandes in einem ge- 
wissen Grade durch die ßente und den Gewinn des 
angebauten Landes und diese ihrerseits werden durch 
die Rente und den Gewinn des Getreides bedingt. Ge- 
treide erntet man Jahr aus, Jahr ein, Fleisch hingegen 
braucht vier oder fünf Jahre, um zum Verbrauch des 
Menschen reif zu werden. Bringt nun ein Morgen viel 
weniger von dem einen, als von dem andern Nahrungs- 
mittel hervor, so muß die geringere Menge durch 
den höheren Preis ausgeglichen werden. Würde sie 
mehr als ausgeglichen, so würde man mehr Getreide- 
land in Weideplätze verwandeln; wäre dies nicht der 
Fall, so würde man einen Teil der Weideplätze wieder 
zum Getreidebau verwenden. 

Man muß jedoch festhalten, daß diese Gleichheit 
zwischen Rente und Gewinn von Gras, d. h. von einem 
Boden, dessen unmittelbares Erzeugnis Nahrung für 
Vieh, und einem andern, dessen unmittelbares Er- 
zeugnis Nahrung für Menschen ist, nur durchschnitt- 
lich vom größten Teil des kultivierten Bodens eines 
großen Landes gilt. Gewisse örtliche Lagen aber 
können dies ändern, und Rente und Gewinn vom 
Grasland sind dort weit höher, als vom Getreideland. 

So bewirkt oft in der Nähe einer großen Stadt 
die Nachfrage nach Milch und Pferdefutter, so wie der 
hohe Preis des Fleisches eine Steigerung des Werts von 
Grasland über sein so zu sagen natürliches Verhältnis 
zum Getreideland. Dieser örtliche Vorteil kann jedoch 
offenbar entfernteren Ländereien nicht zu Gute kommen. 

Manche Länder sind durch besondere Umstände so 
volkreich geworden, daß ihr ganzes Gebiet in ähnlicher 
Weise, wie die Ländereien in der Nähe einer großen 
Stadt, unzureichend geworden ist, um das für den Bedarf 
der Einwohner nötige Getreide und das Viehfutter zu 

Adam Smith, VolkswoLüstand. I. ü 



210 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

liefern. Ihr Boden wird deshalb hauptsächlich zum 
Ziehen von Futterpflanzen benutzt, die wegen ihrer 
Massigkeit nicht so leicht aus weiter Ferne herbeige- 
schafft werden können, wohingegen das Getreide, das 
Nahrungsmittel der großen Masse des Volks, meist aus 
fremden Ländern eingeführt wird. GegenAvärtig befindet 
sich Holland in dieser Lage, und in der Blütezeit der 
Römer scheint es mit einem großen Teil des alten Italiens 
eben so gewesen zu sein. Eine gute Viehzucht, sagte 
nach Ciceros Bericht der ältere Cato, ist das erste und 
gewinnreichste in der Landwirtschaft, leidliche Vieh- 
zucht das zweite, und schlechte das dritte. Der Feld- 
wirtschaft wies er erst den vierten Platz im Gewinn und 
Vorteil an. In der Tat muß die Feldwirtschaft in der 
Umgegend Roms durch die häufigen Verteilungen von 
Getreide an das Volk, entweder umsonst oder zu sehr 
niedrigem Preise, damals außerordentlich entmutigt 
worden sein. Dies Getreide wurde aus den eroberten 
Provinzen gebracht, von denen manche dem Staate an 
Stelle von Steuern den zehnten Teil ihrer Bodenerzeug 
nisse zu einem festgesetzten Preis, etwa sechs Pence für 
das Peck, liefern mußten. Der niedrige Preis, zu dem 
dies Getreide an das Volk verteilt wurde, mußte not- 
wendig den Preis des aus Latium, dem alten Gebiete 
Roms, zu Markt kommenden, drücken und vom Ge- 
treidebau abschrecken. 

In einer waldlosen Gegend, deren Haupterzeugnis 
Getreide ist, wird ebenfalls ein wohl gehegtes Weideland 
oft besser rentieren, als ein benachbartes Getreidefeld. 
Es dient zum Unterhalt des für den Ackerbau nötigen 
Viehs, und seine Rente wird in diesem Falle nicht so- 
wohl von dem AVerte seines eignen Erzeugnisses, als 
von dem des Getreidelandes gezahlt, das als "Weide 
dient. Die Rente würde wahrscheinlich sinken, wenn 
die benachbarten Ländereien alle zu Weide gemacht 
würden. Die gegenwärtige hohe Rente eingehegter 



Kap. XlJ.: Bodenerzeiignisse mit stetiger Rente. 211 

Weiden in Schottland scheint von ihrer Seltenheit 
herzurühren, und wird wahrscheinlich nur so lange 
dauern, wie diese Seltenheit. Der Vorteil des Einhegens 
ist für die Weide größer, als für das Getreide, da 
hierdurch die Arbeit des Hüters erspart wird, und 
das Yieh auch viel besser gedeiht, wenn es nicht von 
dem Hirten und seinem Hunde beunruhigt wird. 

Wo sich aber kein ähnlicher örtlicher Vorteil findet, 
muß natürlich die ßente und der Gewinn, die das Ge- 
treide, oder was sonst die gewöhnliche Pflanzennahrung 
des Volkes bildet, auf den dazu geeigneten Ackern er- 
giebt, die Rente und den Gewinn der Weiden bestimmen. 

Es wäre zu erwarten, daß die Einführung der künst- 
lichen Futterkräuter, der Rüben, der Möhren, des Kohls 
und anderer Auskunftsmittel, auf die man gekommen 
ist, um auf einem gleich großen Stück Land eine 
größere Anzahl Vieh zu ziehen, als es mit dem wild- 
wachsenden Gras tunlich ist, den höheren Preis des 
Fleisches gegen das Brot etwas ermäßigte. In der 
Tat scheint es auch so zu sein, und man hat einigen 
Grund zu glauben, daß wenigstens auf dem Londoner 
Markte der Preis des Fleisches im Verhältnis zu dem 
des Brotes in neuerer Zeit viel niedriger ist, als er 
es im Anfang des vorigen Jahrhunderts war. 

In dem Anhange zum Leben des Prinzen Heinrich 
hat uns Doktor Birch ein Verzeichnis der im Haushalt 
dieses Prinzen gewöhnlich gezahlten Fleischpreise ge- 
geben. Es heißt dort, daß die vier Viertel eines Ochsen 
von 600 Pfd. ihn gewöhnlich ungefähr £ 9. 10 sh. 
gekostet haben; das macht 31 sh. 8 d. für 100 Pfund. 
Prinz Heinrich starb am 6. November 1612, in seinem 
neunzehnten Jahre. 

Im März 1764 wurde vom Parlament eine Unter- 
suchung über die Ursachen der dermaligen hohen Le- 
bensmittelpreise angeordnet. Unter anderem wurde 



212 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

von einem Rheder festgestellt, daß er im März 1763 
für die Verproviantierung seiner Schiffe Rindfleisch mit 
24 oder 25 Schilling für 100 Pfund bezahlt habe, was 
seiner Ansicht nach der gewöhnliche Preis war, wäh- 
rend er in diesem teuren Jahre 27 sh. habe zahlen 
müssen. Gleichwohl ist dieser hohe Preis des Jahres 
1764 um 4 sh. 8 d. wohlfeiler, als der vom Prinzen 
Heinrich gezahlte gewöhnliche Preis, und nur das 
beste Rindfleisch eignet sich zum Einsalzen für weite 
Reisen. 

Der vom Prinzen Heinrich bezahlte Preis beträgt 
3^/5 Pence auf das Pfund vom ganzen Ochsen, gute 
und schlechte Stücke zusammen; folglich konnten nach 
diesem Satze ausgesuchte Stücke im Detailverkauf 
nicht unter 4V2 — 5 d. das Pfund abgelassen werden. 

Bei der erwähnten Enquete von 1764 gaben die 
•Zeugen an, daß ausgesuchte Stücke vom besten Rind- 
fleisch den Verbraucher auf 4 und 4^-2 d. das Pfund 
und ordinäre Stücke im Allgemeinen auf 7 Farthing 
(1-^/4 d.) bis zu 2V2 und 2^/4 d. zu stehen kommen; 
ein Preis, der nach ihrer Aussage im Ganzen um 
einen halben Penny höher ist, als der, für den die- 
selben Stücke im März verkauft zu werden pflegten. 
Dennoch ist auch dieser hohe Preis noch viel wohl- 
feiler, als der gewöhnliche Detailpreis zur Zeit des 
Prinzen Heinrich sein mußte. 

Während der ersten zwölf Jahre des vorigen Jahr- 
hunderts war der Durchschnittspreis des besten Wei- 
zens auf dem Markte zu Windsor £ 1. 18 sh. 3^G d. 
der Quarter ä neun Winchester Busheis. 

Dagegen war in den zwölf Jahren vor 1764, 
letzteres Jahr mit inbegriffen, der Durchschnittspreis 
derselben Quantität Weizens auf dem nämlichen Markte 
£ 2. 1 sh. 9V2 d. 

Hieraus geht hervor, daß in den zwölf ersten Jahren 



Kap. XI,I.: Bodenerzeugnisse mit stetiger Rente. 213 

des vorigen Jahrhunderts der Weizen viel wohlfeiler 
und das Fleisch viel teurer war, als in den zwölf 
Jahren vor 1764, mit Einschluß des letzteren Jahres. 

In allen großen Ländern wird der größte Teil des 
angebauten Bodens zur Erzeugung von Nahrung für 
Menschen oder Vieh verwendet. Rente und Gewinn 
dieses Teiles regeln die Rente und den Gewinn alles 
anderen angebauten Landes. Bringt irgend ein Produkt 
weniger ein, so wird man den Boden bald in Korn- 
feld oder Weide verwandeln; bringt es mehr ein, so 
wird man einen Teil des Getreide- und Weidelandes 
auf das entsprechende Produkt verwenden. 

Produkte, die entweder größere Ausgaben beim 
ersten Anbau, oder einen größeren jährlichen Zuschuß 
für ihre weitere Kultur erfordern, scheinen zwar ge- 
wöhnlich eine größere Rente oder aber einen größeren 
Gewinn abzuwerfen, als Getreide oder Futterkräuter; 
selten aber wird dieser Mehrertrag einen billigen Zins 
oder Ersatz für die Mehrkosten übersteigen. 

Bei einem Hopfen-, Obst- oder Gemüsegarten pflegt 
die Rente des Grundeigentümers und der Gewinn des 
Pächters höher zu sein, als bei einem Getreidefeld oder 
Weideland. Aber es erfordert auch mehr Kosten, den 
Boden dazu herzurichten, und muß deshalb dem Grund- 
eigentümer eine höhere Rente bringen. Andererseits 
erfordert solches Land eine aufmerksamere und ge- 
schicktere Behandlung: deshalb gebührt dem Pächter 
ein größerer Gewinn. Auch ist die Ernte, wenigstens 
der Hopfen- und Obstgärten, ungewisser, und der Preis 
muß deshalb außer dem Ersatz gelegentlicher Verluste 
auch noch eine Art Versicherungsprämie liefern. Die 
in der Regel ärmlichen, immer aber nur mäßigen Ver- 
mögensumstände der Gärtner, beweisen hinlänglich, 
daß ihre große Geschicklichkeit in der Regel nicht zu 
gut belohnt wird. Ihre angenehme Kunst wird von so 



214; Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

vielen reichen Leuten zum Zeitvertreib ausgeübt, daß 
die, welche davon leben wollen, nur wenig Vorteil 
daraus ziehen können, weil die Leute, die eigentlich 
ihre besten Kunden sein sollten, sich mit ihren kost- 
barsten Produkten selber versorgen. 

Der Vorteil, den der Grundeigentümer aus solchen 
Anlagen zieht, scheint zu keiner Zeit größer gewesen 
zu sein, als zum Ersatz der ursprünglichen Bestellungs- 
kosten hinreichend war. In der Landwirtschaft des 
Altertums scheint nächst dem Weinberge ein gutbe- 
wässerter Gemüsegarten derjenige Teil des Gutes ge- 
wesen zu sein, den man für den einträglichsten hielt. 
Doch meinte Demokrit, der ungefähr vor zweitausend 
Jahren über Landwirtschaft geschrieben hat, und bei 
den Alten als einer der Väter dieser Kunst galt, es 
sei nicht vorteilhaft, einen Gemüsegarten einzuhegen. 
Sein Gewinn, sagte er, ersetze die Kosten einer Stein- 
mauer nicht und Ziegel — er verstand darunter, wie 
ich glaube, an der Sonne gebackene Ziegel — ver- 
witterten durch Regen und rauhe Winde und bedürften 
beständiger Ausbesserung. Columella, der dies Urteil 
Demokrits mitteilt, widerspricht ihm nicht, sondern rät 
nur zu einer sehr wohlfeilen Einhegungsart, nämlich 
einem Zaune aus Brombeersträuchern und Dornen, der, 
wie er aus eigener Erfahrung wisse, sehr haltbar und 
undurchdringlich sei, zur Zeit Demokrits aber wenig- 
bekannt gewesen zu sein scheint. Palladius tritt der 
Meinung Columellas, die auch Varro bestätigt hatte, 
bei. Nach dem Urteil dieser alten Schriftsteller war, 
wie es scheint, der Ertrag eines Gemüsegarten kaum 
mehr als hinreichend, um die ungemeine Pflege und 
die Kosten der Bewässerung bezahlt zu machen; denn 
damals, wie noch heute, erachtete man es in so heißen 
Ländern für notwendig, ein fließendes Wasser zu 
haben, das auf jedes Gartenbeet geleitet werden konnte. 



Kap. XI,I.: Bodenerzeugnis.se mit stetiger Rente. 215 

Auch jetzt noch hält man im größten Teil Europas 
einen Gremüsegarten nicht für einträglich genug, um 
einen besseren Zaun, als den von Columella empfoh- 
lenen, zu verdienen. In Großbritannien und mehreren 
anderen nördlichen Ländern können die feineren Früchte 
nur unter dem Schutze einer Mauer zur Reife gebracht 
werden. In solchen Ländern muß daher der Preis des 
Obstes hoch genug sein, um die Kosten des Baues und 
Unterhalts der unentbehrlichen Einfriedigung zu be- 
streiten. Die Mauer des Obstgartens schließt oft auch 
den Gemüsegarten ein, dem dadurch der Vorteil einer 
Einhegung zu teil wird, die aus seinem Ertrage nicht 
hätte bezahlt werden können. 

Daß ein gut gehaltener und zur Vollkommenheit 
gebrachter Weinberg der wertvollste Teil eines Gutes 
sei, scheint in der Landwirtschaft der Alten ein unbe- 
zweifelter Grundsatz gewesen zu sein, wie er es heute 
noch in allen AVeinländern ist. Ob es aber vorteilhaft 
sei, einen neuen "Weinberg anzulegen, war, wie man 
aus Columella ersieht, unter den alten italienischen 
Landwirten eine Streitfrage. Er selbst entscheidet sich 
als ein wahrer Liebhaber aller sorgfältigen Kultur zu 
gunsten des Weinbergs und sucht durch einen Vor- 
gleich des Gewinnes mit den Kosten zu beweisen, 
daß der Weinbau eine sehr vorteilhafte Kultur sei. 
Vergleiche zwischen Gewinn und Kosten sind jedoch 
bei neuen Produkten in der Regel höchst trügerisch, 
am allermeisten aber in der Landwirtschaft. Wäre 
der aus solchen Pflanzungen sich ergebende Gewinn 
in der Regel so groß gewesen, wie Columella an- 
nahm, so hätte kein Streit darüber bestehen können. 
Der nämliche Punkt ist auch heute noch in Wein- 
ländern oft streitig. Die dortigen Schriftsteller über 
Landwirtschaft scheinen wie Columella, als Freunde 
und Beförderer einer hohen Kultur, allerdings im All- 
gemeinen geneigt sich zu Gunsten des Weinbaues zu 



216 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

erklären. Auch scheint in Frankreich der Eifer, mit 
dem die Eigentümer alter Weinberge die Anlagen 
neuer zu hintertreiben suchen, für ihre Meinung zu 
sprechen und darauf hinzudeuten, daß diejenigen, bei 
denen die nötige Erfahrung vorausgesetzt werden kann, 
diesen Kulturzvveig vorläufig für vorteilhafter halten 
als jeden andern im Lande. Es scheint jedoch gleich- 
zeitig auch darauf hinzudeuten, daß der höhere Ge- 
winn nicht länger dauern kann, als die Gesetze, welche 
gegenwärtig den freien Anbau dos Weins einschränken. 
Im Jahre 1731 wurde ein Ministerialbefehl erwirkt, 
der sowohl die Anlegung neuer Weinberge, als auch 
die Wiederherstellung derer, deren Bebauung zwei 
Jahre lang unterblieben war, verbot, es sei denn, daß, 
auf Bericht des Intendanten der Provinz, daß das 
Land untersucht und zu jeder anderen Kultur un- 
tauglich befunden sei, der König eine ausdrückliche 
Erlaubnis hierzu gebe. Den Vorwand zu diesem Erlaß 
gab der Mangel an Getreide und Viehfutter und der 
Überfluß an Wein. Wäre dieser Überfluß aber wirk- 
lich festgestellt worden, so würde er auch ohne einen 
Ministerialerlaß die Anlegung neuer Weinberge da- 
durch verhindert haben, daß er den Gewinn dieses 
Kulturzweiges unter sein natürliches Verhältnis zu dem 
Gewinn vom Getreide und Viehfutter heruntergebracht 
hätte. Was den Kornmangel betrifft, der durch die 
Vermehrung der Weinberge angeblich verursacht sein 
soll, so wird in ganz Frankreich nirgends so sorgfältig 
Getreide gebaut, wie gerade, so weit der Boden sich 
dazu eignet, in den Weinprovinzen, wie in Burgund, 
Guienne und Ober-Languedoc. Die vielen Arbeiter, 
die in dem einen Kulturzweige gebraucht werden, mun- 
tern notwendig zu dem andern auf, indem sie für die 
Produkte des letzteren einen nahen Markt schaffen. Die 
Zahl der zahlungsfähigen Verbraucher zu verringern, 
ist gewiß ein höchst ungeeignetes Mittel, den Getreide-, 



Kap. XI, I.: Bodenerzeugnis.se mit .stetiger Rente. 217 

bau zu fördern. Es ist das eine ähnliche Wirtschafts- 
politik, wie die, welche den Landbau dadurch fördern 
will, daß sie die Industrie schwächt. 

Rente und Gewinn von den Erzeugnissen, die ent- 
weder größere anfängliche Kosten zur Herrichtung des 
Landes, oder größere jährliche Kosten erfordern, sind 
also zwar oft weit höher, als die von Getreide und 
Weideland, werden aber, wenn sie nur diese au Bei - 
gewöhnlichen Kosten wieder erstatten, in Wahrheit 
durch die Rente und den Gewinn dieser gewöhnlichen 
Ernten bestimmt. 

Allerdings kommt es zuweilen vor, daß das Stück 
Landes, welches für ein bestimmtes Produkt eingerichtet 
werden kann, zu klein ist, um die wirksame Nachfrage 
zu befriedigen. Der gesamte Ertrag kann an solche 
Abnehmer verkauft werden, die etwas mehr zu geben 
bereit sind, als die Bezahlung der Rente, des Gewinns 
und Lohns nach ihren natürlichen oder in den meisten 
Teilen des übrigen kultivierten Landes bewilligten Sätzen 
zusammen erfordert. Der Rest des Preises, der nach 
Bezahlung der gesamten Anlage- und Kulturkosten 
übrig bleibt, mag in diesem Falle, aber auch nur in 
diesem, gewöhnlich in keinem regelmäßigen Verhältnis 
zu dem gleichen Überschuß von Getr-eide und Vieh- 
futter stehen, sondern es in beliebigem Maße über- 
schreiten, und das Meiste von diesem Überschuß 
kommt dem Grundeigentümer als Rente zu gute. 

Das gewöhnliche und natürliche Verhältnis, z. B. 
zwischen der Rente und dem Gewinn des Weins und 
denen des Getreides und Futters, kann man nur bei 
denjenigen Weinbergen anzutreffen erwarten, die bloß 
die gewöhnlichen guten Weine hervorbringen, d. h. 
solche, die fast überall auf jedem leichten Kies- oder 
Sandboden wachsen und sich nur durch ihre Stärke 
und Zuträglichkeit empfehlen. Nur mit solchen AVein- 
bergen kann der gewöhnliche Boden des Landes in 



218 Eryte« Buch: Zunahme in der Ertrag.skraft der Arbeit. 

Wettbewerb treten; daß er es mit denen von ausge- 
zeichneter Qualität nicht kann, ist von selbst klar. 

Der Wein wird durch die Verschiedenheit des Bodens 
mehr beeinflußt, als jede andere Frucht. Mancher Boden 
erteilt ihm eine Blume, die, wie man annimmt, weder 
Kultur noch Behandlung ihm auf einem anderen Boden 
geben kann. Diese wirkliche oder eingebildete Blume 
ist zuweilen dem Produkte einiger weniger Weinberge 
eigen, bald erstreckt sie sich über die meisten Wein- 
berge eines kleinen Gebiets, bald endlich über einen 
beträchtlichen Teil einer großen Provinz. Die ganze 
auf den Markt gebrachte Quantität solcher Weine bleibt 
hinter der wirksamen Nachfrage d. h. der Nachfrage 
derer, die Rente, Gewinn und Lohn nach den üblichen 
oder für gewöhnliche Weinberge geltenden Sätzen voll- 
auf zu bezahlen bereit sind, zurück. Die ganze Quan- 
tität kann mithin an Leute verkauft werden, die mehr 
zu zahlen bereit sind, und hierdurch steigt der Preis 
notwendig über den des gewöhnlichen Weins. Die 
Differenz ist größer oder kleiner, je nachdem die Mode 
und der geringe Vorrat den Wettbewerb der Käufer 
mehr oder weniger anfeuert. Stets aber fällt das meiste 
davon der Rente des Grundeigentümers zu. Denn ob- 
schon solche Weinberge gewöhnlich sorgfältiger bestellt 
werden, als die meisten übrigen, so scheint doch der 
hohe Preis des Weines nicht sowohl eine Wirkung, als 
die Ursache dieser sorgfältigen Kultur zu sein. Bei 
einem so wertvollen Produkte ist ein durch Nachlässig- 
keit herbeigeführter Verlust groß genug, um auch den 
Fahrlässigsten zur Aufmerksamkeit zu nötigen. Dem- 
nach ist ein kleiner Teil des hohen Preises hinreichend, 
den Lohn für die ungewöhnlich große Arbeit und den 
Gewinn für das mehr als gewöhnlicheKapital zu erstatten. 

Die Zuckerpflanzungen, die die europäischen Na- 
tionen in Westindien besitzen, lassen sich mit diesen 
edeln Weinbergen vergleichen. Ihr gesamtes Erträgnis 



Kap. XI,I.: Bodenerzeugnis.se mit stetiger Rente. 219 

bleibt hinter der wirksamen Nachfrage von Seiten Eu- 
ropas zurück und läßt sich an Abnehmer verkaufen, 
die mehr zu geben bereit sind, als zur Deckung der 
Rente, des Gewinnes und Lohnes nach den Sätzen hin- 
reicht, zu welchen sie durch andere Produkte bezahlt 
zu werden pflegen. In Cochinchina pflegt nach der An- 
gabe Poivres'''), eines sehr sorgfältigen Beobachters der 
Landwirtschaft dieses Landes, der Zentner vom feinsten 
weißen Zucker für drei Piaster, also etwa 18 sh. 6 d. 
unseres Geldes, verkauft zu werden. Der dortige 
Zentner wiegt zwischen 150 — 200, oder in einer Durch- 
schnittszahl 175 pariser Pfund, was den Preis eines 
englischen Zentners von hundert Pfund auf etwa 8 sh. 
stellt, also nicht den vierten Teil dessen, was gewöhn- 
lich für den aus unseren Kolonien eingeführten braunen 
Zucker (Muskovade) gezahlt wird, und nicht den 
sechsten Teil dessen, was der feinste weiße Zucker 
kostet. Auf dem größten Teil des kultivierten Landes 
in Cochinchina werden Getreide und Reis, die Nah- 
rungsmittel der Volksmassen, gebaut. Die Preise des 
Getreides, Reises und Zuckers stehen dort wahrschein- 
lich in ihrem natürlichen Verhältnis zu einander, d. h. 
in demjenigen, welches naturgemäß zwischen den ver- 
schiedenen Erzeugnissen des meisten kultivierten Landes 
platzgreift und sowohl den Grundeigentümer wie den 
Pächter für die anfänglichen Kosten der Anlage und 
die jährlichen Kosten der Bebauung ungefähr ent- 
schädigt. Dagegen steht der Preis des Zuckers in 
unseren Zuckerpflanzungen zu dem des Reises und 
Getreides in Europa und Amerika in keinem solchen 
Verhältnis. Man sagt, daß nach den Erwartungen der 
Zuckerpflanzer Rum und Syrup alle Kosten der Pflan- 
zung decken müssen, der Zucker selbst aber als reiner 
Gewinn übrig bleibt. Wenn dies wahr ist, was ich dahin 

*) Voyage dim philosophe. 



220 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

gestellt sein lasse, so wäre es ungefähr dasselbe, als 
wenn ein Getreidepächter für alle seine Kosten durch 
Streu und Stroh entschädigt zu werden erwartete, um 
das Korn als reinen Gewinn übrig zu behalten. In 
London und anderen Handelsstädten sieht man oft 
Handelsgesellschaften wüste Ländereien in unseren 
Zuckerkolonien kaufen, um sie durch Faktoren und 
Verwalter mit Gewinn anbauen und kultivieren zu 
lassen, trotz der weiten Entfernung und trotzdem, daß 
bei der mangelhaften Rechtspflege in jenen Ländern 
die Wiedererstattung des Kapitals höchst unsicher ist. 
Niemandem fällt es dagegen ein, selbst die fruchtbarsten 
Ländereien Schottlands und Irlands, oder die Korn- 
provinzen Nordamerikas durch Agenten und Verwalter 
bewirtschaften zu lassen, obwohl sich wegen der ge- 
ordneteren Rechtspflege dieser Länder von dorther eine 
regelmäßigere Wiedererstattung erwarten läßt. 

In Virginien und Mar3'land wird der Tabaksbau 
dem Getreidebau als einträglicher vorgezogen. Der 
Tabak könnte in den meisten europäischen Ländern 
mit Vorteil gebaut werden, ist aber fast überall eines 
der hauptsächlichsten Steuerobjekte geworden, und man 
denkt, es werde schwieriger sein, die Steuer von jedem 
einzelnen Gute, auf dem diese Pflanze gezogen würde, 
einzutreiben, als sie am Zollhause bei der Einfuhr zu 
erheben. Aus diesem Grunde verbot man törichter 
Weise den Tabaksbau in den meisten europäischen 
Ländern, und verschaffte dadurch notwendig den Län- 
dern, in denen er erlaubt ist, eine Art Monopol; und 
da Virginien und Maryland die größte Menge Tabak 
hervorbringen, so haben sie, obgleich nicht ganz ohne 
Konkurrenten, reiche Vorteile von diesem Monopol. 
Indeß scheint der Tabaksbau doch nicht so vorteilhaft 
zu sein, als der Bau des Zuckers. Ich habe nie von 
einer Tabakspflanzung gehört, die durch das Kapital 
in Großbritannien wohnender Kaufleute angelegt und 



Kap. XI,I.: ßodenerzeug-nisse mit stetiger Rente. 221 

kultiviert wäre, und unsere Tabakskolonien schicken uns 
keine so reich gewordenen Pflanzer nach Hause, wie wir 
sie oft aus unseren Zuckerinseln anlangen sehen. Obwohl 
nach dem Vorzug, den man in jenen Kolonien dem 
Tabaksbau vor dem Getreidebau gibt, geschlossen wer- 
den zu müssen scheint, daß die wirksame europäische 
Nachfrage nach Tabak nicht vollständig befriedigt wird, 
so ist es doch wahrscheinlich mehr der Fall, als beim 
Zucker; und obwohl der jetzige Preis des Tabaks wahr- 
scheinlich mehr als hinreichend ist, Rente, Lohn und 
Gewinn nach den Sätzen, die in Getreideländern bezahlt 
zu werden pflegen, zu decken, so kann er doch nicht 
um so Vieles hoher sein, als es der gegenwärtige Preis 
des Zuckers ist. Darum haben auch unsere Tabaks- 
pflanzer dieselbe Furcht vor einem Überfluß an Tabak 
an den Tag gelegt, wie die Eigentümer alter Weinberge 
in Frankreich vor einem Überfluß an Wem. Durch ge- 
setzliche Akte schränken sie den Tabaksbau auf sechs- 
tausend Pflanzen (die etwa tausend Pfund Tabak lie- 
fern) für jeden Neger zwischen sechzehn und sechzig 
Jahren ein. Ein Neger kann, wie man rechnet, außer 
dieser Menge Tabak noch vier Acres Mais besorgen. 
Um den Markt vor Überführung zu bewahren, soll 
man, wie Dr. Douglas*) — wohl nach unzuverlässigen 
Quellen — berichtet, zuweilen in ertragreichen Jahren 
eine bestimmte Menge Tabak, im Verhältnis zur Zahl 
der Neger, verbrannt haben, wie es auch die Holländer 
angeblich mit ihren Gewürzen machen. Wenn ein so 
gewaltsames Verfahren nötig ist, um den gegenwär- 
tigen Preis des Tabaks aufrecht zu erhalten, so wird 
der etwaige größere Vorteil, den der Tabaksbau vor 
dem Getreidebau voraus hat, wahrlich nicht mehr von 
langer Dauer sein. 

Auf diese Weise also bestimmt die Rente des mit 
menschlichen Nahrungsmitteln angebauten Landes, die 

*) Douglas, Summary. Vol. II, i). 372, 373. 



222 Erstes Buch: Zuiialime in der Ertragskraft der Arbeit. 

Rente des meisten übrigen angebauten Landes. Sein 
Produkt kann lange Zeit hindurch weniger abwerfen, 
weil sonst der Boden sogleich zu einem anderen Ge- 
brauche eingerichtet würde; wenn aber ein Produkt 
für gewöhnlich mehr abwirft, so hat das seinen Grund 
darin, daß die Menge Landes, welches dazu gebraucht 
werden kann, zu klein ist, um die wirksame Nachfrage 
zu befriedigen. 

In Europa ist das Getreide das hauptsächlichste 
unmittelbar zur Nahrung der Menschen dienende Er- 
zeugnis des Bodens. Daher bestimmt hier auch mit 
Ausnahme weniger Fälle die Rente des Getreidelandes 
die alles anderen angebauten Landes. Britannien braucht 
weder Frankreich um seine Weinberge, noch Italien um 
seine Olivenhaine zu beneiden. Mit wenigen Ausnahmen 
wird ihr Wert durch den des Getreides bestimmt, und 
in diesem steht Britannien keinem der beiden Länder 
an Fruchtbarkeit viel nach. 

Wenn in irgend einem Lande das allgemeinste und 
beliebteste pflanzliche Nahrungsmittel des Volkes in 
einer Pflanze bestände, von der der gewöhnlichste Bo- 
den bei gleicher oder fast gleicher Kultur eine weit 
größere Menge hervorbrächte, als der fruchtbarste Ge- 
treideboden, so würde die Rente des Grundeigentümers 
oder der Überschuß, der ihm nach Bezahlung der Ar- 
beit und Wiedererstattung des Kapitals samt üblichem 
Gewinn übrig bliebe, notwendig viel größer sein. Wie 
hoch auch der gewöhnliche Unterhalt der Arbeiter in 
diesem Lande zu stehen käme, so könnte doch jener 
Überschuß stets eine größere Zahl von ihnen unter- 
halten und folglich den Grundeigentümer instand setzen, 
über die größere Anzahl zu verfügen. Der wahre Wert 
seiner Rente, seine wahre Macht und Autorität, seine 
Verfügungskraft über die Bedürfnisse und Genußmittel 
des Lebens, die er durch anderer Arbeit erlangen 
könnte, würde notwendig viel größer sein. 



Kap. Xr,T.: Bodenerzeugnisse mit stetiger Kente. 223 

Ein Reisfeld bringt eine weit größere Menge Nah- 
rung hervor, als das fruchtbarste Kornfeld. Zwei Ernten 
des Jahres, von dreißig bis sechzig Bushel jede, sollen 
der gewöhnliche Ertrag eines Acre sein. Obgleich nun 
der Reisbau mehr Arbeit erfordert, so bleibt doch 
nach Abzug des Unterhalts aller Arbeiter ein weit 
größerer Überschuß zurück. Daher muß in den Reis- 
ländern, wo der Reis die allgemein beliebte pflanzliche 
Nahrung des Volkes ist, und wo die Landarbeiter selbst 
fast ihren ganzen Unterhalt damit bestreiten, von diesem 
größeren Überschuß auch dem Grundeigentümer ein 
größerer Anteil zu gute kommen, als in den Getreide- 
ländern. In Carolina, wo die Pflanzer, wie in anderen 
britischen Kolonien, zugleich Pächter und Grundeigen- 
tümer sind, und wo deshalb die Rente mit dem Ge- 
winn zusammenfällt, findet man den Reisbau einträg- 
licher, als den Getreidebau, obgleich die Felder nur 
eine Ernte im Jahre geben, und der Reis wegen der 
vorherrschenden europäischen Lebensart nicht das all- 
gemein beliebte Nahrungsmittel des Volkes ist. 

Ein gutes Reisfeld bildet das ganze Jahr hindurch 
einen Sumpf, und in einer Jahreszeit einen mit Wasser 
bedeckten Sumpf. Es eignet sich weder für Getreide- 
noch für Futterbau noch für Weinbau, oder überhaupt 
für irgend eine Nutzpflanze; und Ländereien, die sich 
zu diesen Zwecken eignen, sind nicht tauglich zum 
Reisbau. Daher kann auch selbst in Reisländern die 
Rente der Reisfelder nicht die Rente des übrigen an- 
gebauten Bodens bestimmen, da dieser niemals zum 
Reisbau gebraucht werden kann. 

Die auf einem Kartoffelfelde erzeugte Nahrung steht 
dem Produkte eines Reisfeldes an Menge nicht nach, 
und übertrifft den Ertrag eines Weizenfeldes bei weitem. 
Zwölftausend Pfund Kartoffeln von einem Acre Land 
ist im Verhältnis nicht mehr, als zweitausend Pfund 



224 Erstes Bvich: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Weizen. Zwar steht der soKde Nahrungsstoff, der aus 
jeder dieser beiden Pflanzen gewonnen werden kann, 
in keinem Verhältnis zu ihrem Gewichte, da die Kar- 
toffeln viel Wasser enthalten; aber auch zugegeben, das 
halbe Gewicht dieser Wurzel werde zu Wasser — in 
Wahrheit ist es nicht so viel — , so bringt doch ein 
Kartoffelfeld sechstausend Pfund soliden Nahrungs- 
stoffes, also dreimal so viel als ein gleich großer Weizen- 
acker hervor. Ein Kartoffelfeld läßt sich mit weniger 
Kosten bestellen, als ein Weizenfeld, da die Brache, 
die gewöhnlich der Aussaat des Weizens vorhergeht, 
das Hacken und die übrige Arbeit, deren die Kartoffel 
bedarf, mehr als aufwiegt. Sollte diese Wurzel jemals 
in einem europäischen Lande eben so wie der Reis in 
manchen Reisländern zum allgemein beliebten pflanz- 
lichen Nahrungsmittel des Volkes werden, so daß ihr 
eben so viel Boden gewidmet würde, als man jetzt 
für Weizen und andere Getreidearten bestimmt, so 
würde eine gleiche Menge Landes eine weit größere 
Menschenmenge ernähren, und da die Arbeiter allge- 
mein von Kartoffeln lebten, würde nach Wiederer- 
stattung des Kapitals und des Unterhalts aller zur 
Bodenkultur nötigen Arbeit ein größerer Überschuß 
bleiben. Auch der Anteil des Grundbesitzers an diesem 
Überschuß würde größer werden. Die Bevölkerung 
würde wachsen, und die Renten würden weit höher 
steigen, als sie gegenwärtig stehen. 

Ein Boden, der sich zum Kartoffelbau eignet, ist 
zu fast allen anderen Nutzpflanzen tauglich. Nähmen 
die Kartoffeln eben so viel bebautes Land ein, als jetzt 
das Getreide, so würden sie gerade so wie dieses die 
Rente des meisten übrigen bebauten Landes bestimmen. 

In einigen Gegenden von Lancashire behauptet man, 
wie man mir gesagt hat, daß Haferbrot eine kräftigere 
Nahrung für Arbeiter sei, als Weizenbrot; und dieselbe 
Ansicht habe ich in Schottland oft aufstellen hören. 



Kap. XIJI.: Boclenerzciignisse mit und ohne Rente. 225 

Ich hege indeß einigen Zweifel an ihrer Richtigkeit. 
Die unteren Volksklassen in Schottland, die von Hafer- 
mehl leben, sind im Allgemeinen weder so stark noch 
so hübsch, als dieselben Volksklassen in England, wo 
sie "Weizenbrot essen. Die Schotten arbeiten weder so 
gut, noch sehen sie so gut aus, und da unter den 
besseren Klassen der beiden Länder kein solcher Unter- 
schied besteht, so scheint die Erfahrung zu lehren, 
daß die Nahrung der unteren Volksklassen in Schott- 
land dem menschlichen Körper nicht so zuträglich 
ist, als die der nämlichen Volksklassen in England. 
Anders verhält sich die Sache bei den Kartoffeln. Die 
Londoner Sänften-, Last- und Kohlenträger sind viel- 
leicht die kräftigsten Männer, und jene unglücklichen 
Weiber, die von der Prostitution leben, die schönsten 
Frauen im ganzen britischen Gebiete, und doch sollen 
sie größtenteils der untersten Volksklasse Irlands an- 
gehören, die fast nur von jener Wurzel lebt. Einen 
sprechenderen Beweis seiner Nahrhaftigkeit und Zu- 
träglichkeit für den menschlichen Körper hat kein 
anderes Nahrungsmittel aufzuweisen. 

Es hält schwer, die Kartoffeln ein Jahr lang, 
und ist unmöglich, sie wie das Getreide zwei oder drei 
Jahre aufzubewahren. Die Furcht, sie nicht verkaufen 
zu können, ehe sie faulen, hält von ihrem Anbau ab, 
und ist vielleicht das hauptsächlichste Hindernis, warum 
sie nicht, gleich dem Brot, in großen Ländern das 
vegetabilische Hauptnahrungsmittol für alle Klassen 
des Volkes werden. 



Zweite Abteilun,^*. 

Bodenerzeugnisse, die zuweilen Rente geben, 

zuweilen nicht. 

Menschliche Nahrungsmittel scheinen das einzige 
Bodenerzeugnis zu sein, das stets und notwendig dem 

Adam Smith, VolkswoLdstand. I. '"^ 



226 Erstes Buch: Zunahme in fler Ertrao-skraft fler Arbeit. 

Grundeigentümer eine Rente abwirft. Andere Arten 
von Produkten geben unter Umständen Eente, unter 
anderen aber auch keine. 

Nächst der Nahrung sind Kleidung und AVohnung 
die beiden großen Bedürfnisse der Menschen. 

Der Boden in seinem natürlichen rohen Zustande 
kann für viel mehr Menschen Stoffe zu Kleidung und 
Wohnung, als zur Nahrung gewähren ; im Kulturzu- 
stande dagegen kann er zuweilen weit mehr Menschen 
mit Nahrung, als mit jenen Stoffen versorgen, wenig- 
stens mit solchen, wie sie sie wünschen und zu be- 
zahlen bereit sind. In dem ersteren Zustande ist daher 
immer ein Überfluß an diesen Stoffen vorhanden, die 
deswegen oft nur von geringem oder gar keinem Werte 
sind. Im anderen dagegen tritt oft ein Mangel ein, der 
ihren Wert notwendig steigert. In dem einen Zustande 
wird ein großer Teil von ihnen als nutzlos wegge- 
worfen, und der Preis der benutzten Stoffe nicht höher 
angeschlagen, als zum Werte der Arbeit und der Kosten 
der Nutzbarmachung, so daß also für den Grundeigen- 
tümer keine Rente verbleibt; in dem anderen dagegen 
wird Alles gebraucht und oft mehr verlangt als zu 
haben ist. Irgend Jemand ist stets bereit, für einen 
oder den andei'en dieser Stoffe mehr zu geben, als 
zur Deckung der Kosten, welche sie bis zum Verkauf 
verursachen, nötig ist. Der Preis kann mithin stets 
eine Rente für den Grundeigentümer abwerfen. 

Die ursprünglichen Kleidungsstoffe waren die 
Häute der größeren Tiere. Unter Jäger- und Hirten- 
völkern, deren Nahrung hauptsächlich in dem Fleisch 
dieser Tiere besteht, versorgt sich mithin Jeder zugleich 
mit Nahrung und den Stoffen zur Kleidung in größerer 
Menge, als er selbst verwenden kann. Gäbe es keinen 
auswärtigen Handel, so würde das Meiste als wertlos 
weggeworfen werden. So geschah es wahrscheinlich 
bei den Hirtenvölkern Nordamerikas zu der Zeit, als 



Kap. XI,II.: Bodenerzeugnisse mit und ohne Rente. 227 

ihr Land noch nicht von den Europäern entdeckt war, 
mit denen sie jetzt ihr überflüssiges Pelzwerk gegen 
wollene Decken, Feuergewehre und Branntwein ver- 
tauschen, wodurch das Pelzwerk einen Wert erhält. 
Unter den gegenwärtigen Handelsverhältnissen der 
bekannten Welt haben wohl die rohesten Völker, bei 
denen das Eigentum an Grund und Boden eingeführt 
ist, einen auswärtigen Handel dieser Art, und finden 
unter ihren wohlhabenderen Nachbarn eine solche Nach- 
frage nach allen Stoffen zur Bekleidung, die ihr Land 
hervorbringt, und die sie weder verarbeiten noch ver- 
brauchen können, daß ihr Preis die Kosten übersteigt, 
die die Versendung an diese wohlhabenderen Nachbarn 
verursacht. Mithin werfen sie für den Grundeigen- 
tümer eine Rente ab. Als das Vieh der Hochlande 
noch größtenteils auf den eigenen Bergen verzehrt 
wurde, machte die Ausfuhr der Häute den bedeutend- 
sten Handelsartikel des Landes aus, und der Preis, 
den man dafür in Tausch erhielt, gewährte einen Zu- 
schuß zur Rente der Güter in den Hochlanden. Die 
englische Wolle, die in früheren Zeiten im Lande 
weder verbraucht noch verarbeitet werden konnte, fand 
in dem damals reicheren und gewerbfleissigeren Flan- 
dern einen Markt, und ihr Preis lieferte zu der Rente 
des Bodens, auf dem sie hei-vorgebracht wurde, einen 
Beitrag. In Ländern, die nicht besser kultiviert sind, 
als England es damals war, oder die schottischen 
Hochlande jetzt, und die keinen auswärtigen Handel 
haben, werden die Bekleidungsstoffe offenbar in einem 
solchen Überfluß vorhanden sein, daß sie großenteils 
als nutzlos weggeworfen und dem Grundeigentümer 
keine Rente liefern werden. 

Die Baumaterialien können nicht immer so weit 
verschickt werden, wie die Bekleidungsstoffe, und 
w^erden nicht so leicht ein Gegenstand des auswärtigen 

15'- 



228 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Handels. Sind sie in dem Erzeugungslande im Über- 
fluß vorhanden, so ist selbst bei dem gegenwärtigen 
Stande des Welthandels der Fall nicht selten, daß sie 
für den Grundeigentümer wertlos sind. Ein guter 
Steinbruch in der Nähe von London würde eine an- 
sehnliche Rente abwerfen ; in vielen Gegenden von Schott- 
land und Wales bringt er gar keine. Bauholz hat in 
einem bevölkerten und wohlbebauten Lande großen Wert, 
und der Boden, auf dem es wächst, gewährt eine ziemlich 
hohe Rente. Dagegen würde in vielen Gegenden Nord- 
amerikas der Grundeigentümer jedem zu Dank ver- 
pflichtet sein, der ihm seine großen Baumstämme fort- 
fahren wollte. In einigen Teilen der schottischen Hoch- 
lande ist wegen mangelnder Land- und Wasserfracht 
die Rinde der einzige Teil des Holzes, der zu Markte 
gebracht werden kann; das Bauholz läßt man auf dem 
Boden verfaulen. Sind Baumaterialien in solchem Über- 
fluß vorhanden, so ist der Teil von ihnen, den man nutzt, 
nur die Arbeit und die Kosten der Nutzbarmachung 
wert. Er bringt dem Grundeigentümer, der in der Regel 
jedem, der um die Erlaubnis nachsucht, die Benutzung 
gestattet, keine Rente. Doch setzt ihn zuweilen die 
Nachfrage reicherer Nationen instand, eine Rente dar- 
aus zu ziehen. Di© Straßenpflasterung in London ge- 
währte den Eigentümern einiger kahler Felsen an der 
schottischen Küste die Möglichkeit, eine Rente aus 
einem Gegenstande zu ziehen, der früher niemals eine 
geliefert hatte. Die Wälder in Norwegen und an den 
Küsten des baltischen Meeres finden in vielen Gegen- 
den Großbritanniens einen Markt, den sie zu Hause 
nicht finden konnten, und verschaffen dadurch ihren 
Eigentümern eine Rente. 

Der Volksreichtam eines Landes hängt nicht von 
der Zahl von Leuten ab, denen es ihre Kleidung und 
Wohnung verschaffen kann, sondern davon, wie viele 
Menschen es zu ernähren vermag. Ist Nahrung vor- 



Kap. XI, IL: Bodenerzeugnisse mit und ohne Rente. 229 

banden, so fällt es nicht schwer, die nötige Kleidung 
und Wohnung zu finden; aber nicht immer, wenn diese 
vorhanden sind, ist es leicht Nahrung zu finden. Selbst 
in einigen Gegenden des britischen Reichs giebt es 
menschliche Wohnungen, die von einem einzigen Manne 
an einem Tage hergestellt werden können. Etwas, aber 
nicht viel mehr Arbeit erfordert die Herstellung der ein- 
fachsten Art der Bekleidung aus Tierhäuten. Bei wilden 
und rohen Völkern reicht der hundertste oder etwas 
mehr als der hundertste Teil der Jahresarbeit hin, das 
geringe Kleidungs- und Wohnungsbedürfnis zu befrie- 
digen, die übrigen neunundneunzig Teile dagegen aber 
oft kaum, sich die Nahrungsmittel zu verschaffen. 

Aber wenn vermöge der fortschreitenden Kultur des 
Landes die Arbeit einer Familie für zwei Familien Nah- 
rung hervorbringt, dann bedarf es nur der Arbeit der 
halben Bevölkerung, um die ganze mit Nahrungsmitteln 
zu versehen. Die andere Hälfte oder wenigstens ihr 
größter Teil kann sich nun mit der Herstellung anderer 
Dinge beschäftigen, oder mit der Befriedigung anderer 
wirklicher und eingebildeter Bedürfnisse der Menschen. 
Kleidung und Wohnung, Hausgerät und sonstige Aus- 
stattungen bilden die Hauptgegenstände unter diesen 
wirklichen und eingebildeten Bedürfnissen. Der Reiche 
verzehrt nicht mehr Nahrung als sein armer Nächster. 
An Quahtät mag sie eine andere sein, und es mag mehr 
Arbeit und Kunst erfordern, sie zu bereiten ; aber die 
Quantität bleibt so ziemlich die nämliche. Man ver- 
gleiche jedoch den geräumigen Palast und die große 
Garderobe des einen mit der Hütte und den wenigen 
Lumpen des Anderen, und man wird merken, daß der 
Unterschied zwischen ihrer Kleidung, Wohnung und 
ihrem Hausgerät der Menge nach fast ebenso groß ist, 
wie der Beschaffenheit nach. Das Verlangen nach Nah- 
rung ist bei jedem Menschen durch die Verdauungs- 
fähigkeit des Magens beschränkt; aber das Verlangen 



230 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

nach Bequemlichkeiten und Schmuck in Gebäuden, im 
Anzug, in der ganzen Ausstattung scheint ohne Gren- 
zen und bestimmte Schranken zu sein. Darum sind 
diejenigen, denen mehr Nahrung zu Gebote steht, als 
sie selbst verzehren können, immer gern bereit, ihren 
Überschuß oder, was auf dasselbe hinauskommt, den 
Preis dafür gegen Genüsse jener Art zu vertauschen. 
"Was nach Befriedigung des begrenzten Verlangens übrig 
bleibt, wird zur Erfüllung derjenigen Wünsche ver- 
wendet, denen nie genug getan werden kann, sondern 
die endlos zu sein scheinen. Der Arme müht sich, um 
Nahrung zu erhalten, ab, die eingebildeten Bedürfnisse 
des Reichen zu befriedigen, und um jene sicherer zu 
erhalten, überbieten sie einander in der Wohlfeilheit und 
Vollendung ihrer Arbeit. Die Zahl der Arbeiter wächst 
mit der zunehmenden Menge von Nahrungsmitteln oder 
mit der steigenden Kultur des Bodens ; und da die Natur 
ihres Geschäfts die äußerste Arbeitsteilung zuläßt, so 
nimmt die Menge der Stoffe, die sie verarbeiten können, 
in einem weit größeren Maßstabe zu, als ihre Anzahl. 
Daraus entspringt eine Nachfrage nach allen Arten von 
Stoffen, die der erfinderische Geist der Menschen ent- 
weder zum Nutzen oder als Zierrat an Gebäuden, an 
der Kleidung, an Möbeln und anderem Gerät zu ver- 
wenden weiß; also eine Nachfrage nach den im Inneren 
der Erde verborgenen Fossilien und Mineralien, nach 
edeln Metallen und Edelsteinen. 

So sind also die Nahrungsmittel nicht nur die 
ursprüngliche Quelle der Rente, sondern auch jedes 
andere Bodenprodukt, das später Rente abwirft, leitet 
diesen Teil seines Werts von den durch die steigende 
Bodenkultur vervollkommneten Kräften der auf Nali- 
rungserzeugung verwendeten Arbeit ab. 

Doch werfen jene anderen Bodenprodukte, die 
später eine Rente liefern, sie nicht immer ab. Selbst 



Kap. XI, IL: Bodenerzeugnisse mit und ohne Rente. 231 

in w ollibebauten Ländern ist die Nachfrage nach ihnen 
nicht immer so groß, daß sie einen Preis zu Wege 
brächten, der mehr als hinreichend wäre, die Arbeit 
bezahlt zu machen und das Kapital, welches zu ihrer 
Herstellung gebraucht wurde, samt seinem gewöhn- 
lichen Gewinn wiederzuerstatten. Ob dies geschieht 
oder nicht, hängt von verschiedenen Umständen ab. 

Ob z. ß. eine Kohlengrube eine Rente geben 
kann, hängt zum Teil von ihrer Ergiebigkeit, zum 
Teil von ihrer Lage ab. 

Ein Bergwerk wird als ergiebig oder geringhaltig 
betrachtet, je nachdem die Menge an Erzen, die sich 
durch eine bestimmte Menge Arbeit daraus gewinnen 
läßt, grüßer oder kleiner ist, als die, welche durch 
eine gleiche Arbeit aus den meisten ähnlichen Berg- 
werken gezogen werden kann. 

Manche vorteilhaft gelegenen Kohlenlager können 
wegen ihrer Geringhaltigkeit nicht erschlossen werden: 
ihr Produkt deckt die Kosten nicht, und sie können 
weder Gewinn noch Rente bringen. 

Manche gibt es, deren Ertrag eben hinreicht, die 
Arbeit bezahlt zu machen und das in ihren Betrieb 
gesteckte Kapital samt dem gewöhnlichen Gewinn 
wiederzuerstatten. Dem Unternehmer des Betriebs 
bringen sie einigen Gewinn, für den Grundeigentümer 
aber werfen sie keine Rente ab. Sie können daher nur 
vom Grundeigentümer mit Vorteil abgebaut werden, 
der, wenn er selbst Unternehmer ist, den gewöhnlichen 
Gewinn des hineingesteckten Kapitals bezieht. Viele 
schottische Kohlengruben werden auf diese Weise ab- 
gebaut, und könnten sonst nicht benutzt werden. Der 
Grundeigentümer wird niemandem gestatten, sie ohne 
Zahlung einer Rente zu bearbeiten, und doch kann 
niemand eine Rente zahlen. 

Andere Kohlengruben desselben Landes, die er- 



232 Erstes Bxich: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

giebig genug sind, können wegen ihrer Lage nicht 
ausgeboutet werden. Zwar könnten durch die gewöhn- 
liche Arbeitsmenge genug Kohlen gefördert werden, 
um die Betriebskosten zu decken, aber die geförderte 
Menge ließe sich in dem spärlich bewohnten und weder 
mit Land- noch Wasserstraßen versehenen Binnenlande 
nicht verkaufen. 

Kohlen sind ein weniger angenehmes Brennmaterial, 
als Holz und sollen auch weniger zuträglich sein. Darum 
müssen die Kosten der Kohlen an dem Verbrauchsorte 
im allgemeinen etwas geringer sein, als die des Holzes. 

Der Preis des Holzes seinerseits ändert sich je nach 
dem Stande der Landwirtschaft, und zwar so ziemlich 
in derselben Art und genau aus denselben Gründen, wie 
der des Viehs. In ihren ersten rohen Anfängen ist der 
größte Teil jedes Landes mit Holz bedeckt, das für 
den Grundeigentümer eine reine Last ohne allen Wert 
ist und gern dem ersten besten gegeben würde, der 
es schlagen wollte. Bei steigender Kultur werden die 
AVälder teils durch die Fortschritte des Feldbaus ge- 
lichtet, teils durch die wachsende Menge des Viehs 
verringert. Das Vieh vermehrt sich zwar nicht in dem- 
selben Maße, wie das Getreide, das gänzlich eine Frucht 
des menschlichen Fleißes ist, aber seine Vermehrung 
wird doch durch die Pflege und den Schutz der Men- 
schen begünstigt, die in der Zeit der Fülle so viel auf- 
speichern, um in der des Mangels den Unterhalt des 
Viehs zu bestreiten und ihm das ganze Jahr hindurch 
mehr Futter zu geben, als es in einer Wildnis finden 
könnte, und die ihm den freien Genuß der Lebensbe- 
dürfnisse dadurch sichern, daß sie seine Feinde töten 
und ausrotten. Zahlreiche Heerden, denen man durch 
die Wälder zu streifen gestattet, vernichten zwar nicht 
die alten Bäume, lassen aber den jungen Nachwuchs 
nicht aufkommen, so daß im Laufe von einem oder 
zwei Jahrhunderten der ganze Forst zu Grunde geht. 



Kap. XI,II.: Bodenerzeugnisse nnit nnd ohne Rente. 233 

Dann steigert der Mangel an Holz seinen Preis; es 
liefert eine gute Rente und der Grundeigentümer kann 
zuweilen seine besten Ländereien nicht vorteilhafter 
benutzen, als wenn er Zimmerholz darauf zieht, bei 
dem die Größe des Gewinns oft die Verspätung der 
Erträge aufwiegt. Dies scheint ungefähr der jetzige 
Stand der Dinge in einigen Teilen Großbritanniens zu 
sein, wo man bei der Holzzucht einen ebenso großen 
Gewinn findet, als beim Getreide- oder Futterbau. Der 
Vorteil, den der Grundeigentümer von der Holzzucht 
hat, kann nirgends, wenigstens nicht auf lange Zeit, 
die Rente übersteigen, welche ihm der Getreide- und 
Futterbau gewähren würde, und wird in einem hoch- 
kultivierten Binnenlande auch nicht weit hinter dieser 
Rente zurückbleiben. An der Meeresküste eines gut- 
bebauten Landes, mag es freilich, wenn man Kohlen 
zur Feuerung leicht haben kann, zuweilen billiger 
sein, Zimmerholz aus weniger kultivierten fremden 
Ländern kommen zu lassen, als es im Lande zu ziehen. 
In der jetzt innerhalb weniger Jahre erbauten Neu- 
stadt von Edinburg ist vielleicht nicht ein einziges 
Stück schottischen Bauholzes zu finden. 

Welches auch der Preis des Holzes sein mag: 
wenn der der Kohlen so hoch ist, daß die Kosten der 
Kohlenfeuerung denen der Holzfeuerung ziemlich gleich- 
kommen, kann man sich versichert halten, daß der 
Kohlenpreis an diesem Orte und unter diesen Umständen 
der höchstmögliche ist. Dies scheint in einigen Gegen- 
den im Innern Englands, besonders in Oxfordshire, der 
Fall zu sein, wo es selbst bei den unteren Klassen 
üblich ist, zur Feuerung Kohlen und Holz zu mischen, 
und wo also der Unterschied in den Kosten dieser 
beiden Brennstoffe nicht sehr groß sein kann. 

In den Kohlengegenden stehen die Kohlen überall 
weit unter diesem höchsten Preise. Wäre das nicht so, 



234 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskral't der Arbeit. 

SO könnten sie die Kosten einer weiten Land- oder 
Wasserfracht nicht tragen. Es könnte nur eine geringe 
Menee verkauft werden; die Unternehmer und Besitzer 
von Kohlenbergwerken finden es aber mehr in ihrem 
Interesse, eine große Menge etwas über dem niedrigsten 
Preise, als eine kleine zum höchsten Preise zu ver- 
kaufen. Überdies bestimmt die ergiebigste Kohlengrube 
den Preis der Kohlen für alle anderen benachbarten 
Gruben. Der Eigentümer sowohl als der Unternehmer 
des Werkes finden, daß, wenn sie etwas wohlfeiler 
verkaufen, als ihre Nachbarn, jener eine größere Rente, 
und dieser einen größeren Gewinn ziehen kann. Bald 
sehen sich ihre Nachbarn gezwungen, zu demselben 
Preise zu verkaufen, obgleich sie es nicht so gut er- 
tragen können und stets ihre Rente und ihren Gewinn 
dadurch verringern, ja oft verlieren. Manche Gruben 
werden dann gänzlich verlassen; andere können keine 
Eente mehr liefern, und nur noch vom Eigentümer 
ausgebeutet werden. 

Der niedrigste Preis, zu welchem für längere Zeit 
Kohlen verkauft werden können, ist, wie bei allen an- 
deren Waren, der Preis, der gerade hinreicht, das bis 
zum Markttransport verwendete Kapital samt seinem 
gewöhnlichen Gewinn wiedereinzubringen. Bei einer 
Kohlengrube, von der der Eigentümer keine Rente 
ziehen kann, und die er entweder selbst in Gang er- 
halten oder ganz aufgeben muß, wird der Kohlenpreis 
im Allgemeinen etwa diese Höhe haben. 

Werfen aber auch Kohlen wirklich eine Rente ab, 
so bildet diese doch gewöhnlich in ihrem Preise einen 
kleineren Teil, als in dem der meisten anderen Roh- 
produkte des Bodens. Die Rente eines Grundstücks über 
der Erde beläuft sich gewöhnlich auf etwa den dritten 
Teil des Rohertrags, und ist im Ganzen sicher und von 
den zufälligen Schwankungen der Ernte unabhängig. 



Kaj). XI, II.: Bodenerzeugnis.se mit und ohne Rente. 235 

Bei Kohlengruben ist ein Fünftel des Rohertrags eine 
sehr große Rente, und ein Zehntel die gewöhnliche; 
überdies aber ist diese Rente selten sicher, sondern 
hängt von den zufälligen Schwankungen des Ertrags 
ab. Diese Schwankungen sind so groß, daß in einem 
Lande, wo der Ertrag dreißigfach kapitalisiert, als ein 
mäßiger l'reis für ländliche Grundstücke betrachtet 
wird, ein zehnfach kapitalisierter Ertrag als ein guter 
Preis für Kohlengruben gilt. 

Der Wert, den eine Kohlengrube für ihren Eigen- 
tümer hat, hängt oft ebenso sehr von ihrer Lage, als 
von ihrer Ergiebigkeit ab. Der Wert eines Metallberg- 
werks hängt mehr von seiner Ergiebigkeit und weniger 
von seiner Lage ab. Die Metalle, besonders die edlen, 
sind, nachdem sie aus den Erzen geschieden worden, 
so wertvoll, daß sie gewöhnlich die Kosten einer sehr 
langen Land- und der entferntesten Seereise tragen 
können. Ihr Markt ist nicht auf die umliegenden 
Gegenden beschränkt, sondern erstreckt sich über die 
ganze Welt. Das japanische Kupfer macht in Europa, 
das spanische Eisen in Chili und Peru einen Handels- 
artikel aus, und das peruanische Silber findet nicht 
nur nach Europa, sondern von Europa wieder nach 
China seinen Weg. 

Die Kohlenpreise in Westmoreland oder Shropshire 
können nur wenig, und der Preis im Lyonnais kann gar 
keinen P]influß auf den Preis zu Newcastle haben. Die 
Erzeugnisse so weit entfernter Kohlengruben können 
niemals mit einander in Wettbewerb geraten, dagegen 
können es die Erzeugnisse der entferntesten Metallberg- 
werke oft, und tun es tatsächlich fast immer. Daher 
muß notwendig der Preis, den Metalle, und besonders 
die edlen, an den ergiebigsten Minen der Welt haben, 
mehr oder weniger auf den Preis an allen anderen Minen 
wirken. Der Preis des Kupfers in Japan muß auf den 



236 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Preis bei den europäischen Kupferminen Einfluß haben. 
Der Preis des Silbers in Peru, odor die Menge von 
Arbeit oder Waren, welche dort dafür zu kaufen ist, 
muß auf den Silberpreis nicht nur bei den europä- 
ischen, sondern auch bei den chinesischen Bergwerken 
Einfluß haben. Nach der Entdeckung der peruanischen 
Minen wurden die europäischen Silberbergwerke größten- 
teils aufgegeben. Der Wert des Silbers sank so sehr, 
daß ihr Ertrag nicht mehr die Kosten der Ausbeutung 
decken, oder die bei ihr verbrauchte Nahrung, Kleidung, 
Wohnung und sonstigen Bedürfnisse mit Gewinn wieder- 
erstatten konnte. Der gleiche Fall trat auch bei den 
Bergwerken von Kuba und St. Domingo, und selbst 
bei den alten Minen Perus nach Entdeckung der Minen 
von Potosi ein. 

Da mithin der Preis jedes Metalls bei jedem Berg- 
werk in gewissem Maße durch seinen Preis bei der 
ergiebigsten Mine der Welt bestimmt wird, so kann 
er bei den meisten Minen wenig mehr als die Kosten 
des Betriebs decken, und für den Eigentümer nur 
selten eine hohe Rente abwerfen. Die Rente scheint 
demgemäß bei den meisten Minen nur einen geringen 
Teil vom Preise der unedlen, und einen noch geringe- 
ren von dem der edlen Metalle auszumachen. Arbeit 
und Gewinn bilden den größeren Teil bei beiden. 

Bei den Zinnbergwerken von Cornwall, den er- 
giebigsten, die man kennt, rechnet man nach der An- 
gabe ihres Yizedirektors Borlace, ein Sechstel des Roh- 
ertrags als durchschnittliche Rente. Einige, sagt er, 
werfen mehr, andere nicht so viel ab. Den sechsten 
Teil des Bruttoertrages beträgt die Rente auch bei 
einigen sehr ergiebigen Bleiminen in Schottland. 

In den Silberminen Perus verlangt der Eigentümer, 
wie Frezier und Ulloa berichten, von dem Unternehmer 
des Baues oft weiter Nichts, als daß er das Erz auf 



Kap. XTjr.: Boflenerzeugnisso mit und ohne Rente. 237 

seiner Mühle mahlt, und ihm dafür das gewöhnliche 
Mahl- oder Pochgeld zahlt. Bis 1736 belief sich frei- 
lich die Abgabe an den König von Spanien auf ein 
Fünftel des feinen Silbers, und dies konnte bis dahin 
als die wahre Rente der meisten peruanischen Silber- 
minen, der reichsten, die man kennt, angesehen werden. 
Ohne diese Abgabe würde jenes Fünftel natürlich dem 
Grundeigentümer gehöi't haben, und viele Minen konnten 
in Angriff genommen werden, die man, so lange die 
Abgabe bestand, unbenutzt lassen mußte. Die Steuer 
des Herzogs von Cornwall auf Zinn soll sich auf mehr 
als fünf Prozent oder den zwanzigsten Teil vom Wert 
belaufen; wie dem aber auch sei, sie würde natürlich 
dem Eigentümer des Bergwerks zufallen, wenn das Zinn 
steuerfrei wäre. Fügt man ein Zwanzigstel zu einem 
Sechstel, so findet man, daß die ganze bezahlte Durch- 
schnittsrente der Cornwaller Zinngruben sich zu der 
der peruanischen Silberminen wie dreizehn zu zwölf 
verhält. Doch sind jetzt die peruanischen Silberberg- 
werke nicht imstande, auch nur diese niedrige Rente 
zu zahlen, und die Abgabe auf Silber wurde 1736 von 
einem Fünftel auf ein Zehntel herabgesetzt. Aber auch 
diese Abgabe auf Silber verführt immer weit mehr 
zum Schmuggel, als die Abgabe von einem Zwanzig- 
stel auf Zinn, denn der Schmuggel ist bei einer kost- 
baren Ware viel leichter, als bei einer massigen. Da- 
her soll auch die Taxe des Königs von Spanien sehr 
schlecht, die des Herzogs von Cornwall sehr gut ein- 
gehen. Sonach macht wahrscheinlich die Rente einen 
größeren Teil des Zinnpreises an den ergiebigsten 
Zinnminen, als des Silberpreises an den ergiebigsten 
Silberminen der Welt aus. Nach Wiedererstattung des 
im Betriebe dieser verschiedenen Minen angelegten 
Kapitals samt üblichem Gewinn scheint der für den 
Eigentümer übrig bleibende Rest bei dem unedlen 
Metall größer zu sein, als bei dem edlen. 



238 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Auch die Gewinne der Unternehmer des Bergbaus 
auf Silber sind in Peru gewöhnlich nicht sehr groß. 
Dieselben achtungswerten und wohlunterrichteten 
Scliriftsteller berichten uns, daß, wer in Peru eine 
neue Mine in Betrieb setzte, allgemein als ein Mann, 
dem ein sicherer Bankerott und Untergang bevorstehe, 
angesehen und deshalb von Jedermann gemieden wurde. 
Der Bergbau wird dort ebenso, wie bei uns, als eine 
Lotterie betrachtet, in welcher die Gewinne den Nieten 
nicht gleichkommen, obgleich die Größe einiger Ge- 
winne manchen Glücksritter reizt, in so ungedeihlichen 
Projekten sein Vermögen fortzuwerfen. 

Da der Souverän jedoch einen großen Teil seines 
Einkommens aus dem Ertrag der Silberminen bezieht, 
so gibt in Peru das Gesetz alle mögliche Aufmunterung 
zur Entdeckung und zum Bau neuer Minen. Wer eine 
neue Mine entdeckt, ist berechtigt, in der Richtung, 
in welcher er die Ader vermutet, zweihundert und 
sechsundvierzig Fuß in der Länge und halb so viel 
in der Breite abzumessen. Dieser Teil der Mine 
wird sein Eigentum und er darf ihn bearbeiten, ohne 
dem Grundherrn eine Abgabe dafür zu entrichten. 
Den Herzog von Cornwall veranlaßte sein Interesse 
zu einer ganz ähnlichen Verordnung in diesem frü- 
heren Herzogtum. Auf wüstem und uneingezäuntem 
Boden darf Jeder, der eine Zinnmine entdeckt, ihre 
Grenzen in einem gewissen Umfang abstecken, was 
man eine Mine umgrenzen nennt. Der Abgrenzende 
wird der wirkliche Eigentümer der Grube, und kann 
ihren Betrieb entweder selbst übernehmen, oder sie 
einem Anderen in Pacht geben, ohne daß er dazu 
die Zustimmung des Grundeigentümers braucht, dem 
jedoch für die Arbeiten auf der Oberfläche eine 
kleine Abgabe zu entrichten ist. In beiden Verord- 
nungen werden die heiligsten Rechte des Privateigen- 



Kap. XT.ir.: Borlenerzeuft-nisse mit und ohne Rente. 289 

turns dem vorausgesetzten Interesse der Staatseinnah- 
men geopfert. 

Die nämliche Aufmunterung läßt man in Peru der 
Entdeckung und Bearbeitung neuer Goldminen zu Teil 
werden. Beim Golde beläuft sich die königliche Taxe 
nur auf den zwanzigsten Teil des reinen Metalls. Früher 
war es ein Fünftel und dann ein Zehntel, wie beim Silber; 
aber man fand, daß der Bau auch nicht die kleinere 
dieser beiden Abgaben tragen konnte. Wenn es aber, 
sagen dieselben Schriftsteller, Frezier und Ulloa, etwas 
seltenes ist, jemand zu finden, der durch eine Silber- 
mine reich geworden wäre, so ist es noch weit seltener, 
jemand zu finden, der durch eine Goldmine großes Ver- 
mögen erworben hätte. Jener zwanzigste Teil scheint 
die ganze Rente zu sein, die von den meisten Gold- 
minen in Chili und Peru aufgebracht wird. Auch ist 
das Gold dem Schmuggel viel leichter ausgesetzt, als 
selbst das Silber, nicht bloß wegen seines höheren Wertes 
im Verhältnis zu seiner Masse, sondern auch wegen der 
besonderen Art, wie es in der Natur vorkommt. Das 
Silber wird sehr selten in gediegenem Zustande ge- 
funden, sondern kommt, wie die meisten übrigen Metalle 
gewöhnlich in Verbindung mit anderen Metallen vor, 
aus denen es in solchen Mengen, daß die Kosten ge- 
deckt werden, nur durch ein sehr mühsames und lang- 
wieriges Verfahren geschieden werden kann, ein Ver- 
fahren, das nur in besonderen zu diesem Zwecke ein- 
gerichteten Hüttenwerken ausgeführt, und aus diesem 
Grunde der Aufsicht der königlichen Beamten nicht 
entzogen werden kann. Dagegen findet sich das Gold 
fast überall gediegen vor. Manchmal findet es sich in 
Stücken von ziemlicher Größe; wenn es aber auch in 
kleinen, kaum bemerkbaren Teilchen mit Sand, Erde 
oder anderen fremden Körpern vermischt ist, läßt es 
sich doch durch ein wenig zeitraubendes und einfaches 
Verfahren, das in jedem Privathause von jedem, der 



240 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

etwas Qaecksilber besitzt, vorgenommen werden kann, 
von ihnen scheiden. Greht also schon die königliche 
Taxe auf Silber schlecht ein, so wird dies bei Gold 
wahrscheinlich noch mehr der Fall sein, und die Rente 
muß in dem Preise des Goldes einen weit geringeren 
Teil ausmachen, als in dem des Silbers. 

Der niedrigste Preis, zu dem die edlen Metalle 
verkauft werden können, oder die kleinste Menge an- 
derer Waren, gegen die man sie für längere Zeit ver- 
tauschen kann, wird durch dieselben Grundsätze be- 
stimmt, die den niedrigsten gewöhnlichen Preis aller 
anderen Waren regeln. Er wird bestimmt durch das 
Kapital, das zu diesem Behuf gewöhnlich angelegt 
werden muß, sowie die Nahrung, Kleidung und Woh- 
nung, die verbraucht werden, bis die Metalle aus dem 
Bergwerk auf den Markt kommen. Er muß wenigstens 
hinreichend sein, um jenes Kapital samt den gewöhn- 
lichen Gewinnen wieder einzubringen. 

Ihr höchster Preis hingegen scheint nicht not- 
wendig durch etwas anderes als durch die jeweilige 
Seltenheit oder Häufigkeit dieser Metalle selbst be- 
stimmt zu werden. Er wird nicht durch den Preis einer 
anderen Ware bestimmt, wie der Preis der Kohlen durch 
den des Holzes, über den hinaus kein Mangel ihn stei- 
gern kann. Steigt der Mangel an Gold bis auf einen 
gewissen Grad, so kann sein kleinstes Stückchen kost- 
barer werden und im Tausch eine größere Menge 
anderer Waren gelten, als ein Diamant. 

Die Nachfrage nach diesen edlen Metallen ent- 
springt teils aus ihrer Nützlichkeit, teils aus ihrer Schön- 
heit. Mit Ausnahme des Eisens sind sie nutzbarer, als 
vielleicht jedes andere Metall. Da sie dem Rosten und 
der Verunzierung weniger ausgesetzt sind, können sie 
leichter rein gehalten werden, und das aus diesen Me- 
tallen verfertigte Tafel- und Küchengerät ist darum an- 



Kap. XI.IT.: Bodenerzeiignisse mit und ohne Rente. 241 

genehmer. Ein silberner Kessel ist reinlicher, als ein 
bleierner, kupferner oder zinnerner, und ein goldener 
würde noch besser sein. Ihr Hauptvorzug jedoch ist 
ihre Schönheit, die sie besonders zu Zierraten der Klei- 
dung und Gerätschaften geeignet macht. Keine Farbe 
gibt einen solchen Glanz, wie die Vergoldung. Der 
Vorzug ihrer Schönheit wird durch ihre Seltenheit noch 
bedeutend gehoben. Bei den meisten reichen Leuten be- 
steht der Hauptgenuß, den sie von ihrem Eeichtum 
haben, in seiner Schaustellung, die in ihren Augen nie 
so vollständig ist, als wenn sie jene entscheidenden 
Zeichen des Überflusses besitzen, die außer ihnen nie- 
mand besitzen kann. In ihren Augen wird der Vorzug 
eines Gegenstandes, der in irgend einem Grade nützlich 
oder schon ist, bedeutend erhöht durch seine Seltenheit, 
d. h. durch die große Arbeit, die es erfordert, eine 
beträchtliche Menge davon zu sammeln, eine Arbeit, 
welche außer ihnen niemand bezahlen kann. Solche 
Gegenstände kaufen sie gern zu einem höheren Preise, 
als viel schönere und nützlichere, aber gewöhnlichere 
Dinge. Diese Eigenschaften der Nützlichkeit, Schön- 
heit und Seltenheit sind der ursprüngliche Grund des 
hohen Preises dieser Metalle, oder der großen Menge 
anderer TTaren, gegen die sie überall ausgetauscht 
werden können. Dieser Wert ging ihrer Verwendung 
zu Münzen voran, und war unabhängig davon; er war 
vielmehr die Eigenschaft, die sie zu seiner Verwen- 
dung geeignet machte. Doch mag diese Verwendung 
dadurch, daß sie eine neue Nachfrage verursachte, 
und die zu anderen Zwecken verwendbare Menge 
beschränkte, später dazu beigetragen haben, ihren 
Wert aufrecht zu erhalten oder zu erhöhen. 

Die Nachfrage nach Edelsteinen beruht allein auf 
ihrer Schönheit. Sie werden zu nichts anderem gebraucht, 
als zum Schmuck und der Vorzug ihrer Schönheit wird 

Adam Sinith. Volkswohlstand. I. It* 



242 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

noch durch ihre Seltenheit, d. h. durch die Schwierig- 
keit und die Kosten ihrer Gewinnung bedeutend ver- 
mehrt. Arbeitslohn und Gewinn machen demgemäß in 
den meisten Fällen fast die Gesamtheit ihres hohen 
Preises aus. Die Rente hat nur einen sehr kleinen, oft 
gar keinen Anteil daran, und nur die ergiebigsten Minen 
liefern eine bedeutendere Rente. Als der Juwelier 
Tavernier die Diamantengruben von Golkonda und 
Yisapur besuchte, sagte man ihm, daß der Herrscher 
des Landes, für dessen Rechnung sie ausgebeutet 
wurden, alle Gruben, bis auf die, welche die größten 
und schönsten Steine lieferten, hatte schließen lassen. 
Es scheint also, daß die übrigen für den Eigentümer 
den Betrieb nicht lohnten. 

Da der Preis sowohl der edlen Metalle wie der 
Edelsteine überall in der Welt durch ihren Preis an 
den ergiebigsten Minen bestimmt wird, so richtet sich 
die Rente, die eine derartige Mine für ihren Eigen- 
tümer abwerfen kann, nicht nach ihrer absoluten, 
sondern nach ihrer relativen Ergiebigkeit, d. h. nach 
ihrer Überlegenheit über andere Minen derselben Art. 
Würden neue Minen entdeckt, die die potosischen um 
eben so viel überträfen, als diese die europäischen 
übertroffen haben, so würde der Wert des Silbers so 
sehr sinken, daß selbst die Minen von Potosi den 
Betrieb nicht mehr verlohnten. Vor der Entdeckung 
des spanischen Westindiens mögen die gehaltreichsten 
Minen in Europa ihren Eigentümern eine eben so 
große Rente geliefert haben, als die reichsten Minen 
von Peru gegenwärtig den ihrigen gewähren. War 
auch die Menge des gewonnenen Silbers weit geringer, 
so konnte man doch ebenso viele andere Waren damit 
eintauschen und der Eigentümer konnte für seinen Anteil 
eine gleiche Menge Arbeit oder Waren damit kaufen. 
Der Wert sowohl der Ausbeute wie der Rente, das 



Kap. XI,II.: Bodenerzeugnisse mit und ohne l^ente. 243 

wirkliche Einkommen, das sie sowohl dem Staate wie 
dem Eigentümer brachten, mag ähnlich gewesen sein. 

Aber die reichsten Minen sowohl der Metalle wie 
der Edelsteine können dem Reichtum der Welt nur 
wenig hinzufügen. Ein Erzeugnis, dessen Wert haupt- 
sächlich seiner Seltenheit zuzuschreiben ist, wird not- 
wendig durch seinen Überfluß entwertet. Ein Tafel- 
geschirr und der übrige eitle Tand in Kleidung und 
Gerätschaften würde im letzteren Falle für eine gerin- 
gere Menge Arbeit oder für eine geringere Menge Waren 
gekauft werden, und hierin würde der ganze Vorteil 
bestehen, den die Welt aus jenem Überfluß zöge. 

Anders ist es mit Grundstücken über der Erde. Der 
Wert sowohl ihrer Produkte wie ihrer Rente richtet 
sich nach ihrer absoluten und nicht nach ihrer relati- 
ven Fruchtbarkeit. Das Land, das eine gewisse Quan- 
tität Nahrung, Kleidung und Wohnungsbedürfnisse her- 
vorbringt, kann stets eine gewisse Zahl Menschen nähren, 
kleiden und mit Wohnung versorgen : und welchen An- 
teil davon auch der Grundherr bezieht, stets wird er 
ihm eine verhältnismäßige Verfügung über die Arbeit 
dieser Leute und über die Waren geben, mit welchen 
diese Arbeit ihn versehen kann. Der Wert der unfrucht- 
barsten Ländereien wird durch die Nachbarschaft der 
fruchtbarsten nicht verringert; er wird im Gegenteil ge- 
wöhnlich dadurch erhöht. Die große Menge Menschen, 
die auf dem fruchtbaren Lande ihre Nahrung findet, 
bietet für viele Produkte des unfruchtbaren einen Markt, 
den sie unter den Leuten, die seine eigene Produktion 
zu erhalten vermochte, niemals hätte finden können. 

Alles, was die Fruchtbarkeit des Bodens derart 
vermehrt, daß er mehr Nahrungsmittel hervorbringt, 
erhöht nicht nur den Wert der Ländereien, denen die 
Verbesserung zu Teil wird, sondern trägt auch dazu 
bei, den Wert vieler anderer Ländereien dadurch zu 

16* 



244 T]i'''tps Ruch : Zuniihmo in rler Ertra^'skraft dor Arbeit. 

steigern, daß es für ihre Produkte eine neue Nachfrage 
schafft. Der Überschuß an Nahrungsmitteln, der in 
Folge der Bodenverbesserung vielen Leuten 'über ihren 
eigenen Bedarf noch etwas abwirft, ist die wirkliche 
Ursache der Nachfrage nach edlen Metallen und Edel- 
steinen, sowie nach allen anderen Gegenständen der 
Bequemlichkeit und des Zierrats an Kleidung, Woh- 
nung, Haushalt usw. Die Nahrungsmittel bilden nicht 
nur den Hauptteil alles Reichtums in der Welt, son- 
dern ihr Überfluß giebt auch vielen anderen Gütern 
erst ihren hauptsächlichen Wert. Bei der Entdeckung 
von Cuba und St. Domingo durch die Spanier hatten 
die armen Eingebornen die Gewohnheit, kleine Stück- 
chen Gold als Zierrat im Haar und an manchen Stellen 
ihres Anzugs zu tragen. Sie schienen sie eben so zu 
schätzen, wie wir etwa kleine Kieselsteine von etwas 
mehr als gewöhnlicher Schönheit schätzen, und hielten 
sie allenfalls des Aufhebens wert, aber nicht für kost- 
bar genug, um sie dem, der sie darum bat, zu ver- 
weigern. Sie gaben sie ihren neuen Gästen auf ihren 
ersten Wunsch und schienen nicht zu glauben, daß 
sie ihnen ein besonders wertvolles Geschenk gemacht 
hätten. Mit Erstaunen bemerkten sie die Gier der 
Spanier nach ihrem Besitze und begriffen nicht, wie 
es ein Land geben konnte, wo viele Leute über einen 
solchen Überfluß an Nahrungsmitteln, die bei ihnen 
so unzureichend waren, verfügen konnten, daß sie für 
eine geringe Menge jenes glitzernden Flitters gern so 
viel Nahrungsmittel, wie eine ganze Familie auf mehrere 
Jahre braucht, hergaben. Hätte ihnen dies begreiflich 
gemacht werden können, so w^ürde sie die Leidenschaft 
der Spanier nicht mehr befremdet haben. 



Kap. XI.TTI.: Veränderung in d. WertA-erh. v. Produkten, etc. 245 



Dritte Abteilung. 

Die Veränderung in dem Verhältnis zwischen dem Werte 

derjenigen Art von Produkten, welche immer eine Rente 

bringen, und dem Werte derer, die zuweilen eine Rente 

gewähren und zuweilen keine, 

Der infolge zunehmender Kultur wachsende Über- 
fluß von Nahrungsmitteln muß notwendig auch die 
Nachfrage nach den anderen Bodenprodukten, die nicht 
Nahrungsmittel sind, sondern zu anderem Gebrauch 
oder zur Zierde dienen, vermehren. Man sollte dem" 
nach erwarten, daß im gesamten Fortschritt der Kultur 
nur eine einzige Veränderung in dem Wertverhältnis 
dieser beiden Arten von Produkten eintreten und der 
"Wert derjenigen Art von Produkten, die zuweilen eine 
Hente abwirft und zuweilen nicht, stets gerade so zU' 
nehmen würde, wie der AA'ert derjenigen, welche stets 
eine Rente geben. In dem Maße, wie Künste und Ge» 
werbe fortschreiten, müßten auch die Stoffe für Klei- 
dung und Wohnung, die nützlichen Fossilien und 
Mineralien der Erde, und die edlen Metalle und Edel- 
steine allmählich mehr und mehr im Begehr steigen, 
sich allmählich gegen eine immer größere Menge von 
Nahrungsmitteln vertauschen lassen, mit anderen 
Worten allmählich immer teurer werden. Dies ist 
auch beim größten Teil dieser Dinge meist der Fall, 
und würde dies unter allen Umständen sein, wenn 
nicht besondere Umstände in manchen Fällen das An- 
gebot noch höher gesteigert hätten, als die Nachfrage. 

Der Wert eines Steinbruchs z. B. wird notwendig 
mit der zunehmenden Kultur und Bevölkerung der 
Umgegend steigen, namentlich wenn er der einzige in 
der ganzen Gegend ist. Dagegen steigt der Wert einer 
Silbermine, wenn auch innerhalb tausend Meilen keine 
andere vorhanden wäre, durchaus nicht notwendig mit 



246 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragski-aft der Arbeit. 

der Kultur des Landes, in dem sie sich befindet. Der 
Markt für das Produkt eines Steinbruchs kann sich 
selten weiter als auf einige Meilen in der Runde er- 
strecken, und die Nachfrage danach wird sich im Ganzen 
nach der Kultur und Bevölkerung dieses kleinen Um- 
kreises richten. Der Markt für das Piodukt einer Silber- 
mine hingegen kann sich über die ganze bekannte Welt 
ausdehnen. Wenn daher nicht die Welt im Ganzen an 
Kultur und Bevölkerung zunimmt, braucht die Nach- 
frage nach Silber infolge der fortschreitenden Kultur 
selbst eines großen Landes in der Nähe der Mine 
keineswegs zu steigen. Selbst wenn die Welt im Ganzen 
an Kultur zunähme, gleichzeitig aber neue Minen von 
weit größerer Ergiebigkeit, als die bisher bekannten, 
entdeckt würden, so würde trotz der notwendig wachsen- 
den Nachfrage nach Silber sein Angebot doch so be- 
deutend steigen, daß der Sachpreis dieses Metalls nach 
und nach sinken müßte, d. h. daß eine bestimmte 
Menge von ihm etwa ein Pfund, nach und nach eine 
immer geringere Menge von Arbeit kaufen könnte, 
oder sich nur gegen eine immer kleiner werdende 
Monge Getreides, des Hauptlebensmittels der Arbeiter, 
vertauschen ließe. 

Der große Markt für Silber ist der handeltreibende 
und zivilisierte Teil der Welt. 

Wenn durch den allgemeinen Fortschritt die Nach- 
frage dieses Marktes wüchse, während zu gleicher Zeit 
das Angebot nicht in demselben Verhältnis zunähme, 
so würde der Wert des Silbers allmählich im Verhältnis 
zu dem des Getreides steigen. Eine gegebene Menge 
Silber würde im Tausch eine immer größere Monge 
Getreide gelten, oder mit anderen Worten, der durch- 
schnitthche Geldpreis des Getreides würde allmählich 
immer niedriger werden. 

Wenn umgekehrt zufällig das Angebot viele Jahre 



Kap. XL: Die Schwankungen de« Silberwerts. I. 247 

hindurch in größerem Maße wächst, als die Nachfrage, 
so würde jenes Metall allmählich immer wohlfeiler 
\\ierden, oder mit anderen Worten, der durchschnitt- 
liche Geldpreis des Getreides würde trotz aller Fort- 
schritte der Kultur allmählich immer höher werden. 

Stiege jedoch andererseits das Angebot des Metalls 
fast in demselben Maße, wie die Nachfrage, so würde 
man auch ferner fast dieselbe Menge Getreide dafür 
kaufen können, und der durchschnittliche Geldpreis 
des Getreides würde trotz aller Kulturfortschritte un- 
gefähr der nämliche bleiben. 

Diese drei Fälle scheinen alle möglichen Eventu- 
alitäten, die sich im Fortschritt der Kultur ereignen 
können, zu erschöpfen, und im Laufe der letzten vier 
Jahrhunderte ereigneten sich, soweit man nach den 
Vorgängen in Frankreich und Großbritannien urteilen 
kann, alle drei Fälle auf dem europäischen Markt, und 
zwar so ziemlich in derselben Reihenfolge, in der ich 
sie liier aufgeführt habe. 



Abschweifung 

Über die Schwankungen des Silberwerts während der 

letzten vier Jahrhunderte. 

Erste Periode. 
Um das Jahr 1350 scheint der Durchschnittspreis 
des Quarters Weizen in England nicht weniger als 
vier Unzen Silber Towergewicht, etwa gleich zwanzig 
Schilling unsres jetzigen Geldes, gekostet zu haben. Von 
diesem Preise scheint er allmählich bis auf zwei Unzen 
Silber, also etwa zehn Schilling unsres Geldes gefallen 
zu sein, zu welchem Preise wir ihn am Anfang des 
sechzehnten Jahrhunderts veranschlagt finden, und 
den er bis ungefähr 1570 behalten haben mag. 



248 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Im Jahre 1350, dem fünfundzwanzigsten Eduards 
III., wurde das sogenannte Arbeiterstatut erlassen. 
Im Eingange dazu wird über die Ungebührlichkeit 
der Dienstboten geklagt, die ihren Herrschaften einen 
höheren Lohn abzunötigen suchen. Deshalb wird 
verordnet, daß alle Dienstboten und Arbeiter in Zu- 
kunft sich mit den nämlichen Löhnen und Livreen 
(Livery bedeutete damals nicht blos Kleidung, son- 
dern auch Beköstigung) begnügen sollten, die sie im 
zwanzigsten ßegierungsjahre dos Königs und in den 
vier vorhergehenden zu erhalten pflegten; daß deshalb 
die Lieferuns von Weizen an sie niemals höher an- 
geschlagen werden solle, als 10 d. für den Bushel, 
und daß den Meistern stets die Wahl bleiben solle, 
Weizen oder Geld zu geben. 10 d. für den Bushel 
sah man also im fünfundzwanzigsten Regierungsjahre 
Eduards 111. als einen sehr mäßigen Preis des Weizens 
an, da es eines besonderen Gesetzes bedurfte, die 
Dienstboten zu seiner Annahme anstatt ihrer üblichen 
Beköstigung zu nötigen; und schon zehn Jahre früher, 
im sechzehnten Regierungsjahre des Königs, auf 
welchen Zeitpunkt das Gesetz zurückgeht, wurde es 
für einen billigen Preis gehalten. Im sechzehnten Re- 
gierungsjahre Eduards III. enthielten aber 10 d. un- 
gefähr eine halbe Unze Silber Towergewicht, und 
waren etwa so viel, als eine halbe Krone (2^2 sh.) 
unsres heutigen Geldes. Vier Unzen Silber Towor- 
gewicht, also 6 sh. 8 d. im Gelde jener Zeit, oder 
beinahe 20 sh. des jetzigen Geldes, galten als ein 
mäßiger Preis für den Quarter von acht Bushel. 

Dies Gesetz beweist sicherlich besser, was zu jener 
Zeit als ein mäßiger Preis des Getreides galt, als die 
von Geschichtsschreibern und anderen Schriftstellern 
gewöhnlich aufgezeichneten Preise einzelner besonders 
teurer oder wohlfeiler Jahre, nach denen man sich 



Kap. XI.: Die Sch^yankung•en des Silberwerts. I. 2-19 

eben deshalb kein sicheres Urteil über den Durch- 
schnittspreis bilden kann. Es gibt indessen noch andere 
Gründe, die es glaubhaft mächen, daß zu Anfang des 
vierzehnten Jahrhunderts und etwas früher der ge- 
wöhnliche Preis des Weizens nicht unter vier Unzen 
Silber der Quarter betrug, und der Preis der übrigen 
Gretreidearten im Verhältnis dazu stand. 

1309 gab Ralph de Born, Prior des Augustiner- 
klosters zu Canterbury, am Tage seiner Einsetzung 
ein Fest, von dem uns William Thorn nicht nur den 
Speisezettel selbst, sondern auch die Preise vieler 
Einzelheiten aufbewahrt hat. Bei diesem Feste wurden 
verzehrt: 1) 53 Quarter Weizen, die zusammen neun- 
zehn Pfund, oder 7 sh. 2 d. der Quarter, d. h. 21 sh. 6 d. 
jetzigen Geldes kosteten. 2) 58 Quarter Malz, die zu- 
sammen 17 £ 10 sh., oder (3 sh. der Quarter, d. h. 18 sh. 
unseres Geldes kosteten. 3) 20 Quarter Hafer, welche 
zusammen 4 £, oder -t sh. der Quarter, d. h. 12 sh. 
unseres Geldes kosteten. Die Preise von Malz und 
Hafer scheinen hier höher zu sein, als nach ihrem ge- 
wöhnlichen Verhältnis zum Preise des Weizens anzu- 
nehmen wäre. 

Die Preise wurden nicht wegen ihrer außerge- 
wöhnlichen Höhe oder Wohlfeilheit aufgezeichnet, 
sondern nur zufällig als die Preise großer Getreide- 
mengen, die bei einem durch seine Pracht berühmten 
Feste verbraucht wurden, erwähnt. 

Im Jahre 1262, dem 51sten Heinrichs HI., wurde 
ein altes Gesetz, die sogenannte Brot- und Biertaxe, 
das, wie der König im Eingange sagt, in den Zeiten 
seiner Voreltern, unter denen einige Könige von Eng- 
land, gegeben worden, wieder erneuert. ¥]s fällt dem- 
nach wahrscheinlich in die Zeit seines Großvaters, 
Heinrichs H., oder kann auch bis in die Zeit der Er- 



250 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

oberung zurückreichen. Das Gesetz regelt den Preis 
des Brotes nach den jedesmaligen Weizenpreisen, die 
von einem bis zu zwanzig sh. damaligen Geldes der 
Quarter schwankten. Gesetze dieser Art pflegen aber 
ihre Fürsorge auf alle Abweichungen vom mittleren 
Preise, also sowohl die unter, als die über ihm zu 
ei-streckcn. Unter dieser Voraussetzung müssen 10 sh. 
oder sechs Unzen Silber Towergewicht, gleich 30 sh. 
unseres jetzigen Geldes, als der mittlere Preis des 
Quarters Weizen zu der Zeit, als jenes Gesetz zuerst 
gegeben wurde, angesehen worden und es auch bis 
in das ölste Jahr Heinrichs III. geblieben sein. Wir 
werden daher kaum irregehen, wenn wir annehmen, 
daß der Mittelpreis nicht weniger als ein Drittel des 
von jenem Gesetze für den Brotpreis festgesetzten 
höchsten Preises betrug, d. h. 6 sh. 8 d. damaligen 
Geldes oder vier Unzen Silber Towergewicht. 

Diese verschiedenen Tatsachen berechtigen wohl 
zu dem Schlüsse, daß um die Mitte des vierzehnten 
Jahrhunderts und ziemlich lange vorher der Durch- 
schnittspreis des Quarters Weizen nicht unter vier 
Unzen Silber Towergewicht betrug. 

Ungefähr von der Mitte des vierzehnten bis zum 
Anfang des sechszehnten Jahrhunderts scheint dieser 
als billig und massig, d. h. als der Durschschnittspreis 
angesehene Preis allmählich auf etwa die Hälfte ge- 
sunken zu sein, so daß er zuletzt bis auf zwei Unzen 
Silber Towergewicht oder etwa 10 sh. unseres Geldes 
fiel. Auf diesem Satze verblieb er bis gegen 1570. 

In dem Haushaltungsbuche Heinrichs, des fünften 
Grafen von Northumberland, für 1512 finden sich 
zweierlei Schätzungen des Weizens. Nach der einen 
wird der Quarter zu G sh. 8 d., nach der anderen nur zu 
5 sh. 8 d. berechnet. 1512 enthielten aber 6 sh. 8 d. 



Kap. XI.: Die Schwankungen des Silberwerts. I. 251 

nur zwei Unzen Silber Towoi'gewicht und betrugen 
nach heutigem Gelde etwa 10 sh. 

Vom 25. Regierungsjahre Eduards III. bis in den 
Anfang der Regiei'ung Ehsabeths, in einem Zeitraum 
von mehr als zweihundert Jahren, blieben, wie man aus 
verschiedenen Gesetzen ersieht, sechs Schilling und 
acht Pence der Durchschnittspreis des Weizens. Die 
in dieser nominellen Summe enthaltene Silbermenge 
nahm jedoch im Laufe dieser Zeit infolge einiger 
Münzveränderungen beständig ab; allein der gleich- 
zeitig steigende Wort des Silbers scheint die Vermin- 
derung der in der gleichnamigen Summe enthaltenen 
Silbermenge soweit ausgeglichen zu haben, daß die 
Gesetzgebung es nicht für nötig erachtete, diesen Um- 
stand zu berücksichtigen. 

So wurde 1436 bestimmt, daß der Weizen in dem 
Falle ohne besondere Erlaubnis ausgeführt worden dürfe, 
wenn sein Preis bis auf 6 sh. 8 d. gefallen wäre, und 
1463 wurde bestimmt, daß, wenn der Preis des Quar- 
ters nicht über 6 sh. 8 d. stände, kein Weizen einge- 
führt werden solle. Der Gesetzgeber war also der 
Meinung, daß die Ausfuhr bei so niedrigem Preise 
keinen Schaden bringe, daß aber, sobald der Preis 
höher steige, die Einfuhr aus Vorsicht zu gestatten sei. 
Mithin galten 6 sh. 8 d., die ungefähr die nämliche 
Menge Silber enthielten, wie jetzt 13 sh. 4 d. (ein 
Drittel weniger, als die gleichnamige Summe zur Zeit 
Eduards III. enthielt), damals für einen mäßigen und 
billigen Preis des Weizens. 

Im Jahre 1554 unter Philipp und Maria, und im 
Jahre 1558, dem ersten Regierungsjahre Elisabeths, 
wurde die Ausfuhr des Weizens gleicherweise für den 
Fall verboten, daß der Preis des Quarters nicht 6 sh. 
8 d. übersteige, eine Summe die damals kaum für 2 d. 
mehr Silber enthielt als die gleiche Summe in unserer 



252 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Zeit. Indessen fand man bald, daß diese Beschrän- 
kung der Weizenausfuhr in der Tat einem völligen Ver- 
bote gleichkomme. Deshalb wurde 1562, im fünften 
Jahre Elisabeths, die Ausfuhr des Weizens aus ge- 
wissen Häfen für den Fall gestattet, daß der Preis des 
Quarters nicht mehr als 10 sh., die ungefähr dasselbe 
Silberquantum enthielten wie jetzt, betrage. Mithin 
galt dieser Preis damals als ein mäßiger und billiger. 
Es stimmt dies mit der Schätzung des Baches North- 
umberlands vom Jahre 1512 ziemlich üborein. 

Daß auch in Frankreich der Durchschnittspreis 
des Getreides um das Ende des 15. und im Anfang 
des 16. Jahrhunderts viel billiger war, als in den 
beiden vorhergehenden Jahrhunderten, ist sowohl von 
Dupre de St. Maur, als auch von dem eleganten Ver- 
fasser des Versuchs über die Gretreidepolitik beobachtet 
worden. Und wahrscheinlich war in den meisten Län- 
dern Europas während jener Periode der Getreidepreis 
ebenso gesunken. 

Das Steigen des Silberwertes im Verhältnis zum 
Werte des Getreides konnte seinen Grund haben ent- 
weder ausschließlich in der wachsenden Nachfrage nach 
diesem Metall infolge der zunehmenden Kultur, bei 
gleichbleibendem Angebot; oder in der allmählichen 
Verminderung des Angebots bei gleichbleibender Nach- 
frage, indem die meisten damals bekannten Bergwerke 
sehr erschöpft waren, und größere Betriebskosten ver- 
ursachten; oder endlich teils in dem einen, teils in dem 
anderen dieser beiden Umstände. Gegen das Ende des 
15. und zu Anfang des 16. Jahrhunderts bildete sich 
in den meisten europäischen Ländern allmählich eine 
festere ßegierungsform heraus, als man seit verschiede- 
nen Menschenaltern sich ihrer erfreut hatte. Die zuneh- 
mende Sicherheit mußte natürlich auch den Gewerb- 
fleiß und die Bodenkultur heben, und die Nachfrage 



Kap. XL: Die Sohwanknn.o-en des Silborwerts. T. 253 

nach den edlen Metallen, gleich wie nach allen anderen 
Luxus- und Schmuckgegenständen mußte mit dem 
wachsenden Reichtum gleichen Schritt halten. Ein 
größeres Jahresprodukt erforderte eine größere Menge 
Geld zum Umlauf und eine größere Zahl reicher Leute 
brauchte mehr silberne Gerätschaften und Schmuck- 
sachen. Auch muß man annehmen, daß die meisten 
Bergwerke, die damals den europäischen Markt mit 
Silber versorgten, sehr erschöpft waren, und höhere 
Betriebskosten erheischten. Viele unter ihnen waren 
seit der ßömerzeit abgebaut worden. 

Die meisten Schriftsteller über die Warenpreise 
in früheren Zeiten sind der Meinung, daß der Wert 
des Silbers seit der Eroberung, vielleicht sogar schon 
seit dem Einfalle Julius Cäsars, bis zur Entdeckung 
Amerikas beständig gesunken sei. Zu dieser Ansicht 
scheinen sie teils durch die Beobachtungen über die 
Preise des Getreides und anderer Bodenprodukte, teils 
durch die populäre Meinung verleitet worden zu sein, 
daß, wie in jedem Lande mit dem zunehmenden Wohl- 
stande naturgemäß auch die Silbermenge wächst, eben- 
so sein Wert abnimmt, je mehr die Menge zunimmt. 

In ihren Betrachtungen über die Getreidepreise 
scheinen dreierlei Umstände sie oft irre geleitet zu 
haben. 

Erstens, in früheren Zeiten wurden fast alle Renten 
in natura entrichtet, in einer bestimmten Menge Ge- 
treide, Yieh, Geflügel usw. Mitunter kam es jedoch 
vor, daß der Grundeigentümer sich die freie Wahl 
vorbehielt, vom Pächter die jährliche Zahlung ent- 
weder in natura oder in einer bestimmten Geldsumme 
zu fordern. Der Preis, zu welchem die Naturallieferung 
in eine gewisse Geldsumme verwandelt wurde, heißt 
in Schottland der Konversionspreis. Steht nun stets 
dem Grundeigentümer die Wahl zu, so erfordert die 



254 Erstes Buch: Zunahme in der Eitragskraft der Arbeit. 

Sicherheit des Pächters, daß der Konversionspreis eher 
unter als über dem mittleren Marktpreise stehe. Er 
beträgt demnach auch an vielen Orten nicht viel mehr, 
als die Hälfte von diesem. In Bezug auf Geflügel be- 
steht diese Gewohnheit noch in dem größeren Teile 
Schottlands, inbezug auf Yieh noch hie und da. Sie 
würde wahrscheinlich auch für Getreide fortbestanden 
haben, wenn nicht die Einrichtung der öffentlichen 
Fiars dem ein Ende gemacht hätte. Dies sind jährliche, 
nach richterlichem Ermessen vorgenommene Schätzun- 
gen des mittleren Preises aller Getreidearten und ihrer 
verschiedenen Sorten, nach Maßgabe des wirklichen 
Marktpreises in den verschiedenen Grafschaften. Diese 
Einrichtung machte es für den Pächter hinreichend 
sicher und für den Grundeigentümer bequemer, die 
Getreiderente lieber in jedem Jahre nach dem Preise 
der Fiars, als nach einem festen Preise umzuwandeln. 
Die Schriftsteller aber, die die Getreidepreise früherer 
Zeiten sammelten, scheinen oft irrtümlich den in Schott- 
land sogenannten Konversionspreis für den wirklichen 
Marktpreis genommen zu haben. Fleetwood räumt an 
einer Stelle ein, daß er diesen Irrtum begangen habe. 
Da er jedoch sein Buch zu einem besonderen Zwecke 
schrieb, hielt er es nicht für nötig, dieses Geständnis 
abzulegen, als nachdem er jenen Konversionspreis fünf- 
zehnmal abgeschrieben hatte. Der Preis ist 8 sh. der 
Quarter Weizen. Diese Summe enthielt im Jahre 1423, 
mit dem er beginnt, ebenso viel Silber, als jetzt 16 sh.; 
dagegen enthielt sie 1562, mit welchem Jahre er schließt, 
nicht mehr, als die heutige gleichnamige Summe darstellt. 

Zweitens: sie ließen sich durch die Nachlässigkeit 
irreleiten, womit manche alte Taxordnungen von un- 
aufmerksamen Abschreibern kopiert und zuweilen viel- 
leicht von der Behörde selbst verfaßt waren. 

Die alten Taxordnungen scheinen stets mit der 



Kap. XL: Die Schwankungen des Silbervverts. L 255 

Bestimmung begonnen zu haben, wie hoch der Preis 
des Brotes und Bieres sein solle, wenn der "Weizen- 
und Gerstenpreis am niedrigsten stand, und scheinen 
dann allmählich zu den Bestimmungen vorgeschritten 
zu sein, wie hoch der Preis sein soll, wenn die Preise 
jener beiden Getreidearten sich über ihren niedrigsten 
Satz erheben. Allein die Abschreiber scheinen es oft 
für hinreichend gehalten zu haben, die Taxordnung 
bis auf die drei oder vier ersten und niedrigsten Preise 
fortzuführen; sie ersparten sich auf diese Weise Ar- 
beit, und dachten wahrscheinlich, dies genüge, um das 
Verhältnis nachzuweisen, das bei den höheren Preisen 
eintreten sollte. 

So wurde in der Brot- und Bierordnung aus dem 
51. ßegierungsjahre Heinrichs III. der Brotpreis nach 
den zwischen einem und zwanzig Schillingen damali- 
gen Geldes der Quarter schwankenden Weizenpreisen 
geregelt. In den Handschriften aber, nach welchen die 
verschiedenen Ausgaben der Statuten, bis auf die Ruff- 
headschen, gedruckt wurden, waren die Abschreiber nie 
über den Preis von 12 sh. hinausgegangen. Durch diese 
mangelhafte Art des Abschreibens sind viele Schrift- 
steller irregeleitet worden, und haben ganz natürlich 
geschlossen, daß der in der Mitte liegende Preis, also 
6 sh. der Quarter, oder etwa 18 sh. unseres Geldes, zu 
jener Zeit der gewöhnliche oder Durchschnittspreis 
des Weizens gewesen ist. 

In dem Tumbrel- und Pillory-Statut''% das um 
dieselbe Zeit gegeben wurde, wird der Preis des 
Bieres nach dem Steigen des Gerstenpreises, von 2 sh. 
bis auf 4 sh. der Quarter und zwar von sechs zu 
sechs Pence, goregelt. Daß jedoch 4 sh. nicht als der 

•'') Tumbrel, Richtkarren, Pillory, Pranger. Auf dem er.steren 
wurden die Brauer, an dem andern die Bäcker, die .sich gegen 
die Taxen vergingen, der öffentlichen Schande preisgegeben. 



256 Erstes Buch: Zunahme in der Ertra,2;skraft der Arbeit. 

höchste Preis betrachtet wurde, auf den die Gerste 
steigen konnte, und daß diese Preise nur als ein Bei- 
S{)iel für das Verhältnis, das bei höheren oder niedri- 
geren Preisen beobachtet vver'den sollte, aufgestellt 
worden sind, läßt sich aus den letzten Worten des Sta- 
tuts schließen: et sie deinceps crescetur vel diminuetur 
per sex denarios. Der Ausdruck ist sehr nachlässig, 
aber der Sinn ist deutlich genug, nämlich „daß der 
Preis des Bieres steigen oder fallen soll, je nachdem 
der Preis der Gerste um 6 d. steigt oder fällt." Der 
Gesetzgeber scheint bei der Abfassung dieses Statuts 
eben so nachlässig gewesen zu sein, als es die Ab- 
schreiber bei der Abschrift anderer waren. 

In einer alten Handschrift des „Regiam Majesta- 
tem", eines alten schottischen Gesetzbuches, findet sich 
eine Taxordnung, in welcher der Preis des Brotes nach 
den verschiedenen Preisen des Weizens von 10 d. an 
bis zu 8 sh. für den schottischen Boll, (etwa ein 
halber englischer Quarter) geregelt ist. Drei schottische 
Schillinge waren zur Zeit dieser Taxordnung etwa 
so viel wie neun Schilling Sterling unseres Geldes. 
Ruddiman*) scheint hieraus zu schließen, daß drei 
Schilling der höchste Preis war, den der Weizen zu 
jener Zeit überhaupt erreichte, und daß zehn Pence, 
bezw. ein Schilling, oder höchstens zwei Schilling der 
gewöhnliche Preis war. Befragt man die Handschrift 
selbst, so ersieht man deutlich, daß alle diese Preise 
nur als Beispiele des Verhältnisses aufgestellt wurden, 
das zwischen den Preisen des Weizens und des Brotes 
festgehalten werden sollte. Die letzten Worte des 
Statuts lauten: „relicjua judicabis secundum praescripta 
habende respectum ad pretium bladi" — „die übrigen 
Fälle sind nach Obigem mit Rücksicht auf den Preis 
des Getreides zu beurteilen." 



*) S. dessen Vorrede zu Andersons Diploraata Scotiae. 



Kap. XI.: Die Schwankungen des Silberwerts. I. 257 

Drittens scheint man sich auch durch den sehr 
niedrigen Preis, zu dem der Weizen zuweilen in der 
frühesten Zeit verkauft wurde, zu dem Glauben haben 
verleiten zu lassen, daß, da der niedrigste Preis damals 
niedriger war als in späterer Zeit, der gewöhnliche 
Preis gleichfalls niedriger gewesen sein müsse. Man 
hätte jedoch wissen können, daß damals der höchste 
Preis weit über dem späteren, und der niedrigste weit 
unter ihm stand. So gibt uns Fleetwood für das 
Jahr 1270 zwei Preise des Quarters Weizen. Der eine 
ist £ 4. 16 sh. im Gelde jener Zeit, d. h. £ 14. 8 sh. 
im unsrigen, der andere £ 6. 8 sh., d. h. £ 19. 4 sh. 
unsres Geldes. Am Ende des fünfzehnten oder zu 
Anfang des sechzehnten Jahrhunderts ist kein Preis 
zu finden, der diesem übertriebenen Satze nahe käme. 
Der Preis des Getreides, obwohl er stats Schwankun- 
gen unterworfen ist, schwankt am auffallendsten doch 
in jenen unruhigen und ungeordneten Gesellschaften, 
in denen die Unterbrechung alles Handels und aller 
Verbindungen den Überfluß des einen Landesteils 
hindert, dem Mangel des andern zu Hilfe zu kommen. 
In dem verwirrten Zustande Englands unter den Plan- 
tagenets, die das Land von der Mitte des zwölften 
bis gegen das Ende des fünfzehnten Jahrhunderts be- 
herrschten, konnte der eine Bezirk Überfluß haben, 
während ein anderer benachbarter seine Ernte ent- 
weder durch Zufälle der Witterung oder durch den 
Einfall eines benachbarten Barons zerstört sah und 
alle Schrecken einer Hungersnot zu ertragen hatte; 
denn wenn die Ländereien eines feindlichen Lords 
dazwischen lagen, konnte der eine dem andern nicht 
den geringsten Beistand leisten. Unter der kräftigen 
Regierung der Tudors, die seit der zweiten Hälfte 
des fünfzehnten und das ganze sechzehnte Jahrhundert 
hindurch in England herrschten, war kein Baron 

Adam Smith, Volkswohlstand. I. IT 



258 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

mächtig genug, um es wagen zu können, die öffent- 
liche Sicherheit zu stören. 

Am Ende dieses Kapitels wird der Leser alle von 
Fleetwood gesammelten Weizenpreise finden, von 1202 
bis 1597, auf unser heutiges Geld zurückgeführt, und 
nach der Zeitfolge in sieben Perioden von je zwölf 
Jahren geordnet. Auch findet er am Ende jeder Periode 
den Durchschnittspreis der zwölf Jahre, aus denen sie 
besteht. Für den ganzen langen Zeitraum hat Fleet- 
wood nur die Preise von achtzig Jahren zusammen- 
zubringen vermocht, so daß vier Jahre fehlen, um das 
letzte Dutzend vollzumachen. Ich habe daher aus den 
.Rechnungen des Eton College die Preise von 1598, 
1599, 1600 und 1601 hinzugesetzt, ohne mehr hinzu- 
zufügen. Der Leser wird ersehen, daß vom Anfang 
des dreizehnten bis nach der Mitte des sechzehnten 
Jahrhunderts der Durschnittspreis von je zwölf Jahren 
allmählich immer niedriger wird, um sich gegen das 
Ende des sechzehnten Jahrhunderts wieder zu heben. 
Freilich scheinen die Preise, welche Fleetwood zu- 
sammenzubringen vermochte, vorzugsweise solche zu 
sein, die wegen ungewöhnlicher Teurung oder Wohl- 
feilheit merkwürdig waren, und ich behaupte nicht, 
daß sich sichere Schlüsse daraus ziehen lassen. Soweit 
sie jedoch überhaupt etwas beweisen, bestätigen sie 
das, was ich nachzuweisen suchte. Fleetwood selbst 
scheint hingegen, wie die meisten anderen Schriftsteller, 
geglaubt zu haben, daß während dieser ganzen Periode 
der Wert des Silbers sich infolge des steigenden Über- 
flusses stetig verringert habe. Allein die Getreidepreise, 
die er selber gesammelt hat, unterstützen diese Meinung 
gewiß nicht. Dagegen stimmen sie vortrefflich mit der 
Ansicht des Herrn Dupre de St. Maur und der von 
mir entwickelten überein. Bischof Fleetwood und Dupre 
de St. Maur sind die beiden Schriftsteller, die mit der 



• Kap. XT.: Die Schwankungen des .Silberwerts. T. 259 

größten Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit die Preise frü- 
herer Zeiten gesammelt haben, und merkwürdigerweise 
treffen, trotz ihrer verschiedenen Ansichten, doch die 
von beiden festgestellten Tatsachen, wenigstens soweit 
sie sich auf die Getreidepreise beziehen, sehr genau 
zusammen. 

Es sind indessen nicht sowohl die niedrigen Preise 
des Getreides, als die mancher anderen Bodenprodukte, 
aus denen die urteilfähigsten Schriftsteller den hohen 
Wert des Silbers in jenen früheren Zeiten gefolgert 
haben. Getreide, hat man gesagt, ist eine Art Fabrikat, 
und in jenen rohen Zeiten verhältnißmäßig weit teurer, 
als die meisten andern Waren, worunter man vermut- 
lich die meisten ohne Mitwir'kung menschlicher Arbeit 
entstandenen Dinge, wie Vieh, Geflügel, Wildpret aller 
Art usw. versteht. Daß diese in Zeiten der Armut 
und Barbarei verhältnißmäßig viel wohlfeiler als Korn 
waren, ist unzweifelhaft richtig. Allein diese Wohlfeil- 
heit war nicht die Wirkung des hohen Silberwertes, 
sondern die des niedrigen Wertes jener Waren. Sie 
rührte nicht daher, daß das Silber in solchen Zeiten 
eine größere Menge Arbeit kauft oder darstellt, son- 
dern daher, daß solche Waren eine weit geringere 
Menge Arbeit kaufen oder darstellen, als in Zeiten 
größerer Wohlhabenheit und Kultur. Das Silber muß 
sicherlich im spanischen Amerika wohlfeiler sein, als in 
Europa, in dem Erzeugungslande wohlfeiler, als in dem 
Lande, wohin es mit den Kosten einer langen Land- 
und Wasserfracht und der Versicherung gebracht wird. 
Gleichwohl betrug, nach Ulloa, noch vor nicht langer 
Zeit in Buenos-Ayres der Preis eines ausgesuchten 
Ochsen nur 21V2 d. und 16 sh. ist nach Bj^ron der 
Preis eines guten Pferdes in der Hauptstadt von Chili. 
In einem von Natur fruchtbaren Lande, dessen größter 
Teil jedoch durchaus unkultiviert ist, kann man Vieh, 

17* 



260 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Geflügel, Wildpret aller Art usw. mit einer sehr ge- 
ringen Arbeitsmenge erwerben, und man kann sich 
daher auch nur eine sehr geringe Arbeitsmenge dafür 
verschaffen. Der niedrige Geldpreis, zu dem sie ver- 
kauft werden, ist kein Beweis, daß der Sachwert des 
Silbers dort sehr hoch, sondern nur, daß der Sachwert 
jener Waren sehr niedrig ist. 

Die Arbeit und nicht irgend eine Ware oder 
Gattung von Waren ist, wie man festhalten muß, das 
wahre Wertmaß sowohl des Silbers, als aller anderen 
Waren. 

Da in fast noch unangebauten oder nur dünn be- 
völkerten Ländern Vieh, Geflügel, Wildpret aller Art 
usw. freiwillige Erzeugnisse der Natur sind, so bringt 
diese sie oft in weit größeren Mengen hervor, als die 
Einwohner verbrauchen können. Unter solchen Um- 
ständen übersteigt das Angebot gewöhnlich die Nach- 
frage. In verschiedenen Zuständen der Gesellschaft, 
auf verschiedenen Stufen der Kultur werden daher 
solche Waren sehr verschiedene Mengen von Arbeit 
darstellen oder aufwiegen. 

Getreide aber ist in jedem Zustande der Gesell- 
schaft, auf jeder Stufe der Kultur das Erzeugnis mensch- 
lichen Fleißes. Die durchschnittliche Produktion jeder 
Art von Gewerbfleiß paßt sich nun immer mehr oder 
weniger dem durchschnittlichen Verbrauch, das durch- 
schnittliche Angebot der durchschnittlichen Nachfrage 
an. Überdies erfordert die Erzeugung gleicher Getreide- 
mengen in demselben Boden und Klima auf jeder Stufe 
der Kultur durchschnittlich fast gleiche Arbeitsmengen, 
oder, was auf dasselbe hinausläuft, den Preis gleicher 
Arbeitsmengen, denn die beständige Zunahme in den 
produktiven Kräften der Arbeit wird bei fortschreiten- 
der Kultur mehr oder weniger durch den beständig 
steigenden Preis des Viehs, des hauptsächlichsten Werk- 
zeuges des Ackerbaues, aufgewogen. Aus allen diesen 



Kap. XI.: Die Schwankungen des Silberwert«. 1. 261 

Gründen darf man annehmen, daß gleiche Getreide- 
mengen in jedem Zustande der Gesellschaft, auf jeder 
Stufe der Kultur weit eher gleiche Arbeitsmengen dar- 
stellen oder aufwiegen werden, als gleiche Mengen an- 
derer Bodenerzeugnisse. Mithin ist das Getreide wie 
bereits bemerkt, auf allen Stufen des Reichtums und 
der Kultur ein genaueres Wertmaß, als jede andere 
Ware oder Gattung von Waren. Auf allen diesen 
Stufen werden wir daher den Sachwert des Silbers 
weit besser durch einen Vergleich mit Getreide, als 
mit irgend einer anderen Ware oder Gattung von 
Waren beurteilen. 

Überdies macht Getreide oder was sonst das ge- 
wöhnliche und allgemein beliebte pflanzliche Nahrungs- 
mittel des Volks ist, in jedem zivilisiertem Lande den 
Hauptteil der Lebensmittel des Arbeiters aus. Infolge 
der Ausdehnung des Ackerbaus bringt der Boden eines 
jeden Landes eine viel größere Menge pflanzlicher als 
tierischer Nahrung hervor, und der Arbeiter lebt überall 
vorzugsweise von demjenigen gesunden Nahrungsmittel, 
welches das wohlfeilste und reichlichste ist. Fleisch 
bildet, außer in den blühendsten D&ndern, in denen 
die Arbeit am höchsten bezahlt wird, nur einen unbe- 
deutenden Teil seiner Nahrungsmittel; Geflügel einen 
noch kleineren Teil von ihnen und Wildpret gar keinen. 
In Frankreich, und selbst in Schottland, wo die Arbeit 
etwas besser als in Frankreich bezahlt wird, genießt 
der ärmere Arbeiter, außer an Feiertagen und bei 
anderen außerordentlichen Gelegenheiten, selten Fleisch. 
Daher hängt der Geldpreis der Arbeit weit mehr von 
dem durchschnitthchen Geldwert des Getreides, des 
Nahrungsmittels der Arbeiter, als von dem des Fleisches 
oder irgend eines anderen Bodenproduktes ab. Mithin 
hängt auch der Sachwert des Goldes und Silbers, be- 
ziehungsweise die Arbeitsmenge, welche damit erkauft 
werden kann, weit mehr von der Getreidemenge, die 



262 Ki"«tes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

dafür zu haben ist, als von der Menge Fleisch oder 
anderer Bodenprodukte ab. 

So nachlässige Beobachtungen über die Preise des 
Getreides oder anderer Waren würden wahrscheinlich 
nicht so viele einsichtige Schriftsteller irre geleitet 
haben, wenn sie nicht gleichzeitig durch die volkstüm- 
liche Meinung beeinflnßt worden wären, daß in dem 
Maße, in dem die Menge des Silbers naturgemäß in 
jedem Lande mit der Zunahme des Reichtums wächst, 
auch sein Wert sich vermindere. Diese Meinung scheint 
aber durchaus grundlos zu sein. 

Die Menge der edlen Metalle kann in jedem Lande 
aus zweierlei Ursachen zunehmen: erstens infolge 
steigender Ergiebigkeit der Bergwerke, die sie liefern[; 
zweitens infolge zunehmenden Reichtums des Volks, 
zunehmenden Ertrags seiner Arbeit. Die erste dieser 
Ursachen ist ohne Zweifel mit der Verringerung im 
Werte der edlen Metalle notwendig verknüpft; die 
andere nicht. 

Wenn ergiebigere Bergwerke entdeckt werden, 
kommt eine größere Menge edler Metalle auf den 
Markt, und wenn" die Menge der Lebens- und Genuß- 
mittel, für welche sie vertauscht werden, die nämliche 
bleibt, so müssen gleiche Metallmengen gegen ge- 
ringere Warenmengen vertauscht werden. Sofern also 
die zunehmende Menge der edlen Metalle in einem 
Lande aus der zunehmenden Ergiebigkeit der Berg- 
werke entspringt, ist sie notwendig mit einer Ver- 
ringerung in ihrem Werte verknüpft. 

Wenn hingegen der Reichtum eines Landes wächst, 
und der jährliche Ertrag seiner Arbeit allmählich immer 
größer wird, so wird für den Umlauf einer größeren 
Warenmenge eine größere Menge gemünzten Geldes 
nötig; und da die Leute mehr Mittel besitzen und 
mehr Waren dafür zu geben haben, so werden sie 
auch immer mehr Gerät von edlem Metall kaufen. Ihre 



Kap. XL: Die Schwankungen des Silberwerts. I. 263 

Geldmenge wird mit dem Bedürfnis wachsen, die des 
Geräts mit ihrer Eitelkeit und Prunksucht aus dem- 
selben Grunde, aus welchem auch die Zahl schöner 
Statuen, Gemälde und anderer Gegenstände des Luxus 
und der Liebhaberei unter ihnen wahrscheinlich zu- 
nehmen wird. Wie aber Bildhauer und Maler in Zeiten 
des Keichtums und Glückes schwerlich schlechter be- 
zahlt werden, als in den Zeiten der Armut und Not, 
so wird auch Gold und Silber wohl nicht schlechter 
bezahlt werden. 

"Wie der Preis von Gold und Silber, wenn er 
nicht durch die zufällige Entdeckung ergiebigerer Berg- 
werke nieder gehalten wird, mit dem Reichtum jedes 
Landes naturgemäß steigt, so ist er, der Stand der 
Bergwerke sei welcher er wolle, allezeit in einem 
reichen Lande naturgemäß höher, als in einem armen. 
Gold und Silber suchen, wie alle anderen Waren den 
Markt auf, auf dem der beste Preis für sie bezahlt 
wird, und der beste Preis pflegt für jede Sache in dem 
Lande bewilhgt zu werden, das ihn am leichtesten zu 
geben imstande ist. Die Arbeit ist, wie man festhalten 
muß, der letzte Preis, der für alle Dinge bezahlt wird, 
und in Ländern, wo die Arbeit gleich gut bezahlt wird, 
richtet sich der Geldpreis der Arbeit nach dem der 
Lebensmittel des Arbeiters. Nun wird für Gold und 
Silber in einem reichen Lande natürlich eine größere 
Menge von Lebensmitteln zu haben sein, als in einem 
armen, d. h. in einem Lande, das an Lebensmitteln 
Überfluß hat, eine größere, als in einem Lande, das 
nur mäßig damit versorgt ist. Sind die beiden Länder 
weit von einander entfernt, so kann der Unterschied 
sehr groß sein, weil, obschon die Metalle von selbst 
von dem schlechteren zu dem besseren Markte gehen, 
es doch .schwierig kann, sie in solchen Mengen dahin 
zu bringen, um ihren Preis an beiden Orten ins Gleich- 



264 Erstes Buch: Zuricahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

gewicht zu setzen. Liegen die Länder dagegen nahe 
bei einandei-, so wird der LTnterschied geringer und 
manchmal kaum merkbar sein, weil die Versendung 
in diesem Falle leicht ist. China ist ein weit reicheres 
Land, als irgend ein europäisches, und der Unterschied 
im Preise der Lebensmittel zwischen China und Europa 
ist sehr groß; der Reis ist in China viel wohlfeiler, 
als der Weizen irgendwo in Europa. England ist ein 
viel reicheres Land als Schottland, aber der Unter- 
schied in dem Geldpreise des Getreides ist in diesen 
beiden Ländern weit geringer und kaum bemerkbar. 
Der Menge oder dem Maße nach scheint das schottische 
Getreide^ zwar um Vieles wohlfeiler zu sein, als das 
englische; aber der Beschaffenheit nach ist es gewiß 
etwas teurer. Schottland erhält fast alle Jahre starke 
Zufuhren aus England, und jede Ware muß in dem 
Lande, wohin sie gebracht wird, etwas teurer sein, als 
in demjenigen, aus dem sie kommt. Daher muß das 
englische Getreide in Schottland teurer sein, als in 
England, und kann seiner Beschaffenheit nach, oder 
entsprechend der Menge und Güte des Mehls, das aus 
ihm bereitet wird, in der ßegel dort nicht teurer ver- 
kauft werden, als das schottische Getreide, das mit 
ihm in Wettbewerb tritt. 

Der Unterschied zwischen dem Geldpreise der 
Arbeit in China und in Europa ist noch größer, als 
der zwischen dem Geldpreise der Lebensmittel, weil 
der wirkliche Lohn der Arbeit in Europa höher ist, 
als in China; denn der größte Teil Europas ist im 
Fortschreiten begriffen, während China still zu stehen 
scheint. In Schottland ist der Geldpreis der Arbeit 
niedriger als in England, weil der wirkliche Lohn der 
Arbeit weit niedriger ist; denn wenn Schottland auch 
fortschreitet, so schreitet es doch langsamer fort, als 
England. Die Häufigkeit der Auswanderung aus Schott- 



Kap. XL: Die Schwankungen des vSilberwerts. T. 265 

land und ihre Seltenheit aus England beweist deutlich, 
daß^"^ die Nachfrage nach Arbeit in beiden Ländern 
sehr verschieden ist. Das Verhältnis zwischen dem 
wirklichen Lohn der Arbeit in verschiedenen Ländern 
richtet sich, wie festzuhalten ist, nicht nach ihrer der- 
maligen Wohlhabenheit oder Armut, sondern darnach, 
ob sie fortschreiten, still stehen, oder zurückgehen. 

Wie Gold und Silber unter den reichsten Nationen 
naturgemäß den größten Wert haben, so unter den 
ärmsten den geringsten. Unter den Wilden, den ärm- 
sten der Menschen, haben sie fast gar keinen Wert. 

In großen Städten ist das Getreide stets teurer, 
als in entfernten Teilen des Landes. Dies ist jedoch 
nicht die Folge der tatsächlichen Wohlfeilheit des Sil- 
bers, sondern der tatsächlichen Teurung des Getreides. 
Es kostet nicht weniger Arbeit, das Silber in die große 
Stadt, als in die entfernten Teile des Landes zu schaffen : 
aber es kostet viel mehr Arbeit, Getreide dahin zu schaffen. 

In einigen sehr reichen Handelsstaaten, wie in 
Holland und dem Gebiete von Genua, ist das Getreide 
aus demselben Grunde tourer, als in großen Städten. 
Sie bringen nicht genug für den Unterhalt ihrer Be- 
wohner hervor. Sie sind reich an Fleiß und Geschick 
ihrer Künstler und Handwerker, reich an jeder Art von 
Maschinen, die die Arbeit erleichtern und abkürzen, 
reich an Schiffen und allen anderen Werkzeugen und 
Mitteln des Transports und Handels; aber sie sind arm 
an Getreide, das, da es aus fernen Ländern dahin ge- 
bracht werden muß, durch einen Aufschlag auf seinen 
Preis die Fracht zu zahlen hat. Es kostet nicht weniger 
Arbeit, Silber nach Amsterdam als nach Danzig zu 
bringen, aber es kostet bedeutend mehr, Getreide dahin 
zu bringen. Die wirklichen Kosten des Silbers müssen 
an beiden Orten fast die nämlichen, die des Getreides 
aber sehr verschieden sein. Minderte sich der wirkliche 



266 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

ßeichtum Hollands oder Genuas, während gleichzeitig 
die Zahl ihrer Einwohner dieselbe bliebe, minderte sich 
ihre Fähigkeit, sich aus fernen Ländern zu versorgen: 
so würde der Preis des Getreides mit dieser Verringe- 
rung in der Menge ihres Silbers, die jene Abnahme not- 
wendig entweder als Ursache oder als Wirkung be- 
gleiten muß, nicht sinken, sondern vielmehr bis zu 
Hungersnotpreisen steigen. Fehlt uns das Notwendige, 
so müssen wir uns der überflüssigen Dinge entschlagen, 
deren Wert in Zeiten dos Reichtums und Glücks steigt 
und ebenso in Zeiten der Not und Armut sinkt. Anders 
ist es mit den notwendigen Dingen. Ihr Sachpreis, die 
Arbeitsmenge, welche dafür zu haben ist, steigt in 
Zeiten der Armut und Not, und fällt in Zeiten des 
Keichtums und Gedeihens, die stets Zeiten großen 
Überflußes sind, da sie sonst nicht Zeiten des Reich- 
tums und Gedeihens sein könnten. Getreide ist etwas 
Notwendiges, Silber etwas Überflüßiges. 

Wie groß also auch die Zunahme in der Menge 
der edlen Metalle gewesen sein mag, die zwischen der 
Mitte des 14. und der des 16. Jahrhunderts aus der 
Zunahme des Reichtums und der Kultur hervorging, 
so konnte sie dennoch weder in Großbritannien noch 
in einem anderen Teile Europas ihren Wert verrin- 
gern. Hatten daher die Schriftsteller über die Preise 
früherer Zeiten keinen Grund, aus Beobachtungen über 
die Preise des Getreides und anderer Waren die Ver- 
ringerung des Silberwertes zu folgern, so hatten sie 
noch weniger Grund, sie aus einer vorausgesetzten 
Zunahme des Reichtums und der Kultur herzuleiten. 

Zweite Periode. 

So verschieden die Meinungen der Gelehrten über 
das Fortschreiten des Silbervverts während der ersten 



Kap. XL: Die 8clnvankung-en des Silberwerts. IT. 267 

Periode waren, so einstimmig sind sie in dieser Hin- 
sicht während der zweiten Periode. 

Etwa von 1570 bis 1640, während eines Zeitraums 
von ungefähr 70 Jahren, nahm die Änderung in dem 
Wertverhältnis des Silbers zum Getreide eine ganz 
entgegengesetzte Richtung. Das Silber sank in seinem 
Sachwerte, d. h. es konnte nur gegen eine geringere 
Arbeitsmenge als früher vertauscht werden, das Ge- 
treide dagegen stieg in seinem Nominalpreise, und wurde 
mit der Zeit, statt für etwa zwei Unzen Silber der 
Quarter, oder etwa zehn Schilling unseres heutigen 
Geldes, für sechs bis acht Unzen Silber oder etwa 
dreißig bis vierzig Schilling unseres Geldes verkauft. 

Die Entdeckung der reichen amerikanischen Minen 
scheint die einzige Ursache der Abnahme des Verhält- 
nisses zwischen Silber und Getreide gewesen zu sein. 
So wird die Sache von jedermann erklärt, und es er- 
hob sich weder über die Tatsache selbst, noch über 
seine Ursache jemals ein Streit. Der größte Teil Eu- 
ropas schritt in diesem Zeiträume im Gewerbfleiß und 
in der Bodenkultur fort, und die Nachfrage nach Silber 
mußte daher stets zunehmen; allein die Zunahme des 
Angebots überstieg allem Anschein nach die Nachfrage 
so sehr, daß der "Wert jenes Metalls bedeutend fiel. 
Die Entdeckung der amerikanischen Minen scheint, 
was beachtenswert ist, auf die Preise der Dinge in 
England bis nach 1570 nicht merklich eingewirkt zu 
haben, obgleich selbst die Minen von Potosi mehr als 
zwanzig Jahre früher entdeckt worden waren. 

Von 1595 bis 1620 einschließlich war der Durch- 
schnittspreis des Quarters von neun Bushel des besten 
"Weizens, wie aus den Rechnungen des Eton College her- 
vorgeht, auf dem Markte zu Windsor £ 2. 1 sh. 6'* i:j d. 
Läßt man von dieser Summe den Bruch weg, und 
zieht ein Neuntel oder 4 sh. 7^^ d. ab, so kommt für 



268 Krstes Buch: Zunahme in der Ertrag.skraft der Arbeit. 

den Quarter von 8 Bushel der Preis von £l 16 sh. 10-/ s d. 
heraus. Läßt man von dieser Summe ebenfalls den 
Bruch weg, und zieht ein Neuntel oder 4 sh. 1\'9 d. für 
den Unterschied zwischen dem Preise des besten 
Weizens und dem des Mittelweizens ab, so kommt fin- 
den Preis des Mittelvveizöns heraus £ 1. 12 sh. 8* o d., 
oder etwa sechs und ein Drittel Unzen Silbers. 

Von 1621 bis 1636 einschließlich war nach denselben 
Rechnungen der Durchschnittspreis des gleichen Maßes 
vom besten Weizen auf demselben Markte £ 2. 10 sh. 
Macht man hiervon die nämlichen Abzüge, wie im 
vorigen Falle, so kommt für den Durchschnittspreis des 
Quarters von acht Bushel Mittelweizen £ 1. 19 sh. 6 d., 
oder etwa sieben und zwei Drittel Unzen Silbers heraus. 

Dritte Periode. 

Zwischen 1630 und 1640, oder um 1636, scheint'_die 
Wirkung der Entdeckung der amerikanischen Minen 
auf die Entwertung des Silbers ihr Ende gefunden zu 
haben und das Wertverhältnis zwischen diesem Metall 
und dem Getreide niemals tiefer gesunken zu sein, 
als um diese Zeit. Im Laufe des gegenwärtigenJahr- 
hunderts dürfte es sich etwas gehoben haben, und 
hatte damit wahrscheinlich schon einige Zeit vor dem 
Ende des vorigen angefangen. 

Von 1637 bis 1700 einschließlich, also in den 64 
letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts, war nach den- 
selben Rechnungen der Durchschnittspreis des Quarters 
von neun Bushel vom besten Weizen auf dem Markte 
zu Windsor £2. 11 sh. \3 d., nur 1 sh. ^'a d. teurer, 
als während der vorhergehenden sechzehn Jahre. Aber 
im Laufe dieser vierundsechzig Jahre traten zwei Er- 
eignisse ein, die einen weit größeren Mangel an Ge- 
treide verursachen mußten, als durch den bloßen Ein- 
fluß der Witterung zu erklären wäre, und die, auch ohne 



Kap. XT.: Die Schwankungen des Silberwerts. III. 269 

die Annahme eines weiteren Rückganges im Silberwerte, 
jene kleine Erhöhung des Preises vollständig erklären. 

Das erste dieser Ereignisse war der Bürgerkrieg, 
der durch Entmutigung des Ackerbaues und Unter- 
brechung des Handels den Preis des G-etreides höher 
hinauftrieb, als er durch den Einfluß von Mißernten 
hätte steigen können. Diese Wirkung mußte mehr oder 
weniger auf allen Märkten des Reichs eintreten, ins- 
besondere aber auf denen in der Nähe von London, 
die sich ihren Vorrat aus der größten Entfernung ver- 
schaffen müssen. Der Preis des besten Weizens betrug 
demgemäß 1648 auf dem Markte zu Windsor £4. 5 sh., 
und 1649 £ 4 für den Quarter von 9 Bushel. Dies 
übersteigt den Durchschnittspreis der sechzehn Jahre 
vor 1637, der £ 2. 10 sh. betrug, um £ 3. 5 sh., was, 
über die vierundsechzig letzten Jahre des vorigen Jahr- 
hunderts veiteilt, schon allein jene kleine Preiserhöhung 
erklärt, die während dieser Periode stattgefunden zu 
haben scheint. Diese Preise sind übrigens zwar die 
höchsten, doch keineswegs die einzigen hohen Preise, 
die durch die Bürgerkriege verursacht worden sind. 

Das zweite Ereignis war die im Jahre 1688 be- 
willigte Prämie auf die Ausfuhr von Getreide. Nach 
der Annahme Vieler hat diese Prämie dadurch, daß 
sie den Ackerbau ermutigte, lange Jahre hindurch 
einen größeren Überfluß und folglich eine größere 
Wohlfeilheit des Getreides auf dem heimischen Markte 
hervorgebracht, als ohne sie eingetreten wäre. Inwie- 
fern die Prämie jemals diese Wirkung haben kann, 
werde ich später untersuchen; für jetzt will ich nur 
bemerken, daß sie zwischen 1688 und 1700 keine Zeit 
hatte, eine solche Wirkung hervorzubringen. In diesem 
kurzen Zeiträume konnte ihre Wirkung nur die sein, 
daß sie zur Ausfuhr des jährlichen Überschusses auf- 
munterte, eine Ausgleichung des Überflusses eines 



270 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Jahres und des Mangels eines anderen verhinderte und 
dadurch den Preis auf dem heimischen Markte hin- 
auftrieb. Der Mangel, welcher in England von 1693 
bis 1699 einschließlich beider Jahre herrschte, konnte, 
obwohl er ohne Zweifel vorzugsweise den Einflüssen 
des Wetters zuzuschreiben ist und sich darum auch 
über einen großen Teil von Europa erstreckte, durch 
die Prämie nur vergrößert werden. Daher wurde auch 
1699 die Getreideausfuhr auf neun Monate verboten. 

Noch ein drittes Ereignis trat in demselben Zeit- 
räume ein, das, wenn es auch keinen Getreidemangel 
erzeugen, noch die tatsächliche für Getreide zu zahlende 
Silbermenge vermehi'en konnte, doch notwendig eine 
nominelle Erhühung des Silberwerts veranlassen mußte. 
Dies war die große Verschlechterung der Silbermünzen 
durch Beschneiden und Abnutzung. Dieses Übel hatte 
unter der Regierung Karls des Zweiten begonnen, und 
dauerte ununterbrochen bis 1695 fort, zu welcher 
Zeit, wie wir von Lowndes erfahren, das Silberkourant 
durchschnittlich fast fünfundzwanzig Prozent unter 
seinem Normalwert stand. Nun wird die nominelle 
Summe, welche den Marktpreis der Waren ausmacht, 
nicht sowohl durch die Silberraenge bestimmt, die 
nach dem Münzfuße in ihr enthalten sein sollte, als 
durch diejenige, die erfahrungsmäßig wirklich in ihr 
enthalten ist. Diese nominelle Summe ist daher not- 
wendig höher, wenn die Münze durch Beschneiden 
und Abnutzung sehr verschlechtert ist, als wenn sie 
ihrem gesetzlichen Werte nahe kommt. 

Im Laufe des gegenwärtigen Jahrhunderts ist die 
Silbermüuze nie tiefer unter ihrem gesetzlichen Gewicht 
gewesen als jetzt. So verunstaltet sie aber auch ist, 
so wurde doch ihr Wert durch den der mit ihr ver- 
tauschbaren Goldmünze aufrecht erhalten; denn wenn 
auch die Goldmünze vor der letzten Umprägung eben- 



Kap. XI.: Die !~!chwankun,o'en des Silberwerts. IIT. 271 

falls sehr entwertet war, so war sie es doch weniger 
als das Silber. Im Jahre 1695 dagegen wurde der 
Wert des Silbergeldes nicht durch den der Goldmünzen 
aufrecht erhalten; eine Guinee wurde damals gewöhn- 
lich für dreißig Schillinge des abgenutzten und be- 
schnittenen Silbers gewechselt. Vor der letzten Um- 
prägung des Goldes war der Preis des Barrensilbers 
selten höher als 5 sh. 7 d. die Unze, was nur fünf Pence 
über den Münzpreis ist. Im Jahre 1695 aber war der 
gewöhnliche Preis des ßarrensilbers 6 sh. 5 d. die Unze, 
was fünfzehn Pence mehr ist, als der Münzpreis*). 
Selbst vor der letzten Umprägung des Goldes wurde 
sowohl die Gold- wie die Silbermünze im Vergleich 
zum Barrensilber als kaum acht Prozent unter ihrem 
gesetzlichen Wert stehend betrachtet. 1695 dagegen 
wurde sie als beinahe fünfundzwanzig Prozent niedri- 
ger angesehen. Zu Anfang des gegenwärtigen Jahr- 
hunderts, d. h. unmittelbar nach der großen Umprä- 
gung zu König Wilhelms Zeit, muß das meiste Silber- 
kourant seinem gesetzlichen Gewicht noch näher ge- 
kommen sein als jetzt. Auch hat im gegenwärtigen 
Jahrhundert kein großes öffentliches Unglück wie etwa 
«in Bürgerkrieg, den Ackerbau gestört, oder den inne- 
ren Handel des Landes unterbrochen. Und obgleich 
die Prämie, die fast das ganze Jahrhundert hindurch 
bewilligt wurde, den Preis des Getreides stets etwas 
höher hinauf treiben mußte, als er sonst bei dem der- 
maligen Stande der Landwirtschaft gewesen wäre, so 
läßt sich doch, da die Prämie während dieses Jahr- 
hunderts Zeit genug hatte, alle die ihr gewöhnlich zu- 
geschriebenen guten Wirkungen zu offenbaren, also 
zum Ackerbau aufzumuntern und die Getreidemenge 
auf dem heimischen Markte zu vermehren, nach den 



*) Lowndes, Essay on the Silver Coin, p. G8. 



272 Erstes Buch: Zunahme in der Ertraft'skraft der Arbeit. 

Grundsätzen eines Systems, das ich später erklären 
und prüfen werde, annehmen, daß sie den Preis dieser 
Ware auf die eine Weise etwas zu verringern, wie auf 
die andere Weise ihn etwas zu erhöhen beitrug. Viele 
schlagen ihren Einfluß höher an. In den ersten vier- 
undsechzig Jahren des gegenwärtigen Jahrhunderts war 
der Durchschnittspreis des Quarters von neun Bushel 
des besten Weizens auf dem Markte zu Windsor nach 
den Rechnungen des Eton College £ 2. 6^'''/32 d., 10 sh. 
6 d. oder fünfundzwanzig Prozent wohlfeiler, als wäh- 
rend der letzten vierundsechzig Jahre des vorigen Jahr- 
hunderts; 9 sh. 6 d. wohlfeiler, als in den sechzehn 
Jahren vor 1636, wo die Entdeckung der reichen ame- 
rikanischen Minen vermutlich ihre volle Wirkung ge- 
äußert hatte; und 1 sh. wohlfeiler, als in den sechs- 
undzwanzig Jahren vor 1620, ehe jene Entdeckung 
ihre volle Wirkung äußern konnte. Nach dieser Rech- 
nung stellt sich der Durchschnittspreis des Mittelweizens 
in den ersten vierundsechzig Jahren dieses Jahrhun- 
derts auf etwa 82 sh. für den Quarter von acht Bushel. 

Der Wert des Silbers scheint sonach im Verhältnis 
zum Werte des Gretreides im gegenwärtigen Jahr- 
hundert etwas gestiegen zu sein, und hatte wahr- 
scheinlich schon einige Zeit vor dem Ende des vorigen 
Jahrhunderts zu steigen angefangen. 

Im Jahre 1687 betrug der Preis des Quarters von 
neun Bushel vom besten Weizen auf dem Markte zu 
Windsor £1.5 sh. 2 d., was der niedrigste Preis ist, 
den er seit 1595 jemals gehabt hat. 

Im Jahre 1688 schätzte Gregory King, eine Au- 
torität in diesen Dingen, den Durchschnittspreis des 
Weizens, wie er in Jahren einer Mittelernte den Pro- 
duzenten zu stehen komme, auf 3 sh. 6 d. den Bushel, 
oder 28 sh. den Quarter. Unter dem Produzentenpreis 
verstehe ich das, was man zuweilen den Kontraktpreis 



Kap. XI.: Die Schwankungen des Silbenverts. III. 973 

nennt, oder den Preis, zu dem ein Pächter sich ver- 
pflichtet, mehrere Jahre hinter einander dem Händler 
eine bestimmte Menge Getreide zu liefern. Da ein 
solcher Vertrag dem Pächter die Kosten und Mühe 
des Markttransports erspart, so ist der Kontraktpreis 
gewöhnlich niedriger, als der durchschnittliche Markt- 
preis. King nahm an, daß in Jahren einer Mittelernte 
28 sh. für den Quarter zu jener Zeit der gewöhnliche 
Kontraktpreis war. Vor dem durch die jüngste Reihe 
ungewöhnlich schlechter Jahre verursachten Mangel 
war dies, wie man mir versichert, der übliche Kon- 
traktpreis in allen gewöhnlichen Jahren. 

1688 bewilligte das Parlament die schon erwähnte 
Prämie auf die Getreideausfuhr. Die Landedelleute, die 
damals einen größeren Teil der gesetzgebenden Ver- 
sammlung ausmachten als jetzt, hatten gemerkt, daß 
der Geldpreis des Getreides fiel. Die Prämie war ein 
Mittel, es künstlich auf den hohen Preis zu bringen, zu 
dem es zu den Zeiten Karls I. und II. oft verkauft 
worden war. Sie sollte daher so lange gegeben werden, 
bis der Weizen auf 48 sh. für den Quarter gestiegen 
wäre, d. h. bis er 20 sh. oder um fünf Siebentel teurer 
war, als King in demselben Jahre den Produzenten- 
preis in Mitteljahren berechnet hatte. Wenn seine Be- 
rechnungen den guten Ruf einigermaßen verdienen, 
den sie allgemein haben, so waren 48 sh. für den 
Quartei- ein Preis, der ohne ein Mittel wie die Prämie 
zu jener Zeit sich nur in Jahren ungewöhnlichen 
Mangels erwarten ließ. Allein die Regierung König 
Wilhelms war damals noch nicht fest gegründet. Sie 
war nicht in der Lage, den Landedelleuten, von denen 
sie gerade damals die Festsetzung der jährlichen 
Grundsteuer forderte, etwas abschlagen zu können. 

Der Wert des Silbers ist daher im Verhältnis zu 
dem des Getreides vor dem Ende des letzten Jahr- 
Adam Smith, Volkswohlstand. I. 18 



274 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

hunderts etwas gestiegen, und scheint es bei diesem 
Steigen während des größten Teils des jetzigen Jahr- 
hunderts geblieben zu sein, obgleich die Wirkung der 
Prämie das Steigen nicht so fühlbar werden ließ, als 
es sonst bei dem jetzigen Stande der Landwirtschaft 
gewesen sein würde. 

In Jahren des Überflusses erhöht die Prämie 
durch Veranlassung einer ungewöhnlichen Ausfuhr 
den Preis des Getreides mehr, als es sonst in solchen 
Jahren der Fall sein würde. Es war ja auch der aus- 
gesprochene Zweck der Maßregel, der Landwirtschaft 
dadurch, daß der Preis des Getreides selbst in Jahren 
des größten Überflusses gehalten würde, eine Auf- 
munterung zu Teil werden zu lassen. 

In Jahren großen Mangels wurde allerdings die 
Prämie gewöhnlich beseitigt. Sie mußte jedoch auch auf 
die Preise mancher dieser Jahre Einfluß haben; denn 
die bedeutende Ausfuhr, die sie in Jahren der Fülle 
verursachte, mußte die Ausgleichung der Fülle des einen 
Jahres gegen den Mangel des andern oft verhindern. 

Daher steigert die Prämie in Jahren sowohl der 
Fülle als des Mangels den Preis des Getreides über den 
Punkt hinaus, den er bei dem dermaligen Stande der 
Landwirtschaft ohne künstliche Hülfe erreichen würde. 
Wenn mithin der Durchschnittspreis in den ersten vier- 
undsechzig Jahren des gegenwärtigen Jahrhunderts 
niedriger gewesen ist, als in den letzten vierundsechzig 
Jahren des vorigen, so hätte er bei dem nämlichen 
Stande des Ackerbaus noch weit niedriger sein müssen, 
wenn die Prämie nicht auf ihn eingewirkt hätte. 

Aber, kann man sagen, ohne die Prämie würde der 
Zustand des Ackerbaus nicht der nämliche gewesen sein. 
Welche Wirkungen jene Maßregel auf die Landwirt- 
schaft des Landes gehabt haben kann, werde ich später 
aufzuklären suchen, wenn ich von den Prämien beson- 



Kap. XI.: Die Schwankungen ties Silberwerts. III. 275 

ders handle; für jetzt will ich nur bemerken, daß dieses 
Steigen des Silbervverts im Verhältnis zum Getreide 
England nicht allein betroffen hat. In Frankreich hat 
sich, nach den Beobachtungen dreier sehr glaubwürdiger, 
sorgfältiger und fleißiger Forscher, Dupre de St. Maur, 
Messance und des Verfassers des Versuchs über die Ge- 
treidepolitik, dieselbe Erscheinung in dem nämlichen 
Zeiträume und beinahe in dem nämlichen Verhältnis 
ebenfalls geltend gemacht. In Frankreich aber war bis 
1764 die Ausfuhr des Getreides verboten, und es ist 
einigermaßen schwer zu glauben, daß fast dieselbe Ver- 
ringerung des Preises, die in dem einen Lande trotz 
dieses Verbots eintrat, in dem anderen der ungewöhn- 
lichen Aufmunterung zur Ausfuhr zuzuschreiben sei. 
Es würde vielleicht richtiger sein, diese Änderung 
in dem durchschnittlichen Geldpreise des Getreides als 
die Wirkung eines allmählichen Steigens im Sachwerte 
des Silbers auf dem europäischen Markte anzusehen, 
statt als die Wirkung des Sinkens im durchschnittlichen 
Sachwerte des Getreides. Das Getreide ist, wie bereits 
bemerkt, für längere Zeiträume ein genaueres Wertmaß, 
als Silber oder vielleicht jede andere Ware. Als nach 
der Entdeckung der ergiebigen amerikanischen Minen 
das Getreide einen drei bis vier Mal höheren Geldpreis 
erreichte, schrieb man diesen Umschwung ganz allge- 
mein nicht einem Steigen im Sachwerte des Getreides, 
sondern dem Sinken im Sachwerte des Silbers zu. Wenn 
daher in den ersten vierundsechzig Jahren des gegen- 
wärtigen Jahrhunderts der durchschnittliche Geldpreis 
des Getreides etwas niedriger geworden ist, als er in 
den meisten Jahren des vorigen Jahrhunderts gewesen 
ist, so sollte man diesen Umschwung gleichfalls nicht 
dem Sinken im Sachwerte des Getreides, sondern dem 
Steigen im Sachwerte des Silbers auf dem europäi- 
schen Markte zuschreiben. 

18* 



276 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Der hohe Preis des Getreides während der letzten 
zehn oder zwölf Jahre hat allerdings die Vermutung 
erregt, daß der Sachwert des Silbers auf dem euro- 
päischen Markte noch immer sinke. Indessen scheint 
dieser hohe Preis des Getreides in Wahrheit durch die 
ungewöhnlich schlechten Wetterverhältnisse verursacht 
zu sein, und kann daher nicht als dauernd, sondern 
nur als vorübergehend und zufällig betrachtet werden. 
Die Witterungsverhältnisse waren in diesen zehn oder 
zwölf Jahren fast in ganz Europa ungünstig, und die 
Unruhen in Polen haben den Mangel in all' den Län- 
dern vermehrt, die sich in teuren Jahren von dort her 
zu versorgen pflegten. Eine so lange anhaltende Un- 
gunst der Witterung ist zwar keine sehr gewcihnhche, 
aber auch keineswegs eine unerhörte Erscheinung, und 
wer sich viel mit der Geschichte der Getreidepreise in 
früheren Zeiten beschäftigt hat, dem wird unschwer 
manches ähnliche Beispiel einfallen. Auch sind zehn 
Jahre außerordentlichen Mangels nichts Wunderbareres, 
als zehn Jahre außerordentlicher Fülle. Der niedrige 
Getreidepreis von 1741 bis 1750, einschließlich beider 
Jahre, kann sehr wohl dem hohen Preise in den letzten 
acht oder zehn Jahren entgegengestellt werden. Von 
1741 bis 1750 war, wie aus den Rechnungen des Eton 
College hervorgeht, der Durchschnittspreis des Quarters 
von neun Bushel des besten Weizens auf dem Markte 
zu Windsor nur £ 1. 13 sh. 9^/5 d., beinahe 6 sh. 3 d. 
unter dem Durchschnittspreise der ersten 64 Jahre des 
laufenden Jahrhunderts. Hiernach stellte sich der 
Durchschnittspreis des Quarters von acht Bushel Mittel- 
weizen in jenen zehn Jahren nur auf £ 1. 6 sh. 8 d. 

Zwischen 1741 und 1750 verhinderte aber die Prä- 
mie, daß der Preis des Getreides auf dem heimischen 
Markte so tief fiel, als er der Natur der Sache nach 
hätte fallen müssen. Während dieser zehn Jahre betrug, 



Kap. XL: Die Schwankungen des Silberwerts. III. 277 

nach den Zollregistern, die Menge aller Sorten ausge- 
führten Getreides nicht weniger als 8,029,156 Quarter 
und 1 Bushel. Die dafür bezahlte Prämie belief sich 
auf £ 1,514,962. 17 sh. 4^2 d. Daher bemerkte 1749 
der damalige Premierminister Pelham im Unterhause, 
daß in den drei letzten Jahren eine ganz außerordent- 
liche Summe als Prämie für Getreideausfuhr bezahlt 
worden sei. Er hatte guten Grund, diese Bemerkung 
zu machen und hätte im folgenden Jahre noch einen 
besseren gehabt. In diesem einzigen Jahre belief sich 
die Prämie auf nicht weniger als £ 324,176. 10 sh. 
6 d. ''■■). Es bedarf nicht der Bemerkung, wie sehr 
diese forzierte Ausfuhr den Getreidepreis über den 
Stand hinauf treiben mußte, den er sonst auf dem 
heimischen Markte gehabt haben würde. 

Am Schlüsse der diesem Kapitel beigefügten Ta- 
bellen wird der Leser die Tabelle für diese zehn Jahre 
von den übrigen getrennt finden; ebenso die Tabelle 
über die vorhergehenden zehn Jahre, deren Durch- 
schnitt wahrscheinlich etwas, wenn auch nicht viel 
niedriger ist, als der Durchschnitt der ersten vierund- 
sechzig Jahre des Jahrhunderts. Das Jahr 1740 war 
aber ein Jahr ungewöhnlichen Mangels. Die zwanzig 
Jahre vor 1750 können also sehr wohl den zwanzig 
Jahren vor 1770 entgegengestellt werden. "Wie die 
ersteren mit Ausnahme von einem oder zwei teureren 
Jahren weit unter dem. allgemeinen Durchschnitt des 
Jahrhunderts blieben, so die letzteren mit Ausnahme 
von einem oder zwei wohlfeilen Jahren, z. B. 1759, 
weit über ihm. Sind die ersteren nicht eben so weit 
unter dem allgemeinen Durchschnitt zurückgeblieben, 
als die letzteren ihn überschritten haben, so ist dies 
wahrscheinlich der Prämie zuzuschreiben. Der Wechsel 
ist auch offenbar ein zu plötzlicher gewesen, als daß 

*) Siehe Tracts on the Corn Trade : T^ract 8d. 



278 Ei"stes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

man ihn der stets langsamen und allmählichen Wert- 
veränderung des Silbers hätte zuschreiben können. Die 
Plötzlichkeit der Wirkung kann nur aus einer Ursache, 
die plötzlich wirkt, nämlich aus den zufälligen Schwan- 
kungen der Witterung, erklärt werden. 

Der Geldpreis der Arbeit ist im Laufe dieses Jahr- 
hunderts in Großbritannien allerdings gestiegen; doch 
scheint dies nicht sowohl die Folge einer Entwertung 
des Silbers auf dem europäischen Markte, als der zu- 
nehmenden Nachfrage nach Arbeit in Großbritannien 
gewesen zu sein, die aus der großen und fast allge- 
meinen Wohlfahrt des I^andes hervorging. In Frank- 
reich, das Großbritannien im Wohlstande nachsteht, 
ist der Geldpreis der Arbeit, wie man beobachtet hat, 
seit Mitte des vorigen Jahrhunderts allmählich mit dem 
durchschnittlichen Geldpreise des Getreides gesunken. 
Sowohl im vorigen wie in diesem Jahrhundert soll der 
Tagelohn gemeiner Arbeit fast unverändert etwa den 
zwanzigsten Teil des durchschnittlichen Preises eines 
Septier Weizen (etwas mehr als vier Winchester Busheis) 
betragen haben. In Großbritannien hat, wie bereits ge- 
zeigt worden, der Sachpreis der Arbeit, haben die 
wirklichen Mengen von Lebens- und Genußmitteln, die 
dem Arbeiter gegeben werden, im Laufe dieses Jahr- 
hunderts beträchtlich zugenommen. Das Steigen des 
Geldpreises der Arbeit scheint nicht von einer Ent- 
wertung des Silbers auf dem allgemeinen europäischen 
Markte, sondern vom Steigen des Sachpreises der Arbeit 
auf den einzelnen Märkten Großbi'itanniens, das dem 
besonders glücklichen Zustande des Landes zu ver- 
danken ist, herzurühren. 

Eine Zeitlang nach der Entdeckung Amerikas 
wurde das Silber immer noch zu seinem früheren Preise, 
oder nicht viel darunter, verkauft. Die Gewinne der 
Bergwerke waren eine Zeitlang sehr groß, und weit 



Kap. XL: Die Schwankungen des 8ilber\vcrts. TIT. 279 

über ihrem natürlichen Satze. Indessen fanden die- 
jenigen, die Silber einführten, bald, daß die ganze 
jährliche Einfuhr nicht zu diesem hohen Preise abge- 
setzt werden könne. Das SiJber wurde allmählich gegen 
eine immer geringere "Warenmenge vertauscht. Sein 
Preis sank tiefer und tiefer, bis er auf seinen natür- 
lichen Satz, d. h. auf den Betrag fiel, der gerade hin- 
reichend war, um den Arbeitslohn, den Kapitalgewinn 
und die Grundrente, die für Ausbringung und Markt- 
transport gezahlt werden müssen, nach ihrem natür- 
lichen Satze aufzubringen. In den meisten Silberberg- 
werken von Peru verschlingt, wie bereits bemerkt, die 
Abgabe an den König von Spanien, die sich auf ein 
Zehntel des Rohertrages beläuft, die ganze Grundrente. 
Diese Abgabe bestand ursprünglich in der Hälfte; bald 
fiel sie auf ein Fünftel, und zuletzt auf ein Zehntel, 
auf dem sie noch steht. Dies ist anscheinend Alles, was 
in den meisten peruanischen Silberbergwerken nach 
Wiedererstattung des Unternehmerkapitals samt seinem 
üblichen Gewinn übrig bleibt; und dieser Gewinn, der 
einst sehr hoch war, ist anerkanntermaßen jetzt so 
niedrig, wie es sich überhaupt noch mit der Weiter- 
führung der Werke verträgt. 

Die Abgabe an den König von Spanien wurde 
150-1*), einundvierzig Jahre vor 1545, dem Jahre der 
Entdeckung der Minen von Potosi, auf den fünften 
Teil des produzierten Silbers herabgesetzt. 

Im Laufe von neunzig Jahren, bis 1636, hatten 
diese Bergwerke, die ergiebigsten in ganz Amerika, 
Zeit genug, ihre volle Wirkung zu üben, oder den 
Wert des Silbers auf dem europäischen Markte so weit 
herabzusetzen, als er eben fallen konnte, so lange jene 
Abgabe an den König von Spanien noch entrichtet 
wurde. Neunzig Jahre sind eine hinlängliche Zeit, um 

*) Solorzano, Vol. TT. 



280 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

eine Ware, die kein Monopol hat, auf ihren natür- 
lichen, d. h. den niedrigsten Preis herunterzubringen, 
zu welchem sie, so lange eine Abgabe darauf ruht, 
längere Zeit hindurch verkauft werden kann. 

Der Preis des Silbers hätte vielleicht auf dem 
europäischen Markte noch tiefer fallen und es hätte 
nötig werden können, entweder die Abgabe darauf 
nicht bloß auf ein Zehntel wie im Jahre 1736, sondern 
wie beim Golde auf ein Zwanzigstel herabzusetzen, 
oder den größten Teil der amerikanischen Minen, die 
gegenwärtig abgebaut werden, still zu legen. Wahr- 
scheinlich ist die allmähliche Zunahme der Nachfrage 
nach Silber, oder die allmähliche Erweiterung des 
Marktes für das Produkt der amerikanischen Silber- 
minen der Grund, der dies verhinderte und den Wert 
des Silbers auf dem europäischen Markte nicht nur 
auf seiner Höhe erhielt, sondern vielleicht sogar noch 
etwas höher steigerte, als er um die Mitte des vorigen 
Jahrhunderts gestanden hatte. 

Seit der Entdeckung Amerikas hat der Markt 
für das Produkt seiner Silberminen allmählich immer 
größere Ausdehnung gewonnen. 

Erstens: der europäische Markt hat sich allmählich 
immer mehr ausgedehnt. Seit der Entdeckung Amerikas 
hat der größte Teil Europas an Kultur sehr zugenommen. 
England, Holland, Frankreich und Deutschland, selbst 
Schweden, Dänemark und Rußland haben im Ackerbau 
und den Gewerben bedeutende Fortschritte gemacht. 
Italien scheint w^enigstens nicht zurückgegangen zu 
sein. Vor der Eroberung von Peru w^ar Italien im 
Verfall; seitdem scheint es sich eher etwas erholt zu 
haben. Spanien und Portugal werden allerdings als 
zurückgekommen betrachtet. Indessen ist Portugal nur 
ein kleiner Teil von Europa, und der Verfall Spaniens 
ist vielleicht nicht so groß, als man gewöhnlich an- 



Kap. XL: Die Schwankungen des Silberwerts. TIT. 281 

nimmt. Am Anfange des sechzehnten Jahrhunderts 
war Spanien selbst im Vergleich mit Frankreich, das 
seit jener Zeit so bedeutend fortgeschritten ist, ein sehr 
armes Land. Kaiser Karl der Fünfte, der so oft durch 
beide Länder gereist war, machte die bekannte Bemer- 
kung, daß in Frankreich an allen Dingen Überfluß, in 
Spanien an allen Dingen Mangel sei. Das zunehmende 
Produkt des Ackerbaus und der Gewerbe in Europa 
mußte notwendig einen allmählichen Zugang an Silber- 
münzen erfordern, um es in Umlauf zu setzen; und 
die wachsende Zahl reicher Leute mußte eine gleiche 
Zunahme an silbernem Grerät und anderen Schmuck- 
gegenständen zur Folge haben. 

Zweitens : Amerika selbst ist für das Produkt seiner 
Silberminen ein neuer Markt, und da es im Ackerbau, 
in der Industrie und an Volkszahl weit schnellere Fort- 
schritte macht als die blühendsten europäischen Länder, 
so muß sein Bedarf noch weit schneller zunehmen. 
Die englischen Kolonien sind ein durchaus neuer Markt, 
der teils für Münze, teils für Geräte eine stets wach- 
sende Silberzufuhr für einen ganzen Erdteil, in dem 
früher nie eine Nachfrage darnach bestanden hatte, 
nötig macht. Auch die meisten spanischen und portu- 
giesischen Kolonien sind ganz neue Märkte. Neu-Gra- 
nada, Yucatan, Paraguay und Brasilien waren, ehe sie 
von den Europäern entdeckt wurden, von wilden Völker- 
schaften bewohnt, die weder Künste noch Ackerbau 
kannten. Seitdem sind diese Länder erheblich kultiviert 
worden. Selbst Mexiko und Peru, wenn sie auch nicht 
als durchaus neue Märkte betrachtet werden können, 
sind doch gewiß jetzt weit bedeutendere Märkte, als 
je zuvor. Wer nach all' den wunderbaren Geschichten, 
die über den glänzenden Zustand dieser Länder in 
fi'üheren Zeiten geschrieben worden sind, mit einiger 
Nüchternheit die Geschichte ihrer Entdeckung und Va- 
oberung liest, wird bald erkennen, daß ihre Bewohner 



282 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

von Gewerben, Ackerbau und Handel weit weniger 
wußten, als heutzutage die Tartaren der Ukraine. Selbst 
die Peruaner, das zivilisierteste der beiden Völker be- 
dienten sich zwar des Goldes und Silbers zum Schmuck, 
kannten aber keinerlei gemünztes Geld. Ihr ganzer 
Handel war ein Tauschhandel, und es gab deshalb auch 
kaum irgend eine Arbeitsteilung unter ihnen. Wer den 
Boden bestellte, mußte sich auch sein Haus selbst bauen, 
seine Möbel, Kleider, Schuhe und sein Ackergerät selbst 
verfertigen. Die wenigen Handwerker unter ihnen sollen 
von dem König, den Adeligen und Priestern gehalten 
worden sein und waren wahrscheinlich ihre Diener oder 
Sklaven. Alle die früheren Gewerbe Mexikos und Perus 
haben niemals auch nur ein einziges Fabrikat nach Eu- 
ropa geliefert. Die spanischen Heere fanden, obwohl 
sie kaum jemals über fünfhundert Mann und oft kaum 
halb so stark waren, es dennoch fast überall sehr schwer, 
sich Lebensmittel zu verschaffen. Die Hungersnot, die 
sie fast überall, wohin sie kamen, selbst in Gegenden, 
die als sehr bevölkert und wohlangebaut geschildert 
werden, verursacht haben sollen, beweist hinlänglich, 
daß das Märchen von diesem Volksreichtum und dieser 
hohen Kultur meist auf Dichtung beruht. Die spani- 
schen Kolonien stehen unter einer Regierung, die in 
vielen Beziehungen dem Ackerbau, der Kultur und Be- 
völkerungszunahme weniger günstig ist, als die der 
englischen Kolonien. Gleichwohl scheinen sie in all' 
dem weit schnellere Fortschritte zu machen, als irgend 
ein europäisches Land. Auf einem fruchtbaren Boden 
und unter einem glücklichen Klima scheint der große 
Überfluß und die Wohlfeilheit von Grund und Boden, 
ein Umstand, der allen neuen Kolonien gemeinsam ist, 
ein so großer Vorteil zu sein, daß er viele Mängel der 
bürgerlichen Regierung wieder gut macht. Nach Frezier, 
der Peru 1713 besuchte, soll Lima zwischen 25,000 und 



Kap. XL: Die Schwankungen des Silberwerts. III. 283 

28,000 Einwohner haben ; Ulloa, der sich dort zwischen 
1740 und 1746 aufhielt, giebt die Einwohnerzahl auf 
etwa 50,000 an. Der Unterschied in ihren Schätzungen 
der Einwohnerzahl verschiedener anderer größerer Städte 
in Chili und Peru ist ziemlich eben so groß, und da 
kein Grund vorliegt, sie für schlecht unterrichtet zu 
halten, so deutet dies auf eine kaum geringere Zunahme, 
als die in den englischen Kolonien. Amerika ist mithin 
für das Produkt seiner eigenen Silberminen ein neuer 
Markt, dessen Nachfrage weit schneller zunehmen muß, 
als die der blühendsten europäischen Länder. 
t Drittens: ein fernerer Markt für das Produkt der 
amerikanischen Silberminen ist Ostindien, und zwar ein 
Markt, der seit der Entdeckung jener Minen ununter- 
brochen eine immer größere Menge Silber aufnahm. 
Seit jener Zeit hat der direkte Handel zwischen Amerika 
und Ostindien, der auf den Acapulko-Schiffen getrieben 
wird, beständig zugenommen, und der indirekte Ver- 
kehr über Europa ist in noch weit höherem Maße ge- 
stiegen. Im sechszehnten Jahrhundert waren die Portu- 
giesen die einzigen Europäer, die einen regelmäßigen 
Handel nach Ostindien trieben. In den letzten Jahren 
dieses Jahrhunderts begannen die Holländer dieses 
Monopol anzugreifen, und vertrieben jene innerhalb 
weniger Jahre aus ihren bedeutendsten Besitzungen in 
Indien. Während der größeren Hälfte des vorigen Jahr- 
hunderts teilten sich diese beiden Nationen in den 
größten Teil des ostindischen Handels, wobei der 
holländische Handel in noch größerem Maße zunahm, 
als der portugiesische sank. Die Engländer und Fran- 
zosen trieben schon im vorigen Jahrhundert einigen 
Handel mit Indien, aber erst im Laufe des jetzigen 
wurde er bedeutend. Der ostindische Handel der 
Schweden und Dänen begann im Laufe des jetzigen 
Jahrhunderts. Selbst die Moskowiter haben jetzt einen 
regelmäßigen Verkehr mit China mittelst einer Art von 



284 Erstes Biich: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Karawanen, die über Land durch Sibirien und die 
Tartarei nach Peking ziehen. Der ostindische Handel 
aller dieser Nationen war, bis auf den der Franzosen, 
den der letzte Krieg fast ganz vernichtet hatte, in fast 
ununterbrochener Zunahme. Der steigende Verbrauch 
ostindischer Waren in Europa ist anscheinend groß 
genug, um allen diesen Nationen eine stets wachsende 
Beschäftigung zu gewähren. Thee z. B. war ein Artikel, 
der vor der Mitte des vorigen Jahrhunderts nur wenig 
gebraucht wurde. Gegenwärtig beläuft sich der Wert 
des von der englisch - ostindischen Compagnie alle 
Jahre zum Gebrauch ihrer Landsleute eingeführten 
Thees auf mehr als anderthalb Millionen, und selbst 
das reicht nicht hin, da aus den Häfen Hollands, von 
Gothenburg in Schweden und auch von den Küsten 
Frankreichs, wenigstens so lange die französisch-ost- 
indische Compagnie in Blüte war, fortwährend eine 
große Menge in das Land eingeschmuggelt wird. 
Beinahe in gleichem Verhältnis ist der Gebrauch des 
chinesischen Porzellans, der Gewürze von den Mo- 
lukken, der bengalischen Stückgüter und unzähliger 
anderer Artikel gewachsen. Der Tonnengehalt aller im 
Ostindienhandel beschäftigten europäischen Schiffe war 
demgemäß im vorigen Jahrhundert wohl nie größer, 
als allein der der Schiffe der englisch-ostindischen 
Compagnie vor der neuerdings erfolgten Beschränkung 
ihrer Schiffszahl. 

Der Wert der Metalle aber war in Ostindien, be- 
sonders in China und Hindostan, als die Europäer zuerst 
mit diesen Ländern Handel zu treiben anfingen, weit 
höher als in Europa, und er ist es noch heute. In 
Reisländern, die gewöhnlich zwei, zuweilen drei Ernten 
im Jahre liefern, deren jede reichlicher ist, als eine ge- 
wöhnliche Getreideernte, muß der Überschuß an Nah- 
rungsmitteln weit größer sein, als in irgend einem Ge- 
treidelande von gleicher Ausdehnung. Solche Länder 



Kap. XL: Die Schwankungen des Silberwerts. III. 285 

sind daher auch weit mehr bevölkert. Da hier den 
Reichen ein größerer Überschuß von Nahrungsmitteln 
über ihren eignen Verbrauch zu Gebote steht, so können 
sie eine weit größere Menge Arbeit anderer Leute kaufen. 
Das Grefolge eines chinesischen oder hindostanischen 
Großen ist demgemäß, nach allen Berichten, weit zahl- 
reicher und glänzender, als das der reichsten nichtfürst- 
lichen Personen in Europa. Derselbe Überfluß an 
verfügbaren Nahrungsmitteln setzt sie in den Stand, 
eine größere Menge von ihnen für alle jenen eigenarti- 
gen und seltenen Erzeugnisse zu geben, die die Natur 
nur in sehr geringen Mengen liefert, wie die edlen 
Metalle und Edelsteine, um die unter den Reichen so 
viel Wettbewerb besteht. Wären daher auch die Berg- 
werke, die den indischen Markt versorgten, ebenso er- 
giebig gewesen als die, die den europäischen Markt 
ergänzten, so würden jene Waren doch in Indien eine 
größere Menge Nahrungsmittel austauschen, als in 
Europa. Nun scheinen aber die Bergwerke, welche 
den indischen Markt mit edlen Metallen versorgten, 
viel weniger ergiebig, dagegen die, welche ihn mit 
Edelsteinen versahen, viel ergiebiger gewesen zu sein 
als die europäischen, und die edlen Metalle gelten des- 
halb in Indien eine etwas größere Menge von Edel- 
steinen und eine noch weit größere Menge von Nah- 
rungsmitteln, als in Europa. Der Geldpreis der Dia- 
manten, dieses überflüssigsten aller Dinge, wird in dem 
einen Lande etwas geringer, und der der Nahrungs- 
mittel, des ersten aller Bedürfnisse, viel geringer sein, 
als in dem anderen. Aber der Sachpreis der Arbeit, 
die wirkliche Menge von Lebensbedürfnissen, die die 
Arbeiter erhalten, ist, wie bereits bemerkt, sowohl in 
China wie in Hindostan, den beiden großen Märkten 
des Orients, niedriger als in den meisten Teilen Eu- 
ropas. Der Lohn des Arbeiters wird dort eine gerin- 



286 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

gere Menge von Nahrungsmitteln kaufen, und da der 
Geldpreis der Nahrungsmittel in Indien weit geringer 
ist als in Europa, so ist der Geldpreis der Arbeit dort 
in doppelter Hinsicht niedriger, einerseits wegen der 
geringen Menge von Nahrungsmitteln, die dafür zu 
haben ist, und andererseits wegen ihres geringen Preises. 
Doch wird in Ländern von gleicher gewerblicher Ent- 
wicklung der Geldpreis der meisten Fabrikate sich nach 
dem Geldpreise der Arbeit richten, und wenn auch 
China und Hindostan in dieser Beziehung nicht ganz 
an Europa heranreichen, so stehen sie doch nicht er- 
heblich zurück. Der Geldpreis der meisten Industrie- 
erzeugnisse wird daher natürlich in diesen großen 
Reichen viel niedriger sein, als irgendwo in Europa. 
In den meisten Gegenden Europas vermehren auch die 
Kosten der Landfracht sowohl den Sach- wie den No- 
minalpreis der Industrieerzeugnisse beträchtlich. Es 
kostet hier mehr Arbeit, und darum auch mehr Geld, 
zuerst das Material und dann die fertige Ware auf den 
Markt zu bringen. In China und Hindostan wird durch 
die weitverzweigte Binnenschiffahrt der größte Teil 
dieser Arbeit und folglich dieses Geldes erspart, und 
sowohl der Sach- wie der Nominalwert der meisten 
Industrieerzeugnisse stellt sich dadurch noch niedriger. 
Aus allen diesen Gründen war es jederzeit äußerst vor- 
teilhaft, die edlen Metalle von Europa nach Indien zu 
verführen, und ist es noch heute. Es gibt schwerlich 
eine Ware, die dort einen besseren Preis ergiebt oder 
nach Verhältnis der Menge von Arbeit und Waren, die 
sie in Europa kostet, eine größere Menge von Arbeit 
und Waren in Indien zu kaufen vermag. Es ist auch 
vorteilhafter, Silber als Gold dahinzuführen, weil das 
Verhältnis zwischen Eeinsilber und Feingold in China 
und auf den meisten anderen orientalischen Märkten 
nur wie zehn oder höchstens wie zwölf zu eins steht, 



Kap. XL: Die Schwankungen des Silberwerts. III. 287 

während es in Europa wie vierzehn oder fünfzehn zu 
eins ist. In China und auf den meisten anderen orien- 
talischen Märkten kauft man für zehn oder höchstens 
zwölf Unzen Silber eine Unze Gold; in Europa braucht 
man vierzehn bis fünfzehn Unzen dazu. Deshalb macht 
das Silber in den meisten europäischen Schiffen, die 
nach Indien segeln, gewöhnlich den wertvollsten Be- 
standteil der Ladung aus ; ebenso wie bei den Acapul- 
koschiffen, die nach Manila segeln. So scheint das Silber 
des neuen Kontinents eine der hauptsächlichsten Waren 
zu sein, die den Handel zwischen den beiden äußersten 
Enden des alten Festlandes vermitteln, und großenteils 
durch seine Dazwischenkunft werden jene soweit von 
einander entfernten Teile mit einander verknüpft. 

Um einen so weit ausgedehnten Markt zu ver- 
sorgen, muß die jährlich aus den Bergwerken ge- 
wonnene Silbermenge nicht nur groß genug sein, um 
jenen beständigen Zugang an gemünztem Gelde und 
an Gerät, der in allen blühenden Ländern erforderlich 
ist, zu unterhalten, sondern auch die beständige Ab- 
nutzung des Silbers zu ersetzen, die überall vorkommt, 
wo dies Metall im Gebrauch ist. 

Der beständige Abgang der edlen Metalle durch 
die Abnutzung der Münzen und Geräte ist sehr be- 
deutend, und würde allein schon bei Waren, die so 
allgemein angeAvendet werden, eine sehr große jähr- 
liche Zufuhr erfordern. Der Abgang dieser Metalle in 
einigen Gewerben ist zwar vielleicht im Ganzen nicht 
größer, als jener alimähliche Abgang; aber merklicher, 
weil viel schneller. In den Manufakturen von Bir- 
mingham allein soll die Menge des jährlich zum Ver- 
golden und Plattieren verwendeten Goldes und Silbers, 
das niemals wieder in der Gestalt dieser Metalle er- 
scheinen kann, sich auf mehr als fünfzig tausend Pfund 
belaufen. Danach kann man sich einen Begriff machen, 



288 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

wie groß der jährliche Verbrauch in allen Teilen der 
Welt sein muß, sei es für ähnliche "Waren wie die von 
Birmingham, sei es für Tressen, Stickereien, Gold- und 
Silberstoffe, Vergoldungen an Büchern und Möbeln usw. 
Eine bedeutende Menge dieser Metalle muß jährlich 
auch beim See- und Landtransport verloren gehen. Die 
in den meisten asiatischen Ländern herrschende Sitte, 
Schätze zu vergraben, von denen die Kenntnis oft mit 
der Person, die sie vergraben hat, stirbt, muß einen 
noch weit größeren Verlust verursachen. 

Die Menge des nach Cadix und Lissabon einge- 
führten Goldes und Silbers — einschließlich des ein- 
geschmuggelten — beläuft sich nach den besten 
Schätzungen auf etwa sechs Millionen £ im Jahr. 

Nach Meggens*) betrug die jährliche Einfuhr der 
edlen Metalle nach Spanien in einem Durchschnitt von 
sechs Jahren, nämlich von 1748 bis 1753, und die 
nach Portugal in einem Durchschnitt von sieben Jahren, 
nämlich von 1747 bis 1753, an Silber 1,101,107 Pfund 
und an Gold 49,940 Pfund. Das Silber, zu 62 sh. 
das Troy-Pfund, beträgt £ 3,413,431. 10 sh. Sterling. 
Das Gold, zu 44^2 Guineen das Troy-Pfund, beträgt 
£ 2,333,446. 14 sh. Sterling. Beide zusammen betragen 
£ 5,746,878. 4 sh. Die Angaben über das, was unter 
Register eingeführt worden ist, erklärt er für ganz 
zuverlässig. Über die Herkunftsorte und die Mengen 
beider Metalle, die die einzelnen Plätze den Registern 
zufolge lieferten, erhalten wir umständliche Auskunft, 
und von der Menge der als eingeschmuggelt angenom- 
menen edlen Metalle möglichst sorgfältige Schätzungen. 



*) Nachschrift zu dem Universal Merchant p. 15 u. 16. Diese 
Nachschrift wurde erst 1756, drei Jahre nach der Herausgabe 
des Buches, das niemals eine zweite Auflage erlebte, gedruckt. 
Diese Nachschrift findet sich daher nur in wenigen Exemplaren ; 
sie berichtigt einie-e Irrtümer des Buches. 



Kap. XI.: Die Schwankungen des Silberwerts. III. 289 

Die große Erfahrung dieses verständigen Kaufmanns 
gibt seinen Ansichten ein bedeutendes Gewicht. 

Nach dem beredten und zuweilen wohl unterrich- 
teten Verfasser der „Philosophischen und politischen 
Greschichte der Niederlassung der Europäer in beiden 
Indien" betrug die jährliche Einfuhr des registrierten 
Goldes und Silbers nach Spanien im Durchschnitt von 
elf Jahren, nämlich von 1754 bis 1764, 13,984, 185^^5 
Piaster von zehn Realen. Mit Hinzurechnung dessen, 
was eingeschmuggelt sein mag, nimmt er jedoch den 
Betrag der gesamten jährlichen Einfuhr zu 17,000,000 
Piaster an, was, den Piaster zu 4 sh. 6 d. gerechnet, 
eine Summe von £ 3,825,000 ergibt. Er führt eben- 
falls die Herkunftsorte und die Mengen jedes Metalls 
an, welche den E-egistern zufolge die einzelnen Plätze 
lieferten. Die jährlich von Brasilien nach Lissabon ein- 
geführte Menge Goldes, nach dem Betrage der an den 
König von Portugal entrichteten Auflage geschätzt, die 
anscheinend ein Fünftel des reinen Metalls ausmacht, 
schlägt er auf 18,000,000 Cruzados oder 45,000,000 
französische Livres, also etwa £ 2,000,000. Für ein- 
geschmuggelte "Ware noch ein Achtel oder £ 250,000 
hinzugerechnet, würde nach diesem Gewährsmann das 
Ganze sich auf £ 2,250,000 belaufen. Nach dieser Rech- 
nung beträgt mithin die jährliche Gesamteinfuhr edler 
Metalle nach Spanien und Portugal etwa £ 6,075,000. 
Einige andere sehr gut beglaubigte, obwohl nur hand- 
schriftliche, Schätzungen stimmen, wie man mir sagt, da- 
mit überein, indem sie den Betrag der gesamten jährlichen 
Einfuhr im Durchschnitt auf etwa £ 6,000,000 angeben. 

Die jährhche Einfuhr der edlen Metalle nach Cadix 
und Lissabon kommt freilich dem gesamten Jahres- 
produkt der amerikanischen Bergwerke nicht gleich. 
Einiges geht jährlich auf den Acapulko-Schiffen nach 
Manila, einiges wird in dem Schleichhandel der spa- 

Adam Smith, Volkswohlstand. I. 19 



290 Erstes Buch: Zimahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

nischen Kolonien mit den Kolonien andrer europäischer 
Völker verwendet, und einiges bleibt ohne Zweifel im 
Erzeugungslande. Außerdem sind die amerikanischen 
Bergwerke keineswegs die einzigen Gold- und Silber- 
minen in der Welt. Allein sie sind bei "Weitem am 
ergiebigsten. Der Ertrag aller anderen bekannten Minen 
ist anerkanntermaßen im Vergleich mit den amerika- 
nischen unbedeutend ; auch wird der bei Weitem größte 
Teil des Ertrags ebenso unbestritten nach Cadix und 
Lissabon gebracht. Nun beträgt der Verbrauch Bir- 
minghams allein nach dem Maßstabe von 50,000 Pfund 
im Jahr den hundertundzwanzigsten Teil jener jähr- 
lichen Einfuhr von sechs Millionen. Der gesamte 
jährliche Verbrauch von Gold und Silber in allen 
Ländern der Welt, wo man diese Metalle benutzt, 
kann daher dem gesamten Jahresprodukt ziemlich nahe 
kommen. Der Rest wird wohl kaum hinreichen, die 
wachsende Nachfrage aller blühenden Länder zu be- 
friedigen; ja vielleicht bleibt er soweit dahinter zurück, 
daß er den Preis dieser Metalle auf dem europäischen 
Markte etwas in die Höhe treibt. Die jährlich aus den 
Bergwerken auf den Markt gebrachte Menge Kupfer 
und Eisen ist unverhältnismäßig größer, als die von 
Gold und Silber. Doch glauben wir deswegen nicht, 
daß diese gröberen Metalle sich über den Bedarf 
hinaus vermehren, d. h. allmählich immer wohlfeiler 
werden. Warum sollten wir daher glauben, daß dies 
bei den edlen Metallen der Fall sein werde? Die un- 
edlen Metalle werden freilich, obwohl sie härter sind, 
stärker abgenutzt und ihres geringeren Werts wegen 
weniger sorgfältig aufbewahrt; aber die edlen Metalle 
sind nicht unvergänglicher als jene und gleichfalls dem 
Verlorengehen, der Abnutzung und dem Verbrauch 
auf tausenderlei Weise ausgesetzt. 

Der Preis aller Metalle ist jenen langsamen und 
allmählichen Veränderungen unterworfen, schwankt 



Kap. XI.: Wertverhiiltnis zwischen Gold und Silber. 291 

aber weniger von Jahr zu Jahr, als der anderer Roh- 
produkte des Bodens; auch ist der Preis der edlen 
Metalle plötzlichen Veränderungen weniger ausgesetzt, 
als der der unedlen. Der Grund dieser außerordent- 
lichen Stetigkeit des Preises liegt in der Dauerhaftig- 
keit der Metalle. Das jährlich zu Markt gebrachte 
Gretreide ist vor Ende des folgenden Jahres ganz oder 
beinahe ganz verbraucht; dagegen kann Eisen, das 
vor zwei- oder dreihundert Jahren, und Gold, das vor 
zwei- oder dreitausend Jahren aus den Minen gefördert 
wurde, noch heute im Gebrauch sein. Die Massen Ge- 
treides, die in verschiedenen Jahren den Verbrauch 
der Welt decken müssen, werden stets dem Ertrage 
dieser Jahre ziemlich nahe kommen; dagegen wird 
das Verhältnis zwischen den verschiedenen Massen 
Eisens, die in zwei verschiedenen Jahren gebraucht 
werden, durch eine zufällige Verschiedenheit in der 
Eisenerzeugung dieser beiden Jahre sehr wenig berührt, 
und das Verhältnis der Massen Goldes durch eine 
solche Verschiedenheit in der Gold prod uktion noch we- 
niger. Obgleich daher der Ertrag der meisten Metallberg- 
werke von Jahr zu Jahr vielleicht noch mehr wechselt, 
als der der meisten Getreidefelder, so haben diese Ver- 
änderungen doch nicht denselben Einfluß auf den Preis 
der einen Art Ware, wie auf den der andern. 



Veränderungen in dem Wertverhältnis zwischen 
Gold und Silber. 

Vor der Entdeckung der amerikanischen Minen 
wurde das Wertverhältnis zwischen Feingold und Fein- 
silber in den verschiedenen europäischen Münzen auf 
1 : 1(3 oder 1 : 12 festgestellt, d. h. eine Unze Feingold 
zehn oder zwölf Unzen Feinsilber gleich geachtet. Um 
die Mitte des vorigen Jahrhunderts wurde es auf 1 : i-1 

19^'= 



292 Erstes Buch: Zunahme in der Ei-tragskraft der Arbeit. 

oder 1 : 15 festgestellt, d. b. eine Unze Feingold 14 
bis 15 Unzen Feinsilber wert geacbtet. Das Gold stieg 
in seinem Nominalwerte, d. b. es wurde eine größere 
Menge Silber dafür gegeben. Beide Metalle aber sanken 
in ihrem wirklichen Werte, d. h. in der Arbeitsmenge, 
die man dafür kaufen konnte; doch sank das Silber 
mehr als das Gold. Obgleich sowohl die Gold- wie die 
Silberminen Amerikas alle anderen bis dahin bekannten 
an Ergiebigkeit übertrafen, scheint doch die Ergiebig- 
keit der Silberminen verhältnismäßig noch größer ge- 
wesen zu sein, als die der Goldminen. 

Die großen jährlich von Europa nach Indien ge- 
brachten Silbermengen haben in einigen englischen 
Niederlassungen den Wert dieses Metalls gegen den 
des Goldes allmählich verringert. In der Münze von 
Calcutta gilt eine Unze Feingold 15 Unzen Feinsilber, 
ganz wie in Europa, doch wird es in der Münze nach 
dem Werte, den es auf dem bengalischen Markte hat, 
vielleicht zu hoch angeschlagen. In China ist das Ver- 
hältnis des Goldes zum Silber noch 1 : 10 oder 1 : 12. 
In Japan soll es wie 1 : 8 sein. 

Das Verhältnis zwischen den Gold- und Silber- 
mengen, die jährlich nach Europa kommen, ist nach 
Meggens' Berechnung beinahe wie 1 : 22, d. h. für 
1 Unze Gold werden etwas mehr als 22 Unzen Silber 
eingeführt, und die große Silbermenge, die jährlich 
nach Ostindien geschickt wird, führt nach seiner An- 
sicht die in Europa bleibenden Gold- und Silbermengen 
auf das Verhältnis von 1 : 14 oder 1 : 15 zurück — 
ihr Wertverhältnis. Er scheint zu glauben, daß ihr 
Wertverhältnis notwendig dasselbe sein müsse, wie 
das ihrer Mengen, und mithin wie 1 : 20 stehen würde, 
wenn jene größere Silberausfuhr nicht stattfände. 

Allein das gewöhnliche Verhältnis zwischen dem 
Wert zweier Waren ist nicht notwendig das gleiche, 



Kap. XI.: "Wertverhältnis zwischen Gold und Silber. 293 

wie das zwischen seinen in der Regel auf dem Markte 
befindlichen Mengen. Der Preis eines Ochsen, zu 
zehn Guineen gerechnet, ist etwa sechzigmal so groß, 
als der Preis eines Lammes, zu 3 sh. 6 d. gerechnet. 
Es wäre aber töricht, daraus zu schliessen, daß in der 
Regel ein Schock Lämmer für einen Ochsen auf dem 
Markte wären, und ebenso töricht würde es sein, zu 
schließen, daß, weil eine L^nze Gold gewöhnlich 14 
oder 15 Unzen Silber gilt, auch vierzehn oder fünf- 
zehnmal mehr Silber als Gold auf dem Markte vor- 
handen sei. 

Die auf dem Markte gewöhnlich vorhandene Menge 
Silber ist im Verhältnis zum Gold wahrscheinlich weit 
größer, als nach ihrem Wertverhältnis vorauszusetzen 
wäre. Die Gesamtmenge einer an den Markt gebrachten 
wohlfeilen Ware ist in der Regel nicht nur größer, 
sondern auch von größerem Wert, als die Gesamt- 
menge einer teuren. Die Gesamtmenge des jährlich 
an den Markt gebrachten Brotes ist nicht nur größer, 
sondern auch von größerem Werte als die Gesamt- 
menge des Fleisches; die des Fleisches größer und von 
größerem Werte, als die des zahmen Geflügels ; und 
die Gesamtmenge des zahmen Geflügels größer und 
von größerem AVerte, als die des wilden Geflügels. 
Es gibt so viele Käufer mehr für die wohlfeile als 
für die teure Ware, daß gewöhnlich nicht nur eine 
größere Menge, sondern auch ein größerer Wert von 
ihr verkauft werden kann. Daher muß die Gesamt- 
menge der billigen Ware im Verhältnis zu der der 
teuren größer sein, als der Wert einer gewissen Menge 
der teuren im Verhältnis zum Wert einer gleichen 
Menge der wohlfeilen. A'ergleicht man die edlen Me- 
talle mit einander, so ist das Silber eine wohlfeile, das 
Gold eine teure Ware. Es ist daher auch zu erwarten, 
daß auf dem Markte stets nicht nur eine größere 



294 Ei"«te.s Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Menge, sondern auch ein größerer Wert an Silber, 
als an Gold vorhanden ist. Wer von beiden etwas 
hat, vergleiche sein Silber- mit seinem Goldgerät, und 
er wird wahrscheinlich finden, daß nicht nur die 
Menge, sondern auch der Wert des ersteren weit 
größer ist, als die Menge und der Wert des letzteren. 
Viele haben wohl Silbersachen, aber keine Goldsachen, 
und letztere sind auch bei denen, die sie haben, im 
Allgemeinen auf Uhrgehäuse, Tabaksdosen und ähn- 
liche Kleinigkeiten beschränkt, deren ganzer Betrag 
selten von großem Wert ist. In den britischen Münzen 
überwiegt allerdings der Wert des Goldes bei Weitem, 
aber in allen anderen Ländern ist es nicht der Fall. 
In den Münzen einiger Länder ist der Wert ziemlich 
gleich. In den schottischen Münzen überwog, wie man 
aus den Münzrechnungen ersieht, vor der Union mit 
England das Gold ein wenig.'-') In den Münzen vieler 
Länder überwiegt das Silber. In Frankreich werden 
die größten Summen gewöhnlich in diesem Metall 
gezahlt, und es ist dort schwer, sich mehr Gold zu 
verschaffen, als man in der Tasche bei sich führen 
muß. Doch dürfte der in allen Ländern anerkannt 
höhere Wert des Silbergeräts das hier und da sich 
findende Überwiegen der Goldmünzen über die Silber- 
münzen mehr als ausgleichen. 

Obgleich in einem gewissen Sinne des Worts Silber 
immer viel wohlfeiler gewesen ist und wahrscheinlich 
auch stets viel wohlfeiler bleiben wird, als Gold, so 
kann man doch in einem anderen Sinne violleicht sagen, 
daß das Gold bei dem jetzigen Zustande des spanischen 
Marktes etwas wohlfeiler ist, als das Silber. Man kann 
eine Waie nicht nur nach der absoluten Höhe oder 
Niedrigfkeit ihres üblichen Preises teuer oder wohlfeil 



■"'•) Siehe: Ruddimans Vorrede zu Andersons Diplomata Scotiae. 



Kap. XI.: Wertverhältnis zwischen Gold und Silber. 295 

nennen, sondern auch, je nachdem dieser Preis mehr 
oder weniger über dem niedrigsten Preise steht, zu dem 
sie sich eine längere Zeit hindurch auf den Markt bringen 
\siQt. Dieser niedrigste Preis ist derjenige, der nur eben 
mit mäßigem Gewinn das Kapital wieder ersetzt, das 
man dazu verwendete, sie dahin zu bringen. Es ist der 
Preis, der für den Grundbesitzer Nichts abwirft, von 
dem die Rente keinen Bestandteil ausmacht, sondern 
der nur in Arbeitslohn und Gewinn besteht. Nun ist 
bei dem jetzigen Zustande des spanischen Marktes das 
Gold gewiß diesem niedrigen Preise etwas näher als das 
Silber. Die Abgabe an den König von Spanien macht 
beim Gold den zwanzigsten Teil vom reinen Metall oder 
fünf Prozent, beim Silber aber den zehnten Teil oder 
zehn Prozent aus. Auch besteht, wie bereits bemerkt, 
in diesen Abgaben die ganze Rente der meisten Gold- 
und Silberminen des spanischen Amerikas, und die Ab- 
gabe für Gold geht noch schlechter ein, als die für 
Silber. Nicht minder dürften die Gewinne der Unter- 
nehmer von Goldminen, die weit seltener viel dabei 
verdienen, in der Regel noch mäßiger sein, als die der 
Unternehmer von Silberbergwerken. Mithin muß der 
Preis des spanischen Goldes, da^s sowohl weniger Rente 
wie weniger Gewinn abwirft, auf dem spanischen Markte 
dem niedrigsten Preise, zu dem es dahin geschafft werden 
kann, etwas näher stehen, als der Preis des spanischen 
Silbers. Rechnet man alle Kosten zusammen, so kann 
anscheinend die Gesamtmenge des ersteren Metalls dort 
nicht so vorteilhaft abgesetzt werden, als die Gesamt- 
menge des anderen. Die Abgabe auf das brasilianische 
Gold an den König von Portugal beträgt ebensoviel 
wie die frühere Abgabe auf das mexikanische und peru- 
anische Silber an den König von Spanien, d. h. den 
fünften Teil des reinen Metalls. Man kann daher be- 
zweifeln, ob die ganze Masse des amerikanischen Goldes 



296 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Ai-beit. 

ZU einer dem niedrigsten näher stehenden Preise auf 
den allgemeinen europäischen Markt kommt, als die 
ganze Masse des amerikanischen Silbers. 

Der Preis der Diamanten und anderer Edelsteine 
kommt vielleicht dem niedrigstmöglichen noch näher, 
als der Preis des Goldes. 

Obgleich es nicht sehr wahrscheinlich ist, daß von 
einer Abgabe, die nicht nur ein sehr geeignetes Steuer- 
objekt, nämlich eine Sache lediglich des Luxus und Über- 
flusses trifft, sondern auch eine so bedeutende Ein- 
nahme gewährt, wie die Abgabe auf Silber, etwas nach- 
gelassen werden wird, so lange sie überhaupt bezahlt 
werden kann — so kann doch die gleiche Unmöglich- 
keit, sie zu zahlen, die 1736 zur Herabsetzung von 
einem Fünftel auf ein Zehntel nötigte, mit der Zeit 
noch weitere Minderungen erzwingen, gerade so, wie 
man die Abgabe für Gold auf ein Zwanzigstel herab- 
setzen mußte. Daß der Abbau der Silberminen des 
spanischen Amerika, wie der aller anderen Minen, durch 
die Notwendigkeit, die Schachte immer tiefer zu führen, 
und wegen der größeren Kosten, das "Wasser aus den 
Tiefen heraus- und frische Luft hineinzubringen, immer 
teurer wird, ist von i^len anerkannt, die den Zustand 
jener Minen kennen. 

Diese Ursachen, die einer zunehmenden Seltenheit 
des Silbers gleichkommen (denn eine Ware wird selte- 
ner, wenn es schwieriger und kostspieliger wird, eine 
gewisse Menge von ihr zusammen zu bringen), müssen 
mit der Zeit zu einer der drei nachstehenden Eventu- 
alitäten führen. Die Erhöhung der Kosten muß ent- 
weder, erstens durch eine verhältnismäßige Erhöhung 
im Preise des Metalls, oder zweitens durch eine ver- 
hältnismäßige Verringerung der Abgabe auf Silber, 
oder drittens teils durch das eine, teils durch das andere 
dieser beiden Auskunftsmittel vollständig ausgeglichen 



Kap. XI.: Wertverhältnis zwischen Gold und Silber. 297 

werden. Diese dritte Folge hat die größte Wahrschein- 
lichkeit für sich. Wie der Goldpreis im Verhältnis zum 
Silberpreis trotz der großen Verringerung der Abgabe 
auf Gold stieg, so kann der Silberpreis im Verhältnis 
zu Arbeit und Waren trotz einer gleichen Verringe- 
rung der Abgabe auf Silber steigen. 

Solche allmähliche Ermäßigungen der Abgabe 
können zwar das Steigen des Silberwertes auf dem eu- 
ropäischen Markte nicht gänzlich verhindern, aber jeden- 
falls es mehr oder weniger verzögern. Infolge dieser 
Ermäßigungen können manche Minen in Angriff ge- 
nommen werden, die früher wegen der hohen Steuer 
nicht abgebaut werden konnten, und die Menge des 
jährlich auf den Markt gebrachten Silbers wird dann 
etwas größer, und daher auch der Wert einer gege- 
benen Menge etwas geringer sein, als es sonst der Fall 
sein würde. Infolge der Steuerermäßigung im Jahre 
1736 ist der Wert des Silbers auf dem europäischen 
Markte, wenn auch nicht niedriger als vorher, doch 
wahrscheinlich um zehn Prozent niedriger, als er sein 
würde, wenn der spanische Hof die frühere Abgabe 
weiter erhoben hätte. 

Daß trotz dieser Ermäßigung der Wert des Silbers 
im Laufe des gegenwärtigen Jahrhunderts auf dem 
europäischen Markte etwas zu steigen begonnen habe, 
lassen mich die oben angeführten Tatsachen und Be- 
weise glauben oder besser mutmaßen, denn die Meinung, 
die ich mir über diesen Gegenstand bilden kann, ver- 
dient wohl kaum den Namen des Glaubens. In der 
Tat ist die Steigerung, wenn sie überhaupt stattge- 
funden hat, bisher so gering gewesen, daß es nach 
allem Gesagten wohl noch manchem ungewiß erschei- 
nen mag, ob sie stattgefunden hat, oder ob das Gegen- 
teil der Fall ist und der Wert des Silbers auf dem 
europäischen Markte noch immer sinkt. 



298 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Es muß übrigens bemerkt werden, daß einmal ein 
Punkt eintreten muß, wo die jährliche Einfuhr von Gold 
und Silber, mag sie betragen, wie viel sie will, dem jähr- 
lichen Verbrauch dieser Metalle gleichkommt. Ihr Ver- 
brauch muß mit ihrer Masse, oder vielleicht sogar in 
einem noch größeren Verhältnis zunehmen. Je nachdem 
ihre Masse zunimmt, vermindert sich ihr Wert. Sie 
kommen in allgemeineren Grebrauch und werden weniger 
in Acht genommen, und so wächst ihr Verbrauch mehr, 
als ihre Masse. Mithin muß nach einer bestimmten 
Zeit der jährliche Verbrauch der jährlichen Einfuhr 
gleichkommen, falls nicht etwa die Einfuhr beständig 
zunimmt, was heutzutage nicht anzunehmen ist. 

Sollte, wenn der jährliche Verbrauch der jähr- 
lichen Einfuhr gleichgekommen ist, die letztere sich 
allmählich vermindern, so kann der Jahresverbrauch 
eine Zeitlang die Jahreseinfuhr übersteigen. Die 
Masse dieser Metalle kann sich allmählich und un- 
merklich vermindern, und ihr Wert allmählich und 
unmerklich steigen, bis die jährliche Einfuhr stillsteht, 
und der Verbrauch sich der Einfuhr anpaßt. 



Gründe für die Vermutung, daß der Wert des Silbers 
noch immer sinkt. 

Die Zunahme des Reichtums in Europa und die 
herschende Ansicht, daß je mehr die Menge der edlen 
Metalle mit dem zunehmenden Reichtum wachse, sich 
ihr Wert vermindere, mag viele dem Grlauben geneigt 
machen, daß ihr Wert auf dem europäischen Markte 
noch immer sinke, und in dieser Meinung muß der 
allmählich noch immer steigende Preis vieler Roh- 
produkte des Bodens bestärken. 

Daß die aus der Zunahme des Reichtums ent- 
springende Zunahme in der Menge der edlen Metalle 



Kap. XI.: Verschiedene Wirkungen d. Fort.schritt.s d. Kultur. 299 

nicht die Wirkung hat, ihren Wert zu verringern, habe 
ich bereits gezeigt. Gold und Silber fließen naturgemäß 
in die reichen Länder, aus demselben Grunde, aus dem 
alle Arten von Luxusartikeln dahin strömen; nicht 
weil sie wohlfeiler sind, als in ärmeren Ländern, son- 
dern weil sie teurer sind, und ein besserer Preis dafür 
bezahlt wird. Es ist der höhere Preis, der sie anzieht, 
und sobald dieser aufhört, hören auch sie notwendig 
auf, dahin zu gehen. 

Ich habe bereits gezeigt, daß mit Ausnahme dos 
Getreides und anderer lediglich durch den menschlichen 
Fleiß hervorgebrachter Gewächse, alle übrigen Arten 
von Rohprodukten, wie Vieh, Geflügel, Wildpret aller 
Art, die nützlichen Fossilien und Mineralien der Erde 
usw. in dem Grade teurer werden, wie die Gesell- 
schaft an Reichtum zunimmt. Obgleich nun solche 
Waren eine größere Silbermenge gelten als früher, 
so folgt daraus doch nicht, daß das Silber wirklich 
wohlfeiler geworden ist und weniger Arbeit als früher 
kaufen kann, sondern nur, daß jene Waren teurer 
geworden sind und mehr Arbeit als früher kaufen. 
Nicht bloß ihr nomineller, sondern auch ihr wirklicher 
Preis steigt mit dem Fortschritt der Kultur. Das 
Steigen ihres Nominalpreises ist nicht die Wirkung 
einer Verringerung des Silberwerts, sondern die der 
Zunahme ihres wirklichen Preises. 



Verschiedene Wirkungen des Fortschritts der Kultur auf 
drei verschiedene Arten von Rohprodukten. 

Die verschiedenen Arten von Rohprodukten lassen 
sich in drei Klassen teilen. Die erste begreift die- 
jenigen in sich, deren Vermehrung durch menschlichen 
Fleiß nicht zu bewirken ist; die zweite die, die sich 



300 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

durch Fleiß je nach der Nachfrage vermehren lassen; 
die dritte die, bei denen die Wirksamkeit des Fleißes 
beschränkt oder ungewiß ist. Mit dem Fortschreiten 
des Reichtums und der Kultur kann der wirkliche 
Preis der ersteren auf eine übertriebene Höhe steigen, 
und scheint durch keine bestimmte Grenze beschränkt 
zu sein. Die Produkte der zweiten Klasse können 
zwar sehr hoch steigen, allein es ist eine bestimmte 
Grenze vorhanden, über die sie nicht lange Zeit hin- 
ausgehen können. Die der dritten Klasse haben zwar 
auch die natürliche Neigung, bei fortschreitender 
Kultur zu steigen, doch können sie bei demselben 
Grade der Kultur auch im Preise sinken oder auf 
demselben Punkte bleiben oder mehr oder weniger 
steigen, je nachdem diese oder jene Zufälligkeiten die 
auf Vervielfältigung dieser Art von Rohprodukten ge- 
richteten Anstrengungen des menschlichen Fleißes 
mehr oder weniger begünstigen. 

Erste Art. 
Die erste Art von Rohprodukten, deren Preis bei 
fortschreitender Kultur steigt, ist diejenige, die sich 
durch menschlichen Fleiß kaum irgendwie vermehren 
läßt. Sie besteht in den Dingen, die die Natur nur 
in bestimmten Mengen hervorbringt, und die man 
wegen ihrer leichtes Verderben befördernden Eigen- 
schaften nicht Jahre lang aufsammeln kann; so die 
meisten seltenen Vögel und Fische, viele Sorten Wild- 
pret, fast alles wilde Geflügel, insbesondere alle Zug- 
vögel und viele andere Dinge. Wenn der Reichtum 
und der damit verbundene Luxus zunimmt, nimmt 
voraassichtlich auch die Nachfrage nach ihnen zu; aber 
keine Anstrengung menschlichen Fleißes kann viel mehr 
davon herbeischaffen, als schon vor Steigerung der Nach- 
frage davon vorhanden war. Wenn nun die Menge 



Kap. XI.: Verscliieclene Wirkiino-en rl Fortschritts d. Kultur. 301 

solcher "Waren so ziemlich dieselbe bleibt, während der 
Wettbewerb der Käufer stets zunimmt, so kann ihr Preis 
eine außerordentliche Höhe erreichen und scheint an 
keine bestimmte Grenze gebunden zu sein. Wenn 
Schnepfen von den Vornehmen auch so sehr gesucht 
würden, daß man das Stück mit zwanzig Guineen be- 
zahlte, so wäre doch keine menschliche Anstrengung 
im stände, die gegenwärtig auf den Markt kommende 
Zahl bedeutend zu vermehren. Auf diese Weise läßt 
sich der hohe Preis, den die Römer in den Zeiten ihres 
höchsten Glanzes für seltene Vögel und Fische bezahlten, 
leicht erklären. Diese Preise waren nicht die Wirkun- 
gen des niedrigen Silberwertes in jenen Zeiten, sondern 
des hohen Wertes solcher Seltenheiten und Liebhabe- 
reien, die menschlicher Fleiß nicht nach Belieben ver- 
mehren konnte. Der wirkliche Wert des Silbers war 
in Rom einige Zeit vor und nach dem Untergange der 
Republik höher, als er gegenwärtig im größten Teil 
Europas ist. Drei Sestertien, etwa sechs Pence Ster- 
ling, waren der Preis, den die Republik für den Modius 
oder Peck des sizilianischen Zehnten Weizens zahlte. 
Doch blieb dieser Preis wahrscheinlich hinter dem durch- 
schnittlichen Marktpreise zurück, da die Verpflichtung, 
ihren Weizen zu diesem Satze zu liefern, als ein den 
sizilianischen Landwirten auferlegter Tribut betrachtet 
wurde, und wenn die Römer mehr Getreide kommen 
lassen mußten, als der Zehnte betrug, so waren sie ver- 
tragsmäßig verpflichtet, für den Überschuß den Satz 
von vier Sestertien oder 8 Pence Sterling per Peck zu 
zahlen. Dieser Preis, der wahrscheinlich als mäßig und 
billig, d. h. als durchschnittlicher Kontraktpreis galt, 
ist etwa so viel wie 21 Schilling für den Quarter. 
28 Schilling für den Quarter waren vor den letzten 
schlechten Erntejahren der gewöhnliche Kontiaktpreis 
für den englischen Weizen, der dem sizilianischen an 



302 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Güte nachsteht und auf dem europäischen Markte in 
der Regel schlechter bezahlt wird. Der Silberwert muß 
sich also zu dem heutigen wie drei zu vier verhalten 
haben, d. h. für drei Unzen Silber mußte damals die 
nämliche Quantität Arbeit und Waren zu kaufen sein, 
als jetzt für vier Unzen. Wenn wir daher im Plinius 
lesen, daß Sejus"*') eine weiße Nachtigall als ein Ge- 
schenk für die Kaiserin Agrippina für 6000 Sestertien, 
etwa 50 Pfund unseres Geldes, und Asinius Celer'''*) 
eine Meerbarbe für 8000 Sestertien, etwa £ 66. 13 sh. 
4 d. unseres Geldes, kaufte, erscheinen uns diese Preise, 
so sehr wir über ihre außerordentliche Höhe staunen, 
doch noch um ein Drittel mäßiger, als sie wirklich 
waren. Ihr wirklicher Preis, die Menge von Arbeit und 
Lebensmitteln, die dafür gegeben wurde, betrug etwa 
ein Drittel mehr, als ihr Nominalpreis uns jetzt an- 
deutet. Sejus gab für die Nachtigall soviel an Arbeit 
und Lebensmitteln, wie gegenwärtig £ 66. 13 sh. 4 d., 
und Asinius Celer für die Meerbarbe soviel wie jetzt 
£ 88. 17 sh. 9 d. kaufen würden. Die außerordentliche 
Höhe dieser Preise wurde nicht sowohl durch den Über- 
fluß an Silber, als durch den Überfluß an Arbeit und 
Lebensmitteln veranlaßt, die jenen Römern über den 
eigenen Bedarf zur Verfügung standen. Die ihnen zu 
Gebote stehende Menge Silber war um vieles geringer, 
als die, welche sie sich heute durch die Verfügung 
über eine gleiche Menge von Arbeit und Lebensmitteln 
würden verschaffen können. 

Zweite Art. 
Die zweite Art von Rohprodukten, deren Preis 
mit der fortschreitenden Kultur steigt, ist die, welche 
menschlicher Fleiß je nach der Nachfrage vervielfäl- 
tigen kann. Sie besteht in jenen nützlichen Pflanzen 

*) Lib. X. c. 29. — *•) Lib. IX. c. 17. 



Kap. XT.: Verschiedene Wirkun,£>'en d. Fortschritts d. Tvultiir. 303 

und Tieren, die die Natur in unkultivierten Ländern 
in so verschwenderischer Fülle hervorbringt, daß sie 
nur wenig oder gar keinen Wert haben, und welche 
darum mit dem Fortschritt des Bodenanbaues anderen 
einträglicheren Erzeugnissen Platz machen müssen. 
Während einer langen Periode fortschreitender Kultur 
vermindert sich stetig ihre Menge, während gleichzeitig 
die Nachfrage nach ihnen fortwährend zunimmt. Ihr 
wirklicher Wert, die wirkliche Arbeitsmenge, die dafür 
zu haben ist, steigt daher allmählich, bis er zuletzt auf 
einem Punkte anlangt, wo ihre Produktion ebenso ge- 
winnbringend wird, wie die irgend einer anderen 
Sache, die menschlicher Fleiß dem fruchtbarsten und 
bestkultivierten Lande abgewinnen kann. Über diesen 
Punkt hinaus kann der Preis nicht wohl steigen, da 
sonst bald mehr Land und Fleiß auf Vermehrung der 
Menge verwendet werden würde. 

Steigt z. B. der Preis des Viehs so hoch, daß es 
ebenso gewinnreich ist, auf dem Boden Nahrung für 
Vieh, als für den Menschen zu ziehen, so kann er 
nicht wohl höher gehen, weil sonst bald mehr Getreide- 
land zu Weide gemacht werden würde. Die Ausdehnung 
der Acker Wirtschaft verringert einerseits den Umfang 
des wilden Weidelandes und dadurch die Menge des 
Fleisches, die das Land ohne Arbeit und Anbau von 
selbst hervorbringt, und vermehrt andererseits die Zahl 
und Nachfrage derer, die Getreide, oder, was auf das- 
selbe hinauskommt, den Preis des Getreides dafür in 
Tausch zu geben haben. Der Preis des Fleisches, und 
folglich auch der des Viehs muß daher immer mehr 
und soweit steigen, bis es ebenso gewinnbringend wird, 
das fruchtbarste und bestkultivierte Land zur Er- 
zeugung von Viehfutter als zum Getreidebau zu be- 
nutzen. Doch kann der Ackerbau erst bei weit fort- 
geschrittener Kultur derart ausgedehnt werden, daß 
der Preis des Viehs auf diese Höhe kommt, und bis 



304 Erstes Buch: Zunahme, in der Ertragskraft der Arbeit. 

es dahin gekommen ist, muß sein Preis, wenn das Land 
überhaupt fortschreitet, beständig steigen. Es mag 
Gegenden in Europa geben, wo der Preis des Viehs 
noch nicht so hoch gestiegen ist. In Schottland war er 
vor der Union nirgends so hoch, und wäre das Vieh 
immer auf den schottischen Markt beschränkt geblieben, 
so dürfte hier, wo der zu nichts anderem als zur Vieh- 
weide brauchbare Boden im Verhältnis zu dem, der 
sich zu anderen Zwecken eignet, so groß ist, der Preis 
des Viehs wohl schwerlich so hoch gestiegen sein, um 
den Futterbau gewinnreich zu machen. In England 
scheint, wie bereits bemerkt, der Preis des Viehs in der 
Nähe von London jene Höhe im Anfange des vorigen 
Jahrhunderts erreicht zu haben ; erst viel später erreichte 
er sie in den meisten entlegneren Gegenden, und in 
manchen von ihnen mag er sie wohl heute noch nicht 
erreicht haben. Doch ist von allen zur zweiten Art 
gehörigen Rohprodukten das Vieh wohl dasjenige, 
dessen Preis bei fortschreitender Kultur zuerst auf 
diese Höhe steigt. 

In der Tat scheint es kaum möglich, daß, bevor 
der Preis des Viehs diese Höhe erreicht hat, der größte 
Teil selbst des der höchsten Kultur fähigen Bodens 
vollständig kultiviert sein kann. Auf allen Gütern, die 
zu weit von einer Stadt entfernt sind, als daß aus ihr 
Dünger dahin gebracht werden könnte, d. h. auf den 
meisten Gütern eines ausgedehnten Landes muß die 
Menge des gutangebauten Bodens sich nach der Menge 
des Düngers richten, den das Gut selbst hervorbringt, 
und diese wiederum hängt von dem Viehstande des 
Gutes ab. Der Boden wird entweder durch das auf ihm 
weidende Vieh oder dadurch gedüngt, daß man das Vieh 
im Stalle füttert und den Mist auf das Land schafft. 
Wenn aber der Preis des Viehs nicht hoch genug ist, 
um die Rente und den Gewinn kultivierten Bodens 
zu bezahlen, so kann der Landwirt es nicht auf ihm 



Kap. XT.: Verschiedene Wirkungen d. Fortschritts d. Kultur. 305 

weiden lassen und noch viel weniger es im Stalle füt- 
tern. Nur mit den Erzeugnissen eines hoch kultivierten 
Bodens kann das Vieh im Stalle gefüttert werden, weil 
es zu viel Arbeit erfordern und zu kostspielig sein 
würde, die spärlichen und vereinzelten Produkte unan- 
gebauten Ödlandes zu sammeln. Wenn daher der Preis 
des Viehs nicht hinreicht, die Erzeugnisse des ange- 
bauten Bodens zu bezahlen, auf dem es weidet, so wird 
jener Preis noch weniger hinreichen, diese Erzeugnisse 
zu bezahlen, wenn sie überdies mit vieler Mühe ge- 
sammelt und in den Stall gebracht werden müssen. 
Unter diesen Umständen kann deshalb nicht mehr Vieh 
gewinnbringend im Stalle gefüttert werden, als zur 
Bestellung nötig ist. Diese Anzahl aber kann niemals 
genug Dünger geben, um alles kulturfähige Land fort- 
während in gutem Stande zu erhalten. Da der so ge- 
lieferte Dünger für das ganze Gut unzureichend ist, 
so wird er für den Boden bewahrt, auf dem or am 
vorteilhaftesten und passendsten verwendet werden 
kann, nämlich auf dem fruchtbarsten oder etwa auf 
dem unmittelbar um den Pachthof liegenden Boden. 
Dieser wird mithin beständig in gutem Stande und an- 
baufähig erhalten, während man den übrigen größten- 
teils brach liegen läßt, so daß er nur etwas spärliche 
Weide für ein paar vereinzelt grasende, halb verhun- 
gerte Stücke Vieh abwirft. So besitzt das Gut, obwohl 
mit einem zu seiner vollständigen Bestellung nicht 
zulänglichen Viehstande versehen, dennoch oft im Ver- 
hältnis zu seiner dermaligen Produktion zu viel Vieh. 
Ein Teil dieses Brachlandes kann jedoch, nachdem es 
in dieser elenden Manier sechs oder sieben Jahre lang 
abgeweidet worden ist, umgeackert werden, um dann 
vielleicht ein oder zwei ärmliche Ernten schlechten 
Hafers oder einer anderen groben Getreideart zu lie- 
fern, wonach es gänzlich erschöpft wieder ausruhen 

Adam Smith, Volkswohlstand. I. -i-O 



306 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

und abgeweidet werden muß; dann wird ein anderer 
Teil umgepflügt, um seinerseits auf dieselbe Weise er- 
schöpft zu werden und wieder brach liegen zu bleiben. 
So war das Wirtschaftssystem im ganzen schottischen 
Tieflande vor der Union beschaffen. Der jahraus jahr- 
ein wohlgedüngte und in gutem Stande erhaltene Boden 
machte selten mehr aus, als den dritten oder vierten 
Teil des ganzen Gutes, mitunter aber nicht einmal den 
fünften oder sechsten Teil; der Rest wurde niemals 
gedüngt, sondern nur immer ein gewisser Teil davon 
abwechselnd geackert und erschöpft. Bei diesem Wirt- 
schaftssystem konnte offenbar selbst der anbaufähige 
Teil des schottischen Bodens im Verhältnis zu seiner 
Ertragsfähigkeit nur wenig hervorbringen. So unvor- 
teilhaft aber auch dies System erscheinen mag, so 
machte doch der niedrige Preis des Viehs vor der Union 
dasselbe beinah unvermeidlich. Wenn es auch jetzt 
noch trotz der bedeutend höheren Viehpreise in einem 
großen Teil des Landes vorherrscht, so ist dies an 
vielen Orten ohne Zweifel der Unwissenheit und der 
Anhänglichkeit an alte Gewohnheiten zuzuschreiben, 
meistens aber den unvermeidlichen Hindernissen, die der 
natürliche Gang der Dinge der sofortigen Einführung 
eines besseren Systems entgegensetzt: nämlich erstens 
der Armut der Pächter oder dem Umstände, daß sie 
noch nicht Zeit hatten, sich einen für die vollständigere 
Bestellung zulänglichen Viehstand anzuschaffen, da 
dieselbe Preiserhöhung, die die Unterhaltung eines 
größeren Viehstandes für sie vorteilhaft machen würde, 
auch wieder seine Anschaffung erschwert; zweitens dem 
Umstände, daß sie, falls sie ihn anschaffen konnten, 
noch nicht Zeit hatten, ihre Ländereien auf die Unter- 
haltung eines größeren Viehstandes ordentlich einzu- 
richten. Die Vermehrung des Viehstandes und die Ver- 
besserung des Bodens müssen Hand in Hand gehen, und 



Kap. XL: A'ersrhiedene Wirkungen d. Fortschritts d. Kiütiir. 397 

das eine kann niemals dem anderen weit vorauseilen. 
Ohne eine Verbesserung des Bodens ist eine Zunahme 
des Viehstandes kaum möglich, und eine beträchtliche 
Zunahme des Viehstandes kann nur infolge einer be- 
deutenden Bodenverbesserung eintreten, weil sonst der 
Boden dem Vieh keinen Unterhalt gewähren könnte. 
Diese natüi'lichen Hindernisse der Einführung eines 
besseren Systems lassen sich nur durch eine lange fort- 
gesetzte Sparsamkeit und Arbeitsamkeit entfernen, und 
es dürfte ein halbes oder vielleicht ein Jahrhundert 
vergehen, bis das allmählich verschwindende frühere 
System in allen Teilen des Landes vollständig abge- 
schafft sein kann. Unter allen kommerziellen Vorteilen, 
die Schottland aus der Union mit England gezogen 
hat, ist jedoch diese Erhöhung des Viehpreises wohl 
der größte: sie hat nicht nur den Wert aller Hoch- 
landgüter gesteigert, sondern ist wohl auch die Haupt- 
ursache der verbesserten Kultur des Tieflandes. 

In allen neuen Kolonien vermehrt sich in Folge 
der großen Menge öden Landes, das viele Jahre lang 
nur zur Viehweide benutzt werden kann, das Vieh bald 
außerordentlich, und große Wohlfeilheit ist in allen 
Dingen eine notwendige Folge des Überflußes. Ob- 
gleich alles Vieh der europäischen Kolonien in Ame- 
rika ursprünglich von Europa dahin gebracht wurde, 
so vermehrte es sich doch bald so sehr und ward so 
wertlos, daß man selbst die Pferde wild in den Wäldern 
umherlaufen ließ, und ihr Besitzer es nicht der Mühe 
für wert hielt, sie für sich zu beanspruchen. Erst 
lange nach der ersten Ansiedelung kann es Gewinn 
bringen, mit den Produkten kultivierten Landes Vieh 
zu mästen. Die gleichen Ursachen nämlich der Mangel 
an Dünger und das Mißverhältnis zwischen dem zur 
Bestellung verwendeten Kapital und dem Boden, zu 
dessen Bestellung es bestimmt ist, führen daher dort 

20* 



308 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

ZU einem, dem noch heute in vielen Teilen Schottlands 
bestehenden, nicht unähnlichen Wirtschaftssystem. Der 
schwedische Reisende Kalm bemerkt daher in seinem 
Bericht über die Landwirtschaft einiger englischer Ko- 
lonien in Amerika, wie er sie 1749 fand, daß er dort 
den Charakter der in allen Zweigen der Landwirtschaft 
so weit vorgeschrittenen englischen Nation kaum 
wiederzuerkennen vermochte. Die Getreidefelder, sagt 
er, düngt man dort kaum; ist ein Stück Land durch 
mehrere auf einander folgende Ernten erschöpft, so 
lichtet und kultiviert man ein anderes Stück Land, 
und wenn auch dieses erschöpft ist, macht man sich 
an ein drittes. Das Vieh läßt man in den Wäldern 
und auf sonstigem unangebauten Boden umherlaufen, 
wo es halb verhungert; denn der Graswuchs ist längst 
beinahe vernichtet, weil man es vorzeitig im Frühling 
abmähte, ehe es Blüten treiben und Samen ausstreuen 
konnte. Die einjährigen Gräser waren, wie es scheint, 
in jenem Teile Nordamerikas früher das beste wild- 
wachsende Gras, und als die Europäer sich zuerst dort 
niederließen, wuchs es sehr dicht, und wurde drei bis 
vier Fuß hoch. Ein Stück Wiese, das zu Kalms Zeit 
nicht eine einzige Kuh ernähren konnte, ernährte früher, 
wie man ihn versicherte, deren vier, die jede vier mal 
so viel Milch gaben, als jene eine zu geben imstande 
war. Die Armut des AVeidelandes hatte nach seiner 
Ansicht die Entartung des von einer Generation zur 
andern sichtlich schlechter werdenden Viehs zur Folge. 
Vermutlich war es jener verkümmerten Race ähnlich, 
die vor dreißig bis vierzig Jahren in ganz Schottland 
gewöhnlich war, und die jetzt in dem größeren Teile 
des Tieflandes nicht sowohl durch Kreuzung — ob- 
wohl hier und da auch dieses Mittel angewandt wurde 
— , als durch eine bessere Ernährung so sehr veredelt 
worden ist. 

Obwohl hiernach der Fortschritt des Anbaus schon 



Kap. XI.: Verschieden eWirkun,i>en d. Fortschritts d. Kultur. 309 

weit gediehen sein muß, ehe das Vieh einen so hohen 
Preis bringen kann, daß die Bestellung des Landes 
mit Futterkräutern lohnend wird, so ist doch unter 
allen Produkten der zweiten Art Vieh dasjenige, das 
wohl zuerst diesen Preis bringt, weil es unmöglich 
scheint, daß die Kultur auch nur jenen Grad von Voll- 
kommenheit, zu welchem sie in vielen Teilen Europas 
gediehen ist, früher erreichen kann. 

Wild hingegen bringt wohl jenen Preis zuletzt. 
Der Preis des Wildes in Großbritannien, so hoch er 
erscheinen mag, ist doch nicht entfernt hinreichend, 
die Kosten eines Wildparks einzubringen, wie Allen 
bekannt ist, die einige Erfahrung darin haben. Wenn 
es anders wäre, so würde die Aufziehung von Wild 
sich bald einbürgern, wie bei den alten Römern die 
Aufzucht jener kleinen Vögel, Turdi genannt. Varro 
und Columella versichern, daß diese Zucht sehr einträg- 
lich war. Die Aufzucht der Ortolane, mager ins Land 
kommender Zugvögel, soll in einigen Gegenden Frank- 
reichs mit Vorteil betrieben werden. Wenn das Wild- 
pret Modeartikel bleibt, und der Reichtum und Luxus 
Großbritanniens so weiter wächst, wie es seit einiger 
Zeit der Fall ist, so kann sein Preis recht wohl noch 
höher steigen. 

Zwischen der Periode des Fortschritts der Boden- 
kultur, die den Preis eines so notwendigen Artikels, 
wie Nutzvieh, und derjenigen, die. den Preis eines so 
überflüssigen Artikels, wie Wild, auf seinen Höhepunkt 
bringt, ist ein langer Zwischenraum, in dessen Verlauf 
allmählich viele andere Arten von Rohprodukten, die 
einen je nach Umständen früher, die anderen später, 
ihren höchsten Preis erreichen. 

So pflegt auf jedem Gute von den Abgängen aus 
Scheunen und Ställen eine gewisse Anzahl Geflügel 
erhalten zu werden, das, da es sich von sonst ver- 



310 Erstes Buch: Zunahme in der Ei'tragski'aft der Arbeit. 

loren gehenden Abfällen nährt, eine reine Ersparnis 
darstellt, und, da es den Landmann kaum etwas kostet, 
von ihm um ein Geringes verkauft weiden kann. Bei- 
naho alles, was er dafür erhält, ist reiner Growinn, 
und der Preis kann kaum so niedrig werden, um ihn 
von der Aufzucht jener Anzahl abzuhalten. In schlecht 
bebauten und darum auch nur dünnbevölkerten Ländern 
ist das so ohne Kosten aufgezogene Geflügel oft in 
ausreichender Menge vorhanden, um die ganze Nach- 
frage zu befriedigen. Bei diesem Stande der Dinge ist 
es oft so wohlfeil wie Fleisch von Schlachtvieh oder 
irgend eine andere Art tierischer Nahrung. Allein die 
ganze Menge von Federvieh, welche das Gut auf 
diese Weise ohne Kosten hervorbringt, muß immer 
viel geringer sein, als die Gesamtmenge des Fleisches, 
das auf ihm gewonnen wird; und in Zeiten des Reich- 
tums und des Luxus wird immer das Seltene, wenn 
es nur ungefähr ebenso gut ist, dem Gewöhnlichen 
vorgezogen. Wenn daher Reichtum und Luxus infolge 
höherer Kultur zunehmen, so steigt der Preis des Feder- 
viehs allmählich über den des Schlachtviehes, bis er 
zuletzt den Punkt erreicht, wo es lohnend wird, auch 
zur Aufzucht von Geflügel Land zu bestellen. Über 
diese Höhe jedoch kann der Preis nicht wohl steigen, 
weil sonst bald mehr Land für diesen Zweck bestimmt 
werden würde. In einigen französischen Provinzen wiixl 
die Geflügelzucht als ein sehr wichtiger Artikel der 
Landwirtschaft und als vorteilhaft genug angesehen, 
um den Landmann zur Anpflanzung einer großen 
Menge Mais und Buchweizen zu diesem Zwecke zu 
veranlassen. Ein mittlerer Bauer hat dort manchmal 
400 Stück Federvieh auf seinem Hofe. In England 
scheint man der Geflügelzucht noch nicht diese Wichtig- 
keit beizulegen, und doch ist hier Geflügel teurer, als 
in Frankreich, von wo eine große Zufuhr erfolgt. Bei 



Kap. XL: Verschiedene Wirkunp,'en d. Fortschritts d. Kultur. 311 

fortschreitender Kultur mulj der Zeitpunkt, wo jede 
Gattung tierischer Nahrung ihren höchsten Preis er- 
reicht, eintreten, unmittelbar bevor es allgemeinere 
ßegel wird, den Boden mit Yiehfutter zu bestellen. 
Ehe dies allgemein wird, muß der Mangel eine Zeit- 
lang den Preis steigern; später aber werden gewöhnlich 
neue Fütterungsmethoden ersonnen, die den Landmann 
instand setzen, auf einer gleichen Fläche Landes eine 
weit größere Menge tierischer Nahrung zu erzeugen. 
Die große Menge zwingt ihn dann nicht nur wohlfeiler 
zu verkaufen, sondern jene Verbesserungen setzen ihn 
auch instand, es zu können; denn könnte er es nicht, 
so würde es mit der großen Menge nicht lange dauern. 
Wahrscheinlich hat auf diese Weise der Anbau des Klees, 
der ßüben, der Möhren, des Kohls usw. dazu beige- 
tragen, den gewöhnlichen Preis des Schlachtfleisches 
auf dem Londoner Markte etwas niedriger zu stellen, 
als es zu Anfang des vorigen Jahrhunderts stand. 

Das Schwein, das seine Nahrung im Kot findet 
und viele Dinge, die andere Nutztiere verschmähen, 
gierig verschlingt, wird wie das Geflügel anfänglich 
der Ersparnis wegen gehalten. So lange die Zahl solcher 
Tiere, die mit wenig oder gar keinen Kosten aufge- 
zogen werden können, zur Deckung der Nachfrage hin- 
reicht, kommt das von ihnen gewonnene Fleisch zu weit 
niedrigerem Preise auf den Markt, als jedes andere. 
Wenn aber die Nachfrage größer wird, so daß man 
behufs Aufzucht und Mast der Schweine Futter an- 
bauen muß, wie für andere Tiere auch, so steigt not- 
wendig der Preis und wird höher oder niedriger sein 
als der von anderem Fleisch, je nachdem die Natur 
des Landes und der Stand seiner Landwirtschaft die 
Aufzucht von Schweinen teurer oder billiger macht, 
als die anderen Viehes. In Frankreich ist nach Buffon 
der Preis des Schweinefleisches ebenso hoch, als der des 



312 Ki"«tes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Rindfleisches. In den meisten Gegenden Grroßbritanniens 
ist er gegenwärtig etwas höher. 

Das starke Steigen im Preise der Schweine und 
des Federviehs hat man in Großbritannien häufig der 
verringerten Anzahl der Grundbesitzer und kleinen 
Häusler zugeschrieben; eine Erscheinung, die in ganz 
Europa der unmittelbare Vorläufer besserer landwirt- 
schaftlicher Methoden war, und die zu gleicher Zeit 
immerhin dazu beigetragen haben mag, den Preis jener 
Artikel etwas früher und schneller zum Steigen zu 
bringen, als es sonst geschehen sein würde. Wie die 
ärmste Familie ohne alle Kosten sich eine Katze oder 
einen Hund halten kann, so können sich die ärmsten 
Grundbesitzer gewöhnlich mit sehr geringen Koston 
etwas Federvieh oder eine Sau und ein Paar Ferkel 
halten. Die Abfälle ihres Tisches, Molken, abgerahmte 
und Buttermilch liefern für diese Tiere einen Teil der 
nötigen Nahrung, und das Übrige finden sie auf den 
nahegelegenen Feldern, ohne jemandem merklichen Scha- 
den zu tun. Durch Verminderung der Zahl jener kleinen 
Besitzer muß daher auch die Menge dieser Art mit weni- 
gen oder ohne alle Kosten erzeugten Lebensmittel er- 
heblich geringer geworden, und infolge dessen ihr Preis 
früher und schneller gestiegen sein, als es sonst ge- 
scliehen sein würde. Früher oder später jedoch muß 
er bei fortschreitender Kultur auf seinen Höhepunkt, 
d. li. auf den Preis kommen, durch welchen die Arbeit 
und Kulturkosten des zum Futterbau verwendeten 
Bodens ebenso bezahlt werden, wie sie von dem größten 
Teil des übrigen angebauten Bodens bezahlt werden. 

Auch die Milchwirtschaft wird ursprünglich, wie 
das Aufziehen von Schweinen und Federvieh, nur aus 
Ersparnis botrieben. Das auf dem Gute unentbehrliche 
Vieh bi'ingt mehr Milch hervor, als die Aufzucht der 
Jungen oder der Verbrauch der Gutsfamilie erfordert. 



Kap. XL: Verschiedene Wirkungen d. Fortschritts d. Kultur. 313 

und in einer bestimmten Jahreszeit liefert es davon 
besonders viel. Nun ist aber von allen Produkten der 
Landwirtschaft Milch wohl dasjenige, das sich am 
wenigsten hält. In der warmen Jahreszeit, wo ihr Vor- 
rat am größten ist, hält sie sich kaum vierundzwanzig 
Stunden lang. Macht der Landmann frische Butter 
daraus, so kann er einen kleinen Teil eine Woche lang, 
macht er gesalzene Butter, ein Jahr lang, und macht 
er Käse daraus, so kann er einen viel größeren Teil 
mehrere Jahre lang aufbewahren. Einiges davon ge- 
braucht er für seine eigene Familie; das Übrige kommt 
auf den Markt, um dort den besten Preis zu erzielen, 
der zu erhalten ist, und der kaum so niedrig sein kann, 
daß er den Landmann abhält, alles hinzuschicken, was 
seine eigene Familie nicht gebraucht. Ist der Preis sehr 
niedrig, so wird er seine Milchkammer vielleicht in 
liederlichem und schmutzigem Stande halten und es 
kaum der Mühe wert erachten, einen eigenen Raum 
oder Bau zu diesem Zwecke zu bestimmen, sondern 
er wird das Geschäft mitten im Rauch, Schmutz und 
Unrat seiner Küche treiben; wie es auf den meisten 
Bauernhöfen Schottlands vor dreißig oder vierzig Jahren 
herging, und bei vielen noch heute hergeht. Dieselben 
Ursachen, die ein allmähliches Steigen der Fleischpreise 
bewirken, nämlich die Zunahme der Nachfrage und die 
infolge erhöhter Bodenkultur verringerte Zahl des mit 
wenig oder gar keinen Kosten aufgezogenen Viehes, 
bewirken auch eine Preissteigerung der Produkte der 
Milchwirtschaft, deren Preis mit dem des Fleisches oder 
mit den Kosten der Viehzucht natürlich zusammenhängt. 
Der steigende Preis macht für mehr Arbeit, Sorgfalt 
und Reinlichkeit bezahlt; die Milchwirtschaft wird da- 
durch der Aufmerksamkeit des Landmanns würdiger, 
und die Qualität ihres Produktes wird allmählich besser. 
Schließlich erreicht der Preis eine solche Höhe, daß 



314 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

es der Mühe lohnt, einen Teil des fruchtbarsten und 
bestkultivierten Landes der Aufzucht von Vieh blos zum 
Zwecke der Milchgewinnung zu widmen; doch wenn 
er diese Höhe erlangt hat, kann er nicht wohl höher 
steigen. Andernfalls würde bald demselben Zwecke 
mehr Land gewidmet werden. Im größten Teil Englands, 
wo bereits viel gutes Land auf diese Weise benutzt 
zu werden pflegt, scheint der Milchpreis diese Höhe 
erreicht zu haben; nicht aber in Schottland, wo, mit 
Ausnahme der Umgebung einiger großen Städte ge- 
wöhnliche Landleute selten viel gutes Land dazu ver- 
wenden, um darauf Yiehfutter bloß zum Zwecke der 
Milchgewinnung zu erzeugen. Der Preis, so stark er 
auch seit wenigen Jahren gestiegen ist, mag dazu doch 
noch zu niedrig sein. Die geringe Güte der Milch in 
Schottland im Vergleich zu der englischer AVirtschaften 
stimmt ganz mit der Niedrigkeit des Preises überein; 
doch ist diese geringe Qualität wohl eher die "Wirkung 
als die Ursache des niedrigen Preises. Wenn auch die 
Beschaffenheit viel besser wäre, so könnte doch, fürchte 
ich, unter den gegenwärtigen Verhältnissen des Landes 
die meiste auf den Markt gebrachte Milch zu keinem 
viel besseren Preise verkauft werden, und der gegen- 
wärtige Preis ist wahrscheinlich nicht hoch genug, um 
die Kosten für Land und Arbeit zu ersetzen, welche 
zur Herstellung einer besseren Qualität erforderlich 
sein würden. Im größten Teil Englands wird die 
Milchwirtschaft trotz des höheren Preises nicht für 
eine einträglichere Bodenverwendung gehalten, als 
der Getreidebau oder die Viehzucht, die beiden be- 
deutendsten Gegenstände der Landwirtschaft. Im größ- 
ten Teile Schottlands kann sie daher selbst nicht ein- 
mal so einträglich sein. 

In keinem Lande kann offenbar der Boden nicht 
eher vollständig kultiviert sein, bis der Preis aller Pro- 



Kap. XI.: Verschiedene Wirkungen d. Fortschritts d. Kultur. 315 

dukte, die menschlichor Fleiß ihm abgewinnen muß, 
so hoch gestiegen ist, um die Kosten einer so voll- 
kommenen Kultur zu lohnen. Um dies zu tun, muß 
der Preis jedes einzelnen Produkts hini'eichond sein, 
erstens um die Rente guten Getreidelandes abzuwerfen, 
da sich nach dieser die Rente des meisten übrigen 
kultivierten Landes richtet, und zweitens die Arbeit 
und die Auslagen des Pächters eben so wie gewöhnlich 
bei gutem Getreidelande zu bezahlen, oder mit anderen 
Worten, ihm das verwendete Kapital samt den üblichen 
Gewinnen zurückzuerstatten. Diese Preissteigerung 
jedes einzelnen Produkts muß offenbar der Kultur 
des zu seiner Hervorbringung bestimmten Bodens vor- 
angehen. Gewinn ist der Zweck aller Verbesserungen, 
und sie verdienen diesen Namen nicht, wenn Verluste 
aus ihnen erwachsen. Verlust muß aber notwendig 
aus einer Kultur entstehen, deren Produkt durch seinen 
Preis die Kosten nicht wieder erstatten kann. "Wenn 
die vollkommene Kultur des Landes für das Gemein- 
wohl, wie nicht bezweifelt werden kann, von höchstem 
vSegen ist, so darf man dies Steigen im Preise aller 
der verschiedenen Arten von Rohprodukten nicht als 
ein öffentliches Unglück, sondern muß es als den 
Vorläufer und Begleiter der größten öffentlichen 
Wohlfahrt betrachten. 

Dies Steigen im nominellen oder Geldpreise aller 
der verschiedenen Arten von Rohprodukten ist auch 
nicht die Folge einer Entwertung des Silbers, sondern 
der Steigerung ihres Sachpreises gewesen. Sie sind 
nicht allein eine größere Menge Silber, sondern auch 
eine größere Menge Arbeit und Lebensmittel wert ge- 
worden, als früher. Da es eine größere Menge Arbeit 
und Lebensmittel kostet, sie auf den Markt zu bringen, 
so stellen sie auf dem Markte auch eine größere Menge 
beider dar, oder sind der Gegenwert einer größeren 
Menge. 



316 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Dritte Art. 

Die dritte und letzte Art von Rohprodukten, deren 
Preis bei fortschreitender Kultur naturgemäß steigt, 
ist die, bei welcher die Einwirkung menschlichen Fleißes 
auf die Vermehrung ihrer Menge beschränkt oder un- 
gewiß ist. Obgleich der Sach preis auch dieser Art von 
Rohprodukten bei fortschreitender Kultur naturgemäß 
zn steigen strebt, so kann es doch, je nach dem Er- 
folge der Bemühungen, ihre Menge zu vermehren, vor- 
kommen, daß der Preis fällt oder in sehr verschiedenen 
Perioden der Entwickelung stehend bleibt oder endlich 
daß er in derselben Periode mehr oder weniger steigt. 

Es gibt gewisse Arten von Rohprodukten, welche 
die Natur gleichsam nur zu Anhängseln anderer ge- 
macht hat, so daß die Menge des einen, die das Land 
hervorbringen kann, notwendig durch die Menge des 
anderen beschränkt wird. So wird z. B. die Mense 
von Wolle oder rohen Häuten, die ein Land hervor- 
bringen kann, durch die Zahl des Groß- und Klein- 
viehs begrenzt, das es zu unterhalten vermag, und 
diese Zahl wird ihrerseits durch den Stand der Kultur 
und den Charakter des Ackerbaus bestimmt. 

Man sollte glauben, daß dieselben Ursachen, die 
den Preis des Fleisches bei fortschreitender Kultur 
allmählich erhöhen, auf die Preise der Wolle und 
rohen Häute die gleiche Wirkung haben und diese 
fast in dem nämlichen Maße erhöhen müßten; und so 
würde es auch wohl sein, wenn in den ersten An- 
fängen der Kultur der Markt für die letzteren Waren 
ebenso eng begrenzt wäre, wie für das erstere. Allein 
hierin findet gewöhnlich ein ausserordentlicher Unter- 
schied statt. 

Der Markt für Fleisch ist fast überall auf das 
Erzeugungsland beschränkt. Zwar treiben Irland und 



Kap. XL: Yerscliicdeno Wirkuni^on d. Fortschritt s d. Kultur. 317 

einige Teile des britischen Amerika einen beträcht- 
lichen Handel mit gesalzenem Fleisch; aber sie sind 
auch, glaube ich, die einzigen Länder in der Handels- 
welt, die einen großen Teil ihres Fleisches nach frem- 
den Ländern ausführen. 

Dagegen ist der Markt für Wolle und rohe Häute 
in den ersten Anfängen der Kultur sehr selten auf 
das Erzeugungsland beschränkt. Sie können bequem 
in ferne Länder geführt werden, die Wolle ohne alle, 
die rohen Häute ohne viel vorherige Zurichtung, und 
da sie für viele Gewerbe den Rohstoff liefern, so 
kann die Industrie andrer Länder eine Nachfrage nach 
ihnen veranlassen, wenn auch das Erzeugungsland 
selbst keine Nachfrage darbietet. 

In schlecht angebauten und darum auch nur dünn 
bevölkerten Ländern steht der Preis der Wolle und der 
Häute zu dem des ganzen Tiers immer in weit höherem 
Verhältnis als in Ländern, wo, bei zunehmender Kultur 
und Bevölkerung mehr Nachfrage nach Schlachtfleisch 
ist. Hume bemerkt, daß zur Zeit der Angelsachsen das 
Vließ auf -/'s des Werts des ganzen Schafes geschätzt 
wurde, was weit über das heutige Verhältnis hinaus- 
geht. In einigen spanischen Provinzen werden, wüe man 
mir versichert, die Schafe oft bloß um des Vließes 
und des Talgs willen geschlachtet; den Kadaver läßt 
man verfaulen, oder von Tieren und Raubvögeln 
fressen. Wenn dies schon in Spanien passiert, so ist es 
in Chili, Buenos-Ayres und vielen anderen Teilen des 
spanischen Amerika die Regel; und das Hornvieh wird 
dort immer nur der Haut und des Talgs wegen ge- 
schlachtet. So pflegte es auch auf Haj'ti zu geschehen, 
so lange es von den Bukaniern beunruhigt wurde und 
bevor die Kultur und Bevölkerung der französischen 
Pflanzungen (die sich jetzt fast rund um die westliche 
Küste der Insel erstrecken), dem Vieh der Spanier, 



318 Erstes Buch: Ziinalime in der Ertragskraft der Arbeit. 

die noch die Ostküste, sowie den ganzen inneren ber- 
gigen Teil des Landes in Besitz haben, einigen Wert 
gegeben hatte. 

Obwohl auch der Preis des ganzen Tiers bei fort- 
schreitender Kultur und Bevülkerunp; notwendi"; steigt, 
so wird doch von dieser Steigerung der Preis des 
Fleisches weit mehr berührt, als der der Wolle und 
der Haut. Der Markt für Fleisch, der im rohen Zu- 
stande der Gesellschaft immer auf das Erzeugungsland 
beschränkt ist, dehnt sich je nach der wachsenden Kul- 
tur und Bevölkerung des Landes aus; der Markt für 
Wolle und Häute aber, der selbst in einem barbarischen 
Lande oft die gesamte Handelswelt umfaßt, kann sich 
selten in demselben Maßstabe erweitern. Die Lajre der 
gesamten Handelswelt kann durch die vermehrte Kultur 
eines einzelnen Landes selten stark berührt werden, und 
der Markt für jene Waren bleibt nach der Kultur ziem- 
lich der nämliche, wie zuvor. Im Laufe der Zeit wird 
er sich natürlich etwas erweitern. Namentlich wenn 
die Gewerbe, denen jene Waren den Rohstoff liefern, 
sich im Lande selbst entwickeln, wird der Markt, wenn 
er sich auch nicht bedeutend erweitert, doch der Pro- 
duktionsstätte weit näher gebracht, als früher, und der 
Preis des Rohstoffs kann sich wenigstens um den Be- 
trag erhöhen, den sonst der Transport nach dem Aus- 
land gekostet hat. Wenn er daher auch nicht in dem- 
selben Maße steigt, wie der Preis des Fleisches, so steigt 
er doch etwas, und wird sicher wenigstens nicht fallen. 

Dennoch ist in England trotz des blühenden Zu- 
standes seiner Wollindustrie, der Preis der englischen 
Wolle seit der Zeit Eduards IH. bedeutend gefallen. 
Aus vielen urkundlichen Nachrichten geht hervor, daß 
unter der Regierung jenes Fürsten (gegen die Mitte 
des 14. Jahrhunderts oder um 1339) 10 sh. damaligen 
Geldes (nach heutigem Gelde 30 sh.) per Tod (28 Pfund) 



Kap. XI.: Verschiedene Wirkungen d. Fortschritts d. Kultur. 319 

englischer Wolle als ein mäßiger Preis angeschen 
wurde'".) Gegenwärtig können 21 sh. für den Tod als 
ein guter Preis für ausgezeichnete englische Wolle an- 
gesehen werden. Der Geldpreis der Wolle zur Zeit 
Eduards III. verhält sich also zu ihrem heutigen Geld- 
preise wie zehn zu sieben. Noch größer ist der Unter- 
schied ihres Sachpreises. Nach dem Satze von G sh. 
8 d. für den Quarter waren 10 sh. in jener früheren 
Zeit der Preis für zwölf Bushel Weizen. Nach dem 
Satze von 28 sh. für den Quarter sind 21 sh. gegen- 
wärtig nur der Preis von 6 Bushel. Mithin steht das 
Verhältnis zwischen dem Sachpreise der früheren und 
der neueren Zeit wie zwölf zu sechs oder zwei zu eins. 
In jener früheren Zeit würde man für den Tod AVolle 
zweimal so viel Lebensmittel und folglich auch zwei- 
mal so viel Arbeit gekauft haben, als heute, wenn der 
Sachlohn der Arbeit in beiden Perioden der nämliche 
gewesen wäre. 

Dies Sinken im Sach- und Nominalpreise der Wolle 
hätte im gewöhnlichen Laufe der Dinge niemals ein- 
treten können, sondern war eine Folge gewaltsamer 
und künstlicher Mittel: nämlich erstens des absoluten 
Ausfuhrverbots, zweitens der Erlaubnis, Wolle aus 
Spanien zollfrei einzuführen, und drittens des Verbots, 
sie aus Irland nach irgend einem anderen Lande als 
England auszuführen. Durch diese Maßnahmen wurde 
der Markt für englische Wolle, statt durch die steigende 
Kultur Englands erweitert zu werden, auf den inlän- 
dischen Markt beschränkt, wo man die Wolle einiger 
anderer Länder mit ihr in Wettbewerb treten läßt, und 
die irische zum Wettbewerb mit ihr zwingt. Da außer- 
dem die irische Wollindustrie so weit entmutigt wird, 
wie es ohne die auffälligste Verletzung der Gorcchtig- 



^) Smiths Memoirs of Wool, Vol. I. c. 5, G, 7; Vol. II c. 176. 



320 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

keit und Billigkeit nur irgend angeht, so können die 
Irländer auch nur einen kleinen Teil ihrer Wolle im 
Lande verarbeiten, und sehen sich daher gezwungen, 
den größten Teil von ihr nach Großbritannien zu schicken, 
dem einzigen Markte, den man ihnen zugesteht. 

Ahnliche verbürgte Nachrichten über den Preis 
der rohen Häute in früherer Zeit habe ich nicht auf- 
zufinden vermocht. Von AVoile wurde im Allgemeinen 
dem Könige eine Steuer entrichtet, und ihre Abschät- 
zung in den Steuerrollen gibt Aufschluß über ihren 
gewöhnlichen Preis. Mit rohen Häuten scheint dies 
nicht der Fall gewesen zu sein. Doch gibt uns Fleet- 
wood nach einer Berechnung zwischen dem Prior des 
Burcester-Klosters in Oxford und einem seiner Kanoniker 
den Preis von ihnen im Jahre 1425 wenigstens für 
diesen besonderen Fall an, nämlich für fünf Ochsen- 
häute 12 sh.; 5 Kuhhäute 7 sh. 3 d.; 36 Häute von 
zweijährigen Schafen 9 sh.; 16 Kalbshäute 2 sh. 1425 
enthielten 12 sh. etwa dieselbe Silbermenge wie 24 sh. 
heute. Eine Ochsenhaut wurde also nach dieser Be- 
rechnung auf 4^.5 sh. unseres gegenwärtigen Geldes 
angeschlagen. Ihr Nominalpreis war weit niedriger als 
gegenwärtig. Nach dem Satze von 6 sh. 8 d. für den 
Quarter würden für 12 sh. in jener Zeit 14^ 5 Bushel 
Weizen zu haben gewesen sein, die, den Bushel zu 
3 sh. 6 d. gerechnet, gegenwärtig 51 sh. 4 d. kosten 
würden. Es war also füi' eine Ochsenhaut damals so- 
viel Korn zu haben, als gegenwärtig für 10 sh. 3 d. 
Soviel betrug mithin ihr Sachpreis. In jener Zeit, wo 
das Vieh den größten Teil des Winters hindurch Hun- 
ger litt, wird es nicht sonderlich groß gewesen sein. 
Gegenwärtig gilt eine Ochsenhaut, die vier Stein ä 16 
Pfund wiegt, für nicht schlecht und damals würde sie 
wahrscheinlich für sehr gut gegolten haben. Rechnet 
man den Stein zu einer halben Krone was gegenwärtig 



Kap. Xr.: Verschiedene Wirkungen d. Fortscliritts d. Kultur. 321 

(Februar 1773) als der gewöhnliche Preis anzunehmen 
ist, so würde eine solche Haut heute nur 10 sh. kosten. 
Obgleich daher ihr Nominalpreis gegenwärtig höher 
ist, als damals, so ist doch ihr Sachpreis, die Menge 
von Lebensmitteln, die man dafür erhalten kann, eher 
etwas niedriger. Der Preis der Kuhhäute nach obiger 
ßechnung steht so ziemlich im gewöhnlichen Verhält- 
nis zu dem der Ochsenhäute. Der der Schafhäute 
übersteigt es bedeutend; wahrscheinlich wurden sie 
mit der Wolle verkauft. Der Preis der Kalbshäute 
dagegen bleibt weit hinter jenem Verhältnis zurück. 
In Ländern, in denen der Preis des Viehs sehr niedrig 
ist, werden die Kälber, die man nicht zur Vermehrung 
der Herde aufzuziehen beabsichtigt, in der Regel sehr 
jung geschlachtet, wie dies vor zwanzig oder dreißig 
Jahren in Schottland der Fall war; man erspart da- 
durch die Milch, deren Preis die Kälber nicht bezahlt 
machen würden. Die Häute ganz junger Kälber taugen 
aber gewöhnlich nicht viel. 

Der Preis der rohen Häute ist dermalen viel nied- 
riger, als er vor einigen Jahren war, was wahrschein- 
lich daher kommt, daß die Abgabe auf Seehundsfelle 
aufgehoben und die zollfreie Einfuhr roher Häute aus 
Irland und den Kolonien seit 1769 auf eine begrenzte Zeit 
•gestattet ist. Im Durchschnitt des gegenwärtigen Jahr- 
hunderts war aber der Sachpreis der rohen Häute 
wahrscheinlich etwas höher, als in jener früheren Zeit. 
Die Natur der Ware gestattet ihre Ausfuhr nach fernen 
Märkten nicht so gut wie Wolle; sie leidet durch Auf- 
bewahrung mehr. Gesalzene Häute aber gelten weniger 
als frische. Dieser Umstand hat zur Folge, daß der 
Preis roher Häute in einem Lande, das sie nicht selbst 
verarbeitet, sondern sie ausführen muß, niedrig 
steht; wogegen ihr Preis in einem Lande, in dem 
sie verarbeitet werden, steigt. In einem unzivilisierton 

Adam Smith, Volkswolilstaud. I. ^1 



322 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Lande muß der Preis dadurch gedrückt werden, in 
einem zivilisierten und gewerbtreibenden Lande da- 
gegen steigen; er mußte in früherer Zeit niedrig sein, 
in neuerer Zeit sich heben. Überdies ist es unsern Ger- 
bern nicht so gut gelungen, wie unsern Tuchmachern, 
die Nation zu überzeugen, daß das Wohl des Staats von 
dem Gredeihen ihres Grewerbes abhänge, und sie wurden 
demgemäß auch viel weniger begünstigt. Allerdings 
wurde die Ausfuhr roher Häute verboten und für schäd- 
lich erklärt; aber ihre Einfuhr aus fremden Ländern 
wurde einem Zolle unterworfen, und wenn auch die Ein- 
fuhr aus Irland und den Kolonien zollfrei war — nur 
auf die kurze Zeit von fünf Jahren — so wurde Irland 
doch für den Verkauf seiner überschüssigen Häute, 
d. h. derjenigen, die nicht im Lande verarbeitet werden, 
nicht auf den Markt von Großbritannien beschränkt. 
Den Kolonien ist es erst seit wenigen Jahren verboten, 
ihre Häute nach anderen Ländern als dem Mutter- 
lande auszuführen, und der Handel Irlands ist bis 
heute mit einer solchen Unterdrückung zu Gunsten 
des großbritannischen noch verschont geblieben. 

Alle Maßnahmen, die den Preis der Wolle oder 
der rohen Häute unter ihr natürliches Niveau drücken, 
müssen in einem kultivierten Lande dahin führen, den 
Preis des Fleisches zu erhöhen. Der Preis des in einem* 
kultivierten Lande gezüchteten Groß- und Kleinviehs 
muß hinreichen, um die Rente des Grundeigentümers 
und des Pächters angemessen einzubringen. Andern- 
falls werden sie bald aufhören, Vieh zu züchten. Der 
Teil des Preises, der nicht durch die Wolle und die 
Häute gedeckt wird, muß daher durch das Fleisch ge- 
deckt werden ; je weniger für die einen, desto mehr 
muI3 für das andere bezahlt werden. In welcher Weise 
sich dieser Preis auf die verschiedenen Teile des 
Tiers verteilt, ist für die Grundeigentümer und Pächter 
gleichgültig, wenn er nur herauskommt. Das Interesse 



Kap. XL: Verschiedene Wirkung-en d. Fortschritts d. Kultur. 328 

der Grundeigentümer und Pächter als solcher kann 
daher in einem kultivierten Lande von derartigen Maß- 
nahmen nicht sonderlich berührt werden, wenn sie auch 
als Verbraucher bei der Preissteigerung der Lebens- 
mittel beteiligt sind. Ganz anders verhält es sich da- 
gegen in einem unkultivierten Lande, in dem der grüßte 
Teil des Bodens nur zur Viehzucht benutzt weiden 
kann, und wo Wolle und Häute den wertvollsten Be- 
standteil des Viehes ausmachen. Hier wäre durch 
solche Maßnahmen ihr- Interesse als Grundeigentümer 
und Pächter sehr tief, ihr Interesse als Verbraucher 
dagegen sehr wenig berührt. Das Fallen des Preises 
von Wolle und Häuten würde den Preis des Fleisches 
nicht steigern, weil der meiste Boden des Landes zu 
nichts anderem als zur Viehzucht verwendet werden 
kann und man daher fortfahren wird, die gleiche Zahl 
Vieh zu züchten. Fs käme daher doch wieder die näm- 
liche Fleischmenge auf den Markt, und die Nachfrage 
würde nicht größer und mithin der Preis nicht höher 
sein, als vorher. Der ganze Preis des Viehs aber würde 
sinken und mit ihm die Rente und der Gewinn aller der 
Ländereien, deren Hauptprodukt Vieh war, d. h. der 
meisten Ländereien des Landes. Das fortdauernde Vor- 
bot der Wollenausfuhr, das man gewöhnlich, wiewohl 
sehr mit Unrecht, Eduard III. zuschreibt, würde unter 
den damaligen Umständen des Landes die verderb- 
lichste Maßregel gewesen sein, die man hätte ersinnen 
können: sie würde nicht nur den damaligen Wert des 
meisten Landes im Reiche vermindert, sondern auch 
durch Minderung des Preises der wichtigsten Gattung- 
Kleinvieh den späteren Fortschritt sehr aufgehalten 
haben. 

Der Preis der schottischen Wolle sank infolge der 
Union in England bedeutend, da sie durch diese von 
dem großen europäischen Markte ausgeschlossen und auf 

2V'- 



824 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

den engen Markt Großbritanniens eingeschränkt wurde. 
Hätte nicht das Steigen der Fleischpreise den sinkenden 
Preis der Wolle vollkommen ausgeglichen, so würde der 
Wert der meisten Ländereien in den hauptsächlich 
Schafzucht treibenden südlichen Grafschaften Schott- 
lands durch die Union sehr tief berührt worden sein. 

Die Einwirkung menschlicher Bemühungen auf die 
Vermehrung der Wolle oder der rohen Häute ist einer- 
seits, soweit diese Menge von dem Produkt des eigenen 
Landes abhängt, beschränkt; andererseits, sofern sie 
von dem Produkt anderer Länder abhängt, unsicher. In 
letzterer Beziehung hängt jene Einwirkung nicht sowohl 
von der Menge, die die fremden Länder hervorbringen, 
als von der, die sie nicht verarbeiten, und von den 
Beschränkungen ab, die sie der Ausfuhr dieser Art 
von Rohprodukten aufzulegen für gut finden. Wie diese 
Umstände von allen heimischen Bemühungen durchaus 
unabhängig sind, so machen sie notwendig die Wirk- 
samkeit aller Bemühungen mehr oder weniger unsicher. 
Die Einwirkung menschlichen Fleißes auf Vermehrung 
dieser Art von Eohprodukten ist mithin nicht nur 
beschränkt, sondern auch unsicher. 

Ebenso ist es bei einer anderen sehr wichtigen Art 
von Rohprodukten, nämlich den Fischen. Die davon auf 
den Markt gebrachte Menge wird durch die örtliche Lage 
des Landes, durch die geringere oder größere Entfernung 
der einzelnen Provinzen vom Meere, durch die Zahl 
seiner Seen und Flüsse, und durch den Fischreichtum 
oder die Fischarmut dieses Meeres, dieser Seen und 
dieser Flüsse beschränkt. In dem Grade, wie die Bevöl- 
kerung zunimmt, und der Jahresertrag des Bodens und 
der Arbeit im Lande größer und größer wird, wächst 
auch die Zahl der Käufer, und diese Käufer haben eine 
größere Menge und Mannigfaltigkeit von andern Waren, 
oder, was auf dasselbe hinauskommt, den Preis einer 
größeren Menge und Mannigfaltigkeit von Waren anzu- 



Kap. XI.: Verschiedene Wirkungen d. Fortschritts d. Kultur. 325 

bieten. Es wird aber stets unmöglich sein, einen großen, 
ausgedehnten Markt ohne Aufwand einer größeren 
Menge Arbeit zu versorgen, als den kleinen und be- 
schränkten Markt. Ein Markt, der früher nur tausend 
Tonnen Fische brauchte, und nun deren zehntausend 
bedarf, kann selten ohne einen zehnmal größeren Arbeits- 
aufwand versorgt werden, als vorher erforderlich war. 
Die Fische müssen aus weiterer Entfernung geholt, 
größere Schiffe dazu verwendet und kostspieligere 
Werkzeuge aller Art angeschafft werden. Der wirk- 
liche Preis dieser Ware steigt daher mit dem Fort- 
schritt der Kultur, und ist, wie ich glaube, in jedem 
Lande mehr oder weniger gestiegen. 

Obgleich der Erfolg eines Fischzugs eine sehr un- 
gewisse Sache ist, so sollte man doch glauben, daß, die 
örtliche Lage des Landes als geeignet angenommen, die 
Einwirkung des Fleißes auf Herbeischaffung einer ge- 
wissen Menge von Fischen, ein Jahr oder mehrere 
Jahre zusammengenommen, im Allgemeinen sicher 
genug sein müßte ; und zweifellos ist es auch so. Da 
es hierbei jedoch mehr auf die örtliche Lage des 
Landes, als auf den Stand seines Reichtums und seiner 
Industrie ankommt, und da aus diesem Grunde der 
Einfluß menschlichen Fleißes zu verschiedenen Zeiten 
der nämliche und zu derselben Zeit sehr verschieden 
sein kann, so ist sein Zusammenhang mit dem Stande 
der Kultur unsicher und nur diese Art Unsicherheit 
ist es, von der ich hier, spreche. 

Auf die Vermehrung der Menge der verschiedenen 
dem Schöße der Erde abgewonnenen Mineralien und 
Metalle, zumal der edlen, scheint der Einfluß des 
menschlichen Fleißes zwar ein unbeschränkter, aber 
ganz unsicherer zu sein. 

Die Menge der edlen Metalle in einem Lande ist 
durch seine geographische Lage und durch die Er- 
giebigkeit oder Unergiebigkeit seiner eignen Bergwerke 



326 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

nicht im mindesten beschränkt. Jene Metalle sind oft in 
Ländern, die gar keine Bergwerke besitzen, im Über- 
fluß vorhanden. Ihre Menge scheint in allen Ländern 
von zwei verschiedenen Umständen abzuhängen: erstens 
von der Kauffähigkeit des Landes, von dem Stande seiner 
Industrie, von dem Jahresertrag seines Bodens und 
seiner Arbeit, wodurch das Land instand gesetzt wird, 
eine größere oder gei'ingere Menge von Arbeit und 
Lebensmitteln aufzuwenden, um solche Überflüssig- 
keiten, wie Gold und Silber, entweder aus seinen eignen 
Bergwerken zu holen, oder von andern Ländern zu 
kaufen ; zweitens von der Ergiebigkeit oder Unergiebig- 
keit der Bergwerke, die jeweils die Handelswelt mit 
diesen Metallen versorgen. Die Menge dieser Metalle 
in den von den Bergwerken entferntesten Ländern ist 
mehr oder weniger durch die Ergiebigkeit oder Uner- 
giebigkeit bestimmt, weil der Transport dieser Metalle 
wegen ihres geringen Umfangs und großen Wertes 
leicht und wohlfeil ist. Ihre Menge in China und 
Indien wird mehr oder weniger durch den Ileichtum 
der amerikanischen Bergwerke bestimmt. 

Insofern ihre Menge in einem Lande von dem crste- 
ren Umstände — seiner Kauffälligkeit — abhängt, wird 
ihr wirklicher Preis, wie der aller anderen Gegenstände 
des Luxus und Uberflußes, mit dem Koichtum und der 
Kultur des Landes steigen, und mit seiner Armut und 
Entkräftung sinken. Länder, die eine große Menge 
Arbeit und Lebensmittel übrig haben, können mit Auf- 
wand einer "[rößeren Men^e Arbeit und Lebensmittel 
eine größere Menge jener Metalle kaufen, als Länder, 
die weniger übrig haben. 

Sofern die Menge edler Metalle in einem Lande 
von dem letzteren jener beiden Umstände — dei' Er- 
giebigkeit oder Unergiebigkeit der Bei'gwerke, aus denen 
die Handels weit jeweils ihre Zufuhr erhält — , abhängt, 
wird ihr wirklicher Preis, die Menge von Arbeit und 



Kap. XI.: Verachiedene Wirkimgon d. Fortschritt« d. Kultur. 327 

Lebensmitteln, welche dafür zu kaufen oder einzu» 
tauschen ist, zweifellos je nach der Ergiebigkeit jener 
Bergwerke mehr oder weniger fallen, oder je nach ihrer 
Unergiebigkeit steigen. 

Die Ergiebigkeit oder Unergiebigkeit der Berg- 
werke, aus denen die Handels weit jeweils ihre Zufuhr 
empfängt, steht jedoch augenscheinlich mit dem Stande 
des Gewerbfleißes eines Landes in gar keinem Zu- 
sammenhange; ja selbst in keinem notwendigen Zu- 
sammenhange mit dem Zustande des Gewerbfleißes in 
der ganzen Welt. Da Gewerbe und Handel sich all- 
mählich über einen immer größeren Teil der Erde aus- 
breiten, so kann allerdings die Aufsuchung der Minen 
auf einer immer ausgedehnteren Fläche mehr Erfolg 
versprechen, als in einem enger begrenzten Gebiet. 
Doch ist die Entdeckung neuer Minen nach allmäh- 
licher Erschöpfung der alten immerhin eine höchst un- 
gewisse Sache, und kann durch menschliche Geschick- 
lichkeit und Betriebsamkeit durchaus nicht verbürgt 
werden. Alle Anzeichen in dieser Hinsicht sind aner- 
kannt zweifelhaft, und nur die wirkliche Entdeckung 
und der erfolgreiche Abbau eines neuen Bergwerks 
giebt über seinen wirklichen Wert, ja sogar über sein 
Vorhandensein erst Gewißheit. Bei der Aufsuchung 
hat weder der mögliche gute Erfolg noch die mögliche 
Täuschung sichere Grenzen. Es ist möglich, daß im 
Laufe eines oder zweier Jahrhunderte neue ergiebigere 
Minen als alle bisher bekannten entdeckt werden : aber 
ebenso möglich ist es auch, daß die bekannten ergie- 
bigsten Minen unergiebiger werden, als alle vor Ent- 
deckung der amerikanischen abgebauten. Ob der eine 
oder der andere dieser beiden Fälle eintritt, ist für den 
wirklichen Reichtum und das wahre Gedeihen der Welt, 
für den wirklichen Wert des Jahresertrags von Land 
und Arbeit von sehr geringem Belang. Der Nominal- 



328 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

wert, die Menge Gold und Silber, durch die dieser 
Jahresertrag ausgedrückt und dargestellt wird, würde 
allerdings sehr verschieden sein ; aber der wirkliche 
Wert, die wirkliche Arbeitsmenge, die dafür zu haben 
wäre, würde sich ganz gleich bleiben. Ein Schilling 
würde in dem einen Falle nicht mehr Arbeit darstellen, 
als dies heute ein Penny tut, und ein Penny würde in 
dem anderen eben so viel darstellen, als heute ein Schil- 
ling. Aber in dem einen Falle würde derjenige, der 
einen Schilling in der Tasche hätte, nicht reicher sein, 
als der, der heute einen Penny hat; und in dem ande- 
ren würde, wer einen Penny hat, ebenso reich sein, als 
der, der heute einen Schilling hat. Die Wohlfeilheit 
und der ÜberflulJ an Gold- und Silbergerät wäre der 
einzige Vorteil, den die Welt aus der einen Zufällig- 
keit zöge, und die Teurung und der Mangel an diesen 
gleichgültigen Überflüssigkeiten der einzige Schaden, 
den die andere ihr auferlegen würde. 



Ergebnis der Abschweifung über die Wertveränderungen 
des Silbers. 

Die meisten Schriftstellei', welche sich mit den 
Preisen früherer Zeiten beschäftigton, scheinen den 
niedrigen Geldpreis des Getreides und der AVaren über- 
haupt, oder mit anderen Worten den hohen Wert von 
Gold und Silber nicht nur als einen Beweis der Selten- 
lieit dieser Metalle, sondern auch der Armut und Bar- 
barei des Landes, in dem daran Mangel herrschte, an- 
gesehen zu haben. Diese Vorstellung hängt mit jenem 
System der politischen Ökonomie zusammen, das den 
Nationalreichtum in dem Überfluß an Gold und Silber 
und die Nationalarmut im Fehlen dieser Metalle sieht, 
einem System, das ich in dem vierten Buche dieser 



Kap. XT.: Wertverändeninqen des Silbers. 329 

Untersuchung deutlich darstellen und prüfen werde. 
Für jetzt will ich nur bemerken, daß der hohe Wort 
der edlen Metalle kein Deweis der Armut oder Bar- 
barei eines Landes zu der Zeit, in der er eben herrscht, 
sein kann; er ist nur ein Beweis für die Unergiebig- 
keit der Bergwerke, aus denen zur Zeit die Handels- 
welt ihre Zufuhr erhält. Ein armes Land vermag ebenso 
wenig mehr Gold und Silber zu kaufen, oder es teurer 
zu bezahlen, als ein reiches, und es ist deshalb nicht 
wahrscheinlich, daß der Wert jener Metalle in dem 
einen höher sei, als in dem anderen. In China, das 
viel reicher ist, als irgend ein europäisches Land, ist 
der Wert der edlen Metalle weit höher, als irgendwo 
in Europa. Allerdings ist in Europa, wo seit der Ent- 
deckung der amerikanischen Minen der Reichtum sehr 
zugenommen hat, der Wert von Gold und Silber all- 
mählich gesunken. Allein diese Entwertung ist nicht 
der Zunahme des wirklichen ßeichtums in Eur'opa, 
des Jahresertrags seines Bodens und seiner Arbeit 
zuzuschreiben, sondern der zufälligen Entdeckung von 
Minen, die alle bis dahin bekannten an Er-giebigkeit 
übertrafen. Die Zunahme der' Gold- und Silbermenge 
in Europa und der- Fortschritt seiner Gewerbe und seiner 
Landwirtschaft traten zwar beinahe gleichzeitig ein, sind 
jedoch aus sehr verschiedenen Ursachen hervorgegangen 
und stehen kaum irgendwie in natürlichem Zusammen- 
hang. Die erstere entsprang einem reinen Zufall, an 
dem weder Klugheit noch Politik irgend einen Anteil 
hatten oder haben konnton ; der andere aus dem Falle 
des Feudalsystems und der Einführung einer Regierung, 
die dem Gewerbefleiß die einzige Aufmunterung, der'on 
er bedarf, nämlich eine leidliche Sicherheit gewährte, 
daß er die Früchte seiner Arbeit genießen werde. 
Polen, wo sich das Feudalsystem noch immer be- 
hauptet, ist bis auf den heutigen Tag noch immer so 



330 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

bettelarm, wie vor der Entdeckung Amerikas. Dennoch 
ist dort ebenso wie in andern Ländern Europas, der 
Goldpreis des Getreides gestiegen, und der wirkliche 
Wert der edlen Metalle gefallen. Ihre Menge muß also 
dort ebenso wie an anderen Orten, dem Jahresertrag 
seines Bodens und seiner Arbeit entsprechend, zuge- 
nommen haben; allein diese Vermehrung der edlen 
Metalle hat anscheinend den Jahresertrag nicht ver- 
mehrt, und weder Industrie und Landwirtschaft ge- 
hoben, noch den Zustand der Einwohner verbessert. 
Spanien und Portugal, die Besitzer der Minen, sind 
nächst Polen vielleicht die beiden ärmsten Länder in 
Europa. Dennoch muß der Wert der edlen Metalle 
in Spanien und Portugal niedriger sein, als in irgend 
einem anderen Teile Europas, da sie erst von dort, 
belastet nicht bloß mit den Kosten der Fracht und 
Versicherung, sondern auch, da ihre Ausfuhr verboten, 
beziehungsweise einer Abgabe unterworfen ist, mit den 
Kosten des Schmuggels, nach den anderen Ländern 
Europas kommen. Im Verhältnis zum Jahresertrag von 
Boden und Arbeit muß daher ihre Menge in jenen 
Ländern größer sein, als irgendwo in Europa; und doch 
sind jene Länder ärmer als alle andern. Zwar das 
Feudalsystem ist in Spanien und Portugal abgeschafft, 
aber was an seine Stelle getreten ist, ist nicht viel besser. 

Wie demnach der geringere Wert von Gold und 
Silber kein Beweis für den Reichtum und den blühen- 
den Zustand eines Landes ist, in dem dies Verhältnis 
statthat, so ist auch ihr hoher Wert, oder der niedrige 
Geldpreis der Waren im Allgemeinen und des Getreides 
im Besonderen kein Beweis von Armut und Barbarei. 

Wenn aber auch der niedrige Geldpreis der Waren 
im allgemeinen und des Getreides im besonderen kein 
Beweis für die Armut und Barbarei der entsprechen- 
den Zeit ist, so ist der niedrige Geldpreis einiger be- 



Kap. XL: Wertveränderungen des Silbers. 331 

stimmter Sorten von Gütorn, so des Viehs, Greflügels, 
Wildprets aller Art usw. im Verhältnis zum Getreide 
ein desto entscheidenderer Beweis dafür. Deutlich geht 
daraus hervor: erstens ihre große Menge im Vergleich 
mit der Menge des Getreides, und folglich die große 
Ausdehnung des Bodens, den sie einnehmen, im Ver- 
gleich mit Getreideland; zweitens der geringe Wert 
jenes Bodens im Verhältnis zum Getreideland, und folg- 
lich der unkultivierte Zustand des bei Weitem größten 
Teils des Gebiets. Deutlich geht ferner daraus hervor, 
daß das Kapital und die Bevölkerung des Landes nicht 
in demselben Verhältnis zur Gebietsausdehnung stand, 
wie in zivilisierten Ländern, und daß die Gesellschaft 
zu jener Zeit und in jenem Lande sich erst in ihrer 
Kindheit befand. Aus dem hohen oder niedrigen Preise 
der AVaren im allgemeinen und des Getreides im be- 
sonderen kann man lediglich schließen, daß dio Berg- 
werke, welche zur Zeit die Handclswelt mit Gold und 
Silber versorgten, ergiebig oder unergiebig waren; 
nicht, daß das Land reich oder arm war. Aus dem 
hohen oder niedrigen Geldpreise gewisser Sorten von 
Gütern im Vergleich mit anderen läßt sich dagegen 
mit einem au Gewißheit grenzenden Grade von Wahr- 
scheinlichkeit schließen, daß es reich oder arm war, 
daß der größte Teil seiner Ländereien angebaut oder 
unangebaut war, und daß es sich entweder in einem 
mehr oder minder rohen, oder mehr oder minder zi- 
vilisierten Zustande befand. 

Jede Steigerung dos Geldpreises der Waren, die 
lediglich aus der Entwertung des Silbers hervoigoht, 
würde alle Arten von Waren gleichmäßig treffen und 
ihren Preis durchgehends um ein Drittel, ein Viertel 
oder ein Fünftel erhöhen, je nachdem das Silber um 
ein Drittel, ein Viertel oder ein Fünftel an seinem frü- 
heren Worte verlöre. Die Preissteigerung der Lebens- 



332 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

mittel hingegen, worüber so viel geklügelt und geredet 
worden ist, trifft nicht alle Arten von Lebensmitteln 
gleichmäßig. Im Durchschnitt des laufenden Jahrhun- 
derts ist der Preis des Getreides, wie selbst von denen 
anerkannt wird, die sein Steigen aus der Silberent- 
wertung erklären, viel weniger gestiegen, als der Preis 
einiger anderer Lebensmittel. An dem Steigen des 
Preises dieser anderen Lebensmittel kann folglich die 
Silberentwertung nicht allein Schuld sein; vielmehr 
müssen einige andere Ursachen mit in Rechnung ge- 
zogen werden, und die oben angedeuteten sind viel- 
leicht hinreichend, die Preissteigerung jener besonderen 
Arten von Lebensmitteln ohne Hinzunahme der an- 
geblichen Silberentwertung zu erklären. 

Was den Preis des Getreides selbst betrifft, so war 
er in den ersten vierundsechzig Jahren des laufenden 
Jahrhunderts und vor der letzten ungewöhnlichen Auf- 
einanderfolge schlechter Jahre etwas niedriger, als in 
den letzten vierundsechzig Jahren des vorigen Jahr- 
hunderts. Diese Tatsache wird nicht nur durch die 
Marktberichte von Windsor, sondern auch durch die 
öffentlichen Fiars aller schottischen Grafschaften und 
die von Messance und Dupre de St. Maur mit Fleiß 
und Sorgfalt gesammelten französischen Marktbcrichte 
bezeugt. Der Beweis ist vollständiger erbracht, als es 
in einer ihrer Natur nach so schwer festzustellenden 
Sache zu erwarten war. 

Was den hohen Getreidepreis der letzten zehn oder 
zwölf Jahre betrifft, so läßt er sich ohne die Annahme 
einer Silberentwertung vollkommen aus den sohlechten 
Ernten erklären. 

Die Ansicht, daß das Silber fortwährend im Preise 
sinke, stützt sich mithin auf keine guten Beobachtun- 
gen, weder über die Getreidepreise noch über die Preise 
anderer Lebensmittel, 



Kap. XT.: Wertvcränderun,i>en des Silbers. 333 

Man kann vielleicht sagen, selbst nach der hier 
gegebenen Berechnung sei für die gleiche Menge Silbers 
gegenwärtig eine viel kleinere Menge mancher Lebens- 
mittel zu haben, als während eines Teils des vorigen 
Jahrhunderts, und ob man diese Änderung einer Stei- 
gerung des Werts jener Waren, oder der Entweitung 
des Silbers zuschreibe, sei eine leere und nutzlose Un- 
terscheidung, mit der jemandem, der nur eine be- 
stimmte Menge Silber, oder ein bestimmtes Einkommen 
in Geld habe, nicht im Mindesten gedient sei. Ich will 
auch gewiß nicht behaupten, daß die Kenntnis dieses 
Unterschiedes ihn in den Stand setzen wird, wohlfeiler 
zu kaufen; aber sie ist deshalb doch noch nicht ganz 
nutzlos. 

Sie kann dadurch von einigem Nutzen sein, daß 
sie einen leichtverständlichen Beweis für die gedeih- 
liche Lage des Landes liefert. Entspringt die Preis- 
steigerung einiger Arten von Lebensmitteln lediglich 
der Silberentwertung, so läßt sich hieraus lediglich 
auf die Ergiebigkeit der amerikanischen Bergwerke 
schließen. Der wirkliche Reichtum des Landes, der 
Jahresertrag seines Bodens und seiner Arbeit, kann 
trotz dieses Umstandes entweder, wie in Portugal oder 
Polen, allmählich sinken, oder, wie in den meisten 
europäischen Ländern, allmählich steigen. Ist jene 
Preissteigerung gewisser Arten von Lebensmitteln die 
Folge einer Steigerung in dem wirklichen Werte des 
Grund und Bodens, auf dem sie erzeugt werden, also 
seiner vermehrten Fruchtbarkeit; oder davon, daß der 
Boden durch ausgedehntere und bessere Kultur zum 
Getreidebau geeignet wurde, so beweist dieser Um- 
stand unstreitig die Wohlfahrt und den Fortschritt 
des Landes. Grund und Boden bilden bei Weitem 
den größten, wichtigsten und dauerhaftesten Teil im 
Reichtum jedes ausgedehnten Landes, und es ist ge- 
wiß von einigem Nutzen, oder kann wenigstens dem 



334 Erstes Bucli: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

Lande eine Genugtuung gewähren, einen so ent- 
scheidenden Beweis für den zunehmenden Wert des 
bei weitem grüßten, wichtigsten und dauerhaftesten 
Teils seines Ileichtums zu besitzen. 

Auch kann es dem Staate von Nutzen sein für die 
Feststellung der Besoldungen seiner niederen Beamten. 
Wenn die Preissteigerung einiger Arten von Lebens- 
mitteln aus der Silberentwertung entspringt, so müßten 
ihre Besoldungen, falls sie nicht etwa früher zu hoch 
waren, nach Verhältnis dieser Entwertung erhöhtwerden. 
Wo nicht, wird ihre tatsächliche Besoldung offenbar um 
so viel vermindert. Ist hingegen jene Preissteigerung 
dem durch die erhöhte Ertragsfähigkeit vermehrten 
Werte des Bodens zuzuschreiben, so wird es viel 
schwieriger zu beurteilen, in welchem Verhältnis die 
Besoldungen, oder ob sie überhaupt zu erhöhen seien. 
Wie die weitere Ausdehnung der Bodenkultur not- 
wendig den Preis jeder Art tierischer Nahrung im 
Verhältnis zum Getreidepreise mehr oder weniger 
steigert, so ermäßigt sie, glaube ich, mit gleicher Not- 
wendigkeit den Preis jeder Art pflanzlicher Nahrung. 
Sie erhöht den Preis der Fleischnahrung, weil ein großer 
Teil des Landes, das Fleisch produziert, zum Getreide- 
bau tauglich gemacht ist und mithin dem Grundeigen- 
tümer und Pächter die Eente und den Gewinn des 
Getreidelandes abwerfen muß ; den Preis Äfer Pflanzen- 
nahrung aber ermäßigt sie, weil sie die Ertragsfähig- 
keit des Bodens und mithin die Menge der Nahrungs- 
mittel aus dem Pflanzenreich vermehrt. Auch werden 
durch die Verbesserung der Kultur manche Arten 
von Pflanzen eingeführt, die weniger Land und nicht 
mehr Arbeit als das Getreide erfordern, und aus diesem 
Grunde viel wohlfeiler auf den Markt kommen. So die 
Kartoffeln und der Mais, die beiden wichtigsten Er- 
rungenschaften, die der europäische Ackerbau, oder 
vielleicht Europa überhaupt der großen Ausdehnung 



Kap. XI.: Wertveränderuno-en des Silbers. 335 

seines Handels und seiner Schifffahrt verdankt. Außer- 
dem werden manche Arten von Pflanzen, die im rohen 
Zustande der Landwirtschaft auf den Gemüsegarten 
beschränkt sind und der Spatenarbeit bedürfen, bei 
höherer Kultur auf den Feldern gebaut und mittels des 
Pflugs bearbeitet, wie Rüben, Möhren, Kohl u. s. \v. 
Wenn also bei fortschreitender Kultur der Sachprois 
der einen Art von Nahrungsmitteln mit Notwendigkeit 
steigt, so fällt mit gleicher Notwendigkeit der einer 
anderen Art, und es wird sehr schwer, zu bestimmen, 
in wiefern das Steigen der einen durch das Fallen der 
anderen ausgeglichen wird. Sobald der Sachpreis des 
Fleisches einmal seinen Höhepunkt erreicht hat, was, 
abgesehen vom Schweinefleisch in einem großen Teile 
Englands bei allen Sorten vor länger als einem Jahr- 
hundert eingetreten zu sein scheint, kann eine spätere 
Preissteigerung anderer Fleischsorten die Lage der 
unteren Volksklasse nur wenig berühren. Die Verhält- 
nisse der Armen in den meisten Gegenden Englands 
können sicherlich durch das Steigen des Preises von 
Geflügel, Fischen oder Wildpret nicht so verschlechtert 
werden, wie sie sich durch das Fallen des Kartoffel- 
preises verbessern würden. 

In der gegenwärtigen teuren Zeit leiden die Armen 
unter dem hohen Getreidepreise unzweifelhaft; in leid- 
lich guten Jahren dagegen, in denen das Getreide 
seinen gewöhnlichen oder Durchschnittspreis hat, kann 
das natürliche Steigen des Preises andrer Bodener- 
zeugnisse sie nicht sonderlich berühren. Mehr leiden 
sie vielleicht unter den künstlichen durch Abgaben 
verursachten Preiserhöhungen von Salz, Seife, Leder, 
Lichten, Malz, Bier, Ale usw. 



336 Ei'stes Buch: Zunahme in der Ertrag-skraft der Arbeit. 



Wirkungen der Kutturfortschritte auf den Sachpreis der 
Industrieerzeugnisse. 

Es ist die natürliche Wirkung der Kultur, daß sie 
den Sachpreis fast aller Industrieerzeugnisse allmählich 
vermindert. Der Sachpreis der gewerblichen Arbeit ver- 
mindert sich vielleicht ausnahmslos in allen Gewerben. 
Infolge besserer Maschinen, größerer Geschicklichkeit 
und angemessenerer Einteilung und Verteilung der Ar- 
beit, was Alles die natürliche Wirkung der Kultur ist, 
wird eine weit geringere Menge Arbeit zur Herstellung 
jedes einzelnen Stückes erfordert; und wenn auch in- 
folge der günstigen Lage der Gesellschaft der Sach- 
preis der Arbeit beträchtlich steigt, so wird doch die 
große Verminderung der Menge der erforderlichen 
Arbeit selbst die größte Preissteigerung der Arbeit in 
der Regel mehr als ausgleichen. 

Allerdings gibt es wenige Gewerbe, in denen die 
Preissteigerung der Rohstoffe alle durch die Kultur an 
die Hand gegebenen Arbeitsvorteile mehr als aufwiegt. 
Bei dei' Zimmermanns- und Schreinerarbeit wenigstens 
gröberer Art wiegt die aus der vollkommneren Boden- 
kultur hervorgehende Preissteigerung des Holzes in der 
Regel alle Vorteile, die sich aus den besseren Maschinen, 
der größeren Geschicklichkeit und der angemesseneren 
Einteilung und Verteilung der Arbeit ergeben, reich- 
lich auf. 

In allen Fällen hingegen, wo der Preis der Roh- 
stoffe entweder überhaupt nicht steigt, oder nicht be- 
deutend steigt, sinkt der Preis der Industrieerzeugnisse 
erheblich. 

Diese Preisermäßigung ist im Laufe des gegenwär- 
tigen und vorigen Jahrhunderts besonders in denjenigen 



Kap. Xr.: Saclipreis der liidustrieerzeugnisse. ,337 

Gewerben fühlbar gewesen, deren Rohstoff in den un- 
edlen Metallen besteht. Man erhält jetzt vielleicht für 
zwanzig Schilling ein besseres Uhrwerk, als um die 
Mitte des vorigen Jahrhunderts für zwanzig Pfund. In 
den Arbeiten der Messerschmiede und Schlosser, in allen 
Kurzwaren aus gröberen Metallen, in den sogenannten 
Birminghamer und Sheffielder Waren ist in der näm- 
lichen Periode eine sehr große Preisermäßigung einge- 
treten, die, wenn sie auch nicht ganz so groß war, als 
bei Uhren, doch die Arbeiter im ganzen übrigen Europa 
in Staunen setzte, und sie vielfach zu dem Bekenntnis 
zwang, daß sie für den doppelten und selbst für den 
dreifachen Preis keine so gute Arbeit herstellen 
könnten. Es gibt vielleicht keine Industrie, in der die 
Arbeitsteilung weiter getrieben werden kann oder die 
angewandten Maschinen mannigfachere Verbesserungen 
zulassen, als die, deren Rohstoffe in den unedlen 
Metallen bestehen. 

In der Tuchfabrikation ist in der nämlichen Periode 
keine so fühlbare Preisermäßigung eingetreten ; im Ge- 
genteil versichert man, daß der Preis des hochfeinen 
Tuches in den letzten fünfundzwanzig bis dreißig Jahren 
im Verhältnis zu seiner Beschaffenheit etwas gestiegen 
ist, woran, wie man sagt, eine bedeutende Preiserhöhung 
des Materials, das ganz aus spanischer Wolle besteht, 
Schuld ist. Der Preis des Yorkshirer Tuches, das lediglich 
aus englischer Wolle gefertigt wird, soll im Laufe des 
gegenwärtigen Jahrhunderts im Verhältnis zu seiner Güte 
allerdings erheblich gefallen sein ; indeß ist die Qualität 
eine so streitige Sache, daß ich alle Angaben dieser 
Art als sehr unsicher ansehe. In der Tuchfabrikation 
ist die Arbeitsteilung so ziemlich dieselbe geblieben, 
wie vor einem Jahrhundert, und die dabei angewen- 
deten Maschinen sind nicht viel anders. Indeß können 
in beiderlei Hinsicht wohl einige kleine Verbesserungen 

Adam Smith, Volkswohlstand. I. -»^ 



338 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

vorgekommen sein, die eine Preisermässigung zur 
Folge hatten. 

Viel merklicher und unleugbarer ist aber die Er- 
mäßigung, wenn man den heutigen Preis dieser "Ware 
mit dem einer weit früheren Zeit, etwa am Ende des 
15. Jahrhunderts, vergleicht, wo die Arbeit wahrschein- 
lich weit weniger geteilt, und die Maschinen weit 
unvollkommener waren, als heute. 

Im Jahre 1487, dem vierten Regierungsjahre Hein- 
richs YII., wurde ein Gesetz gegeben, nach dem „Jeder, 
der im Kleinhandel ein Yard vom feinsten scharlachfar- 
bigen oder sonst echtgefärbten Tuch feinster Arbeit höher 
als zu 16 sh. verkaufe, eine Strafe von 40 sh. für jeden 
so verkauften Yard verwirkt habe." 16 sh., die ungefähr 
ebenso viel Silber enthielten, wie jetzt 24 sh., wurden 
also damals als ein nicht unbilliger Preis für den Yard 
feinsten Tuches angesehen ; und da hier ein Luxusgesetz 
vorliegt, war der Preis in Wirklichkeit wahrscheinlich 
etwas höher. Gegenwärtig kann man eine Guinee als 
den höchsten Preis betrachten. Also auch angenommen, 
die QuaHtät sei gleich — die jetzige ist aber wahr- 
scheinlich weit besser — so ist doch der Geldpreis des 
feinsten Tuches seit dem Ende des 15. Jahrhunderts 
bedeutend gewichen ; noch weit mehr aber ist sein wirk- 
licher Preis heruntergegangen. 6 sh. 8 d. galten damals 
und noch viel später für den Durchschnittspreis eines 
Quarters Weizen; 16 sh. waren also der Preis von 
über zwei Quarter und drei Bushel Weizen. Schätzt 
man den Quarter Weizen gegenwärtig auf 28 sh., so 
muß der wirkliche Preis eines Yard feinen Tuches 
damals wenigstens £ 3. 6^'2 sh. unseres jetzigen Geldes 
gewesen sein. Der Käufer mußte dafür so viel an 
Arbeit und Lebensmitteln geben, als er heute für diese 
Summe erhalten würde. 



Kap. Xi.: Sachpreis der IndiistrieerzGugnisse. 339 

Der Preisfall der gröberen Fabrikate war, obwohl 
beträchtlich, doch nicht so groß, als der der feineren. 

Im Jahre 1463, dem dritten Regierungsjahre 
Eduards IV., wurde verordnet, daß „kein Dienstbote auf 
dem Lande, kein Tagelöhner, kein Dienstbote bei einem 
außerhalb der Stadt wohnenden Handwerker, zu seiner 
Kleidung Tuch brauchen soll, von dem der Yard mehr 
als zwei Schilling kostet." Zu dieser Zeit enthielten zwei 
Schilling etwa dieselbe Silbermenge, wie vier unsres 
jetzigen Geldes, aber das Yorkshirer Tuch, von dem 
jetzt die Elle mit -i sh. bezahlt wii'd, ist wahrschein- 
lich weit besser, als das Tuch, das damals zur Klei- 
dung für die ärmste Klasse gewöhnlichen Gesindes 
verwendet wurde. Selbst der Geldpreis ihrer Kleidung 
wird daher im Verhältnis zur Beschaffenheit gegen- 
wärtig etwas wohlfeiler sein, als damals; aber min- 
destens ist der wirkliche Preis erheblich wohlfeiler. 
Zehn Pence galten damals für einen mäßigen und 
billigen Preis des Bushel Weizen. Zwei Schilling waren 
also der Preis von beinahe zwei Bushel und zwei Peck 
Weizen, die gegenwärtig, den Bushel zu 3^2 sh. ge- 
rechnet, 8 sh. 9 d. wert sein würden. Für einen Yard 
dieses Tuches mußte der arme Dienstbote damals den 
Gegenwert einer Lebensmittelmenge geben, die man 
heute für 8 sh. 9 d. kaufen würde. Da wir es hier 
ebenfalls mit einem Luxusgesetz zu tun haben, das 
dem Aufwände und der Verschwendung der Armen 
steuern sollte, so ist ihre Kleidung gewöhnlich wohl 
noch viel teurer gewesen. 

Durch das nämliche Gesetz wurde derselben Volks- 
klasse verboten, Strümpfe zu tragen, deren Preis vier- 
zehn Pence für das Paar, also etwa achtundzwanzig 
Pence unseres heutigen Geldes überstiege. Nun waren 
vierzehn Pence damals der Preis für etwa einen Bushel 
und zwei Peck Weizen, was gegenwärtig, den Bushel 



340 Erstes Buch: Zunahme in der ßrtragskraft der Arbeit. 

ZU 3V2 sh. gerechnet, 5 sh. 3 d. machen würde. Heute 
würde dies als ein sehr hoher Preis für ein Paar 
Strümpfe eines Dienstboten der ärmsten und niedrigsten 
Klasse betrachtet werden; gleichwohl wurde damals 
so viel dafür bezahlt. 

Zur Zeit Eduards IV. war das Strumpfstricken in 
Europa wahrscheinlich noch nirgends bekannt. Die 
Strümpfe wurden aus gewöhnlichem Tuch gemacht, und 
dies war wohl eine der Ursachen ihrer Kostspieligkeit. 
Die erste Person in England, die gestrickte Strümpfe 
trug, soll die Königin Elisabeth gewesen sein; sie er- 
hielt sie von dem spanischen Gesandten zum Geschenk. 

Sowohl in der Fabrikation grober wie feiner Woll- 
stoffe waren die Werkzeuge damals weit unvollkommener 
als heute. Außer manchen kleineren Verbesserungen, 
deren Zahl und Wichtigkeit schwer festzustellen ist, sind 
in dieser Industrie namentlich drei wichtige Erfindungen 
eingeführt worden : erstens dieVertauschung des Rockens 
und der Spindel mit dem Spinnrade, das bei einer gleichen 
Arbeitsmenge mehr als doppelt so viel leistet; zweitens, 
der Gebrauch einiger sehr sinnreicher Maschinen, die in 
noch höherem Maße das Weifen des Garns, oder die ange- 
messene Zurichtung der Kette und des Einschlags, ehe sie 
auf den Stuhl kommen, erleichtern und abkürzen ; eine 
Tätigkeit, die vor der Erfindung jener Maschinen äußerst 
langwierig und mühsam gewesen sein muß; drittens die 
Anwendung der Walkmühle statt des früher üblichen 
Tretens im Wasser. Weder Wind- noch Wassermühlen 
irgend einer Art waren in England, und, so viel ich weiß, 
überhaupt in dem nördlichen Europa diesseits der Alpen, 
vor dem Anfange des 16. Jahrhunderts bekannt. In 
Italien sind sie etwas früher eingeführt worden. 

Diese Umstände erklären es vielleicht, warum der 
wirkliche Preis der groben und feinen Manufakturwaren 



Kap. XL: Sachpreis der liulustrieerzeugni.sse. 34-1 

in jener Zeit so viel höher war als heute. Es kostete 
eine größere Menge Arbeit, die Waren herzustellen: des- 
halb mußten sie um eine größere Menge Arbeit ge- 
kauft werden. 

Die Herstellung grober Ware wurde damals in 
England wahi'scheinlich ebenso betrieben, wie überall, 
wo Künste und Gewerbe sich in ihrer Kindheit befinden. 
Wahrscheinlich war es eine Hausindustrie, bei der die 
verschiedenen Teile der Arbeit von den einzelnen 
Familiengliedern verrichtet wurden ; und zwar so, daß 
sie nur dann daran arbeiteten, wenn sie nichts weiter 
zu tun hatten; es war keineswegs ihr Hauptgeschäft, 
wodurch sie den größten Teil ihres Unterhalts er- 
v^'erben mußten. Solche Arbeit kommt, wie bereits be- 
merkt, immer viel wohlfeiler auf den Markt, als andere, 
die die hauptsächlichste oder einzige Quelle des Lebens- 
unterhalts für den Arbeiter ist. Die feine Fabrikation 
andrerseits wurde zu jener Zeit nicht in England, son- 
dern in dem reichen und handeltreibenden Flandern, 
wahrscheinlich ebenso wie jetzt von Leuten getrieben, 
die darin ihren ganzen oder den Hauptteil ihres Unter- 
halts fanden. Es war also eine ausländische Fabrikation 
und hatte eine Abgabe zu zahlen, nämlich mindestens 
den alten Tonnen- und Pfundzoll. Diese Abgabe war 
allerdings nicht sehr groß. Es war damals nicht euro- 
päische Politik, die Einfuhr fremder Industrieerzeugnisse 
durch hohe ^Abgaben zu beschränket!, sondern man 
munterte sie vielmehr auf, damit die Kaufleute imstande 
wären, die großen Herren mit den Grenußmitteln und 
Luxusartikeln, die sie brauchten, und die ihnen die 
Industrie ihres eigenen Landes nicht schaffen konnte, 
so wohlfeil als möglich zu versorgen. 

Diese Umstände erklären es vielleicht, warum in 
jener Zeit der wirkliche Preis der groben Fabrikate im 



342 Erstes Buch: Zimalime in der Ertragskraft der Arbeit. 

Verhältnis zu dem der feinen so viel niedriger war, 
als gegenwärtig. 

Schluß des Kapitels. 

Ich will dieses recht lange Kapitel mit der Bemer- 
kung schließen, daß jede Verbesserung in den Verhält- 
nissen der Gesellschaft mittelbar oder unmittelbar die 
wirkliche Grundrente, den wirklichen Reichtum des 
Grundeigentümers, seine Kraft, die Arbeit oder das 
Arbeitsprodukt andrer Leute zu kaufen, erhöht. 

Die Ausdehnung der Kultur tut es unmittelbar. 
Der Anteil des Grundeigentümers an dem Ertrag 
wächst notwendig mit seiner Zunahme. Ebenso führt 
die Preissteigerung derjenigen Bodenprodukte, die an- 
fänglich erst infolge der ausgedehnteren Bodenkultur 
im Preise steigen, dann aber eine noch weitere Aus- 
dehnung der Kultur veranlassen, also z. B. das Steigen 
der Viehpreise, unmittelbar und in noch höherem Maße 
zur Erhöhung der Grundrente. Nicht allein steigt der 
wirkliche Wert des Anteils, den der Grundeigentümer 
erhält, d. h. seine wirkliche Verfügungskraft über die 
Arbeit andrer Leute, mit dem wirklichen Werte des 
Ertrags, sondern auch das Verhältnis dieses Anteils 
zu dem ganzen Ertrage steigt mit diesem. Die Her- 
vorbringung der Erträge erfordert nach dem Steigen 
ihrer Preise nicht mehr Arbeit als zuvor. Daher reicht 
schon ein kleinerer Teil von ihnen hin, das Kapital, 
das die Arbeit beschäftigt, samt dem üblichen Gewinn 
zurückzuerstatten, und es fällt notwendig der größere 
Teil dem Grundeigentümer zu. 

Alle die Mittel, welche die Arbeit [)roduktiver 
machen und den wirklichen Preis der Industrieerzeug- 
uisse unmittelbar zu ermäßigen streben, führen mittel- 
bar zur Erhöhung der Grundrente. Der Gi'undoigen- 



Kap. XI.: Die Grunclvente. 343 

tümer vertauscht den Teil seiner Produkte, der über 
seinen eignen Verbrauch hinausgeht, beziehungsweise 
den Preis dieses Teils gegen Industrieerzeugnisse. 
Alles, was den Preis der letzteren ermäßigt, erhöht 
den der ersteren. Die gleiche Menge Rohprodukte wird 
dadurch eine größere Menge Industrieerzeugnisse wert, 
und der Grundeigentümer ist sonach imstande, eine 
größere Menge von Gegenständen des Komforts und 
Luxus zu kaufen. 

Jede Zunahme des wirklichen Reichtums der Ge- 
sellschaft, jede Zunahme der Menge nützlicher Arbeit, 
die in ihr verrichtet wird, führt mittelbar zur Erhö- 
hung der Grundrente. Ein gewisser Teil dieser Arbeit 
kommt natürlich dem Boden zu Gute. Eine größere 
Zahl von Menschen und Vieh trägt zu seiner Kultur 
bei, der Ertrag steigt mit dem darauf verwendeten 
größeren Kapital und die Rente steigt mit dem Ertrage. 

Andrerseits führt das Gegenteil, die Vernachlässi- 
gung der Bodenkultur, der Preisfall der Bodenprodukte, 
die Preissteigerung der Fabrikate infolge des Verfalls 
der Industrie, die Abnahme des wirklichen Reichtums 
der Gesellschaft — alles dies führt dahin, die Grund- 
rente zu vermindern, den wirklichen Reichtum des 
Grundeigentümers zu schmälern, seine Fähigkeit, die 
Arbeit oder das Arbeitsprodukt andrer Leute zu kaufen, 
zu verringern. 

Der gesamte Jahresertrag des Bodens und der 
Arbeit, beziehungsweise der Gesamtpreis dieses Jahres- 
ertrags zerfällt, wie bereits bemerkt, naturgemäß in 
drei Teile: die Grundrente, den Arbeitslohn und den 
Kapitalgewinn, und bildet ein Einkommen für drei ver- 
schiedene Volksklassen, nämlich für die, welche von der 
Rente, die, welche vom Lohn, und die, welche vom 
Gewinn leben. Dies sind die drei großen, ursprünglichen 
Stände, aus denen jede zivilisierte Gesellschaft besteht, 



344 Ei"stes Buch: Zunahme in der Ertragskral't der Arbeit. 

und aus deren Einkommen schließlich das Einkommen 
aller anderen Stände bestritten wird. 

Das Interesse des ersten dieser drei großen Stände 
ist, wie aus dem eben gesagten hervorgeht, mit dem 
allgemeinen Interesse der Gesellschaft innig und unzer- 
trennlich verbunden. Was dem einen förderlich oder 
hinderlich ist, das ist dies notwendig auch dem anderen. 
Werden Angelegenheiten des Verkehrs oder der Politik 
öffentlich beraten, so können die Grundeigentümer, 
wenigstens wenn sie ihr Interesse einigermaßen ver- 
stehen, niemals die öffentliche Meinung irreleiten, um 
das Sonderinteres'se ihres Standes dadurch zu fördern. 
Freilich mangelt ihnen die Kenntnis ihrer eigenen 
Interessen nur allzuoft. Sie sind die einzigen unter den 
drei Ständen, die ihr Einkommen weder Arbeit noch 
Sorge kostet, die von ihren Einkünften gleichsam auf- 
gesucht werden und die weder Pläne noch Projekte 
zu machen brauchen. Gleichgültigkeit, die natürliche 
Folge der Bequemlichkeit und Sicherheit ihrer Lage, 
macht sie nur allzuoft nicht nur unwissend, sondern 
auch jener Anstrengung des Geistos unfähig, die er- 
fordert wird, um die Folgen politischer Maßnahmen 
vorherzusehen und zu begreifen. 

Das Interesse des zweiten Standes, desjenigen, der 
vom Lohn lebt, ist ebenso innig mit dem Interesse der 
Gesellschaft verknüpft, als das des ersten. Der Lohn des 
Arbeiters ist, wie bereits gezeigt worden, niemals so 
hoch, als wenn die Nachfrage nach Arbeit stetig zunimmt, 
und die beschäftigte Arbeitermenge von Jahr zu Jahr 
erheblich wächst. Wenn dieser wahre Reichtum der 
Gesellschaft stillstehend bleibt, so sinkt der Lohn des Ar- 
beiters bald auf das Niveau, auf dem er nur eben noch im- 
stande ist, eine Familie durchzubringen, oder das Ar- 
beitergeschlecht fortzupflanzen. Gerät die Gesellschaft 
in Verfall, so sinkt der Lohn sogar noch tiefer. Der 



Kap. XI.: Die Grundrente. 3^5 

Stand der Eigentümer mag vielleicht noch mehr bei 
dem Gedeihen der Gesellschaft gewinnen, als der Arbeitor- 
stand; aber kein Stand leidet so grausam beim Verfalle 
der Gesellschaft. Obgleich aber das Interesse des Arbei- 
ters so eng an das der Gesellschaft geknüpft ist, so ist 
er doch unfähig, dieses Interesse zu begreifen, oder 
seinen Zusammenhang mit dem eigenen zu verstehen. 
Seine Lage läßt ihm keine Zeit, sich darüber gehörig 
zu unterrichten, und Erziehung und Gewohnheiten sind 
bei ihm gewöhnlich dazu angetan, ihn urteilsunfähig zu 
machen, selbst wenn er aufs beste darüber unterrichtet 
wäre. Daher wird bei öffentlichen Beratungen auf seine 
Stimme nur wenig gehört und geachtet, außer in ge- 
wissen Fällen, wo sein Notruf von den Arbeitgebern er- 
regt, angetrieben und unterstützt wird, nicht in seinem, 
sondern in ihrem eigenen Interesse. 

Seine Arbeitgeber bilden den dritten Stand, den 
Stand derer, die vom Gewinn leben. Das behufs Ge- 
winn angelegte Kapital setzt den größten Teil der 
nützlichen Arbeit einer Gesellschaft in Bewegung. Die 
Pläne und Entwürfe derer, welche Kapitalien anlegen, 
regeln und leiten die wichtigsten Arbeitsverrichtungen, 
und Gewinn ist der allen diesen Plänen und Entwürfen 
zu Grunde liegende Zweck. Allein der Gewinnsatz steigt 
nicht, wie die Rente und der Arbeitslohn, mit dem Ge- 
deihen der Gesellschaft, und sinkt nicht mit ihrem Ver- 
fall. Er ist im Gegenteil seiner Natur nach in reichen 
Ländern niedrig, in armen hoch, und in Ländern, die 
am schnellsten ihrem Untergang entgegeneilen, stets am 
höclisten. Das Interesse dieses dritten Standes hat mit- 
hin nicht den gleichen Zusammenhang mit dem allge- 
meinen Interesse der Gesellschaft, wie das der beiden 
anderen. Großhändler und Fabrikherren sind in diesem 
Stande die beiden Klassen, die gewöhnlich die größten 
Kapitalien anlegen, und sich durch ihren Reichtum 



346 Erstes Bucli: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 

das meiste Ansehen verschaffen. Da sie sich ihr ganzes 
Leben lang mit Plänen und Entwürfen tragen, haben 
sie oft einen schärferen Verstand als die meisten Land- 
edelleute. Allein da ihre Gedanken sich gewöhnlich mehr 
mit dem Interesse ihres besonderen Geschäftszweiges be- 
schäftigen, als mit dem Interesse der Gesellschaft, so 
kann man sich auf ihr Urteil, selbst wenn es mit der 
größten Aufrichtigkeit gegeben wird — was nicht in 
allen Fällen geschieht — weit mehr hinsichtlich des 
ersteren, als des letzteren verlassen. Ihre Überlegen- 
heit über die Landedelleute besteht nicht sowohl in 
ihrer besseren Einsicht in die öffentlichen Interessen, 
als darin, daß sie ihre eigenen Interessen besser wür- 
digen, als jene die ihrigen. Infolge dieser überlegenen 
Kenntnis ihres eigenen Interesses haben sie oft die 
Großmut des Landadels gemißbraucht, und ihn über- 
redet, sowohl sein eigenes wie das Interesse des Staats 
preiszugeben, in der einfältigen, aber ehrlichen Über- 
zeugung, daß das öffentliche Interesse durch das der 
Großhändler und nicht durch das der Landedelleute 
gefördert werde. Das Interesse der Händler in jedem 
Zweige des Handels und der Gewerbe ist jedoch stets 
in gewisser Hinsicht vom öffentlichen Interesse ver- 
schieden und ihm sogar entgegengesetzt. Es liegt 
immer im Interesse der Händler, den Markt zu er- 
weitern und den Wettbewerb einzuschränken. Die Er- 
weiterung des Marktes ist oft für das öffentliche 
Interesse vorteilhaft, aber die Einschränkung des Wett- 
bewerbs muß ihm stets schädlich sein, und kann nur 
dazu dienen, den Händlern gröl3ere Gewinne zu ver- 
schaffen, als sie ihrer Natur nach sein würden, und 
sie dadurch instand zu setzen, zu ihren Gunsten den 
übrigen Bürgern eine sinnlose Abgabe aufzulegen. 
Vorschläge zu neuen Gesetzen oder Regelungen des 
Verkehrs, welche von dieser Seite kommen, sollte 



Die Preise des Weizens in England. 



347 



man stets nur mit der größten Vorsicht aufnehmen und 
sie niemals billigen, bevor man sie nicht nur mit 
der gewissenhaftesten, sondern auch mit der arg- 
wöhnischsten Aufmerksamkeit lange und reiflich ge- 
prüft hat. Sie kommen von einer Klasse von Leuten, 
deren Interesse niemals genau mit dem öffentlichen 
zusammenfällt, die gewöhnlich ein Interesse haben, 
das Publikum zu täuschen und selbst zu bedrücken, 
und die es wirklich bei vielen Gelegenheiten getäuscht 
und bedrückt haben. 



Die Weizenpreise in England nach Fleetwood. 



12 
Jahre. 


Preis 
Weizen 


des Quarters 
in jedem Jahre. 


DurohsehuiU der ver- 
schiedeneu Preise ein 
und desselben Jahres. 


üurohsohnittspreis je- 
des Jahres uaeh.jetzifyem 
Gelde bereohnel. 




^ 


sh. 


(l. 


je 


sh. d. 


^ sh. 


a. 


1202 


E 


12 
12 


^j 


— 


— — 


1 16 


— 


1205 


13 


— 


13 5 


2 


3 




15 










1223 


— ■ 


12 


— 


— 


— — 


1 16 


-- 


1237 


— 


3 


4 


— 


— — 


— 10 


— 


1243 


— 


2 


— 


— 


— — 


— 6 


— 


1244 


— 


2 


— 


— 


— — 


— 6 


— 


1246 


— 


16 


— 


— 


— — • 


2 8 


— 


1247 


. — 


13 


4 


— 


— — 


2 


— 


1257 


1 
f 1 


4 


B 


— 


— — 


3 12 


— 


1258 


- 


15 


— 


17 — 


2 11 


— 




— 


16 










1270 


{t 


16 

8 


-} 


5 


12 — 


16 16 


— 


1286 


{- 


2 
16 


-] 


— 


9 4 
Summe: 


1 8 


— 




35 9 


3 










Dure 


iSL'luiiUspreis: 


2 19 


iVi 



348 Erstes Buch: Zunuhme in der Ertragskraft der Arbeit. 



12 

Jahre, 


Preis 
Weizen 


des Quarters 
in jedem Jahre 


Durcbsclniitt der ver- 
si'liiodenen Preise ein 
und desselben Jaiires. 


Durchf- 

des Jahi 

Gel( 


elmiltspreis je- 
"esnaeh jelzif^em 
e boreelinet. 




^ 


sh. 


d. 


jC Sil. d. 


je 


sh. d. 


1287 





3 


4 


— — — 


— 


10 — 






















4 








1288 





3 

9 
12 

6 


6 

8 

4 
4) 


— 3 'U 




9 •^'4 


1289 


1 


2 


— . 


— 10 PA 


1 


10 42/4 




10 


8 








1290 


16 





__ 


2 


8 — 


1294 





16 


— 


— — — 


2 


8 — 


1802 





4 


— 


— — — 


— 


12 — 


1309 


■ — 


7 


2 


— — — 


1 


1 6 


1315 


1 
( 1 

1 
1 


— 


— 


— — — 


3 


— — 


131G 


10 
12 


— 


1 10 6 


4 


11 6 




2 


— 


— . 










■ 2 


4 













— 


14 


— 








1317 


2 
4 


13 

6 


8 


1 19 6 


5 


18 6 


1336 


— 


2 


— 


— — — 


— 


6 — 


1338 




3 


4 


Summe : 

Durchschnittspreis: 


— 


10 — 




23 


4 IIV4 




1 


18 8 



i)ie Preise des Weizens in Eneland. 



349 



12 

Jalire. 


Preis 
Weizen 


des Quarters 
in jedem Jahre. 


nurohsobnitt der ver- 
sehiedenen Preise ein 
und desselben Jahres. 


Durehsi 

dos Jährt 

Geldi 


hnittspi 

snarhj 

berech 


eis je- 
>tzig-em 
net. 




£ 


sh. 


d. 


£ sh. d. 


£ 


sh. 


d. 


1339 


— 


9 


— 


— — — 


1 


7 





1349 


— 


2 


— 


— — — 


— 


5 


2 


1359 


1 


6 


8 


— — _ 


3 


2 


2 


1361 


— 


2 


— 


— — _ 


— 


4 


8 


13Ü3 


— 


15 


— 


— — . 


1 


15 


— 


1369 


{} 


4 


— 


1 2 — 


2 


9 


4 


1379 


— 


4 


— 


— — — 


— 


9 


4 


1387 


f- 


2 
13 


4] 


— — — 


— 


4 


8 


1390 


\- 


14 

16 


— ■' 


— 14 5 


1 


13 


7 


1401 




16 


— 


_ — — 


1 


17 


4 


1407 


t 


4 
3 


^'^} 


— 3 10 


— 


8 


11 


1416 




16 




Summe: 

Durchschnittspreis: 


1 


12 


— 




15 


9 


2 




1 


5 


9^/6 


1423 


— 


8 





— — 


— 


16 


— 


1425 


— 


4 


— 


— — — 


— 


8 


— 


1434 


1 


6 


8 


— — — 


2 


13 


4 


1435 


— 


5 


4 


— — — 


— - 


10 


8 


1439 


{; 


6 


-^ 


1 3 4 


2 


6 


8 


1440 


1 


4 


— 


— — — 


2 


8 


— 


1444 


{= 


4 
4 


4 


— 4 2 


— 


8 


4 


1445 


— 


4 


6 




— 


9 


— 


1447 


— 


8 


— 


— — — 


— 


16 


— 


1448 


— • 


6 


8 


— — — 


— • 


13 


4 


1449 


— 


5 


— 


— — — 


— 


10 


— 


1451 




8 




Summe: 

Durclisclinittspreis: 


— 


16 


— 




12 


15 


4 




1 


1 


3V3 



350 Ei'stes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 



12 
Jahre. 


Preis 
Weizen 


des Quarters 
ia jedem Jahre. 


Durchsohnitt der ver- 
schiedenen Preise ein 
und desselben Jahres. 


Durchschnittspreis je- 
des Jahres nach jetzig'cm 
Gelde berechnet. 




£ 


sh. 


d. 


^ sh. d. 


£ 


sh. 


d. 


1453 


— 


5 


4 


— — — 


— 


10 


8 


1455 





1 


2 


— — — 


— 


2 


4 


1457 





7 


8 


— — - — 


— 


15 


4 


1459 


— 


5 


— 


— — — 


— ■ 


10 


— 


1460 





8 


— 


— — — 


— 


16 


— 


1463 


t 


2 

1 


-^} 


— 1 10 


— 


3 


8 


1464 





6 


8 


— — — 


— 


10 


— 


1486 


1 


4 


— 


— — — 


1 


17 


— 


1491 


— 


14 


8 


— — — 


1 


2 


— 


1494 


— 


4 


— 


— -^ 


— 


6 


— 


1495 





3 


4 


— — 


— 


5 


— 


1497 


1 






Summe : 
Durchschnittspreis: 


1 


11 


— 




8 


9 


— 




— 


14 


1 


1499 


— 


4 


— 


— — — 


— 


6 


— 


1504 


— 


5 


8 


— — — 


— 


8 


6 


1521 


1 


— 


— 


— — — 


1 


10 


— 


1551 


— 


8 


— 


— — — 


— 


2 


— 


1553 





8 


— 


— — — 


— 


8 


— 


1554 





8 


— 


— — — 


— 


8 


— 


1555 


— 


8 


— 


— — . — . 


— 


8 


— 


1556 


— 


8 


~ 


— — — 


■■ — 


8 


— 


1557 


ll 


4 
5 

8 


4) 


— 17 8V2 


— 


17 


8V2 




13 










1558 


— 


8 


— 


— — — 


— 


8 


— 


1559 


— 


8 


— 


— — — 


— 


8 


— 


1560 




8 




Summe : 

Durchschnittspreis: 


— 


8 


— 




6 


— 


2V2 






10 


s/24 



Die Preise des Weizens in England. 



351 



12 

.Tahro. 


Preis 
Weizen 


des Quarters 
ia jedem Jabro. 


Durchschnitt der ver- 
schiedenen Preise ein 
und desselben Jahres. 


Durchschnittspreis je- 
des Jahres nach je tzig'em 
Gelde bereclinet. 




£ 


sh. 


d. 


je sh. d. 


je 


sh. 


d. 


1561 


— 


8 


— 


— — — 


— 


8 


— 


1562 


— 


8 


— 


— — — 


— 


8 


— 


1574 


{\ 


16 
4 


=} 


2 — — 


2 


— 


— 


1587 


3 


4 


— 


— — — 


3 


4 


— 


1594 


2 


16 


— 


— — — 


2 


16 


— 


1595 


2 


13 


— 


— — — 


2 


13 


— 


1596 


4 


— 


— 


— — — 


4 


— 


— 


1597 


{\ 


4 


=} 


4 12 — 


4 


12 


— 


1598 


2 


16 


8 


— — — 


2 


16 


8 


1599 


1 


19 


2 


— — — 


1 


19 


2 


1600 


1 


17 


8 


— — — 


1 


17 


8 


1601 


1 


14 


10 


Summe: 

Durchschnittspreis: 


1 


14 


10 




28 


9 


4 




2 


7 


5V3 



Preise des Quarters von 9 Bushel des besten oder höchst- 
bezahlten Weizens auf dem Markte von Windsor am Marien- 
und am Michaelistage von 1595 bis 1764. Der Preis jedes 
Jahres ist das Mittel der höchsten Preise jener beiden 
Markttage. 



Jahre. 


Quarte 


r Weizen. 


Jahro. 


Quarter 


Weizen 






je 


sh. 


d. 




je 


sh. 


d. 


1595 . . 


2 


— 


— 


Transport : 


10 


14 


2 


1596 . . 


2 


8 


— 


1599 . . 


1 


19 


2 


1597 . . 


3 


9 


6 


1600 . . 


1 


17 


8 


1598 . . 


2 


16 


8 


1601 . . 


1 


14 


10 


Transport: 


10 


14 


2 


Transport : 


16 


5 


10 



352 Erstes Biicli: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 



Jahre. 


Quar 


er Weizen. 


Jahre. 


Quar 


er AVeizen. 




^ 


sh. 


.1. 




£ 


.Sil. 


d. 


Transport: 


16 


5 


10 


Transport: 


31 


11 


4 


1602 . 


1 


9 


4 


1634 . . 


2 


16 


— 


1603 . 


1 


15 


4 


1635 . . 


2 


16 


— 


1604 . 


1 


10 


8 


1636 . . 


2 


16 


8 


1605 . 


1 


15 


10 




40 








1606 . 


1 


13 


— 


16) 


2 


10 




1607 . 


1 


16 


8 










1608 . 


2 


16 


8 










1609 


2 


10 





1637 . . 


2 


13 


— 


1610 . 


1 


15 


10 


1638 . . 


2 


17 


4 


1611 


1 


18 


8 


1639 . . 


2 


4 


10 


1612 


2 


2 


4 


1640 . 


2 


4 


8 


1613 . 


2 


8 


8 


1641 . . 

1642. |.^r 

1643( Sgl. 


2 


8 


— 


1614 . 

1615 . 


2 

1 


1 
18 


8^/2 

8 


D ^ 

£-.3 


— 


— 


1616 . 
1617 


2 
2 


8 


4 
8 


1644r\:f^|^ — 
1645) g^ä.; - 


_- 


— 


1618 


2 


6 


8 


1646 . 


2 


8 


— 


1619 - 


1 


15 


4 


1647 . 


3 


13 


8 


1620 . 


1 


10 


4 


1648 . 


4 


5 


— 










1649 . 

1650 . 


4 
3 






26) 


54 


— 


6^/2 


16 


8 


2 


1 


6Vi2 


1651 . 


3 


13 


4 










1 652 . 


2 


9 


6 


1621 . 


1 


10 


4 


1653 . 


1 


15 


6 


1622 . 


2 


18 


8 


1654 . 


1 


6 


— 


1623 . 


2 


12 


— 


1655 . 


1 


13 


4 


1624 . 


2 


8 


— 


1656 . 


2 


3 


— 


1625 . 


2 


12 


— 


1657 


2 


6 


8 


1626 . 


2 


9 


4 


1658 . 


3 


5 


— 


1627 


1 


16 


— 


1659 . 


3 


6 


— 


1628 . 


1 


8 


— 


1660 . 


2 


16 


6 


1629 . 


2 


2 


— 


1661 . 


3 


10 


— 


1630 . 


2 


15 


8 


1662 . 


3 


14 


— 


1631 . 


3 


8 


— 


1663 . 


2 


17 


— 


1632 . 


2 


13 


4 


1664 . 


2 


— 


6 


1 633 . 


2 


18 


— 


1665 . 
Transport 


2 

69 


9 
16 


4 


Transport 


: 31 


11 


4 


10 



Die Preise des Weizens in Enaland. 



353 



Jahre. 



Quarter Weizen. 



Quarter "Weizen. 





£ 


Transport: 


69 


1666 . 


1 


1667 . . 


1 


1668 . . 


2 


1669 . . 


2 


1670 . 


2 


1671 . 


2 


1672 . 


2 


1673 


2 


167-± 


3 


1675 . 


3 


1676 . 


1 


1677 


2 


1678 . 


2 


1679 . 


3 


1680 . 


2 


1681 . 


2 


1682 . 


2 


1683 


2 


1684 . 


2 


1685 . 


2 


1686 . 


1 


1687 . 


1 


1688 . 


2 


1689 . 


1 


1690 . 


1 


1691 


1 


1692 . 


2 


1693 . 


3 


1694 . 


3 


1695 . 


2 


1696 


3 


1697 . 


3 


1698 . 


3 


1699 . 


3 


1700 . 


2 



60) 



2 


6 


8 


3 


7 


8 


3 


4 


— 


2 


13 


— 


3 


11 


— 


3 


— 


— 


3 


8 


4 


3 


4 


— 


2 


— 


— 


153 


1 


8 


2 


11 


^3 



1701 . 




1702 . 




1703 . 




1704 




1705 . 




1706 . 




1707 




1708 




1709 




1710 




1711 




1712 




1713 




1714 




1715 




1716 




1717 




1718 




1719 




1720 




1721 




1722 




1723 




1724 




1725 




1726 




1727 




1728 




1729 




1730 




1731 




1732 




1733 




1734 




1735 




1736 




1737 




Transp 


ort: 



£ 
1 
1 
1 
2 
1 
1 
1 
2 
3 
3 
2 
2 
2 
2 
2 
2 
2 



sh. 
17 

9 
16 

6 
10 

6 

8 

1 
18 
18 
14 

6 
11 
10 

3 



o b 

18 10 

15 — 
17 — 
17 6 

16 — 
14 8 

17 — 
8 6 
6 — 
2 — 

14 

6 
16 
12 

6 



6 

10 

6 

10 

8 

8 4 

18 10 

3 — 

— 4 

18 — 



A. Smitli. Volkswohlstand. 1. 



77 8 10 
23 



354 Erstes Buch: Zunahme in der Ertragskraft der Arbeit. 



.lahre. 


Quarter AV 


eizen. 


.Talirp. 


Quarter "\V 


eizcn. 




£ 


sh. 


d. 




£ 


sh. 


d. 


Transport 


11 


8 


10 


1731 


1 


12 


10 


1738 . 




15 


6 


1732 . 


1 


6 


8 


1739 




18 


6 


1733 


1 


8 


4 


1740 




10 


8 


1734 . 


1 


18 


10 


1741 




6 


8 


1735 . 


2 


3 


— 


1742 . 




14 


— 


1736 . 


2 


— 


4 


1743 




4 


10 


1737 . 


1 


18 


— 


1744 




4 


10 


1738 


1 


15 


6 


1745 




7 


6 


1739 


1 


18 


6 


1746 . 




19 


— 


1740 


2 


10 


8 


1747 




14 


10 




18 


12 


8 


1748 . 




17 


— 


10) 


1 


17 


3V5 


1749 




17 


— 










1750 . 




12 


6 










1751 . 




18 


6 










1752 




1 


10 










1753 . 




4 


8 










1754 




14 


8 




£ 


sh. 


d. 


1755 




13 


10 


1741 . 


2 


6 


8 


1756 . 




5 


3 


1742 




14 


— 


1757 




— 


— 


1743 . 




4 


10 


1758 . 




10 


— 


1744 . 




4 


10 


1759 . 




19 


10 


1745 . 




7 


6 


1760 . 




16 


6 


1746 . 




19 


— 


1761 




10 


3 


1747 




14 


10 


1762 




19 


— 


1748 




17 


— 


1763 


2 


— 


9 


1749 . 




17 


— 


1764 


2 


6 


9 


1750 . 




12 


6 




129 


13 


6 




16 


18 


2 


64) 


2 




61^32 


10) 


1 


13 


9*/5 



355 
VERLAG von R. L. PRAGER in BERLIN, NW. 7. 



Wirthschaftliche Weltlage. 

Börse und Geldmarkt für die Jahre 1888, 91, 92, 93, 94, 
95, 96, 97, 98, 99, 1900, Ol. 
' Vou Julius Basch 

Redakteur der „National-ZeitUDg". 
Kl. 8. 12 Hefte. 1889-1902. Eleg. brosch. Preis ä M 1.—. 

JOHN LAW und sein System. 

Ein Beitrag zur Finanz- und Münzgeschichte. 

Vou S. AlexLi. 

8. 1885. VII, 67 S. mit 2 Tafelu Abbildungen u. 3 Tabellen. Brosch. M 5. 

Die „Ausschreitungen des Buchhandels" 
Antwort auf die Denl<sclirift des Alcademischen Scliutzvereins 

von R. JL. Präger. 

IV, 142 Seiten. 8. 1903. Eleg. brosch. Preis M 1,20. 
Eine sachliche, den Behauptungen Prof. Karl Büchers in seiner Denkschrift 
auf Tritt und Schritt nachgehende und sie widerlegende Arbeit. 

Urheberrecht und Buchhandel 

in sozialistischer Beleuchtung. 

Kleinhandel, Warenhäuser, Rabatt. 

Studien vou Robert Prager. 

8. 34 Seiten. 1900. Preis 60 Pf. 

Watrenhäuser und BuchhandeL 

Eine Osterbetrachtung vou Robert Prager. 
8. 8 SS. 1901. Preis 40 Pf. 



Das Recht der Handlungsgehilfen nach dem neuen HGB. 

Zwei Vorträge gebalten von R, L. Prager. 

gr. 8. 17 Seiten. 1898. M —.60. 

Das Recht am eigenen Bilde. 

Bibliotheken, Bibliothekare und Buchhandel. 

Die Bibliothek des Börsenvereins. 

Von Robert Prager. 

8. 1903. 44 Seiten. Preis M 1. 

Socialpolitische Studien^ 

Beiträge zur Politik, Geschichte und Ethik der socialen Frage. 

Zwei Bücher. 
Vou Dr. Heinrich Hirsch. 

VIII, 144 S. 1897. gr. 8. Eleg. broch. M 3. 



356 

VERLAG von R. L PRAGER in BERLIN, NW. 7. 



Verfassungsgeschichte der deutschen Freistädte. 

Von W. Arnold. 

2 Bde. 8. XL, 444 u. XVI, 502 SS. (Ladenpr. M IG) herabg. Preis M H. 

Die Territorien 

in Bezog anf ihre Bildang und £ntwickelaiig. 

Von Georg Landau. 
gr. 8. VIII, 392 S. 1854. Ladenpreis M 7,50. Herabgesetzter Preis M 4. 

H. Storch 

Handhucit der Mationaiwiriltscitafisieitrem 

Nach dem Französischen mit Zusätzen 

von K. H. Rau. 

3 Bde. 8. XX, 492 Seiten. VIII, 518 Seiten. VI, 498 Seiten u. Tfln. 1819-20. 

(Ladenpreis M 22,50.) Herabgesetzter Preis M. 5. 

Die Statistil( und die Sozialwissenscliaften. 

Von E. IMorpurgo. 

Aus dem Italienischen. 

gr. 8. VIII, 550 SS. Mit 3 Tfln. u. 1 Karte. 1877. (Ladenpreis M U.) 

Herabgesetzter Preis IM 5. 

Vorlesungen über englische Verfassungsgeschichte. 

Von M. Bädinger. 

gr. 8. X, 341 SS. 1880. (Ladenpreis M 9) Herabgesetzter Preis M 4.50. 

Cr. J. Göschen 

Theorie der auswärtigen Wechselcourse. 

Nach Leon Say's 2. franz. Ausgabe übersetzt von F. Stöpel. 
XII, 132 S. gr. 8. 1875. (Ladenpreis M 2,40) Herabgesetzter Preis M 1,50. 

Histoire des Idees sociales avant la revolution frangaise 

ou les socialistes mod. devances et depasses 
par les anciens penseurs et philosophes. 

Avec textes ä l'appui. 

Par F. Villegardelle- 

12. 226 pp. 1846. Prix M —,80. 

Leopold von Ranke 

Lichtstrahlen aus seinen Werken. 

Gesammelt und mit einem Lebensabriss herausgegeben 
von Arthur Winckler. 

XXXII, 176 Seiten, kl. 8. 1885. Eleg. brosch. M 3.-; geb. M 4.-. 

Dreissig Exemplare auf Büttenpapier, auf der Presse numeriert und m 

Pergamentumschlag ä M 10. 



Haus Adler, Buobdruckorei, Greifswald. 



Bibliothek 



der 



Volkswirtschaftslehre 

und 

Gesellschaftswissenschaft. 

Begründet von F. Stöpel. 

Fortgeführt 

von 

Robert Prager. 
IV. 



BERLIN 

VERLAG VON R. L. PRAGER 
1906. 



Adam Smith 

Untersuchung 

über 

das Wesen und die Ursachen 

des 

Volkswohlstandes. 



Aus dem Englischen übertragen 



F. Stöpel. 



Zweite Auflage durchgesehen und verbessert 

von 

Robert Prager. 



Zweiter Band. 



BERLIN 

VERLAG VON R. L. PRAGER 

1906. 



Inhalt des zweiten Bandes. 



Seite 

Zweites Buch. 

Das Kapital; sein Wesen, seine Anhäufung und Anlage. 

Einleitung- 1 

Erstes Kapitel. 

Einteilung der Kapitalion 5 

Zweites Kapitel. 

Das Geld als ein be.sonderei- Zweig des Gesamtkapitals 
der Gesellschaft, oder die Unterhaltungskosten des 
Nationalkapitals 16 

Drittes Kapitel. 

Kapitalanhäufung oder produktive und unproduktive Arbeit 77 

Viertes Kapitel. 

Das auf Zinsen ausgeliehene Kapital 104 

Fünftes Kapitel. 

Die verschiedenen Kapitalanlagen IKJ 

Drittes Baeh. 

Die verschiedenen Fortschritte zum Reichtum bei den 
verschiedenen Nationen. 

Erstes Kapitel. 

Der natürliche Fortschritt zum Reichtum 138 

Zweites Kapitel. 

Entmutigung des Ackerbaues in dem früheren Zustand 

Europas nach dem Fall des römischen Reichs , . . \4~) 

Drittes Kapitel. 

Entstehen und Wachsen der Städte nach dem Fall des 

römischen Reichs IGl 

Viertes Kapitel. 

Wie der städtische Verkehr zur \'er\ollk()mmnung iler 

Landwirtschaft beigetragen hat 17ti 



VI 



Viertes Buch. 



Die Systeme der politischen Ökonomie. 

Einleitung 19-4 

Erstes Kapitel. 

Grundsätze des Handels- oder Morkantilsysteins .... 195 

Zweites Kapitel. 

Beschränkungen der Einfuhr solcher AVaren, die im Lande 

selbst hervorgebracht werden können 226 

Drittes Kapitel. 

Die außergewöhnlichen Einfuhrbeschränkungen von Waren 
aus solchen Ländern, von denen angenommen wird, 
daß die Handelsbilanz mit ihnen ungünstig ist. 
Erster Teil. 

Die Unvernuni't solcher Einschränkungen selb.st nach den 

Grundsätzen des Handelssystems 254 

Ab.schweifung über die Depositenbanken, namentlich die- 
jenige Amsterdams 2(53 

Zweiter Teil. 
Von der Unvernunft solcher außerordentlichen Beschrän- 
kungen nach anderen Grundsätzen 276 

Viertes Kapitel. 

Über Rückzölle 291 



Zweites Buch. 

Das Kapital, 
sein Wesen, seine Anhäufung und Anlage. 



Einleitung. 

Im unkultivierten Zustande der Gesellschaft, wo es 
keine Arbeitsteilung gibt, Tausche nur selten vorkom- 
men, und Jedermann sich Alles selbst verfertigt, braucht 
kein Yorrat im Voraus angesammelt zu werden, um die 
Greschäfte der Gesellschaft damit zu betreiben. Jeder- 
mann sucht durch eigene Arbeit seine gelegentlichen 
Bedürfnisse zu befriedigen. Wenn er hungrig ist, geht 
er in den Wald, um zu jagen; ist seine Kleidung ab- 
getragen, so bedeckt er sich mit dem Felle des ersten 
besten von ihm getöteten großen Tieres, und wenn 
seine Hütte baufällig wird, so bessert er sie, so gut es 
gehen will, mittels Holz und Rasen aus. 

Ist hingegen die Arbeitsteilung erst einmal durch- 
weg eingeführt, so kann eines Menschen eigene Arbeit 
nur einen sehr kleinen Teil seiner gelegentlichen Be- 
dürfnisse befriedigen. Den größten Teil von ihnen 
liefern ihm die Erzeugnisse Anderer, die er mit den Er- 
zeugnissen seiner Arbeit, oder, was dasselbe ist, mit dem 

Adam Smith, Volkswohlslaud. H. 1 



2 EinleitTino-. 

Preise dieser Erzeugnisse kauft. Dieser Kauf kann je- 
doch erst dann erfolgen, wenn das Produkt seiner Ar- 
beit nicht nur fertig ist, sondern auch einen Käufer 
gefunden hat. Es muß daher ein hinreichender Vorrat 
verschiedener Waren gesammelt werden, um ihn zu 
unterhalten und wenigstens so lange mit Rohstoffen und 
Werkzeugen zu versorgen, bis Beides eingetreten ist. 
Ein Weber kann sich seinem Geschäfte nicht gänzlich 
hingeben, wenn nicht zuvor irgendwo, sei es in seinem 
eigenen oder im Besitze einer anderen Person, ein hin- 
reichender Vorrat gesammelt worden ist, um ihm Un- 
terhalt zu gewähren und ihn mit den Materialien und 
Werkzeugen zu seiner Arbeit so lange zu versorgen, 
bis er sein Gewebe nicht nur vollendet, sondern auch 
verkauft hat. Diese Anhäufung muß offenbar erfolgt 
sein, ehe er seinen Fleiß für so lange Zeit einem 
solchen Geschäfte widmen kann. 

Wie die Anhäufung des Vorrates naturgemäß der 
Arbeitsteilung vorhergehen muß, so kann auch die Ar- 
beit nur in dem Maße mehr und mehr geteilt werden, 
wie zuvor mehr und mehr Vorräte gesammelt sind. 
Dieselbe Anzahl Leute kann eine weit größere Menge 
Rohstoffe verarbeiten, wenn die Arbeit mehr geteilt 
wird, und da die Verrichtungen jedes Arbeiters sich 
immer mehr vereinfachen, so werden viele neue Ma- 
schinen erfunden, die zur Erleichterung und Abkürzung 
jener Verrichtungen dienen. Wenn daher die Arbeits- 
teilung fortschreitet,' so muß, um einer gleichen Anzahl 
von Arbeitern fortwährend Beschäftigung bieten zu 
können, ein gleicher Vorrat von Lebensmitteln und ein 
größerer Vorrat von Matei-ialien und Werkzeugen ange- 
sammelt werden, als in einem roheren Zustand erforder- 
lich war. Die Zahl der Arbeiter in jedem Geschäfts- 
zweige wächst aber im Allgemeinen mit der Arbeits- 
teilung in diesem Zweige, oder vielmehr die Zunahme 



Einleituno-. 3 

ihrer Anzahl macht es ihnen möglich, in dieser Weise 
die Arbeit unter sich zu teilen. 

Die Ansammlung von Vorräten oder Kapitalien ist 
also notwendig, um diesen großen Fortschritt in der 
Erhöhung der Erzeugungskraft der Arbeit zu bewerk- 
stelligen, und die Kapitalienansammlung ihrerseits führt 
wiederum diesen Fortschritt herbei. Wer sein Kapital 
im Unterhalt von Arbeit anlegt, wünscht natürlich es 
so anzulegen, daß eine möglichst große Menge Arbeit 
hervorgebracht wird. Er sucht daher sowohl unter 
seinen Arbeitern die geeignetste Teilung der Beschäf- 
tigungen herbeizuführen, als sie mit den besten Werk- 
zeugen zu versehen, die er erfinden oder kaufen kann. 
Er vermag beides gewöhnlich nur im Verhältnis zu der 
Größe seines Kapitals oder der Zahl von Leuten, die 
es beschäftigen kann. Der Gewerbfleiß eines Landes 
nimmt daher nicht aliein mit der Zunahme des Kapitals, 
das zu dessen Unterhalt dient, zu, sondern infolge 
dieser Zunahme bringt auch die nämliche Menge Ar- 
beit eine weit größere Menge Erzeugnisse hervor. 

Dies sind im Allgemeinen die Wirkungen der 
Kapitalienzunahme auf den Gewerbfleiß und dessen 
erzeugende Kräfte. 

Im folgenden Buch suche ich das Wesen des Kapi- 
tals, die Wirkungen seiner Ansammlung in verschiedenen 
Kapitalsgattungen und der verschiedenen Verwendungen 
dieser Kapitalien darzulegen. Dies Buch zerfällt in fünf 
Kapitel. Im ersten Kapitel suche ich die verschiedenen 
Teile oder Zweige zu erklären, in welche das Kapital, 
sei es eines Individuums oder einer großen Gemein-. 
Schaft, sich teilt. Im zweiten suche ich das Wesen und 
die Verrichtungen des Geldes, als eines besonderen 
Teiles des allgemeinen Gesellschaftskapitals, zu er- 
läutern. Das Geldkapital kann entweder von seinem 
Besitzer verwendet oder einer anderen Person darge- 



4 Einleitung. 

liehen werden. Im dritten und vierten Kapitel prüfe 
ich die Art und Weise seiner Wirksamkeit in diesen 
beiden Beziehungen. Das fünfte und letzte Kapitel 
handelt von den Wirkungen, die die verschiedenen 
Kapitalanlagen unmittelbar auf die Menge der Arbeit 
des Volkes, wie auf die des Jahresertrags von Boden 
und Arbeit hervorbrincjen. 



Erstes K a [> i t el. 

Einteilung der Kapitalien. 

Wenn der Vorrat, den jemand besitzt, gerade nur 
hinreicht, um ihm auf einige Tage oder Wochen Unter- 
halt zu gewähren, so denkt er schwerlich daran, ein 
Einkommen daraus ziehen zu wollen. Er verwendet ihn 
so sparsam wie möglich, und sucht durch seine Arbeit 
das Verbrauchte zu ersetzen, bevor Alles verbraucht 
ist. Sein Einkommen beruht in diesem Falle lediglich 
auf seiner Arbeit. Dies ist die Lage der meisten Ar- 
beiter in allen Ländern. 

Besitzt hingegen jemand einen hinlänglichen Vor- 
rat, um ihm auf Monate oder Jahre Unterhalt zu ge- 
währen, so sucht er aus dem größeren Teil ein Ein- 
kommen zu ziehen, und hebt nur so viel für seinen 
unmittelbaren Verbrauch auf, als er bis zu dem Augen- 
blick bedarf, an dem das Einkommen eingeht. Sein Ge- 
samtvorrat zerfällt mithin in zwei Teile. Derjenige Teil 
von ihm, von dem er ein Einkommen erwartet, heißt 
sein Kapital (im engeren Sinne). Der andere Teil dient 
zu seinem unmittelbaren Verbrauch, und besteht ent- 
weder: erstens in demjenigen Teile seines Gesamtvor- 
rats, der von vornherein zu diesem Zwecke aufgehoben 
wurde, oder zweitens in seinem nach und nach ein- 
gehenden Einkommen (aus was für einer Quelle es auch 
fließe) oder drittens in solchen Dingen, die mittelst der 
beiden ersteren in früheren Jahren gekauft und noch 
nicht vollständig verbraucht worden sind, wie etwa ein 
Vorrat von Kleidern, Hausgerät und Ähnlichem. In 



(3 Zweites Buch : Das Kapital. 

dem einen oder dem anderen, oder in allen dreien 
dieser Artikel besteht der Vorrat, den man gewöhnlich 
für den eigenen Verbrauch aufhebt. 

Es gibt z^Yei Mittel, ein Kapital so anzulegen, daß 
es^Einkommen oder G-ewinn liefert. 

Erstlich kann es in der Landwirtschaft, in der In- 
dustrie oder im Handel angelegt werden. Das auf diese 
Weise angelegte Kapital liefert solange kein Einkommen, 
als es im Besitz des Kapitalisten bleibt, oder seine ur- 
sprüngliche Gestalt behält. Die Waren des Kaufmanns 
bringen ihm keine Einkünfte oder Gewinne, bis er sie 
für Geld verkauft,'und das Geld bringt ihm ebensowenig 
Etwas, bis ^ er dafür wieder Waren eingetauscht hat. 
Sein Kapital verläßt ihn in der einen Form und kehrt 
in einer andern zu ihm zurück, und nur mittelst dieses 
Umlaufes oder steten Austauschs kann es ihm einen 
Gewinn bringen. Solche Kapitalien werden daher sehr 
treffend umlaufende Kapitalien genannt. 

Zweitens kann das Kapital auf die Verbesserung des 
Bodens, zum Kaufe nützlicher Maschinen und Werk- 
zeuge, oder auf ähnliche Dinge verwendet werden, die 
Einkommen oder Gewinn liefern, ohne die Besitzer zu 
wechseln oder weiter umzulaufen. Solche Kapitalien wer- 
den daher ganz treffend stehende Kapitalien genannt. 

In den verschiedenen Beschäftigungen ist das Ver- 
hältnis zwischen den in ihnen angelegten stehenden und 
umlaufenden Kapitalien sehr verschieden. Das Kapital 
eines ^Kaufmanns z. B. ist durchaus ein umlaufendes. 
Er hat keine Maschinen oder Werkzeuge zu seinem Han- 
del'nötig, wenn man nicht seinen Laden oder Speicher 
als solche betrachten will. Vom Kapital der Handwerker 
oder Fabrikanten ist ein Teil stets in Werkzeugen fest- 
gelegt. Bei dem einen Gewerbe ist dieser Teil sehr klein, 
bei anderen^ groß. Ein Schneidermeister hat keine 
anderen Instrumente nötig, als ein paar Nadeln. Der 



Kap. I.: Einteilung der Kapitalien. 7 

Schuhmacher braucht etwas mehr; das Werkzeug des 
Webers ist aber weit kostspieliger als das des Schuh- 
machers. Das meiste Kapital aller solcher Handwerks- 
meister läuft jedoch in dem Lohn der Gesellen, oder im 
Preise ihrer Materialien um, und wird durch den Preis 
der fertigen Arbeit mit einem Gewinn wieder bezahlt. 

In anderen Unternehmungen ist ein weit größeres 
stehendes Kapital erforderlich. In einem großen Eisen- 
werke z. B. lassen sich Hochöfen, Schmieden, Hammer- 
werke nicht ohne sehr bedeutende Kosten herstellen. 
In Kohlengruben und Bergwerken aller Art sind die 
zum Auspumpen des Wassers und zu anderen Zwecken 
nötigen Maschinen oft noch teurer. 

Das in den Ackerwerkzeugen angelegte Kapital des 
Landmanns ist stehendes, das zum Lohn und Unterhalt 
der Knechte und Mägde verwendete umlaufendes Kapital. 
Von dem einen zieht er Gewinn, indem er es in seinem 
Besitze behält, von dem anderen, indem er es ausgibt. 
Der Preis oder Wert seiner Arbeitstiere ist ebenso wie 
der seiner Ackerwerkzeuge stehendes, der Unterhalt 
der Tiere ebenso wie der der Knechte und Mägde um- 
laufendes Kapital. Der Landmann erzielt Gewinn, indem 
er die Arbeitstiere in seinem Besitz behält, und ihnen 
Unterhalt gibt. Dagegen sind die Anschaffungs- und 
Unterhaltungskosten des nicht zur Arbeit, sondern zum 
Verkauf bestimmten und gemästeten Viehs umlaufendes 
Kapital. Der Pächter erzielt Gewinn, indem er es her- 
gibt. Eine Herde Schafe oder Rinder, die man in frucht- 
baren Ländern weder zur Arbeit noch zum Verkauf, 
sondern zu dem Zwecke anschafft, um aus ihrer Wolle, 
ihrer Milch, ihrem Nachwuchs Gewinn zu ziehen, ist 
stehendes Kapital. Der Gewinn wird gemacht, indem 
man es behält. Ihr Unterhalt dagegen ist umlaufendes 
Kapital. Der Gewinn wird gemacht, indem man das 
Futter hergibt, und das Kapital geht sowohl mit seinem 



8 Zweites Buch: Das Kapital. 

eigenen Gewinn, als auch im Preise der Wolle, der 
Milch und des Nachwuchses mit dem Grewinne vom 
ganzen Preise des Viehes wieder ein. Auch der Gesamt- 
wert der Aussaat ist eigentlich ein stehendes Kapital. 
Obgleich es zwischen dem Grund und Boden und dem 
Speicher hin- und hergeht, so wechselt es doch niemals 
den Herrn, und läuft daher nicht eigentlich um. Der 
Pächter zieht nicht aus dem Verkauf, sondern aus 
dem Zuwachs seinen Gewinn. 

Das gesamte Kapital eines Landes oder Volkes 
ist dasselbe, wie das aller Einwohner oder Volksglieder 
zusammengenommen und zerfällt demnach in dieselben 
drei Teile, deren jeder eine bestimmte Funktion oder 
Aufgabe hat. 

Der erste Teil wird zur unmittelbaren Konsum- 
tion aufbewahrt und ist dadurch gekennzeichnet, daß 
er kein Einkommen liefert. Er besteht in dem Vorrat 
an Nahrungsmitteln, Kleidung und Hausgerät u. s. w., 
der von den Konsumenten gekauft, aber noch nicht 
ganz verbraucht ist. Auch die Gesamtmasse der Wohn- 
häuser im Lande gehört zu diesem ersten Teile. Das 
in einem Hause, das seinem Eigentümer als Wohnhaus 
dient, angelegte Kapital hört sofort auf als Kapital zu 
fungieren oder seinem Eigner ein Einkommen zu liefern. 
Ein Wohnhaus trägt als solches nichts zu dem Ein- 
kommen seines Bewohners bei, und obgleich es ihm 
ohne Zweifel nützlich ist, so ist es dies doch in keinem 
anderen Sinne, als seine Kleider und Möbel auch, die 
doch keinen Teil seines Einkommens, sondern einen Teil 
seiner Ausgaben bilden. AVird das Haus an Jemand 
vermietet, so muß der Mieter, da das Haus selbst Nichts 
hervorbringen kann, die Miete stets aus einem an- 
deren, von Arbeit, Kapital oder Grund und Boden be- 
zogenen Einkommen zahlen. Obgleich daher ein Haus 
seinem Eigentümer ein Einkommen liefern und sich 



Kap. 1: Einteilung der Kapitiilieu. 9 

dadurch für ihn als Kapital darstellen kann, so kann es 
doch dem Gemeinwesen kein Einkommen liefern, noch 
ihm als Kapital dienen, und das Einkommen der Ge- 
samtheit des Volkes kann nicht im Geringsten dadurch 
/ergrößert werden. Auch Kleider und Hausgerät bringen 
in ähnlicher Weise zuweilen ein Einkommen, und dienen 
so irgend Jemandem als Kapital. In Ländern, wo Mas- 
kenbälle tiblich sind, macht man ein Gewerbe daraus, 
Maskenanzüge auf eine Nacht auszuleihen. Tapezierer 
verleihen oft Möbel monat- und jähr weise, und es gibt 
Unternehmer, welche die Erfordernisse einer Beerdi- 
gung für einen Tag oder eine "Woche stellen. Viele ver- 
mieten möblierte AVohnungen, und nehmen nicht nur 
für die Nutzung der Wohnung, sondern auch für die 
der Möbel eine Miete. Das aus solchen Dingen ge- 
wonnene Einkommen muß jedoch am Ende stets aus 
irgend einer anderen Quelle fließen. Unter allen für 
den unmittelbaren Verbrauch aufbewahrten Kapitalien 
eines einzelnen oder einer Gesellschaft wird das in 
Häusern angelegte am langsamsten verbraucht. Ein 
Vorrat an Kleidern kann ein paar Jahre, ein Vorrat an 
Gerät ein halbes oder ganzes Jahrhundert vorhalten, 
aber gutgebaute und sorgsam erhaltene Häuser könnten 
Jahrhunderte dauern. Obgleich indeß der Termin 
ihrer völligen Abnutzung sehr entfernt ist, sind sie 
dennoch ebenso wie Kleider und Möbel ein zum un- 
mittelbaren Verbrauch bestimmtes Kapital. 

Der zweite von den drei Teilen, in die das Ge- 
samtkapital der Gesellschaft zerfällt, ist das stehende 
Kapital, dessen Eigenschaft es ist, Einkommen oder Ge- 
winn zu liefern, ohne daß es umläuft oder den Besitzer 
wechselt. Es besteht hauptsächlich aus folgenden vier 
Artikeln. Erstlich aus all' den nützlichen Maschinen 
und Werkzeugen, die die Arbeit erleichtern und ab- 
kürzen. Zweitens aus allen Gebäuden, die nicht nur 



IQ Zweites Buch: Das Kapital. 

ihrem Eigentümer, der sie vermietet, sondern auch 
dem Mieter ein Einkommen verschaffen; wie Läden, 
Warenlager, Werkstätten, Wirtschaftsgebäude mit den 
zugehörigen Ställen, Scheunen usw. Diese sind von 
bloßen Wohnhäusern sehr verschieden. Sie sind eine 
Art geschäftlicher Werkzeuge und können in diesem 
Lichte betrachtet werden. Drittens aus den Bodenver- 
besserungen, den gewinnbringenden Auslagen für Ur- 
barmachung, Entwässerung, Einzäunung, Düngung und 
sonstige Herrichtungen des Landes zum Ackerbau. Ein 
kultiviertes Landgut kann mit allem Recht in dem- 
selben Lichte betrachtet werden, wie die nützlichen 
Maschinen, die die Arbeit erleichtern und abkürzen und 
mittelst deren das nämliche umlaufende Kapital ein 
weit größeres Einkommen liefern kann. Ein solches 
Landgut ist eben so gewinnbringend und dabei dauer- 
hafter als irgend eine dieser Maschinen, da es oft keine 
weiteren Verbesserungen erfordert, als die vorteilhaf- 
teste Verwendung des zum Anbau bestimmten Kapitals. 
Viertens aus den erworbenen Fähigkeiten aller Ein- 
wohner oder Gesellschaftsglieder. Die Erwerbung sol- 
cher Talente erfordert für den Unterhalt während der 
Ausbildung, des Studiums oder der Lehrzeit stets tat- 
sächliche Kosten, die ein stehendes, oder so zu sagen 
in der Person realisiertes Kapital sind. Wie diese 
Talente für ihren Eigner einen Teil seines Vermögens 
ausmachen, so bilden sie auch einen Teil in dem Ver- 
mögen der Gesellschaft, der er angehört. Die erlernte 
Fertigkeit eines Arbeiters kann man in demselben 
Lichte betrachten, wie die Maschine oder ein die 
Arbeit erleichterndes und abkürzendes Werkzeug, das 
zwar gewisse Kosten verursacht, diese Kosten aber 
mit Gewinn wieder erstattet. 

Der dritte und letzte der drei Teile, in welche das 
Gesamtkapital der Gesellschaft zerfällt, ist das um- 



Kap. I.: Einteilung der Kapitalien. H 

laufende Kapital, dessen Eigenschaft es ist, nur durch 
Umlauf oder Wechsel des Besitzers ein Einkommen zu 
liefern. Es ist gleichfalls aus vier Teilen zusammen- 
gesetzt : Erstens, aus dem Gelde, mittelst dessen die 
drei übrigen Teile umlaufen und an ihre eigentlichen 
Konsumenten verteilt werden. Zweitens, aus den Vor- 
räten an Lebensmitteln, die im Besitz der Fleischer, 
Viehzüchter, Landwirte, Getreidehändler, Brauer usw. 
sind, und aus deren Verkauf diese einen Gewinn zu 
ziehen hoffen. Drittens, aus den für Kleider, Möbel und 
Gebäude erforderlichen Rohstoffen und Halbfabrikaten, 
die noch nicht ihre Bestimmung erhalten haben, sondern 
sich noch in den Händen der Produzenten, Handwerker, 
Seiden- und Tuchhändler, Holzhändler, Zimmerleute und 
Tischler, Maurer usw. befinden. Viertens und letztens 
aus den Waren die zwar fertig sind, aber sich noch in 
den Händen des Kaufmanns oder Fabrikanten befinden 
und noch nicht abgesetzt, bezw. an die eigentlichen Ver- 
braucher gelangt sind, wie z. B. die fertigen Waren, die 
man oft beim Schmied, Tischler, Goldschmied, Juwelier, 
Porzellanhändler usw. findet. So besteht das umlaufende 
Kapital aus den noch in Besitz der betreffenden Händler 
befindlichen Lebensmitteln, Rohstoffen und fertigen 
Waren aller Art, und aus dem Gelde, das erforderlich 
ist, um sie in Umlauf zu setzen und sie an die letzten 
Verbraucher zu verteilen. 

Von diesen vier Teilen werden drei, die Lebens- 
mittel, die Rohstoffe und die fertigen Waren entweder 
jährlich, oder in einer längeren oder kürzeren Periode 
regelmäßig dem Umlauf entzogen, und entweder zum 
stehenden Kapital oder zu dem zum unmittelbaren 
Verbrauch bestimmten Vorrat geschlagen. 

Jedes stehende Kapital entstammt ursprünglich 
einem umlaufenden, und mviß auch stets durch ein solches 
erhalten werden. Alle nützlichen Maschinen und Werk- 
zeuge rühren von einem umlaufenden Kapital her, das 



12 Zweites Buch: Das Kapital. 

die Stoffe liefert, aus denen sie bestehen, und den Unter- 
halt der Arbeiter, die sie verfertigen. Auch erfordern 
sie zu ihrer Reparatur eines umlaufenden Kapitals. 

Kein stehendes Kapital kann ohne Beihilfe eines 
umlaufenden ein Einkommen liefern. Die nützlichsten 
Maschinen und Werkzeuge bringen ohne ein umlaufen- 
des Kapital, das die zu verarbeitenden Stoffe und den 
Unterhalt der Arbeiter liefert, die sie benutzen, nichts 
hervor. Ein noch so kultivierter Boden bringt ohne ein 
umlaufendes Kapital, welches die ihn bearbeitenden 
und erntenden Arbeiter erhält, kein Einkommen. 

Die für den unmittelbaren Verbrauch vorbehaltenen 
Vorräte zu erhalten und zu vermehren, ist der einzige 
Zweck der stehenden und umlaufenden Kapitalien. 
Diese Vorräte sind es, die das Volk nähren, kleiden 
und ihm Wohnung geben. Der Reichtum oder die 
Armut des Volks hängt von den reichlichen oder spär- 
lichen Ergänzungen ab, die jene beiden Kapitalarten 
dem zum unmittelbaren Verbrauch bestimmten Vorrat 
zuführen können. 

Da dem umlaufenden Kapital beständig eine so 
große Menge entzogen wird, um den beiden anderen 
Teilen des Gesamtkapitals der Gesellschaft einverleibt 
zu werden, so bedarf es seinerseits beständiger Er- 
gänzung, ohne die es bald erschöpft sein würde. Diese 
Ergänzung erhält es hauptsächlich aus drei Quellen, 
den Erzeugnissen des Bodens, der Bergwerke und der 
Fischereien. Aus diesen Quellen werden die Lebens- 
mittel und Eohstoffe, die teilweise später zu Fabrikaten 
verarbeitet'werden, und welche die dem umlaufenden 
Kapital entzogenen Lebensmittel, Rohstoffe und Fa- 
brikate ersetzen, beständig ergänzt. Aus den Berg- 
werken wird auch der zur Unterhaltung und Vermeh- 
rung des Geldkapitals erforderliche Bedai-f gedeckt. 
Denn obgleich dieser Teil des Gesamtkapitals im ge- 



Kap. I.: Einteilung der Kapitalien. ^3 

wohnlichen Laufe der Geschäfte nicht wie die drei 
übrigen dem umlaufenden Kapital entzogen werden 
muß, um in die zwei anderen Zweige des allgemeinen 
Gesellschaftskapitals überzugehen, so wird es doch wie 
alle anderen Dinge, verbraucht oder wenigstens abge- 
nutzt, ireht auch bisweilen teilweise verloren oder wird 
ins Ausland geschafft, und macht deshalb beständige, 
wenn auch weit geringere Ergänzungen nötig. 

Grund und Boden, Bergwerke und Fischereien er- 
fordern sämtlich sowohl ein stehendes, als ein um- 
laufendes Kapital zu ihrem Betriebe; und ihr Ertrag 
erstattet nicht nur diese Kapitalien, sondern auch alle 
übrigen in der Gesellschaft mit Gewinn zurück. So 
versorgt der Landmann den Gewerbtreibenden jährlich 
aufs neue mit den Lebensmitteln, die er im vorher- 
gehenden Jahre verzehrt, und den Rohstoffen, die er 
verarbeitet hatte; und der Gewerbtreibende versorgt 
den Landmann wieder mit den Fabrikaten, die dieser 
in derselben Zeit verbraucht und vernutzt hatte. Dies 
ist der tatsächliche Tausch, der jährlich zwischen diesen 
beiden Volksklassen vollzogen wird, wenn auch das 
Rohprodukt des einen und das verarbeitete des anderen 
selten unmittelbar gegen einander vertauscht werden, 
da der Pächter sein Getreide und sein Vieh, seinen 
Flachs und seine Wolle selten an dieselbe Person ab- 
setzt, von der er seine Kleider, Gerätschaften und 
Werkzeuge kauft. Er verkauft daher sein Rohprodukt 
für Geld, mit welchem er die verarbeiteten Produkte, 
die er braucht, überall kaufen kann, wo sie gerade zu 
haben sind. Der Boden ersetzt sogar, wenigstens zum 
Teil, die Kapitalien, mit denen die Fischereien und 
Bergwerke betrieben werden. Mit Erzeugnissen des 
Bodens werden die Fische geködert und gefangen, 
und mit Erzeugnissen der Erdoberfläche zieht man 
die Mineralien aus den Tiefen der Erde. 



14 Zweites Buch: Das Kapital. 

Der Ertrag des Bodens, der Bergwerke und Fische- 
reien richtet sich, bei gleicher natürlicher Ergiebigkeit, 
nach der Größe und angemessenen Verwendung der 
in ihnen angelegten Kapitalien. Bei gleichen Kapitalien 
und gleich geschickter Verwendung richtet sich der 
Ertrag nach der natürlichen Ergiebigkeit des Bodens 
und dor Bergwerke. 

In allen Ländern, wo leidliche Sicherheit herrscht, 
sucht Jedermann von gesundem Menschenverstände 
alle ihm zur Verfügung stehenden Kapitalien dazu an- 
zuwenden, sich sofortigen Genuß oder zukünftigen 
Gewinn zu verschaffen. Wird das Kapital dazu ver- 
wendet, sofortigen Genuß zu verschaffen, so ist ein für 
die unmittelbare Verwendung bestimmter Vorrat; wird 
es dazu angewendet, künftigen Gewinn zu verschaffen, 
so muß dies dadurch geschehen, daß das Kapital ent- 
weder bei seinem Besitzer verbleibt, oder sich von 
ihm trennt. In dem einen Falle ist es ein stehendes, 
in dem anderen ein umlaufendes Kapital. Man müßte 
geradezu närrisch sein, wenn man bei leidlichen Sicher- 
heitszuständen nicht alle verfügbaren Kapitalien, eigene 
oder geborgte, auf die eine oder die andere Art anlegte. 

In den unglücklichen Ländern freiUch, wo man 
stets die Gewalttätigkeiten der höher gestellten zu 
fürchten hat, vergraben und verbergen die Leute oft 
einen großen Teil ihres Kapitals, um ihn jederzeit mit- 
nehmen zu können, falls sie von einer der Gefahren 
bedroht werden sollten, denen sie sich stets ausgesetzt 
sehen. In der Türkei, in Hindustan, und wohl in den 
meisten anderen asiatischen Staaten soll dies Verfahren 
sehr gebräuchlich sein. Auch bei unseren Vorfahren 
scheint es unter der gewalttätigen Feudalherrschaft 
üblich gewesen zu sein. Gefundene Schätze wurden 
damals für einen nicht verächtlichen Teil des Ein- 
kommens der größten europäischen Fürsten gehalten. 



Kap. I.: Einteilnno' der Kapitalien. I5 

Es waren dies Schätze, die man in der Erde versteckt 
fand, und auf die niemand ein Recht nachweisen 
konnte. Die Sache war in jener Zeit von solcher 
Wichtigkeit, daß diese Funde stets als ein Eigentum 
des Fürsten, nicht als das des Finders oder des Grund- 
besitzers angesehen wurden, wenn nicht dem letzteren 
das Recht darauf durch eine ausdrückliche Klausel in 
seiner Verleihungsurkunde zugesichert war. Ebenso 
wurde es mit den Gold- und Silberminen gehalten, die 
ohne eine besondere Klausel in der Urkunde niemals 
in der allgemeinen Landverleihung mit inbegriffen 
waren, die dagegen Blei-, Kupfer-, Zinn- und Kohlen- 
minen, als Dinge von geringerem Belange, mit umfaßte. 



Zweites K a j) i t e 1. 

Das Geld als ein besonderer Zweig 

des Gesamtkapitals der Gesellschaft, oder die 

Unterhaltungskosten des Nationalkapitals. 

In dem ersten Buche ist gezeigt worden, daß der 
Preis der meisten "Waren in drei Teile zerfällt, von 
denen einer den Arbeitslohn, ein anderer den Kapital- 
gewinn und ein dritter die Grundrente bezahlt; daß es 
zwar einige Waren gibt, deren Preis nur von zweien 
jener Teile, dem Arbeitslohn und Kapitalgewinn, her- 
rührt, und daß er in einigen wenigen lediglich aus dem 
Arbeitslohn besteht, daß aber der Preis jeder Ware 
sich notwendig in einen oder den anderen oder in alle 
drei Teile auflöst, und daß Alles, was nicht Rente 
oder Lohn ist, notwendig für irgend jemanden Ge- 
winn sein muß. 

Da dies, wie bemerkt, bezüglich joder einzelnen 
Ware, für sich betrachtet, der Fall ist, so muß es 
auch bezüglich aller AVaren, die das jährliche Gesamt- 
produkt des Bodens und der Arbeit in einem Lande 
bilden, der Fall sein, wenn man sie als Einheit be- 
trachtet. Der ganze Preis oder Tauschwert dieses 
Jahresprodukts muß in die nämlichen drei Teile zer- 
fallen und sich unter die verschiedenen Einwohner 
des Landes entweder als Arbeitslohn, Kapitalgewinn 
oder Grundrente verteilen. 

Obwohl nun der Gesamtwert des jährlichen Boden- 
und Arbeitsertrags eines Landes sich in dieser Weise 



Kap. II.: Das Geld. 17 

unter die verschiedenen Bewohner verteilt, so kann 
man doch, wie man in der Rente eines Privatguts 
zwischen der rohen und der reinen Rente unterschei- 
det, auch in dem Einkommen der Gesamtheit aller 
Einwohner denselben Unterschied machen. 

Die rohe Rente eines Guts umfaßt alles, was vom 
Pächter gezahlt wird; die reine Rente ist das, was nach 
Abzug der Wirtschafts-, Unterhaltungs- und sonstigen 
Kosten für den Grundeigentümer übrig bleibt, oder 
was er ohne Schaden für das Gut dem für den un- 
mittelbaren Yei'brauch bestimmten Vorrat zuweisen, 
oder für seine Tafel, seine Kleider, die Ausschmückung 
und Möblierung seines Hauses, für seine Genüsse und 
Yergnügangen ausgeben kann. Sein wirkliches Ver- 
mögen richtet sich nicht nach seinem rohen, sondern 
nach seinem reinen Einkommen. 

Das rohe Einkommen aller Einwohner eines Landes 
umfaßt das gesamte Jahresprodukt ihres Bodens und 
ihrer Arbeit; das reine Einkommen dasjenige, was ihnen 
nach Abzug der Unterhaltungskosten, erstens ihres 
stehenden und zweitens ihres umlaufenden Kapitals, 
übrig bleibt, oder das, was sie, ohne ihr Kapital anzu- 
greifen, dem für ihren unmittelbaren Verbrauch be- 
stimmten Vorrat zuweisen, oder auf Lebensunterhalt, 
Komfort und Genuß verwenden können. Auch ihr 
wirklicher Reichtum richtet sich nicht nach ihrem 
rohen, sondern nach ihrem reinen Einkommen. 

Die ganzen Kosten für den Unterhalt des stehenden 
Kapitals müssen offenbar von dem reinen Einkommen 
der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Weder die zur 
Instandhaltung der nützlichen Maschinen und "Werk- 
zeuge, der gewinntragenden Gebäude usw. nötigen 
Materialien, noch das Produkt der zur Bearbeitung 
dieser Materialien erforderlichen Arbeit können zum 
reinen Einkommen gerechnet werden. Allerdings kann 

Adam Suütli, Volkswcjhl.staml. 11. - 



18 Zweites Buch: Das Kapital. 

der Preis dieser Arbeit einen Teil von ihm bilden, 
wenn die hierbei beschäftigten Arbeiter ihren ganzen 
Lohn ihrem für den unmittelbaren Verbrauch bestimm- 
ten Vorrat zuweisen können. Bei anderen Arbeits- 
gattungen geht sowohl der Preis als das Produkt der 
Arbeit in diesen Vorrat über, der Preis in den Vorrat 
der Arbeiter, das Produkt in den anderer Leute, deren 
Lebensunterhalt, Komfort und Genuß durch die Arbeit 
jener bereichert werden. 

Der Zweck des stehenden Kapitals besteht darin, 
die Produktivkräfte der Arbeit zu erhöhen und eine 
gleiche Zahl Arbeiter zu weit größeren Arbeitsleistungen 
zu befähigen. Auf einem Gute, wo alle nötigen Ge- 
bäude, Zäune, Abzugsgräben, Verbindungswege usw. im 
besten Zustande sind, wird eine gleiche Zahl Arbeiter 
und Arbeitstiere einen weit größeren Ertrag erzielen,, 
als auf einer Fläche von gleicher Größe und gleicher 
Güte, wo diese Einrichtungen mangelhaft sind. In Fa- 
briken wird eine gleiche Zahl Hände, wenn sie durch 
die besten Maschinen unterstützt wird, eine weit größere 
Menge AVaren hervorbringen, als mit unvollkommeneren 
Werkzeugen. Zweckmäßige Ausgaben für irgend ein 
stehendes Kapital machen sich immer mit großem Ge- 
winn wieder bezahlt, und vermehren den Jahresertrag 
um einen weit größeren Wert, als den der dafür auf- 
gewendeten Kosten. Immerhin jedoch nehmen diese 
Kosten einen gewissen Teil jenes Ertrags in Anspruch. 
Eine gewisse Quantität von Materialien und die Arbeit 
einer gewissen Anzahl von Arbeitern, die unmittelbar 
auf Vermehrung der Lebensmittel, Kleider und Woh- 
nungen, kurz der Unterlialtsmittel und Genüsse der 
Gesellschaft hätten verwendet werden können, werden 
so zu einer anderen Beschäftigung gebraucht, die zwar 
höchst vorteilhaft, aber von jener doch sehr verschieden 
ist. Aus diesem Grunde werden alle Fortschritte in der 



Kap. IT.: Das Geld. 19 

Mechanik, die eine gleiche Zahl von Arbeitern instand 
setzen, eine gleiche Menge Arbeit mit wohlfeileren und 
einfacheren als den früher üblichen Maschinen herzu- 
stellen, stets als vorteilhaft für jede Gesellschaft betrach- 
tet. Eine gewisse Menge von Materialien und die Arbeit 
einer gewissen Zahl von Arbeitern, die früher erforder- 
lich waren, um die komplizierteren und kostspieligeren 
Maschinen zu bedienen, können nun zur Vermehrung der 
Arbeitsmenge verwendet werden, zu deren Herstellung 
die Maschine nur behilflich ist. Der Unternehmer einer 
großen Fabrik, der jährlich tausend Pfund Sterling auf 
seine Maschinen verwendet, wird, wenn er diese Ausgabe 
auf fünfhundert ermäßigen kann, die übrigen fünfhun- 
dert zum Ankauf einer größeren Menge von Rohstoffen 
verwenden, deren Verarbeitung mehr Arbeitskräfte be- 
ansprucht. Die Arbeitsmenge, zu deren Herstellung 
seine Maschinen nur behilflich waren, wird sich daher 
vergrößern, und mit ihr auch der Vorteil und Genuß, 
den die Gesellschaft aus diesen Arbeiten zieht. 

Die Unterhaltungskosten des stehenden Kapitals 
in einem Lande können füglich mit den Unterhaltungs- 
kosten eines Gutes verglichen werden. Diese Aus- 
gaben müssen oft bestritten werden, damit der Ertrag 
des Guts und folglich die rohe und reine Rente des 
Grundherrn nicht sinkt. Können aber diese Ausgaben 
durch richtigere Verwendung vermindert werden ohne 
Verringerung des Ertrags, so bleibt die rohe Rente 
mindestens die nämliche, und die reine Rente ist selbst- 
verständlich größer geworden. 

Wenn aber die gesamten Unterhaltskosten des 
stehenden Kapitals vom reinen Einkommen der Gesell- 
schaft ausgeschlossen werden müssen, so liegt doch der 
Fall bei den Unterhaltskosten des umlaufenden Kapitals 
anders. Von den vier Teilen, aus welchen das letztere 
besteht, dem Gelde, den Lebensmitteln, den Rohstoffen 

2* 



20 Zweites Buch: Das Kapital. 

und Fabrikaten, werden die drei letzteren, wie schon 
bemerkt, ihm regelmäßig entzogen, und entweder dem 
stehenden Kapital der Gesellschaft, oder dem für die 
unmittelbare Verzehrung bestimmten Vorrat einverleibt. 
Alles, was von den Verbrauchsgegenständen nicht zum 
Unterhalt des ersteren dient, geht in den letzteren 
über, und macht einen Teil des reinen Einkommens 
der Gesellschaft aus. Daher entzieht die Unterhaltung 
jener drei Teile des umlaufenden Kapitals dem reinen 
Einkommen der Gesellschaft keinen andern Teil des 
Jahresertrags, als den, der zur Unterhaltung des stehen- 
den Kapitals erforderlich ist. 

Das umlaufende Kapital einer Gesellschaft ist in 
dieser Beziehung von dem eines einzelnen ganz ver- 
schieden. Dasjenige eines einzelnen macht durchaus 
keinen Teil seines reinen Einkommens aus, das gänzlich 
in seinen Gewinnen bestehen muß. Obwohl aber das 
umlaufende Kapital jedes einzelnen einen Teil des- 
jenigen der Gesellschaft bildet, der er angehört, so 
muß es darum doch nicht einen Teil des reinen Volks- 
einkommens bilden. Die Waren eines Kaufmanns kann 
man nicht zu seinem für den unmittelbaren Verbrauch 
bestimmten Vorrat rechnen, aber sie können in den 
Vorrat anderer übergehen, die jenem ihren Wert 
samt Gewinn aus anderweitigen Einkünften erstatten, 
ohne dadurch in seinem oder ihrem Kapital irgend 
eine Verminderung herbeizuführen. 

Das Geld ist daher der einzige Teil des umlaufen- 
den Kapitals der Gesellschaft, dessen Unterhaltung eine 
Verminderung ihres reinen Einkommens bewirken kann. 

Das stehende Kapital und der im Geld bestehende 
Teil des umlaufenden Kapitals haben in ihi-em Einfluß 
auf das Einkommen der Gesellschaft eine große Ähn- 
lichkeit miteinander. 

Wie erstens die Maschinen und Werkzeug-e usw. 



Kap. IL: Das Geld. 21 

gewisse Ausgaben erst für ihre Anschaffung, dann für 
ihre Unterhaltung erfordern, die zwar einen Teil des 
rohen Einkommens ausmachen, aber vom reinen Ein- 
kommen der Gesellschaft abgehen; so muß auch der in 
einem Lande umlaufende Geldvorrat gewisse Ausgaben 
erst für seine Anschaffung, dann für seine Unterhaltung 
erfordern, der ebenso zwar einen Teil des rohen Ein- 
kommens der Gesellschaft bildet, aber von ihrem 
reinen Einkoramen abgeht. Eine gewisse Menge sehr 
wertvoller Stoffe, Gold und Silber, und sehr künst- 
licher Arbeit findet, statt den zum unmittelbaren Ver- 
brauch bestimmten Vorrat, den Lebensunterhalt, Kom- 
fort und Genuß der Einzelnen zu vermehren, ihre 
Aufgabe in der Unterhaltung des wichtigen, aber kost- 
spieligen Verkehrs Werkzeugs, durch das jeder einzelne 
in der Gesellschaft seinen Lebensunterhalt, Komfort 
und Genuß im geeigneten Verhältnisse regelmäßig 
zugeteilt erhält. 

Wie zweitens die Maschinen, Werkzeuge usw., die 
das stehende Kapital eines einzelnen oder einer Ge- 
sellschaft ausmachen, weder einen Teil ihres rohen 
noch ihres reinen Einkommens bilden, so bildet das 
Geld, durch dessen Vermittelung das gesamte Ein- 
kommen der Gesellschaft regelmäßig unter alle ihre 
einzelnen Glieder verteilt wird, selbst keinen Teil 
dieses Einkommens. Das große Umlaufsrad ist von 
den Waren, die durch seine Vermittelung in Umlauf 
gesetzt sind, ganz verschieden. Das Einkommen der 
Gesellschaft besteht lediglich in diesen Waren, und 
nicht in dem Rade, das sie in Umlauf setzt. Bei einer 
Berechnung des rohen oder des reinen Einkommens 
der Gesellschaft muß stets von ihrem jährlichen Geld- 
und Güterumlauf der Gesamtwert des Geldes abge- 
zogen werden, von dem nicht ein einziger Pfennig 
einen Einkommensteil bilden kann. 



22 Zweites Buch: Das Kapital. 

Nur die Unklarheit der Ausdrucksweise kann 
diesen Satz zweifelhaft oder paradox erscheinen lassen. 
Wird er gehörig erkläi't und aufgefaßt, so ist er fast 
selbstverständlich. 

Wenn wir von einer Summe Geldes reden, so mei- 
nen wir entweder nur die Metallstücke, aus denen sie 
besteht, oder setzen sie in eine dunkle Beziehung zu den 
Waren, die man dafür haben kann, oder zu der Kauf- 
kraft, die ihr Besitz verleiht. So wollen wir, wenn wir 
sagen, daß das umlaufende Geld Englands auf achtzehn 
Millionen berechnet werde, nur den Betrag der Metall- 
stücke ausdrücken, auf die einige Schriftsteller den 
Umlauf geschätzt haben. Sagen wir aber, es stehe sich 
jemand auf fünfzig oder hundert Pfund jährlich, so 
wollen wir in der Regel nicht nur den Betrag der 
Metallstücke, die er jährlich einnimmt, sondern auch den 
Wert der Waren ausdrücken, die er jährlich kaufen 
oder verbrauchen kann. Wir wollen damit sagen, wie 
er lebt oder leben könnte, d. h. welche Menge und 
Beschaffenheit von Lebens- und Genußmitteln er sich 
nach seinen Verhältnissen gestatten dürfe. 

Wenn man unter einer Summe Geldes nicht nur 
den Betrag der Metallstücke, aus denen sie besteht, ver- 
standen wissen, sondern sie in eine dunkle Beziehung zu 
den Waren, die dafür zu haben sind, setzen will, so 
wird das Vermögen oder Einkommen, das sie in diesem 
Falle bezeichnet, nur der einen der beiden Bedeutungen, 
welche das Wort doppelsinnig einschließt, gerecht und 
zwar der letzteren mehr als der ersteren, d. h. dem 
Begriffe des Geldwertes mehr, als dem des Geldes. 

So kann der, dessen Wocheneinnahme in einer 
Guinee besteht, im Laufe der Woche damit eine gewisse 
Menge Lebens- und Genußmittel kaufen. Je nach der 
Größe dieser Menge ist auch sein wirkliches Vermögen, 
seine wirkliche Wocheneinnahme groß oder klein. Seine 



Kap. II. : Das Geld. 23 

Wocheneinnahme ist sicherlich nicht gleich der Guinoe 
und dem, was dafür zu haben ist, sondern nur dem 
einen oder dem anderen dieser beiden gleichen Werte, 
und zwar dem letzteren mehr als dem ersteren, dem 
Werte der Guinee mehr als der Guinee selbst. 

Wenn jemandem sein Gehalt nicht in Gold, sondern 
in einer wöchentlichen Anweisung auf eine Guinee ge- 
zahlt würde, so bestände sein Einkommen gewiß nicht 
in dem Stück Papier, sondern in dem, was er dafür 
haben kann. Eine Guinee ist als eine auf alle Ge- 
schäftsleute der Gegend ausgestellte Anweisung auf 
eine bestimmte Menge von Lebens- und Genußmitteln 
anzusehen. Das Einkommen desjenigen, dem sie ge- 
zahlt wird, besteht nicht sowohl in dem Goldstück, als 
in dem, was er dafür haben oder wogegen er es ver- 
tauschen kann. Könnte es gegen nichts vertauscht 
werden, so wäirde es, wie eine Anweisung auf einen 
Zahlungsunfähigen nicht mehr wert sein, als ein ganz 
unbrauchbares Stück Papier. 

Wenn auch das Wochen- oder Jahreseinkommen 
aller einzelnen Einwohner eines Ijandes ebenso in Geld 
gezahlt werden kann und in Wirklichkeit auch oft in 
Geld gezahlt wird, so ist doch ihr wirkliches Yermögen, 
das wirkliche Wochen- oder Jahreseinkommen aller 
zusammengenommen groß oder klein je nach der Menge 
der verbrauchsfähigen Waren, die sie mit dem Gelde 
kaufen können. Das ganze Einkommen aller einzel- 
nen zusammengenommen ist offenbar nicht gleich dem 
Gelde und den verbrauchsfähigen Waren, sondern nur 
dem einen oder dem anderen dieser beiden Werte, und 
zwar dem letzteren mehr, als dem ersteren. 

Wenn wir also oft das Einkommen jemandes durch 
die Metallstücke ausdrücken, die er jährlich einnimmt, 
so geschieht es deshalb, weil der Betrag dieser Stücke 
die Größe ihrer Kaufkraft oder den Wert der Waren 



24 Zweites Buch: Dan Kapital. 

bestimmt, die er jährlicli verzehren kann. Gleichwohl 
betrachten wir sein Einkommen als in seiner Kauf- 
oder Yerbranchskraft bestehend und nicht in den Geld- 
stücken, die sie ihm verleihen. 

Wenn dies schon bezüglich eines Einzelnen klar 
genug ist, so ist es dies noch mehr bezüglich eines 
Volks. Der Betrag der Metallstücke, die ein Einzelner 
jährlich einnimmt, kommt oft genau seinem Einkommen 
gleich, und ist darum auch der kürzeste und beste Aus- 
druck für seinen Wert; aber der Betrag der Metall- 
stücke, die in einem Volke umlaufen, kann niemals 
dem Einkommen aller seiner Glieder gleich sein. Da 
die nämliche Guinee, mit der heute das Wochengehalt 
des einen bezahlt wird, morgen dazu dienen kann, das 
eines anderen, und übermorgen das eines dritten zu 
bezahlen, so muß der Betrag der jährlich in einem 
Lande umlaufenden Metallstücke stets einen weit ge- 
ringeren Wert haben, als die jährliche Summe der Ein- 
kommen. Aber die Kaufkraft, oder die Waren, die 
nach und nach mit dieser Einkommenssumme gekauft 
werden können, müssen stets genau denselben Wert 
haben, wie diese Einkommen; und ebenso ist es mit 
dem Einkommen der einzelnen, denen sie gezahlt 
werden. Dies Einkommen kann mithin nicht in den 
Metallstücken bestehen, deren Betrag so weit unter 
seinem Werte bleibt, sondern muß in der Kaufkraft 
bezw. in den Waren bestehen, die damit, wie nun eben 
jene Stücke von Hand zu Hand gehen, nach und 
nach gekauft werden können. 

Das Geld, das große Rad des Umlaufs, das große 
Werkzeug des Verkehrs, bildet also, gleich allen anderen 
Werkzeugen, keinen Teil im Einkommen des Volks, 
dem es gehört, obgleich es einen Teil und zwar einen 
sehr wertvollen Teil des Kapitals bildet; und obschon 
die Metallstücke, aus denen es besteht, während ihres 



Kap. 11.: Das Geld. 25 

jährlichen Umlaufs an jedermann das ihm zukommende 
Einkommen verteilen, so machen sie selbst doch keinen 
Teil dieses Einkommens aus. 

Drittens und letztens haben die Maschinen und 
Werkzeuge usw., die das stehende Kapital bilden, die 
weitere Ähnlichkeit mit dem in Geld bestehenden Teil 
des umlaufenden Kapitals, daß ebenso, wie jede Er- 
sparnis in den Herstellungs- und Unterhaltskosten der 
Maschinen, die die Produktivkraft der Arbeit nicht ver- 
mindert, das reine Einkommen des Volkes vermehrt, 
auch jede Ersparnis in den Anschaffungs- und Unter- 
haltungskosten des Greldumlaufs das Volkseinkommen 
vermehrt. 

Es ist deutlich genup', und teilweise auch schon 
auseinandergesetzt worden, auf welche Art jede Erspar- 
nis in den Unterhaltungskosten des stehenden Kapitals 
das reine Volkseinkommen vermehrt. Das Kapital eines 
Unternehmers zerfällt notwendig in sein stehendes und 
sein umlaufendes Kapital. Bleibt sein Gesamtkapital 
das nämliche, so muß notwendig der eine Teil um so 
größer werden, je kleiner der andere wird. Das um- 
laufende Kapital beschafft die Rohstoffe und den Arbeits- 
lohn, und setzt das Geschäft in Gang. Daher muß jede 
die Produktivkraft der Arbeit nicht vermindernde Er- 
sparnis in den Unterhaltungskosten des Kapitals, den 
das Geschäft in Gang bringenden Fonds und folglich 
auch den Jahresertrag des Bodens und der Arbeit, das 
wirkliche Einkommen eines jeden Volkes, vermehren. 

Der Gebrauch des Papiers an Stelle des Gold- und 
Silbergeldes ersetzt ein sehr kostspieliges Verkehrswerk- 
zeug durch ein weit weniger kostbares und zuweilen 
ebenso geeignetes. Der Umlauf wird durch ein neues 
Rad bewirkt, das anzuschaffen und zu erhalten weniger 
kostet als das alte. In welcher Weise jedoch diese 
Tätigkeit sich vollzieht und das rohe oder reine Ein- 



26 Zweites Buch: Das Kapital. 

kommen der Gesellschaft vergrößert, erfordert eine 
weitere Erklärung. 

Es gibt verschiedene Arten von Papiergeld; doch 
sind die Banknoten die bekannteste Art und scheinen 
auch für den Zweck am besten geeignet. 

Hat man in einem Lande soviel Vertrauen zu dem 
Vermögen, der Rechtschaffenheit und Klugheit eines 
Bankiers, um zu glauben, daß er seine Noten stets bei 
Vorzeigen auszahlen werde, so erhalten diese durch 
die Sicherheit, daß zu jeder Zeit Geld dafür zu haben 
ist, dieselbe Gangbarkeit wie Gold- und Silbergeld. 

Angenommen, ein Bankier leiht an seine Kunden 
Noten im Betrage von £ 100.000. Da diese Noten 
alle Dienste des Geldes tun, so bezahlen ihm seine 
Schuldner die nämlichen Zinsen, als ob er ihnen eben- 
soviel Geld geliehen hätte. Aus diesen Zinsen zieht er 
seinen Gewinn. Wenn auch manche Noten zurück- 
kommen und Zahlung fordern, so bleiben die meisten 
doch Monate und Jahre lang ununterbrochen im Um- 
lauf. Obschon daher gewöhnlich £ 100,000 seiner 
Noten umlaufen, reichen doch £ 20,000 in Gold und 
Silber oft vollkommen hin, um allen Zahlungsanforde- 
rungen zu entsprechen. £ 20,000 in Gold und Silber 
verrichten demgemäß dieselben Dienste wie sonst 
£ 100,000. Mittelst der Noten können dieselben 
Tausche vollzogen werden, kann dieselbe Menge Ver- 
brauchsgegenstände umlaufen und an ihre eigentlichen 
Verbraucher gelangen, als durch einen gleichen Wert 
an Gold und Silbergeld. Man kann demnach £ 80,000 
in Gold und Silber am Umlauf des Landes sparen, und 
wenn gleichzeitig von vielen Banken und Bankiers 
mehr derartige LTnternehmungen gemacht werden, so 
läßt sich der ganze Umlauf mit dem fünften Teil des 
Goldes und Silbers bewirken, das ohne sie nötig ge- 
wesen wäre. 



Kap. IL : Das Geld. 27 

Angenommen, das ganze umlaufende Geld eines 
Landes belaufe sich zu einer gewissen Zeit auf eine 
Million Pfund Sterling, die hinreichend sind, das ganze 
Jahresprodukt des Bodens und der Arbeit in Umlauf zu 
bringen. Angenommen ferner, daß später verschiedene 
Banken und Bankiers auf den Inhaber lautende Noten 
im Betrag von einer Million ausgeben, und um gelegent- 
lichen Zahlungsanforderungen zu entsprechen, £ 200,000 
in ihren Kassen behalten — so würden £ 800,000 in 
Gold und Silber und eine Million in Banknoten, also 
£ 1,800,000 in Papier und Gold zusammen im Umlauf 
sein. Das jährliche Boden- und Arbeitsprodukt des 
Landes hatte aber nur eine Million zum Umlauf und 
zur Verteilung an die Verbraucher erfordert, und dieses 
Jahresprodukt kann sich nicht unmittelbar durch jene 
Bankoperationen vermehren. Eine Million wird mithin 
auch nachher hinreichend sein, es in Umlauf zu halten. 
Da die in den Verkehr kommenden Waren sich nicht 
vermehrt haben, wird auch die nämliche Menge Geldes 
hinreichen, sie zu kaufen und zu verkaufen. Der Um- 
laufskanal, wenn ich mich dieses Ausdrucks bedienen 
darf, wird genau derselbe bleiben, wie zuvor. Eine 
Million war nach unserer Annahme hinreichend, diesen 
Kanal zu füllen; was daher über diese Summe hinaus 
sich in ihn ergießt, kann nicht darin bleiben, sondern 
muß überfließen. Wenn sich £ 1,800,000 in ihn ergießen, 
müssen £ 600,000 überfließen, da um diese Summe 
das Umlaufserfordernis des Landes überschritten ist. Da 
aber diese Summe, die man im Lande nicht braucht, 
doch zu wertvoll ist, als daß man sie müßig liegen 
lassen möchte, so wird sie ins Ausland gehen, um dort 
die gewinnreiche Anlegung zu suchen, die sie im Lande 
nicht finden kann. Nun aber kann das Papier nicht 
ins Ausland gehen, weil es in weiter Ferne von den 
emittierenden Bauken und von dem Lande, in dem 



28 Zweites Buch: Das Kapital. 

die Barzahlung gesetzlich erzwungen werden kann, bei 
gewöhnlichen Zahlungen nicht angenommen zu werden 
pflegt. Daher wird Gold und Silber im Betrag von 
£ 800,000 ins Ausland gehen, und der heimische Um- 
laufskanal bleibt, statt mit der Million Metall, die ihn 
früher füllte, mit einer Million Papier gefüllt. 

Wenn aber auch eine so große Menge Gold und 
Silber ins Ausland geht, so wird es doch nicht umsonst 
gegeben und die Besitzer machen den fremden Völkern 
kein Geschenk damit. Sie tauschen vielmehr für das 
Geld ausländische "Waren ein, um entweder den Ver- 
brauch anderer Länder, oder den der eigenen damit 
zu versorgen. 

In ersterem Falle, wenn also das Gold und Silber 
im sogenannten Zwischenhandel Verwendung findet, 
ist jeder Gewinn, den die Besitzer der edlen Metalle 
erzielen, eine Vermehrung des reinen Einkommens ihres 
eignen Landes und bildet einen neuen Fonds für ein 
neues Geschäft; die inländischen Geschäfte werden nun 
mit Papier betrieben und Gold und Silber sind in einen 
Fonds für jenen neuen Handelszweig verwandelt. 

Wendet man hingegen das Gold und Silber dazu 
an, ausländische Waren für den inneren Verbrauch zu 
kaufen, so kann man entweder Waren kaufen, die vor- 
aussichtlich von müßigen, nichts produzierenden Leuten 
verzehrt werden, wie Weine, Seide usw., oder man 
kaaft frische Vorräte von Rohstoffen, Werkzeugen und 
Lebensmitteln, um damit eine weitere Zahl fleißiger 
Leute zu unterhalten und zu beschäftigen, die den 
Wert ihres Jahresverbrauchs mit einem Gewinn wieder 
erzeugen. 

Wird das übei'schüssige Gold und Silber auf erstero 
Art verwendet, so befördert es die Verschwendung, ver- 
mehrt den Aufwand und Verbrauch, ohne die Produk- 
tion zu veiüirüßern oder einen dauernden Fonds zur 



Kap. TT. : Das Geld. 29 

Fortsetzung dieses Aufwandes herzustellen, und ist 
für das Volk in jeder Weise schädlich. 

Wird es auf die letztere Art verwendet, so be- 
fördert es die Industrie, und vergrößert zwar den Ver- 
brauch des Volkes, verschafft aber einen dauernden 
Fonds zur Fortsetzung dieses Verbrauchs, indem die 
Verbraucher den ganzen Wert ihrer Jahreskonsumtion 
mit Gewinn wieder erzeugen. Das rohe Einkommen des 
Volkes, der Jahresertrag seines Bodens und seiner Ar- 
beit, wird um den ganzen AVert vermehrt, den der Fleiß 
jener Arbeiter den zu veredelnden Rohstoffen verleiht, 
und das reine Volkseinkommen erhöht sich um so viel, 
als von diesem Werte nach Abzug der Unterhaltungs- 
kosten für Werkzeuge und Geräte übrig bleibt. 

Daß der größte Teil des Goldes und Silbers, das 
durch jene Bankoperationen ins Ausland getrieben und 
zum Kauf ausländischer Waren für den inländischen 
Verbrauch verwendet wird, zum Ankauf dieser zweiten 
Warenkategorie dient und dienen muß, ist nicht bloß 
wahrscheinlich, sondern fast unvermeidlich. Obschon 
mancher mitunter seinen Aufwand bedeutend vermehrt, 
ohne daß sein Einkommen sich vergrößert, so wird 
doch schwerlich ein ganzer Stand, eine ganze Volks- 
klasse so handeln ; denn wenn auch nicht immer das 
Verhalten der einzelnen von den Regeln gewöhnlicher 
Klugheit geleitet wird, so beeinflussen sie doch stets 
die Handlungen der großen Mehrzahl. Das Einkommen 
der müssigen Rentner, als Stand oder Klasse betrachtet, 
kann nun durch jene Bankoperationen nicht im Minde- 
sten zunehmen, und mithin werden sich ihre Ausgaben 
durch diese im allgemeinen auch nicht vergrößern, 
obschon die einzelner es tun können, und es zuweilen 
wirklich tun. Wenn somit die Nachfrage der müssigen 
Rentner nach ausländischen Waren so ziemlich die 
nämliche bleibt, wie zuvor, so wird wohl nur ein sehr 



30 Zweites Buch: Das Kapital. 

kleiner Teil des durch jene Bankoperationen ins Aus- 
land getriebenen und zum Ankauf fremder Waren für 
den inländischen Verbrauch angewendeten Geldes zum 
Ankauf der von jenen gebrauchten Waren dienen. 
Der grüßte Teil wird vielmehr zum Unterhalt der Ge- 
werbtätigkeit und nicht des Müßiggangs dienen. 

Bei der Berechnung des Umfangs der Gewerbtätig- 
keit, die das Umlaufskapital eines Volkes zu beschäfti- 
gen vermag, kommen nur diejenigen Teile von ihm in 
Betracht, die in I^ebensmitteln, Rohstoffen und Fabrika- 
ten bestehen; der andere, der in Geld besteht und nur 
dazu dient, die drei ersteren in Umlauf zu setzen, muß 
stets in Abzug gebracht werden. Um Gewerbfleiß in 
Bewegung zu setzen, sind drei Dinge erforderlich: Stoffe 
zurVeredlung,Werkzeuge zurBearbeitung der Rohstoffe 
und Lohn oder Vergütung, um deren wegen gearbeitet 
wird. Geld ist weder ein Rohstoff zur Veredlung noch 
ein Werkzeug der Arbeit; der Lohn des Arbeiters ward 
zwar gewöhnlich in Geld bezahlt, sein wirkliches Ein- 
kommen aber besteht, wie das aller anderen Leute, 
nicht in Geld, sondern in Geldes wert, nicht in den Me- 
tallstücken, sondern in dem, was für sie zu haben ist. 

Der Umfang der Gewerbtätigkeit, die ein Kapital 
zu beschäftigen vermag, muß offenbar der Zahl von 
Arbeitern gleich sein, die es mit Rohstoffen, Werkzeugen 
und den der Natur der Arbeit angemessenen Unterhalts- 
mitteln zu versorgen vei'mag. Geld kann dazu nötig 
sein, die Rohstoffe, die Werkzeuge und den Unterhalt 
der Arbeiter zu kaufen. Aber die Summe von Gewerb- 
fleiß, die das ganze Kapital unterhalten kann, ist ge- 
wiß nicht beiden, dem Gelde samt den Rohstoffen, 
Werkzeugen und Unterhaltsmitteln gleich, sondern nur 
dem einen oder dem anderen dieser beiden Werte und 
zwar dem letzteren mehr als dem ersteren. 

Wenn an die Stelle des Gold- und Silbergeldes 



Kap. ir.: Das Geld. 31 

Papier tritt, so kann die Summe von Rohstoffen, Werk- 
zeugen und Unterhaltsmitteln, die das ganze umlaufende 
Kapital zu verschaffen vermag, um den ganzen Wert 
des sonst zu ihrem Ankauf verwendeten Goldes und 
Silbers zunehmen. Der ganze Wert des großen Um- 
laufs- und Yerteilungsrades tritt zu den Gütern hinzu, 
die durch seine Vermittelung umliefen und verteilt 
wurden. Diese Tätigkeit gleicht gewissermaßen der 
eines großen Fabrikunternehmers, der infolge einer 
mechanischen Erfindung seine alten Maschinen aufgibt, 
und den Unterschied zwischen ihrem Preise und dem 
der neuen Maschinen zu seinem Umlaufskapital, dem 
Fonds, aus dem er Materialien und Arbeitslohn an- 
schafft, hinzuschlägt. 

Das Verhältnis zu bestimmen, in welchem das um- 
laufende Geld eines Landes zum Gesamtwert des durch 
seine Vermittlung umlaufenden Jahresertrags steht, ist 
vielleicht unmöglich. Von einigen ist es auf ein fünftel, 
von anderen auf ein zehntel, ein zwanzigste], oder selbst 
ein dreißigstel dieses Wertes geschätzt worden. Wie 
klein aber auch das Verhältnis des umlaufenden Geldes 
zum Gesamtwert des Jahresertrages sein mag, so muß 
doch sein Verhältnis zu demjenigen Teile dieses Ertrags, 
der zum Unterhalt der Gewerbtätigkeit dient — und das 
ist eben nur ein Teil und oft ein nur geringer Teil des 
Gesamtertrags — stets sehr groß sein. Wird daher durch 
die Stellvertretung des Papiers das zum Umlauf er- 
forderliche Gold und Silber vielleicht auf ein fünftel 
der früheren Menge zurückgeführt, so muß es, wenn der 
Wert des größeren Teils der übrigen vier fünftel zu 
den dem Unterhalt der Gewerbtätigkeit dienenden 
Fonds hinzukommt, die Summe dieser Gewerbtätigkeit 
und folglich den Wert des jährlichen Boden- und 
Arbeitsertrags sehr- bedeutend vermehren. 

Etwas der Art ist in den letzten 25 oder 3U Jahren 



32 Zweites Buch: Das Kapital. 

in Schottland durch die Gründung neuer Bankgesell- 
schaften fast in jeder größeren Stadt, ja sogar in man- 
chen Landstädtchen, vor sich gegangen. Die Wirkun- 
gen waren genau die oben beschriebenen. Die Geschäfte 
des Landes werden fast ausschließlich mit dem Papier 
jener Bankgesellschaften geführt, womit Käufe und 
Zahlungen aller Art gemacht zu werden pflegen. Silber 
kommt nur selten vor, außer beim Wechseln einer 
Zwanzigschillingnote, und Gold noch seltener. Obgleich 
nicht alle jene Gesellschaften tadelfrei geblieben sind 
und ihre Gebahrungen durch eine Parlamentsakte ge- 
regelt werden mußten, so hat das Land doch offenbar 
großen Gewinn aus ihrem Betrieben gezogen. Man ver- 
sichert, daß der Handel Glasgows sich seit den fünfzehn 
Jahren der Gründung der dortigen Banken verdoppelt 
habe, und daß der Handel Schottlands seit der Er- 
richtung der beiden öffentlichen Banken in Edinburgh, 
von denen die Bank von Schottland durch eine Par- 
lamentsakte 1695, und die königliche Bank durch einen 
königlichen Freibrief 1727 gegründet wurde, um mehr 
als das vierfache gestiegen sei. Ob der Handel Schott- 
lands im allgemeinen oder Glasgows insbesondere 
während einer so kurzen Zeit wirklich so stark zuge- 
nommen hat, weiß ich nicht. Ist es aber geschehen, so 
scheint dieser Erfolg zu groß zu sein, als daß er sich 
aus jener Ursache allein erklären ließe. Indeß steht 
die Tatsache fest, daß Handel und Industrie Schott- 
lands innerhalb dieses Zeitraums sehr bedeutend ge- 
stiegen sind; und daß die Banken viel dazu beige- 
tragen haben, ist nicht zu bezweifeln. 

Der Wert des in Schottland vor der Union (1707) 
umlaufenden und unmittelbar nach ihr zum Zweck 
einer Umprägung in die Bank von Schottland geliefer- 
ten Silbergeldes betrug £ 411,117 10 sh. 9 d. Über die 
Goldmünzen war keine Berechnung aufzutreiben, doch 



Kap. IL: Das Geld. 33 

geht aus den alten schottischen Münzberichten hervor, 
daß der "Wert des jährlich gemünzten Goldes den des 
Silbers etwas überstieg. Sehr viele, die an der Zurück- 
zahlung zweifelten, bi'achten damals ihr Silber nicht zur 
Bank von Schottland*); auch lief einiges englisches Geld 
um, das nicht eingefordert wurde. Der Gesamtwert des 
vor der Union in Schottland umlaufenden Goldes und 
Silbers kann daher auf mindestens eine Million £ ver- 
anschlagt werden. Dies dürfte so ziemlich der ganze 
Umlauf des Landes gewesen sein; denn obwohl die 
Bank von Schottland, die damals noch ohne Konkurrenz 
war, vorher eine nicht unbeträchtliche Menge Noten im 
Umlauf hatte, so war sie doch im Verhältnis zum Ganzen 
nur unbedeutend. Gegenwärtig kann man den ganzen 
Umlauf Schottlands auf mindestens zwei Millionen ver- 
anschlagen, wovon wahrscheinlich kaum eine halbe 
MilHon in Gold und Silber besteht. Obwohl aber der 
Umlauf an Gold und Silber so bedeutend abgenommen 
hat, scheint doch der wahre Wohlstand des Landes 
keineswegs gelitten zu haben ; im Gegenteil haben sich 
Ackerbau, Industrie und Handel, hat sich der Jahreser- 
trag seines Bodens und seiner Arbeit offenbar gehoben. 
Die meisten Banken geben ihre Noten mittelst 
Wechseldiskont, d. h. Geldvorschuß auf Wechsel vor 
der Verfallzeit aus. Von der vorzuschießenden Summe 
werden die gesetzlichen Zinsen bis zum Verfalltage 
des Wechsels abgezogen. Die Bezahlung des fälligen 
Wechsels erstattet der Bank den Vorschuß nebst einem 
Zinsgewinn zurück. Der Bankier, der dem Kaufmann, 
dessen Wechsel er diskontiert, nicht Gold und Silber, 
sondern seine eigenen Noten gibt, hat den Vorteil, daß 
er um den ganzen Betrag erfahrungsmäßig im Umlauf 
bleibender Noten mehr diskontieren kann, wodurch er 
an einer um soviel größeren Summe Zinsen macht. 



'*') Siehe Riiddimans Vorrede zu Andersons DiploniataScotiae. 
Adam Smith, Volkswohlstand. IL <J 



34 Zweites Buch: Das Kapital. 

Der noch immer nicht sehr bedeutende schottische 
Handelsverkehr war zu der Zeit, als die beiden ersten 
Banken gegründet wurden, noch viel geringfügiger, und 
diese Gesellschaften würden wenig Geschäfte gemacht 
haben, wenn sie sich auf Wechseldiskont beschränkt 
hätten. Sie ersannen deshalb eine andere Methode ihre 
Noten auszugeben, indem sie nämlich sogenannte Kassa- 
konten einrichteten, d. h. jedem, der zwei Leute von 
unzweifelhaftem Kredit und gutem Grundbesitz als 
Bürgen für die Rückzahlung stellen konnte, bestimmte 
Summen, z.B. zwei oder dreitausend Pfund, kreditierten. 
Kredite dieser Art werden, glaube ich, überall in der 
Welt von Banken und Bankiers bewilligt, aber die 
leichten Bedingungen, die die schottischen Banken hin- 
sichtlich der Rückzahlung stellen, sind, so viel ich weiß, 
ihnen eigentümlich und waren vielleicht die Hauptur- 
sache sowohl der guten Geschäfte, die sie machten, als 
auch des Nutzens, den das Land daraus zog. 

Wer einen solchen Kredit bei einer dieser Gesell- 
schaften hat, und z. B. tausend Pfund von ihr borgt, 
kann diese Summe in Raten zu zwanzig und dreißig 
Pfund zurückzahlen, wobei die Zinsen von dem Tage 
der Einzahlung an abgerechnet werden. Alle Kauf- 
leute, überhaupt fast alle Geschäftsleute finden es daher 
vorteilhaft, sich Kassakonten bei ihnen zu verschaffen, 
und sind dadurch selbst dabei interessiert, die Ge- 
schäfte jener Gesellschaften zu fördern, ihre Noten be- 
reitwillig bei allen Zahlungen anzunehmen und andere 
Leute zu bewegen, dasselbe zu tun. Wenn die Ge- 
schäftsfreunde der Banken Geld von ihnen wünschen, 
so schießen letztere es gewöhnlich in ihren Noten vor. 
Diese Noten geben die Kaufleute ihrerseits an die Ge- 
werbtreibenden für Waren in Zahlung, die Gewerb- 
treibenden geben sie für Rohstoffe und Lebensmittel an 
die Pächtei-, die Pächter als Rente an die Grundeigen- 



Kap. TL: Das Geld. 35 

tümer, die Grundeigentümer zahlen sie für Bedarfs- 
und Luxusartikel an die Kaufleute, und die Kaufleute 
endlich schicken sie an die Banken zui'ück, um ihre 
Kassenkonten zu begleichen, oder ihr Darlehen zurück- 
zuzahlen, und so werden fast alle Geschäfte des Landes 
mittelst jener Noten geführt. Daher das große Ge- 
schäft jener Gesellschaften. 

Mittelst der Kassenkonten kann jeder noch so vor- 
sichtige Kaufmann größere Geschäfte treiben, als es ihm 
sonst möglich wäre. Von zwei Kaufleuten, von denen 
einer in London, der andere in Edinburgh wohnt, und 
die beide Kapitalien in dem nämlichen Geschäftszweige 
angelegt haben, kann der Edinbuigher ohne Unvor- 
sichtigkeit größere Geschäfte treiben, und mehr Leute 
beschäftigen, als der Londoner. Der Letztere muß zu 
Hause oder bei seinem Bankier, der ihm keine Zinsen 
dafür gibt, immer eine beträchtliche Summe bereit halten, 
um für die Ware, die er kauft, auf Verlangen sofort 
Zahlung leisten zu können. Angenommen, diese Summe 
belaufe sich gewöhnlich auf £ 500, so muß der Wert 
der Waren in seinem Lager um £ 500 geringer sein, 
als es nötig wäre, wenn er nicht diese Summe unbe- 
schäftigt liegen lassen müßte. Setzt er gewöhnlich seine 
Vorräte einmal jährlich um, so wird er, da er diese 
Summe unbeschäftigt lassen muß, im Jahr für £ 500 
Waren weniger verkaufen, als er es sonst könnte. Sein 
jährlicher Gewinn wird daher um den Betrag geringer 
sein, den er durch den Verkauf von Waren im Werte 
von £ 500 hätte erwarten können, und die Anzahl der 
Leute, denen er zu tun gibt, ward um soviel kleiner 
sein, als durch £ 500 mehr hätten beschäftigt werden 
können. Der Edinburgher Kaufmann dagegen braucht 
kein Geld zur Deckung gelegentlicher Forderungen 
unbeschäftigt liegen zu lassen. Er deckt solche durch 
sein Kassenkonto bei der Bank, und erstattet nach und 



36 Zweites Buch: Das Kapital. 

nach die geborgte Summe mit dem bei ihm eingehenden 
Geld oder Papier zurück. Er kann daher ohne jede Un- 
vorsichtigkeit mit dem nämhchen Kapital fortwährend 
eine prößere Menge Waren auf Lager halten, als der 
Londoner Kaufmann, und dadurch sowohl für sich selbst 
einen größeren Gewinn ziehen, als auch eine grüßeie 
Zahl fleißiger Leute, von denen er die Waren ent- 
nimmt, beschäftigen. Daher der große Vorteil, den 
das Land aus jenen Unternehmungen zieht. 

Man sollte zwar glauben, daß die Leichtigkeit des 
Wechseldiskonts den englischen Kaufleuten Vorteile 
biete, die den Kassenkonten der schottischen Kaufleute 
gleichkommen. Aber man darf nicht vergessen, daß 
die schottischen Kaufleute ihre Wechsel eben so leicht 
diskontieren können wie die englischen, und außerdem 
noch den A'^orteil ihrer Kassenkonten haben. 

Der Gesamtwert des Papiergeldes, das in einem 
Lande mit Leichtigkeit umzulaufen vermag, kann den 
Wert des Goldes und Silbers nicht übersteigen, dessen 
Stelle es ersetzen oder das bei gleichem Verkehr um- 
laufen würde, falls es kein Papiergeld gäbe. Sind bei- 
spielsweise Zwanzigschillingnoten das niedrigste Papier- 
geldzeichen, so kann ihre Summe, die mit Leichtigkeit 
umläuft, die Summe des Goldes und Silbers nicht über- 
steigen, welche erforderlich wäre, die im Lande vor- 
kommenden jährlichen Umsätze von zwanzig Schilling 
und darüber zu bewirken. Übersteigt einmal das um- 
laufende Papier diese Summe, so muß der Überschuß, 
da er weder ins Ausland gesendet, noch in dem inneren 
Umlauf verbraucht werden kann, sofort in die Banken 
zurückkehren, um gegen Gold imd Silber ausgetauscht 
zu werden. Viele würden einsehen, daß sie mehr Paj^ier 
haben, als sie zum Geschäftsbetriebe im Lande brauchen, 
und da sie es nicht ins Ausland schicken können, Bar- 
zahlung dafür fordern. In Gold und Silber umgewechselt 



Kap. Tl.: Da.s Gold. 37 

kimnen sie das Geld leicht zu Sendungen ins Ausland 
gebrauchen; in Gestalt des Papiers dagegen hat es für 
sie keinen Nutzen. Es würde deshalb alsbald ein Sturm 
auf die Banken entstehen und der ganze Betrag des 
überflüssigen Papiers zur Einlösung vorgelegt werden ; 
und wenn sie Schwierigkeiten machten, so würde noch 
um einen weit größeren Betrag sturmgelaufen werden: 
denn der Lärm, den die Weigerung hervorbrächte, 
würde den Sturm notwendig vermehren. 

Außer den Kosten, die allen Geschäftszweigen 
gemeinsam sind, wie Hausmiete, Lohn der Gehilfen 
und Buchhalter usw., erwachsen einer Bank noch be- 
sondere Kosten hauptsächlich dadurch, daß sie erstens 
jederzeit eine große Summe zur Befriedigung der ge- 
legentlichen Forderungen seitens der Xoteninhaber 
unverzinslich liegen haben und zweitens die Kassen, 
sobald sie geleert sind, wieder füllen muß. 

Eine Bankgesellschaft, die mehr Papier ausgiebt, 
als im Umlauf des Landes zu verwenden ist, und zu 
der der Überschuß fortwährend zurückkehrt, müßte die 
in der Kasse gehaltene Menge Gold und Silbers, nicht 
nur im Verhältnis jenes Übermaßes ihres L^mlaufs, 
sondern in noch weit größerem Verhältnisse vermehren, 
da ihre Noten weit schneller zurückkehren, als das 
Verhältnis jenes Übermaßes es mit sich bringt. Die 
Gesellschaft müßte also die erstere Ausgabe nicht nur 
nach Verhältnis der forzierten Geschäftszunahme, son- 
dern nach weit größerem Verhältnis vermehren. 

Auch müssen die Barbestände der Gesellschaft, 
wenn sie auch viel größer sind, sich doch weit schneller 
leeren, als wenn das Geschäft in verständige Grenzen 
eingeschränkt wird, und nicht nur stärkere, sondern 
auch dauerndere und ununterbrochenere Ausgaben 
erfordern, um wieder gefüllt zu werden. Und die auf 
diese Weise fortwährend in großen Mengen ihren Kassen 



f^^ Zweites Buch: Das Kapital. 

entnommene Münze kann auch im Umlaufe des Landes 
nicht verwendet werden. Sie tritt an die Stelle eines 
Papiergeldes, von dem schon zu viel vorhanden war, 
um im Umlauf verwendet werden zu können, und über- 
steigt daher gleichfalls den Bedarf. Da man aber diese 
Münze nicht wird müßig liegen lassen wollen, so muß 
sie in der einen oder anderen Gestalt ins Ausland ge- 
sendet werden, um dort die gewinnbringende Verwen- 
dung zu finden, die ihr im Lande nicht zu Teil wird; 
und diese beständige Ausfuhr von Gold und Silber muß 
notwendig die Kosten, die die Bank für Anschaffung 
frischen Goldes und Silbers zur Füllung ihrer Kassen 
aufwenden muß, die sich so schnell leeren, noch erhöhen. 
Eine solche Gesellschaft muß daher je nach dem Über- 
maße der Geschäftsausdehnung die zweite Art ihrer 
Unkosten noch mehr erhöhen, als die erstere. 

Angenommen, die Noten einer Bank, die der Um- 
lauf des Landes leicht aufnehmen und verwenden kann, 
machten genau £ 40,000 aus, und diese Bank müßte, 
um den gelegentlichen Forderungen zu entsprechen, 
jederzeit £ 10,000 in Gold und Silber vorrätig haben. 
Sollte diese Bank versuchen, £ 44,000 in Umlauf zu 
setzen, so würden die £ 4000, die sie mehr ausgiebt, 
als der Umlauf leicht aufnehmen und verwenden kann, 
fast eben so schnell zu ihr zurückkehren, als sie aus- 
gegeben wurden. Um den gelegentlichen Forderungen 
zu entsprechen, müßte die Bank also jederzeit nicht 
nur £ 11,000, sondern £ 14,000 in der Kasse haben. 
Sie würde auf diese "Weise an den Zinsen der den Um- 
lauf übersteigenden £ 4000 nichts gewinnen, und die 
ganzen Unkosten für beständige Anschaffung von 
£ 4000 in Gold und Silber, die eben so schnell wieder 
gehen, wie sie kommen, verlieren. 

Hätten alle Banken stets ihr Interesse verstanden 
und gewahrt, so würde der Umlauf niemals mit Papier- 
geld überfüllt worden sein. Aber dies war eben nicht 



Kap. IL: Das Geld. 39 

immer der Fall und der Umlauf wurde oft genug mit 
Papiergeld überfüllt. 

Durch Ausgabe einer zu großen Masse Papier, 
dessen Überschuß stets zurückkehrte, um gegen Gold 
und Silber ausgetauscht zu werden, sah sich die Bank 
von England genötigt, jährlich zwischen £ 800,000 und 
1,000,000 oder durchschnittlich £ 850,000 Gold prägen 
zu lassen. Zu diesem Ende war die Bank, weil seit 
einigen Jahren die Goldmünzen stark abgenutzt und 
verschlechtert waren, oft genötigt, Goldbarren zu dem 
hohen Preise von £ 4 für die Unze zu kaufen, die sie 
bald darauf als Münze zu £ 3 17 sh. 10V2 d. wieder 
ausgab, wobei sie also zwischen 2^ 2 und S^/o verlor, 
ein bei einer so großen Summe sehr bedeutender Ver- 
lust. Obgleich die Bank keinen Schlagschatz zahlte, 
und eigentlich die Regierung die Kosten der Aus- 
münzung trug, so konnte diese Freigebigkeit des 
Staates doch nicht die Unkosten der Bank verhüten. 

Die schottischen Banken sahen sich durch ähnliche 
Überschreitungen genötigt, beständig Agenten in Lon- 
don zu halten, um Geld für sie zu beschaffen, was 
selten ohne einen Verlust von 1^ 2 bis 2°'o abging. Dazu 
kamen noch ^ 4°,o oder 15 sh. auf £ 100 für Fracht 
und Versicherung. Die Agenten aber waren nicht immer 
im Stande, die Kassen ihrer Auftraggeber so rasch zu 
füllen, als sie sich geleert hatten. In diesem Falle er- 
griffen die Banken das Auskunftsmittel, auf ihre Korre- 
spondenten in London Wechsel in Höhe der benötigten 
Summen zu ziehen. Zogen später die Korrespondenten 
ihrerseits Wechsel in gleichem Betrage, samt Zinsen 
und Provision, auf die Banken, so vermochten manche 
von ihnen, bei der Verlegenheit, in die sie durch den 
übermäßigen Umlauf geraten waren, die Tratten oft 
auf keine andre Ar^^ zu bezahlen, als indem sie eine 
zweite Serie von Wechseln entweder auf den nämlichen 
oder auf andere Korrespondenten in London zogen; 



40 Zweites Buch: Das Kapital. 

und so machte ein und dieselbe Summe, oder vielmehr 
Wechsel von ein und derselben Summe, mitunter mehr 
als zwei oder drei Reisen, wobei die schuldende Bank 
stets die Zinsen und Provisionen auf die ganze sich 
häufende Summe zu bezahlen hatte. Selbst solche 
schottische Banken, die niemals eine besonders große 
Unvorsichtigkeit an den Tag legten, sahen sich manch- 
mal in die Notw^endigkeit versetzt, dieses verderbliche 
Auskunftsmittel zu ergreifen. 

Das Goldgeld, das von der Bank von England 
oder von den schottischen Banken im Austausch gegen 
denjenigen Teil ihres Papiers gezahlt wurde, der deii 
Umlaufsbedarf des Landes überstieg, wurde, da es 
gleichfalls diesen Bedarf überstieg, bald im gemünzten 
Zustande, bald eingeschmolzen und als Barren ins 
Ausland gesandt, oder auch eingeschmolzen und zu 
dem hohen Preise von £ 4 für die Unze an die Bank 
von England verkauft. Man suchte mit aller Sorgfalt 
nur die neuesten, schwersten und besten Stücke aus, 
um sie fortzusenden oder einzuschmelzen. Im Lande 
selbst hatten diese schweren Stücke als Münze keinen 
höheren Wert, als die leichten; sie erhielten ihn aber, 
wenn sie entweder ins Ausland geschickt oder im Lande 
selbst zu Barren eingeschmolzen wurden. Die Bank 
von England fand zu ihrem Erstaunen, daß trotz ihrer 
großen Ausmünzungen sich alljährlich wieder derselbe 
Mangel an Münze zeigte, wie im Vorjahr, und daß, 
trotz der großen Menge guter und neuer Münzen, die 
die Bank jährlich ausbrachte, der Zustand der Münzen, 
statt besser zu werden, mit jedem Jahre schlechter 
wurde. Mit jedem Jahre war man von neuem ge- 
nötigt, beinahe die nämliche Menge Gold ausmünzen 
zu müssen, wie im Vorjahre, und dabei wurden die 
Kosten dieser großen jährlich wiederkehi'enden Aus- 
münzung durch das fortwährende Steigen des Gold- 
barrenpreises, der wegen der Abnutzung und Be- 



Kap. II.: Pas Geld. 41 

schneidung des Geldes immer höher wurde, von Jahr 
zu Jahr größer. Die Bank von England muß nämlich 
durch die eigne Versorgung mit barem Gelde indirekt 
das ganze Reich damit versorgen, wohin es aus der 
Bank auf den verschiedensten Wegen beständig abfließt. 
So viel Bargeld daher auch erforderlich war, um den über- 
mäßigen Umlauf schottischen und englischen Papier- 
geldes aufrecht zu erhalten, und so große Lücken auch 
dieser übermäßige Umlauf in der für das Reich nötigen 
Münze hervorbrachte: die Bank von England mußte 
für ihre Beschaffung sorgen. Allerdings bezahlten 
auch die Schotten ihre Unvorsichtigkeit teuer; aber die 
Bank von England hatte nicht nur ihre eigene, sondern 
auch die noch weit größere Unvorsichtigkeit fast aller 
schottischen Banken sehr teuer zu bezahlen. 

Die ursprüngliche Ursache dieses übermäßigen 
Pajjierumlaufs war die Spekulationswut einiger ver- 
wegenen Spekulanten in beiden Teilen des vereinigten 
Königreichs. 

Eine Bank vermag den Handel- oder Gewerbtrei- 
benden weder ihr ganzes Betriebskapital, noch auch 
nur einen erheblichen Teil von ihm, sondern nur den- 
jenigen Teil vernünftiger Weise vorzuschießen, den sie 
ohne jenen Vorschuß unbeschäftigt zur Befriedigung 
einlaufender Forderungen in barem Gelde liegen haben 
müßten. Übersteigt das Papiergeld, das die Bank vor- 
schießt, niemals diesen Betrag, so kann es auch niemals 
den Betrag des Goldes und Silbers übersteigen, das im 
Lande umlaufen würde, wenn es kein Papiergeld gäbe; 
oder mit andern Worten: es kann die Menge nicht 
übersteigen, die der Umlauf des Landes mit Leichtig- 
keit aufnehmen und verwenden kann. 

Diskontiert eine Bank einem Kaufmann einen 
reellen von einem wirklichen Gläubiger auf einen wirk- 
lichen Schuldner ausgestellten Wechsel, der am Verfall- 
tag pünktlich bezahlt wird, so schießt sie ihm nur einen 



42 Zweites Burh: Das Kapital. 

Teil des Betrages vor, den er sonst unbeschäftigt in 
barem Gelde bei sich hegen lassen müßte, um ein- 
laufende Forderungen befriedigen zu können. Die 
Bezahlung des Wechsels am Verfalltage erstattet der 
Bank den Betrag ihres Vorschusses mit Zinsen zurück. 
Die Kassen der auf Geschäfte mit solchen Kunden 
beschränkten Bank gleichen einem Teich, aus dem 
zwar stets Wasser abfließt, aber in den auch stets 
wieder ebenso viel hineinfließt, so daß der Teich ohne 
alle weitere Sorge oder Wartung immer gleich oder 
beinahe gleich voll bleibt. Die Kassen einer solchen 
Bank wieder zu füllen, kann nur wenig oder gar keine 
Unkosten verursachen. 

Jedoch auch ohne seinen Betrieb übermäßig auszu- 
dehnen, kann ein Kaufmann oft in den Fall kommen, 
bares Geld zu brauchen, für das er keine Wechsel zu 
diskontieren hat. Schießt ihm die Bank, die gewöhnlich 
seine AVechsel diskontiert, in solchen Fällen auch noch 
diese Summe auf sein Kassenkonto vor und gestattet 
unter den leichten Bedingungen der schottischen Banken 
ratenweise Rückzahlung, so überhebt sie ihn gänzlich der 
Notwendigkeit, einen Teil seines Kapitals zur Befriedi- 
gung einlaufender Forderungen unbeschäftigt in barem 
Gelde liegen zu haben. Er befriedigt sie aus seinem 
Kassenkonto. Doch hat die Bank bei solchen Kunden 
sehr genau darauf zu achten, ob innerhalb eines kurzen 
Zeitraums, z. B. von vier, fünf, sechs oder acht Monaten, 
der Betrag der Ratenzahlungen dem Betrag der Vor- 
schüsse gleichkommt oder nicht. Ist ersteres der Fall, 
so kann die Bank ohne Gefahr mit solchen Kunden 
die Geschäfte fortsetzen. Denn wenn auch in diesem 
Falle der Abzug aus den Kassen fortwährend sehr stark 
ist, so wird doch der Zugang wenigstens eben so stark 
sein, so daß aller Wahrscheinlichkeit nach die Kassen 
sich ohne weitere Sorge auf annähernd gleichem Be- 
stände erhalten und kaum Unkosten für Geldbeschaffung 



Kai). "•: '^^1« CS eld- 43 

erfordern werden. Bleibt dagegen der Betrag der Rück- 
zahlungen gewöhnlich weit hinter den Vorschüssen zu- 
rück, so kann die Bank mit derartigen Kunden die 
Geschäfte nicht mit Sicherheit fortsetzen, falls sie ihre 
Gebahrungen nicht ändern. Der fortdauernde Abzug 
aus ihren Kassen muß in diesem Falle weit größer sein, 
als der Zugang, so daß die Kassen, wenn sie nicht 
mit großen Kosten beständig wieder ergänzt werden, 
bald gänzlich erschöpft sein müssen. 

Deshalb waren die schottischen Banken lange Zeit 
eifrig darauf bedacht, von allen ihren Kunden oftmalige 
und regelmäßige Rückzahlungen zu fordern, und es lag 
ihnen wenig an Geschäftsverbindungen mit Leuten, die 
so groß ihr Vermögen oder Kredit sein mochte, doch, 
wie sie sich ausdrückten, keine häufigen und regel- 
mäßigen Geschäfte mit ihnen machten. Durch diese 
Behutsamkeit erreichten sie, abgesehen davon, daß sie 
ungewöhnliche Kosten für Ergänzung ihrer Barbe- 
stände ersparten, zwei andere sehr wesentliche Vorteile. 

Erstens waren sie durch ihre Behutsamkeit in 
Stand gesetzt, sich über die guten und schlechten Ver- 
mögensumstände ihrer Schuldner hinreichend auf dem 
Laufenden zu halten, ohne andere Auskunft zu brau- 
chen, als ihre eignen Bücher sie darboten: denn die 
Schuldner sind meist mit der Rückzahlung pünktlich 
oder saumselig, je nachdem sie sich in guten oder 
schlechten Umständen befinden. Ein Privatmann, der 
sein Geld vielleicht an ein halbes Dutzend oder ein 
Dutzend Schuldner ausleiht, kann entweder selbst oder 
durch Agenten ihr Verhalten und ihre Lage beob- 
achten. Aber eine Bankgesellschaft, die vielleicht an 
fünfhundert Leute Geld ausleiht, und deren Aufmerk- 
samkeit stets auf sehr verschiedene Dinge gerichtet 
ist, kann sich über die Gebahrungen und Umstände 
ihrer meisten Schuldner nur aus ihren eignen Büchern 
unterrichten. Diesen Vorteil hatten auch wahrschein- 



44 Zweites Bucli: Da.s Kapital. 

lieh die schottischen Banken im Auge, wenn sie häufige 
und regelmäßige Rückzahlungen von ihren Kunden 
verlaugten. 

Zweitens sicherten sie sich durch diese Behut- 
samkeit gegen die Möglichkeit, mehr Papier auszu- 
geben, als der Umlauf des Landes leicht aufnehmen 
und gebrauchen konnte. Bemerkten sie, daß die Rück- 
zahlungen eines Kunden innerhalb eines kurzen Zeit- 
raums den Bankvorschüssen gleich kamen, so konnten 
sie sicher sein, daß das Papiergeld, das sie ihm vor- 
geschossen hatten, niemals die Menge Gold und Silber 
überstieg, die er ohne ihren Vorschuß zur Deckung 
einlaufender Forderungen hätte halten müssen, und 
daß folglich das Papiergeld, das auf diese Weise in 
Umlauf gebracht war, niemals die Menge Gold und 
Silber überstieg, die in dem Lande umgelaufen sein 
würde, wenn es kein Papiergeld gegeben hätte. Die 
Häufigkeit, Regelmäßigkeit und Höhe der Rückzah- 
lungen zeigte hinlänglich, daß der Betrag ihrer Vor- 
schüsse niemals den Teil seines Kapitals überstieg, den 
er ohne sie zur Deckung einlaufender Forderungen, 
d.h. um sein übriges Kapital in beständiger Beschäf- 
tigung erhalten zu können, in barem Gelde hätte liegen 
haben müssen. Nur dieser Teil seines Kapitals kehrt 
nach und nach in Papier oder Münze an den Geschäfts- 
mann zurück, und geht ebenso wieder von ihm fort. 
Überschreiten in der Regel die Vorschüsse der Bank 
diesen Teil seines Kapitals, so können seine allmäh- 
lichen Rückzahlungen dem Betrag ihrer Vorschüsse 
nicht gleich kommen. Der durch seine Geschäfte 
fortwährend herbeigeführte Rückfluß in die Kassen 
der Bank hätte dem infolge der nämlichen Geschäfte 
bewirkten Abzug aus ihnen nicht gleichkommen können. 
Wenn die Vorschüsse an Banknoten die Menge Gold 
und Silber, die der Kaufmann ohne jene Vorschüsse 
zur Befriedigung gelegentlicher Forderungen hätte 



Kap. IT.: Das Geld. 45 

zurückbehalten müssen, überstiegen, so konnten sie 
bald die ganze Menge Gold und Silber übersteigen, 
die (bei gleichbleibendem Yerkehr) im Lande umge- 
laufen sein würde, falls es kein Papieigeld gab, und 
folglich die Menge, die der Umlauf des Landes leicht 
aufzunehmen und zu verwenden vermochte; und nun 
würde das überschüssige Papiergeld sofort zur Bank 
zurückgekehrt sein, um gegen Gold und Silber aus- 
gewechselt zu werden. Dieser zweite, ebenso wichtige 
Vorteil wurde vielleicht nicht von allen schottischen 
Banken so gut begriffen wie der erste. 

Wenn die kreditwürdigen Geschäftsleute eines Lan- 
des teils durch die Bequemlichkeit des Wechseldiskonts, 
teils durch die Kassonkonti der Notwendigkeit über- 
hoben sind, einen Teil ihres Kapitals für gelegentliche 
Forderungen unbeschäftigt bar liegen zu haben, so 
können sie füglich keinen weiteren Beistand von den 
Banken und Bankiers erwarten, die ohne Verletzung 
ihres eignen Interesses und ihi'er Sicherheit nicht weiter 
gehen können, als bis zu diesem Punkte. Eine Bank 
kann ihres eignen Interesses wegen einen Geschäftsmann 
nicht das ganze Betriebskapital, oder auch nur seinen 
größten Teil vorschießen, weil, wenn auch das Kapital 
stets in Form von Geld zu ihm zurückkehrt und ihn 
ebenso verläßt, doch zu große Zeiträume zwischen dem 
Wiedereingehen des Ganzen und dem Fortgang des 
Ganzen liegen, und seine Eückzahlungen nicht in so 
kurzen Zwischenräumen, wie es der Bank lieb sein 
muß, den Vorschüssen gleichkommen könnten. Noch 
weniger aber könnte eine Bank ihm einen bedeuten- 
den Teil seines stehenden Kapitals vorschießen, des 
Kapitals, das der Unternehmer eines Eisenwerkes zur 
Herstellung der Schmieden, Hämmer, Werkstätten, Ma- 
gazine, Wohngebäude für die Arbeiter usw. braucht; oder 
das der Bergwerksunternehmer braucht, um die Schachte 



46 Zweites Buch: Das Kapital. 

abzuteufen, Pumpwerke aufzustellen, ^Wege und Fahr- 
straßen zu machen usw.; oder das der Landwirt zu Kul- 
turverbesserungen, Abzugsgräben, Einzäunungen, zur 
Düngung und Bestellung' unbebauter Felder, zu Wirt- 
schaftsgebäuden und ihrem Zubehör an Ställen, Speichern 
usw. braucht. Die Erträgnisse des stehenden Kapitals 
gehen fast stets langsamer ein als die des umlaufenden, 
und solche Ausgaben machen sich, selbst bei der größ- 
ten Vor- und Umsicht in ihrer Verwendung, doch ge- 
wöhnlich erst nach vielen Jahren wieder bezahlt, eine 
viel zu lange Zeit, um für eine Bank annehmbar zu 
sein. Kaufleute und andere Unternehmer können gewiß 
viele ihrer Pläne recht gut mit geborgtem Gelde aus- 
führen. Zur Sicherstellung ihrer Gläubiger muß jedoch 
ihr eignes Kapital in diesem Falle groß genug sein, um 
so zu sagen das Kapital der anderen zu versichern, das 
heißt, um es unwahrscheinlich zu machen, daß die 
Gläubiger einen Verlust erleiden werden, selbst wenn 
der Ertrag weit hinter den Hoffnungen der Unter- 
nehmer zurückbleiben sollte. Aber auch dann sollte 
das Geld, das man erst nach mehreren Jahren zurück 
zu zahlen beabsichtigt, nicht von einer Bank, sondern 
auf Obligationen und Hypotheken von Privatleuten ge- 
borgt werden, die von den Zinsen ihres Geldes leben 
wollen, ohne es in eignen Geschäften anzulegen, und 
die ihre Kapitalien deshalb gern an Leute von gutem 
Kredit ausleihen und Jahre lang stehen lassen. Freilich 
wäre eine Bank, die iliie Gelder ohne Kosten an Stempel 
und für Notariatsgebühren verleiht und die Rückzah- 
lung unter so leichten Bedingungen wie die schottischen 
Banken gestattet, ein sehr v^illkommener Gläubiger für 
solche Unternehmer; allein die letzteren wären sehr 
ungeeignete Schuldner für eine Bank. 

Schon vor mehr als fünfundzwanzig Jahren betrug 
das von den verschiedenen schottischen Banken ausge- 



Kap. IL: Das Geld. 47 

gebene Papiergeld so viel, oder eher noch etwas mehr, 
als der Umlauf des Landes leicht aufnehmen und ver- 
wenden kann. Schon damals also hatten diese Gesell- 
schaften den schottischen Handel- und Gewerbtreiben- 
den all' den Beistand geleistet, den Banken und Ban- 
kiers, ohne gegen ihr eignes Interesse zu handeln, 
leisten können. Sie hatten sogar etwas mehr getan. 
Sie hatten das Geschäft etwas übertrieben, und sich 
Verluste, oder wenigstens die Gewinnreduktion zuge- 
zogen, die bei der geiingsten derartigen Geschäftsüber- 
treibung nicht ausbleiben kann. Die Handel- und Ge- 
werbtreibenden aber, die von den Banken und Bankiers 
soviel Beistand erhalten hatten, wünschten noch mehr 
zu erhalten. Sie schienen zu glauben, daß die Banken 
ihren Kredit auf jede mögliche Summe ausdehnen 
könnten, ohne daß es sie mehr koste, als ein par Ries 
Papier. Sie klagten über die Engherzigkeit und Mut- 
losigkeit der Bankdirektoren, die, wie sie sagten, ihre 
Kredite nicht nach der Ausdehnung der geschäftlichen 
Unternehmungen im Lande einrichteten, und verstan- 
den ohne Zweifel unter der Ausdehnung der geschäft- 
lichen Unternehmungen die Ausdehnung ihrer eigenen 
Pläne, die sie weder mit ihrem eigenen Kapital, noch 
mit dem auf Obligationen und Hypotheken bei Privat- 
leuten genommenen Kredit bestreiten konnten. Sie er- 
achteten die Banken durch ihre Ehre verpflichtet, das 
Fehlende herzugeben, und sie mit allem Kapital zu ver- 
sehen, das sie zu ihren Unternehmungen brauchten. 
Ganz anderer Meinung waren jedoch die Banken, und 
da sie sich weigerten, ihren. Kredit soweit auszudehnen, 
so nahmen manche jener Geschäftsleute ihre Zuflucht 
zu einem Mittel, das ihren Zwecken eine Zeit lang, zwar 
nicht so billig aber doch ebenso wirksam diente, als es 
der größte Bankkredit vermocht hätte. Dies Mittel war 
kein anderes, als der wohlbekannte Notbehelf, den un- 
glückliche Geschäftsleute bisweilen ergreifen, wenn sie 



48 Zweites Buch: Das Kapital. 

um Rande des Bankerotts stehen. Diese Art Geld auf- 
zubringen war in England längst bekannt, und soll 
während des letzten Krieges, wo die hohen Geschäfts- 
gewinne mächtig zur Überspekulation verleiteten, in 
größtem Maßstabe angewendet worden sein. Aus Eng- 
land wurde diese Methode nach Schottland verpflanzt, 
wo sie im Verhältnis zu dem sehr beschränkten Ver- 
kehr und dem sehr mäßigen Kapital des Landes bald 
in einer weit größeren Ausdehnung gehandhabt wurde, 
als jemals in England. 

Die Wechselreiterei ist allen Geschäftsleuten so 
wohl bekannt, daß es unnötig scheinen könnte, sie 
näher zu eiklären. Da indessen dies Buch manchem 
in die Hand kommen kann, der kein Geschäftsmann 
ist, und da selbst Geschäftsleute den Einfluß dieses 
Mittels auf das Bankwesen nicht immer genau kennen, 
so will ich es möglichst faßlich zu erkläi'en suchen. 

Die Handelsgebräuche, die in Europa zu einer Zeit 
eingeführt wurden, als die unzureichenden Gesetze die 
P]rfüllung von Verträgen noch nicht erzwangen, und 
die in den beiden letzten Jahrhunderten in die Ge- 
setze aller europäischen Nationen übergegangen sind, 
erteilten den Wechseln so außerordentliche Vorrechte, 
daß auf sie weit eher Geld zu haben ist, als auf jede 
andere Schuldverschreibung, zumal sie in kurzer Zeit, 
etwa in zwei oder drei Monaten nach dem Tage der 
Ausstellung zahlbar sind. Wenn der Akzeptant den 
Wechsel bei Vorzeigung am Verfalltage nicht zahlt, 
so erklärt er sich in demselben Augenblicke dadurch 
für bankerott. Der Wechsel wird protestiert, und geht 
an den Aussteller zurück, der, wenn er nicht sofort 
zahlt, gleichfalls für bankerott gilt. Ist der Wechsel, 
ehe er in die Hände dessen kommt, der ihn dem Ak- 
zeptanten zur Zahlung präsentiert, durch die Hände 
einiger anderen Personen gegangen, die sich nachein- 



Kap. TL: Das Geld. 49 

ander seine Valuta in Geld oder Waren auszahlten und 
zur Bekräftigung, daß jeder von ihnen die Valuta er- 
halten habe, den Wechsel girierten, d. h. ihre Namen 
auf die Rückseite des Wechsels schrieben, so wird jeder 
Girant seinerseits wieder dem Eigner des Wechsels für 
die Valuta verantwortlich, und ist mangels Zahlung 
ebenfalls sogleich bankerott. Wenn daher auch der 
Aussteller, der Akzeptant und die Giranten des Wechsels 
sämtlich Leute von zweifelhaften Kredit wären, so ge- 
währt doch die Kürze des Zahlungstermins dem Besitzer 
des Wechsels eine gewisse Sicherheit. Denn wenn sie 
auch vielleicht sämtlich am ßande des Bankerotts 
stehen, läßt sich doch nicht erwarten, daß sie alle mit- 
einander in so kurzer Zeit bankerott werden. Das 
Haus ist baufällig, sagt ein müder Wanderer zu sich 
selbst, und wird nicht mehr lange stehen ; aber es wird 
doch wohl nicht heute Nacht einfallen, und so will ich 
es wagen, heute darin zu schlafen. 

Nehmen wir an, A. in Edinburgh ziehe einen 
Wechsel auf B. in London, zahlbar zwei Monate 
nach dato. Eigentlich schuldet B. in London dem A. 
in Edinburgh Nichts, aber er ist damit einverstanden, 
den Wechsel des A. unter der Bedingung zu akzeptieren^ 
daß er vor dem Zahltage einen ßückAvechsel für dieselbe 
Summe nebst Zinsen und Provision, gleichfalls zahlbar 
zwei Monate nach dato, auf A. in Edinburgh ziehen 
darf. Nun zieht B. vor Ablauf der ersten zwei Monate 
diesen Rückwechsel auf A. in Edinburgh, der seiner- 
seits vor Ablauf der anderen zwei Monate einen gleich- 
falls zwei Monate nach dato zahlbaren zweiten Wechsel 
auf B. in London zieht; und vor Ablauf der dritten 
zwei Monate nimmt wieder B. in London einen Rück- 
wechsel auf A. in Edinburgh, gleichfalls zwei Monate 
nach dato zahlbar. Diese Praxis ist manchmal nicht 
Monate lang, sondern Jahre lang getrieben worden, 

Adam Sniitti. VolUswolilslaiid. II. 4 



50 Zweites Buch : Das Kapital. 

indem der Wechsel immer mit den aufgehäuften Zinsen 
und Provisionen für alle früheren Wechsel an A. in 
Edinburgh zurückkehrte. Die Zinsen betrugen fünf 
Prozent im Jahr, und die Provisionen mindestens ein 
halb Prozent bei jeder Tratte. Da die Provisionen sich 
mindestens sechsmal im Jahre wiederholten, so kostete 
das Geld, das A. durch dieses Mittel aufbrachte, ihn 
notwendig mehr als acht Prozent jährlich, ja zuweilen 
noch viel mehr, wenn entweder der Preis der Provision 
stieg, oder er Zinseszins für die Zinsen und Provisionen 
der früheren Wechsel zahlen mußte. Diese Praxis 
nannte man: Geld durch Umlauf aufbringen. 

In einem Lande, wo der gewöhnliche Kapitalge- 
winn bei den meisten kaufmännischen Unternehmungen 
zwischen sechs und zehn Prozent beträgt, mußte eine 
Spekulation schon sehr glücklich ausfallen, wenn sie so 
viel einbringen sollte, um nicht nur die enormen Kosten 
des dazu erforderlichen Geldes, sondern auch noch einen 
ordentlichen Gewinn für den Unternehmer abzuwerfen. 
Dennoch sind große und weitaussehende Unternehmen 
unternommen und Jahre lang durchgeführt worden, ohne 
andere Kapitalien als die mit so enormen Kosten auf- 
gebrachten. Die Projektenmacher sahen gewiß in ihren 
goldenen Träumen die großen Gewinne vor sich; allein 
beim Erwachen, entweder am Ende ihrer Unterneh- 
mungen, oder wenn sie nicht mehr imstande waren, 
sie weiter zu führen, dürften sie selten so glücklich 
gewesen sein, den Gewinn zu finden.*) 

*) Die im Texte beschriebene Methode war keineswegs die 
gewöhnlichste oder die kostspieligste, wie jene Abenteui'er zu- 
weilen „Geld durch Umlauf aufbrachten". Häufig setzte A. in 
Edinburgh den B.in London dadurch in Stand, den ersten AVechsel 
zu zahlen, daß er wenige Tage vor der Verfallzeit einen zweiten 
Wechsel, der auf drei Monate zu laufen hatte, auf den näixdichen 
B. in London zog, diesen an seine eigene Order zahlbaren Wechsel 
in Edinburgh al pari verkaufte, und mit der Valuta Wechsel auf 



Kap. II.: Das Geld. 51 

Die Wechsel, die A. in Edinburgh auf B. in London 
zog, diskontierte er regehnäßig zwei Monate vor der 
Verfallzeit bei einer Bank oder einem Bankier in Edin- 
burgh, und die ßückwechsel, welche B. in London auf 
A. in Edinburgh zog, diskontierte dieser ebenso regel- 
mäßig bei der Bank von England oder bei Londoner 
Bankiers. Die Vorschüsse auf solche Reitwechsel wurden 
in Edinburgh in Noten der schottischen Banken, oder in 
London, wenn sie bei der Bank von England diskontiert 



London, zahlbar nach Sicht an die Order von B., kaufte und 
diesem zuschickte. Gegen das Ende des letzten Krieges stand 
der Wechselkui-s zwischen Edinburgh und London oft drei Prozent 
zum Nachteil Edinburghs und jene Wechsel auf Sicht mußten 
also den A. dasselbe Agio kosten. Diese Transaktion, wenigstens 
viermal im Jahre wiederholt, und stets mit einer Provision von 
wenigstens einem Prozent belastet, mußte mithin den A. wenig- 
stens vierzehn Prozent im Jahre kosten. Ein andermal setzte 
A. den B. dadurch in Stand, den ersten Wechsel zu zahlen, daß 
er wenige Tage vor der Yerfallzeit einen zweiten Zweimonats- 
Wechsel nicht auf B., sondern auf eine dritte Person, z. B. auf 
C. in London zog. Dieser Wechsel wurde an die Order von B. 
gestellt, der ihn, sobald er von C. akzeptiert worden, bei einem 
Bankier in London diskontierte; A. aber setzte den C. dadurch 
in Stand zu zahlen, daß er wenige Tage vor der VerfaUzeit 
einen dritten Zweimonats- Wechsel entweder auf seinen ersten 
Korrespondenten B. oder auf eine vierte oder fünfte Person D. 
oder E. zog. Dieser dritte Wechsel wurde an die Order von C. 
gestellt, der ihn, sobald er akzeptiert war, auf dieselbe Weise 
bei einem Londoner Bankier diskontierte. Da diese Tätigkeiten 
sich wenigstens sechsmal im Jahre wiederholten, und da jedes- 
mal eine Provision von Avenigstens einem halben Prozent, sowie 
die üblichen Zinsen auf fünf Prozent hinzukamen, so mußte 
diese Manier, Geld aufzubringen, ebenso wie die im Texte be- 
schriebene, den A. etwas mehr als acht Prozent ko.sten. Weil 
jedoch der Wechselkurs zwischen Edinburgh und London gespart 
wurde, war sie etwas weniger kostspielig als die oben erwähnte, 
erforderte hingegen einen soliden Kredit bei mehr als einem 
Londoner Hause, ein Vorteil, den viele dieser Abenteurer sich 
nicht leicht verschaffen konnten. 



52 Zweites Buch: Das Kapital. 

wurden, in Noten dieser Bank ausgezahlt. Wurden nun 
auch die Wechsel, auf welche diese Noten vorgeschossen 
waren, sämtlich zur Verfallzeit eingelöst, so wurde doch 
der auf den ersten Wechsel vorgeschossene Betrag den 
Banken niemals wirklich wiedererstattet, weil immer, 
ehe ein Wechsel fällig war, ein anderer Wechsel in 
etwas höherem Betrage gezogen wurde, und die Dis- 
kontierung dieses Wechsels unumgänglich nötig war, 
damit der fällige Wechsel gezahlt werden konnte. 
Diese Zahlung war also durchaus eine nur scheinbare. 
Der durch diese Wechselreiterei aus den Kassen der 
Banken geleitete Abzug wurde niemals durch einen 
wirkHchen Zugang wiederersetzt. 

Die auf solche Reitwechsel ausgegebenen Noten be- 
liefen sich zuweilen auf das ganze Betriebskapital eines 
großen, weitaussehenden landwirtschaftlichen, kauf- 
männischen oder industriellen Unternehmens, statt ledig- 
lich auf den Teil, den der Unternehmer, wenn es kein 
Papiergeld gegeben hätte, für gelegentliche Forderungen 
bar hätte liegen haben müssen. Folglich stellte das 
meiste Papiergeld einen Überschuß über den Betrag 
des Goldes und Silbers dar, das im Lande umgelaufen 
wäre, wenn es kein Papiergeld gäbe; es war also in 
größerer Menge vorhanden, als der Umlauf des Landes 
leicht aufnehmen und gebrauchen konnte, und kehrte 
aus diesem Grunde unmittelbar zu den Banken zurück, 
um gegen Gold und Silber umgewechselt zu werden, 
das diese sich dann verschaffen mußten, wie sie eben 
konnten. Es war ein Kapital, das jene Projektenmacher 
in sehr schlauer Weise den Banken nicht nur ohne 
deren Wissen und Willen, sondern vielfach auch ohne 
daß sie die leiseste Ahnung davon hatten, daß sie es 
in Wahrheit vorschössen, entzogen hatten. 

Wenn zwei Leute, die fortwährend auf einander 
ziehen, ihre Wechsel stets bei demselben Bankier dis- 



Kap. IL: Das Geld. 53 

kontieren, so wird er sogleich entdecken, wie es mit 
ihnen steht, und deutHch sehen, daß sie ihr Geschäft 
nicht mit einem eigenen, sondern mit dem von ihm vor- 
geschossenen Kapital treiben. Diese Entdeckung ist 
jedoch keineswegs so leicht, wenn sie ihre Wechsel bald 
hier bald da diskontieren, und wenn nicht immer die 
nämlichen zwei Leute auf einander ziehen, sondern 
unter einem großen Kreise von Spekulanten abwechseln, 
die es vorteilhaft finden, einander in dieser Manier, 
Geld aufzubi'ingen, beizustehen und es deshalb mög- 
lichst schwer zu machen, den Unterschied eines wirk- 
lichen und eines erdichteten Wechsels zu erkennen, 
d. h. eines Wechsels, der von einem wirklichen Gläubi- 
ger auf einen wirklichen Schuldner gezogen ist, und 
eines Wechsels, füi' welchen es eigentlich keinen anderen 
wirklichen Gläubiger giebt, als die Bank, die ihn dis- 
kontierte, und keinen anderen wirklichen Schuldner als 
den Spekulanten, der das Geld brauchte. Koramt auch 
ein Bankier dahinter, so ist es zuweilen schon zu spät 
und er hat die Wechsel dieser Spekulanten schon in 
so großem Betrage diskontiert, daß er sie durch die 
Weigerung, ferner zu diskontieren, notwendig banke- 
rott machen und sich- durch ihren Untergang sein eige- 
nes Verderben bereiten würde. Er kann es daher für 
seine eigene Sicherheit nötig finden, noch einige Zeit 
in dieser gefährlichen Lage zu verbleiben, indem er 
sich nur nach und nach zurückzuziehen sucht, und 
täglich mehr Schwierigkeiten mit dem Diskontieren 
macht, um die Spekulanten allmählich zu zwingen, 
sich entweder an andere Bankiers zu wenden, oder auf 
andere Manier Geld aufzubringen, so daß er selbst 
baldmöglichst aus diesem Kreise herauskommt. Die 
Schwierigkeiten, die die Bank von England, die ange- 
sehensten Bankiers in London, und sogar die vorsich- 
tigeren schottischen Banken einige Zeit nachdem sie 
alle schon zu weit gegangen waren, erhoben, schreckte 



54 Zweites Buch: Das Kapital. 

die Spekulanten nicht nur auf, sondern versetzte sie in 
die höchste Wut. Ihre eigne Not, die allerdings durch 
die vorsichtige und unerläßliche Zurückhaltung der 
Banken zuerst veranlaßt war, nannten sie die Not des 
Landes; und diese Not des Landes, sagten sie, habe 
man nur der Unwissenheit, Engherzigkeit und schlech- 
ten Leitung der Banken zu verdanken, die den hoch- 
herzigen Unternehmungen derer, die das Land zu ver- 
schönern, zu fördern und zu bereichern strebten, keine 
hinreichende Unterstützung zu teil werden ließen. 
Sie schienen die Banken für verpflichtet zu halten, so 
lange und so viel zu leihen, als sie zu borgen wünsch- 
ten. Die Banken aber schlugen den einzigen Weg ein, 
auf dem es noch möglich war, ihren eigenen und den 
öffentlichen Kredit des Landes zu retten, indem sie 
sich weigerten, denen ferner zu kreditieren, die schon 
zu viel Kredit erhalten hatten. 

Mitten in diesem Lärm und in dieser Not wurde 
in Schottland eine neue Bank zu dem ausdrücklichen 
Zwecke errichtet, der Not des Landes abzuhelfen. Das 
Vorhaben war edel, aber die Ausführung unbesonnen, 
und man hatte das Wesen und die Ursachen der Not, 
die man zu heben gedachte, wohl nicht richtig gewür- 
digt. Diese Bank zeigte sich sowohl in Bewilligung 
von Kassenkonten als auch im Diskontieren von Wech- 
seln liberaler als jede andere. In Betreff der Wechsel 
scheint sie fast keinen Unterschied zwischen wirklichen 
und Reitwechseln gemacht, sondern beide gleichmäßig 
diskontiert zu haben. Es war .der erklärte Grundsatz 
dieser Bank, auf jede leidliche Sicherheit das ganze 
Kapital für solche Arten von Anlagen voi'zustrecken, 
aus denen es nur träge und spät wieder eingeht, nament- 
lich für Verbesserungen der Bodenkultur. Solche Ver- 
besserungen zu fördern, sollte der hauptsächlichste der 
gemeinnützigen Zwecke sein, zu deren Verwirklichung 



Kap. 11. : Das G eld. 55 

die Bank gegründet worden war. Durch ihre Libera- 
lität in Bewilligung von Kassenkonten und im Diskon- 
tieren von AVechseln gab sie ohne Zweifel eine große 
Menge von Banknoten aus. Diese Banknoten kehrten 
aber, da der größte Teil über das Maß hinausging, das 
der Umlauf des Landes leicht aufnehmen und gebrau- 
chen kann, fast eben so schnell wie sie ausgegeben 
waren, zu ihr zurück, um gegen Grold und Silber um- 
gewechselt zu werden. Ihre Kassen waren niemals 
vollständig versehen. Das durch zwei Subskriptionen 
aufgebrachte Kapital betrug £ 160,000, wovon nur 
80° eingezahlt wurden. Diese Summe war in mehre- 
ren Terminen einzuzahlen. Ein großer Teil der Aktio- 
näre erhielt sogleich nach der ersten Einzahlung ein 
Kassenkonto bei der Bank, und die Direktoren, die 
sich für verpflichtet hielten, gegen ihre eigenen Teil- 
nehmer dieselbe Liberalität zu beobachten, mit der sie 
gegen alle anderen Leute verfuhren, gestatteten vielen 
von ihnen, auf das Kassenkonto so viel zu borgen, als 
sie in allen folgenden Terminen einzuzahlen hatten. 
Diese Einzahlungen brachten daher nur soviel in die 
eine Kasse, als einen Augenblick vorher aus der ande- 
ren genommen war. Aber wenn die Barbestände der 
Bank auch noch so groß gewesen wären, der über- 
mäßige Umlauf mußte sie doch schneller aufzehren, als 
sie sich wieder ergänzen ließen, wenn man nicht zu 
dem verderblichen Mittel greifen wollte, auf London zu 
ziehen und den Wechsel samt Zinsen und Provision 
am Verfalltage durch eine neue Tratte auf denselben 
Platz zu zahlen. Bei dieser schlechten Verfassung 
ihrer Kassenbestände soll sie schon wenige Monate nach 
Beginn des Geschäftes gezwungen gewesen sein, zu 
diesem Notbehelf zu greifen. Die Liegenschaften der 
Aktionäre waren mehrere Millionen wert, und sie haf- 
teten durch ihre Unterschrift unter die Gründungsur- 



56 Zweites Buch: Das Kapital. 

künde für alle Verpflichtungen der Bank. Mittelst des 
großen Kredits, den ein so bedeutendes Unterpfand 
notwendig verschaffen mußte, war die Bank imstande, 
trotz ihrer zu großen Liberalität das Greschäft länger 
als zwei Jahre zu betreiben. Als sie es einstellen mußte, 
hatte sie etwa £ 200,000 Banknoten im Umlauf, zu 
dessen Aufrechthaltung sie, da die Noten fortwährend 
ebenso schnell zurückkehrten, als sie ausgegeben waren, 
Wechsel auf London zog, deren Zahl und Betrag ohne 
Unterlaß wuchs und bei Einstellung des Geschäfts mehr 
als £, 600,000 betrug. In etwas mehr als zwei Jahren 
hatte also die Bank an allerlei Leute über £ 800,000 
zu 5°/o vorgeschossen. An den £ 200,000 ihres Noten- 
umlaufs können die 5"'o vielleicht als reiner Gewinn 
betrachtet werden, wovon nur die Verwaltungskosten 
abzuziehen sind. Dagegen zahlte sie auf die £ 600,000, 
für die sie fortwährend Wechsel auf London zog, 
mehr als 8°/o Zinzen und Provision, und verlor folg- 
lich an mehr als drei Vierteln ihres ganzen Umsatzes 
mehr als S^/o. 

Die Tätigkeit dieser Bank scheint gerade das 
Gegenteil von dem hervorgebracht zu haben, was ihre 
Gründer und Leiter beabsichtigt haben. Diese wollten 
die hochherzigen Unternehmungen — denn als solche 
wurden sie von ihnen betrachtet — , die damals in ver- 
schiedenen Teilen des Landes gemacht wurden, unter- 
stützen, und zugleich das gesamte Bankgeschäft an 
sich reißen, um die übrigen schottischen Banken, be- 
sonders die Edinburgher, deren Zurückhaltung im Dis- 
kontieren Mißfallen erregt hatte, zu verdrängen. Sicher- 
lich gewährte die Bank den Spekulanten eine Zeitlang 
Erleichterung und setzte sie in Stand, ihre Projekte 
etwa zwei Jahre länger fortzusetzen, als es ihnen sonst 
möglich gewesen wäre; aber sie ermöglichte ihnen da- 
durch nur, sich um so tiefer in Schulden zn stürzen. 



Kap. Tl.: Da.s Gold. 57 

SO daß, als der Tag des Verderbens kam, sowohl sie 
als ihre Gläubiger um so schwerer betroffen wurden. 
Statt die Not zu lindern, welche die Spekulanten über 
sich und über das Land gebracht hatten, dienten die 
Operationen der Bank in der Tat nur dazu, sie für lange 
Zeit zu verschärfen. Es wäre für die Spekulanten selbst, 
für ihre Gläubiger und für das Land weit besser ge- 
wesen, wenn die meisten von ihnen schon zwei Jahre 
früher hätten aufhören müssen. Dagegen brachte die 
zeitweilige Unterstützung, die die Bank den Speku- 
lanten gewährte, den übrigen schottischen Banken eine 
wirkliche, dauernde Hilfe. Die sich mit Wechselreiterei 
abgaben, nahmen, da die übrigen Banken Reitwechsel 
nicht mehr diskontieren wollten, ihre Zuflucht zu der 
neuen Bank, wo sie mit offenen Armen aufgenommen 
wurden. Dadurch wurde es den übrigen Banken mög- 
lich, mit Leichtigkeit aus diesem verhängnisvollen 
Kreise herauszutreten, während sie sonst schwerlich 
ohne bedeutenden Verlust, oder gar ohne dauernde 
Schädigung ihres Kredits davon gekommen wären. 

Mit der Zeit haben also die Geschäfte dieser Bank 
die wirkliche Not des Landes, die sie zu lindern ge- 
dachte, vermehrt; hingegen die sehr große Not ihrer 
Mitbewerber, die sie zu stürzen beabsichtigte, völlig 
beseitigt. 

Bei Eröffnung der Bank glaubten viele, sie werde 
ihre Kassen, so schnell sie sich auch leerten, leicht 
durch Anleihen wieder füllen können, die sie auf die 
Sicherheiten derer, denen sie ihr Papier vorschoß, auf- 
nähme. Die Erfahrung belehrte sie jedoch, glaube ich, 
bald, daß diese Art von Geldbeschaffung viel zu langsam 
sei, um den Zwecken der Bank zu entsprechen, und 
daß die Kassen, die von vornherein nicht ausreichend 
waren und sich so schnell vollends leerten, durch nichts 
anderes wieder zu füllen seien, als. durch das verderb- 
liche Mittel Wechsel auf London zu ziehen, die, wenn 



58 Zweites Biicli: Das Kapital. 

sie fällig wurden, durch andere Tratten auf denselben 
Platz nebst Zinsen und Provision gezahlt werden mußten. 
Hätte die Bank aber auch auf dem ersteren Wege so 
schnell Geld aufbringen können, als nötig war, so mußte 
sie doch durch jede derartige Handlung verlieren, statt 
zu gewinnen, so daß sie sich als Handelsgesellschaft 
mit der Zeit doch ruiniert haben würde, wenn vielleicht 
auch nicht so schnell wie durch die kostspielige "Wechsel- 
reiterei. An ihren Noten konnte sie keinen Zinsgewinn 
machen, da diese über das Maß hinausgingen, das der 
Umlauf des Landes aufnehmen und gebrauchen konnte, 
und ebenso schnell, als sie ausgegeben waren, zur Um- 
wechselung gegen Gold und Silber zurückkehrten, wes- 
halb die Bank stets von neuem Geld aufnehmen mußte. 
Hingegen mußten alle Unkosten für diese Aufnahmen, 
für die Anstellung von Agenten zur Beschaffung von 
Geld, für die Verhandlung mit den Darleihern und für 
die Ausfertigung der Verträge usw. von ihr getragen 
werden und in der Bilanz einen reinen Verlust er- 
geben. Der Plan, ihre Kassen auf diese Weise zu füllen, 
würde dem eines Mannes gleichen, der einen Teich 
besitzt, aus dem stets Wasser abfließt, ohne daß es 
durch einen Zufluß ersetzt wird, und der ihn dadurch 
immer gleichmäßig voll erhalten will, daß er eine 
Menge Leute anstellt, die mit Eimern aus einer mehrere 
Meilen entfernten Quelle unablässig Wasser zutragen, 
um ihn wieder zu füllen. 

Hätte sich diese Tätigkeit aber auch für die Bank 
als ausführbar und gewinnbringend erwiesen, so würde 
doch das Land keinen Vorteil daraus gezogen, im Gegen- 
teil nur einen beträchtlichen Verlust davon gehabt haben. 
Diese Handhabung konnte die Menge des auszuleihen- 
den Geldes nicht im mindesten vermehren, sondern nur 
die Bank zu einer Art allgemeinen Leihamts für das 
ganze Land machen. AVer Geld borgen wollte, mußte, 



Kap. TT. : Das Geld. 59 

statt zu den Privatleuten zu gehen, die ihr das Geld 
geliehen hatten, sich an die Bank wenden. Nun ist 
aber eine Bank, die vielleicht an fünfhundert den Di- 
rektoren meist so gut wie unbekannte Personen Geld 
ausleiht, schwerlich in der Wahl ihrer Schuldner vor- 
sichtiger, als ein Privatmann, der sein Geld nur weni- 
gen Leuten leiht, die er kennt und auf deren Be- 
sonnenheit und Solidität er sich verlassen zu können 
glaubt. Die Schuldner einer solchen Bank, wie die, 
deren Leitung ich hier beschrieben habe, waren wohl 
meist eitle Projektenmacher, Wechselreiter, die das Geld 
zu schwindelhaften Unternehmungen verwandten, die 
sie bei allem Beistand, der ihnen gewährt wurde, doch 
kaum auszuführen vermochten, und die, wenn sie wirk- 
lich ausgeführt wurden, doch niemals die verursachten 
Kosten wieder eingebracht und niemals einen Fonds ge- 
schaffen haben würden, der so viel Arbeit, wie auf sie 
verwendet war, hätte unterhalten können. Die besonne- 
nen und soliden Schuldner von Privatleuten dagegen 
verwenden das geborgte Geld viel eher zu nüchternen, 
ihren Kapitalien angemessenen Unternehmungen, die 
zwar weniger großartig und wunderbar, dafür aber um 
so solider und gewinnbringender sind, alle für sie ge- 
machten Auslagen mit reichem Gewinn zurückerstatten 
und dadurch einen Fonds schaffen, aus dem eine weit 
größere Menge Arbeit erhalten werden kann, als auf 
sie selbst verwendet war. Der glückliche Erfolg der er- 
wähnten Tätigkeit würde mithin, ohne das Kapital des 
Landes im geringsten vergrößert zu haben, im Gegen- 
teil einen großen Teil von ihm aus besonnenen und ge- 
winnreichen Unternehmungen auf unbesonnene und 
keinen Gewinn bringende gelenkt haben. 

Daß die schottische Industrie aus Mangel an Geld 
darniederliege, war die Ansicht des berufenen Law. 
Diesem Geldmangel gedachte er durch Errichtung einer 
besonderen Art von Bank abzuhelfen, die, wie er ge- 



ßO Zweites Buch: Das Kapital. 

glaubt, zu haben scheint, Papier im Betrage des Gesamt- 
wertes aller Ländereien des Landes ausgeben könne. 
Das schottische Parlament hielt jedoch das Projekt, 
das ihm zuerst vorgelegt wurde, zur Annahme für 
nicht geeignet. Später wurde es mit einigen Abän- 
derungen vom Herzog von Orleans, dem damaligen 
Regenten Frankreichs, angenommen. Der Gredanke, 
daß es möglich sei, Papiergeld in jedem beliebigen 
Umfange zu vermehren, lag dem sogenannten Missi- 
sippi-Projekte, vielleicht dem schwindelhaftesten Bank- 
und Börsenjobberprojekt, das die Welt je gesehen hat, 
zu Grunde. Die verschiedenen Leistungen dieses Pro- 
jekts hat Du Verney in seiner „Prüfung der politischen 
Reflexionen über Handel und Finanzen des Herrn Du 
Tot" so vollständig, klar und scharfsinnig entwickelt, 
daß ich sie hier nicht schildern will. Die Prinzipien, 
auf denen es beruhte, hat Law selbst in einer Ab- 
handlung über Geld und Handel, die er in Schottland 
veröffentlichte, als er sein Projekt zuerst vorlegte, ent- 
wickelt. Die glänzenden, aber phantastischen Ideen, 
die in diesem und einigen anderen Büchern über die 
gleichen Prinzipien vorgetragen w^erden, machen immer 
noch auf viele Leute Eindruck, und haben vielleicht 
zum Teil jene Ausschreitungen im Bankwesen mit ver- 
anlaßt, die neuerdings in Schottland und anderwärts 
zu beklagen gewesen sind. 

Die Bank von England ist die größte Zettelbank 
in Europa. Sie wurde infolge einer Parlamentsakte 
durch ein Patent vom 27. Juli 1694 errichtet. Damals 
schoß sie der Regierung die Summe von £ 1,200,000 
vor gegen eine Annuität von £ 100,000, oder £ 96,000 
jährlicher Zinsen zu S^'o und £ 4000 für die jährlichen 
Verwaltungskosten. Es läßt sich denken, daß der 
Kredit der neuen durch die Revolution eingesetzten 
Regierung sehr gering gewesen sein muß, wenn sie 



Kap. IL: Das Geld. 61 

genötigt war, zu einem so hohen Zinsfuß Geld auf- 
zunehmen. 

Im Jahre 1697 wurde der Bank gestattet, ihr 
Kapital durch eine neue Einzahlung von £ 1,001,171 
10 sh. zu vergrößern. Ihr Gesamtkapital betrug mit- 
hin damals £ 2,101,171 10 sh. Jene Einzahlung sollte, 
wie es hieß, den Staatskredit heben. Im Jahre 1696 
standen die Tailles (Koupons) auf vierzig, fünfzig und 
sechzig Prozent, und die Banknoten auf zwanzig Pro- 
zent Disagio*.) Während der zu dieser Zeit vorge- 
nommenen großen Silberumprägung hielt es die Bank 
für geraten, die Zahlung ihrer Noten zu suspendieren, 
was diese natürlich diskreditierte. 

Infolge einer Akte aus dem siebenten Jahre der 
Königin Anna (c. 7.) schoß die Bank der Schatzkammer 
die Summe von £ 400,000 vor, so daß die Gesamt- 
schuld mit Einschluß der auf die Annuität von £ 96,000 
Zinsen und £ 4000 Verwaltungskosten vorgeschossenen, 
jetzt £ 1,600,000 ausmachte. Im Jahre 1708 war mit- 
hin der Kredit der Regierung so gut wie der der 
Privatleute, da sie zu sechs Prozent, dem damals ge- 
setzlichen und üblichen Zinsfuß, entleihen konnte. 
Infolge derselben Akte tilgte die Bank Schatzkammer- 
scheine im Betrage von £ 1,775,027 17 sh. 10 V2 d. zu 
6°, Zinsen, und durfte gleichzeitig ihr Kapital durch 
neue Zeichnungen verdoppeln. Dasselbe betrug mit- 
hin 1708 £ 4,402,343, wovon der Eegierung £ 3,375,027 
17 sh. 10 V2 d. geliehen waren. 

Durch die Einzahlung von 15 ^,0 wurde im Jahre 
1709 ein Kapital von £ 656,204 1 sh. 9 d., und durch 
eine andere von 10", im Jahre 1710 ein Kapital von 
£ 501,448 12 sh. 11 d. eingeschossen. Infolge dieser 
beiden Einzahlungen belief sich also das Kapital der 
Bank auf £ 5,559,995 14 sh. 8 d. 

'■•) James Postlethwaite's History of the Public Revenue, p. 301. 



62 Zweites Buch: Das Kapital. 

Infolge einer Akte aus dem dritten Regierungs- 
jahre Georgs I. (c. 8.) lieferte die Bank £ 2,000,000 
in Schatzkammerscheinen zur Tilgung ein, wonach 
sich also die der Regierung geliehene Summe auf 
£ 5,375,027 17 sh. 10 d. belief. Infolge der Akte aus 
dem folgenden Regierungsjahre Georgs I. (c. 21.) kaufte 
die Bank von der Südsee-Gesellschaft Aktien im Be- 
trage von £ 4,000,000, und vergrößerte ihr Kapital 
infolge der Aktienzeichnungen für dies Unternehmen 
1722 um £ 3,400,000. Die Vorschüsse der Bank an 
die Regierung beliefen sich also nun auf £ 9,375,027 
17 sh. 10 d., und ihr Kapital nur auf £ 8,959,995 
14 sh. 8 d. Dies war das erste Mal, daß die Summe, 
die die Bank dem Staate geliehen hatte und wofür sie 
Zinsen empfing, ihr Kapital, d. h. die Summe, für 
welche den Aktionären eine Dividende gezahlt wird, 
überstieg; oder mit anderen Worten, daß die Bank 
anfing, außer dem Dividenden-Kapital noch ein anderes 
zu haben, von dem sie keine Dividende zahlte, was 
seitdem immer der Fall geblieben ist. Im Jahre 1746 
hatte die Bank aus verschiedenen Anlässen dem Staat 
£ 11,686,800 vorgeschossen, und ihr dividendenpflich- 
tiges Kapital war durch verschiedene Nachforderungen 
und Zeichnungen bis auf £ 10,780,000 gestiegen. Das 
Verhältnis dieser beiden Summen zu einander ist seit- 
dem das nämliche geblieben. Infolge der Akte aus 
dem vierten Regierungsjahre Geoigs III. (c. 25.) zahlte 
die Bank der Regierung für die Erneuerung ihres 
Patents £ 110,000, ohne Zinsen oder Rückzahlung zu 
erwarten, sodaß also jene beiden anderen Summen 
durch diese Zahlung nicht verändert wurden. 

Die Dividende ist je nach den Änderungen im 
Zinsfuß, je nach den Zinsen, die sie zu verschiedenen 
Zeiten für das vom Staate geliehene Geld empfing, so 
wie nach anderen Umständen, verschieden gewesen. 
Der Zinsfuß fiel nach und nach von acht auf 3"/o. 



Kop. ir.: Das Geld. 63 

Die Dividende der Bank hat seit einigen Jahren 
5^/2 ''/o betragen. 

Die Zahlungsfähigkeit der Bank von England 
kommt der der britischen Begierung gleich. Was sie dem 
Staate vorgeschossen hat, müßte erst verloren gehen, 
ehe ihre Gläubio-er einen Verlust erleiden könnten. 
Keine andere Bankgesellschaft kann durch eine Parla- 
mentsakte gegründet werden, oder wenigstens darf keine 
aus mehr als sechs Teilnehmern bestehen. Die Bank von 
England betätigt sich nicht nur als eine gewöhnliche 
Bank, sondern als eine große Staatsmaschine. Sie 
empfängt und bezahlt den größten Teil der den Staats- 
gläubigern zukommenden ßente, setzt die Schatz- 
kammerscheine in Umlauf, und schießt der Regierung 
den jährlichen Betrag der oft erst nach einigen Jahren 
bei ihr eingehenden Grund- und Malzsteuer vor. Bei 
diesen verschiedenen Operationen mag die Bank bis- 
weilen durch ihre Verpflichtungen gegen den Staat, 
ohne Schuld der Direktion, genötigt worden sein, den 
Umlauf mit Papiergeld zu überfüllen. Sie diskontiert 
auch kaufmännische Wechsel, und hat bei verschiedenen 
Gelegenheiten den Kredit der größten Häuser nicht 
nur in England, sondern auch in Hamburg und Holland 
aufrecht erhalten. Einmal, 1763, soll sie in einer einzigen 
Woche etwa £ 1,600,000, meist in Barren, vorgeschossen 
haben; doch vermag ich weder die Größe der Summe 
noch die Dauer der Zeit zu verbü)'gen. In anderen 
Fällen sah sich diese große Gesellschaft in die Not- 
wendigkeit versetzt, in halben Schillingen zu zahlen. 

Die einsichtigsten Bankoperationen können nicht 
durch Vergrrȧerung der Kapitalien, sondern nur dadurch 
die Industrie des Landes fördern, daß sie einen größeren 
Teil dieser Kapitalien tätig und produktiv machen, 
als es ohne sie geschehen könnte. Der Teil seines 
Kapitals, den ein Geschäftsmann unbeschäftigt bar in 
der Kasse haben muß, um einlaufende Forderungen da- 



ß4 Zweites Buch: Das Kapital. 

mit befriedigen zu können, ist ein totes Kapital, wel- 
ches, solange es in dieser Lage bleibt, weder für seinen 
Eigentümer noch für das Land etwas produziert. Ver- 
ständige Bankoperationen setzen den Geschäftsmann in 
Stand, sein totes Kapital in ein tätiges und einträg- 
liches zu verwandeln: in Rohstoffe zur Verarbeitung, in 
Werkzeuge und Lebensmittel zum Unterhalt der Arbeit 
— in ein Kapital, das sowohl ihm als dem Lande etwas 
einbringt. Das Gold- und Silbergeld, das in einem 
Lande umläuft und durch dessen Vermittelung die 
Produkte des Bodens und der Arbeit alljährlich in 
Umlauf gesetzt und an die Verbraucher verteilt werden, 
ist ebenso wie das bare Geld des Geschäftsmanns durch- 
aus ein totes Kapital. Es ist ein sehr kostspieliger Teil 
vom Kapital des Landes, der dem Lande nichts ein- 
bringt. Wenn nun verständige Bankoperationen Papier 
an die Stelle eines großen Teils der edlen Metalle 
setzen, so ist das Land imstande, jenes tote Kapital 
größtenteils in ein tätiges und einträgliches, dem Lande 
etwas einbringendes Kapital zu verwandeln. Das in 
einem Lande umlaufende Gold- und Silbergeld kann 
mit einer Landstraße verglichen werden, die alles Gras 
und Korn des Landes in Umlauf setzt und auf den 
Markt bringt, selbst aber keinen Halm produziert. Ver- 
ständige Bankoperationen stellen, wenn ich ein so kühnes 
Bild gebrauchen darf, eine Art Straße durch die Luft 
her und setzen dadurch das Land gleichsam in den 
Stand, einen großen Teil seiner Landstraßen in gute 
Weiden und Kornfelder zu verwandeln, und dadurch 
den Jahresertrag des Bodens und der Arbeit beträcht- 
lich zu vermehren. Doch ist zuzugeben, daß Handel und 
Gewerbe des Landes, obwohl sie sich dadurch steigern 
lassen, doch auf den Dädalusflügeln des Papiergeldes 
nicht etwa so sicher sind, als wenn sie auf dem festen 
Grunde von Gold und Silber wandeln. Außer den Un- 
fällen, denen sie durch den Unverstand der Lenker 



Kap. II. : Das Geld. 65 

dieses Papieiumlaufs ausgesetzt sind, können sie noch 
von manchen anderen betroffen werden, vor denen 
sie keine Klugheit oder Geschicklichkeit jener Lenker 
bewahren kann. 

So würde z. B. ein unglücklicher Krieg, in welchem 
der Feind sich der Hauptstadt und folglich auch des 
Schatzes bemächtigte, auf dem der Kredit des Papier- 
geldes beruht, in einem Lande, wo der ganze Umlauf 
in Papier bestände, eine weit größere Verwirrung her- 
vorbringen, als in einem anderen, wo der Umlauf meist 
durch Gold und Silber bewirkt wird. Indem das 
allgemein gebräuchliche Verkehrsmittel seinen Wert 
verlöre, würden die Umsätze nur noch durch unmittel- 
baren Tausch oder auf Kredit erfolgen können. Da 
alle Steuern bisher in Papiergeld bezahlt wurden, so 
würde der Fürst nicht wissen, womit er seine Truppen 
bezahlen, oder seine Magazine wieder füllen sollte, und 
der Zustand des Landes weit verzweifelter sein, als 
wenn der Umlauf meist in Gold und Silber bestanden 
hätte. Deshalb sollte ein Fürst, der sein Gebiet jeder- 
zeit im besten Verteidigungszustande erhalten will, nicht 
nur jene übermäßige Vermehrung des Papiergeldes 
verhüten, durch die die emittierenden Banken sich 
selbst zugrunde richten, sondern auch eine Vermehrung, 
durch die der Umlauf des Landes zumeist mit Papier 
angefüllt wird, nicht zugeben. 

Der Umlauf jedes Landes läßt sich als in zwei 
verschiedene Zweige zerfallend betrachten, nämlich als 
Umlauf zwischen den Verkäufern unter einander, und 
als Umlauf zwischen den Verkäufern und Verbrauchern. 
Obgleich das nämliche Geld, gleichviel ob Papier- oder 
Metallgeld, bald in dem einen, bald in dem anderen 
Umlauf verwendet wird, so erfordert doch jeder von 
ihnen, da beide Zirkulationen stets zu gleicher Zeit vor 
sich gehen, einen bestimmten Geldvorrat der einen 

Adam Siuitb, Volkswoblsttiud. 11. O 



ßß Zweites Buch: Dos Kapital. 

oder andern Art znm Betrieb. Der Wert der zwischen 
den verschiedenen Verkäufern umlaufenden Güter kann 
niemals den Wert der zwischen den Verkäufern und 
den Verbrauchern umlaufenden übersteigen, weil alles, 
was von den Verkäufern gekauft wird, zum schließlichen 
Absatz an die Verbraucher bestimmt ist. Da der 
Umlauf zwischen den Verkäufern im großen betrieben 
wird, so ist für jeden einzelnen Umsatz gewöhnlich eine 
sehr bedeutende Summe nötig, wogegen die im allge- 
meinen kleinen Umsätze zwischen den Verkäufern und 
Käufern oft nur sehr geringe Beträge erfordern: ein 
Schilling oder manchmal sogar ein halber Penny reicht 
dazu hin. Kleine Beträge laufen aber weit schneller 
um, als große. Ein Schilling wechselt die Besitzer viel 
öfter als eine Guinee, und ein halber Penny noch 
viel öfter als ein Schilling. Obgleich daher die jähr- 
lichen Käufe aller Verbraucher dem Werte nach denen 
aller Verkäufer mindestens gleich sind, so können sie 
doch gewöhnlich mit einer weit geringeren Menge Geldes 
gemacht werden, weil dieselben Stücke bei den einen 
wegen des schnelleren Umlaufs mehr Käufe vermitteln 
als bei den anderen. 

Papiergeld kann nun so eingerichtet werden, daß 
es sich entweder ziemlich ausschließend auf den Um- 
lauf unter den Verkäufern beschränkt, oder sich auch 
auf einen großen Teil des Umlaufs unter den Verkäufern 
und Verbrauchern ausdehnt. Wo keine Banknoten 
unter £ 10 in Umlauf sind, wie in London, da be- 
schränkt sich das Papiergeld von selbst ziemlich aus- 
schließend auf den Umlauf zwischen den Verkäufern. 
Wenn eine Zehnpfundnote in die Hände eines Ver- 
brauchers kommt, so ist er gewöhnlich genötigt, sie im 
ersten besten Laden, wo er für fünf Schilling etwas 
kauft, zu wechseln, so daß sie oft schon in die Hände 
eines Verkäufers zurückkehrt, ehe der Verbraucher den 
vierzigsten Teil des Geldes verausgabt hat. Wo dagegen 



Kap. IL: Das Geld. 67 

Banknoten in so kleinen Summen, wie zwanzig Schil- 
ling, ausgegeben werden, wie in Schottland, da erstreckt 
sich das Papiei'geld auf einen ansehnlichen Teil des 
Umlaufs zwischen den Verkäufern und Verbrauchern. 
Vor der Parlamentsakte, die dem Umlauf der Zehn- und 
Fünf schillin o;noten Einhalt tat, füllte es einen noch 
größeren Teil jenes Umlaufs aus. In Nordamerika 
wurde Papiergeld gewöhnlich in so kleinen Beträgen 
wie ein Schilling ausgegeben und füllte fast den ganzen 
Umlauf aus. In Yorkshire wurden sogar Sixpences in 
Papier ausgegeben. 

"Wo die Ausgabe von Banknoten in so kleinen 
Beträgen erlaubt und üblich ist, werden viele Leute 
von geringem Vermögen in den Stand gesetzt und 
ermutigt, Bankiers zu werden. Jemand, dessen Fünf- 
pfund-, ja dessen Zwanzigschilling-Noten von jeder- 
mann zurückgewiesen werden würden, wird seine auf 
einen so geringen Betrag wie ein Sixpence ausgestellten 
Noten unbedenklich angenommen sehen. Doch können 
die bei so bettelhaften Bankiers häufig vorkommenden 
Bankerotte sehr bedeutenden Schaden anrichten und 
manchmal großes Unglück über viele arme Leute brin- 
gen, die deren Zettel in Zahlung angenommen haben. 

Es wäre vieleicht besser, wenn nirgends im Rei- 
che Banknoten unter fünf Pfund Sterling ausgegeben 
würden. Dann würde sich das Papiergeld wahrschein- 
lich überall auf den Umlauf unter den Verkäufern be- 
schränken, wie es gegenwärtig in London der Fall 
ist, wo keine Banknoten unter zehn Pfund ausgegeben 
werden. In den meisten Teilen des Reichs sind fünf 
Pfund eine Summe, die, wenn auch nicht viel mehr 
als die Hälfte der Waren dafür zu haben ist, als in 
London für zehn, in der Provinz doch für ebenso groß 
gilt und ebenso selten auf einmal ausgegeben wird, 
als zehn Pfund im reichen London. 



68 Zweites Buoli: Das Kapital. 

Wo Papiergeld meist auf den Umlauf zwischen den 
Verkäufern beschränkt ist, wie in London, da ist stets 
Gold und Silber reichlich vorhanden. "Wo es sich 
hingegen auf einen großen Teil des Umlaufs zwischen 
Verkäufern und Konsumenten erstrekt, w'ie in Schott- 
land und noch mehr in Nordamerika, da vertreibt es 
das Gold und Silber fast ganz aus dem Lande, indem 
beinahe alle gewöhnlichen Geschäfte des inneren Ver- 
kehrs mit Papier betrieben werden. Die Unterdrückung 
der Zehn- und Fünfschillingnoten half dem Mangel an 
Gold und Silber in Schottland etwas ab, und die Unter- 
drückung der Zwanzigschillingnoten würde ihm wahr- 
scheinlich noch mehr abhelfen. In Amerika sollen, seit 
einige der papiernen Umlaufsmittel unterdrückt worden 
sind, die edlen Metalle in größerer Menge vorhanden 
sein, wie dies ebenso vor der Einführung dieser Umlaufs- 
mittel der Fall gewesen sein soll. 

Wenn aber auch das Papiergeld fast ganz auf den 
Umlauf zwischen den Verkäufern beschränkt ist, können 
doch Banken und Bankiers der Industrie und dem 
Handel des Landes denselben Beistand gewähren, als 
wenn das Papiergeld fast den ganzen Umlauf ausfüllt. 
Das bare Geld, das ein Verkäufer in seiner Kasse haben 
muß, um gelegentliche Forderungen befriedigen zu 
können, ist lediglich für den Umlauf zwischen ihm und 
anderen Verkäufern, von denen er Waren kauft, be- 
stimmt. Er hat nicht nötig, Geld für den Umlauf 
zwischen ihm und den Verbrauchern in seiner Kasse 
zu halten, da diese seine Kunden sind und ihm bares 
Geld bringen, nicht aber von ihm wegholen. Wenn 
daher Papiergeld nur in solchen Beträgen ausgegeben 
werden dürfte, daß es fast ganz auf den Umlauf zwischen 
den Verkäufern beschränkt wäre, so würden die Banken 
und Bankiers doch immer noch teils durch Diskontierung 
reeller Wechsel, teils durch Darlehen auf Kassenkonten 



Kap. II. : Das Geld. 69 

die Mehrzahl jener Verkäufer der Notwendigkeit ent- 
heben können, einen beträchtlichen Teil ihres Kapitals 
unbeschäftigt und bar in der Kasse zu halten, um ge- 
legentliche Forderungen befriedigen zu können. Sie 
könnten immer noch den größten Beistand gewähren, 
den überhaupt Banken und Bankiers Geschäftsleuten 
füglich leisten können. 

Privatleute daran zu hindern, die Noten eines Ban- 
kiers, ob auf einen großen oder kleinen Betrag aus- 
gestellt, in Zahlung zu nehmen, wenn sie dazu bereit 
sind, oder einem Bankier die Ausgabe solcher Noten 
zu verbieten, obgleich die Leute zu ihrer Annahme be- 
reit sind, sei — könnte man sagen — eine offenbare 
Verletzung der natürlichen Freiheit, die das Gesetz 
nicht schwächen, sondern aufrecht halten soll, und in 
gewisser Beziehung können solche Maßregeln in der 
Tat als Verletzungen der natürlichen Freiheit betrach- 
tet werden; allein Handlungen der natürlichen Freiheit 
weniger einzelnen, die die Sicherheit der ganzen Ge- 
sellschaft gefährden, werden durch die Gesetze aller 
Staaten eingeschränkt und müssen eingeschränkt wer- 
den, in den freiesten nicht weniger als in den des- 
potischsten Staaten. Die Nötigung, Brandmauern zu 
errichten, damit das Weitergreifen des Feuers ver- 
hindert werde, ist eine ganz ähnliche Verletzung der 
natürlichen Freiheit, wie die hier empfohlene Regelung 
des Bankwesens. 

Ein Papiergeld, das in Banknoten besteht, von 
Leuten zweifellosen Kredits ausgegeben wird, auf Vor- 
langen unbedingt eingelöst werden muß und tatsäch- 
lich stets gegen Metall eingelöst wird, wenn es zur 
Präsentation kommt, ist in jeder Rücksicht dem Go]d- 
und Silbergeld an Wert gleich, weil zu jeder Zeit Gold- 
und Silbergeld dafür zu haben ist. Man muß für 
solches Papier ebenso wohlfeil kaufen oder verkaufen 
als für Gold und Silber. 



70 Zweites Buch: Das Kapital. 

Man hat behauptet, das Papiergeld erhöhe durch 
Vermehrung der Menge und der infolge davon ein- 
tretenden Wertverminderung des Gesamtumlaufs not- 
wendig den Geldpreis der Waren. Da jedoch das hin- 
zutretende Papier stets eine ebenso große Menge Gold 
und Silber dem Umlauf entzieht, so vergrößert das 
Papiergeld nicht notwendig die Menge des Gesamtum- 
laufs. Seit dem Anfang des letzten Jahrhunderts bis 
auf die gegenwärtige Zeit waren in Schottland die 
Lebensmittel niemals wohlfeiler, als im Jahre 1759, 
obgleich es damals infolge des Umlaufs der Zehn- und 
Fünf Schillingnoten mehr Papiergeld im Lande gab als 
jetzt. Das Verhältnis zwischen dem Preise der Lebens- 
mittel in Schottland und England ist jetzt dasselbe, 
wie vor der starken Vermehrung der schottischen Ban- 
ken. Das Getreide ist in England meist ebenso wohl- 
feil als in Frankreich, obgleich im ersteren Lande eine 
große Menge Papiergeld umläuft, und in letzterem fast 
gar keins. 1751 und 1752, als Hume seine „Politischen 
i\.bhandlungen" veröffentlichte, und bald nach der 
starken Vermehrung des Papiergeldes in Schottland, 
trat allerdings eine sehr empfindliche Steigerung der 
Lebensmittelpreise ein, woran indes wahrscheinlich 
nicht die Vermehrung des Papiergeldes, sondern die 
schlechte Ernte schuld war. 

Anders freilich verhält es sich mit Noten, deren 
sofortige Einlösung entweder von dem guten Willen 
der Emissionshäuser, oder von einer Bedingung ab- 
hängt, die ihr Inhaber nicht immer zu erfüllen imstande 
ist, oder deren Zahlung nur nach einer bestimmten 
Eeihe von Jahren gefordert werden könnte, und die 
in der Zwischenzeit keine Zinsen tragen. Ein solches 
Papiergeld würde ohne Zweifel mehr oder weniger 
unter den Wert des Goldes und Silbers sinken, je nach- 
dem die Schwierigkeit und Unsicheiiieit einer sofortigen 



Kap. IL: Das Geld. 71 

Einlösung für größer oder geringer gälte, oder je 
nachdem der Zeitpunkt der Zahlbarkeit näher oder 
ferner läge. 

Yor mehreren Jahren beliebten die schottischen 
Banken in ihre Noten eine sogenannte Optionsklausel 
zu setzen, durch welche sie dem Inhaber je nach Wahl 
der Direktoren die Zahlung entweder sogleich bei 
Vorzeigung, oder erst sechs Monate nachher mit Zins- 
vergütung für diese sechs Monate versprachen. Die 
Direktoren einiger Banken machten bald von dieser 
Klausel Gebrauch, bald drohten sie, wenn gerade für 
eine große Zahl ihrer Noten Gold und Silber verlangt 
wurde, sie würden davon Gebrauch machen, falls man 
sich nicht mit einem Teil des Verlangten begnüge. 
Die Noten dieser Banken machten damals den größten 
Teil der Zahlungsmittel in Schottland aus, und die 
Unsicherheit der Zahlung verringerte natürlich ihren 
Wert gegen Gold- und Silbergeld. Während der Dauer 
dieses Mißbrauchs, der hauptsächlich 1762, 1763 und 
1764 überhand nahm, war der Wechselkurs zwischen 
London und Dumfries bisweilen vier Prozent gegen 
Dumfries, obgleich diese Stadt keine dreißig Meilen von 
Carlisle entfernt liegt, wo der Wechselkurs auf London 
al pari stand. In Carlisle wurden nämlich die AVechsel 
in Gold und Silber bezahlt, in Dumfries dagegen in 
schottischen Banknoten, die wegen der unsicheren Ein- 
lösbarkeit gegen Gold und Silber um vier Prozent 
niedriger standen, als das Bargeld. Die nämliche Par- 
lamentsakte, durch w eiche die Zehn- und Fünfschilling- 
noten abgeschafft wurden, beseitigte auch jene Klause], 
und brachte dadurch den Kurs zwischen England und 
Schottland auf seinen natürlichen Satz, d. h. auf den- 
jenigen, den der Gang des Handels und die Rimessen 
herbeiführen. 

Beim Papiergeld von Yorkshire hing die Bar- 



72 Zweites Buch: Das Kapital. 

Zahlung so kleiner Beträge, wie ein Sixpence, mit- 
unter von der Bedingung ab, daß der Inhaber für den 
ganzen Betrag einer Guinee Noten zum Umwechseln an 
das Emissionshaus bringen müsse — eine Bedingung, 
die die Inhaber der kleinen Noten oft unmöglich er- 
füllen konnten und die deshalb das Papier entwerten 
mußte. Eine Parlamentsakte erklärte daher alle solche 
Klauseln für ungesetzlich und schaffte ebenso, wie in 
Schottland, alle Banknoten unter 20 sh. ab. 

Das nordamerikanische Papiergeld bestand nicht 
in Banknoten, die auf Verlangen an den Inhaber zahlbar 
waren, sondern in einem Staatspapier, dessen Zahlung 
erst einige Jahre nach der Ausgabe gefordert werden 
konnte; und obgleich die Kolonialregierungen den In- 
habern dieser Papiere keine Zinsen zahlten, erklärten 
sie es gleichwohl zum gesetzlichen Zahlungsmittel für 
den vollen Wert seiner Bezeichnung und machten es 
auch wirklich dazu. Wenn man aber auch die Papiere 
der Kolonien für vollkommen gut hält, so sind doch 
z. B. £ 100, die erst in 15 Jahren zahlbar werden, in 
einem Lande, wo 6*^.o Zinsen üblich sind, kaum mehr 
als £ 40 baren Geldes wert. Einen Gläubiger zu 
zwingen, ein solches Papier für eine bare Schuld von 
£ 100 anzunehmen, war daher eine so große Ungerech- 
tigkeit, wie sie wohl kaum je von der Regierung eines 
anderen sich frei nennenden Landes begangen worden 
ist. Das Verfahren trägt den Stempel eines Plans be- 
trügerischer Schuldner, ihre Gläubiger zu prellen, an 
sich und war es auch nach der Versicherung des ehr- 
lichen und biederen Dr. Douglas. Die Regierung von 
Pennsylvanien glaubte zwar bei ihrer ersten Papiergeld- 
ausgabe 1722 ihr Papier durch Strafandrohungen gegen 
alle die, die im Preise ihrer Waren je nach Zahlung in 
Kolonialpapier oder in Gold und Silber einen Unterschied 
machten, auf gleichen Fuß mit den edlen Metallen setzen 



Kap. Tl.: Das Geld. 73 

ZU können, allein diese Maßnahme war ebenso tyrannisch 
und noch weniger wirksam als diejenige, zu deren 
Unterstützung sie getroffen wurde. Ein positives Ge- 
setz kann wohl einen Schilhng zu einem gesetzlichen 
Zahlungsmittel für. eine Guinee machen, weil es die 
Gerichtshöfe anweisen kann, den Schuldner, der so be- 
zahlt, zu entlasten; aber kein positives Gesetz kann 
einen Mann, der Waren verkauft und dem es freisteht, 
sie zu verkaufen oder nicht, dazu zwingen, als Bezah- 
lung einen Schilling für eine Guinee zu nehmen. Trotz 
aller Maßregeln dieser Art ergab sich aus dem Wechsel- 
kurs mit Großbritannien, daß £ 100 in einigen Kolonien 
unter Umständen £ 130, in anderen gar £ 1100 galten; 
ein Unterschied im Wert, der sich nach dem Unter- 
schiede der in den verschiedenen Kolonien ausgegebenen 
Menge Papiergeldes, sowie nach der größeren oder 
geringeren Wahrscheinlichkeit und den Fristen der 
endlichen Einlösung und Wiederbezahlung richtete. 

Kein Gesetz konnte mithin gerechter sein, als die 
in den Kolonien mit so großem Unrecht gescholtene 
Parlamentsakte, nach welcher künftig kein Papiergeld 
gesetzliches Zahlungsmittel sein solle. 

Pennsylvanien war in seiner Papiergeldausgabe 
stets maßvoller als alle anderen unserer Kolonien. Sein 
Papiergeld soll daher niemals unter den Wert des 
Goldes und Silbers gesunken sein, das in der Kolonie 
vor der Ausgabe des Papiergeldes in Umlauf gewesen 
war. Yor dieser Emission hatte die Kolonie schon den 
Nennwert ihrer Münzen erhöht, und durch eine Akte 
ihrer Volksvertretung verordnet, daß 5 sh. sterl. in der 
Kolonie für 6 sh. 3 d., und später für 6 sh. 8 d. ge- 
nommen werden sollten. Mithin stand 1 £ Kolonialgeld 
selbst zu der Zeit, als der Umlauf in Gold und Silber 
bestand, mehr als 30 "/o unter dem Werte eines £ Ster- 
ling, und es fiel auch selten über 30°-o unter diesen 



74 Zweites Buch: Das Kapital. 

Wert, als der Umlauf in Papier bestand. Der Yorwand 
für diese Erhöhung des Nennwertes war die Verhütung 
der Ausfuhr von Grold und Silber, die man dadurch 
zu erreichen glaubte, daß man gleiche Metallmengen 
in der Kolonie größere Summen darstellen ließ, als 
im Mutterlande. Man fand aber bald, daß der Preis 
aller Waren aus dem Mutterlande genau im Verhältnis 
der Erhöhung des Nennwerts stieg, sodaß ihr Gold und 
Silber ebenso schnell ausgeführt wurde, wie früher. 

Da das Papiergeld der Kolonien bei Bezahlung der 
Provinzialsteuern für den vollen Wert genommen wurde, 
zu dem es ausgegeben war, so erhielt es durch diesen 
Gebrauch notwendig einen höheren Wert, als es bei 
der wirklichen und vorausgesetzten Entferntheit des 
Einlösungstermins gehabt haben würde. Dieser zu- 
sätzliche Wert war größer oder geringer, je nachdem 
die Menge des ausgegebenen Papiers die Summe, die 
bei Zahlung der Steuern einer jeden Kolonie zu ver- 
wenden war, mehr oder weniger überstieg; und sie 
überstieg diese Summe in allen Kolonien sehr bedeutend. 

Wenn ein Fürst verordnete, daß ein gewisser Teil 
der Steuern in einer bestimmten Art Papiergeldes ent- 
richtet werden solle, so könnte er dadurch diesem Gelde 
einen bestimmten Wert geben, selbst wenn der Wieder- 
bezahlungstermin ganz vom Willen des Fürsten abhinge; 
und wenn die Papier ausgebende Bank seine Menge 
stets etwas unter dem zu diesem Zweck erforderlichen 
Betrag hielte, so könnte die Nachfrage danach so groß 
werden, daß es sogar ein Agio erhielte, d. h. etwas 
teurer bezahlt würde, als das Gold- und Silbergeld, für 
das es ausgegeben wurde. Auf diese Weise erklären 
manche das Agio der Bank zu Amsterdam, d. h. den 
Umstand, daß das Bankogeld einen höheren Wert hat 
als Kurant, obgleich ersteres nicht nach Belieben des 
Eigentümers aus der Bank genommen werden kann. 



Tvap. IL: Das Geld. 75 

Die meisten ausländischen Wechsel, sagen sie, müssen 
in Bankogeld, d. h. durch Übertragung in den Büchern 
der Bank gezahlt werden, und die Direktoren der Bank 
halten, so wird behauptet, die Menge des Bankogeldes 
stets unter der Summe, die zu jenem Zwecke erforder- 
lich ist. Dies, sagt man, sei der Grund, weshalb das 
Bankogeld ein Agio von vier oder fünf Prozent gegen 
Kurant trage. Diese Sache ist jedoch, wie sich später 
zeigen wird, fast gänzlich grundlos. 

Ein Papiergeld, das unter den Wert des Gold- 
und Silbergeldes sinkt, vermindert dadurch nicht den 
Wert dieser Metalle, oder verursacht nicht, daß mit 
gleichen Mengen jener Metalle kleinere Warenmengen 
gekauft werden können. Das Verhältnis zwischen dem 
Wert von Gold und Silber und dem der Waren aller 
Art hängt niemals von der Beschaffenheit oder Menge 
des in einem Lande umlaufenden Papiergeldes ab, 
sondern von dem Reichtum oder der Armut der Berg- 
werke, die zur Zeit den großen Markt der Handelswelt 
mit diesen Metallen versorgen; es hängt von dem Ver- 
hältnis zwischen der Arbeitsmenge ab, die erforderlich 
ist, um eine bestimmte Menge Gold und Silber, und der 
Arbeitsmenge, die erforderlich ist, um eine bestimmte 
Menge aller anderen Waren auf den Markt zu bringen. 

Wenn die Bankiers verhindert werden, umlaufende, 
d. h. an" den Inhaber zahlbare Noten unter einem ge- 
wissen Wertbetrag auszugeben, und wenn man ihnen 
die Verpflichtung auferlegt, ihre Banknoten sofort und 
unbedingt bei Vorzeigung zu bezahlen, so kann ihr 
Geschäft in allen anderen Beziehungen ohne Schaden 
füi" das Publikum vollkommen frei gegeben werden. 
Die jüngste Vermehrung der Bankgesellschaften in 
beiden Teilen des vereinigten Königreichs, die viele 
so stark beunruhigt, vermehrt die Sicherheit des 
Publikums, statt sie zu vermindern. Sie zwingt alle 



76 Zweites Buch: Das Kapital. 

Gesellschaften, umsichtiger zu sein, ihr Papiergeld 
nicht über das richtige Verhältnis zu ihrer Kasse aus- 
zudehnen, und sich vor jenen tückischen Stürmen auf 
die Bank in Acht zu nehmen, die ihnen die Neben- 
buhlerschaft so vieler Mitbewerber stets zuzuziehen 
bereit ist. Sie schränkt ferner den Umlauf jeder 
einzelnen Gesellschaft auf einen engeren Kreis ein, 
und führt ihre Noten auf eine kleinere Anzahl zurück. 
Durch die Verteilung des Gesamtpapierumlaufs über 
eine größere Zahl von Beteiligten wird das Falliment 
einer einzelnen Gesellschaft, — ein Ereignis, das immer- 
hin einmal eintreten kann, — dem Publikum weniger 
verderblich. Auch zwingt dieser freie Wettbewerb 
alle Bankiers zu einer liberaleren Behandlung ihrer 
Kunden, damit sie ihnen nicht von den Mitbewerbern 
abspenstig gemacht werden. Wenn im Allgemeinen 
jeder Geschäftszweig oder jede Arbeitsteilung für das 
Publikum von Vorteil ist, so wird es der freiere und 
allgemeinere Wettbewerb stets noch mehr sein. 



Drittes Kapitel. 

Kapitalanhäufung oder produktive 
und unproduktive Arbeit. 

Es gibt eine Art von Arbeit, die dem Werte des 
Gegenstandes, auf den sie verwendet wird, etwas hin- 
zufügt, und eine andere, die diese Wirkung nicht hat. 
Die erstere kann, da sie einen Wert hervorbringt und 
produziert, produktive, die letztere unproduktive '••) Ar- 
beit genannt werden. So fügt die Arbeit eines Hand- 
werkers dem Werte der von ihm bearbeiteten Materialien 
in der Regel noch den Wert seines eignen Unterhalts 
und des Meistergewinnes hinzu. Die Arbeit eines 
Dienstboten hingegen fügt dem Werte keiner Sache 
etwas hinzu. Obgleich der Handwerksgesell seinen 
Arbeitslohn vom Meister vorgeschossen erhält, so ver- 
ursacht er ihm tatsächlich doch keine Kosten, da der 
Betrag dieses Lohnes samt einem Grewinne gewöhnlich 
in dem erhöhtem Werte des verfertigten Gegenstandes 
zurückerstattet wird, während der Unterhalt eines 
Dienstboten sich niemals wieder ersetzt. Durch Be- 
schäftigung einer Menge von Gesellen wird man reich ; 
durch das Halten einer Menge von Dienstboten wird 
man arm. Gleichwohl hat die Arbeit der letzteren 
ihren Wert, und verdient ebenso gut wie die der erste- 



*) Einige sehr gelehrte und geistvolle französische .Scliril't- 
steller haben diese Worte in einem andern Sinne gebraucht. 
Im letzten Kapitel des vierten Buches werde ich zu zeigen 
suchen, daß der von ihnen diesen Worten beigelegte Sinn ein 
unrichtig'er ist. 



78 Zweites Buch: Das Kapital. 

ren ihren Lohn; allein die Arbeit des Gesellen wird 
in einem bestimmten Gegenstande oder einer verkäuf- 
lichen Ware festgelegt und verwirklicht, die die Voll- 
endung der Arbeit wenigstens noch eine Zeitlang über- 
dauert. Die Ware ist gleichsam eine gewisse Menge 
Arbeit, die augesammelt und aufbewahrt wurde, um im 
Bedarfsfalle später benutzt zu werden. Dieser Gegen- 
stand, oder, was dasselbe ist, der Preis dieses Gegen- 
standes, kann später, im Bedarfsfalle, eine ebenso große 
Arbeitsmenge in Bewegung setzen, als die, durch die 
er ursprünglich erzeugt wurde. Dagegen wird die Arbeit 
des Dienstboten durchaus in keinem bestimmten Gegen- 
stande, in keiner verkäuflichen Ware festgelegt oder 
verwirklicht. Seine Dienste gehen gewöhnlich im 
Augenblick ihrer Leistung verloren, und lassen selten 
eine Spur oder einen Wert zurück, wofür eine gleiche 
Menge von Diensten später beschafft werden könnte. 
Die Arbeit einiger der achtbarsten Klassen der 
Gesellschaft bringt gerade so wie die der Dienstboten 
keinen Wert hervor, und fixiert oder realisiert sich 
nicht in einem dauernden Gegenstande oder einer ver- 
käuflichen Ware, welche die Vollbringung der Arbeit 
überdauerte, und für die sich später eine gleiche Arbeits- 
menge beschaffen ließe. So sind z. B. der Monarch 
und alle seine Civil- und Militärbeamten mit der ganzen 
Armee und Flotte, unproduktive Arbeiter. Sie sind 
die Diener des Volkes, und empfangen ihren Unterhalt 
durch einen Teil vom Jahresprodukt des Fleißes anderer 
Leute. So ehrenvoll, nützlich und notwendig ihr Dienst 
auch ist, so erzeugt er doch nichts, wofür sich eine 
gleiche Menge von Diensten später beschaffen ließe. 
Der Schutz der Sicherheit und die Verteidigung des 
Staates, die Frucht ihrer diesjährigen Arbeit, können 
den Schutz, die Sicherheit und die Verteidigung nicht 
für das nächste Jahr erkaufen. In die nämliche Klasse 



Kap.: III.: Kapitalanhäufiing oder prod. u. improd. Arbeit. 79 

müssen sowohl einige der ernstesten und wichtigsten, 
als auch manche der unbedeutendsten Berufe eingereiht 
werden: Geistliche, Juristen, Arzte, Gelehrte aller Art; 
Schauspieler, Musiker, Opernsänger, Tänzer usw. Die 
Arbeit der geringsten unter diesen hat einen gewissen 
Wert, der sich ganz nach denselben Grundsätzen regelt, 
die den Wert aller anderen Arten Arbeit regeln; und 
die Arbeit der edelsten und nützlichsten unter ihnen 
bringt nichts hervor, wofür sich später eine gleiche 
Menge Arbeit kaufen oder beschaffen ließe. Wie die 
Deklamation des Schauspielers, der.Vortrag des Redners 
oder das Tonstück des Musikers, so geht die Arbeit 
all' dieser Leute im nämlichen Augenblicke der Pro- 
duktion verloren. 

Sowohl produktive und unproduktive Arbeiter wie 
die, die überhaupt nicht arbeiten, empfangen insge- 
samt ihren Unterhalt aus dem Jahresertrag des Bodens 
und der Arbeit des Landes. Dieser Ertrag kann, so 
groß er auch sein mag, doch niemals unbeschränkt 
sein, sondern muß seine gewissen Grenzen haben. Je 
nachdem daher ein kleinerer oder größerer Teil von 
ihm in einem Jahre auf den Unterhalt unproduktiver 
Menschen verwendet wird, um so mehr wird in dem 
einen, und um so weniger in dem anderen Falle für 
die produktiven übrig bleiben, und der Betrag des 
nächsten Jahres wird je nachdem größer oder kleiner 
sein: denn der gesamte Jahresertrag ist, abgesehen 
von den freiwilligen Gaben der Erde, lediglich durch 
produktive Arbeit hervorgebracht. 

Wenn auch der gesamte Jahresertrag von dem 
Boden und der Arbeit eines Landes unzweifelhaft 
schließlich zur Befriedigung des Bedarfs seiner Be- 
wohner und dazu dient, ihnen ein Einkommen zu ver- 
schaffen, so zerfällt er doch, wenn er zuerst aus dem 
Grund und Boden, oder aus den Händen der produk- 



80 Zweites Buch: Das Kapital. 

tiven Arbeiter heraustritt, in zwei Teile. Der eine von 
beiden, und oft der grüßte, hat in erster Linie ein 
Kapital wieder herzustellen, d. h. die Lebensmittel, 
Rohstoffe und Fabrikate, die dem Kapital entzogen 
worden waren, zu erneuern; der andere hat entweder 
dem Eigner dieses Kapitals als Gewinn, oder einem 
andern als Grundrente ein Einkommen zu liefern. So 
ersetzt ein Teil des Bodenertrags das Kapital des 
Pächters ; der andere zahlt seinen Gewinn und die Rente 
des Grundeigentümers, und bildet sowohl für den Be- 
sitzer des Kapitals als Gewinn, als auch für eine andere 
Person als Grundrente ein Einkommen. Ebenso ersetzt 
auch von dem Ertrag einer großen Fabrik der eine Teil, 
und zwar stets der größte, das Kapital des Unter- 
nehmers, während der andere seinen Gewinn zahlt und 
somit dem Besitzer des Kapitals ein Einkommen liefert. 

Derjenige Teil des jährlichen Boden- und Arbeits- 
ertrags eines Landes, welcher ein Kapital wiederher- 
stellt, wird unmittelbar stets nur zum Unterhalt pro- 
duktiver Arbeit verwendet. Er zahlt nur den Lohn 
produktiver Arbeit. Der andere Teil, der unmittelbar 
entweder als Gewinn oder als Rente ein Einkommen 
zu bilden hat, kann ohne LTnterschied sowohl produktive 
als unproduktive Hände unterhalten. 

Welchen Teil seines Vermögens Jemand auch als 
Kapital anlegt, stets erwartet er ihn nebst einem Ge- 
winn wieder ersetzt zu sehen. Er legt es also nur im 
Unterhalt produktiver Hände an, und nachdem es ihm 
als Kapital gedient hat, bildet es für sie ein Einkommen. 
Verwendet er einen Teil seines Vermögens zum Unter- 
halt unproduktiver Hände, so wird dieser Teil in dem- 
selben Augenblick dem Kapital entzogen und dem für 
unmittelbaren Verbrauch bestimmten Vorrat zugeteilt. 

Unproduktive Arbeiter und solche, die gar nicht 
arbeiten, werden sämtlich durch ein Einkommen unter- 



Kap. III.: Kapitalanhäufung od. prod. u. unprod. Arbeit. Ql 

halten; entweder erstens durch den Teil des Jahres- 
ertrags, der ursprünglich bestimmt ist, für gewisse 
Personen als Grundrente oder als Kapitalgewinn ein 
Einkommen zu bilden, oder zweitens durch den Teil, 
der zwar ursprünglich bestimmt ist, ein Kapital wieder- 
zuersetzen und nur produktiven Arbeitern Unterhalt 
zu gewähren, aber wenn er in ihre Hände gekommen 
ist, soweit er ihren notwendigen Bedarf übersteigt, ohne 
Unterschied sowohl zum Unterhalt produktiver wie un- 
produktiver Hände verwendet werden kann. So kann 
nicht nur der große Grundherr oder der reiche Kauf- 
mann, sondern selbst der gewöhnliche Arbeiter, wenn 
sein Arbeitslohn beträchtlich ist, einen Dienstboten unter- 
halten, oder manchmal in ein Schauspiel oder Puppen- 
spiel gehen, und auf diese Weise seinen Teil zum Unter- 
halt einer Klasse unproduktiver Arbeiter beitragen ; oder 
er zahlt Abgaben und hilft so einer anderen, zwar 
achtbareren und nützlicheren, aber ebenso unproduk- 
tiven Klasse Unterhalt gewähren. Kein Teil des Jahres- 
ertrages aber, der ursprünglich bestimmt ist, ein Kapi- 
tal wieder zu ersetzen, wird jemals zum Unterhalt 
unproduktiver Hände dienen, ehe er nicht alle pro- 
duktive Arbeit, oder was sonst bei der Art der Kapitals- 
anlage in Bewegung zu setzen war, wirklich in Be- 
wegung gesetzt hat. Der Arbeiter muß seinen Lohn 
durch Arbeit verdient haben, ehe er einen Teil von 
ihm auf diese Weise verwenden kann, und dieser Teil 
ist gewöhnlich nur klein, denn er muß ihn von seinem 
Einkommen erübrigen, und produktive Arbeiter ver- 
mögen selten viel zu erübrigen. Doch erübrigen sie 
immerhin etwas, und beim Steuerzahlen kann ihre 
Menge einigermaßen die Geringfügigkeit ihres Beitrags 
ausgleichen. Die Grundrente und der Kapitalgewinn 
sind mithin überall die Hauptquollen, aus denen un- 
produktive Hände ihren Unterhalt empfangen. Es sind 

Adam Smith, Volkswohlslaud. Ji. ^ 



82 Zweites Buch: Das Kapital. 

die beiden Einkommensarten, deren Eigner gewöhnlich 
am meisten erübrigen. Sie können sowohl produktive 
wie unproduktive Hände damit unterhalten ; doch schei- 
nen sie zu letzterem vorzugsweise geneigt. Der Auf- 
wand eines großen Lords ernährt gewöhnlich mehr 
müßige als gewerbsame Leute ; der reiche Kaufmann 
unterhält zwar mit seinem Kapital nur gewerbtätige 
Leute, aber mit seinem Aufwände, d. h. mit seinem 
Einkommen ernährt er gewöhnlich dieselbe Art von 
Leuten, wie der große Lord. 

Daher hängt das Verhältnis der produktiven zu 
den unproduktiven Händen in einem Lande gar sehr 
von dem Verhältnis ab, in welchem der Teil des Jahres- 
ertrags, der nach seinem Heraustreten aus der Produk- 
tion, zum Wiedersatz eines Kapitals bestimmt ist, zu 
dem Teil steht, der entweder als E-ente oder Gewinn 
ein Einkommen bilden soll. Dies Verhältnis ist ein 
ganz anderes in reichen Ländern, als in armen. 

So ist gegenwärtig in den reichen Ländern Europas 
ein sehr großer, oft der größte Teil des Bodenertrags 
bestimmt, das Kapital des reichen und unabhängigen 
Pächters wiederzuersetzen; das Übrige dient dazu, ihm 
seinen Grewinn und die Rente für den Grundherrn 
zu zahlen. Dagegen reichte in früherer Zeit während 
der Feudalherrschaft ein sehr kleiner Teil des Ertrags 
hin, das auf den Anbau verwendete Kapital zu ersetzen. 
Dies bestand gewöhnlich in ein Paar Stück elenden 
Viehes, das durch die freiwilligen Erzeugnisse unbebau- 
ten Landes ernährt wurde und als zu diesen freiwilligen 
Erzeugnissen gehörig angesehen werden konnte. Auch 
gehörte es gewöhnlich dem Grundeigentümer, und war 
von ihm dem Bauern nur geliehen, wie eigentlich auch 
der ganze Rest des Ertrags, sei es als Rente für sein 
Land oder als Gewinn seines unbedeutenden Kapitals, 
dem Grundherrn gehörte, denn die Bauern waren in 
der Regel Leibeigene, deren Personen und Güter sein 



Kap. III.: Kapitalanliiüifung od. prod. u. unprod. Arbeit. 83 

Eigentum waren. Die nicht Leibeigenen waren Pächter 
auf Zeit (Tenants at will), und obgleich die von ihnen 
bezahlte Rente nominell oft wenig mehr als ein Erb- 
zins war, so machte es tatsächlich doch den ganzen 
Bodenertrag aus. Ihrem Herrn standen jederzeit im 
Frieden ihre Arbeit und im Kriege ihre Dienste zu 
Gebote. Obgleich sie nicht in seinem Hause wohnten, 
waren sie doch ebenso abhängig von ihm, wie seine 
Dienerschaft im Hause. Unstreitig gehört aber doch 
der ganze Bodenertrag dem, der über die Arbeit und die 
Dienste all' derer verfügen kann, die der Boden nährt. 
Im gegenwärtigen Zustande Europas übersteigt der 
Anteil des Grundherrn selten ein Drittel, oft nicht ein 
Viertel des ganzen Bodenertrags. Dennoch ist die 
Grundrente in allen kultivierten Gegenden seit jenen 
Zeiten um das Dreifache und Vierfache gestiegen, und 
dieses Drittel oder Viertel des Jahresertrags ist, wie 
es scheint, drei oder vier mal größer, als damals das 
Ganze. Unter den Fortschritten der Kultur vermindert 
sich die Rente im Verhältnis zum Bodenertrag, obgleich 
sie im Verhältnis zur Ausdehnung des Bodens zunimmt. 
In den reichen europäischen Ländern werden jetzt 
große Kapitalien auf Handel und Fabriken verwendet; 
unter den früheren A^erhältnissen dagegen erforderten 
der geringe Handel, der betrieben wurde, und die svenige 
Hausindustrie in groben Stoffen nur sehr unbedeutende 
Kapitalien. Doch müssen diese sehr große Gewinne 
abgeworfen haben, denn der Zinsfuß stand nirgends 
unter zehn Prozent, und die Gewinne müssen groß 
genug gewesen sein, um diesen hohen Zins zu bestreiten. 
Gegenwärtig ist in den kultivierten Ländern Europas 
der Zinsfuß nirgends höher als sechs Prozent, und in 
den entwickeltsten beträgt er gar nur vier, drei oder 
zwei Prozent. Ist gleichwohl der Einkommensteil, den 
man aus den Kapitalgewinnen zieht, in reichen Ländern 



84 Zweites Buch: Das Kapital. 

stets weit größer als in armen, so rührt dies daher, daß 
das Kapital weit größer ist; im Verhältnis zu dem 
Kapital sind die Gewinne gewöhnlich weit geringer. 

Der Teil des Jahresertrags, der nach seinem Heraus- 
treten aus der Produktion ein Kapital zu ersetzen hat, 
ist mithin nicht nur weit größer in reichen Ländern 
als in armen, sondern er übertrifft auch bei weitem 
den Teil, der unmittelbar dazu dient, als Rente oder 
als Gewinn ein Einkommen zu bilden. Die zum Unter- 
halt produktiver Arbeit bestimmten Fonds sind in den 
ersteren nicht nur weit größer als in den letzteren, 
sondern stehen auch in einem weit größeren Verhältnis 
zu denen, die zwar ebenso produktiven wie unproduk- 
tiven Händen Unterhalt geben können, doch in der 
B-egel mit Vorliebe für die letzteren verwendet werden. 

Nach dem Verhältnis zwischen diesen verschiedenen 
Fonds richtet sich in jedem Lande die Betriebsamkeit 
oder der Müßiggang der Bewohner. Wir sind aber ge- 
werbfleißiger als unsere Vorfahren, weil gegenwärtig 
die zum Unterhalt des Gewerbfleißes bestimmten Fonds 
im Verhältnis zu denen, die auf den Unterhalt des Müßig- 
gangs verwendet werden, weit größer sind, als vor zwei 
oder drei Jahrhunderten. Unsere Voreltern gingen müßig, 
weil es an hinlänglicher Aufmunterung des Gewerb fleißes 
fehlte. Es ist besser, sagt ein Sprichwort, umsonst zu 
spielen, als umsonst zu arbeiten. In Handel- und Fa- 
brikstädten, wo die unteren Volksklassen vorzugsweise 
durch Kapitalanlagen Unterhalt finden, sind diese im all- 
gemeinen fleißig, nüchtern und wohlhabend, wie sich 
dies in vielen englischen und in den meisten holländi- 
schen Städten zeigt. In Städten, die ihren Wohlstand 
vorzugsweise einer beständigen oder zeitweiligen Hof- 
haltung verdanken, und wo die unteren Volksklassen 
ihren Unterhalt durch den mit jener verknüpften Auf- 
wand finden, sind sie in der Regel träge, liederlich und 



Kap. III.: Kapitalanhihifung od. prod. u. unprod. Arbeit. 35 

arm, wie in Rom, Versailles, Oompiegne und Fontaine- 
bleau. In den Städten Frankreichs, wo die Parlamente 
ihren Sitz haben, findet sich, mit Ausnahme von Rouen 
und Bordeaux, nur wenig Handel oder Industrie, und 
die unteren Volksklassen, die hauptsächlich von dem 
Aufwände leben, den die Mitglieder der Gerichtshöfe 
und die prozessierenden Parteien machen, sind im ganzen 
träge und arm. Der bedeutende Handel von Eouen 
und Bordeaux scheint lediglich durch ihre Lage hervor- 
gerufen zu sein. Rouen ist der natürliche Sammel- 
platz fast aller aus fremden Ländern oder aus den 
französischen Seeprovinzen der Hauptstadt Paris zum 
Verbrauch zugeführten "Waren. Ebenso ist Bordeaux 
Niederlagsort der Weine, die an den Ufern der Garonne 
und ihrer Nebenflüsse wachsen, einem der reichsten 
Weinländer der Welt, dessen Weine sich am besten 
zur Ausfuhr eignen, da sie dem Geschmacke der Aus- 
länder am meisten zusagen. So vorteilhafte Lagen 
gewähren natürlich die Möglichkeit günstiger Anlagen 
und locken daher ein großes Kapital herbei, und diese 
Kapitalanlagen sind die Ursache der Gewerbtätigkeit 
jener beiden Städte. In den übrigen französischen 
Parlamentsstädten scheint nicht mehr Kapital angelegt 
zu sein, als ihr Verbrauch erfordert, d. h. kaum mehr, 
als das kleinstmögliche Kapital, das überhaupt dort 
angelegt werden kann. Das nämliche kann man von 
Paris, Madrid und Wien sagen. Unter diesen drei 
Städten ist Paris die bei weitem gewerbtätigste ; aber 
Paris ist auch selbst der Hauptmarkt für alles, was 
hier gearbeitet wird, und der eigene Verbrauch der 
Stadt bildet den Hauptzweck der in ihr betriebenen 
Geschäfte. London, Lissabon und Kopenhagen sind 
vielleicht die einzigen drei Städte in Europa, die be- 
ständige Residenzen eines Hofes sind und doch zugleich 
als Handelsstädte betrachtet werden können, d. h. als 
Städte, deren Geschäfte sich nicht blos auf ihren eigenen 



86 Zweites Buch: Das Kapital. 

Verbrauch, sondern auch auf den anderer Städte und 
Länder erstrecken. Die Lage aller drei Städte ist 
außerordentlich vorteilhaft und macht sie zu natürlichen 
Niederlagen für einen großen Teil der für den Ver- 
brauch entlegener Orte bestimmten Waren. In einer 
Stadt, wo großer Aufwand gemacht wird, ist die vorteil- 
hafte Anlegung eines Kapitals zu anderen Zwecken als 
zur Versorgung der Stadt selbst wahrscheinlich schwieri- 
ger, als in Städten, wo die unteren Volksklassen ihren 
Unterhalt lediglich aus solchen Kapitalanlagen ziehen. 
Der Müßiggang der meisten Leute, die von ihrem Ein- 
kommen leben, übt wahrscheinlich einen verderblichen 
Einfluß auf den Fleiß derer, die in Kapitalanlagen 
Unterhalt finden sollten, und macht es weniger vor- 
teilhaft, hier ein Kapital anzulegen. In Edinburg gab 
es vor der LTnion wenig Handel und Industrie. Als 
sich das schottische Parlament nicht mehr dort ver- 
sammelte und die Stadt nicht mehr die Residenz des 
hohen und niederen schottischen Adels war, wurde 
sie ein wenig zur Handels- und Fabrikstadt. Sie ist 
immerhin noch der Sitz der höchsten Gerichtshöfe 
Schottlands, der Zoll- und Akzise-Amter usw., und 
es werden daher noch immer bedeutende Einkünfte 
dort verausgabt. An Handel und Industrie steht sie 
weit hinter Glasgow zurück, dessen Einwohner vor- 
zugsweise durch Kapitalanlagen ihren Unterhalt finden. 
Bewohner größerer Landstädte, die schon ziemliche 
Fortschritte im Gewerbfleiß gemacht hatten, sind, wie 
man öfters bemerkt hat, träge und arm geworden, 
nachdem ein großer Lord in ihrer Nähe seinen Wohnsitz 
aufgeschlagen hatte. 

Das Verhältnis zwischen Kapital und Einkommen 
scheint daher überall das Verhältnis zwischen Fleiß 
und Müßiggang zu regeln: wo das Kapital vorherrscht, 
da waltet Fleiß, wo das Einkommen, Müßiggang. Jede 
Vermehrung oder Verminderung des Kapitals wirkt 



Tvap. lir. : KapitaJauhäurung- od. prod. u. unprod. Arbeit. ,S7 

daher naturgemäß darauf hin, die wirkHche Menge von 
Gewerbfleiß, die Zahl produktiver Hände und folglich 
den Tauschwert des jährlichen Boden- und Arbeits- 
ertrags, den wahren Reichtum und das wahre Einkom- 
men aller Bewohner, zu vermehren oder zu vermindern. 

Kapitalien mehren sich durch Sparsamkeit und 
mindern sich durch Verschwendung und Leichtsinn. 

"Was jemand von seinem Einkommen erspart, fügt 
er seinem Kapital hinzu und verwendet es entweder 
selbst im Unterhalt einer weiteren Zahl produktiver 
Hände, oder läßt es andere tun, indem er es ihnen 
gegen Zinsen d. h. für einen Anteil am Gewinn leiht. 
Wie das Kapital eines einzelnen sich nur durch das 
vermehren kann, was er von seinem jährlichen Ein- 
kommen oder als Gewinn erspart, so kann sich auch 
das Gesellschaftskapital, das das nämliche ist, wie das 
Kapital der Gesellschaftsgiieder zusammen, nur auf die 
gleiche Weise vermehren. 

Sparsamkeit, und nicht Fleiß, ist die unmittelbare 
Ursache der Kapitalvermehrung. Der Fleiß schaffte 
zwar die Saclien herbei, welche die Sparsamkeit anhäuft ; 
aber soviel der Fleiß auch erwerben mag, wenn die 
Sparsamkeit es nicht erhält und sammelt, würde sich 
das Kapital niemals vergrößern. 

Indem die Sparsamkeit den zum Unterhalt produk- 
tiver Hände bestimmten Fonds vergrößert, vermehrt 
sie die Zahl der Hände, deren Arbeit dem Wert der 
Gegenstände, auf die sie verwendet wird, etwas hin- 
zufügt und erhöht also den Tauschwert des jährlichen 
Boden- und Arbeitsertrags. Sie setzt eine weitere 
Menge Gewerbfleiß in Bewegung, der dann seinerseits 
den Wert des Jahresertrags erhöht. 

Was jährlich gespart wird, wird ebenso regelmäßig 
verzehrt, als was jährlich vergeudet wird, und zwar 
fast in derselben Zeit; nur wird es von anderen Leuten 
verzehrt. Der Teil seines Einkommens, den ein reicher 



88 Zweites Buch: Das Kapital. 

Mann jährlich ausgibt, wird in den meisten Fällen von 
müßigen Gästen und Dienstboten aufgezehrt, die nichts 
zum Ersatz für ihren Verbrauch zurücklassen. Dagegen 
wird der Teil, den er jährlich erspart, und der behufs 
eines Gewinns sofort als Kapital angelegt wird, zwar 
ebenfalls, und fast in der nämlichen Zeit, aber von 
einer anderen Klasse von Leuten verzehrt, nämlich 
von Tagelöhnern, Fabrikarbeitern und Handwerkern, 
die den Wert ihres jährlichen Verbrauchs nebst einem 
Gewinn wiedererzeugen. Nehmen wir an, sein Ein- 
kommen werde ihm in Geld bezahlt. Gäbe er das 
Ganze aus, so würde sich die Nahrung, Kleidung und 
Wohnung, die dafür zu beschaffen waren, unter die 
erstere Klasse von Leuten verteilt haben. Sparte er 
dagegen einen Teil, so würde dieser Teil behufs eines 
Gewinns sofort entweder von ihm selbst oder von einem 
andern als Kapital angelegt sein, und die Nahrung, 
Kleidung und Wohnung, die dafür zu beschaffen waren, 
würde notwendig für die letztere Klasse zurückgelegt 
bleiben. Der Verbrauch ist der nämliche, aber die 
Verbraucher sind andere. 

Durch das, was ein genügsamer Mann jährlich 
spart, gewährt er nicht nur einer neuen Zahl produk- 
tiver Hände für das laufende und folgende Jahr Un- 
terhalt, sondern stellt auch, wie der Gründer eines 
öffentlichen Arbeitshauses, so zu sagen einen dauernden 
Fonds zum Unterhalt einer gleichen Zahl für alle 
Zeiten her. Freilich ist die beständige Verteilung 
und Bestimmung dieses Fonds nicht durch ein aus- 
drückliches Gesetz, ein Fideikommiß oder eine Unver- 
äußerlichkeitsurkunde gesichert ; allein er ist stets durch 
eine sehr mächtige Triebfeder, nämlich das klare Interesse 
aller einzelnen, denen ein Teil davon zufallen wird, 
gewahrt. Kein Teil dieses Fonds kann später zum 
Unterhalt anderer als produktiver Hände verwendet 



Kap. TIT. : TCapitalanliiUifung otl. prod. u. improcl. Arbeit. 89 

werden, ohne offenbaren Verlust für den, der dessen 
eigentliche Bestimmung umkehrt. 

Der Verschwender tut dies. Indem er seine Aus- 
gaben nicht auf sein Einkommen beschränkt, greift 
er sein Kapital an. Wie jemand, der die Einkünfte 
einer frommen Stiftung zu profanen Zwecken miß- 
braucht, zahlt er den Lohn des Müßiggangs aus den 
Fonds, die die Sparsamkeit seiner Vorfahren dem Unter- 
halt des Fleißes gewidmet hatte. Indem er die zur 
Beschäftigung produktiver Arbeit bestimmten Fonds 
vermindert, vermindert er, soweit es von ihm abhängt, 
die Menge der Arbeit, die den bearbeiteten Gegen- 
ständen einen neuen Wert zusetzt, und folglich den 
Wert des jährlichen Boden- und Arbeitsertrages des 
ganzen Landes, in dem der wahre Reichtum und das 
tatsächliche Einkommen seiner Bewohner besteht. Würde 
die Verschwendung einiger nicht durch die Sparsam- 
keit anderer ausgeglichen, so würde das Verhalten jedes 
Verschwenders, der den Müßiggänger mit dem Brote des 
Fleißigen füttert, nicht nur ihn selbst zum Bettler machen, 
sondern auch sein Land beeinträchtigen. 

Wenn auch die Ausgaben des Verschwenders gänz- 
lich auf inländische und nicht teilweise auch auf fremde 
Waren drauf gingen, würde ihre Wirkung auf die pro- 
duktiven Fonds der Gesellschaft doch ganz die nämliche 
sein. Jedes Jahr würde eine gewisse Menge Nahrung 
und Kleidung, die produktive Hände hätte unterhalten 
sollen, zum Unterhalt unproduktiver Hände verwendet 
sein, und folglich würde jedes Jahr eine Verminderung 
des Wertes eintreten, den sonst der Jahresertrag des 
Bodens und der Arbeit des Landes gehabt hätte. 

Allerdings kann man sagen, daß wenn dieser Auf- 
wand nicht auf ausländische Waren draufgeht und keine 
Ausfuhr von Gold und Silber veranlaßt, die nämliche 
Menge Geldes im Lande bleiben würde, wie früher. 
Aber wenn die Menge Nahrung und Kleidung, die so von 



90 Zweites Buch: Das Kapital. 

unproduktiven Händen verbraucht wurde, sich unter 
produktive verteilt hätte, so würden diese den vollen 
Wert ihres Verbrauchs samt einem Gewinn wieder- 
erzeugt haben. Auch in diesem Falle würde die näm- 
liche Geldmenge im Lande geblieben sein, und außerdem 
zugleich eine "Wiedererzeugung eines gleichen Wertes 
verbrauchbarer Güter stattgefunden haben. Es würden 
mithin zwei Werte anstatt eines vorhanden gewesen sein. 
Überdies kann in einem Lande, in dem sich der 
Wert des Jahresertrags vermindert, nicht lange dieselbe 
Geldmenge bleiben. Der einzige Nutzen des Geldes be- 
steht darin, daß es brauchbare Waren in Umlauf bringt. 
Mittelst des Geldes werden Nahrungsmittel, Rohstoffe 
und Fabrikate ge- und verkauft, und an ihre eigent- 
lichen Verbraucher verteilt. Mithin muß sich die Geld- 
menge, die in einem Lande jährlich verwendet werden 
kann, nach dem Wert der brauchbaren Waren richten, 
die jährlich in ihm umlaufen. Diese bestehen entweder 
in den Boden- und Arbeitsprodukten des Landes selbst, 
oder in Dingen, die mit einem Teile dieser Produkte 
gekauft worden sind. Ihr Wert muß daher geringer 
werden, wenn sich der Wert dieser Produkte vermin- 
dert, und mit ihm muß sich auch die Geldmenge ver- 
mindern, die dazu dient, sie in Umlauf zu setzen. Das 
Geld aber, das durch diese jährliche Verminderung 
der Produktion dem inneren Umlauf entzogen wird, 
wird man nicht müßig liegen lassen. Das Interesse 
jedes Geldbesitzers fordert, daß er es anlege. Da sich 
ihm aber im Lande keine Gelegenheit dazu bietet, so 
wird er es trotz aller Gesetze und Verbote ins Ausland 
schicken, und zum Ankauf brauchbarer Waren ver- 
wenden, die man im Lande verlangt. Die jährliche 
Ausfuhr wird auf diese Weise eine Zeit lang den jähr- 
lichen Verbrauch des I^andes über den Wert seines 
eigenen Jahresertrags steigern. Was in den Tagen 



Tvap. TIT.: I\apit;il;inli;iufuiiy' <h]. prod. u. iinprod. Arbeit. (JJ 

des Wohlstandes vom Jahreseitrag gespart und zum 
Ankauf von Gold und Silber verwendet worden ist, 
wird nun in der Not eine Zeit lang dazu dienen, die 
Konsumtion zu versorgen. In diesem Falle ist die 
Ausfuhr von Gold und Silber nicht die Ursache, son- 
dern die Wirkung des Verfalls, und kann selbst auf 
einige Zeit die damit verbundene Not erleichtern. 

Dagegen muß die Geldmenge in einem Lande 
naturgemäß zunehmen, wenn der Wert des Jahreser- 
trags steigt. Der größere Betrag der während eines 
Jahres umlaufenden brauchbaren Waren erfordert auch 
eine größere Summe Geldes, um sie in Umlauf zu 
setzen. Ein Teil des vermehrten Ertrags wird daher 
dazu angewandt werden, die weitere Menge Gold und 
Silber, die den Rest in Umlauf zu setzen hat, zu kaufen, 
wo sie eben zu haben ist. In diesem Falle wird die 
Zunahme jener Metalle die Wirkung und nicht die .Ur- 
sache des öffentlichen Wohlstandes sein. Gold und 
Silber wird überall auf die nämliche Weise gekauft. 
Die Nahrung, Kleidung und Wohnung, das Einkommen 
und der Unterhalt aller derer, deren Arbeit oder Kapital 
dazu dient, die Metalle aus den Bergwerken auf den 
Markt zu bringen, ist der Preis, den man ebensowohl 
in Peru wie in England für sie bezahlt. Das Land, das 
diesen Preis zahlen kann, wird sich niemals lange ohne 
die ausreichende Menge jener Metalle zu behelfen brau- 
chen, und hinwiederum wird ein Land nie lange eine 
Menge von ihnen behalten, wenn es ihrer nicht bedarf. 

Worin man daher auch den wirklichen Reichtum 
und das wirkliche Einkommen eines Landes finden 
mag, sei es, wie die gesunde Vernunft zu fordern 
scheint, in dem Werte des jährlichen Boden- und Ar- 
beitsertrags, oder sei es, wie vulgäre Vorurteile an- 
nehmen, in der Menge edler Metalle, die in ihnen um- 
laufen, so erscheint doch nach beiden Ansichten jeder 



92 Zweites Buch: Das Kapital. 

Verschwender als ein öffentlicher Feind, und jeder 
sparsame Mensch als ein öffentlicher Wohltäter. 

Die Wirkungen des Leichtsinns sind oft die näm- 
lichen, wie die der Verschwendung. Jede unbesonnene 
und fehlschlagende Unternehmung in der Landwirt- 
schaft, im Bergbau, in den Fischereien, in Handel und 
Industrie bewirkt gleicherweise eine Verminderung der 
Fonds, die zum LTnterhalt produktiver Arbeit bestimmt 
sind. Wenn auch bei derartigen Unternehmungen das 
Kapital nur von produktiven Händen verbraucht wird, 
so können diese bei der unbesonnenen Art ihrer Ver- 
wendung doch nicht den vollen Wert ihres Verbrauches 
wiedererzeugen, und es muß daher stets eine Verminde- 
rung der produktiven Fonds der Gesellschaft eintreten. 

Daß die Lage einer großen Nation durch die Ver- 
schwendung oder Unbesonnenheit Einzelner stark be- 
einflußt wird, kann freilich nur selten vorkommen; 
denn diese Vergeudung oder Unbesonnenheit der einen 
wird stets durch die Sparsamkeit und Besonnenheit 
anderer mehr als ausgeglichen. 

Was die Verschwendung betrifft, so ist der Antrieb 
dazu in der Begierde nach augenblicklichem Genuß zu 
suchen, die, so heftig und unwiderstehlich sie auch zu- 
weilen sein mag, doch gewöhnlich vorübergehend und 
gelegentlich eintritt. Dagegen ist der Antrieb zum 
Sparen in dem Verlangen zu finden, unsere Lage zu 
verbessern, ein Verlangen, das zwar gewöhnlich ruhig 
und leidenschaftslos ist, aber uns auch von der Wiege 
bis ans Grab begleitet. In der ganzen Zeit zwischen 
diesen beiden Endpunkten gibt es vielleicht kaum einen 
einzigen Augenblick, wo ein Mensch so vollständig mit 
seiner Lage zufrieden wäre, daß er nicht den Wunsch 
hegen sollte, sie irgendwie zu verändern oder zu ver- 
bessern. Das Mittel, durch das die meisten Menschen 
ihre Lage zu verbessern wünschen, ist die Vergrößerung 



Kap. III. : Kapitalanhäufiing' od. prod. u. iinprod. Arbeit. 93 

ihres Vermögens. Es ist das gewöhnlichste und ein- 
leuchtendste Mittel; und die sicherste Art, wie man sein 
Vermögen vergrößern kann, besteht darin, daß man 
einen Teil des regelmäßigen Jahreserwerbs oder eines 
außerordentlichen Gewinns spart und aufhäuft. Obschon 
daher der Trieb zum Aufwände sich bei fast allen 
Menschen manchmal und bei manchen Menschen fast 
immer geltend macht, so scheint doch durchschnittlich 
bei den Meisten der Trieb zur Sparsamkeit nicht nur 
vorzuherrschen, sondern ganz bedeutend zu überwiegen. 

Was den Leichtsinn betrifft, so ist die Zahl be- 
sonnener und glücklicher Unternehmungen überall weit 
größer, als die der unbesonnenen und fehlschlagenden. 
Trotz aller Klagen über häufige Bankerotte bilden die 
Bedauernswerten, die dies Mißgeschick trifft, doch nur 
einen sehr kleinen Teil aller, die sich mit Handel und 
Gewerben beschäftigen, und das Verhältnis ist vielleicht 
nicht viel höher, als eins zu tausend. Der Bankerott 
ist vielleicht das größte und niederschlagendste Un- 
glück, das einen Unschuldigen treffen kann, und des- 
halb wenden die meisten alle Vorsicht an, ihn zu ver- 
meiden. Manche freilich hüten sich nicht davor, wie 
Manche sich auch vor dem Galgen nicht hüten. 

Große Nationen werden niemals durch die Ver- 
schwendung und den Leichtsinn von Privatleuten arm, 
wohl aber hie und da durch Verschwendung und Leicht- 
sinn der Staatsbehörden. Das ganze, oder nahezu das 
ganze Staatseinkommen wird in den meisten Ländern 
zum Unterhalt unproduktiver Hände verwendet. Dahin 
gehören ein zahlreicher und glänzender Hofstaat, eine 
zahlreiche Geistlichkeit, große Flotten und Armeen, die 
im Frieden nichts hervorbringen und in Kriegszeiten 
nichts erwerben, wodurch die Kosten ihres Unterhalts 
selbst nur während der Dauer des Krieges gedeckt 
würden. Da Leute dieser Art selbst nichts hervor- 



94 Zweites Buch: Das Kapital. 

bringen, so werden sie durch den Ertrag der Arbeit 
anderer unterhalten. Werden sie also unnötigerweise 
vermehrt, so können sie in einem Jahre so viel von 
diesem Ertrag verbrauchen, daß nicht genug übrig- 
bleibt, um die produktiven Arbeiter, die im nächsten 
Jahre den Gesamtertrag reproduzieren sollen zu unter- 
halten. Der Ertrag des nächsten Jahres wird also 
kleiner sein, als der des vorhergehenden, und, dauert der 
Übelstand fort, wird der Ertrag des dritten Jahres noch 
kleiner als der des zweiten. Diese unproduktiven Hände, 
die nur mit einem Teil des ersparten Einkommens 
unterhalten werden sollten, können so viel von dem 
Gesamteinkommen verbrauchen, und dadurch so viele 
zwingen, ihre Kapitalien, ihre für den Unterhalt pro- 
duktiver Arbeit bestimmten Fonds anzugreifen, daß alle 
Sparsamkeit und Klugheit der Einzelnen nicht im Stande 
ist, die Vergeudung und Verschlechterung der Produk- 
tion wieder gut zu machen, die durch jene gewaltsame 
und aufgedrungene Schmälerung herbeigeführt wird. 

Doch scheint erfahrungsmäßig Sparsamkeit und 
Umsicht meist hinreichend, um nicht nur die Ver- 
schwendung und den Leichtsinn einzelner, sondern 
auch die Ausschweifungen einer Regierung auszu- 
gleichen. Die gleichmäßige, beständige und ununter- 
brochene Anstrengung jedes Menschen, seine Lage zu 
verbessern, dieser Trieb, aus dem der öffentliche wie 
der Privatwohlstand entspringt, ist oft mächtig genug, 
um trotz der Ausschweifung der Regierung und der 
größten Mißgriffe der Verwaltung den natürlichen Fort- 
schritt zum Besseren aufrecht zu erhalten. Gleich dem 
unbekannten Triebe des tierischen Lebens stellt er oft 
trotz der albernen Vorschriften des Arztes Gesundheit 
und Kräfte des Körpers wieder her. 

Das jährliche Arbeitsprodukt eines Volkes kann in 
seinem Werte nur durch Vermehrung ihrer produktiven 



Kap. TIT.: Kapitalanhäufiing od. prod. n. iinprod. Arbeit. 95 

Arbeiter oder durch Erhöhung der Produktivkraft der 
bisher beschäftigten Arbeiter steigen. Die Zahl der pro- 
duktiven Arbeiter kann offenbar nur infolge einer Zu- 
nahme des Kapitals bezvv. der zu ihrem Unterhalt be- 
stimmten Fonds zunehmen. Die Produktivkräfte einer 
gleichbleibenden Menge von Arbeitern können nur in- 
folge einer Zunahme und Vervollkommnung in den zur 
Erleichterung und Abkürzung der Arbeit dienenden 
Maschinen und Werkzeugen, oder infolge einer geeig- 
neteren Teilung und Verteilung der Arbeit zunehmen. 
In beiden Fällen ist fast immer ein neues Kapital er- 
forderlich. Nur mittelst eines neu hinzugekommenen 
Kapitals wird es dem Unternehmer möglich, seine Ar- 
beiter mit besseren Maschinen zu versorgen oder eine 
geeignetere Arbeitsteilung unter ihnen einzuführen. 
Wenn die zu verrichtende Arbeit aus einer Anzahl von 
Teilen besteht, so erfordert es ein weit größeres Kapital, 
jeden Arbeiter immer nur auf ein und dieselbe Art zu 
beschäftigen, als ihn abwechselnd an die verschiedenen 
Teile gehen zu lassen. Vergleicht man daher den Zu- 
stand eines Volkes in zwei verschiedenen Perioden, 
und findet man, daß ein jährlicher Boden- und Arbeits- 
ertrag in der späteren größer ist, als in der früheren, 
daß seine Ländereien besser angebaut, seine Manufak- 
turen zahlreicher und blühender sind und sein Handel 
ausgedehnter ist, so kann man überzeugt sein, daß sein 
Kapital zwischen diesen beiden Perioden sich ver- 
größert, und durch die verständige Wirtschaft der einen 
mehr gewonnen haben muß, als es durch den Leicht- 
sinn anderer Privatpersonen oder die MifSgriffe der 
Regierung verloren hat. Und man wird finden, daß 
dies in allen einigermaßen ruhigen und friedlichen 
Zeiten bei fast allen Nationen der Fall gewesen ist, 
selbst bei denen, die sich nicht gerade der weisesten 
und sparsamsten Regierungen zu erfreuen hatten. Um 



96 Zweites Buoli: Das Kapital. 

sich hierüber ein richtiges Urteil zu bilden, muß man 
allerdings den Zustand des Landes in ziemlich weit 
von einander entlegenen Perioden betrachten. Der 
Fortschritt ist oft ein so allmählicher, daß er in zu 
nahe aneinander liegenden Perioden nicht nur nicht 
zu bemerken ist, sondern auch durch den Verfall ent- 
weder gewisser Gewerbe oder gewisser Gegenden — 
Dinge, die vorkommen können, obschon das Land im 
allgemeinen großen Wohlstand aufzuweisen hat — , oft 
die Vermutung genährt wird, daß der Reichtum und 
die Gewerbtätigkeit des Ganzen im Abnehmen sei. 

Der jährliche Boden- und Arbeitsertrag Englands 
z. B. ist jetzt gewiß weit größer, als vor etwas mehr 
als einem Jahrhundert, zur Zeit der Restauration Karls 
des Zweiten. Obgleich heutzutage wohl wenige hieran 
zweifeln, so vergingen doch seitdem selten fünf Jahre, 
ohne daß ein Buch oder eine Broschüre erschien und 
durch seine geschickte Abfassung beim Publikum teil- 
weise Glauben fand, welches sich zu zeigen bemühte, 
daß der Reichtum der Nation im Abnehmen, das Land 
entvölkert, der Ackerbau vernachlässigt, die Manufak- 
turen im Verfall seien und der Handel darniederliege. 
Auch waren diese Schriften nicht immer Parteischriften, 
die elenden Ausgeburten der Lüge und Käuflichkeit ; 
sondern viele von ihnen waren von ganz unbefangenen 
und einsichtigen Leuten geschrieben, die nur schrieben, 
was sie glaubten, und aus keinem anderen Grunde 
schrieben, sls weil sie es glaubten. 

Der jährliche Boden- und Arbeitsertrag Englands 
war hinwiederum zur Zeit der Restauration gewiß weit 
größer, als etwa hundert Jahre früher, beim Regierungs- 
antritt Elisabeths. Und zu dieser Zeit war das Land, 
wie man allen Grund zu glauben hat, in der Kultur weit 
mehr vorgeschritten, als ein Jahrhundert früher, gegen 
den Schluß der Bürgerkriege zwischen den Häusern 



Kap. III.: Kapitalanliilufimg' od. prod. u. unprod. Arbeit. 97 

York und Lancaster. Selbst damals aber war es wahr- 
scheinlich in einer besseren Lage, als zur Zeit der 
normannischen Eroberung, und zur Zeit der norman- 
nischen Eroberung in einer besseren, als während der 
Wirren der sächsischen Heptarchie. Sogar in dieser 
frühen Zeit aber war das Land unstreitig kultivierter, 
als bei dem Einfalle Julius Cäsars, wo seine Bewohner 
sich fast in gleichem Zustande befanden, wie die 
Wilden Nordamerikas. 

Dennoch fanden in allen diesen Perioden nicht nur 
viel Verschwendung sowohl einzelner wie des Staats, 
viele kostspielige und unnötige Kriege und großer Miß- 
brauch des Jahresertrags zu Unterhaltung unproduktiver 
statt produktiver Hände statt, sondern die Wirren der 
bürgerlichen Zwietracht veranlaßten auch eine so ab- 
solute Vergeudung und Zerstörung des Kapitals, daß 
man denken sollte, es würde nicht nur, wie es in der 
Tat geschah, die natüi'liche Anhäufung des Reichtums 
aufgehalten worden, sondern das Land müßte auch am 
Ende des Zeitraums ärmer gewesen sein, als an seinem 
Anfange. Wie viele LTnordnungen und Unglücksfälle 
traten nicht selbst in der glücklichsten jener Perioden, 
dem Zeitraum seit der Restauration, ein, von denen man, 
wenn man sie hätte voraussehen können, nicht bloß die 
Verarmung, sondern den gänzlichen Untergang des Lan- 
des erwartet haben würde? So das Feuer und die Pest in 
London, die beiden Kriege mit Holland, die Wirren der 
Revolution, der Krieg in Irland, die vier kostspieligen 
französischen Kriege 1688, 1702, 17-12 und 1756, und 
die beiden Rebellionen von 1715 und 1745. Im Laufe 
der vier französischen Kriege ging die Nation eine 
Schuld von mehr als 145 Millionen ein, ungerechnet 
die anderen außerordentlichen Ausgaben, die durch 
jene Kriege verursacht wurden, so daß man die Summe 
der Kosten nicht geringer als auf 200 Millionen ver- 
Adam .Smith, Volkswohlstuinl. 11. ' 



98 Zweites Buch: Das Kapital. 

anschlagen kann. Ein so großer Teil vom jährlichen 
Boden- und Arbeitsertrag des Landes ist seit der Re- 
volution bei verschiedenen Gelegenheiten auf den Unter- 
halt einer außerordentlichen Zahl von unproduktiven 
Händen verwendet worden. Hätten jene Kriege nicht 
einem so großen Kapital diese besondere Richtung ge- 
geben, so würde natürlich der größte Teil von ihm 
auf den Unterhalt produktiver Hände verwendet worden 
sein, deren Arbeit den ganzen Wert ihres Verbrauchs 
samt einem Gewinne zurückerstattet hätte. Der Wert 
des jährlichen Boden- und Arbeitsertrags wäre dadurch 
mit jedem Jahre bedeutend gestiegen, und jede jähr- 
liche Zunahme würde die des folgenden Jahres noch 
erhöht haben. Es würden mehr Häuser gebaut, mehr 
Ländereien in Kultur genommen und andere, die be- 
reits angebaut waren, besser kultiviert worden sein; 
man hätte mehr Manufakturen errichtet, und die bereits 
errichteten weiter ausgedehnt; und man kann sich 
kaum vorstellen, bis zu welcher Höhe der wahre Reich- 
tum und das wahre Einkommen des Landes sich in 
dieser Zeit hätte erheben können. 

Mußte aber auch die Verschwendung der Regierung 
den natürlichen Fortschritt Englands zu Reichtum und 
Kultur zweifellos verzögern, so konnte sie ihn doch 
nicht verhindern. Sein jährlicher Boden- und Arbeits- 
ertrag ist gegenwärtig unstreitig weit größer als zur 
Zeit der Restauration oder der Revolution, und daher 
muß auch das auf die Kultur dieses Bodens und den 
Unterhalt dieser Arbeit jährlich verwendete Kapital 
weit größer sein. Inmitten aller Anforderungen der 
Regierung ist dieses Kapital durch die Sparsamkeit und 
Klugheit einzelner, durch ihre allgemeine, stetige und 
ununterbrochene Anstrengung, ihre Lage zu verbessern, 
still und allmählich gewachsen. Diese Anstrengung, die 
durch das Gesetz geschützt und durch die Freiheit, sie 



Kap. III.: KapitalauliiUifung- od. prod. u. unprod. Arbeit. 99 

auf die vorteilhafteste Weise auszuüben, verstattet war, 
hat den Fortschritt Englands zu Reichtum und Kultur 
in der Vergangenheit zu Wege gebracht, und wird es 
hoffentlich in alle Zukunft tun. Wie jedoch England 
niemals mit einer sehr sparsamen Regierung gesegnet 
gewesen ist, so ist die Sparsamkeit auch zu keiner Zeit 
eine besonders charakteristische Tugend der Engländer 
gewesen. Es ist daher die höchste Unverschämtheit 
und Anmaßung von Königen und Ministern, die Wirt- 
schaft der Privatleute überwachen und deren Ausgaben 
durch Luxusgesetze oder Verbote der Einfuhr fremder 
Luxuswaren einschränken zu wollen. Sie selbst sind 
immer und ohne alle Ausnahme die größten Verschwen- 
der in der Gesellschaft. Mögen sie doch auf ihren 
eigenen Aufwand acht haben, und den Privatleuten 
getrost den ihrigen überlassen. Stürzt ihre Ausschwei- 
fung den Staat nicht ins Verderben, so wird die der 
Untertanen es gewiß nicht tun. 

Da die Sparsamkeit das Gresellschaftskapital ver- 
größert, und die Verschwendung es verringert, so kann 
das Verhalten derer, die gerade so viel ausgeben, wie 
sie einnehmen, ohne neues Vermögen zu erwerben, noch 
das alte Kapital anzugreifen, das Gesellschaftskapital 
weder vergrößern noch vermindern. Doch scheinen 
manche Arten von Ausgaben mehr zu dem Anwachsen 
des öffentlichen Reichtums beizutragen, als andere. 

Das Einkommen eines einzelnen kann entweder 
für Dinge ausgegeben werden, die man sofort verbraucht 
und in denen die Ausgabe des einen Tages die eines 
anderen weder ermäßigen noch unterstützen kann; oder 
es kann für dauerhaftere Gegenstände ausgegeben 
werdeji, die sich anhäufen lassen, und in denen die 
Ausgabe des einen Tages je nach Wahl die des fol- 
genden ermäßigen oder unterstützen und ihre Wirkung 
erhöhen kann. Ein reicher Mann kann z. B. sein Ein- 



IQQ Zweites Buch: Das Kapital. 

kommen auf eine verschwenderisch besetzte Tafel, auf 
den Unterhalt einer großen Zahl von Dienstboten und 
auf eine Menge Hunde und Pferde verwenden, oder er 
kann, indem er sich mit einem mäßigen Tische und 
wenigen Bedienten begnügt, seinen grüßten Teil zur 
Ausschmückung seines Hauses oder Landsitzes, auf 
nützliche oder prächtige Gebäude, auf nützliche oder 
prächtige Möbel, auf Bücher, Statuen und Gemälde, 
oder auf wertlosere Dinge, wie Edelsteine und Tand 
aller Art, oder auch, was das Nichtigste von Allem ist, 
zur Sammlung einer großen Garderobe verwenden, wie 
es der Günstling und Minister eines großen Fürsten ge- 
tan hat, der vor einigen Jahren gestorben ist*). Wenn 
von zwei gleich vermögenden Männern der eine haupt- 
sächlich auf jene, der andere auf diese Art sein Ein- 
kommen ausgiebt, so wird die Prachtentfaltung desje- 
nigen, der hauptsächlich dauerhafte Waren kauft, be- 
ständig zunehmen, da der Aufwand jedes Tages die 
Wirkung des Aufwandes am folgenden Tage unter- 
stützen und erhöhen hilft, wogegen die Prachtentfaltung 
des anderen am Ende des Zeitraums nicht größer sein 
würde, als am Anfang. Der erstere würde schließlich 
der reichere sein. Er würde einen Vorrat von Waren 
haben, die, wenn sie auch nicht ihren Kostenpreis wert 
wären, doch immer etwas wert wären. Von dem Auf- 
wände des letzteren hingegen bliebe keine Spur zurück 
und die Wirkungen einer zehn- oder zwanzigjährigen 
Verschwendung würden so vollständig verschwunden 
sein, als hätten sie niemals bestanden. 

Wie die eine Art des Aufwandes für den Reichtum 
eines Einzelnen günstiger ist, als die andere, so ist sie 
es auch für den Reichtum eines Volkes. Die Häuser, 
die Möbel, die Kleidungsstücke der Reichen werden 

■'•) Anspielung auf den Grafen Brühl, der 365 Röcke hinter- 
lassen haben soll. Der Über s. 



Kap. III.: Kapitalanhäufung- oil. prod. u. Tinprod. Arbeit. 101 

nach kurzer Zeit den unteren und mittleren Volks- 
klassen nützlich. Diese können sie kaufen, wenn die 
oberen Klassen sie satt bekommen, und so steigert sich 
allmählich der allgemeine Komfort des ganzen Volkes, 
wenn jene Art des Aufwandes unter vermögenden 
Leuten allgemein wird. In Ländern, die schon lange 
reich sind, findet man oft die unteren Volksklassen im 
Besitz von Häusern und Grerätschaften, die noch gut 
und vollkommen brauchbar, aber keineswegs für den 
Bedarf dieser Klassen hergestellt sind. Was früher ein 
Sitz der Familie Seymour war, ist jetzt ein Gasthaus 
an der Straße nach Bath. Das Hochzeitsbett Jakobs 
des Ersten von Grroßbritannien, welches ihm die Kö- 
nigin als fürstliches Geschenk aus Dänemark zuge- 
bracht hatte, war vor einigen Jahren die Zierde einer 
Bierschenke in Dunfermline. In manchen alten Städten, 
die entweder lange stillstehend geblieben oder etwas 
in Verfall geraten sind, findet man manchmal kein 
einziges Haus, das für seine gegenwärtigen Bewohner 
gebaut sein kann. Tritt man in ein solches Haus, so 
findet man nicht selten manche vortreffliche altmodische 
Möbel, die noch ganz gut zu gebrauchen sind, und für 
die jetzigen Besitzer ebensowenig gemacht sein können. 
Stattliche Paläste, herrliche Landhäuser, große Samm- 
lungen von Büchern, Statuen, Gemälden und anderen 
Seltenheiten sind oft nicht bloß für die Nachbarschaft, 
sondern für das ganze Land, zu dem sie gehören, ein 
Schmuck und eine Ehre. Versailles ist ein Schmuck 
und ein Ruhm für Frankreich, Stowe und Wilton für 
England. Italien erfreut sich noch immer wegen der 
Menge solcher Denkmäler einer gewissen Verehrung, 
obgleich der Eeichtum, der sie hervorrief, verfallen ist, 
und obgleich der Genius, der sie schuf, erloschen zu 
sein scheint, erloschen vielleicht deshalb, weil er nicht 
mehr die gleiche Beschäftigung fand. 



IQ2 Zweites Buch: Das Kapital. 

Die Ausgaben für dauerhafte Gegenstände sind 
nicht nur der Anhäufung, sondern auch der Sparsam- 
keit günstig. Hat jemand einmal darin zu viel getan, 
so kann er sich leicht einschränken, ohne sich dem 
Tadel der Leute auszusetzen. Dagegen die Zahl der 
Dienerschaft sehr zu verringern, statt eines verschwen- 
derischen Tisches einen mäßigen einzuführen, eine 
Equipage wieder aufzugeben, nachdem man sie einmal 
gehabt hat: das sind Veränderungen, die der Beob- 
achtung der Nachbarn nicht entgehen können, und die 
für ein Anerkenntnis füherer Torheit gelialten werden. 
Darum haben auch wenige von denen, die einmal so 
unglücklich waren, sich in zu große Ausgaben dieser 
Art einzulassen, später den Mut einzulenken, ehe 
gänzlicher Verfall und Bankerott sie dazu zwingt. 
Hat dagegen jemand für Gebäude, Möbel, Bücher oder 
Gemälde zu viel Geld ausgegeben, so läßt sich noch 
nicht auf eine frühere Torheit schließen, wenn er sein 
Verhalten ändert. Die genannten Dinge sind der Art, 
daß weitere Ausgaben für sie durch die früheren Aus- 
gaben unnötig gemacht werden, und wenn jemand 
damit innehält, so nimmt man nicht an, daß er es 
deshalb tue, weil es sein Vermögen übersteigt, sondern 
weil seine Laune befriedigt ist. 

Nebenbei geben die Ausgaben für dauerhafte Sachen 
gewöhnlich einer größeren Menge von Leuten Unter- 
halt, als die Kosten verschwenderischster Gastfreund- 
schaft. Von zwei- oder dreihundert Pfunden Lebens- 
mittel, die manchmal bei einem großen Feste aufge- 
tragen werden, wird vielleicht die Hälfte auf den Mist 
geworfen, und jedenfalls ein großer Teil vergeudet 
und mißbraucht. "Wären die Kosten eines solchen 
Gastmahls dazu angewendet worden, Maurern, Zimmer- 
leuten, Tapezierern, Mechanikern usw. Arbeit zu geben, 
so würde sich eine gleich große Menge Lebensmittel 



Kap. III.: Kapitalanlüiiifung od. prod. u. unprod. Arbeit. 103 

Tinter eine viel größere Zahl von Leuten verteilt haben, 
die sie groschen- und pfundweise gekauft und auch 
nicht eine Unze davon unnötigerweise weggeworfen 
hätten. Davon abgeselien, unterhält jener Aufwand 
auf die eine Art produktive, auf die andere unpro- 
duktive Hände. Auf die eine Art vermehrt er also den 
Tauschwert des jährlichen Boden- und Arbeitsertrages 
des Landes, auf die andere Art tut er es nicht. 

Doch möchte ich mit alle dem nicht so verstanden 
werden, als ob ich meinte, daß die eine Art des Auf- 
wandes stets einen liberaleren oder edleren Geist an- 
zeige, als die andere. Wenn ein reicher Mann sein Ein- 
kommen hauptsächlich auf Gastfreundschaft verwendet, 
so teilt er das Meiste davon mit seinen Freunden und 
Gefährten ; wenn er es aber dazu anwendet, dauerhafte 
Sachen zu kaufen, so gibt er oft alles für seine eigene 
Person aus, und gibt niemandem etwas ohne ein Äqui- 
valent. Die letztere Art des Aufwandes zeugt also zu- 
mal dann, wenn sie sich auf Nichtigkeiten richtet, z. B. 
auf den Tand in Kleidung und Geräten, auf Juwelen, 
Spielereien usw., oft nicht nur von kleinlichen, sondern 
von niedrigen und selbstsüchtigen Anlagen. Was ich 
sagen will, ist allein dies, daß die eine Art des Auf- 
wandes, da sie immer zu einer Anhäufung wertvoller 
Dinge führt, der Sparsamkeit des Einzelnen günstiger 
ist, zum Wachstum des Gesellschaftskapitals beiträgt 
und eher produktive als unproduktive Hände unter- 
hält, — auch mehr als die andere zum Wachstum des 
öffentlichen Wohlstandes beiträgt. 



Viertes Kapitel. 
Das auf Zinsen ausgeliehene Kapital. 

Das auf Zins ausgeliehene Vermögen wird von 
dem Darleiher stets als ein Kapital betrachtet. Er er- 
wartet, daß es ihm zur gehörigen Zeit zurückerstattet 
werde, und daß der Borger ihm mitttlerweile für seinen 
Gebrauch eine gewisse Jahresrente zahle. Der Borger 
kann es entweder als ein Kapital oder als einen für 
den unmittelbaren Verbrauch bestimmten Vorrat be- 
nutzen. Benutzt er es als ein Kapital, so wendet er es 
zum Unterhalt produktiver Arbeiter an, die seinen 
Wert samt einem Gewinne wieder hervorbringen: in 
diesem Falle kann er das Kapital zurückerstatten und 
den Zins zahlen, ohne eine andere Einkommensquelle 
zu veräußern oder anzugreifen. Benutzt er es als einen 
für den unmittelbaren Verbrauch bestimmten Vorrat, 
so handelt er als ein Verschwender, und vergeudet im 
Unterhalt des Müßigen, was zur Förderung des Fleißi- 
gen bestimmt war. Er vermag in diesem Falle, ohne 
eine andere Einkommensquelle, wie Grundbesitz oder 
Grundrente, zu veräußern oder anzugreifen, weder das 
Kapital zurückzuerstatten, noch die Zinsen zu bezahlen. 

Das auf Zins ausgeliehene Vermögen wird sicher- 
lich unter Umständen auf beide Arten benutzt; auf 
die erstere jedoch öfter als auf die letztere. Wer Geld 
borgt, um es zu vergeuden, wird bald ruiniert sein, 
und wer ihm leiht, wird gewöhnlich seine Torheit zu 
bereuen haben. Zu einem solchen Zwecke zu borgen 



Kap. l\.: Das auf Zinsen ausgeliehene Kapital. i()5 

oder zu leihen, ist in allen Fällen, wo es sich nicht 
um groben Wucher handelt, gegen das Interesse beider 
Teile, und obschon das eine wie das andere ohne 
Zweifel r>fters geschieht, so macht es die Rücksicht, 
die jeder auf sein eigenes Interesse nimmt, doch wahr- 
scheinlich, daß es keineswegs so häufig geschieht, wie 
man zuweilen glaubt. Man frage einen reichen Mann 
von gewöhnlichem Verstände, an was für Leute er 
seine meisten Kapitalien verliehen habe, an solche, die 
sie nach seiner Ansicht gewinnbringend anlegen, oder 
an solche, die sie durchbringen wollten, und er wird 
über die Frage lachen. Selbst unter den Borgern, 
einer Klasse von Leuten, die eben nicht wegen ihrer 
Genügsamkeit berühmt sind, ist daher die Zahl der 
Sparsamen und Fleißigen weit größer, als die der 
Verschwenderischen und Müßigen. 

Die einzigen, denen oft Geld geborgt wird, ohne 
daß man von ihnen seine sehr einträgliche Verwendung 
erwartet, sind Gutsbesitzer, die Hypotheken aufnehmen. 
Doch borgen auch sie kaum jemals lediglich in der 
Absicht, das Geld zu verschwenden. Was sie borgen, 
kann man gewöhnlich als schon ausgegeben ansehen, 
ehe sie es borgen. Sie haben in der Regel von Krämern 
und Gewerbtreibenden schon so viele Waren auf Kredit 
genommen und verbraucht, daß sie ein Darlehn auf- 
nehmen müssen, um ihre Schulden damit zu bezahlen. 
Das geborgte Kapital erstattet den Krämern und Gewerb- 
treibenden die Kapitalien wieder, die die Gutsbesitzer 
aus den Renten ihrer Güter nicht hätten ersetzen können. 
Es wird also eigentlich nicht zu dem Zwecke geborgt, 
um verausgabt zu werden, sondern um ein Kapital 
wieder zu erstatten, das schon früher verausgabt war. 

Fast alle verzinslichen Darlehen werden in Geld, sei 
es Papier, oder Gold und Silber gemacht; was der Borger 
aber tatsächlich braucht, und was der Darleiher ihm 



106 Zweites Buch: Das Kapital. 

tatsächlich verschafft, ist nicht das Geld, sondern des 
Geldes Wert, oder die Waren, die er damit kaufen 
kann. Benutzt er es als einen zum unmittelbaren Ver- 
brauch bestimmten Vorrat, so sind es Waren allein, 
die er in diesen Vorrat einstellen kann. Benutzt er es 
als ein Kapital zu gewerblichen Anlagen, so sind es 
wieder nur Waren, die dem Ge werbtreibenden die 
Werkzeuge, Rohstoffe und Lebensmittel verschaffen, 
deren er zum Betriebe bedarf. Mittelst des Darlehns 
tiberträgt so zu sagen der Darleiher auf den Borger 
sein Recht an einen gewissen Teil des jährlichen 
Boden- und Arbeitsertrages des Landes, den der Bor- 
ger nach Belieben verwenden kann. 

Die Menge Vermögen, oder, wie man gewöhnlich 
sagt, die Menge Geldes, die in einem Lande auf Zinsen 
ausgeliehen werden kann, bestimmt sich mithin nicht 
nach dem Betrage des Geldes sei es Papier oder Münze, 
das als Werkzeug der verschiedenen im Lande ge- 
machten Darlehen dient, sondern nach dem Betrage des 
Teils vom Jahresertrage, der nach seinem Heraustreten 
aus der Boden- oder Arbeitsproduktion nicht nur ein 
Kapital überhaupt, sondern ein solches Kapital wieder 
zu erstatten bestimmt ist, das der Eigentümer selbst 
anzulegen sich die Mühe nicht machen will. Da solche 
Kapitalien gewöhnlich in Geld ausgeliehen und zurück- 
gezahlt werden, so bilden sich die sogenannten Geld- 
interessen*) daraus. Diese sind nicht nur von den 
Interessen des Grundbesitzes, sondern auch von denen 



*) „Interessen" sind hier nicht im Sinne von Zinsen, son- 
dern in der andern Bedeutung des Worts aufzufassen. Man 
redet in England von landed interests, manufacturing interests, 
Interessen des Grundbesitzes, der Industrie usw. Garve und 
ihm nachfolgend Stirner übersetzen „money interests" hier 
geradezu mit „Geldeigentum", was indessen dem Sinne nicht 
vollständig entspricht. Anm. d. Übers. 



Kap. IV.: Da.s auf Zinsen ausgelieheno Kapital. [Q'J 

des Handels und der Industrie verschieden, da in letzte- 
ren die Eigentümer ihre Kapitalien selbst anlegen. Doch 
auch bei den Geldinteressen ist das Geld gleichsam nur 
eine Anweisung, die die Kapitalien, mit deren Anlegung 
die Eigentümer sich nicht selbst befassen mögen, von 
einer Hand in die andere überträgt. Diese Kapitalien 
können unvergleichlich größer sein, als der Betrag des 
Geldes, das zum Werkzeug ihrer Übertragung dient: 
denn die nämlichen Geldstücke können nach und nach 
zu vielen verschiedenen Darlehen dienen, ebenso wie 
zu vielen verschiedenen Käufen. A leiht z. B. dem 
W £ 1000, mit denen W sofort von B Güter zum 
Werte von £ 1000 kauft. Da B das Geld selbst nicht 
braucht, so leiht er die nämlichen Stücke dem X, und 
X kauft damit sofort von C andere Güter von £ 1000 
Wert. C leiht sie wieder in derselben Weise und aus 
demselben Grunde dem Y, der gleichfalls damit Güter 
von D kauft. So können dieselben Stücke Papier- oder 
gemünzten Geldes im Laufe weniger Tage zum Werk- 
zeug dreier Darlehen und dreier Käufe dienen, die jedes 
dem ganzen Betrage jener Stücke an Wert gleich- 
kommen. Was die drei Kapitalisten A, B und C an 
die drei Borger W, X und Y übertragen, ist das Ver- 
mögen, jene Käufe zu machen. In diesem Vermögen 
besteht der Wert und der Nutzen dieser Darlehen. 
Der von den drei Kapitalisten ausgeliehene Fonds ist 
gleich dem Werte der Waren, die damit gekauft werden 
können, und dreimal so groß, wie der Betrag des Geldes, 
mit dem die Käufe gemacht wurden. Dennoch können 
alle Darlehen vollkommen gesichert sein, wenn die von 
den Schuldnern gekauften Waren so verwendet worden 
sind, daß sie zu gehöriger Zeit einen gleichen Betrag 
Papier oder Geld mit Gewinn wieder einbringen. Und 
wie die nämlichen Geldstücke als Werkzeuge ver- 
schiedenei- Darlehen von dreimal oder auch droißigmal 



108 Zweites Buch: Das Kapital. 

höherem Betrage dienen können, so können sie auch 
nach und nach als Werkzeug der Rückzahlung dienen. 

Auf diese Weise läßt sich ein auf Zins ausge- 
liehenes Kapital als eine vom Darleiher auf den Borger 
übertragene Anweisung auf einen gewissen großen Teil 
des Jahresertrags betrachten, wobei die Bedingung ge- 
macht wurde, daß der Borger dem Darleiher während 
der Dauer des Anlehens jährlich einen kleineren Teil, 
Zins genannt, und am Schluß einen ebenso großen Teil 
wie der ursjDrünglich angewiesene, Rückzahlung ge- 
nannt, anweisen soll. Obgleich das Geld, es sei Papier- 
oder Metallgeld, gewöhnlich als Dokument der An- 
weisung sowohl auf den kleineren, als auch auf den 
größeren Teil dient, so ist es doch von dem, was da- 
durch angewiesen wird, durchaus verschieden. 

In dem Verhältnis, wie der Teil des Jahresertrages 
zunimmt, der beim Heraustreten aus der Produktion ein 
Kapital wiederzuerstatten bestimmt ist, nehmen auch 
in einem Lande die sogenannten Geldinteressen zu. 
Die Zunahme der Kapitalien, aus denen die Besitzer 
ein Einkommen ziehen wollen, ohne sich mit ihrer 
Verwendung selbst zu befassen, schreitet natürlich mit 
der allgemeinen Zunahme des Kapitals überhaupt fort, 
oder mit anderen Worten, wenn das Kapital zunimmt, 
so wird die Menge der auf Zins ausgeliehenen Kapi- 
talien allmählich größer und größer. 

Je mehr die Menge der auszuleihenden Kapitalien 
wächst, desto mehr vermindert sich notwendig der Zins, 
oder der Preis, der für die Benutzung dieser Kapitalien 
bezahlt wird, und zwar nicht bloß aus den allgemeinen 
Gründen, die eine Ermäßigung des Marktpreises der 
Dinge herbeiführen, wenn ihre Menge größer wird, 
sondern auch aus anderen, diesem besonderen Falle 
eigentümlichen Gründen. Wenn die Kapitalien in einem 
Lande zunehmen, müssen die Gewinne, die durch ihre 



Kap. IV.: Has auf Zinsen ausg-eliehene Kapital. 109 

Verwendung zu machen sind, notwendig kleiner wer- 
den; es wird immer schwerer und schwerer, in dem 
Lande für neue KapitaHen gewinnbringende Anlagen 
zu finden. Daraus entspringt dann eine Konkurrenz 
zwischen den verschiedenen Kapitalien, und der Be- 
sitzer des einen sucht sich derjenigen Anlagen zu be- 
mächtigen, die ein anderer schon in Besitz hat. In den 
meisten Fällen kann er nur dann darauf rechnen, den 
andern zu verdrängen, wenn er billigere Bedingungen 
stellt; er muß seine Ware nicht nur wohlfeiler verkaufen, 
sondern auch manchmal, um den Verkauf zu ermög- 
lichen, sie etwas teurer einkaufen. Die Nachfrage nach 
produktiver Arbeit wird durch die Zunahme der zu 
ihrem Unterhalt bestimmten Fonds mit jedem Tage 
größer. Die Arbeiter finden leicht Beschäftigung, aber 
den Besitzern der Kapitalien wird es schwer, Arbeiter 
zu finden. Ihre Konkurrenz steigert den Arbeitslohn 
und mindert die Gewinne. Werden aber so die aus der 
Nutzung eines Kapitals zu ziehenden Gewinne gleichsam 
an beiden Enden verkleinert, so muß notwendig zu- 
gleich der Preis, der für seine Nutzung gezahlt werden 
kann, d. h. der Zinsfuß, sinken. 

Locke, Law und Montesquieu sowie viele andere 
Schriftsteller scheinen geglaubt zu haben, daß die durch 
die Entdeckung des spanischen Westindiens vermehrte 
Menge Goldes und Silbers die wahre Ursache des 
niedrigeren Zinsfußes in den meisten Ländern Europas 
sei. Da diese Metalle, sagen sie, selbst an Wert ver- 
loren haben, mußte auch die Nutzung eines Teils von 
ihnen an Wert einbüßen und folglich der Preis, der 
dafür bezahlt werden kann, sinken. Dieser auf den 
ersten Blick so richtig erscheinende Gedanke ist von 
Humo so vollständig widerlegt worden, daß man kaum 
noch etwas darüber zu sagen braucht. Doch mag das 
folgende kurze und einfache Argument dazu dienen. 



110 Zweites Buch : Das Kapital. 

die Täuschung, durch welche sich jene Schriftsteller 
haben irre leiten lassen, noch schärfer ins Licht zu 
stellen. 

Vor der Entdeckung des spanischen Westindiens 
waren 10 ^/o, wie es scheint, der gewöhnliche Zinsfuß 
in den meisten Ländern Europas. Er ist seitdem in 
manchen Ländern auf 6, 5, 4 und 3% gesunken. 
Nehmen wir an, daß in jedem Lande der Wert des 
Silbers in dem nämlichen Verhältnis gesunken sei, 
wie der Zinsfuß, und daß z. ß. in den Ländern, wo 
der Zins von 10 auf 5% herabgegangen ist, für die 
nämliche Menge Silbers nur halb soviel Waren gekauft 
werden können, als früher. Diese Annahme wird sich, 
wie ich glaube, nirgends richtig erweisen, aber sie ist 
für die Meinung, die wir prüfen wollen, die günstigste. 
Selbst unter dieser Voraussetzung ist es schlechter- 
dings unmöglich, daß die Silberentwertung auch nur 
den mindesten Einfluß auf das Sinken des Zinsfußes 
haben konnte. Wenn £ 100 in jenen Ländern jetzt 
keinen höheren Wert haben, als ehedem £ 50, so können 
£ 10 jetzt nicht mehr Wert haben, als ehedem £ 5. 
Welche Ursachen auch das Kapital entwertet haben, 
immer müssen sie auch den Zins ermäßigt haben, und 
zwar genau in demselben Verhältnis. Das Verhältnis 
zwischen dem Wert des Kapitals imd dem des Zinses 
mußte das nämliche bleiben, wenn auch der Zinsfuß sich 
niemals änderte. Ändert sich aber der Zinsfuß, dann wird 
allerdings notwendig das Verhältnis zwischen diesen 
beiden Werten geändert. Wenn £ 100 jetzt nicht mehr 
wert sind, als ehedem £ 50, so können auch £ 5 jetzt 
nicht mehr wert sein, als £ 2 10 sh. ehedem. Wenn 
sich also der Zinsfuß von 10 auf 5% ermäßigt, so geben 
wir für den Gebrauch eines Kapitals, das der Annahme 
zufolge nur halb so viel wert ist wie früher, einen 
Zins, der nur ein Viertel des früheren Zinses beträgt. 



Kap. IV.: Das auf Zinsen ausgeliehene Kapital. m 

Jede Yermehrung in der Silbermenge kann, so 
lange die Menge der mittelst des Silbers in Umlauf ge- 
sezten Waren die nämliche bleibt, keine andere Folge 
haben, als die, den Wert dieses Metalls zu vermindern. 
Der Nominalwert aller Arten von Waren würde größer 
werden, ihr Sachwert aber ganz derselbe bleiben, wie 
früher. Sie würden gegen eine größere Zahl von 
Silberstücken vertauscht werden ; aber die Arbeitsmenge, 
die dafür zu Gebote stände, die Zahl von Menschen, 
welche damit unterhalten und beschäftigt werden könnte, 
würde ganz die nämliche bleiben. Das Kapital des 
Landes wäre gleich groß und es könnte nur eine größere 
Zahl von Stücken erforderlich werden, um einen gleichen 
Teil von ihm aus einer Hand in die andere zu über- 
tragen. Die Anweisungsdokumente würden, wie die 
Akten eines weitschweifigen Advokaten, umfangreicher 
werden; aber die angewiesenen Dinge blieben dieselben, 
wie früher, und könnten auch nur dieselbe Wirkung 
haben. Da die zum Unterhalt produktiver Arbeiter 
bestimmten Fonds sich gleich blieben, so würde auch 
die Nachfrage nach Arbeit die gleiche sein. Ihr Preis 
oder Lohn wäre zwar nominell höher, tatsächlich aber 
derselbe; er würde in einer größeren Zahl von Silber- 
stücken ausgezahlt, aber man könnte mit ihnen nur 
die nämliche Menge Waren kaufen. Die Kapitalgewinne 
blieben nominell wie tatsächlich die nämlichen. Der 
Arbeitslohn wird gewöhnlich nach der Menge Silbers ge- 
rechnet, die dem Arbeiter gezahlt wird. Ist sie größer ge- 
worden, so ist der Lohn scheinbar gestiegen, ist aber 
tatsächlich oft nicht höher als früher. Dagegen werden 
die Kapitalgewinne nicht nach der Zahl der Silberstücke, 
mit denen sie gezahlt werden, sondern nach dem Ver- 
hältnis berechnet, in dem diese Stücke zum Gesamt- 
kapital stehen. Man sagt: 5 sh. sind der gewöhnliche 
Wochenlohn und 10^ lo der übliche Kapitalgevvinn eines 



112 Zweites Bucli: Da.s Kapital. 

Landes. Wenn aber das Gesamtkapital des Landes 
das nämliche ist, wie früher, so wird der Wettbewerb 
zwischen den verschiedenen Kapitalien der einzelnen, 
in die das Gesamtkapital zerfällt, gleichfalls nur der 
nämliche sein, und sie werden alle ihr Geschäft mit 
den gleichen Vorteilen und Nachteilen treiben. Das 
gewöhnliche Verhältnis zwischen Kapital und Gewinn, 
und deshalb auch der gewöhnliche Geldzins werden 
sich daher gleich bleiben, denn was für die Nutzung 
des Geldes gewöhnlich gegeben werden kann, richtet 
sich in der Regel danach, was sich durch diese Nutzung 
gewöhnlich gewinnen läßt. 

Hingegen würde jede Zunahme in der Menge der 
jährlich in einem Lande umlaufenden Waren, wenn 
gleichzeitig die Menge des Geldes, mittelst dessen sie 
in Umlauf gesetzt werden, die nämliche bleibt, außer 
dem Steigen des Geldwertes noch manche andere wich- 
tige Folgen haben. Das Kapital des Landes, obwohl 
nominell das gleiche, würde tatsächlich doch größer 
sein: man würde es noch immer durch dieselbe Menge 
Geldes ausdrücken, aber man würde damit über eine 
größere Menge Arbeit verfügen. Die Menge produk- 
tiver Arbeit, die mit dem Kapital unterhalten und in 
Bewegung gesetzt werden könnte, würde zunehmen und 
damit auch die Nachfrage nach Arbeit steigen. Ihr Lohn 
würde natürlich mit der Nachfrage steigen, und könnte 
doch zu sinken scheinen: er könnte in einer kleineren 
Summe Geldes ausgezahlt werden, aber die kleinere 
Summe würde eine grr)ßere Menge Waren erkaufen, 
als früher die größere. Die Kapitalgewinne würden sich 
ebensowohl tatsächlich, wie dem Ansehn nach vermin- 
dern ; denn da das Gesamtkapital des Landes größer ge- 
worden ist, wird sich auch die Konkurrenz zwischen den 
verschiedenen Kapitalien, aus denen es besteht, mehren 
und ihre Besitzer nötigen, sich mit einem kleineren 



Kap. IV.: Da.s auf Zinsen au.sgeliehene Kapital. 113 

Anteil am Produkte der durch ihre Kapitalien in Be- 
wegung gesetzten Arbeit zu begnügen. Und so kann 
der Geldzins, der immer mit dem Kapitalgevvinn gleichen 
Schritt hält, bedeutend sinken, wenn auch der Geldwert 
oder die Warenmenge, die sich mit einer bestimmten 
Summe kaufen läßt, bedeutend gestiegen ist. 

In manchen Ländern war der Geldzins durch Gesetz 
verboten. Da sich jedoch durch die Nutzung des Geldes 
überall etwas gewinnen läßt, so muß auch etwas für 
diese Nutzung bezahlt werden. Die Erfahrung hat ge- 
lehrt, daß diese Maßregel, statt dem Übel des Wuchers 
zu steuern, dieses vielmehr verschlimmerte; denn der 
Schuldner muß nun nicht bloß die Nutzung des Geldes, 
sondern auch die Gefahr bezahlen, die der Gläubiger 
läuft, wenn er sich die Nutzung bezahlen läßt. Er muß 
den Gläubiger so zu sagen gegen die Strafen auf 
Wucher versichern. 

In Ländern, in denen das Zinsnehmen erlaubt ist, 
setzt das Gesetz, um wucherische Erpressungen zu verhü- 
ten, gewöhnlich den höchsten Zinsfuß fest, der straflos 
genommen werden darf. Dieser Zinsfuß muß stets etwas 
über dem niedrigsten Marktpreise, d. h. über dem Preise 
stehen, der von Leuten, die unzweifelhafte Sicherheit 
geben können, für die Nutzung des Geldes bezahlt zu 
werden pflegt. Wird der gesetzliche Zinsfuß unter dem 
niedrigsten Marktpreis festgesetzt, so müssen die Folgen 
fast die nämlichen sein, als wenn das Zinsnehmen 
überhaupt verboten ist. Der Gläubiger wird sein Geld 
nicht für weniger ausleihen, als seine Nutzung wert 
ist, und der Schuldner muß ihn noch für die Gefahr 
bezahlen, die er läuft, indem er den vollen Wert der 
Nutzung annimmt. Wird der gesetzliche Zinsfuß genau 
nach dem niedrigsten Marktpreise bestimmt, so ver- 
nichtet er bei ehrenhaften, die Gesetze ihres Landes 
beobachtenden Leuten den Kredit aller derer, die nicht 

Adam Smitli, VolkswolilKlaiul. 11. '^ 



114 Zweites Buch: Das Kapital. 

die allerbeste Sicherheit zu geben vermögen, und zwingt 
sie, sich an Wucherer zu wenden. In einem Lande, wie 
Großbritannien, wo der Regierung zu 3 ° o und Privat- 
leuten bei guter Sicherheit zu 4 und 4V2-'.o Geld ge- 
liehen wird, ist der gegenwärtige gesetzliche Zinsfuß, 
5"/o, wohl ein ganz angemessener. 

Es ist jedoch darauf zu achten, daß der gesetzliche 
Zinsfuß zwar etwas, aber nicht viel über dem niedrig- 
sten Marktpreise stehen muß. Würde z. B. der gesetz- 
liche Zinsfuß in Großbritannien auf 8 oder 10 "o fest- 
gesetzt, so würde das meiste auszuleihende Geld an 
Verschwender und Projektenmacher gegeben werden, 
da diese allein sich zu so hohen Zinsen verstehen. Be- 
sonnene Leute würden nicht mit ihnen zu konkurrieren 
wagen, da sie für die Nutzung des Geldes nicht mehr 
geben mögen, als einen Teil von dem, was sie durch 
diese Nutzung zu gewinnen hoffen können. Sonach 
würde ein großer Teil des Landeskapitals denjenigen 
Händen, die am ehesten einen einträglichen und vorteil- 
haften Gebrauch davon machen könnten, entzogen und 
anderen zugewendet, die es höchst wahrscheinlich durch- 
bringen und vergeuden würden. Wo hingegen der ge- 
setzliche Zinsfuß nur wenig über dem niedrigsten Markt- 
preis steht, genießen besonnene Leute als Borger immer 
den Vorzug vor Verschwendern und Projektenmachern. 
Der Darleiher erhält von den ersteren fast ebensoviel 
Zinsen, als er von den letzteren nehmen darf, und sein 
Geld ist dabei weit sicherer in den Händen der ersteren, 
als in denen der letzteren. In diesem Falle wird also 
ein großer Teil des Landeskapitals in solche Hände 
gebracht, von denen anzunehmen ist, daß sie es vorteil- 
haft verwenden. 

Kein Gesetz vermag einen niedrigeren Zinsfuß 
zu erzwingen, als die zur Zeit niedrigste Marktrate. 
Trotz des Edikts von 1766, durch welches der König von 



Kap. lY. : Das auf Zinsen ausgeliehene Kapital. 115 

Frankreich den Zinsfuß von 5 auf 4°'o herabzusetzen 
versuchte, wurde doch immerfort zu 5^'o verliehen 
und das Gesetz auf allerlei Art umgangen. 

Der gewöhnliche Preis des Grund und Bodens hängt 
überall von dem üblichen Zinsfuße ab. Wer ein Kapital 
hat, von dem er ein Einkommen zu beziehen wünscht, 
ohne sich mit seiner Verwendung selbst zu befassen, geht 
mit sich zu Rate, ob er Grundbesitz dafür kaufen, oder 
es auf Zinsen ausleihen soll. Die bessere Sicherheit der 
Ländereien in Verbindung mit manchen anderen Vor- 
teilen, die fast überall mit dieser Art von Besitz ver- 
knüpft sind, wird ihn gewöhnlich geneigt machen, sich 
mit einem geringeren Einkommen aus Grundbesitz zu 
begnügen, um dem höheren, das er durch Ausleihen 
seines Geldes gewinnen könnte, zu entsagen. Jene Vor- 
teile sind groß genug, um einen kleinen Verlust im 
Einkommen auszugleichen; aber sie gleichen doch nur 
einen kleinen Verlust aus, und wenn die Grundrente 
weiter hinter dem Geldzins zurückbliebe, würde niemand 
Grundbesitz kaufen und dieser letztere dadurch selbst 
bald im Preise sinken. Überträfen dagegen jene Vor- 
teile den Unterschied erheblich, so würde jedermann 
Grundbesitz kaufen, und dieser würde dadurch bald 
wieder im Preise steigen. Als die Zinsen 10 "/o 
betrugen, verkaufte man Grundbesitz gewöhnlich für 
das zehn- bis zwölffache seines jährlichen Ertrages. 
Als der Zinsfuß auf 6, 5 und -1° o sank, stieg der Preis 
des Grundbesitzes auf das zwanzig-, fünfundzwanzig- 
und dreißigfache des jährlichen Ertrages. Der gewöhn- 
liche Zinsfuß ist in Frankreich höher als in England; 
der gewöhnliche Preis des Grundbesitzes niedriger. In 
England verkauft man ihn in der Regel für das dreißig- 
fache, in Frankreich für das zwanzigfache des Jahres 
ertrages. 



S* 



Fünftes Kapitel. 
Die verschiedenen Kapitalanlagen. 

Obwohl alle Kapitalien nur zum Unterhalt pro- 
duktiver Arbeit bestimmt sind, so ist doch die Arbeits- 
menge, die von gleich großen Kapitalien in Bewegung 
gesetzt werden kann, je nach der verschiedenen Ver- 
wendung der Kapitalien sehr verschieden und nicht 
minder ist dies der Wert, den ihre Anwendung zu dem 
jährlichen Boden- und Arbeitsertrag hinzufügt. 

Ein Kapital kann in vier verschiedenen Arten an- 
gelegt werden, entweder erstens zur Hervorbringung der 
Rohprodukte, die jährlich für den Verbrauch der Gesell- 
schaft erforderlich sind, oder zweitens zur Verarbeitung 
dieser Rohprodukte zum unmittelbaren Gebrauch und 
Verbrauch, oder drittens zum Transport der rohen oder 
verarbeiteten Produkte von den Plätzen, wo sie reich- 
lich vorhanden sind, nach denen, wo man ihrer bedarf^ 
oder endlich viertens zu ihrer Teilung in so kleine 
Teilchen wie sie dem unmittelbaren Bedürfnisse derer, 
die sie brauchen, entsprechen. In ersterer Art werden 
die Kapitalien aller derer angelegt, die die Kultur oder 
den Betrieb von Landgütern, Bergwerken und Fische- 
reien unternehmen, in der zweiten Art die Kapitalien 
der gewerblichen Unternehmer, in der dritten die Kapi- 
talien der Grossisten, in der vierten die der Detaillisten. 
Kapitalanlagen, die nicht in die eine oder andere dieser 
Kategorien gehörten, lassen sich kaum denken. 



Kap. Y. : Die verschiedenen Kapitalanlagen. 117 

Jede dieser vier Arten, Kapital anzulegen, ist für 
den Bestand oder die Ausdehnung der drei übrigen nicht 
minder wie zum allgemeinen Wohlbefinden der Gesell- 
schaft durchaus erforderlich. Ohne Kapitalanlagen zur 
Hervorbringung von Produkten könnten weder Grewerbe 
noch Handel in ausreichender Menge bestehen. Ohne 
Kapitalanlagen zur industriellen Verarbeitung der Roh- 
produkte, die einer Veredelung bedürfen, ehe sie sich 
zum Ge- und Verbrauch eignen, würden diese niemals 
hervorgebracht werden, weil keine Nachfrage darnach 
vorhanden wäre, oder sie würden, falls sie freiwillig 
wachsen, keinen Tauschwert haben und zum Wohlstande 
der Gesellschaft nichts beitragen können. Ohne Kapital- 
anlagen zum Transport der rohen oder verarbeiteten 
Produkte von den Orten, wo sie reichlich vorhanden 
sind, nach denen, wo man ihrer bedarf, könnte von diesen 
Produkten nicht mehr hervorgebracht werden als für den 
Gebrauch der Umgegend erforderlich wäre. Das Kapital 
des Kaufmanns vertauscht das überschüssige Produkt 
des einen Orts gegen das eines anderen, ermutigt dadurch 
in beiden Orten die Gewerbtätigkeit und vermehrt deren 
Genußmittel. Ohne Kapitalanlagen zur Teilung der 
rohen und verarbeiteten Produkte in so kleine Teilchen, 
daß sie dem unmittelbaren Verbrauch derer, die ihrer 
bedürfen, entsprechen, würde jedermann gezwungen 
sein, eine größere Menge von Waren zu kaufen, als 
sein unmittelbares Bedürfnis erfordert. Gäbe es z. B. 
keinen Fleischhandel, so müßte jeder auf einmal einen 
Ochsen oder ein ganzes Schaf kaufen. Dies wäre ge- 
wöhnlich schon für die Reichen recht unbequem, für 
die Armen noch weit lästiger. Wenn ein armer Arbeiter 
genötigt wäre, auf einmal Ijebensmittel für einen oder 
für sechs Monate zu kaufen, so müßte er einen großen 
Teil des Vorrats, den er in den Werkzeugen oder in 
den Geräten seiner Werkstätte als Kapital benutzt und 



\IQ Zweites Buch: Das Kapital. 

der ihm ein Einkommen bringt, dem zum unmittelbaren 
Verbrauch bestimmten Vorrat, der ihm kein Einkommen 
liefert, zuweisen. Nichts kann daher für einen solchen 
Mann bequemer sein, als daß er seine Lebensmittel 
von Tag zu Tag, oder selbst von Stunde zu Stunde, 
wie er sie gerade braucht, kaufen kann. Dadurch allein 
wird es ihm möglich, beinahe seinen ganzen Vorrat 
als Kapital zu verwenden. Er kann nun in gröf3erem 
Maßstab arbeiten, und der dadurch erzielte Gewinn 
gleicht den höheren Preis, den der Kleinhändler als 
seinen Gewinn auf die Waren schlägt, reichlich aus. 
Die Vorurteile mancher Publizisten gegen die Krämer 
und kleinen Geschäftsleute sind völlig grundlos. Es 
ist keineswegs nötig, sie zu besteuern oder ihre Zahl 
zu beschränken, denn selbst bei der größten Vermehrung 
können sie dem Publikum nicht schaden, während sie 
allerdings gegenseitig sich Schaden zufügen. Die Menge 
von Materialwaren z. B., die in einer Stadt verkauft 
werden können, ist durch die Nachfrage in der Stadt 
und ihrer Umgegend begrenzt. Darum kann im Ma- 
terialwarenhandel nicht mehr Kapital angelegt werden, 
als zum Ankauf dieser Menge erforderlich ist. Ist dieses 
Kapital zwischen zwei Händlern geteilt, so wird der 
Wettbewerb sie zwingen, wohlfeiler zu verkaufen, als 
wenn es in einer Hand vereinigt wäre, und wäre das 
Kapital unter zwanzig verteilt, so würde ihre Konkurrenz 
um soviel größer und die Möglichkeit, daß sie sich zu 
einer Preiserhöhung verabreden könnten, um ebensoviel 
geringer sein. Ihr Wettbewerb würde vielleicht einige 
von ihnen zu Grunde richten; dies ist jedoch ihre eigene 
Sorge und kann ihnen getrost überlassen werden. Es 
kann weder den Konsumenten noch den Produzenten 
schaden; im Gegenteil, es muß dahin führen, daß die 
Kleinhändler wohlfeiler verkaufen, als sie tun würden, 
wenn der ganze Handel von einer oder zwei Personen 



Kap. v.: Die verschiedenen Kapitalanlagen. 119 

monopolisiert wäre. Bisweilen mag freilich ein gut- 
mütiger Kunde von ihnen verleitet werden, etwas zu 
kaufen, was er nicht braucht. Dies Übel ist jedoch 
nicht so groß, daß es die Beachtung der Behörden 
verdiente, und würde auch durch Beschränkung der 
Zahl der Kleinhändler schwerlich verhütet werden kön- 
nen. Es ist nicht die Menge der Bierhäuser, um hier 
das bedenklichste Beispiel anzuführen, die unter den 
Leuten den Hang zum Trunk hervorbringt, sondern 
umgekehrt, dieser Hang, der aus anderen Ursachen 
entspringt, setzt die vielen Bierhäuser in Nahrung. 

Wer seine Kapitalien in einer jener vier Arten an- 
legt, ist selbst ein produktiver Arbeiter. Wird diese 
Arbeit richtig geleitet, so fixiert und realisiert sie sich 
in dem Gegenstande oder der verkäuflichen Ware, auf 
die sie verwendet wird, und fügt ihrem Preise mindestens 
den Wert ihrer eigenen Unterhaltung und Konsumtion 
hinzu. Die Gewinne des Pächters, des Gewerbtreiben- 
den, des Grossisten und Kleinhändlers kommen sämtlich 
von dem Preise der Waren her, die die beiden ersteren 
hervorbringen und die beiden letzteren kaufen und ver- 
kaufen. Doch werden gleiche Kapitalien, je nachdem 
sie in der einen oder anderen Art angelegt sind, un- 
mittelbar sehr verschiedene Mengen produktiver Arbeit 
in Bewegung setzen und auch den Wert des jährlichen 
Boden- und Arbeitsertrags in sehr ungleichem Verhältnis 
vermehren. 

Das Kapital des Kleinhändlers erstattet das des 
Grossisten, von dem er seine Waren bezieht samt dessen 
Gewinn zurück und ermöglicht letzterem dadurch die 
Fortführung seines Geschäfts. Der Kleinhändler selbst 
ist hierbei der einzige produktive Arbeiter, den das 
Kapital unmittelbar beschäftigt. In seinem Gewinn 
besteht der ganze Wert, den diese Kapitalanlage dem 
jährlichen Boden- und Arbeitsertrage der Gesellschaft 
hinzufügt. 



120 Zweites Buch: Das Kapital. 

Das Kapital des Großhändlers erstattet das der 
Landwirte und Gewerbtreibenden, von denen er die 
rohen und verarbeiteten Produkte, mit denen er han- 
delt, bezieht, samt deren Gewinn zurück und ermöglicht 
ihnen dadurch die Fortführung ihrer Geschäfte. Nament- 
lich durch diesen Dienst trägt er indirekt dazu bei, 
die produktive Arbeit der Gesellschaft zu unterstützen 
und den Wert des Jahresertrags zu erhöhen. Sein 
Kapital beschäftigt auch die Seeleute und Frachtführer, 
die seine Waren von einem Ort zum andern befördern 
und erhöht den Preis der Waren nicht nur um den 
Betrag seiner eigenen Gewinne, sondern auch um den 
Betrag der an jene bezahlten Löhne. Dies ist die ganze 
produktive Arbeit, die sein Kapital unmittelbar in Be- 
wegung setzt und der ganze Wert, den es unmittelbar 
dem Jahresertrag hinzufügt. In beiden Beziehungen 
ist jedoch die AVirkung eine viel bedeutendere als die 
des Kapitals der Kleinhändler. 

Ein Teil der Kapitalien des Gewerbtreibenden ist 
als stehendes Kapital in den Werkzeugen angelegt und 
erstattet das Kapital anderer Gewerbtreibenden, von 
denen er sie kauft, mit den entsprechenden Gewinnen 
zurück. Ein Teil seines Umlaufskapitals wird auf den 
Ankauf von Rohstoffen verwendet und erstattet die 
Kapitalien der Landwirte und Bergwerksbesitzer, von 
denen er sie kauft, mit den entsprechenden Gewinnen 
zurück. Ein bedeutender Teil seines Kapitals jedoch 
ist stets entweder jährlich oder in kürzeren Zeiträumen 
unter die Arbeiter verteilt, die er beschäftigt. Es ver- 
mehrt den Wert der Rohstoffe um den Arbeitslohn 
und den Unternehmergewinn, der aus dem auf Arbeits- 
löhne, Rohstoffe und Werkzeuge verwendeten Gesamt- 
kapital gezogen wird und es setzt daher unmittelbar 
eine weit größere Menge produktiver Arbeit in Bewe- 
gung und fügt dem jährlichen Boden- und Arbeitsertrage 



Kap. v.: Die verschiedenen Kapitalanlagen. 121 

der Gesellschaft einen weit größeren Wert hinzu, als 
durch ein gleiches Kapital in den Händen eines Grossi- 
sten geschieht. Kein Kapital von gleicher Größe setzt 
aber eine größere Menge produktiver Arbeit in Bewe- 
gung, als das des Landwirts. Nicht nur seine Knechte 
und Mägde, sondern auch seine Arbeitstiere sind pro- 
duktive Arbeiter. Ja die Natur selbst arbeitet in der 
Landwirtschaft mit dem Menschen zusammen, und was 
sie hervorbringt, hat, obwohl die Arbeit nichts kostet, 
doch ebenso gut seinen Wert, als die Produkte der 
teuersten Arbeiter. Die wichtigsten Verrichtungen der 
Landwirtschaft haben den Zweck, die Fruchtbarkeit 
der Natur nicht sowohl zu erhöhen, obwohl auch dies 
geschieht, als sie auf die Erzeugung der dem Menschen 
nützlichen Pflanzen zu lenken. Ein mit Dornen und 
Disteln bewachsenes Feld kann oft ebensoviel Pflanzen 
hervorbringen, als der bestangebaute Weinberg oder 
Kornacker. Das Pflanzen und Beackern dient mehr da- 
zu, die tätige Fruchtbarkeit der Natur zu regeln als zu 
beleben, und nach aller Arbeit der Menschen bleibt 
der Natur noch immer das meiste zu tun übrig. Die 
Arbeiter und die Arbeitstiere, die in der Landwirtschaft 
gebraucht werden, bringen also nicht nur, wie die 
Arbeit in den Manufakturen, den Wert ihres eigenen 
Verbrauchs oder des Kapitals, das sie beschäftigt, nebst 
den Gewinnen seines Besitzers, sondern einen weit 
höheren Wert hervor. Sie bringen außer dem Kapital 
und Gewinn des Pächters in der Regel auch eine Rente 
für den Grundherrn hervor. Diese Rente kann als der 
Ertrag der Naturkräfte angesehen werden, deren Nutz- 
ung der Grundherr dem Pächter überläßt. Sie ist je 
nach dem vorausgesetzten Umfang dieser Kräfte, oder 
mit anderen Worten, je nach der vorausgesetzten natür- 
lichen oder künstlichen Fruchtbarkeit des Bodens größer 
oder kleiner. Sie ist das Werk der Natur, das nach 



122 Zweites Buch: Das Kapital. 

Abzug alles dessen, was als Menschenwerk betrachtet 
werden kann, übrig bleibt und beträgt selten weniger 
als ein Viertel, oft aber mehr als ein Drittel des Ge- 
samtertrags. Niemals kann eine gleiche Menge pro- 
duktiver Arbeit in den Gewerben eine so bedeutende 
Reproduktion erzielen. In den Gewerben tut die Natur 
nichts, der Mensch alles, und die Reproduktion richtet 
sich notwendig immer nach der Stärke der dabei täti- 
gen Kräfte. Das in der Landwirtschaft angelegte Ka- 
pital setzt daher nicht allein eine größere Menge pro- 
duktiver Arbeit in Bewegung, als ein gleich großes in 
den Gewerben angelegtes Kapital, sondern es fügt 
auch im Verhältnis zu der Menge produktiver Arbeit, 
die es beschäftigt, dem jährlichen Boden- und Arbeits- 
ertrag des Landes, dem wahren Reichtum und Ein- 
kommen seiner Bewohner, einen weit größeren Wert 
hinzu. Es ist unter allen Arten der Kapitalanlagen 
die für die Gesellschaft bei weitem vorteilhafteste. 

Die in der Landwirtschaft und im Kleinhandel 
einer Gesellschaft angelegten Kapitalien bleiben stets 
innerhalb dieser Gesellschaft. Ihre Verwendung ist auf 
einen bestimmten Ort, auf das Gut oder den Boden des 
Detaillisten beschränkt; auch gehören sie mit wenigen 
Ausnahmen ansäßigen Mitgliedern der Gemeinde. 

Das Kapital eines Grossisten scheint dagegen nir- 
gends einen festen oder notwendigen Sitz zu haben, 
sondern kann von Ort zu Ort wandern, je nachdem es 
billig zu kaufen oder teuer zu verkaufen vermag. 

Das Kapital des Gewerbtreibenden muß allerdings 
auch da bleiben, wo das Gewerbe betrieben wird, aber 
der Ort, wo dies geschieht, ist nicht immer notwendig- 
festgesetzt, sondern kann vom Platze der Rohstoff- 
erzeugung wie des Verbrauchs weit entfernt sein. 
Lyon ist sowohl von dem Orte, der seine Fabrikmate- 
rialien liefert, als von denen, wo seine Fabrikate ver- 



Kap. v.: Die verschiedenen Kapitalanlagen. I2'i 

braucht werden, weit entfernt. Die vornehmen Leute 
Siziliens tragen seidene Kleider von dem in Sizilien 
hervorgebrachten llohstoff, die in anderen Ländern 
hergestellt wurden. Ein erheblicher Teil der Wolle 
Spaniens wird in Großbritannien verarbeitet und zum 
Teil als Tuch wieder nach Spanien zurückgesendet. 

Ob der Kaufmann, dessen Kapital die überschüssi- 
gen Produkte eines Volks ausführt, ein Einheimischer 
oder Fremder ist, macht wenig Unterschied. Ist er ein 
Fremder, so ist die Zahl der produktiven Arbeiter im 
Volke notwendig um einen geringer, als wenn er ein 
Eingeborner wäre, und auch der Wert des Jahreser- 
trags ist um den Gewinn dieses einen geringer. Die 
Seeleute oder Frachtführer, die er beschäftigt, können 
ohne Unterschied seinem Lande oder jenem oder einem 
dritten Lande angehören. Das Kapital eines Fremden 
verleiht den überschüssigen Produkten des Volks durch 
ihren Austausch gegen andere Dinge, für die im Lande 
Nachfrage besteht, ebenso gut einen Wert, wie das 
eines Einheimischen. Es erstattet das Kapital des- 
jenigen, der den Überschuß erzeugt, ebensogut zurück 
und ermöglicht ihm die Fortführung seiner Geschäfte 
ebensogut. Und dies ist ja der Dienst, durch den 
das Kapital eines Grossisten hauptsächlich dazu bei- 
trägt, die produktive Arbeit zu unterstützen und den 
Wert des Jahresertrags des Volks, dem er angehört, 
zu erhöhen. 

Von größerem Belang ist es, ob das Kapital der 
Gewerbtreibenden im Lande seinen Sitz hat. Es setzt 
in diesem Falle notwendig eine größere Menge produk- 
tiver Arbeit in Bewegung, und fügt dem jährlichen 
Boden- und Arbeitsertrage der Gesellschaft einen grö- 
ßeren Wort hinzu. Doch kann es dem Lande immer- 
hin sehr nützlich sein, wenn es auch nicht in ihm 
seinen Sitz hat. Die Kapitalien der britischen Fabri- 



124 Zweites Buch: Das Kapital. 

kanten, die den jährlich von den baltischen Küsten 
zugeführten Flachs und Hanf verarbeiten, sind den 
Ländern, wo er erzeugt wird, gewiß sehr nützlich. 
Diese Rohstoffe sind ein Teil des überschüssigen Pro- 
duktes jener Länder, der, wenn er nicht jährlich gegen 
Dinge, die man dort begehrt, vertauscht würde, keinen 
Wert hätte, und bald gar nicht mehr erzeugt werden 
würde. Die Kaufleute, die ihn ausführen, erstatten 
die Kapitalien derer zurück, die ihn hervorbringen, 
und ermuntern sie dadurch, den Anbau fortzusetzen ; 
und 'den Kaufleuten wird von britischen Fabrikanten 
ihr Kapital zurückerstattet. 

Ein Land kann ebenso, wie eine Person, oft nicht 
Kapital genug haben, um sowohl alle seine Ländereien 
anzubauen, als auch seine ganzen Rohprodukte zu ver- 
arbeiten und den überschüssigen Teil der rohen oder 
verarbeiteten Produkte auf die entfernten Märkte zu 
bringen, wo er gegen andere daheim begehrte Waren 
vertauscht werden kann. Die Bewohner vieler Teile 
Großbritanniens haben nicht Kapital genug, um all" 
ihre Ländereien anzubauen. Die Wolle der südlichen 
Gi-rafschaften Schottlands wird großenteils, nach einer 
langen Landfracht auf jämmerlichen Straßen, in York- 
shire verarbeitet, weil es am Erzeugungsorte an Kapital 
zur Verarbeitung gebricht. Auch gibt es in Groß- 
britannien viele kleine Fabrikstädte, deren Einwohner 
nicht Kapital genug haben, um die Erzeugnisse ihrer 
Industrie auf die entfernten Märkte zu schaffen, wo 
Nachfrage danach und Verbrauch davon ist. Wenn 
es einige Kaufleute unter ihnen gibt, so sind diese 
eigentlich doch nur die Agenten reicherer Kaufleute, 
die in größeren Handelsstädten wohnen. 

Wenn das Kapital eines Landes nicht zu allen 
drei Zwecken hinreicht, so wird die Menge produktiver 
Arbeit, die es innerhalb des Landes in Gang setzt, um 



Kap. v.: Die verschiedenen Kapitalanlagen. 125 

SO größer und der Wert, den es dem jährlichen Boden- 
und Arbeitsertrage der Gesellschaft hinzufügt, desto 
höher sein, je mehr Kapital auf die Landwirtschaft 
verwendet wird. Nächst der Landwirtschaft setzt das 
in der Industrie angelegte Kapital die grüI5te Menge 
produktiver Arbeit in Bewegung, und fügt dem Jahres- 
ertrag den größten Wert hinzu. Das im Ausfuhr- 
handel angelegte Kapital hat unter allen dreien die 
geringste Wirkung. 

Das Land, das nicht hinreichendes Kapital für alle 
drei Zwecke besitzt, ist allerdings noch nicht zu dem 
Grade von Wohlstand gelangt, für den es von der 
Natur bestimmt scheint. Allein der Versuch, vorzeitig 
und mit unzureichendem Kapital alle drei Zwecke zu 
verfolgen, wäre freilich für ein Volk ebensowenig wie 
für einen Einzelnen der kürzeste Weg, ein hinläng- 
liches Kapital zu gewinnen. Das Kapital aller Indivi- 
duen einer Nation hat gerade so, wie das eines Ein- 
zelnen, seine Grenzen, und vermag nur gewisse Zwecke 
zu erfüllen. Auch nimmt das Kapital aller Individuen 
einer Nation ebenso, wie das eines Einzelnen, nur durch 
langsame Anhäufung der Ersparnisse aus ihren Ein- 
künften zu, und wird daher wahrscheinlich am schnell- 
sten zunehmen, wenn es so angelegt wird, daß es allen 
Einwohnern des Landes das größte Einkommen liefert, 
da sie dann imstande sind, die größten Ersparnisse zu 
machen. Das Einkommen aller Einwohner eines Landes 
richtet sich aber notwendig nach dem Werte des jähr- 
lichen Ertrags ihres Bodens und ihrer Arbeit. 

Die Hauptursache des schnellen Fortschritts unsrer 
amerikanischen Kolonien zu Reichtum und Größe war 
die, daß sie bisher fast alle ihre Kapitalien auf die 
Landwirtschaft verwendeten. Sie haben auI3er jenen 
aufs Haus beschränkten und gröberen Gewerben, die 
notwendig den Fortschritt des Ackerbaus begleiten 
und die Beschäftigung der Weiber und Kinder aller 



126 Zweites Buch: Das Kapital. 

Familien bilden, keine Manufakturen. Der größere Teil 
ihres Ausfuhr- und Küstenhandels wird mit den Ka- 
pitalien von Kaufleuten betrieben, die in Großbritannien 
wohnen. In einigen Provinzen, besonders in Virginien 
und Maryland, gehören selbst die Speicher und Waren- 
häuser der Detaillisten großenteils Kaufleuten, die im 
Mutterlande wohnen, und bieten eines der wenigen Bei- 
spiele dar, wie der Kleinhandel eines Volks mit den 
Kapitalien von Leuten betrieben wird, die nicht seine 
ansässigen Glieder sind. Wollten die Amerikaner durch 
Koalition oder andere gewaltsame Mittel die Einfuhr 
europäischer Manufakturwaren hemmen, denjenigen 
ihrer Landsleute, welche dieselben Waren herstellen 
könnten, ein Monopol geben und so einen großen Teil 
ihres Kapitals in diese Erwerbszweige lenken, so würden 
sie die weitere Zunahme im Werte ihres Jahresertrags 
verzögern, statt ihn zu beschleunigen, und den Fort- 
schritt ihres Landes zu wahrem Reichtum und wahrer 
Größe hemmen, statt ihn zu befördern. Dies würde 
noch mehr der Fall sein, wenn sie es versuchten, in 
derselben Weise ihren gesamten Ausfuhrhandel zu 
monopolisieren. 

Der Aufschwung eines Volkes scheint in der Tat 
fast niemals so lange angedauert zu haben, um ein 
großes Land für alle drei Zwecke hinreichende Kapita- 
lien erwerben zu lassen; man müßte denn den wunder- 
baren Erzählungen von dem Reichtum und der Kultur 
Chinas, des alten Egyptens und von dem früheren Zu- 
stande Hindostans Glauben schenken. Selbst diese drei 
Länder, nach allen Berichten die reichsten, die es je- 
mals gegeben hat, sind vorzugsweise wegen der hohen 
Stufe ihrer Landwirtschaft und Industrie berühmt ; da- 
gegen ragten sie im auswärtigen Handel keineswegs 
hervor. Die alten Egypter hatten einen abergläubischen 
Widerwillen gegen das Meer; ein ganz ähnlicher Aber- 
glaube herrschte unter den Indiern; und die Chinesen 



Kap. v.: Die verschiedenen Kapitalanlagen. 127 

zeichneten sich niemals im auswärtigen Handel aus. 
Die meisten überschüssigen Produkte dieser drei Länder 
scheinen von jeher durch Ausländer ausgeführt worden 
zu sein, die ihnen dafür andere Dinge, wonach dort 
Begehr war, am häufigsten Gold und Silber, in Tausch 
gaben. 

Gleiche Kapitalien werden also in einem Lande 
je nach dem Verhältnis, in denen sie im Ackerbau, 
in den Gewerben und im Großhandel angelegt sind, 
eine größere oder geringere Menge produktiver Arbeit 
in Bewegung setzen und den Wert des Jahresertrags 
seines Bodens und seiner Arbeit mehr oder minder 
erhöhen. Auch ist der Unterschied je nach den ver- 
schiedenen Zweigen des Großhandels, in denen ein 
Teil davon angelegt ist, sehr bedeutend. 

Aller Großhandel, alles Kaufen zum Zweck des 
Wiederverkaufs im Großen, läßt sich auf drei Gattun- 
gen zurückführen: den Binnenhandel, den auswärtigen 
Handel für den Verbrauch und den Zwischenhandel. 
Der Binnenhandel kauft die Produkte des Gewerb- 
fleißes in einer Gegend des Landes und verkauft sie 
in der andern; er umfaßt sowohl den Innern als den 
Küstenhandel. Der auswärtige Handel für den Ver- 
brauch kauft fremde Waren für den inländischen Ver- 
brauch. Der Zwischenhandel vermittelt den Verkehr 
fremder Länder, d. h. er führt die überschüssigen Pro- 
dukte des einen dem andern zu. 

Das Kapital, das dazu dient, in einem Teile des 
Landes die Produkte des heimischen Gewerbfleißes zu 
kaufen, um sie im andern zu verkaufen, ersetzt durch 
jede solche Tätigkeit in der Regel zwei gesonderte Ka- 
pitalien, die beide im Ackerbau oder in der Industrie 
des Landes angelegt waren, und macht es ihnen da- 
durch möglich, in dieser Anlage zu verbleiben. So oft 
es dem Kaufmann zur Entsendung einer Partie Waren 
dient, bringt es gewöhnlich einen mindestens gleichen 



228 Zweites Buch: Das Kapital. 

Wert in anderen Waren zurück. Sind beide Produkte 
des einheimischen Gewerbfleißes, so ersetzt das Kapital 
notwendig mit jeder solchen Tätigkeit zwei verschie- 
dene Kapitalien, die beide zum Unterhalt produktiver 
Arbeit dienten und es dadurch einander möglich 
machten, dies auch ferner zu tun. Das Kapital, das 
schottische Manufakturwaren nach London sendet und 
englisches Getreide und englische Manufakturwaren 
nach Edinburgh zurückbringt, ersetzt notwendig durch 
jede solche Tätigkeit zwei britische Kapitalien, die 
beide in der Landwirtschaft oder in der Industrie 
Großbritanniens angelegt waren. 

Auch das zum Kauf ausländischer Waren für den 
heimischen Verbrauch verwendete Kapital ersetzt, wenn 
dieser Kauf mit Landeserzeugnissen bestritten wird, 
durch jede solche Tätigkeit zwei verschiedene Kapi- 
talien; aber nur eins von ihnen dient zum Unterhalt 
des inländischen Gewerbfleißes. Das Kapital, das bri- 
tische Waren nach Portugal sendet und portugiesische 
nach Großbritannien zurückbringt, ersetzt durch jede 
solche Tätigkeit nur ein britisches Kapital. Das andere 
ist ein portugiesisches. Wenn daher auch der Umsatz 
im auswärtigen Handel eben so rasch wie im inländi- 
schen sein sollte, so gewährt er dem Gewerbfleiß oder 
der produktiven Arbeit des Landes doch nur halb so 
viel Ermutigung. 

Die Erträge des auswärtigen Handels gehen aber 
nur selten so schnell ein, wie die des Binnenhandels. 
Die Erträge des letzteren gehen gewöhnlich vor Ende 
des Jahres und zuweilen drei bis vier mal im Jahre, die 
Erträge des auswärtigen Handels dagegen selten vor 
Ende des Jahres und manchmal erst nach zwei oder 
drei Jahren ein. Ein im Binnenhandel angelegtes Kapital 
macht daher oft zwölf Umschläge oder geht zwölf Mal 
hin und her, ehe ein im auswärtigen Handel angelegtes 
einen einzigen gemacht hat. Sind also beide Kapitalien 



Kap. v.: Die verschiedenen Kapitalanlagen. 129 

gleich groß, so gewährt das eine dem Gewerbfleiß des 
Landes vierundzwanzig Mal mehr Aufmunterung und 
Unterstützung als das andere. 

Die ausländischen Waren für den inländischen 
Verbrauch werden häufig nicht mit Produkten des hei- 
mischen Fleißes, sondern mit anderen ausländischen 
"Waren gekauft. Diese letzteren jedoch müssen entweder 
unmittelbar mit den Erzeugnissen des heimischen Fleißes 
oder mit sonst etwas, was mit diesen erkauft wurde, ge- 
kauft worden sein ; denn abgesehen von Krieg und Er- 
oberung können ausländische Waren nie anders erwor- 
ben werden, als durch Tausch für etwas, das im Lande, 
sei es unmittelbar oder nach zwei oder mehreren ver- 
schiedenen Umsätzen, produziert worden ist. Die Wir- 
kungen des in einem weitschweifigen Außenhandel an- 
gelegten Kapitals sind mithin in jeder Hinsicht die 
nämlichen, wie die eines im direktesten Handel der 
Art angelegten, nur daß die schließlichen Erträge wohl 
noch später eingehen, da sie von den Erträgen zweier 
oder dreier verschiedener auswärtiger Umsätze abhän- 
gen. Wenn der Flachs und Hanf ßigas mit dem Tabak 
Virginiens gekauft wird, der seinerseits mit britischen 
Manufaktur waren gekauft wurde, so muß der Kauf- 
mann auf die Einnahmen zweier auswärtiger Umsätze 
warten, ehe er dasselbe Kapital zum erneuten Ankauf 
einer gleichen Menge britischer Manufakturwaren ver- 
wenden kann. Falls der virginische Tabak nicht mit 
britischen Manufaktur waren, sondern mit Bum und 
Zucker von Jamaika, der selbst erst für jene Manu- 
fakturwaren eingehandelt wurde, gekauft worden ist, 
muß er auf die Eingänge von drei Umsätzen warten. 
Würden diese zwei oder drei auswärtigen Umsätze von 
zwei oder drei Kaufleuten gemacht, von denen der 
zweite die vom ersten, und der dritte die vom zweiten 
eingeführten Waren behufs Wiederausfuhr kauft, so 

All am Smith, Volkswublstaml. II. !> 



I3Q Zweites Buch: Das Kapital. 

würde allerdings jeder die Erträge seines Kapitals schnel- 
ler erhalten; aber die schließlichen Eingänge vom ganzen 
in dem Geschäft angelegten Kapital würden gerade so 
langsam sein, wie sonst. Ob das gesamte in einem so 
weitschweifigen Handel angelegte Kapital einem oder 
drei Kaufleuten gehört, kann für das Land keinen 
Unterschied machen, sondern nur für die einzelnen 
Kaufleute. In beiden Fällen wird ein dreimal größeres 
Kapital gebraucht, um einen gewissen Betrag britischer 
Manufakturwaren gegen eine gewiße Menge Flachs 
und Hanf umzutauschen, als nötig gewesen wäre, wenn 
die Manufakturwaren und der Flachs und Hanf un- 
mittelbar gegen einander vertauscht worden wären. 
Das in einem so weitschweifigen Außenhandel angelegte 
Gesamtkapital gewährt deshalb der produktiven Arbeit 
des Landes gewöhnlich weniger Aufmunterung und 
Unterstützung, als ein gleich großes Kapital, das auf 
einen mehr direkten Handel derselben Art verwendet 
wird. 

Welche ausländische Ware es auch sei, mit der 
die ausländischen Waren für den innern Verbrauch ge- 
kauft werden, ein wesentlicher Unterschied kann da- 
durch weder in der Natur des Handels, noch in der 
Aufmunterung und Unterstützung, die er der produk- 
tiven Arbeit des ihn betreibenden Landes gewährt, herbei- 
geführt werden. Wird sie z. B. mit dem Golde Bra- 
siliens oder dem Silber Perus gekauft, so muß dies 
Gold und Silber ebenso wie der virginische Tabak 
mit etwas gekauft worden sein, das entweder ein Produkt 
des Landes, oder mittelst eines solchen bezahlt war. 
Soweit also die produktive Arbeit des Landes in Betracht 
kommt, hat der mittelst Gold und Silber betriebene 
Außenhandel die Vorteile und Nachteile jedes anderen 
weitschweifigen Außenhandels, und erstattet das Kapi- 
tal, das unmittelbar zui- Unterstützung dieser produk- 



Kap. v.: Die verschiedenen Kapitalanla,o-en. jßx 

tiven Arbeit verwendet wurde, nicht schneller und 
nicht langsamer zurück. Einen Vorzug scheint er 
allerdings vor jedem anderen gleich weitschweifigen 
Außenhandel zu haben. Die Versendung jener Metalle 
von einem Orte zum andern ist wegen ihres geringeren 
Umfangs und größeren Werts weniger kostspielig, als 
die Versendung fast aller anderen auswärtigen Waren 
von gleichem Werte. Ihre Frachtkosten sind weit ge- 
ringer, und ihre Versicherungskosten nicht größer; 
überdies leiden sie weniger als irgend eine andere 
Ware durch den Transport. Man kann daher durch 
Vermittelung von Gold und Silber eine gleiche Menge 
ausländischer Waren oft mit einer kleineren Menge 
einheimischer Erzeugnisse kaufen, als durch Vermit- 
telung einer anderen ausländischen Ware; die Nachfrage 
des Landes kann daher in dieser Weise vollständiger 
und mit weniger Kosten befriedigt werden, als in jeder 
andern. Ob ein Handel dieser Art durch die beständige 
Ausfuhr jener Metalle das Land, von dem er betrieben 
wird, in andrer Beziehung arm machen kann, werde 
ich später ausführlich zu untersuchen haben. 

Der im Zwischenhandel angelegte Teil der Kapi- 
talien eines Landes unterstützt nicht die produktive 
Arbeit dieses Landes, sondern diejenige anderer. Er 
kann zwar durch jede Tätigkeit zwei verschiedene Kapi- 
talien wiedererstatten, aber keines von ihnen gehört 
diesem Lande. Das Kapital des holländischen Kauf- 
manns, das polnisches Getreide nach Portugal schafft 
und die Früchte und Weine Portugals zurückbringt, 
erstattet durch jede solche Tätigkeit zwei Kapitalien 
wieder, von denen keines zur Unterstützung der pro- 
duktiven Arbeit Hollands verwendet ist, sondern eines 
zur Unterstützung derjenigen Polens, das andere zu der- 
jenigen Portugals. Nur die Gewinne kehren regelmäßig 

nach Holland zurück und bilden den ganzen Zuwachs, 

9:5: 



j^32 Zweites Buch: Das Kapital. 

den dieser Handel dem jährlichen Boden- und Arbeits- 
ertrage dieses Landes verschafft. Wenn freilich der 
Zwischenhandel eines Landes mit den eigenen Schiffen 
und Seeleuten betrieben wird, so verteilt sich der darin 
angelegte Teil des Kapitals, der die Fracht zahlt, unter 
eine gewiße Zahl produktiver Arbeiter dieses Landes. 
Fast alle Nationen, die einen beträchtlichen Frachthandel 
trieben, haben ihn tatsächlich so betrieben, und wahr- 
scheinlich hat der Handel selbst seinen Namen davon 
erhalten, daß die Bewohner solcher Länder die Fracht- 
führer für andere Länder sind. Doch ist diesem Handel 
ein derartiger Betrieb nicht unbedingt wesentlich. Ein 
holländischer Kaufmann kann z. B. sein Kapital in der 
Verkehrsvermittelung zwischen Polen und Portugal an- 
legen und einen Teil der überschüssigen Produkte des 
einen dem andern nicht in holländischen, sondern in 
britischen Fahrzeugen zuführen. In manchen Fällen 
geschieht dies wirklich. Man hat deshalb gemeint, der 
Zwischenhandel sei für Länder wie Großbritannien, 
dessen Verteidiguno; und Sicherheit auf der Zahl seiner 
Seeleute und Schiffe beruht, besonders vorteilhaft. 
Allein das gleiche Kapital kann im Außenhandel und 
selbst in der einheimischen Küstenschiffahrt ebenso viele 
Seeleute und Schiffe beschäftigen, als im Zwischenhandel. 
Die Zahl der Seeleute und Schiffe, die ein Land zu 
beschäftigen vermag, hängt nicht von der Natur des 
Handels, sondern teils vom Verhältnis des Umfangs der 
Waren zu ihrem Werte, teils von der Entfernung der 
Häfen, zwischen denen die Waren hin und her gehen, 
ab, und zwar hauptsächlich von dem ersteren dieser 
Umstände. Der Kohlenhandel von Newcastle nach 
London beschäftigt z. B. mehr Schiffe, als der ganze 
Zwischenhandel Englands, obgleich beide Häfen nicht 
weit von einander entfernt sind. Die Rhederei eines 
Landes wird daher nicht immer notwendig dadurch 



Kap. v.: Die verschiedenen Kapitalanlagen. 133 

vermehrt werden, daß man durch besondere Aufmun- 
terung einen größeren Teil des Kapitals in den Zwischen- 
handel drängt, als ihm naturgemäß zufließen würde. 

Das im Binnenhandel angelegte Kapital eines Lan- 
des wird also in der Regel einer größeren Menge pro- 
duktiver Arbeit Aufmunterung und Unterstützung ge- 
währen, und den Wert seines Jahresertrags mehr 
erhöhen, als ein gleich großes im auswärtigen Handel 
angelegtes Kapital; und das auf letztere Art angelegte 
Kapital ist wiederum in beiden Beziehungen vorteil- 
hafter, als ein gleich großes im Zwischenhandel angeleg- 
tes Kapital. Der Reichtum und, sofern Macht vom 
Reichtum abhängt, die Macht eines jeden Landes rich- 
tet sich stets nach dem Wert seines Jahresertrags — 
des Fonds, aus welchem alle Steuern schließlich 
bestritten wei'den müssen. Das große Ziel der poli- 
tischen Ökonomie aller Länder besteht aber darin, den 
Reichtum und die Macht des Landes zu vermehren. 
Sie sollte daher dem auswärtigen Handel keinen Vor- 
zug geben oder ihn mehr ermuntern als den inländischen, 
noch den Zwischenhandel mehr als die beiden andern. 
Sie sollte in keinen dieser beiden Kanäle einen größeren 
Teil des Nationalkapitals drängen oder locken, als 
naturgemäß von selbst hineinfließen würde. 

Jeder dieser Handelszweige ist jedoch nicht nur 
vorteilhaft, sondern auch notwendig und unausbleib- 
lich, wenn der Lauf der Dinge ohne Zwang oder Ge- 
waltsamkeit ihn auf natürliche Weise einführt. 

Wenn die Produkte eines besonderen Industriezwei- 
ges den Bedarf des Landes übersteigen, so muß der 
Überschuß ins Ausland gesendet und gegen etwas ver- 
tauscht werden, wonach im Lande Nachfrage ist. 
Ohne eine solche Ausfuhr müßte ein Teil der produk- 
tiven Arbeit des Landes aufhören, und der Wert seines 
Jahresertrages sich vermindern. Großbritanniens Boden 



134 Zweites Buch: Das Kapital. 

und Arbeit bringt gewöhnlich mehr Getreide, Wollen- 
und Eisenwaren hervor, als der Bedarf des inneren 
Marktes erfordert. Der Überschuß muß daher ins Aus- 
land gesendet und gegen etwas vertauscht werden, 
wonach im Lande Nachfrage ist. Nur durch solche 
Ausfuhr kann jener Überschuß einen hinlänglichen 
Wert erhalten, um die Arbeit und Kosten der Produk- 
tion einzubringen. Die Küstengegenden und die Ufer 
schiffbarer Flüsse bieten nur deshalb der Industrie eine 
vorteilhafte Lage dar, weil sie die Ausfuhr und den 
Austausch solcher überschüssigen Produkte gegen an- 
dere, die im Lande mehr begehrt sind, erleichtern. 

Wenn die ausländischen Waren, die so mit den 
überschüssigen Produkten des heimischen Fleißes ge- 
kauft wurden, die Nachfrage des inländischen Marktes 
übersteigen, so muß der Überschuß wieder ins Ausland 
gesendet und gegen etwas vertauscht werden, wonach 
mehr Nachfrage im Lande ist. Alljährlich werden un- 
gefähr 96000 Oxhoft Tabak in Virginien und Maryland 
mit überschüssigen Produkten des britischen Fleißes 
gekauft; die Nachfrage Großbritanniens jedoch erfordeit 
kaum 14,000. Wenn also die übrigen 82,000 nicht ins 
Ausland geschickt und gegen etwas, v^-onach mehr 
Nachfrage im Lande ist, vertauscht würden, so müßte 
ihre Einfuhr sofort aufhören, und mit ihr auch die 
produktive Arbeit aller der Einwohner Großbritanniens, 
die gegenwärtig mit Herstellung der Waren beschäftigt 
sind, womit die 82,000 Oxhoft jährlich gekauft werden. 
Diese Waren, die ein Teil vom Boden- und Arbeits- 
produkte Großbritanniens sind, haben im Lande selbst 
keinen Mai'kt, und würden, wenn sie auch des auslän- 
dischen Marktes beraubt wären, nicht mehr hervorge- 
bracht werden können. Selbst der weitschweifigste 
Außenhandel kann mithin in manchen Fällen zur Un- 
terstützung der produktiven Arbeit des Landes und 



Kap. v.: Die verschiedenen Kapitalanlagen. 135 

zur Erhöhung des Betrages seiner Jahresproduktion eben- 
so notwendig sein, als der direkteste. 

Wenn der Kapitalvorrat eines Landes sich bis zu 
dem Grade vermehrt hat, daß er in der Beschaffung 
des Bedarfs und in der Unterstützung der produktiven 
Arbeit des Landes nicht mehr volle Beschäftigung 
findet, so bemächtigt sich der Überschuß ganz von selbst 
des Zwischenhandels, und verrichtet dieselben Dienste 
für fremde Länder. Der Zwischenhandel ist die natür- 
liche Wirkung und das Symptom eines großen Volks- 
wohlstandes, scheint aber nicht seine natürliche Ursache 
zu sein. Staatsmänner, die ihn durch besondere Auf- 
munterang begünstigen wollten, scheinen die Wirkung 
und das Symptom irrtümlich als Ursache betrachtet 
zu haben. Holland im Verhältnis zu seiner Gebiets- 
ausdehnung und Einwohnerzahl bei weitem das reichste 
europäische Land, hat demgemäß den größten Zwischen- 
handel in Europa. England, wohl das zweitreichste 
Land Europas, wird gleichfalls als stark daran beteiligt 
angesehen, wiewohl bei näherer Betrachtung sein soge- 
nannter Zwischenhandel nur ein weitschweifiger Außen- 
handel für den Konsum sein dürfte. Von dieser Art 
sind großenteils die Geschäfte, die die Waren Ost- und 
Westindiens sowie Amerikas nach den verschiedenen 
europäischen Märkten befördern. Diese Waren werden 
in der Regel entweder unmittelbar mit Erzeugnissen 
britischen Fleißes oder mit anderen durch sie bezahlten 
Waren gekauft, und die schließlichen Eingänge dieser 
Geschäfte w^erden fast immer in Großbritannien gebraucht 
und verzehrt. Der in britischen Schiffen zwischen den 
verschiedenen Häfen des Mittelmeeres und der in gleicher 
Weise von britischen Kaufleuten zwischen den verschie- 
denen Häfen Indiens betriebene Handel bilden wohl 
die Hauptzweige des eigentlichen Zwischenhandels von 
Großbritannien. 



136 Zweites Bucli: Das Kapital. 

Der Umfang des Binnenhandels und des Kapitals, 
das darin angelegt werden kann, findet notwendig seine 
Grenze an dem Werte der überschüssigen Produkte 
aller der Plätze im Lande, die ihre Produkte mit ein- 
ander austauschen ; der Umfang des auswärtigen Handels 
für den Konsum an dem Betrage der überschüssigen 
Produkte des ganzen Landes und dessen, was damit 
gekauft werden kann ; der Umfang des Zwischenhandels 
am Betrage der überschüssigen Produkte aller Länder 
der Welt. Sein möglicher Umfang ist daher im Ver- 
gleich mit dem der beiden anderen gewissermaßen un- 
endlich, und vermag die größten Kapitalien in sich auf- 
zunehmen. 

Die Rücksicht auf den eigenen Gewinn ist der 
einzige Beweggrund, der den Besitzer eines Kapitals 
bestimmt, es im Ackerbau, in der Industrie oder in 
irgend einem Zweige des Groß- oder Kleinhandels 
anzulegen. Die verschiedenen Mengen produktiver 
Arbeit, die sein Kapital in Bewegung setzen, und die 
verschiedenen Werte, die es dem jährlichen Boden- 
und Arbeitsertrage des Volks hinzufügen kann, je nach- 
dem er das Kapital in der einen oder anderen dieser 
drei Arten anwendet, kommen für ihn nicht in Betracht. 
Daher werden in Ländern, wo die Landwirtschaft das 
gewinnreichste Geschäft und Pachtung und Bodenkultur 
der geradeste Wog zu einem glänzenden Vermögen 
ist, die Kapitalien der Einzelnen naturgemäß in der für 
das ganze Volk ersprieI51ichsten Weise verwendet werden. 
Doch scheinen die landwirtschaftlichen Gewinne in 
keinem Teile Europas bedeutender zu sein, als in an- 
deren Gewerben. Zwar haben Spekulanten seit einigen 
Jahren das Publikum an allen Ecken mit den glänzend- 
sten Schilderungen der Gewinne belustigt, die sich durch 
Anbau und Verbesserung des Bodens machen ließen. 
Ohne in eine Erörterung ihrer Rechnungen einzugehen, 



Kap. V: Die verschiedenen Kapitalanlagen. X37 

werden wir uns durch eine sehr einfache Beobachtung 
überzeugen, daß ihr Ergebnis falsch sein muß. Man 
sieht täglich die glänzendsten Vermögen, die im Laufe 
eines Menschenlebens durch Handel und Industrie er- 
worben wurden, und zwar oft mit einem sehr kleinen, 
ja häufig ohne alles Kapital. Dagegen ist im Laufe 
dieses Jahrhunderts vielleicht kein einziges Beispiel 
in Europa vorgekommen, daß ein solches Vermögen 
in gleicher Zeitdauer uud mit gleichem Kapital durch 
Landwirtschaft erworben worden wäre. Und doch liegt 
in allen großen Ländern Europas noch viel gutes Land 
unbebaut, und der größere Teil des bebauten ist weit 
davon entfernt, in so hohem Maße kultiviert zu sein, als 
er dessen fähig wäre. Der Ackerbau ist daher fast 
überall fähig, ein weit größeres Kapital aufzunehmen, 
als jemals in ihm angelegt worden ist. "Welche Um- 
stände in der europäischen Wirtschaftspolitik den in 
den Städten betriebenen Gewerben einen so großen 
Vorzug vor den auf dem Lande betriebenen verschafft 
haben, daß es Privatleute oft vorteilhafter finden, ihre 
Kapitalien in dem entferntesten Zwischenhandel Asiens 
und Amerikas anzulegen, als zur Verbesserung und 
Kultur der fruchtbarsten Ländereien in ihrer nächsten 
Umgebung, will ich in den beiden folgenden Büchern 
ausführlich zu erläutern suchen. 



Drittes Buch. 

Die verschiedenen Fortschritte zum Reichtum 
bei den verschiedenen Nationen. 

Erstes Kapitel. 
Der natürliche Fortschritt zum Reichtum. 

Der wichtigste Verkehr jeder zivilisierten Gesell- 
schaft ist der, welcher zwischen den Stadtbewohnern 
und den Landleuten geführt wird. Er besteht im 
Austausch der Rohprodukte gegen Fabrikate, entweder 
unmittelbar, oder durch Vermittelung des Geldes oder 
gewisser Geld vertretender Papiere. Das Land versorgt 
die Stadt mit Unterhaltsmitteln und Rohstoffen für die 
Fabrikation. Die Stadt bezahlt diese Lieferungen da- 
durch, daß sie den Landbewohnern einen Teil des 
verarbeiteten Produkts zurückschickt. Von der Stadt, 
in der eine Reproduktion von Substanzen weder statt- 
findet, noch stattfinden kann, darf man mit Recht sa- 
gen, daß sie ihren ganzen Reichtum und ihren Unter- 
halt vom Lande gewinnt. Wir dürfen aber deshalb 
nicht glauben, daß der Gewinn der Stadt ein Verlust 
für das Land sei. Beide gewinnen gegenseitig und 
wechselseitig, und die Teilung der Arbeit ist in diesem, 
wie in allen anderen Fällen vorteilhaft für alle die ver- 
schiedenen Personen, die in den mannigfaltigen Be- 
schäftigungen, in die die Arbeit geteilt ist, Verwendung 
finden. Die Landbewohner kaufen von der Stadt eine 
größere Menge von Fabrikaten mit dem Ertrage einer 



Kap. I: Der natürliche Fortschritt zum Reichtum. 139 

viel kleineren Arbeitsmenge, als sie aufwenden müßten, 
wenn sie die Fabrikate selbst zu verfertigen versuchten. 
Die Stadt bietet einen Markt dar für den überschüssigen 
Ertrag des Landes oder für das, was über den Unter- 
halt der Landwirte selbst erzeugt wird; und in der 
Stadt vertauschen die Landbewohner diesen Überschuß 
gegen andere Artikel, für die bei ihnen Nachfrage be- 
steht. Je größer die Zahl und das Einkommen der 
Stadtbewohner ist, einen desto ausgedehnteren Markt 
bietet die Stadt den Landbewohnern dar; und je aus- 
gedehnter der Markt ist, desto vorteilhafter ist er für 
eine größere Zahl von Personen. Das Korn, das eine 
Meile von der Stadt wächst, wird dort für denselben 
Preis verkauft wie dasjenige, das aus einer Entfernung 
von zwanzig Meilen kommt. Allein der Preis des 
letzteren muß im Allgemeinen nicht nur die Kosten 
der Pflanzung und der Beförderung auf den Markt 
decken, sondern auch den gewöhnlichen Wirtschafts- 
gewinn für den Landwirt. Deshalb gewinnen die Eigen- 
tümer und ßebauer des Landes, das in der Nähe der 
Stadt liegt, in dem Preise dessen, was sie verkaufen, 
außer dem gewöhnlichen Wirtschaftsgewinn den gan- 
zen Wert der Fracht der von entfernteren Gegenden 
zugeführten Produkte; und sie sparen außerdem in 
dem Preise dessen, was sie verkaufen, den ganzen 
Wert der Fracht. Man vergleiche die Kultur der in 
der in der Nähe einer großen Stadt liegenden Ländereien 
mit der Kultur entfernter, und man wird sich leicht 
überzeugen, wie sehr das Land durch den Verkehr 
mit der Stadt gewinnt. Bei allen absurden Meinungen 
über die Handelsbilanz ist doch noch nie behauptet 
worden, daß das Land durch seinen Verkehr mit der 
Stadt oder die Stadt durch ihren Verkehr mit dem Lande 
verliere. 

Da nach der Natur der Dingo der Lebensunter- 



140 Drittes Bucli: Die verschiedenen Fortschritte z. Reichtum. 

halt der Bequemlichkeit und dem Luxus vorangeht, so 
muß notwendig die Industrie, die den ersteren herbei- 
schafft, älter sein, als die, die für die letzteren sorgt. 
Die Bodenkultur, die die Lebensmittel schafft, muß 
daher notwendig dem Entstehen der Stadt, die nur die 
Mittel zu Bequemlichkeit und Luxus liefert, vorangehen. 
Nur die überschüssigen Produkte des Landes, d. h. 
diejenigen, die nach Abzug des Unterhalts seiner Be- 
bauer übrig bleiben, werden zur Ernährung der Stadt 
abgegeben, deren Zunahme daher mit der Zunahme 
jenes Überschusses gleichen Schritt halten muß. Aller- 
dings braucht die Stadt nicht immer alle ihre Lebens- 
mittel vom platten Lande der Umgegend oder sogar 
nur von dem Gebiete zu beziehen, zu dem sie gehört, 
sondern kann sie aus weit entfernten Ländern erhalten ; 
und dies hat, obschon es keine Ausnahme von der 
allgemeinen Regel bildet, in verschiedenen Zeiten und 
Ländern doch beträchtliche Abweichungen im Fortschritt 
des "Wohlstandes verursacht. 

Die Ordnung der Dinge, die im allgemeinen, wenn 
auch nicht in jedem einzelnen Lande, durch die Not- 
wendigkeit aaferlegt ist, wird überall durch die natür- 
lichen Neigungen des Menschen gefördert. Hätten nie- 
mals menschliche Einrichtungen diese natürlichen Nei- 
gungen durchkreuzt, so hätten sich die Städte nirgends 
über das Maß vergrößern können, das durch die Bo- 
denkultur des umliegenden Gebietes vorgezeichnet war, 
wenigstens bis dahin, wo dies Gebiet vollständig kul- 
tiviert w^ar. Bei gleichen oder fast gleichen Gewinnen 
werden es die meisten Menschen vorziehen, ihr Kapital 
lieber in der Landwirtschaft, als in der Industrie oder 
im auswärtigen Handel anzulegen. Wer sein Kapital 
in Grundbesitz anlegt, hat es mehr unter Aufsicht und 
zur Verfügung, und sein Vermögen ist weniger Un- 
glücksfällen ausgesetzt, als das des Händlers, der es 



Kap. I: Der natürlirho Fortschritt zum Reichtum. 141 

nicht nur Wind und Wellen, sondern auch den unsiche- 
reren Elementen menschlicher Torheit und Ungerech- 
tigkeit überlassen muß, indem er in entfernten Ländern 
Leuten Kredit gibt, deren Charakter und Lage er fast 
niemals genau kennt. Das Kapital des Grundherrn da- 
gegen, das in dem Anbau des Bodens festgelegt ist, 
scheint so gesichert zu sein, als es überhaupt die 
Natur menschlicher Angelegenheiten erlaubt. Die Schön- 
heit der Natur, die Freuden des Landlebens, die Ruhe 
des Gemüts, die es verspricht, und wo nicht die Un- 
gerechtigkeit menschlicher Gesetze sie stört, die Un- 
abhängigkeit, die es tatsächlich gewährt, sind Reize, 
die einen jeden mehr oder weniger anziehen; und wie 
der Bodenanbau die ursprüngliche Bestimmung des 
Menschen war, so scheint der letztere auf jeder Stufe 
seines Daseins eine Vorliebe für diese seine erste Be- 
schäftigung behalten zu haben. 

Ohne den Beistand einiger Handwerker läßt sich 
der Landbau allerdings nur in sehr unbequemer Weise 
und mit beständigen Unterbrechungen betreiben. 
Schmiede, Zimmerleute, Rad- und Pflugmacher, Maurer, 
Gerber, Schuhmacher und Schneider sind Leute, deren 
Dienste der Landmann oft gebraucht. Nicht minder 
bedürfen diese Handwerker einander, und da ihr Wohn- 
platz nicht wie der des Landmanns durchaus an einen 
bestimmten Fleck gebunden ist, so lassen sie sich 
naturgemäß in gegenseitiger Nähe nieder und bilden 
so eine kleine Stadt oder einen Flecken. Bald 
kommen Schlächter, Brauer, Bäcker und viele andere 
Handwerker und Krämer hinzu, die zur Versorgung 
mit dem Bedarf jener notwendig oder brauchbar sind, 
und die Stadt weiterhin vergrößern. So dienen die 
Stadt- und die Landbewohner einander gegenseitig. 
Die Stadt bildet einen beständigen Markt, wohin die 
Landleute sich begeben, um ihre Produkte gegen Ge- 
werbserzeuanissc umzusetzen. Die Einwohner der Stadt 



142 Drittes Buch: Die verschiedenen Fortschritte z. Reichtum. 

werden durch diesen Verkehr mit dem Material für 
ihre Arbeit und den Mitteln ihrer Ernährung versorgt. 
Die Menge veredelter Arbeit, die sie den Land- 
leuten verkaufen, bestimmt notwendig die Menge von 
Materialien und Lebensmitteln, die sie kaufen. Folglich 
kann ihre Beschäftigung wie ihr Unterhalt nur in dem 
Verhältnis zunehmen, wie sich die Nachfrage des plat- 
ten Landes nach veredelter Ware vermehrt; und diese 
Nachfrage kann wiederum nur in dem Verhältnis stei- 
gen, wie sich die Kultur des Bodens ausdehnt. Hätten 
daher menschliche Einrichtungen nie störend in den 
natürlichen Lauf der Dinge eingegriffen, so würde in 
allen politischen G-emeinschaften die steigende Wohl- 
habenheit und Vergrößerung der Städte die Folge der 
Besserung und Kultur des Landes gewesen und im 
Verhältnis zu dieser Kultur vorgeschritten sein. 

In unsern nordamerikanischen Kolonien, wo un- 
bebautes Land noch zu leichten Bedingungen zu haben 
ist, sind noch in keiner Stadt Gewerbe für den aus- 
wärtigen Verkauf eingerichtet worden. Wenn dort 
ein Handwerker etwas mehr Kapital gesammelt hat, 
als dazu nötig ist, sein Gewerbe behufs Versorgung 
der Umgegend zu betreiben, so ist er nicht versucht, 
damit eine Fabrik für entferntere Umsätze zu errichten, 
sondern er verwendet es auf den Ankauf und die 
Kultur unbebauter Ländereien. Aus einem Hand- 
werker wird er ein Pflanzer, und wieder der hohe 
Arbeitslohn noch der leichte Unterhalt, den dies Land 
den Handwerkern gewährt, kann ihn bestechen, lieber 
für andere Leute, als für sich selbst zu arbeiten. Er 
fühlt, daß ein Handwerker der Knecht seiner Kunden 
ist, von denen er seinen Unterhalt empfängt, daß da- 
gegen ein Pflanzer, der sein eignes Land bebaut und 
seinen Lebensunterhalt durch die Arbeit seiner eigenen 
Familie gewinnt, tatsächlich ein Herr und von aller 
Welt unabhängig ist. 



Kap. I: Der natürliche Fortschritt zum Reichtum. 143 

Dagegen sucht in Ländern, wo entweder unange- 
bautes Land nicht mehr vorhanden oder nicht unter 
leichten Bedingungen zu haben ist, jeder Handwerker, 
der mehr Kapital gesammelt hat, als er in den Geschäften 
der Umgegend verwenden kann, für entfernte Umsätze 
zu arbeiten. Der Schmied errichtet eine Eisenwaren-, 
der Weber eine Leinen- oder Wollwaren-Fabrik. Diese 
verschiedenen Fabriken verzweigen sich mit der Zeit 
immer weiter, und vervollkommnen und verfeinern 
sich daher auf die mannigfachste Art, wie es leicht be- 
greiflich ist und also hier nicht weiter auseinanderge- 
setzt zu werden braucht. 

Industrielle Kapitalanlagen werden bei gleichen 
oder fast gleichen Gewinnen natürlich Anlagen im 
auswärtigen Handel vorgezogen, und zwar aus dem- 
selben Grunde, aus dem der Ackerbau der Industrie 
vorgezogen wird. Wie das Kapital des Grundherrn 
oder Pächters sicherer ist, als das des Industriellen, 
so ist das des letzteren, da er es immer unter Aufsicht 
und zu seiner Verfügung hat, sicherer als das Kapital 
des Kaufmanns, der auswärtigen Handel treibt. Zwar 
muß auf jeder Entwicklungsstufe jedes Volks der über- 
schüssige Teil der rohen oder verarbeiteten Produkte, 
d. h. derjenige, wonach im Lande selbst keine Nach- 
frage ist, nach auswärts versandt und gegen etwas 
vertauscht werden, wofür im Lande Bedarf ist. Ob 
aber das Kapital, das jene überschüssigen Produkte 
ausführt, ein fremdes oder inländisches ist, hat wenig 
Bedeutung. Wenn das Volk nicht Kapital genug er- 
worben hat, um alle seine Ländereien anzubauen und 
alle seine Rohprodukte in der vollständigsten Weise 
zu verarbeiten, so ist es sogar sehr vorteilhaft, daß die 
Rohprodukte mittelst fremden Kapitals ausgeführt wer- 
den, damit das ganze Volkskapital auf nützlichere Zwecke 
verwendet werden kann. Der Reichtum dos alten 



X44 Dnttes Buch: Die verschiedenen Fortschritte z. Reichtum. 

Ägypten, Chinas und Hindostans beweist hinlänglich, 
daß ein Volk einen hohen Grad von Wohlstand erreichen 
kann, wenn auch der größte Teil seines Ausfuhrhandels 
von Fremden betrieben wird. Der Fortschritt unserer 
nordamerikanischen und westindischen Kolonien würde 
weit weniger schnell gewesen sein, wenn kein anderes 
als das ihnen gehörige Kapital auf die Ausfuhr ihrer 
überschüssigen Produkte verwendet worden wäre. 

Dem natürlichen Laufe der Dinge gemäß ist also 
der größere Teil des Kapitals jeder aufblühenden Ge- 
sellschaft zuerst auf die Landwirtschaft, dann auf die 
Industrie, und erst zuletzt auf den auswärtigen Handel 
gerichtet. Diese Ordnung der Dinge ist so durchaus 
natürlich, daß sie, glaube ich, in jedem Volke, das ein 
größeres Gebiet bewohnt, stets in einem gewissen Grade 
inne gehalten wurde. Ein Teil der Ländereien mußte 
angebaut sein, ehe Städte von einiger Bedeutung ent- 
stehen konnten, und eine Art gröberer Gewerbe mußte 
in den Städten getrieben werden, ehe man daran denken 
konnte, sich auf auswärtigen Handel einzulassen. 

Obwohl aber diese natürliche Reihenfolge der Dinge 
bis zu einem gewissen Grade bei jedem Volke eintreten 
mußte, so ist sie in allen neueren Staaten Europas in 
vielen Beziehungen gerade umgekehrt worden. Der 
auswärtige Handel einiger ihrer Städte hat alle ihre 
feineren Manufakturen, d. h. solche, die sich für ent- 
fernten Absatz eignen, eingeführt; und Industrie und 
auswärtiger Handel im Verein haben die wesentlichsten 
Fortschritte derLandwirtschaft veranlaßt. Die Sitten und 
Gewohnheiten, die der Charakter ihrer ursprünglichen 
Regierungen mit sich brachte, und die sich fort erhielten, 
nachdem diese Regierungen schon bedeutende Ände- 
rungen erlitten hatten, zwangen sie in diesen unnatür- 
lichen und rückwärtsschreitenden Gang hinein. 



Zweites Kapitel. 

Entmutigung des Äckerbaus in dem früheren 

Zustand Europas nach dem Fall des 

römischen Reichs. 

Als die germanischen und skythischen Völkerschaf- 
ten die westlichen Provinzen des römischen Reichs über- 
fluteten, dauerten die Wirren, die auf eine so große 
Umwälzung des Bestehenden folgten, mehrere Jahrhun- 
derte fort. Die Räubereien und Gewalttätigkeiten, 
die die Barbaren gegen die früheren Einwohner ver- 
übten, unterbrachen den Verkehr zwischen Stadt und 
Land. Die Städte verödeten und das Land blieb un- 
bebaut; die westlichen Provinzen Europas, die sich 
unter der Römerherrschaft eines hohen Grades vonWohl- 
stand erfreut hatten, sanken in die tiefste Armut und 
Barbarei. Während dieser Wirren erwarben oder rissen 
die Häupter oder Anführer jener Völkerschaften die 
meisten Ländereien an sich. Ein großer Teil war unan- 
gebaut ; aber kein Teil, ob angebaut oder nicht, war ohne 
einen Eigentümer. Das gesamte Land wurde in Be- 
schlag genommen und der größte Teil durch einige 
wenige Eigentümer. 

Diese ursprüngliche Beschlagnahme unangebauter 
Ländereien könnte zwar ein großes, doch vorübergehen- 
des Übel gewesen sein. Sie hätten bald wieder durch 
Vererbung oder Veräußerung geteilt und in kloine 
Stücke zerschlagen werden können. Aber das Gesetz 
der Erstgeburt ließ die Teilung durch Erbfolge nicht 

Adam Smith, Volkswohlstand. II. 10 



14G ürlttes Buch: Die verschiedenen Fortschritte z. Reichtum. 

ZU, und die Einführung der Fideikommisse verhinderte 
die Parzellierung durch Veräußerung. 

Wenn Grrund und Boden wie bewegliches Eigen- 
tum nur als Mittel des Unterhalts und Genusses be- 
trachtet wird, so teilt das natürliche Gesetz der Erbfolge 
jenen wie dieses unter alle Kinder der Familie: unter 
alle, deren Unterhalt und Genuß, wie angenommen 
werden darf, dem Vater gleich teuer ist. Dieses na- 
türliche Erbfolgegesetz galt demgemäß bei den Kömern, 
die in der Vererbung von Grund und Boden so wenig 
einen Unterschied zwischen älteren und jüngeren, männ- 
lichen und weiblichen Kindern machten, als wir bei 
der Verteilung von beweglichem Eigentum. Solange 
man aber Grund und Boden nicht bloß als ein Mittel 
des Unterhalts, sondern der Macht und Schirmherrlich- 
keit ansah, hielt man es für besser, ihn ungeteilt auf 
einen zu vererben. In jenen gesetzlosen Zeiten war 
jeder Grundherr ein kleiner Fürst. Seine Bauern waren 
seine Untertanen. Er war ihr Richter und in gewissen 
Beziehungen ihr Gesetzgeber im Frieden und ihr An- 
führer im Kriege. Er führte nach Belieben Krieg, 
oft gegen seine Nachbarn, manchmal auch gegen seinen 
Fürsten. Daher hing die Sicherheit eines Landbesitzes, 
der Schutz, den sein Eigentümer denen, die darauf 
wohnten, gewähren konnte, von seiner Größe ab. Ihn 
teilen, hieß, ihn zu Grunde richten, und alle seine Be- 
wohner der Gefahr aussetzen, durch die Einfälle der 
Nachbarn unterdrückt und vernichtet zu werden. Das 
Gesetz der Erstgeburt griff daher zwar nicht sofort, 
aber im Laufe der Zeit bei der Erbfolge in Grundbe- 
sitz aus demselben Grunde Platz, aus dem es sich bei 
der Vererbung des Throns in Monarchien, zwar auch 
nicht immer beim ersten Entstehen, so doch später gel- 
tend machte. Damit die Macht und folglich die Sicher- 
heit der Monarchie nicht durch die Teilung geschwächt 
werde, muß sie ganz auf eins der Kinder übergehen. 



Kap. II: Entmutigung- des Ackerbaus. 147 

Welchem unter ihnen ein so wichtiger Vorzug gegeben 
werden soll, muß durch eine allgemeine Regel, die sich 
nicht auf die zweifelhaften Unterschiede des persönlichen 
Verdienstes, sondern auf ein klares, augenfälliges und 
unbestreitbares Merkmal gründet, bestimmt werden. 
Unter den Kindern derselben Familie gibt es keinen 
anderen unbestreitbaren Unterschied als den des Ge- 
schlechts und des Alters. Das männliche Geschlecht hat 
allgemein den Vorzug vor dem weiblichen, und bei 
sonstiger Gleichheit erhält der Altere überall den Vor- 
rang vor dem Jüngeren. Daher das Recht der Erst- 
geburt und der sogenannten Erbfolge in gerader Linie. 

Gesetze bleiben oft noch lange Zeit in Kraft, nach- 
dem die Umstände, die sie zuerst hervorriefen und 
sie allein rechtfertigen konnten, nicht mehr vor- 
handen sind. Bei dem gegenwärtigen Zustande Europas 
ist der Eigentümer eines einzigen Morgen Landes ge- 
nau ebenso sicher in seinem Besitz, als der Besitzer 
von hunderttausend. Dennoch wird das Erstgeburts- 
recht noch immer respektiert, und dürfte sich, da unter 
allen Einrichtungen keine so -geeignet ist, den Familien- 
stolz zu nähren, noch manches Jahrhundert erhalten. 
In jeder anderen Beziehung kann nichts dem wahren 
Interesse einer zahlreichen Familie mehr zuwiderlaufen, 
als ein Recht, das, um eins der Kinder zu bereichern, 
alle übrigen zu Bettlern macht. 

Fideikommisse {Entails) sind die natürliche Folge 
des Erstgeburtsrechts. Sie wurden eingeführt, um eine 
gewisse Erbfolge in gerader Linie zu erhalten, zu welcher 
das Erstgeburtsrecht die erste Idee gab, und um zu 
verhindern, daß ein Teil des ursprünglichen Grundbe- 
sitzes durch Schenkung, Vermächtnis oder Verkauf, in- 
folge Torheit oder Mißgeschick eines der späteren Erben 
der Stammlinie entfremdet werde. Den Römern waren 
sie gänzlich unbekannt; weder ihre Substitutionen, noch 



148 Drittes Buch: Die verschiedenen Fortschritte z. Reichtum. 

ihre Fideikommisse haben eine Ähnlichkeit mit den 
Entails, wenn auch einige französische Juristen der 
neueren Einrichtung Namen und Gewand jener alten 
zu geben beliebt haben. 

Solange großer Grundbesitz eine Art Fürstentum 
war, mochten die Fideikommisse nicht unvernünftig sein. 
Gleich den sogenannten Grundgesetzen einiger Monar- 
chien konnten sie oft verhindern, daß die Sicherheit 
von Tausenden durch die Laune oder den Übermut 
eines Einzelnen gefährdet werde. Aber beim gegen- 
wärtigen Zustande Europas, wo kleiner wie großer Be- 
sitz ihre Sicherheit in den Gesetzen des Staats finden, 
kann es nichts Alberneres geben. Sie sind auf die 
albernste aller Voraussetzungen gegründet, auf die Vor- 
aussetzung, als ob alle folgenden Geschlechter der 
Menschen auf die Erde und alles, was sie trägt, nicht 
ein gleiches Recht hätten, wie die Vorfahren, und daß 
das Eigentum der heutigen Generation nach den Ein- 
fällen derer beschränkt und geordnet sein dürfte, die 
vielleicht schon fünfhundert Jahre tot sind. Gleichwohl 
werden Fideikommisse noch im größeren Teile Europas, 
und namentlich in solchen Ländern respektiert, in denen 
adelige Geburt ein notwendiges Erfordernis zu bürger- 
lichen und militärischen Ehrenstellen ist. Man hält 
die Fideikommisse für nötig zur Aufrechthaltung des 
ausschließlichen Vorrechts des Adels auf die hohen 
Ämter und Würden des Staats; und da dieser Stand 
nun einmal einen ungerechten Vorzug vor seinen Mit- 
bürgern an sich gerissen hat, so hielt man es, damit 
ihn seine Armut nicht lächerlich mache, für recht, ihm 
auch noch einen zweiten zuzuerteilen. Das gemeine 
Recht in England ist zwar, wie man sagt, dem ewigen 
Eigentum entgegen, und dieses ist dort eingeschränkter, 
als in allen anderen europäischen Monarchien, obgleich 
auch England nicht o-anz frei davon ist. In Schottland 



Kap. II: Entmutigung des Ackerbaus. 149 

soll mehr als ein Fünftel, vielleicht sogar mehr als ein 
Drittel alles Grundeigentums unter Fideikommiß stehen. 
So wurden große Strecken unangebauten Landes 
nicht nur von einzelnen Familien in Beschlag genom- 
men, sondern auch die Möglichkeit, wieder geteilt zu 
werden, so viel als möglich auf immer abgeschnitten. 
Ein großer Eigentümer ist jedoch selten ein guter 
Landwirt. Injenen gesetzlosen Zeiten, die so barbarische 
Einrichtungen entstehen ließen, hatte der große Eigen- 
tümer genug damit zu tun, sein Grebiet zu verteidigen, 
oder seine Gerichtsbarkeit und Autorität über das Ge- 
biet seiner Nachbarn auszudehnen. Er hatte keine 
Muße, um auf Anbau und Verbesserung des Bodens 
zu denken. Als aber die Herstellung von Gesetz und 
Recht ihm diese Muße gewährte, fehlte es ihm oft an 
Neigung und fast immer an der nötigen Fähigkeit zur 
Landwirtschaft. Kam der Aufwand für sein Haus und 
seine Person, wie es sehr oft der Fall war, seinem 
Einkommen gleich oder überstieg es gar, so hatte er 
kein Kapital, um es auf die Bewirtschaftung zu ver- 
wenden. War er ein guter Wirt, so fand er es in der 
Regel vorteilhafter, seine jährlichen Ersparnisse auf 
neue Güterkäufe, als auf die Verbesserung seines alten 
Besitzes zu verwenden. Um Grundbesitz gewinnbrin- 
gend zu verbessern, ist, wie bei allen anderen Geschäfts- 
unternehmungen, ein genaues Achten auf kleine Er- 
sparnisse und Gewinne erforderlich, dessen ein Mann, 
der in großem Reichtum geboren und erzogen ist, selten 
fähig ist, selbst wenn er von Natur einen Hang zur 
Sparsamkeit hat. Die Lage eines solchen Mannes macht 
ihn ganz natürlich mehr zu Luxusausgaben, als zu ge- 
winnbringenden Anlagen geneigt, deren er nicht bedarf. 
Die Eleganz seiner Kleidung, seiner Equipage, seines 
Hauses und seiner Möbel, das sind die Dinge, auf die 
er von Kindheit an zu achten gewohnt ist, und diese 
Sinnesrichtung verläßt ihn auch nicht, wenn es sich 



X50 Drittes Buch: Die verschiedenen Fortschritte z. Reichtum. 

um die Melioration seiner Güter handelt. Er verschönert 
vielleicht vier oder fünfhundert Morgen in der Umgebung 
seines Hauses mit Kosten, die zehnmal so hoch sind, 
als das Land nach aller seiner Verbesserung- wert ist, 
und findet, daß er bei derartigen Kulturen (und für an- 
dere hat er wenig Sinn) bankerott geworden sein würde, 
ehe nur der zehnte Teil seines Guts fertig wäre. Es 
gibt in beiden Teilen des vereinigten Königreichs noch 
große Gutskomplexe, die seit den Zeiten der Feudal- 
anarchie ununterbrochen in den Händen derselben Fa- 
milie geblieben sind. Man vergleiche den gegenwärtigen 
Zustand solcher Güter mit den Besitzungen der kleinen 
Eigentümer in ihrer Nähe, und man wird keinen anderen 
Beweis brauchen, um sich zu überzeugen, wie ungünstig 
so ausgedehntes Grundeigentum der Bodenkultur ist. 
War schon von den großen Eigentümern wenig 
für die Bodenverbesserung zu erwarten, so ließ sich 
noch weniger von denen hoffen, die das Land unter 
ihnen inne hatten. Unter der früheren Verfassung Eu- 
ropas waren die Bauern alle vom Belieben des Gutsherrn 
abhängig; alle oder fast alle waren Sklaven; nur war 
ihre Sklaverei von milderer Art, als die unter den 
alten Griechen und E-ömern, oder selbst die in unseren 
westindischen Kolonieen. Sie galten eigentlich mehr 
dem Gute als dem Gutsherrn gehörig, und konnten 
daher wohl mit dem Gute, aber nicht für ihre Person ver- 
kauft werden. Mit Einwilligung ihres Herrn konnten sie 
heiraten, und er durfte die Ehe später nicht durch den 
Verkauf des Mannes und des Weibes an verschiedene 
Personen trennen. Schädigte er einen an Leib oder 
Leben, so unterlag er einer Strafe, wenn auch in der 
ßegel nur einer geringen. Aber Eigentum konnten die 
Bauern nicht erwerben; was sie erwarben, war für den 
Herrn erworben, und er konnte es ihnen nach Gefallen 
nehmen. Alle Bodenverbesserungen durch solche Skia- 



Kap. II: Entmutigung des Ackerbaus. 151 

ven waren eigentlich vom Herrn selbst ausgeführt, da 
sie auf seine Kosten ausgeführt wurden und Aussaat, 
Vieh und Ackergerät ihm gehörte. Er hatte allein den 
Gewinn davon. Die Sklaven konnten nichts als ihren 
täglichen Unterhalt erwerben. Eigentlich war es also 
der Eigentümer selbst, der sein Land inne hatte und 
durch seine Leibeigenen bebauen ließ. Diese Art von 
Sklaverei besteht noch in Rußland, Polen, Ungarn, 
Böhmen, Mähren und anderen Teilen Deutschlands. 
Nur in den westlichen und südwestlichen Ländern Eu- 
ropas ist sie nach und nach gänzlich abgeschafft worden. 
Wenn aber bedeutende Verbesserungen selten von 
großen Eigentümern zu erwarten sind, so sind sie am 
wenigsten zu erwarten, wenn sie Sklaven als Arbeiter 
verwenden. Die Erfahrung aller Zeiten und Länder be- 
weist, glaube ich, daß die von Sklaven verrichtete Ar- 
beit, obgleich sie nur deren Unterhalt zu kosten scheint, 
am Ende doch die teuerste von allen ist. Ein Mensch, 
der kein Eigentum erwerben kann, kann auch kein 
anderes Interesse haben, als so viel wie möglich zu essen, 
und so wenig wie möglich zu arbeiten. Was er mehr 
tun soll, als genügend ist, um ihm Unterhalt zu ver- 
schaffen, läßt sich ihm nur mit Gewalt, nicht durch sein 
eignes Interesse abzwingen. Wie sehr der Getreidebau 
im alten Italien verfiel, Avie unvorteilhaft er für den 
Gutsherrn wurde, als der Betrieb Sklaven anheimfiel, 
ist sowohl von Plinius wie von Columella geschildert 
worden. Nicht viel besser war es zur Zeit des Ari- 
stoteles im alten Griechenland. Von der idealen Republik 
redend, die Plato in seinen „Gesetzen" schildert, meint 
er, um fünftausend müßige Menschen — die Zahl von 
Kriegern, die als zur Verteidigung der Republik er- 
forderlich angenommen war — samt ihren Weibern und 
Knechten zu unterhalten, sei ein Gebiet von grenzen- 
loser Ausdehnung und Fruchtbarkeit gleich den Ebenen 
von Babylon nötig. 



152 Drittes Buch: Die verschiedenen Fortschritte z. Reichtum. 

Der Stolz macht den Menschen herrschsüchtig, und 
nichts ist ihm peinlicher, als sich herablassen zu sollen? 
niedriger stehende zu überzeugen (anstatt ihnen zu be- 
fehlen). "Wenn das Gesetz es gestattet und die Natur 
der Arbeit es verträgt, zieht er deshalb in der Regel 
den Dienst der Sklaven dem freier Männer vor. Die 
Zucker- und Tabakpflanzungen können die Kosten der 
Sklavenkultur vertragen; der Getreidebau, scheint es, 
kann es heutigen Tages nicht. In den englischen Ko- 
lonien, deren hauptsächlichstes Erzeugnis Getreide ist, 
wird die Arbeit meist durch freie Leute getan. Der 
neuliche Beschluß der Quäker in Pennsylvanien, alle 
ihre Negersklaven in Freiheit zu setzen, kann uns über- 
zeugen, daß deren Zahl nicht sehr groß gewesen sein 
wird. Hätten sie einen beträchtlichen Teil ihres Be- 
sitzes ausgemacht, so hätte ein solcher Beschluß niemals 
durchgehen können. In unsern Zuckerkolonien hingegen 
wird alle Arbeit uud in unsern Tabakskolonien die 
meiste von Sklaven verrichtet. Die Gewinne einer Zucker- 
pflanzung in allen unseren westindischen Kolonien sind 
in der Regel weit größer, als die jeder andern Kultur 
in Europa oder Amerika; und die Gewinne einer Tabaks- 
pflanzung sind zwar nicht so hoch wie jene, aber doch, 
wie bereits bemerkt, höher als die des Getreidebaues. 
Beide können die Kosten einer Sklavenkultur tragen, 
nur kann es Zucker noch besser als Tabak. Daher ist 
die Zahl der Schwarzen im Verhältnis zu den Weißen 
in unsern Zuckerkolonien weit größer, als in unsern 
Tabakskolonien . 

Auf die leibeigenen Bauern der früheren Zeiten folgte 
allmälig eine Art vonP/chtern, die gegenwärtig in Frank- 
reich unter dem Namen der Metayers bekannt sind. Im 
Lateinischen heißen sie Ooloni partiarii. In Epgland sind 
sie schon so lange abgekommen, daß ich jetzt keinen 



Kap. II: Entmutigung des Ackerbaus. 153 

englischen Namen für sie weiß. Der Eigentümer versah 
sie mit der Aussaat, dem Vieh und dem Ackergerät, 
kurz mit allem zum Anbau des Gutes erforderlichen 
Kapital. Der Ertrag wurde gleichmäßig zwischen dem 
Eigentümer und dem Pächter geteilt, jedoch mit Abzug 
dessen, was zur Erhaltung des Kapitals erforderlich 
schien, das, wenn der Pächter das Gut verließ oder ihm 
gekündigt wurde, dem Eigentümer zurückzuerstatten war. 
Die Bewirtschaftung durch solche Pächter ge- 
schieht eigentlich ebenso auf Kosten des Eigentümers, 
wie die Bewirtschaftung durch Sklaven, doch ist ein 
sehr wesentlicher Unterschied vorhanden. Die Pächter 
können als freie Leute Eigentum erwerben, und haben, 
da sie einen bestimmten Anteil vom Bodenertrag er- 
halten, ein offenbares Interesse daran, daß der Gesamt- 
ertrag so groß als möglich sei, damit auch ihr Anteil 
es werde. Ein Sklave hingegen, der über seinen 
Unterhalt hinaus nichts erwerben kann, denkt nur an 
seine Bequemlichkeit und bringt außer seinem Unter- 
halt möglichst wenig hervor. Wahrscheinlich teils 
wegen dieses Vorzugs der freien Arbeit, teils wegen der 
Eingriffe in die Autorität der großen Barone, zu denen 
die Leibeigenen von den auf jene stets eifersüchtigen 
Landesherren ermuntert wurden, und die zuletzt jene 
Art Dienstbarkeit geradezu lästig gemacht zu haben 
scheinen, kam die Leibeigenschaft in den meisten Ländern 
Europas ab. Doch ist die Zeit und Art, in der eine so 
wichtige Umwälzung zustande kam, einer der unklarsten 
Punkte in der neueren Geschichte. Die römische Kirche 
schreibt sich ein großes Verdienst daran zu, und sicher 
ist, daß schon im zwölften Jahrhundert Alexander III. 
eine Bulle behufs allgemeiner Sklavenemancipation er- 
ließ. Sie scheint jedoch mehr eine fromme Ermahnung, 
als ein Gesetz gewesen zu sein, dem die Gläubigen unbe- 
dingten Gehorsam schuldig gewesen wären. Die Sklaverei 



15-1 Drittes Buch: Die verschiedenen Fortschritte z. Reichtum. 

dauerte fast überall noch mehrere Jahrhunderte fort, 
bis sie nach und nach durch die vereinte Wirkung der 
oben erwähnten beiden Interessen des Grundeigen- 
tümers einerseits, und des Landesherrn andererseits 
abgeschafft wurde. Ein freigelassener Leibeigener, der 
gleichzeitig im Besitz des Landes gelassen wurde, konnte 
es, da er kein eigenes Kapital hatte, nur mit Hilfe 
dessen bewirtschaften, was ihm der Grundeigentümer 
vorschoß, und muß deshalb das gewesen sein, was die 
Franzosen einen Metaijer nennen. 

Indessen auch diese letztere Klasse von Bauern 
konnte kein Interesse haben, einen kleinen Teil des 
Kapitals, das sie von ihrem Anteil am Ertrag etwa 
ersparten, für weitere Bodenverbesserungen zu veraus- 
gaben, da der Grundherr, der nichts verausgabte, doch 
den halben Ertrag erhielt. Schon der Zehute, der doch 
nur ein Zehntel des Ertrags ist, hat sich als ein sehr 
großes Hinderniß der Bodenverbesserung erwiesen. 
Eine Abgabe, die sich auf die Hälfte belief, mußte daher 
eine förmliche Schranke dagegen sein. Es konnte allen- 
falls im Interesse eines Metayer liegen, dem Boden so 
viel abzugewinnen, wie mittelst des vom Eigentümer 
gelieferten Kapitals möglich war ; aber niemals konnte er 
ein Interesse daran haben, einen Teil seines eignen Kapi- 
tals dazu zu tun. In Frankreich, wo noch fünf Sechstel 
des ganzen Reichs sich in den Händen dieser Art von 
Bauern befinden sollen, klagen die Grundbesitzer, daß 
ihre Metayers das Vieh ihrer Herren lieber zu Fuhr- 
gelegenheiten als zum Ackerbau benutzen, weil sie in 
dem einen Falle den ganzen Gewinn für sich behalten, 
im anderen ihn mit ihrem Grundherrn teilen müssen. 
Diese Art von Pächtern besteht noch in einigen Teilen 
Schottlands, wo man sie steel-bow tenants*) nennt. Jene 

*) Unter steel-bow-goods vei'steht das .schottische Recht 
diejenigen Bestandteile eines Landguts, die Eigentum des Be- 



Kap. II: Entmutigung- des Ackerbaus. J[55 

alten englischen Lehnsleute, die nach dem Oberrichter 
Gilbert und Doktor Blackstone eher Verwalter des 
Gutsherrn als eigentliche Pächter waren, gehörten wahr 
scheinlich zu derselben Kategorie. 

Auf diese Art von Lehnsleuten folgten, obwohl nur 
ganz allmählich, die eigentlichen Pächter, die das Land 
mit ihrem eigenen Kapital bestellen, und dem Grund- 
eigentümer eine bestimmte Rente zahlen. Haben solche 
Pächter langjährige Kontrakte, so finden sie es zuweilen 
in ihrem Interesse, einen Teil ihres Kapitals auf Guts- 
verbesserungen zu wenden; denn sie können erwarten, 
es mit einem großen Gewinn vor Ablauf der Pacht- 
zeit wieder zu erhalten. Doch war auch der Besitz 
solcher Pächter lange Zeit äußerst unsicher, und ist es 
in vielen Teilen Europas noch. Sie konnten vor Ab- 
lauf ihres Termins durch einen neuen Käufer gesetzlich 
aus ihrer Pacht getrieben werden; in England sogar 
durch eine erdichtete Klage auf Wiedereinsetzung in 
rechtmäßigen Besitz. Waren sie einmal ungesetzlicher- 
weise durch Gewalttat ihres Herrn vertrieben, so war 
das Rechtsmittel ein sehr mangelhaftes ; sie wurden nicht 
immer in ihrem Besitz restituiert, sondern erhielten 
allenfalls Entschädigungen, die ihrem wirklichen Ver- 
luste niemals gleich kamen. Selbst in England, wo der 
freie Bauernstand immer am meisten geachtet war, wurde 
doch erst um das vierzehnte Jahr Heinrichs VII. die 
Besitzstörungsklage eingeführt, wodurch der Pächter 
nicht blos Schadenersatz, sondern Wiedereinsetzung in 
den Besitz erlangt, und nach der über seinen Anspruch 
nicht blos durch eine einzige Instanz entschieden werden 
kann. Diese Klage hat sich als ein so wirksames Rechts- 
mittel erwiesen, daß in der neueren Praxis der Grund- 
herr bei einer Klage atif Wiedereinsetzung selten von 

sitzers sind und die der abzieliende Pächter (tenant) nicht mit- 
nehmen darf. R. P. 



156 Drittes Buch : Die verschiedenen Fortschritte z. Reichtum. 

denjenigen B/echtsmitteln Gebrauch macht, die ihm als 
Grundherrn zustehen, sondern im Namen seines Päch- 
ters die Besitzstörungsklage anstellt. In England ist 
also die Sicherheit des Pächters ebenso groß, wie die 
des Eigentümers. Überdies ist in England eine Pacht 
auf Lebenszeit, die vierzig Schilling Pachtzins gibt, ein 
Freigut und berechtigt den Inhaber zu einer Stimme 
bei Parlamentswahlen; und da ein großer Teil der 
Bauern solche Freigüter hat, so wird der ganze Stand 
wegen der politischen Wichtigkeit, die er durch das 
Stimmrecht erlangt, in der Achtung der Grundherren 
gehoben. Es dürfte kaum izgendwo anders Beispiele 
geben, daß Pächter auf einem Grund und Boden, der 
ihnen nicht gehört, Gebäude aufführen, bloß im Vertrauen 
auf das Ehrgefühl ihres Grundherrn, das ihm nicht 
gestatten werde, sich eine so wichtige Gutsverbesserung 
zu Nutze zu machen. Diese den Landleuten so gün- 
stigen Gesetze und Gewohnheiten haben vielleicht mehr 
zu der gegenwärtigen Größe Englands beigetragen, 
als alle seine viel gerühmten Handelsordnungen zu- 
sammengenommen . 

Das Gesetz, das die längsten Pachtkontrakte gegen 
alle Gutsnachfolger sicherstellt, gehört, soviel ich weiß, 
Großbritannien an. Es wurde in Schottland schon 1449 
von Jakob IL durch ein Gesetz eingeleitet, dessen 
wohltätiger Einfluß jedoch durch Fideikommisse sehr 
gehemmt wurde, da die Erben von Fideikommissen 
gewöhnlich keine Pachtverträge auf eine längere Reihe 
von Jahren, zuweilen sogar nur auf ein Jahr, eingehen 
durften. Eine Parlamentsakte hat neuerdings ihre Fesseln 
in diesen Punkten etwas gelockert, obgleich sie noch 
immer viel zu fest sind. Da überdies in Schottland 
ein Pachtgut kein Stimmrecht bei Parlamentswahlen 
gibt, so stehen die Landleute bei ihren Gutsherren 
dort weniger in Achtung, als in England. 



Kap. II: Entmiitio-iing des Ackerbaus. 157 

In anderen Ländern Europas fand man es zwar auch 
ratsara, die Pächter sowohl gegen die Erben wie gegen 
die Käufer zu schützen ; aber man beschränkte diesen 
Schutz doch nur auf einen sehr kleinen Zeitraum: in 
Frankreich z. B. auf neun Jahre von Beginn der Pacht 
an. Allerdings ist er in diesem Lande vor Kurzem auf 
siebenundzwanzig Jahre ausgedehnt worden; aber auch 
dieser Zeitraum ist noch zu kurz, um den Pächter zu 
den wichtigsten Verbesserungen zu ermutigen. Früher 
waren die Grundeigentümer die Gesetzgeber in allen 
Ländern Europas. Die agrarischen Gesetze wurden da- 
her alle auf die vermeintlichen Interessen des Eigen- 
tümers zugeschnitten. So meint man, es liege in seinem 
Interesse, wenn kein von seinen Vorfahren bewilligter 
Pachtkontrakt ihn auf lange Zeit daran hindere, vom 
vollen Werte seines Landes den Genuß zu haben. Hab- 
sucht und Ungerechtigkeit sind immer kurzsichtig und 
man sah nicht, wie sehr diese Anordnung von Ver- 
besserungen abhalten und dadurch mit der Zeit dem 
wahren Interesse der Grundeigentümer schaden mußte. 

Auch hielt man die Bauern, außer zur Zahlung der 
Rente, auch noch zu einer Menge v^on Diensten gegen 
den Grundherrn verbunden, die selten in der Pacht 
ausdrücklich benannt oder durch eine genaue Regel 
bestimmt waren, sondern sich nach dem Herkommen 
des Edelhofs oder der Baronie richteten. Da also dabei 
für die Willkür ein großer Spielraum verblieb, waren 
die Pächter vielen Plackereien unterworfen. In Schott- 
land hat die Abschaffung aller Dienste, die nicht aus- 
drücklich im Kontrakte stipuliert sind, innerhalb weniger 
Jahre den Zustand der Landleute wesentlich verbessert. 

Die Leistungen für den Staat, die man den Land- 
leuten auferlegte, waren nicht weniger willkürlich als 
jene Privatdienste. Die Herstellung und Unterhaltung 
der Landstraßen, eine Last, die, wenn auch nicht überall 



158 Drittes Buch: Die vei'schiedenen Fortschritte z. Reichtum. 

gleich drückend, noch in allen Ländern bestehen dürfte, 
war nicht die einzige. Wenn die königlichen Truppen, 
der Hofstaat oder königliche Beamte eine Gegend 
passierten, so waren die Landleute verpflichtet, ihnen 
Pferde, Wagen und Lebensmittel um den vom Fourier 
festgesetzten Preis zu stellen. Großbritannien ist, 
glaube ich, die einzige Monarchie in Europa, wo dieser 
Druck gänzlich abgeschafft ist. In Frankreich und 
Deutschland besteht er noch. 

Die Staatssteuern, denen die Landleute unterworfen 
wurden, waren ebenso regellos und drückend wie die 
Dienste. So ungern die Barone ihrerseits dem Landes- 
herrn eine Geldbeisteuer bewilligten, so erlaubten sie 
ihm doch leicht, ihre Hintersassen zu „besteuern" (wie 
man es euphemistisch nannte), ohne einzusehen, wie 
sehr dies am Ende ihr eignes Einkommen treffen müsse. 
Die taille, wie sie noch jetzt in Frankreich besteht, 
kann als ein Beispiel jener alten Steuern dienen. Sie 
ist eine Abgabe auf die mutmaßlichen Gewinne des 
Pächters, die nach dem vorhandenen Inventar geschätzt 
werden. Es liegt folglich in seinem Interesse, so wenig 
als möglich zu haben, und also auch so wenig als mög- 
lich auf den Anbau und nichts auf die Verbesserung 
des Landes zu wenden. Wenn sich auch ein Kapital 
in der Hand eines französischen Pächters sammelte, 
so käme doch die taille einem Verbote gleich, es je in 
der Landwirtschaft anzulegen. Überdies gilt diese 
Steuer als eine Verunehrung für jeden, der ihr unter- 
worfen ist, da sie ihn nicht nur unter den Rang eines 
Edelmanns, sondern unter den eines Bürgers stellt; 
und wer das Gut eines andern pachtet, unterliegt ihr. 
Dieser Herabsetzung wird sich weder ein Edelmann, 
noch selbst ein Bürger, der Kapital besitzt, unterwerfen. 
Die Steuer hindert also nicht nur das auf dem Lande 
angesammelte Kapital an der Anlage in Bodenverbesse- 



Kap. TT: Entmutigun.e,- des Ackerbaus. 159 

rungen, sondern macht ihnen auch alle übrigen Kapi- 
talien abwendig. Die alten Zehnten und Fünfzehnten, 
die früher in England so üblich waren, scheinen, so- 
weit sie Grund und Boden trafen, ähnliche Steuern 
gewesen zu sein, wie die taille. 

Unter allen diesen Entmutigungen ließ sich nicht 
erwarten, daß die Bauern viel für die Bodenkultur tun 
würden. Diese Menschenklasse hat selbst bei voller ge- 
setzlicher Freiheit und Sicherheit mit großen Nach- 
teilen zu kämpfen. Der Pächter verhält sich zum Eigen- 
tümer, wie ein Kaufmann, der mit geborgtem Gelde, 
zu einem anderen, der mit eignem Kapital arbeitet. 
Beider Kapitalien können zunehmen, aber das des einen 
wird bei ebenso guter Anwendung stets langsamer zu- 
nehmen, als das des anderen, wegen des so großen 
Gewinnteiles, der von den Zinsen des Darlehns auf- 
gezehrt wird. Ebenso muß das vom Pächter bewirtschaf- 
tete Gut bei gleich verständiger Wirtschaft weit lang- 
samer an Wert zunehmen als das vom Eigentümer 
bewirtschaftete, wegen des großen Teils vom Ertrag, 
der in der Rente draufgeht und der, Avenn der Pächter 
Eigentümer gewesen wäre, von ihm zu weiteren Boden- 
verbesserungen hätte verwendet werden können. Über- 
dies ist der Stand eines Pächters nach der Natur der 
Dinge geringer als der eines Eigentümers. In den 
meisten Ländern Europas werden die Landleute für 
eine geringere Klasse gehalten, als selbst die besseren 
Geschäftsleute und Handwerker, und überall für geringer, 
als die großen Kaufleute und Fabrikanten. Darum 
wird selten ein Mann von Vermögen den höheren Stand 
verlassen, um in den niedrigeren einzutreten. Selbst 
unter den gegenwärtigen Verhältnissen wird daher wenig 
Kapital aus anderen Gewerben auf die Bodenkultur im 
Pachtwege übergehen. Mehr als in jedem anderen Lande 
geschieht es vielleicht in Großbritannien, obgleich auch 



160 Drittes Buch: Die verschiedenen Fortschritte z. Reichtum. 

hier die großen Kapitalien, die hie und da in Pach- 
tungen angelegt sind, gewöhnlich auch in Pachtungen 
erworben worden, dem Erwerbszweige, in dem Kapitalien 
gewöhnlich am langsamsten erworben werden. Nächst 
kleinen Eigentümern sind aber in allen Ländern reiche 
und große Pächter die Hauptbeförderer der Boden- 
kultur, Sie sind es vielleicht in England noch mehr 
als in jeder anderen europäischen Monarchie. In den 
Republiken Holland und Bern sollen die Pächter nicht 
hinter den englischen zurückstehen. 

Die frühere europäische Wirtschaftspolitik war auch 
in anderen Beziehungen der Landwirtschaft, gleichviel 
ob vom Eigentümer oder vom Pächter betrieben, un- 
günstig: erstens, durch das, wie es scheint, fast überall 
geltende Verbot, Korn ohne besondere Erlaubnis aus- 
zuführen; und zweitens durch die Beschränkungen, die 
dem inländischen Handel nicht bloß in Getreide, son- 
dern in fast allen Produkten der Landwirtschaft durch 
die albernen Gesetze gegen Spekulanten, Höker und 
Aufkäufer, sowie durch die Marktprivilegien aufgelegt 
wurden. Es wurde bereits bemerkt, auf welche Weise 
durch das Getreideausfuhrverbot in Verbindung mit 
einigen Begünstigungen der Getreideeinfuhr die Kultur 
des alten Italiens, des von Natur fruchtbarsten Landes 
in Europa und zu jener Zeit Sitz des größten Reiches 
der Welt, gehemmt wurde. Bis zu welchem Grade 
solche dem inländischen Getreidehandel auferlegte Be- 
schränkungen, verbunden mit dem allgemeinen Aus- 
fuhrverbot, die Bodenkultur in weniger fruchtbaren 
und weniger begünstigten Ländern hemmen mußten, ver- 
mag man sich kaum vorzustellen. 



Drittes Kapitel. 

Entstehen und Wachsen der Städte nach dem 
Falle des römischen Reichs. 

Die Einwohner der Städte und Flecken waren nach 
dem Falle des römischen Reichs nicht besser daran, 
als die des platten Landes. Freilich waren sie eine 
Menschenklasse, die von den ersten Einwohnern der alten 
griechischen und italischen Republiken sehr verschieden 
war. Diese bestanden vornehmlich aus den Grundeigen- 
tümern, unter die das Staatsgebiet ursprünglich ver- 
teilt war, und die es geraten fanden, ihre Häuser nahe 
bei einander zu bauen und sie behufs gemeinsamer 
Verteidigung mit einer Mauer zu umgeben. Nach dem 
Falle des römischen Reichs dagegen scheinen die Grund- 
eigentümer gewöhnlich in befestigten Schlössern auf 
ihren Gütern und mitten unter ihren Pächtern und 
Dienstleuten gelebt zu haben. Die Städte wurden haupt- 
sächlich von Gewerbtreibenden und Handwerkern be- 
wohnt, die damals in einem sklavenähnlichen Zustande 
gelebt zu haben scheinen. Die Privilegien, die man in 
alten Dokumenten den Einwohnern einiger der bedeutend- 
sten Städte von Europa bewilligt findet, zeigen hinläng- 
lich, was sie vor jenen Verleihungen waren. Leute, 
denen es als ein Privilegium bewilligt wird, daß sie 
ihre Töchter ohne Erlaubnis ihres Herrn verheiraten 
dürfen, daß bei ihrem Tode ihre Kinder und nicht ihr 
Herr ihr Vermögen erben soll, und daß sie über ihren 
Nachlaß testamentarisch verfügen dürfen, müssen sich 

Adam Smith, Volkswohlstaud. 11. ^'- 



162 Drittes Buch: Die verscliiedenen Fortschritte z. Reichtum. 

vor jenen Verleihungen entweder ganz oder doch fast 
■ganz in dem nämlichen Zustande der Leibeigenschaft 
befunden haben, wie die Bauern auf dem Lande. 

Sie scheinen in der Tat eine sehr arme niedrige 
Klasse von Menschen gewesen zu sein, die, wie die 
Trödler und Hausierer heutzutage, mit ihren Waren von 
Ort zu Ort und von Markt zu Markt zu ziehen pflegten. 
In allen europäischen Ländern wurden damals ebenso, 
wie heute noch in verschiedenen tartarischen Staaten 
Asiens, von den Personen und Waren der Reisenden 
Abgaben erhoben, wenn sie durch gewisse Edelhüfe 
kamen, gewisse Brücken passierten, ihre Waren von 
Markt zu Markt führten und auf dem Markte eine Ver- 
kaufsbude errichteten. Diese Abgaben waren in England 
unter dem Namen von Passier-, Brücken-, Stand- und 
Marktzöllen bekannt. Bald vom König, bald von einem 
der großen Lords, die anscheinend in gewissen Fällen 
dazu ermächtigt waren, wurde einzelnen Handelsleuten, 
zumal solchen, die auf den Domänen des Königs oder 
des Lord wohnten, eine allgemeine Befreiung von diesen 
Abgaben bewilligt. Solche Handelsleute wurden des- 
halb, obgleich sie in anderer Beziehung noch leibeigen 
oder nicht viel besser als leibeigen waren, freie Handels- 
leute genannt. Zum Ersatz pflegten sie ihrem Schutz- 
herrn eine Art jährlicher Kopfsteuer zu zahlen, denn 
in jenen Zeiten wurde Schutz selten ohne bare Bezahlung 
bewilligt, und diese Abgabe mochte als ein Ersatz für 
den Verlust angesehen werden, die ihre Patrone durch 
ihre Befreiung von andern Abgaben erlitten. Anfäng- 
lich scheinen sowohl die Kopfsteuern als die Befreiungen 
durchaus persönlich gewesen zu sein, und nur einzelne 
Individuen entweder lebenslänglich oder bis auf Wider- 
ruf berührt zu haben. In den sehr unvollständigen 
Nachrichten, die aus dem Domesday-book über ver- 
schiedene Städte Englands veröffentlicht worden sind. 



Kap. Ill: Entstellen und Wachsen der Städte. 163 

werden oft bald die Abgaben, welche einzelne Bürger 
für diese Art Schutz an den König oder an einen anderen 
großen Heri-n zahlten, bald nur der Gesamtbetrag aller 
solcher Abgaben erwähnt*). 

So knechtisch aber auch die Lage der Stadtbewohner 
ursprünglich gewesen sein mag, so sind sie doch offen- 
bar weit früher zu Freiheit und Unabhängigkeit gelangt, 
alsdie Bauern aufdemLande. Der aus solchen städtischen 
Kopfsteuern sich ergebende Teil der königlichen Ein- 
künfte wurde gewöhnlich gegen eine bestimmte Rente 
bald an den Sheriff der Grafschaft, bald an andere Leute 
auf eine Reihe von Jahren verpachtet. Oft hatten die 
Bürger selbst Kredit genug, um die Pachtung der aus 
ihrer Stadt fließenden Steuern zu übernehmen, indem sie 
solidarisch für die ganze Rente hafteten"'*). Derartige 
Verpachtungen scheinen dem damals üblichen Wirt- 
schaftssystem der europäischen Fürsten entsprochen 
zu haben; denn sie überließen oft ganze Güter ihren 
Insassen pachtweise, wobei letztere solidarisch für die 
ganze Rente hafteten, aber die Eintreibung nach Gut- 
dünken besorgen und die Rente durch eigene Verwalter 
an die königliche Schatzkammer zahlen konnten, so 
daß sie von der Zudringlichkeit der königlichen Beamten 
befreit blieben, was man in jener Zeit als äußerst wich- 
tig ansah. 

Anfänglich wurden die städtischen Pachtungen 
ebenso wie andere den Bürgern wahrscheinlich nur auf 
eine Reihe von Jahren überlassen. Im Laufe der Zeit 
jedoch scheint es allgemeine Praxis geworden zu sein, 
sie ihnen gegen eine bestimmte, nie zu erhöhende Rente 
gewissermaßen in Erbpacht zu geben. Da auf diese 

*) Siehe : Brady's Historical Treatise of Cities and Boroughs^ 
pag. 3 u. ff. 

**) Siehe: Madox Firma Burgi pag. 18; und History of the 
Exchequer ch. X. sect. V. pag. 223, first edition. 

11* 



164 Drittes Buch: Die verschiedenen Fortschritte z. Reichtum. 

Weise die Zahlung eine immerwährende geworden war, 
so wurden natürlich die Befreiungen, für die sie entrichtet 
wurde, es ebenfalls und hörten nunmehr auf, persönlich 
zu sein und konnten nicht mehr den Einzelnen als 
solchen, sondern als Bürgern einer gewissen Stadt 
zustehen, die deshalb eine Freistadt hieß, wie jene Per- 
sonen Freibürger oder freie Handelsleute geheißen hatten. 

Zugleich mit dieser Bewilligung wurden den Bür- 
gern der Stadt die wichtigen oben genannten Privilegien 
erteilt, daß sie ihre Töchter nach Gutdünken verheiraten, 
daß ihre Kinder sie beerben und daß sie über ihr be- 
wegliches Vermögen letztwillig verfügen durften. Ob 
Privilegien dieser Art schon früher einzelnen als solchen 
zugleich mit der Gewerbefreiheit bewilligt zu werden 
pflegten, weiß ich nicht; ich halte es jedoch nicht für 
unwahrscheinlich, obgleich ich keinen direkten Beweis 
dafür beibringen kann. Wie dem aber auch sei, die 
Hauptattribute der Leibeigenschaft und Sklaverei wurden 
nun wenigstens von ihnen genommen und sie wurden 
nun frei im heutigen Sinne des Worts. 

Dies war nicht alles. In der Regel wurden sie 
gleichzeitig zu einer Gemeinde od er Korporation erhoben, 
mit dem Recht, ihre städtischen Beamten und Vertre- 
tungen selbst zu wählen, Ortsstatute zu erlassen, Mauern 
zu ihrer Verteidigung aufzuführen und sämtliche Ein- 
wohner einer gewissen militärischen Disziplin zu unter- 
werfen sowie zum Wachtdienst heranzuziehen d. h. zur 
Beschützung und Verteidigung jener Mauern gegen An- 
griffe und Überfälle sowohl bei Nacht wie bei Tage. 
In England waren sie in der Regel von der Hundert- 
schafts- und Grafschafts-Gerichtsbarkeit befreit, und alle 
vorkommenden Rechtsstreitigkeiten außer den die Krone 
betreffenden der Entscheidung ihrer eigenen Obrigkeiten 
überlassen. In anderen Ländern war ihnen oft eine noch 



Kap. Ill: Entstehen und Wachsen der Städte. 165 

weit größere und ausgedehntere Gerichtsbarkeit zuge- 
billigt*). 

Es mochte wohl notwendig sein, Städten, die ihre 
Einkünfte in Pacht hatten, auch eine gewisse Executiv- 
Gerichtsbarkeit zu verleihen, um ihre Bürger zur Zah- 
lung anhalten zu können. In jenen gesetzlosen Zeiten 
würde es sehr bedenklich gewesen sein, wenn sie diese 
Art Justiz bei einem anderen Tribunal hätten suchen 
sollen. Gleichwohl muß es auffallend erscheinen, daß 
die Fürsten aller Länder Europas sich auf diese AVeise 
für eine festbestimmte und niemals zu erhöhende Rente 
des Teils ihrer Einkünfte entäußerten, der unter allen 
am ehesten lediglich durch den natürlichen Gang der 
Dinge, ohne Kosten oder Mühe ihrerseits, wachsen konnte, 
und daß sie überdies aus freien Stücken eine Art unab- 
hängiger Republiken im Herzen ihrer Reiche errichteten. 

Um dies zu verstehen, muß man sich erinnern, daß 
damals vielleicht in keinem europäischen Staate ein 
Landesherr imstande war, im ganzen Umfang seines 
Gebietes den schwächeren Teil seiner Untertanen gegen 
die Bedrückung der Großen zu schützen. Diejenigen, 
welche das Gesetz nicht beschützen konnte, und die 
nicht stark genug waren, sich selbst zu verteidigen, 
mußten entweder zu dem Schutze eines Großen ihre 
Zuflucht nehmen und, um ihn zu erhalten, seine Sklaven 
oder Vassallen werden, oder sie mußten unter sich ein 
gemeinsames Schutz- und Trutzbündnis schließen. Die 
einzelnen Einwohner der Städte und Flecken waren 
zur Verteidigung ohnmächtig; dagegen mit ihren Nach- 
barn zu Schutz und Trutz verbunden, waren sie im- 
stande, einen nicht verächtlichen Widerstand zu leisten. 
Die Barone verachteten die Bürger, die sie nicht bloß 



*) Siehe: Madox Firma Burgi. Ferner; Pfeffel, Abrege 
chronologique de l'histoire d'AlIemagne. 



166 Drittes Buch: Die verschiedenen Fortschritte z. Reichtum. 

als einen anderen Stand, sondern als einen Haufen 
emanzipierter Sklaven, und fast als eine andere Species 
von Geschöpfen ansahen. Der "Wohlstand der Bürger 
weckte stets ihren Neid und Zorn, und sie plünderten 
sie bei jeder Gelegenheit ohne Gnade und Erbarmen. 
Die Bürger ihrerseits haßten und fürchteten die Adligen. 
Auch der König haßte und fürchtete die letzteren, wo- 
gegen er die Bürger wohl verachten konnte, aber keinen 
Grund hatte, sie zu hassen oder zu fürchten. So machte 
ein gegenseitiges Interesse die Bürger geneigt, den 
König zu unterstützen, und den König, ihnen gegen 
den Adel zu helfen. Die Bürger waren die Feinde seiner 
Feinde, und es lag in seinem Interesse, sie gegen diese 
Feinde so sicher und unabhängig wie möglich zu stellen. 
Durch die Erlaubnis, ihre Magistrate zu wählen und 
durch das Recht, Ortsstatute zu erlassen, Mauern zu 
ihrer Verteidigung zu bauen und alle Einwohner einer 
Art militärischer Disziplin zu unterwerfen, gab er ihnen 
alle Mittel zur Sicherheit und Unabhängigkeit von den 
Baronen, die er zu geben imstande war. Ohne die 
Herstellung einer geordneten Verfassung dieser Art und 
ohne die Macht, ihre Bewohner zu nötigen, nach einem 
bestimmten Plan oder System zu handeln, würde kein 
freiwilliger Bund zu Schutz und Trutz ihnen dauernde 
Sicherheit verschafft oder sie in Stand gesetzt haben, 
dem König ansehnlichen Beistand zu leisten. Indem 
dieser ihnen die Einkünfte ihrer Stadt in Erbpacht gab, 
benahm er denen, die er zu Freunden und gewisser- 
maßen zu Verbündeten zu haben wünschte, allen Grund 
zur Eifersucht und zu dem Verdachte, daß er sie später 
etwa durch Erhöhung der Rente oder durch Vergebung 
der Pacht an einen anderen drücken werde. 

Die Fürsten, die mit ihren Baronen am gespannte- 
sten lebten, scheinen demgemäß in Bewilligungen an 
ihre Bürger am freigebigsten gewesen zu sein. Der 



Kap. Ill: Entstehen und Wachsen der Städte. JßJ 

König Johann von England z. B. war anscheinend einer 
der größten Wohltäter der Städte*). Nachdem Philipp 
der Erste von Frankreich allen Einfluß auf seine Ba- 
rone verloren hatte, zog, nach P. Daniel, gegen das 
Ende seiner Regierung sein Sohn Ludwig, später bekannt 
unter dem Namen Ludwigs des Dicken, die Bischöfe 
seines Königreiches darüber zu Rate, welches die ge- 
eignetsten Mittel sein dürften, die Gewalt der grol3on 
Barone einzuschränken. Sie machten zwei Vorschläge. 
Der eine ging dahin, eine neue Art Gerichtsbarkeit ein- 
zuführen und in jeder größeren Stadt seines Gebiets 
Magistrate und städtische Vertretungen herzustellen ; 
der andere, eine neue Miliz zu bilden und die Einwoh- 
ner der Städte unter dem Befehl ihrer Magistrate unter 
Umständen zum Beistande des Königs ausrücken zu 
lassen. Von diesem Zeitpunkte ist, den französischen 
Altei tumsforschern zufolge, die Einführung der Magi- 
strate und Stadtvertretungen in Frankreich zu datieren. 
In Deutschland erlangten die meisten freien Städte un- 
ter den unseligen Regierungen der Hohenstaufen zuerst 
ihre Privilegien und ward der berühmte hanseatische 
Bund zuerst furchtbar.*''') 

Die städtische Miliz scheint damals den Mannen 
der Adligen nicht nachgestanden zu haben, und da sie 
bei plötzlichen Vorfällen schneller versammelt werden 
konnte, so gewann sie oft in ihren Streitigkeiten mit 
den benachbarten Baronen die Oberhand. In Ländern 
wie Italien und die Schweiz, in denen wegen ihrer 
Entfernung vom Hauptsitze der Regierung oder wegen 
der natürlichen Stärke des Landes oder aus irgend 
einem anderen Grunde der Landesherr nach und nach 
sein ganzes Ansehen verlor, wurden die Städte in der 
Regel unabhängige Republiken, unterjochten den Adel 

=*=) Siehe Madox. ^''*) Siehe Pfeffel. 



J 68 Drittes Bucli: Die verscluedenen Fortschritte z. Reichtum. 

der Umgegend und zwangen ihn, seine Burgen niederzu- 
reißen und gleicli anderen friedlichen Einwohnern in der 
Stadt zu wohnen. Dies ist die kurze Geschichte der 
Republik Bern, sowie verschiedener anderer Städte in 
der Schweiz. Mit Ausnahme von Venedig, dessen Ge- 
schichte etwas anders verlief, war es die Geschichte 
aller bedeutenden italienischen Republiken, deren soviele 
zwischen dem Ende des zwölften und dem Anfang des 
sechzehnten Jahrhunderts entstanden und untergegangen 
sind. In Ländern wie Frankreich und England, wo 
das Ansehen des Landesherrn, so gering es oft war, 
doch niemals ganz erlosch, hatten die Städte keine 
Gelegenheit, völlig unabhängig zu werden. Indes wurden 
sie doch so mächtig, daß der Landesherr ihnen ohne 
ihre Einwilligung außer der festgesetzten Pachtrente 
keine Abgaben auflegen konnte. Sie wurden daher 
aufgefordert, Abgeordnete zu der allgemeinen Stände- 
versammlung des Reichs zu schicken, um im Verein 
mit der Geistlichkeit und den Baronen dem König bei 
dringenden Gelegenheiten außerordentliche Hilfe zu 
bewilligen. Da sie auch seine Macht gewöhnlich mehr 
begünstigten, so scheinen ihre Abgeordneten öfters als 
ein Gegengewicht gegen die Macht der großen Barone 
benutzt worden zu sein. Daher die Vertretung der 
Städte in den ständischen Versammlungen aller großen 
europäischen Monarchien. 

Auf diese Weise wurde zu einer Zeit, wo die Bauern 
des platten Landes noch jeder Art von Gewalttätigkeit 
ausgesetzt waren, in den Städten Ordnung und gute Ver- 
waltung und mit diesen zugleich Freiheit und Sicherheit 
der einzelnen begründet. Menschen in wehrloser Lage 
begnügen sich aber mit ihrem notwendigen Unterhalt, 
weil ihr Mehrerwerb nur die Ungerechtigkeit ihrer Unter- 
drücker reizen würde. Sind sie hingegen sicher, die 
Früchte ihres Fleißes zu genießen, so strengen sie sich 
natürlich an, ihre Lage zu verbessern, und nicht nur 



Kap. Ill: Entstehen und "Wachsen der Städte. 169 

das notwendige, sondern auch die Bequemlichkeiten und 
feineren Genüsse des Lebens zu erwerben. Dieser Fleiß, 
der auf etwas mehr als den notwendigen Unterhalt 
ausgeht, stellte sich daher weit früher in den Städten, 
als bei den Bewohnern des platten Landes ein. Wenn 
sich in den Händen eines armen Bauern, der unter dem 
Druck der Leibeigenschaft schmachtete, ein kleines Ka- 
pital sammelte, so verbarg er es sorgfältig vor seinem 
Herrn, dem es sonst geh()rt hätte, und ergriff die erste 
Gelegenheit, um in eine Stadt zu entfliehen. Das Gesetz 
war damals so nachsichtig gegen die Städter und so be- 
eifert, die Macht der Barone über die Landbewohner zu 
schmälern, daß der Flüchtling, wenn er sich ein Jahr 
lang vor der Verfolgung seines Herrn verbergen konnte, 
auf immer frei war. Alle Kapitalien, die sich in den 
Händendes fleißigen Teils der Landbewohner sammelten, 
flüchteten sich daher natürlich in die Städte, die einzigen 
Zufluchtsorte, wo sie ihrem Erwerber sicher waren. 

Allerdings müssen die Einwohner einer Stadt zuletzt 
immer ihren Unterhalt und alle Stoffe und Hilfsmittel 
ihrer Industrie vom Lande empfangen. Doch sind die 
Einwohner einer Stadt, die entweder an der Meeresküste 
oder an den Ufern eines schiffbaren Flusses liegt, nicht 
notwendig darauf beschränkt, ihren Bedarf aus der Um- 
gegend zu beziehen. Sie haben einen viel weiteren Spiel- 
raum und können ihren Bedarf aus den entlegensten 
Enden der Welt beziehen, entweder in Tausch gegen 
ihre gewerblichen Erzeugnisse, oder durch Rhederei zwi- 
schen fremden Ländern und Vermittelung ihres gegen- 
seitigen Austausches. Auf solche Weise kann eine Stadt 
zu großem Wohlstand und Glanz gelangen, während 
nicht nur ihre Umgebung, sondern auch die Länder, mit 
denen sie Handel treibt, arm und elend bleiben. Jedes 
dieser Länder einzeln könnte der Stadt vielleicht nur 
einen kleinen Teil ihres Unterhalts oder ihrer Beschäf- 
tigung gewähren, aber alle zusammen sind sie imstande. 



170 Drittes Buch: Die verschiedenen Fortschritte z. Reichtum. 

ihr Unterhalt und Beschäftigung im reichsten Maße 
zu verschaffen. Indes gab es doch in dem engen Ver- 
kehrskreiso jener Zeiten einige Länder, die reich und 
gevverbsam waren; so das griechische Reich, solange es 
bestand, und das Reich der Sarazenen während der Herr- 
schaft der Abbassiden; so auch Ägypten bis zu seiner 
Eroberung durch die Türkon, ein Teil der Küsten der 
Berberei und alle Provinzen Spaniens, die unter der 
Herrschaft der Mauren standen. 

Die Städte Italiens scheinen die ersten in Europa 
gewesen zu sein, die sich durch den Handel zu einem 
hohen Grade von Wohlstand aufschwangen. Italien lag 
im Mittelpunkte der damaligen Zivilisation. Auch die 
Kreuzzüge, die zwar durch die großen von ihnen zuge- 
fügten Verluste an Kapitalien und Menschen den Fort- 
schritt der meisten europäischen Länder notwendig hem- 
men mußten, waren doch dem Aufschwünge einiger 
italienischen Städte äußerst günstig. Die großen Heere, 
welche von allen Seiten her zur Eroberung des heiligen 
Landes auszogen , gaben der Schiff fahrt Venedigs, Genuas 
und Pisas teils durch die Beförderung der Heere, noch 
mehr aber durch ihre Versorgung mit Lebensmitteln, 
außerordentlichen Aufschwung. Sie waren gleichsam 
die Proviantmeister dieser Heere, und so wurde die 
verderblichste Tollheit, die jemals die europäischen Völ- 
ker befallen hat, eine Quelle des Reichtums für jene 
Republiken. 

Die Einwohner der Handelsstädte nährten durch 
Einfuhr der fertigen Fabrikate und kostspiehgen Luxus- 
artikel reicherer Länder die Eitelkeit der großen Eigen- 
tümer, die jene Waren mit großen Mengen ihrer Roh- 
produkte gierig kauften. Der Handel fast ganz Europas 
bestand damals vornehmlich in dem Austausch seiner 
Rohprodukte gegen die industriellen Erzeugnisse zivi- 
lisierterer Völker. So wurde die Wolle Englands ge- 



Kap. Ill: Entstehen und AVachsen der Städte. 17 J 

gen französische Weine und die feinen Tücher Flanderns 
vertauscht, wie heutzutage das Getreide Polens gegen 
den Wein und Branntwein Frankreichs und die Soiden- 
und Sammetwaren Frankreichs und Italiens. 

Auf diese Art wurde durch den auswärtigen Handel 
der Geschmack an den feineren und künstlicheren Fabri- 
katen in Länder vorpflanzt, in denen solche Gegenstände 
nicht verfertigt wurden. Als jedoch dieser Geschmack 
so allgemein wurde, dal.5 er eine beträchtliche Nachfi'age 
hervorrief, suchten die Kaufleuto, um die Frachtkosten 
zu ersparen, Manufakturen derselben Art in ihrem eige- 
nen Lande zu errichten. Daher der Ursprung der ersten 
Fabriken für entfernte Absatzgebiete, die nach dem 
Falle des römischen Reichs in den westlichen Ländern 
Europas entstanden. 

Kein großes Land hat, wie bemei'kt werden muß, 
jemals ohne alle Industrie bestanden oder bestehen kön- 
nen; und wenn man von einem Lande sagt, es habe 
keine Industrie, so meint man damit die feineren und 
künstlicheren d. h. solche, die sich für entfernte Ab- 
satzgebiete eignen. In jedem großen Lande ist die Klei- 
dung und das Hausgerät der großen Mehrzahl des Volkes 
das Produkt seiner eigenen Industrie. Dies ist sogar in 
den armen Ländern, die nach dem gewöhnlichen Aus- 
druck keine Industrie haben, noch allgemeiner der Fall, 
als in den reichen, wo sie als hoch entwickelt betrachtet 
wird. In den letzteren wird man im Allgemeinen unter 
den Kleidern und dem Hausgerät der niedrigsten Volks- 
klasse einen weit größeren Teil ausländischer Produkte 
finden, als in den erstereu. 

Die Industrien, die sich für entfernte Absatzgebiete 
eignen, scheinen auf zweierlei Art in die verschiedenen 
Länder verpflanzt worden zu sein. 

Zuweilen wurden sie in der oben erwähnten Art 
durch die so zu sagen gewaltsame Einwirkung der 



172 Drittes Buch: Die verschiedenen Fortschritte z. Reichtum. 

Kapitalien einzelner Kaufleute und Unternehmer einge- 
führt, die sie auf die Nachahmung fremder Industrien 
derselben Art verwendeten. Solche Industrien haben 
daher ihren Ursprung im auswärtigen Handel, und dies 
scheint mit der früheren Seiden-, Sammt- und Brokat- 
industrie, dieim dreizehnten Jahrhundert inLucca blühte, 
der Fall gewesen zu sein. Von da wurde sie durch 
die Tyrannei eines der Helden Macchiavell's, Castruccio 
Castracani, verbannt; er vertrieb im Jahre 1310 neun 
Hundert Familien aus Lucca, von denen einunddreißig 
nach Venedig flohen und sich erboten, daselbst die Seiden- 
industrie einzuführen*). Ihr Anerbieten wurde ange- 
nommen; sie erhielten viele Vorrechte und fingen die 
Geschäfte mit dreihundert Arbeitern an. Ahnlich scheint 
es mit der Manufaktur von feinen Tüchern gegangen 
zu sein, die schon vor Alters in Flandern blühte und in 
den ersten Regierungsjahren der Königin Elisabeth nach 
England verpflanzt wurde; und ebenso mit der jetzigen 
Seidenindustrie vonLyon undSpitalflields. Derartig ver- 
pflanzte Industrien verarbeiten in der Regel ausländische 
Stoffe, da sie ausländische Waren nachahmen. Beim 
ersten Aufblühen der venezianischen Industrie kamen die 
Stoffe, sämtlich aus Sicilien und der Levante. Die noch 
ältere Industrie Luccas Wurdegleichfalls mitausländischen 
Stoffen betrieben. Die Kultur des Maulbeerbaums und 
die Zucht der Seidenwürmer scheint im nördlichen Italien 
nicht vor dem sechzehnten Jahrhundert üblich gewesen 
zu sein; nach Frankreich kamen diese Geschäfte erst 
unter der Regierung Karls IX. Die flandrischen Manu- 
fakturen wurden hauptsächlich mit spanischer oder eng- 
lischer Wolle betrieben. In England war die spanische 
Wolle zwar nicht das Material der ersten Wollmanufak- 
turten überhaupt, aber doch das der ersten Manufakturen 
für entfernten Absatz. Rohstoff der Lyoner Manufak- 

*) Siehe Sandi, Istoria civile di Vinezia, Parte II. Vol. I, 
pag. 247, 256. 



Kap. Ill; Entstehen und Wachsen der Städte. 173 

turen ist bis zum heutigen Tag zur größern Hälfte aus- 
ländische Seide; bei ihrer ersten Errichtung bestand 
das ganze oder fast das ganze Material daraus. Unter 
den Rohstoffen der Manufakturen in Spitalfields ist wohl 
nichts von englischer Herkunft. Da solche Manufakturen 
in der Regel von wenigen Privatleuten eingeführt werden, 
so haben sie ihren Sitz bald in einer Seestadt, bald in 
einer Stadt im Innern des Landes, je nachdem Interesse, 
Einsicht oder Laune es fügt. 

Ein andres Mal entstehen Manufakturen für entfernten 
Absatz auf natürlichem Wege und gleichsam von selbst 
durch die allmälige Verfeinerung jener groben, aufs 
Haus beschränkten Manufakturen, die auch in den ärmsten 
und rohesten Ländern immer betrieben werden müssen. 
Solche Manufakturen arbeitenge wohnlich mit Materialien, 
welche das Land hervorbringt, und scheinen oft zuerst 
in Gegenden vervollkommnet zu sein, die, wenn auch 
nicht allzuweit, so doch immer entfernt von der Seeküste, 
ja manchmal ohne alle Wasserverbindung waren. Ein 
von Natur fruchtbares und leicht zu bebauendes Binnen- 
land bringt einen großen Überschuß von Lebensmitteln 
über die zum Unterhalt der Bauern nötige Menge her- 
vor, und bei den hohen Kosten der Landfracht und der 
Schwierigkeit der Fluf3schifffahrt wird es oft schwer, 
diesen Überschuß auszuführen. Der Überfluß macht 
daher die Lebensmittel wohlfeil und veranlaßt zahlreiche 
Arbeiter, welche finden, daß sie sich hier durch Fleiß 
mehr Unterhaltsmittel und Lebensgenuß verschaff en kön- 
nen, als anderwärts, sich in der Gegend niederzulassen. 
Sie verarbeiten nur die Rohstoffe, die das Land hervor- 
bringt, und vertauschen ihre fertigen Waren, oder, was 
dasselbe ist, den Preis dieser Waren gegen neue Roh- 
stoffe und Lebensmittel. Sie geben dem überschüssigen 
Teile der Bodenerzeugnisse einen neuen Wert, indem 
sie die Kosten, diese nach einem Seehafen oder auf 



174 Drittes Buch: Die verschiedenen Fortschritte z. Reichtum. 

einen entfernten Markt zu schaffen, ersparen; und ver- 
schaffen zugleich im Tausch für die Bodenerzeugnisse 
dem Landmann wohlfeiler als zuvor die ihm nützlichen 
oder angenehmen Gegenstände. Die Landleute erhalten 
für ihre überschüssigen Erzeugnisse bessere Preise und 
kaufen ihren Bedarf an anderen Waren wohlfeiler. Da- 
durch werden sie ermutigt und befähigt, den Über- 
schuß durch weitere Verbesserungen und vollkommnere 
Bodenkultur noch zu vermehren; und wie die Frucht- 
barkeit des Landes den Manufakturen ihr Dasein gab, 
so wirkt der Fortschritt der Manufakturen wieder auf 
das Land zurück und erhöht dessen Fiuchtbarkeit. 
Die Industriellen versorgen zuerst die Umgegend und 
später,